II. Isaak Ben-Scheschet.

[404] Von Crescas' Zeitgenossen und Freund Isaak Ben-Scheschet sind mehr als 500 Nummern Responsen vorhanden, die er an verschiedene Gemeinden gerichtet hat. Sie enthalten auch hin und wieder chronologische Daten, und doch lassen sie das chronologische Moment so dunkel, daß sie nicht einmal Anhaltspunkte für seine Biographie geben. Der Herausgeber hat sie nämlich im chaotischen Durcheinander edirt. Es ergiebt sich zwar daraus, daß er in drei Städten nach einander sein Heim hatte, in Barcelona, Saragossa und Valencia (Respp. No. 127, p. 71 a): לכב וגהנ ןכו האיסנילב הטסוקרס הנולצרב םהב יתייהש תומוקמה. (Daß er auch in Tortosa gewohnt hätte, beruht auf einer verführenden Angabe in einem Responsum, vgl. w.u.) Aber nicht einmal seinen Geburtsort lassen die Responsen erkennen. Daher nennt Simon b. Zemach Duran dessen Geburtsort Valencia (Respp. II, No. 128) – und Joseph Samberi (XVII. Jahrh.), welcher manches Biographische von ihm mitgetheilt, nennt dafür Saragossa (Neubauer, Anecdota Oxoniens. p. 128) אטסוקרס ריע התיה ותדלומ ץרא ל'ז ש"בירה. Beides ist falsch. Denn er selbst giebt gelegentlich an, er sei in einer großen catalonischen Stadt geboren (in den Respp. an Galipapa No. 394, p. 314 b) אינולטקמ ינא םג ךריעמ רתוי םילודגו םימכחל הלודג ריע התיה יריען ךומכ. Damit kann nur Barcelona gemeint sein, keineswegs war es Valencia oder Saragossa. Eben so wenig bekannt sind sein Geburts- und Sterbejahr und seine Lebensdauer. Der Beweis, den ich in der ersten Ausgabe aufgestellt habe, daß er über 100 Jahre alt geworden, beruht auf einem Irrthume im Leydener Kataloge. Daselbst wird nämlich eine Resp. Ben-Scheschet zugeschrieben, worin sein hohes Alter und sein Wohnort Tortosa angegeben ist (Catalog Bibl. Leyden 324). Halberstamm hat aber nachgewiesen, daß dieses Resp. nicht ihm, sondern seinem Zeitgenossen Mose Chalawah angehört (Maskir XIII, p. 74).

[404] Kaufmann glaubte zwar, einen Fund für die Fixierung der biographischen Data gemacht zu haben, nämlich eine Grabinschrift auf Ben-Scheschet's Grabdenkmal bei Algier an der Meeresküste, das einen Wallfahrtsort für die Juden von Algier bildet. In den Versen der Grabinschrift ist mit Buchstaben angegeben, daß er 1408 gestorben sei – angedeutet durch die Zahl-Buchstaben חקל יכ = (4)168 = 1408. Der Maler Genz, welcher das Schauspiel dieser Wallfahrt auf einem Gemälde wiedergegeben hat,

berichtet darüber, was er von den algierischen Juden vernommen hatte. Le monument a été restauré par la communauté israélite en Alger en l'honneur du Rabin Isac Bar-Chichat, né en Espagne, décédé à Alger en 1408 dans sa 82 me année. Diesen Fund theilt Kaufmann mit (Monatsschrift, Jahrg. 1882, p. 86 f., Jahrgang 1883, p. 192, Revue des Études Juives IV, p. 319 f.). Er hielt die Grabinschrift für unzweifelhaft echt. Allein Joseph Sambari berichtet darüber im Jahre 1619 nach einem handschriftlichen Pergament, auszüglich angeführt, woraus sich ergiebt, daß diese Grabinschrift, auf welcher das Todesjahr angegeben ist, möglicher Weise erst 200 Jahre nach Ben-Scheschet's Tode auf das Grabdenkmal gesetzt worden ist. Er berichtet nämlich (Neubauer, Anecdota, p. 129 a): die Gemeinde von Algier habe Ben-Scheschet gar keine Grabinschrift gewidmet, weil er unbeliebt gewesen. Erst hundert Jahre nach seinem Tode hätten die Emigranten aus Spanien ihm eine Inschrift in vier Versen gesetzt, worin sein Todesjahr nicht bezeichnet wurde. Erst viel später hätte man eine größere versificierte Grabinschrift angebracht, worin sein Todesjahr 1408 mit den Buchstaben הקל יכ angedeutet ist. Vorauf geht die Angabe (שבירה) אוהו חקל יכ תנש רטפנ. Darauf heißt es ותומב דובכ וב וגהנ אלו הרזמ תנש איליטשק םישרוגמה אב תע דע הכלהכ דפסנ אל םגו תבצמב לודג ןויצ ולצא ונבו ותרובק םוקמ לע ורקחו (1492) לע םיבותכ ויהש םיתבה ... רוכזאש םיתבה הילע ובתכו ... שיש ולא םה הנושארה הבצמה :


'וכו קחרי רהז ,לדהי םעונ ,לדי דובכ ,לדגמ לופנב

םשו המצע הבצמה לעו הז לע םינורחאה ופיסוה דוע דסימה

.לז יפסכ ןבא יראמ אבא 'ר


Der sonst unbekannte Verf. dieser Inschrift, Abba-Mari Ibn-Caspi, gehörte dem XVI. Jahrhundert an. Erst in der später hinzugefügten Grabinschrift kommt der Vers mit den Zahlbuchstaben vor:


.קחצי תא םיהלא חקל יכ לערל חקד ןיי ךפהנו


Das Datum des Todesjahres ist demnach durchaus nicht gesichert. Zudem sind nicht blos die angegebenen Buchstaben, sondern auch das ה im Worte םיהלא punktirt, ob auch in der Handschrift, darüber kann nur H. Neubauer Auskunft geben.

Die spanischen Emigranten, welche 100 Jahre nach seinem Tode nach seiner Grabesstätte geforscht haben, müssen über sein Todesjahr ebenso ungewiß gewesen sein, wie wir, sonst hätten sie es in der Grabinschrift angebracht.

Dazu kommt noch ein interessantes Ergebniß des Grand-Rabbin Isaak Bloch, daß Ben-Scheschet mindestens noch 1409 gelebt haben muß. Das Resp. No. 171 ist nämlich an den Arzt und Talmudisten Benjudas Bondavi aus Cagliari in Sardinien gerichtet, und hat zum Inhalte das Vergehen gegen einen Bannspruch während der Anwesenheit eines Königs auf dieser Insel. Dieser König, welcher Cagliari besuchte und in dessen Umgebung der Arzt Benjudas war, kann diesen Besuch frühestens 1408 gemacht haben und zwar jedenfalls nach December desselben Jahres. Das wäre aber nicht mehr das [405] jüdische Jahr ח"סק, sondern ט"סק. Außerdem ist Ben-Scheschet's Responsum an Benjudas Bondavi ausgestellt Absch. ךתולעהב, d.h. Sommer 1409. Folglich kann Ben-Scheschet nicht im Jahre vorher gestorben sein (vergl. darüber Revue des Études VIII, p. 280 f.).

Noch unzuverlässiger ist die Angabe, daß er das Alter von 82 Jahren erreicht hat. Sie hat nicht einmal das unsichere Zeugniß der Grabinschrift für das Todesjahr für sich, da Sambari nichts darüber mittheilt. Sie ist wohl erst in jüngster Zeit nach unbestimmbaren Faktoren ausgerechnet worden. Es findet sich keine Notiz, daß Ben-Scheschet ein hohes Alter erreicht hätte. Nehmen wir an, daß er wie sein Freund Ch. Crescas 70 Jahre alt geworden ist, so kann er mit diesem gleichaltrig gewesen sein und nur etwa 10 Jahre älter als der Apostat Salomo aus Burgos, Pablo de Santa-Maria, mit dem er vor dessen Taufe correspondirt hat (o. S. 80).

Weiteres zu seiner Biographie läßt sich nur anführen, daß er im Jahre 1374 nicht mehr in Barcelona war, da er in diesem Jahre bezüglich einer Urkunde, in welcher das Datum irrthümlich ausgestellt war, seinen Lehrer R'Nissim in Barcelona brieflich anfragte (Resp. No. 382). An diesen wendete er sich gleich nach seiner Uebersiedelung nach Saragossa (No. 388) הטסקרס יאוב ףכת ?יסנ וניברל יתחלש רבכ. Im Jahre 1378 war er noch in Saragossa, von wo aus er Chasdaï Salomo in Valencia gratuliert, daß er den kriegerischen Fährlichkeiten in Tudela, welches die Castilier und Engländer umstritten haben, glücklich entronnen sei (o. S. 401).

Zu beachten ist noch für Ben-Scheschet's Biographie Sambari's Notiz, daß er in Algier so mißliebig gewesen wäre, daß sie ihm nicht einmal ein einfaches Denkmal gesetzt haben, und daß er vorher in einer anderen nordafrikanischen Stadt ebenso wenig beliebt gewesen.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1890], Band 8, S. 404-406.
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