9. Kapitel. Einheitsbestrebung der Juden im Morgenlande und ihre Leiden im Abendlande.

[277] Bedürfnis nach synhedrialer Einheit; messianischer Anflug dabei. Jakob Berab und die Wiederherstellung der Ordination. Levi ben Chabibs Gegnerschaft und seine Winkelzüge. Gegenseitige Erbitterung und Anklagen. Joseph Karo, seine Jugend, seine talmudische Gelehrsamkeit, seine Verbindung mit Salomo Molcho und seine Visionen. Seine Schwärmerei für das baldige Eintreten der Messiaszeit und die dazu führende Ordination. Sein Eifer für die Vollendung eines neuen Religionskodex. Hinneigung mancher Christen zum Judentum im Reformationszeitalter. Halbjuden, Judenzer, Michael Servet gegen die Dreieinigkeit, Antitrinitarier, Judenhaß bei Katholiken und Protestanten. Ausweisung der Juden aus Neapel. Samuel Abrabanel und Benvenida Abrabanela. Ausweisung der Juden aus Prag und Zurückberufung. Beschuldigung gegen sie in Bayern. Das Judenbüchlein. Dr. Eck und seine judenfeindliche Schrift. Luthers giftige Ausfälle gegen die Juden im Alter. Verfolgungen in Genua. Die drei jüdischen Geschichtswerke. Joseph Kohen, die Ibn-Verga und die drei Usque. Die Druckerei des Abraham Usque, die Ferrarisch-spanische Bibel. Salomon Usques Dichtungen, Samuel Usques »Tröstungen«.


(1538 bis 1553.)

Jeder neu aufsteigende Qualm von Scheiterhaufen in Spanien und Portugal trieb einzelne oder ganze Gruppen Marranen weit nach Osten, nach der Türkei, außerhalb der Gewalt des Kreuzes; denn auch in Italien fühlten sie sich nicht mehr sicher, seitdem auch die besseren Päpste gegen ihre bessere Überzeugung sich die Inquisition hatten abringen lassen. Die Türkei bildete daher immer mehr eine jüdische Welt im kleinen, in die sich selbst die despotische Regierung der Sultane keine Eingriffe erlaubte, so sehr auch die einzelnen der Willkür ausgesetzt waren. Hier wie in Palästina, wo sie sich durch Massenhaftigkeit und Wohlstand gehoben fühlten,1 durften sie Träumen nachhängen, eine [277] gewisse Selbständigkeit zu gründen, eine religiös-nationale Einheit zu erstreben und messianische Schwärmerei zu verwirklichen. Salomo Molchos, des Märtyrers von Mantua, Auftreten ging nämlich nicht ganz spurlos vorüber, hinterließ vielmehr einen Nachhall. In Safet, der größten Gemeinde Palästinas, wo er längere Zeit geweilt, Verbindung angeknüpft und Hoffnungen erweckt hatte, rechnete man nach seinem Tode noch immer auf Erfüllung seiner messianischen Verkündigungen. Der Ablauf der runden Zahl 5300 seit Erschaffung der Welt (1540) schien ein geeignetes messianisches Jahr zu sein. Aber die Messiaszeit, so dachte man damals, könne nicht urplötzlich eintreten; es müßten vielmehr dazu von seiten der Israeliten Vorbereitungen getroffen werden. Maimuni, die gewichtigste Autorität, hatte gelehrt, daß der messianischen Zeit die Einsetzung eines allgemein anerkannten jüdischen Gerichtshofes, eines Synhedrin, vorangehen werde oder müsse. Allgemein wurde daher das Bedürfnis gefühlt, autorisierte und ordinierte Richter, Synhedristen, wie sie zur Zeit des Tempelbestandes und des Talmuds in Palästina vorhanden und anerkannt waren, zu besitzen und überhaupt die so lange vermißte Ordination solcher Synhedristen (Semichâ) wiederum einzuführen. Von seiten des türkischen Staates war kein Hindernis vorauszusehen. Die Rabbinen hatten hier ohnehin eine eigene bürgerliche und selbst peinliche Gerichtsbarkeit. Nur waren die von den Gemeinden angestellten Rabbinen, die zugleich Richter waren, ohne innere, berechtigte, in der talmudischen Lehre begründete Machtbefugnis. Sie fanden Gehorsam, aber auch Widerspruch. Ihr Ansehen beruhte auf Herkommen und nicht auf dem Boden des talmudischen Judentums. Eine Einheit der Gesetzgebung und Gesetzauslegung war nicht möglich, solange jeder Rabbiner in seiner Gemeinde selbständig war und keine höhere Autorität anzuerkennen brauchte. Es war daher ein Zeitbedürfnis, eine Art religiösen Hohen Rates zu schaffen.2 Und wo anders als in Palästina? Nur die heiligen Erinnerungen dieses Landes vermochten einem Kollegium von Rabbinen Würde und Autorität eines Synhedrin zu verleihen. Nur von Zion durfte die Lehre, welche allgemeine Anerkennung finden sollte, ausgehen und das Wort Gottes nur von Jerusalem.

Viele hatten von der Vortrefflichkeit und Notwendigkeit gesprochen, die Ordination von Richterrabbinen mit einer höheren Autorität wieder einzuführen, aber nur einer hatte die Tatkraft, Ernst damit [278] zu machen. Das war der scharfsinnige, aber querköpfige und darum auch kühne Jakob Berab (o. S. 12). Nach vielen Wanderungen und Ortswechsel von Ägypten nach Jerusalem und von da nach Damaskus hatte sich Berab im Alter in Safet angesiedelt (um 1534). Er war vermögend3 und genoß also durch Reichtum und Geist ganz besondere Auszeichnung. Er faßte den Plan, der messianischen Gefühlszerflossenheit einen festen Punkt zu geben. Berab hatte wohl dabei einen löblichen Zweck im Auge, aber auch ein wenig Ehrgeiz spielte in den Plan hinein, als erste Autorität, ja gewissermaßen als Synhedrialpräsident in Palästina zu gelten,4 dadurch auch selbstverständlich im ganzen Morgenlande und warum nicht gar in der Gesamtjudenheit, anerkannt zu werden. Aber der erste Schritt war schwer. Nur Ordinierte können gesetzlich weiter ordinieren, und solche gab es schon lange nicht mehr. Glücklicherweise bot ein anderer Ausspruch Maimunis einen Anhaltepunkt dafür, nämlich, wenn die Weisen in Palästina übereinstimmten, einen aus ihrer Mitte zu ordinieren, so hätten sie das Recht dazu, und derselbe könnte zugleich die Ordination auf andere übertragen. Nun zählte damals keine palästinensische Gemeinde neben Safet, welches durch zahlreiche Einwanderer zu mehr denn 1000 jüdischen Familien angewachsen war. Safet oder vielmehr die Talmudkundigen dieser Stadt hatten es demnach in Händen, insofern sie nur einig darüber wären, die Synhedrialwürde wiederherzustellen, selbst im Widerspruche mit Kollegen anderer Gemeinden, weil die Safetenser eben die Mehrzahl bildeten. Die fungierenden und nicht fungierenden Rabbinen Safets, Männer ohne Klang und Namen, hatten eine zu große Hochachtung vor Berabs Geist, talmudischer Gelehrsamkeit und Reichtum, als daß sie Widerspruch dagegen erheben oder ihm Hindernisse in den Weg hätten legen sollen. Er brauchte bloß zu winken, und sofort traten fünfundzwanzig Männer zusammen, um ihm die Würde eines ordinierten Richterrabbiners zu erteilen. Damit war die Ordination wiederhergestellt (1538) und der erste Kristallpunkt zu einem neuen Synhedrin angesetzt. Es hing nur von Jakob Berab ab, so viele Kollegen, als ihm beliebte, weiter zu ordinieren. In einem Vortrage setzte Berab die Gesetzlichkeit des Schrittes nach talmudischen Prinzipien auseinander und widerlegte alle möglichen Einwürfe dagegen5. Daraufhin gaben [279] auch andere palästinensische Talmudkundige in den übrigen Gemeinden nacheinander ihre Zustimmung zu dieser Neuerung zu erkennen.6 Dadurch glaubten Berab und seine Anhänger die erste Vorbereitung zur Ankunft der messianischen Zeit getroffen zu haben.7 In der Tat hätte die erneute Ordination wenn auch nicht die messianische Zeit herbeiführen, so doch einen Kern zur Einheit des Judentums bilden können. Ein wiederhergestelltes Synhedrin im heiligen Lande hätte einen mächtigen Klang auch in Europa gehabt, einen besonderen Reiz ausgeübt und noch mehr Einwanderer angezogen. Die Quälereien der Juden in Italien und Deutschland, der Vernichtungskrieg gegen die Marranen in Spanien und Portugal, die Sucht nach dem Exzentrischen und Außerordentlichen in dieser Zeit, die mächtig angeregte messianische Sehnsucht, alles das wäre Anregung genug gewesen, gebildete und reiche Juden aus dem Abendlande nach dem Morgenlande zu locken. Mit Hilfe der mitgebrachten Kapitalien und auf Grund der synhedrialen Autorität hätte sich ein jüdisches Gemeinwesen mit staatlichem Charakter organisieren können. Berab wäre die geeignete, rechte Persönlichkeit gewesen, einen so großen Plan mit Beharrlichkeit, ja mit Eigensinn ins Werk zu setzen.

Es stellten sich aber allsogleich Schwierigkeiten ein. Es war vorauszusehen, daß die Gemeinde von Jerusalem und ihre Vertreter sich verletzt fühlen würden bei einem so folgenreichen Akte übergangen zu werden, und die ganze Anordnung als null und nichtig erklären könnten. Gebührte doch der heiligen Stadt die erste Stimme in einer so wichtigen Angelegenheit für das heilige Land und für ganz Israel! Jakob Berab sah das wohl ein und beeilte sich, den ersten Gebrauch, den er von seiner erhöhten Würde machte, die Ordination auf das damalige Oberhaupt des Jerusalemer Rabbinatskollegiums zu übertragen. An der Spitze desselben stand damals Levi ben Jakob Chabib, aus Zamora gebürtig, ungefähr gleichen Alters mit Berab. Zur Zeit der Zwangstaufen unter dem König Manoel war er als Jüngling Scheinchrist geworden, hatte einen christlichen Namen geführt, das Kreuz geschlagen und andere Zeremonien des katholischen Kultus mit Verzweiflung in der Seele mitgemacht. Er hatte natürlich die erste günstige Gelegenheit benutzt, um aus Portugal zu entfliehen, das Scheinchristentum von sich zu schleudern und Sicherheit in der Türkei zu suchen. In Salonichi war er eine Zeitlang mit seinem Vater Jakob ben [280] Chabib zusammen, wo er dessen agadisches Werk vollendete und hatte sich zuletzt nach Jerusalem begeben (um 1525). Hier wurde er vermöge seiner umfassenden Talmudgelehrsamkeit, die zwar mehr in die Breite als in die Tiefe ging, nach dem Ableben des Nagid Isaak Schalal8 als Rabbiner die erste Person in der Gemeinde. Er hatte sich auch um ihr leibliches und geistliches Wohlverdient gemacht und besonders der Zerfahrenheit gesteuert, in welche sie durch neue Zuzügler aus verschiedenen Ländern, die sich nicht gern der Zucht und Ordnung unterwerfen mochten, von neuem zu geraten drohte.9 Levi ben Chabib besaß auch einige Kenntnis von Mathematik, Astronomie und Kalenderwesen. Zwischen ihm und Jakob Berab, mit dem er eine Zeitlang in Jerusalem zusammenlebte, bestand aber kein freundliches Verhältnis, und die Schuld lag wohl mehr an dem letzteren, der von Natur hochfahrend, anmaßend und unverträglich war, worüber sich mehrere ebenbürtige Zeitgenossen bitter beklagten.10 Levi ben Chabib war daher bei mehreren gutachtlichen Entscheidungen mit ihm zusammengestoßen, doch hatte er sich ihm gegenüber stets freundlich und bescheiden verhalten und alles vermieden, was ihn hätte verletzen können. In den letzten Jahren war auch zwischen den beiden ein leidliches Verhältnis eingetreten, aber Levi ben Chabib konnte es nicht vergessen, wie geringschätzig, als tief unter ihm stehend, ihn Berab behandelt hatte.

Nun war an ihn, als ersten Rabbiner von Jerusalem, die Aufforderung ergangen, die Wahl des Jakob Berab zum ersten gesetzlich ordinierten Richterrabbiner, zum Synhedristen, anzuerkennen, und durch seine Zustimmung gut zu heißen. Jerusalem wurde dadurch gegen Safet und er selbst gegen Berab zu einer untergeordneten Stellung herabgedrückt. Es war allerdings eine Verletzung in Wesen und Form, denn Berab hatte es nicht einmal der Mühe wert gehalten, die Zustimmung des Jerusalemer Kollegiums vorher nachzusuchen, sondern hatte seine Neuerung von oben herab dekretiert, er ernenne vermöge der ihm erteilten Würde Levi ben Chabib zum ordinierten Richter.11 Er hatte auch dabei zu verstehen gegeben, daß ein Widerspruch von Jerusalem aus ihn wenig stören würde, da ein solcher nur als der [281] von einer Minderheit gegen die Safetaner Mehrheit angesehen werden würde. Der Augenblick, als ein wichtiger Schritt zum Zusammenschluß der Judenheit getan werden sollte, fand Levi ben Chabib, dessen Stimme jedenfalls gewichtig war, nicht groß genug. Er unterlag der Empfindlichkeit und vergaß schnell, daß es auch früher sein Wunsch gewesen war, die Ordination von Richterrabbinen wieder zu erneuern. Sobald ihm die Anzeige von dem Akt in Safet zugekommen war, erklärte er sich sofort und entschieden gegen die bereits vollzogene Wahl und verfehlte nicht zu bemerken, daß er vorher darüber hätte befragt werden müssen.12 Sein Widerspruch scheint aber in Jerusalem keinen Eindruck gemacht zu haben, denn nur ein einziger rabbinischer Kollege, Mose de Castro, stand ihm zur Seite; die übrigen Rabbinatsmitglieder verhielten sich leidend. An Gründen gegen die Erneuerung der Ordination und eines Synhedrin konnte es in den talmudischen und rabbinischen Gesetzen nicht fehlen. Es herrscht darin ein so verwirrendes Meinungsgewimmel, daß daraus für jede Sache das Für und Wider geltend gemacht werden konnte. Und wann hätte es überhaupt dem bösen Willen oder der verletzten Eitelkeit an Scheingründen gefehlt, einen unangenehmen Schritt zu verdächtigen und zu verkleinern? Berab und seine kopfnickenden Wähler hatten auch eine Handhabe zur Verdächtigung der Ordination gegeben. Das rabbinische Judentum ist so durch und durch praktisch, daß es für romantische Schwärmerei und Gefühlsverschwommenheit keinen Boden bietet. Die Safetaner durften also nicht ihren Herzenswunsch als Grund zur Einführung der Ordination geltend machen, daß dadurch die messianische Zeit gefördert werden könne; das hätte in den Ohren der Rabbinen, so voll auch ihre Brust von der Messiashoffnung war, als gar zu abenteuerlich und lächerlich geklungen. Andere dafür sprechende Gründe gab es zurzeit nicht. Das Festkalenderwesen, das früher von ordinierten Kollegen geordnet zu werden pflegte, war seit einem Jahr tausend festgestellt, und es durfte daran nicht gerüttelt werden. Andere Fälle, für welche im Talmud ordinierte Richter gefordert werden, wie etwa zur Verurteilung eines Diebes, eines Mädchenschänders, kamen gar zu selten vor, als daß daraus die Notwendigkeit der Ordination hätte hergeleitet werden können. Daher hatten die Safetaner einen Grund geltend gemacht, der praktisch und zeitgemäß scheinen sollte, aber doch weit hergeholt war. Es trafen viele Marranen aus Portugal und Spanien in Palästina ein, welche während ihres kürzeren oder längeren Verweilens im Scheinchristentum nach talmudischer Lehre Todsünden zu begehen gezwungen waren. Diese bereuten zerknirscht ihr Vergehen und lechzten nach innerer Sühne und Sündenvergebung – sie hatten mit der Maske des Christentums [282] nicht das katholische Prinzip abgelegt von der Äußerlichkeit der Buße – eine solche Sündenvergebung könne ihnen aber erst voll gewährt werden (das machte Berab geltend), wenn die gesetzlich vorgeschriebene Geißelstrafe (39 Streiche) an ihnen vollzogen würde. Diese Strafe vermöge aber nur ein gesetzmäßig ordiniertes Kollegium zu verhängen. Darin läge also die Notwendigkeit für die Ordination.13

Es wurde Levi ben Chabib nicht schwer, wenn er einmal seine Antipathie gegen den Urheber der Anordnung auf dessen Werk übertragen wollte, diesen Grund als nicht stichhaltig genug zu erschüttern. Aber er begnügte sich damit nicht, sondern brachte auch allerlei Sophistereien vor. Er wollte Jakob Berab die Absicht beilegen, daß er, wenn einmal berechtigt ordiniert, die Machtvollkommenheit beanspruchen würde, den bisherigen Festkalender umzustoßen und einen neuen, d.h. den uralten zur Zeit des Talmud gebräuchlichen, einführen zu dürfen – obwohl dieser sich ernstlich dagegen verwahrte – nur um böswillig behaupten zu können, wie gefährlich diese Neuerung für die Gesamtjudenheit werden und wieviel Verwirrung sie anrichten könne. Dieser Widerspruch von Jerusalem aus, von seiten des Levi ben Chabib und seines Kollegen Mose de Castro, welchen Jakob Berab nicht in dem Maße erwartete, da er ihnen nicht so viel Mut oder mehr Selbstverleugnung zugetraut hatte, erbitterte ihn in hohem Grade. Es war ihm um so peinlicher, als dieser Widerspruch geeignet war, das ganze Unternehmen scheitern zu lassen. Denn wie sollte er es der asiatischen, europäischen und afrikanischen Judenheit annehmbar und es zum Angelpunkte einer Reorganisation machen, wenn die Hauptgemeinde Palästinas, wenn Jerusalem, die heilige Stadt, es verwarf? Dazu kam noch, daß in dieser Zeit sein Leben in Safet gefährdet war, wahrscheinlich durch Denunziation bei den türkischen Behörden, welche irgend eine Gelegenheit benutzen wollten, sich seines Vermögens zu bemächtigen. Berab war genötigt, für den Augenblick Palästina zu verlassen. Um die Ordination nicht alsbald fallen zu lassen, erteilte er vier Talmudkundigen die Weihen, ähnlich wie es einst in der Hadrianischen Zeit Juda ben Baba gemacht hatte. Diese vier hatte er aber nicht aus den ältern Rabbinen ausgewählt, sondern aus jüngern. Darunter war Joseph Karo, der Schwärmer für Salomo Molcho und dessen kabbalistisches Messiastum, der mit ganzer Seele für die Ordination eingenommen war;14 auch seinem besten Jünger Mose de Trani hatte Berab die Weihen erteilt.15 Solche Bevorzugung jüngerer, [283] gefügiger, wenn auch begabter Männer machte in Jerusalem noch mehr böses Blut.16 In den darüber gewechselten Zuschriften, die für das Publikum berechnet waren, erbitterten sich beide Rabbinergrößen Palästinas immer mehr gegeneinander in einer so verletzenden Art, daß sie selbst durch die leidenschaftliche Erregung nicht entschuldigt werden können. Gegen die tadelnde Bemerkung des Levi ben Chabib ein geweihter Ordinierter müsse nicht bloß gelehrt, sondern auch heilig sein, hatte Jacob Berab eine boshafte Anspielung auf dessen Scheinchristentum gemacht: »Ich habe meinen Namen nie gewechselt, ich bin in Not und Verzweiflung stets in Gottes Wegen gewandelt!« Er warf Levi ben Chabib auch vor, daß noch immer etwas von den christlichen Dogmen an ihm kleben ge blieben sei. Das traf den Gegner ins Herz. Er gestand zu, daß man zur Zeit der Zwangstaufen in Portugal seinen Namen geändert, ihn zum Christen gemacht hatte und er nicht imstande war, für die angestammte Religion zu sterben. Er entschuldigte sich mit seiner Jugend, er sei damals noch nicht zwanzig Jahre alt gewesen, sei kaum ein Jahr im Scheinchristentum geblieben, und hoffe, daß der Tränenstrom, den er bisher darüber vergossen und noch immer vergieße, seinen Sündenfleck vor Gott ausgelöscht haben werde. Nach dieser Zerknirschung kannte ben Chabibs Heftigkeit gegen Berab keine Grenzen mehr. Er schleuderte ihm die gröbsten Beleidigungen zu und erklärte, ihn nimmermehr von Angesicht zu Angesicht sehen zu wollen. Durch diese maßlose Heftigkeit des Hauptrabbiners von Jerusalem und durch den gleich darauf erfolgten Tod Berabs (Frühjahr 1541)17 zerfiel die Einrichtung der Ordination. Nur Joseph Karo, einer der von demselben Ordinierten, gab sie noch nicht auf.

Diese Persönlichkeit (geb. 1488, gest. 1575) hat tief in die Ausgestaltung des rabbinischen Judentums eingegriffen. Als Kind mit seinen Eltern aus Spanien vertrieben, hatte Karo frühzeitig die herbe Leidensschule kennen gelernt und war nach langer Wanderung in Nikopolis in der europäischen Türkei angekommen. Von seinem [284] Vater Ephraim im Talmud unterrichtet, verlegte er sich auf einen sonst vernachlässigten Zweig desselben. Er vertiefte sich so sehr in den Mischnatext, daß er ihn auswendig konnte. Später siedelte Karo von Nikopolis nach Adrianopel über, wurde dort wegen seiner erstaunlichen Talmudgelehrsamkeit bereits als respektable Persönlichkeit angesehen und bildete Schüler aus. In den dreißiger Jahren unternahm er das Riesenwerk, den Religions- und Ritualkodex des Jakob Ascheri18 zu kommentieren, mit Belegstellen zu versehen und zu berichtigen, ein Werk, woran er zwanzig Jahre seines Lebens wendete (1522 bis 1542) und zu dessen nochmaliger Revision er noch zwölf Jahre brauchte (1542 bis 1554). In diese seine trockene Beschäftigung, wobei seine Phantasie müßig blieb, hatte Salomo Molchos Erscheinen einen Wechsel gebracht. Der junge Schwärmer aus Portugal hatte einen so überwältigenden Eindruck auf Karo gemacht, daß er sich von ihm in die sinnverwirrende Kabbala einweihen ließ und dessen messianische Träume teilte. Seit dieser Zeit war seine Geistestätigkeit zwischen der trockenen rabbinischen Gelehrsamkeit und der phantastischen Kabbala geteilt. Er stand mit Molcho während dessen Aufenthalts in Palästina in Briefwechsel und machte Pläne, ebenfalls dahin auszuwandern. Er bereitete sich wie Molcho auf einen Märtyrertod vor, daß er »als heiliges Ganzopfer auf dem Altar des Herrn verbrannt werde« und hatte wie dieser phantastische Träume und Visionen, die ihm, wie er glaubte, durch Eingebung eines höheren Wesens zugekommen waren. Dieses höhere Wesen (Maggid) sei aber nicht ein Engel oder eine phantastische Stimme, sondern – drollig genug – die personifizierte Mischna gewesen, die sich zu ihm herabgelassen und ihm namentlich in der Nacht Offenbarungen zugeflüstert habe, weil er sich ihrem Dienste geweiht habe. Solche Visionen, die er größtenteils niedergeschrieben, hatte Joseph Karo nicht in einer kurzen Zeit, sondern bis an sein Lebensende fast vierzig Jahre hindurch in gewissen Zwischenräumen. Sie sind später zum Teil veröffentlicht worden19 und machen einen betrübenden Eindruck wegen der Verheerung, welche die Kabbala in den Köpfen angerichtet hat. Das höhere Wesen oder die Mischna legte Karo die schwersten Kasteiungen auf, verbot ihm den Genuß von Fleisch und Wein – mit Ausnahme an Sabbaten und Festtagen – und untersagte ihm gar das viele Wassertrinken. Hatte er sich irgend ein Vergehen zu schulden kommen lassen, sich dem Schlafe zu sehr überlassen, sich zu spät zum Gebet eingefunden oder das Studium der Mischna ein wenig vernachlässigt, so erschien die Mutter-Mischna und machte ihm zärtliche [285] Vorwürfe. Es ist erstaunlich, was sie ihm alles offenbart hat. Nachdem er zwei Kinder verloren und ein Sohn stumm geworden war, verkündete sie ihm, daß seine Frau einen frommen Sohn gebären, daß er dann sie verlieren und als Witwer noch zwei Frauen hintereinander heiraten werde, die ihm Vermögen zubringen würden.20 In der Tat hat Karo drei Frauen hintereinander geheiratet und eine derselben, eine deutsche, hatte ihm Vermögen zugebracht. Diese Verkündigungen waren keineswegs betrügerische Schwindeleien, sondern Eingebungen einer aufgeregten Zeit und einer aufgeregten Phantasie, wie sie im heißen, üppigen Morgenlande häufiger vorkommen als im kalten, nüchternen Norden.

Joseph Karo war so voll von dem Gedanken, daß er berufen sei, eine Rolle in Palästina zu spielen und infolge derselben in der durch Salomo Molcho vorbereiteten messianischen Vorzeit als Märtyrer zu sterben, daß er Adrianopel verließ. Eine Zeit lang hielt er sich jedoch in dem von Kabbalisten wimmelnden Salonichi auf, in der Nähe des Joseph Taytasak.21 Endlich traf er in dem Kabbalistennest Safet mit einem Gesinnungsgenossen, Salomo Alkabez, ein, einem geistlosen Schriftsteller, dessen Bewillkommnungslied für die Braut Sabbat (Lecha Dodi) berühmter geworden ist als der Dichter. Joseph Karo hatte die Freude, daß sich ein Teil seiner phantastischen Träume in Safet erfüllte; er erhielt von Berab die Weihen als künftiges Synhedrialmitglied (o. S. 283). Nach dem Tode Berabs träumte Karo von nichts anderem als von seiner einstigen Größe; er werde die gestörte Ordination wieder ins Werk setzen, werde von den Weisen Palästinas und des Auslandes anerkannt werden, werde Fürst und Führer der Juden in Palästina, ja, im ganzen türkischen Reiche werden, werde die besten Talmudjünger ausbilden, so daß nur die Jünger seiner Schule Anerkennung finden würden. Alle würden ihn als das heilige Bild (Diokna Kadischa) verehren, und er werde Wunder vollbringen. Er werde zwar gleich Molcho zur Heiligung des Gottesnamens den Märtyrertod sterben, aber bald darauf wieder die Auferstehung erleben und in das Messiasreich eingehen.22

[286] Alle diese Vorzüge und Vorrechte hoffte Joseph Karo durch ein Werk zu erringen, das in sich selbst die Einheit des Judentums erzielen und ihm ungeteilte Bewunderung einbringen sollte. Wenn er seinen gründlichen Kommentar zu Jakob Ascheris Religionskodex vollendet, durch den Druck veröffentlicht, verbreitet und auf Grund desselben ein eigenes umfassendes Religionsgesetzbuch ausgearbeitet haben würde, dann werde und müsse er als der Erste in Israel, als Fürst und Gesetzgeber anerkannt werden. Sein Schutzgeist hatte ihm zugeflüstert, er werde ihn würdig machen, viele Jünger auszubilden, seine Schriften gedruckt und in ganz Israel verbreitet zu sehen. Wenn er den Vorschriften des Schutzgeistes nachkommen werde, dann würden die höheren Welten selbst fragen: »Wer ist der Mann, an dem der König der Könige Wohlgefallen hat, das Oberhaupt von Palästina, der große Schriftsteller des heiligen Landes?« Seinen Kommentar, seine Erklärungen und Entscheidungen (Kodex) würde er ohne Fehler veröffentlichen können.23

So bestimmten hingebende Frömmigkeit, Phantasterei und auch ein wenig Ehrgeiz den Mann, den letzten Religionskodex für die Gesamtjudenheit auszuarbeiten, der allen Schwankungen, Ungewißheiten und allem Meinungswirrwarr ein Ende machen sollte. Die von Salomo Molcho angeregte kabbalistisch-messianische Schwärmerei und die von Berab ausgegangene Ordination gönnten Karo keine Ruhe, die von jenen geahnten Zustände durch ein umfassendes Schriftstück zu verwirklichen, wenigstens die Einheit im religiösen Leben anzubahnen. Doch vergingen noch einige Jahrzehnte, ehe die jüdische Welt dieses Gnadengeschenk erhalten sollte. Es war eine Riesenarbeit, die viel Zeit erforderte. Was Joseph Karo an Geist mangelte, mußte sein erstaunlicher, unausgesetzter Fleiß ersetzen. Nur religiöse Hingebung und Begeisterung, gepaart mit Phantasterei, konnten ein solches Werk zustande bringen. Von allen seinen hochfliegenden Träumen wurde indes vor der Hand nur der eine verwirklicht, daß er nach Jakob Berabs Tod erster Rabbiner von Safet und allerdings erst nach und nach als rabbinische Autorität anerkannt wurde. Aber unangefochten war sein Ansehen nicht; er hatte einen Nebenbuhler an dem besten Jünger Berabs, an Mose de Trani.

Während sich die Juden im Morgenlande einer gewissen Ruhe und Unabhängigkeit erfreuten, infolgedessen messianische Luftschlösser bauen konnten und daran arbeiteten, einen scheinbar idealen Zustand, [287] allerdings mit verkehrten Mitteln, herbeizuführen, unterlagen die abendländischen Juden dem Elend der stets frisch über sie verhängten Verfolgungen. Die alten Anklagen über ihre Gemeinschädlichkeit, ihren Kindermord, ihre feindselige Haltung gegen das Christentum, einige Zeit während der Reformationsbewegung verstummt, tauchten von neuem auf. Die stockkirchliche Richtung, welche sich um diese Zeit in der katholischen Welt geltend machte, um sich gegen das immer mehr erstarkende Luthertum zu behaupten, übte auch ihre Wirkung auf die Juden aus und brachte ihnen zunächst in katholischen Ländern neue Leiden. Zu den alten Anklagen kam noch eine neue hinzu, welche auch die Lutheraner gegen sie einnahm. Die lutherische und calvinische Reformation, die bis nach England und Polen gedrungen war, hatte vielen über Religion und Christentum die Augen geöffnet und sie zum Selbstdenken gebracht, vieles als falsch, irrtümlich und lästerlich zu finden, was die Reformatoren selbst als wesentliche Bestandteile des Christentums ansahen. Die in die meisten europäischen Volkssprachen übersetzte Bibel gab denkenden Lesern an die Hand, sich selbst einen eigenen, von den Dogmenschmieden in Rom, Wittenberg und Genf abweichenden Lehrbegriff der Religion zu bilden. Beim Lesen der Bibel kam das alte Testament vor dem neuen, und beim Übergang von dem einen zum andern gewahrten so manche, daß da vieles nicht miteinander stimme, daß die Lehre von der strengen Gotteseinheit der Propheten im grellen Widerspruch stehe zu der Dreifaltigkeitslehre der Kirchenväter und daß selbst die Apostel noch nicht die Dreieinigkeit kannten. Außerdem hatte die Reformation einen Anlauf genommen, neben der religiösen Befreiung auch die politische Freiheit von dem eisernen Joche der Fürsten anzubahnen, in deren Augen das Volk gar nicht zählte, sondern nur gut zum Steuerzahlen und zu Frondiensten der Leibeigenschaft war. Nun fiel es nicht wenigen auf, daß die biblischen Schriften des Judentums alles Recht dem Volke zusprechen und den Despotismus der Könige verdammen, während das evangelische Christentum ein Volkstum gar nicht anerkennt, sondern nur himmelnde Gläubige, denen es empfiehlt, den Nacken unter das Joch der Tyrannen zu beugen. Der Gegensatz zwischen dem alten und dem neuen Testament, daß das eine nebst einem gottesfürchtigen Leben tätige Tugenden lehrt, und das andere neben blindem Glauben nur leidende Tugend verherrlicht, dieser Gegensatz wurde von den durch das rege Vertiefen in die Bibel geschärften Augen nicht übersehen. Unter dem Gewimmel religiöser Sekten, welche die Reformation in den ersten Jahrzehnten zutage gefördert hat, entstanden auch einige, welche sich dem Judentum mehr zuneigten und von den herrschenden Parteien als Halbjuden, Judenzer (Judaïzantes, Semijudaei) gebrandmarkt wurden. Diese nahmen besonders an der Dreieinigkeit Anstoß und wollten Gott nur [288] als strenge Einheit gedacht wissen. Michael Servet, (eigentlich Miguel Serveto) ein Aragonier, vielleicht von Marranen in Spanien belehrt, verfaßte eine Schrift über die »Irrtümer der Dreieinigkeit«, die viel Ausfehen machte und ihm anhängliche Jünger zuführte. Er wurde dafür von Calvin selbst in Genf auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Reformatoren hatten die fanatische Unduldsamkeit der katholischen Kirche beibehalten. Nichtsdestoweniger bildete sich eine Sekte der Einheitslehre (Unitarier, Antitrinitarier), welche Jesu Wesensgleichheit mit Gott verwarf. In England, wo der Katholizismus nur durch die Laune und Liebesbrunst eines Tyrannen, Heinrichs VIII., gestürzt worden war, fing jene religiös-politische Partei sich zu bilden an, welche das alttestamentliche Staatswesen den englischen Verhältnissen anpassen und verwirklichen wollte. Sie schien nur alttestamentliche Vorbilder zu kennen und von den Betbrüdern und Betschwestern des neuen Testaments nichts wissen zu wollen. Manche feierten den Sabbat, als den von Gott eingesetzten Ruhetag, allerdings bei verschlossenen Fenstern.24 Einige exzentrische Christen faßten wie zur Zeit Ludwigs des Frommen in Frankreich, eine Art von Vorliebe für die Juden als Nachkommen der Patriarchen, als Reste jenes Volkes, das Gott einst seiner Gnadenfülle gewürdigt, als Blutsverwandte der großen Propheten, die schon deswegen allein die höchste Achtung verdienten. Es erschien damals unter der Unzahl von Flugschriften auch ein Dialog zwischen einem Juden und Christen, worin die Stützen für die christlichen Dogmen aus alttestamentlichen Schriftversen umgestoßen wurden, wahrscheinlich von einem Christen verfaßt.25 Solche Erscheinungen trugen dazu bei, die Juden auch im Kreise der Reformatoren mißliebig zu machen. Die Anhänger der neuen Kirche heuchelten gewissermaßen Judenhaß, um den Verdacht von sich abzuwenden, als wollten sie das Christentum untergraben und das Judentum an dessen Stelle setzen. Die Juden hatten also hüben und drüben Feinde und mußten den Wahn bald aufgeben, daß der Katholizismus gestürzt werden und das Luthertum mit ihnen sympathisieren würde. Man kann daher auch noch aus der Zeit der Reformationsbewegung Jahrbücher der Judenverfolgung anlegen und für jedes Jahr Beschränkungen, Quälereien und Ausweisung eintragen. Aber die Zeit hatte sich doch gebessert. Nicht mehr plötzliche Überfälle, Niedermetzlung, Mord in Massen, wie früher, sondern ruhige gesetzliche Ausweisung, einfaches Hinausjagen ins Elend, immer auf Grund erlogener Beschuldigungen.

Luthers Erbarmen mit ihren tausendfältigen Leiden, das er im Beginne seiner Reformlaufbahn offen bekundet hatte, war nicht von [289] langer Dauer und verwandelte sich nun in einen ingrimmigen Haß. In seinen Predigten, Schriften, Tischreden verlästerte er sie als Verblendete, Verderbliche und Auswürflinge. Seine Erbitterung entstammte der Enttäuschung, daß die Juden nicht, wie er erwartet hatte, durch das reine Evangelium, das er predigte und lehrte, sich in Massen bekehrt hatten. Es war ein vereitelter Triumph. In dieser Stimmung lieh Luther elenden jüdischen Täuflingen sein Ohr, welche ihre ehemaligen Genossen mit alten und neuen Anschuldigungen belasteten.26 Der giftigste dieser verlogenen und meistens rachsüchtigen Wichte war Anton Margaritha,27 Sohn eines Rabbiners Jakob Margoles aus Regensburg, welcher mit seinen Anklagen gegen seine ehemaligen Brüder, vom Kaiser Karl abgewiesen und bestraft, sich den Protestanten zugewendet hatte. Er hatte eine Schrift »Der ganze jüdische Glaube« drucken lassen, worin er die jüdisch-religiösen Bräuche zum Gespötte aufzählte und zudem Beschuldigungen gegen sie schleuderte; daß sie Jesus und die Christenheit schmähten und verlästerten, daß sie Christen zum Judentum bekehrten – er selbst will in Ungarn mehrere solche Proselyten gesehen haben – daß sie Wucher trieben und dem Müßiggang fröhnten. Dieser gemeinen Schmähschrift schenkte Luther vollen Glauben und wurde noch mehr gegen die Juden erbittert. Auch der mildere Martin Bucer in Straßburg war gegen sie eingenommen. Er hatte von seiner Dominikanergalle gegen die Juden noch viel behalten. In leichten Streitschriften, welche damals in großer Zahl verbreitet wurden, hetzten diese Prediger gegen die unglücklichen deutschen Juden und fanden nur allzu sehr Beifall bei dem niedrigen Volke, das, auf die Autorität der Reformatoren gestützt, einen Freibrief erhalten zu haben glaubte, sie mit Seelenruhe zu mißhandeln und zu quälen. Aber auch einige Fürsten, welche der religiösen Neuerung beigetreten waren, und für die Luthers Wort päpstliche Unfehlbarkeit erlangt hatte, wurden zur Verfolgung gestimmt, so Johann Friedrich, Kurfürst von Sachsen, der starrsinnige Philipp von Hessen und Joachim II. von Brandenburg, die Hauptsäulen des neuen Bekenntnisses. Weil einige jüdische Vagabunden irgend etwas Straffälliges begangen hatten, und auch dafür bestraft worden waren, hatte der Kurfürst von Sachsen befohlen, die Juden aus seinem Lande auf Nimmerwiederkehr auszuweisen. Händeringend hatten sich diese an den bewährten Beschützer Joselin [290] von Roßheim gewendet, für sie Fürsprache einzulegen, und er war wie immer bereit, Helfer in den Nöten zu sein. Er ließ sich ein Empfehlungsschreiben vom Magistrat von Straßburg an den Kurfürsten ausstellen, der ein nicht zu unterschätzender Bundesgenosse in dem Schmalkaldischen Bund gegen den Kaiser und die Katholiken war.

Der Prediger Wolfgang Capito gab ihm ein sehr warm gehaltenes Schreiben an Luther mit, mit der dringenden Bitte, den Kurfürsten von Sachsen umzustimmen.28 Joselins Schritte waren aber vergeblich. Johann Friedrich zeigte sich ihm nicht so zugänglich wie Kaiser Karl, und Luther mochte nicht ein Wort zugunsten der Juden bei ihm sprechen. Er wollte ihn nicht einmal vor sich lassen und schrieb ihm nach vielem Drängen einen Brief, welcher seine Lieblosigkeit gegen die Juden bekundet und einen grellen Mißklang bildet gegen seine frühere mitleidsvolle Teilnahme für sie. Luther bemerkte darin, er habe sich früher für die Juden warm verwendet, aber weil sie einen schlechten Gebrauch von seinem Dienste gemacht, habe er die Lust verloren, sie zu verteidigen, weil sie dadurch nur in ihrem Irrtum bestärkt und noch schlimmer würden, als sie waren,29 daß sie trotzdem in ihrer Verblendung beharrten und der Kirche noch immer den Rücken kehrten.

Joselin ermüdete indes nicht, weitere Schritte zu tun, um die Verfolgung seiner Schützlinge in den protestantischen Ländern abzuwenden. Er erlangte Zutritt zu einer Versammlung der Fürsten des Schmalkaldischen Bundes in Frankfurt a.M., um die Anschuldigungen zu widerlegen, welche Luther und Bucer gegen die Juden im allgemeinen aus mißverstandenen Stellen der heiligen Schrift vorgebracht hatten. Da er den hebräischen Text der Bibel gründlicher verstand, als die Führer der Reformation, so war die Verteidigung für ihn ein leichtes Spiel. Sie wirkte auch so überzeugend, daß mehrere Fürsten von ihrer Intoleranz gegen die Juden abgingen, darunter auch Joachim II. von Brandenburg, da es ihm noch dazu bei dieser Gelegenheit klar wurde, daß sein Vorfahr Joachim I., vom Betrug der Geistlichen verleitet, die Juden in Berlin dreißig Jahre vorher hatte unschuldigerweise verbrennen lassen.30 Dieser Markgraf entledigte sich so sehr seiner Vorurteile gegen die Juden, daß er sich von einem jüdischen Leibarzt Lippold behandeln ließ und eine Art jüdischen Hofagenten in Dienst nahm, den reichen Michel von Berlin, welcher einen augenblendenden Aufwand machte, sich von Dienern begleiten ließ und in diesem Gefolge zu Roß auf den Reichstagen zu [291] erscheinen pflegte.31 Aber der Kurfürst von Sachsen blieb ein hartnäckiger Judenfeind, wie auch Philipp von Hessen. Sie ließen die Juden ihrer Länder ausweisen oder unverwehrt quälen.32 Aus der protestantischen Stadt Magdeburg und anderen Orten wurden sie in dieser Zeit abermals verjagt.33 So war die Lage der deutschen Juden in dem Herde der Reformation, welche die Hoffnung auf Entfesselung aller Bedrückten, auf eine Art evangelische Erlösung erweckt hatte. In katholischen Ländern erging es ihnen zwar nicht besser, aber mit den Leiden war nicht das bittere Gefühl der Enttäuschung verbunden. –

Im Königreich Neapel, wo die Spanier herrschten, arbeitete die ultrakatholische Partei schon lange daran, die Inquisition gegen die dort weilenden Marranen einzuführen. Als Karl V. von seinem Siegeszuge aus Afrika zurückkehrte, ging sie ihn an, die Juden überhaupt aus Neapel zu vertreiben,34 weil die Marranen durch Verkehr mit ihnen in ihrem Unglauben nur bestärkt würden. Dem Kaiser lag nicht viel daran, die Juden daselbst zu beschützen. Aber die auch von den Spaniern hochgeachtete Doña Benvenida, die edle Gattin des Samuel Abrabanel (o. S. 38), hatte den Kaiser so eindringlich angefleht, den Ausweisungsbefehl zurückzunehmen, und ihre junge Freundin, die Tochter des Vizekönigs, hatte das Gesuch so warm unterstützt, daß er es ihnen nicht versagen konnte. Möglich auch, daß das Vermögen des Abrabanel dabei mitgewirkt hat. Aber einige Jahre später erließ Karl an die neapolitanischen Juden den Befehl, daß sie das Land verlassen sollten (1533).

Aber so, wie Joselin von Roßheim für die deutschen Juden, so unterließ Don Samuel Abrabanel für die neapolitanischen nicht, jeden, [292] wenn auch scheinbar aussichtslosen Versuch, das sie bedrohende Elend abzuwenden. Es gelang ihm auch mittels einer bedeutenden Geldsumme den Aufschub der Verbannung auf zehn Jahre zu erwirken, und noch dazu günstige Bedingungen für ihre geschäftlichen und religiösen Interessen während ihres Aufenthaltes zu erlangen. Unter anderem sollten sie nicht gezwungen werden, christliche Predigten anzuhören, Judenabzeichen zu tragen, Sabbat und Feiertage zu entweihen. Dieser Vertrag, welchen der Vizekönig Pedro de Toledo, der Gönner der Juden, mit Samuel Abrabanel und anderen angesehenen Juden im Namen des Kaisers abgeschlossen hatte (1535 bis 1536), wurde vom Kaiser kaum fünf Jahre später gebrochen. Er erließ einen unwiderruflichen Verbannungsbefehl.

Vergeblich hatten die neapolitanischen Juden einen Abgeordneten an Karl geschickt, namens Salomo Rom, welcher einiges Gewicht bei ihm zu haben glaubte. Der Kaiser wollte ihn nicht anhören und bedrohte ihn mit seiner strengen Ungnade, wenn er es wagen sollte, ihn noch mit einem Bittgesuch zu belästigen. Jeder Jude wurde mit schweren Strafen bedroht, der sich in Neapel ferner blicken lassen würde (1540 bis 1541). Viele von ihnen wendeten sich nach der Türkei, einige nach Ancona unter päpstlichen Schutz oder nach Ferrara unter die Herrschaft des Herzogs Ercole II., welcher als Judenfreund galt. Die zu Schiff ausgewandert waren, erlitten viel Ungemach, wurden teils gekapert und nach Marseille gebracht. Hier taten die daselbst lebenden Marranen viel für sie, und auch der König Heinrich II. zeigte sich menschenfreundlich. Da er sie nicht im Lande behalten durfte, so beförderte er sie auf seinen Schiffen nach der Türkei. Auch Samuel Abrabanel verließ Neapel, obwohl es ihm freigestellt war, ausnahmsweise dort zu bleiben; er wollte sich aber von dem Geschicke seiner unglücklichen Religionsgenossen nicht trennen.35 Er ließ sich in Ferrara nieder, wo bereits einige seiner Verwandten wohnten, und lebte etwa noch ein Jahrzehnt daselbst. Seine edle Frau, hochgeehrt von Leonora, der Tochter des Vizekönigs von Neapel, inzwischen Herzogin von Toskana geworden, überlebte ihn.36

Ein Jahr darauf empfanden die Juden Böhmens den, so zu sagen, gemilderten, anständigen Judenhaß. Es waren in den Städten, namentlich in Prag, öfters Feuersbrünste entstanden. Juden wurden neben Hirten als Urheber beschuldigt, daß sie Mordbrenner zu dieser verruchten Tat gedungen hätten; bestimmte Personen unter ihnen waren als solche bezeichnet worden. Diese, ergriffen, angeklagt und gefoltert, hatten Geständnisse gemacht und den Tod erlitten. Außerdem wurden die Juden beschuldigt, die heimlichen Kriegsrüstungen [293] gegen die Türken dem Sultan verraten zu haben. Die böhmischen Stände faßten daher den Beschluß, sämtliche Juden Böhmens auszuweisen, und der König Ferdinand, Karls V. Bruder, erteilte seine Bestätigung dazu. So mußten sie mit ihren Habseligkeiten den Wanderstab ergreifen (Adar 1542); von der zahlreichen Judenschaft Prags erhielten nur zehn Personen oder Familien die Erlaubnis, daselbst zu weilen. Viele von ihnen wanderten nach Polen und der Türkei, den beiden tolerantesten Ländern der damaligen Zeit. Indessen stellte sich noch im Laufe desselben Jahres die Unschuld der hingerichteten und folglich der ausgewiesenen Juden heraus. Einige Große verwendeten sich daher für die Zurückberufung derselben; sie waren doch unentbehrlicher, als der Brotneid, kirchliche Fanatismus und Rassenhaß glauben machen wollten. Auch der unermüdliche Joselin, welcher bei dem König von Böhmen ebenfalls in Gunst stand, von den Ausgewiesenen dringend berufen, verwandte sich für die Rückkehr, obwohl er einige Jahre vorher, nach Prag geladen, um heftige Streitigkeiten in dieser Gemeinde zu schlichten,37 von einem Teil boshaft verfolgt worden war. Und so durften diejenigen, welche sich in der Nähe der böhmischen Grenze niedergelassen hatten, wieder in ihre Heimat zurückkehren. Sie mußten aber für diese Gnade ein jährliches Schutzgeld von 300 Schock Groschen erlegen und wurden gehalten, einen gelben Tuchlappen als Unterscheidungszeichen zu tragen.38

In derselben Zeit hetzten zwei hochstehende einflußreiche Persönlichkeiten, die eine auf katholischer und die andere auf protestantischer Seite so gewaltig gegen die Juden, daß es als ein Wunder zu betrachten ist, daß sie damals nicht bis auf den letzten Mann vertilgt worden sind. Die Veranlassung der einen Aufreizung war folgende. Im Bayerland, im Herzogtum Neuburg, war um die Osterzeit ein vierjähriger Bauernknabe aus Zappenfeld vermißt worden, und der Argwohn vermutete ihn bei den Juden. Nach Ostern war der Knabe von einem Hunde entdeckt worden, und der Judenhaß glaubte Zeichen der Marterung an seinem Leibe zu finden. Der Bischof von Eichstätt hatte darauf einige Juden ergreifen und nach seiner Residenz schleppen lassen, um ihnen den Prozeß zu machen, und außerdem an alle benachbarten Fürsten das Ansuchen gestellt, auch ihre Juden gefänglich [294] einzuziehen. Die Untersuchung hatte aber die Schuld der Juden nicht ergeben. Bei dieser Gelegenheit hatten sich, wiederum durch eifrige Verwendung Joselins, der Herzog Otto Heinrich von Neuburg-Sulzbach und die Herren von Pappenheim der Juden eifrig angenommen und dem Bischof von Eichstätt entgegengearbeitet. Dieser hatte dagegen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, die Juden wenigstens ausweisen zu lassen. Ein Dichterling, Thiermayer von Ebertshafen, hatte darauf eine Schmähschrift in deutschen Versen gegen den Herzog Otto Heinrich, als Judengönner, verfaßt, dem viel daran gelegen war, aller Welt die Unschuld der Juden klar zu machen. Wahrscheinlich auf seine Veranlassung hatte ein mutiger Schriftsteller freimütig die Juden gegen das Vorurteil der Christen in einer Schrift in Schutz genommen. Diese Schrift, »ein Judenbüchlein«39 – dessen Verfasser ein lutherischer Geistlicher (vielleicht Hosiander) war – hat zum erstenmal die ganze Lügenhaftigkeit und Bosheit der Beschuldigung des Christenkindermordes in helles Licht gesetzt. Mit lauter Stimme rief der Verfasser – der viel mit Juden verkehrt und ihre Sprache, Gesetze und Sitten gründlich kennen gelernt haben wollte, daß den Juden mit den ewigen Anschuldigungen des Kindermords' himmelschreiendes Unrecht geschähe. Der Reichtum und der reine Glaube der Juden seien die Veranlassung dazu. Einerseits pflegten habsüchtige und grausame Fürsten oder verarmte Edelleute oder den Juden verschuldete Bürger solche Märchen zu erfinden, um den Juden zu Leibe gehen zu können, und anderseits erfänden und verbreiteten Mönche oder Weltgeistliche solche Fabeln, um neue Heilige zu machen und neue Wallfahrtsorte zu stiften. In dem langen Zeitraum, seit der Zerstreuung der Juden unter den Christen, bis vor dreihundert Jahren habe man nichts davon gehört, daß sie Christenkinder geschlachtet hätten. Erst seit dieser Zeit, seitdem Mönche und Pfaffen viel Betrug mit Wallfahrten und Wunderkuren angerichtet, seien diese Märchen aufgekommen. Denn die Pfaffen hätten niemanden mehr gefürchtet als die Juden, weil diese nichts auf Menschenerfindung gäben, und weil sie die Schrift besser als die Pfaffen verstünden, hätten sie die Juden aufs ärgste verfolgt, verunglimpft und verhaßt gemacht. Sie hätten ihnen sogar die heiligen Bücher verbrennen [295] wollen. Es sei daher gerechtfertigt, anzunehmen, daß die Pfaffen auch den Mord des Kindes im Neuburgschen erdichtet hätten.40 Der Verfasser weist ferner darauf hin, daß die Christen bis ins dritte Jahrhundert bei den Heiden als Kindermörder und Blutzapfer verrufen waren.41 Die Geständnisse von Juden selbst, auf die man sich zur Begründung der Anklage berufe, seien unter der Folter gemacht worden und könnten nicht als Beweise angeführt werden.42

Die fanatischen katholischen Geistlichen, und namentlich der Bischof von Eichstätt, sahen diese Wendung mit Unwillen an, daß die Juden, statt verabscheut und verfolgt zu werden, in dieser Schrift verherrlicht wurden, und sie beeilten sich, den Eindruck zu verwischen. Doktor Johann Eck berüchtigten Andenkens aus der Reformationsgeschichte, ein Schützling des Bischofs von Eichstätt, erhielt den Auftrag, eine Gegenschrift zu verfassen, die Blutbeschuldigung zu beweisen und die Juden zu verunglimpfen. Dieser juristische Theologe mit der Breitschultrigkeit eines Metzgerknechtes, der Stimme eines Aufrührers und der Disputiersucht eines Sophisten, der durch seine Eitelkeit, seine Stellenjägerei und Trunksucht die katholische Kirche, die er gegen die Lutheraner verteidigen wollte, erst recht in Mißkredit gebracht hatte, in Deutschland zuletzt bei Katholiken und Protestanten zugleich gehaßt und verachtet, dieser gewissenlose Streithahn übernahm gern den Auftrag, den Juden Fußtritte zu versetzen. Wo es galt, Skandal zu machen, zu denunzieren, das Volk aufzuwiegeln, alte Vorurteile und Irrtümer mit sophistischer Zungendrescherei zu verteidigen, ließ sich Eck gern bereit finden. Er verfaßte (1541) eine judenfeindliche Gegenschrift gegen das »Judenbüchlein«, worin er sich anheischig machte, zu beweisen »was Übles und Büberei die Juden in allen deutschen Landen und anderen Königreichen gestiftet haben.« Alte Beschuldigungen von getauften Juden, von Paulus de Burgos an bis auf[296] Pfefferkorn wärmte er wieder auf; was irgend ein altes Weib von dem Blutdurst der Juden ausgesagt, oder was Juden unter der Folter bekannt hatten, namentlich die erlogene Geschichte von dem Kind Simon aus Trient stoppelte er zusammen und fügte angeblich seine eigenen Erlebnisse hinzu. Eck war unverschämt genug, aus dem alten Testamente selbst den blutdürstigen Charakter der Juden zu beweisen. Nicht bloß die Erzählung, daß Simon und Levi Rache an den Sichemiten genommen, die Brüder Joseph verkauft, sondern auch daß Mose die Kanaaniter zu vertilgen befohlen und David Uria hatte töten lassen, legte er den Juden seiner Zeit zur Last.43 Um ihnen Schaden zuzufügen, verunglimpfte er auch die von der Kirche gefeierten Helden des alten Testamentes. Mit seiner Zungendrescherei und seiner falschen Gelehrsamkeit behauptete er steif und fest, daß die Juden Christenkinder verstümmelten und deren Blut gebrauchten, um damit ihre Priester zu weihen, die Geburt ihrer Weiber zu fördern, Krankheiten zu heilen, und daß sie Hostien schändeten, die natürlich Wunder getan hätten. Mit Entrüstung rief er aus: »Es ist ein großer Mangel bei uns Christen, daß wir die Juden zu frei halten, ihnen viel Schutz und Sicherheit gewähren.«44 Er äußerte den frommen Wunsch, daß sämtliche kanonischen Beschränkungen gegen sie aufs strengste gehandhabt, und daß sie namentlich zum Anhören christlicher Predigten und zum Abstellen von Geldgeschäften gezwungen werden sollten.

Recht lehrreich ist es, daß Luther, der Vorkämpfer gegen veraltete Vorurteile, der Stifter eines neuen Bekenntnisses, mit seinem Todfeinde, dem Doktor Eck, welcher ähnliche Verlogenheit mit derselben Unverschämtheit gegen ihn vorgebracht hatte, in Betreff der Juden vollständig übereinstimmte. Die beiden leidenschaftlichen Gegner waren im Judenhasse ein Herz und eine Seele. Luther war im zunehmenden Alter verbittert worden. Durch seinen Eigensinn und seine Rechthaberei hatte er im eignen Kreise vieles verdorben, die Eintracht mit den Gesinnungsgenossen gestört und eine dauernde Spaltung im eigenen Lager geschaffen, welche der Reformation mehrere Jahrhunderte hindurch zum größten Schaden gereichte. Seine derbe Natur hatte immer mehr das Übergewicht über seine sanfte Religiosität und Demut erlangt. Sein schwacher Kopf konnte die durch sein Werk selbst aufgehäuften schroffen Gegensätze nicht bewältigen, und was er mit seinem Verstande nicht ausgleichen konnte, sollte mit derber Faust niedergeschlagen werden. Er konnte nicht ins Reine damit kommen, wie er die evangelische Freiheit mit der Despotengewalt der damaligen großen und kleinen Fürsten – die er als von Gott eingesetzte Obrigkeit [297] mit sklavischem Gehorsam geachtet wissen wollte – in Einklang bringen sollte, und hatte daher die Junker ermutigt, die zu ihrer Befreiung von ihrem tausendfachen Drucke aufgestandenen Bauern »zu stechen, zu schlagen, zu würgen, wer da kann.« In den Evangelien und Grundschriften des Christentums konnte er sich nicht zurecht finden. Der Gegensatz zwischen den gesetzverachtenden paulinischen Elementen und den das Gesetz hochstellenden judenchristlichen Bestandteilen in denselben blieb ihm ein Rätsel. Daher tappte er im Dunkeln umher. Das eine Mal erklärte Luther das Gesetz des alten Testaments für vollständig aufgehoben, auch die zehn Gebote: »Du solst nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht morden«, das andere Mal gestattete er dem Landgrafen von Hessen zwei Frauen nach alttestamentlichem Muster zu heiraten – aber im Geheimen. Er konnte vollends das Judentum mit seinen nicht den Glauben, sondern die Versittlichung und Veredelung der Menschen erzielenden Gesetzen gar nicht begreifen, und er geriet in förmliche Wut, wenn sich seine Genossen (Karlstadt, Münzer) darauf beriefen, z.B. auf das Jubeljahr zur Befreiung der Sklaven und Leibeignen. Nun war ihm eine Schrift zugekommen, worin das Judentum gegen das Christentum in einem Dialoge in den Kampf geführt wurde (o. S. 295) wahrscheinlich von einem christlichen Verfasser. Das war zuviel für ihn. Das Judentum sollte sich erdreisten, sich mit dem Christentum messen zu wollen! Flugs ging Luther ans Schreiben, um eine so leidenschaftlich giftige Schrift: »von den Juden und ihren Lügen« (1542)45 zu verfassen, daß sie Pfefferkorns und Doktor Ecks Gehässigkeiten noch übertraf. Die Tatsachen zur Beschuldigung der Juden entnahm er nicht aus dem Leben, sondern aus der Darstellung des boshaften Täuflings Anton Margaritha, von dessen Schrift er vollständig beeinflußt war.

Luther bemerkte im Eingange, er habe sich zwar vorgenommen, nichts mehr, weder von den Juden, noch wider sie zu schreiben, aber weil er erfahren, daß »die elenden heillosen Leute« sich unterfingen, Christen an sich zu locken, wollte er warnen, sich nicht von ihnen narren zu lassen. Disputieren mit den Juden wolle er gar nicht, denn sie seien unverbesserlich. – Luthers Hauptbeweisführung für die Wahrheit des Christentums gegen die Leugnung von Jesu Messianität seitens der Juden ist ganz im mönchischen Geschmack gehalten: Weil die Christen ihnen über ein Jahrtausend alle Menschenrechte geraubt, sie wie schädliche Tiere behandelt, sie getreten, zerfleischt und niedergemetzelt haben, mit einem Worte, weil sie durch die Lieblosigkeit der Christen im Elende sind, darum müssen sie verworfen, und der Heiland der Welt müsse erschienen sein! Es ist noch immer die mittelalterliche [298] Logik. Wenn er den Stolz der Juden auf ihre Abstammung, auf ihr hohes Alter, auf ihre Auserkorenheit und ihre Treue zunichte machte, so kann man das seinem theologischen Standpunkt, und wenn er sie verstockt und verdammt, Lügner und Bluthunde, giftige Ottern, rachgierige, hämische Schlangen nannte, weil sie die christologische Deutelei der heiligen Schrift nicht anerkennen wollten, so kann man das seiner Derbheit zugute halten, sowie auch, daß er sie als Teufelskinder bezeichnete, da er an allen Orten nur Teufelei erblickte mit Ausnahme seines sehr winzigen engern Kreises von Nachbetern. Es überschreitet aber das Maß aller Nachsicht mit der Eigenart einer ausgeprägten Persönlichkeit, wenn Luther sich in Lieblosigkeit gegen die Juden erging, wie man sie nur von Judenbrenzern gewöhnt war: »Was klagen die Juden über harte Gefangenschaft bei uns«, heißt es bei ihm, »wir Christen sind beinah 300 Jahr lang von ihnen gemartert und verfolgt, daß wir wohl klagen möchten, sie hätten uns Christen gefangen und getötet. Dazu wissen wir noch heutigen Tages nicht, welcher Teufel sie hier in unser Land gebracht hat« (als wenn Juden nicht vor den Germanen in einigen jetzt zu Deutschland zählenden Landstrichen gewohnt hätten). »Wir haben sie zu Jerusalem nicht geholt; zudem hält sie auch niemand, Land und Straßen stehen ihnen jetzt offen, mögen sie ziehen in ihr Land, wir wollen gern Geschenke dazu geben, wenn wir sie los werden; denn sie sind uns eine schwere Last, wie eine Plage, Pestilenz und eitel Unglück«. Wie Pfefferkorn und Eck teilte Luther mit Schadenfreude mit, wie die Juden öfter mit Gewalt vertrieben worden »aus Frankreich und neulich vom lieben Kaiser Karl aus Spanien (verworrene Geschichtskenntnis), dieses Jahr aus der ganzen böhmischen Krone, da sie doch zu Prag der besten Nester eins hatten, auch aus Regensburg, Magdeburg und mehreren Orten bei meinen Lebzeiten«.46

Ohne Blick für die Duldergröße der Juden in der allerfeindseligsten Umgebung und unbelehrt von der Geschichte, wiederholte Luther nur die lügenhaften Anschuldigungen des Franziskaners Nikolaus de Lyra, des aus Ehrgeiz übergetretenen Rabbiner-Bischofs Salomon Paulus von Burgos und des vom Judentum zur katholischen Kirche und von dieser zum Protestantismus übergetretenen Margaritha.47 Dieser Erzjudenfeinden schrieb er nach, daß der Talmud und die Rabbiner lehrten, Gojim, d.h. Heiden und Christen zu töten, ihnen den Eid zu [299] brechen, zu stehlen und zu rauben, sei nicht Sünde,48 und daß die Juden an nichts anderes dächten, als die christliche Kirche zu schwächen. Es ist ganz unbegreiflich von Luther, der in seinem ersten reformatorischen Aufflammen sich so kräftig der Juden angenommen hatte, daß er all die lügenhaften Märchen von Brunnenvergiftung, Christenkindermord und Benutzung von Menschenblut wiederholen konnte.49 Übereinstimmend mit seinem Antipoden Eck behauptete auch er, die Juden hätten es zu gut in Deutschland, und daher stamme ihr Übermut.

Was soll nun diesem verworfenen, verdammten Volke, das gar nicht mehr zu dulden sei, geschehen, fragte Luther, und er erteilte auch eine Antwort darauf, die von Fanatismus wie von Lieblosigkeit zeugt. Fürs erste, riet der Reformator von Wittenberg, sollte man die Synagoge der Juden einäschern und »solches soll man tun unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren.« Dann sollten die Christen ihre Häuser zerstören und sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall wie die Zigeunertreiben. Alle Gebetbücher und Talmudexemplare, ja selbst die heilige Schrift alten Testamentes sollte man ihnen mit Gewalt nehmen (gerade wie es Luthers Gegner, die Dominikaner geraten hatten), und selbst das Beten und Aussprechen des göttlichen Namens sei ihnen bei Verlust des Leibes und Lebens verboten. Ihren Rabbinen sollte das Lehren untersagt werden. Die Obrigkeit sollte den Juden überhaupt das Reisen verbieten und die Straßen verlegen, sie müßten zu Hause bleiben. Der Wucher sollte ihnen nicht bloß untersagt, sondern alle ihre Barschaft sollte ihnen abgenommen werden. Luther riet, damit einen Schatz anzulegen und davon diejenigen Juden zu unterstützen, welche sich zum Christentum bekehrten. Die starken Juden und Jüdinnen sollte die Obrigkeit zum Frohndienste zwingen, sie streng anhalten, Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel zu handhaben, damit sie ihr Brot im Schweiß ihres Angesichts verdienten und nicht in Faulenzerei, in Festen und Pomp verzehrten.50 Die Christen sollten keine schwache Barmherzigkeit für die Juden haben.51 Dem Kaiser und den Fürsten redete Luther zu Herzen, sie sollten die Juden ohne weiteres aus dem Lande jagen, sie in ihr Vaterland zurücktreiben.52 In der Voraussetzung aber, daß die Fürsten nicht eine solche Torheit begehen sollten, ermahnte er die Pfarrer und Volkslehrer, ihre Gemeinden mit giftigem Hasse gegen die Juden zu erfüllen.53 [300] Wenn er Gewalt über die Juden hätte, bemerkte er, würde er ihre Gelehrten und Besten versammeln und ihnen mit der Androhung, »ihre Zungen hinten am Halse herauszuschneiden, den Beweis auflegen, daß das Christentum nicht einen einzigen Gott, sondern drei Götterlehre«.54 Luther hetzte geradezu die Raubritter gegen die Juden. Er habe gehört, daß ein reicher Jude mit zwölf Pferden durch Deutschland reise, nämlich der reiche Michel (o. S. 291). Wenn nun die Fürsten ihm und seinen Glaubensgenossen nicht die Straße verlegen wollten, so möge sich Reiterei wider sie sammeln, weil die Christen aus seinem Büchlein erfahren wür den, wie verworfen das jüdische Volk sei.55

Noch kurz vor seinem Ende ermahnte er seine Zuhörer in einer Predigt, die Juden zu vertreiben: »Über das andere habt ihr auch noch die Juden im Lande, die großen Schaden tun.. Wiewohl ich Sorge trage, das jüdische Blut sei nunmehr wässerig und wild geworden, sollt ihnen ernstlich anbieten, daß – sie sich täufen lassen – wo nicht, so wollen wir sie nicht leiden. Nun ist mit den Juden also getan, daß sie unsern Herrn nur täglich lästern und schänden – drum sollt ihr sie nicht leiden, sondern sie wegtreiben. – Wenn sie uns könnten alle töten, so täten sie es gerne und tun es auch oft, sonderlich die sich für Ärzte ausgeben56 – so können sie auch die Arznei, die man in Deutschland kann, da man einem Gift beibringt, davon er in einer Stunde – ja in zehn oder zwanzig Jahren sterben muß, die Kunst können sie. – Das habe ich als ein Landkind euch nur sagen wollen zum letzten – wollen sich die Juden nicht bekehren, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden, noch leiden«.57

So hatten denn die Juden an dem Reformator und Regenerator Deutschlands einen fast noch schlimmeren Feind als an Pfefferkorn, Margaritha, Hochstraten und Eck, jedenfalls einen schlimmeren, als an den Päpsten bis zur Mitte des Jahrhunderts. Auf die Worte jener Wichte, die als sophistisch und verlogen bekannt waren, hörten wenige, während Luthers lieblose Aussprüche gegen sie von den Christen neuen Bekenntnisses wie Orakel beachtet und später nur allzu genau befolgt wurden. Wie der Kirchenvater Hieronymus die katholische Welt mit seinem unverhüllt ausgesprochenen Judenhasse angesteckt hat, so vergiftete Luther mit seinem judenfeindlichen Testamente die protestantische Welt auf lange Zeit hinaus. Ja, die protestantischen Kreise wurden fast noch gehässiger gegen die Juden, als die katholischen. Die[301] Stimmführer des Katholizismus verlangten von ihnen lediglich Unterwerfung unter die kanonischen Gesetze, gestatteten ihnen aber unter dieser Bedingung den Aufenthalt in den katholischen Ländern. Luther aber verlangte ihre vollständige Ausweisung. Die Päpste ermahnten öfter, die Synagogen zu schonen; der Stifter der Reformation dagegen drang auf deren Entweihung und Zerstörung. Ihm war es vorbehalten, die Juden auf eine Linie mit den Zigeunern zu stellen. Das kam daher, daß die Päpste auf der Höhe des Lebens standen und in der Weltstadt residierten, wo die Fäden von den Vorgängen der vier Erdteile zusammenliefen; daher hatten sie kein Auge für kleinliche Verhältnisse und ließen die Juden meistens wegen ihrer Winzigkeit unbeachtet. Luther dagegen, der in einer Krähwinkelstadt lebte und in ein enges Gehäuse eingesponnen war, lieh jedem Klatsch über die Juden ein geneigtes Ohr, beurteilte sie mit dem Maßstabe des Pfahlbürgertums und rechnete ihnen jeden Heller nach, den sie verdienten. Er trug also die Schuld daran, daß die protestantischen Fürsten sie quälten und aus ihren Gebieten verwiesen.58 In den römisch-katholischen Staaten waren lediglich die Dominikaner ihre Todfeinde.

Als wegen der gefundenen Leiche eines Christen die Juden zum hundertsten Mal des Mordes angeklagt, ein Mann, drei Frauen und eine Jungfrau deswegen eingekerkert und gefoltert wurden, ohne sich schuldig zu bekennen, übergab zwar Kaiser Karl dem rastlosen Joselin ein Schreiben zum Schutze der Juden, worin er sie von der Blutbeschuldigung freisprach (1544).59 – Aber nach Karls Sieg über den König von Frankreich, stellten die auf dem Reichstag in Worms anwesenden Fürsten beim Kaiser den Antrag, die Juden aus allen deutschen Gauen zu verjagen. Eine hochstehende Persönlichkeit – wahrscheinlich der Kardinal Alexander Farnese,60 Enkel des[302] Papstes Pauls III., welcher die Marranen in Portugal begünstigte – sprach so eindringlich zugunsten der Schonung der Juden, daß die meisten Fürsten ihr Vorhaben aufgaben. Nur einige protestantische Fürsten und Städte verjagten sie, Eßlingen, Landau und andere (1545).

Bis in die Türkei hinein verfolgte sie der Judenhaß. Waren es nicht Dominikaner oder Protestanten, so waren es griechisch-katholische Christen. In den kleinasiatischen wie in den griechischen Städten wohnten Türken und Griechen untereinander. Die letzteren, welche ihren Übermut nicht aufgeben mochten, ihn aber an den herrschenden Türken nicht auslassen konnten, verfolgten die Juden mit ihrem stillen Hasse und benutzten jede Gelegenheit, ihnen Verfolgungen von seiten der Herrscher zuzuziehen. Eines Tages veranstalteten einige Böswillige unter ihnen in der Stadt Amasia in Kleinasien eine solche. Sie ließen einen armen Griechen, der mit Juden zu verkehren pflegte, und von ihnen unterhalten worden war, verschwinden und klagten einige derselben an, ihn ermordet zu haben. Die türkischen Kadis zogen hierauf die Angeklagten ein, folterten sie und erpreßten ihnen das Geständnis des Mordes. Sie wurden gehängt, und ein angesehener jüdischer Arzt, Jakob Abi-Ajub, wurde deswegen verbrannt (um 1545). Nach einigen Tagen erkannte ein Jude den ermordet geglaubten Griechen, entlockte ihm die Art seines Verschwindens und brachte ihn vor den Kadi. Dieser, mit Recht über die boshaften griechischen Ankläger erzürnt, ließ sie hinrichten. Auch in der Stadt Tokat in derselben Gegend, kam in derselben Zeit eine ähnliche Anschuldigung gegen Juden vor, und auch deren Lügenhaftigkeit kam an den Tag. Von diesen trüben Vorfällen nahm der jüdische Leibarzt des Sultans Suleiman, Mose Hamon (o. S. 27), Gelegenheit, ein Dekret von demselben zu erwirken, daß eine Anklage gegen Juden in der Türkei, sie hätten einen Christen gemordet, dessen Blut in Osterkuchen getan, und ähnliche boshafte Anschuldigungen, nicht vor die gewöhnlichen Richter, sondern vor den Sultan selbst gebracht werden sollten.61 In der Christenheit dagegen wiederholten sich erlogene Anklagen gegen sie immer und fanden Glauben beim Volke und auch bei vorurteilsvollen Richtern, und am meisten in Deutschland. Ausgedehnte und ernstgemeinte Privilegien, welche Kaiser Karl neuerdings (1545)62 zu ihrem Schutze erteilte, lediglich durch Bittgesuche von Joselin erwirkt, nützten nicht viel. Die Juden wurden nichtsdestoweniger bald hier, bald da, im Elsaß, in Bayern, im Württembergischen ausgewiesen, mißhandelt, auf den Straßen ihrer Habseligkeiten beraubt [303] oder gar totgeschlagen.63 Aus Roßheim selbst, Joselins Wohnort, dem er in Fährnissen wesentliche Dienste geleistet hatte, wurden in seiner Abwesenheit Sohn und Schwiegersohn mit ihren Familien hinausgejagt.64

Grell beleuchtet wird die judenfeindliche Unduldsamkeit unter dem Kreuze und die freundliche Duldung unter dem Halbmonde durch einen Schriftwechsel zwischen hier und dort. Sobald der letzte Papst aus dem Humanistenkreise, der den Juden wohlwollende Paul III., die Augen geschlossen hatte, kam in folge der Kirchenspaltung die strengkirchliche Partei der Jesuiten und Theatiner ans Ruder, und diese wollte nichts von Duldung und Gewährenlassen wissen. Alle Organe des Papsttums drangen auf unerbittliche Durchführung der kanonischen Maßlosigkeit. Die Juden in dem kleinen Kirchenstaat Venaissin, innerhalb des französischen Gebietes, empfanden bald den Umschlag der Windrichtung. Bis dahin von den duldsamen Päpsten und besonders von Paul III. gewissermaßen gehegt, zeigten auch die päpstlichen Beamten ihnen Wohlwollen und Zuneigung.65 Die Juden in den größeren Städten Avignon, Carpentras besaßen Reichtum, Güter aller Art und auch Äcker. Die Bankinhaber hatten das Privilegium, einen hohen Zinsfuß zu nehmen, wodurch allerdings Schuldenmacher Gelegenheit hatten, sich zu ruinieren. Die Kurie bezog durch den Geschäftsumfang der Juden von Venaissin bedeutende Einnahmen. Zwei reiche Brüder in Carpentras, Samuel und Bondian Crescas standen in besonderem Ansehen bei den päpstlichen Behörden, waren vielleicht Finanzmeister und nahmen sich viel gegen Juden und Christen heraus.66

Diese Begünstigung hörte mit der Inthronisation des Nachfolgers von Paul III. von der streng kirchlichen Observanz auf. Die kanonischen Vorschriften von der Ausschließung der Juden aus der Gesellschaft und von anderen Bedrückungen sollten rücksichtslos gehandhabt werden. Die Gemeinden sahen schlimmen Tagen entgegen und fürchteten massenhafte Ausweisung. Sie faßten daher eine freiwillige Auswanderung ins Auge und zwar nach der duldsamen Türkei, und beorderten zwei Sendboten nach Salonichi, wo ihre ehemaligen Landsleute angesiedelt waren, um sichere Erkundigungen über die Lage der Juden in diesem Lande einzuziehen (1550).

Die Gemeindevertreter von Salonichi konnten den Sendboten beruhigende Auskunft geben, und entwarfen, wie Isaak Zarfati zweihundert [304] Jahre vorher,67 eine begeisterte Schilderung in hellen Farben und mit verlockenden Aussichten von der Lage der Juden in der Türkei. Die Auswanderer würden dort nicht bloß Ruhe und Freiheit, sondern auch Wohlstand und Lebensbehaglichkeit finden, denn Volk und Regierung hegten nur Wohlwollen gegen die Juden, besonders gegen die aus der Christenheit ausgewanderten. Die Reichen würden Gelegenheit finden, ihr Gut zu vermehren, und die Armen durch Handwerke ihre Existenz zu sichern. Sie sollten nur nicht durch Selbsttäuschung mit der Auswanderung zögern, sonst würde es ihnen wie denen in Spanien und Portugal ergehen, in der letzten Stunde durch Drangsale aller Art gezwungen, zum Scheine das christliche Bekenntnis zu heucheln. Denn das Ende der Quälereien werde doch die Austreibung sein.68 Sultan Suleiman brauchte nicht, wie Karl V., den Juden fort und fort Schutzbriefe zu erteilen. Sie fänden ausreichenden Schutz an dem duldsamen Geiste, der in der Türkei herrschte. Wie anders in der Christenheit!

Die Republik Genua hatte eine Zeitlang keinen Juden länger als drei Tage auf ihrem Gebiet geduldet. Indessen wurden nach und nach Flüchtlinge aus Spanien oder der Provence in dem Städtchen Novi bei Genua aufgenommen, verkehrten auch in der Hauptstadt und wurden daselbst stillschweigend geduldet. In der Parteistreitigkeit der Patrizierfamilien wurde die kleine Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen, von der einen verwiesen, von der andern wieder zugelassen.69 Es waren meistens gewerbtätige, intelligente Juden, Kapitalisten, Ärzte. Aber auch hier wühlten die Dominikaner gegen sie und stachelten in ihren Predigten namentlich den Brotneid der christlichen Ärzte gegen sie auf. Gegen den Willen des Dogen Doria wurden infolgedessen die Juden aus Genua vertrieben (April 1550), und unter Trompetenklang wurde verkündet, daß kein Jude künftig daselbst geduldet werden [305] sollte.70 Diese Austreibung aus Genua hat nur insofern einige Bedeutung, als ein gewandter jüdischer Geschichtsschreiber davon betroffen wurde, dessen Lebensschicksale im kleinen den Schmerzensgang des jüdischen Stammes im großen abspiegeln.

Der Auf- und Niedergang im Völkerleben, sowie die Wechselfälle im Leben des jüdischen Volkes brachten nämlich seit der grausigen Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal und der unmenschlichen Verfolgung der Marranen einigen scharfbeobachtenden Juden die Überzeugung bei, daß nicht der Zufall in der Geschichte walte, sondern daß sie eine höhere Hand leite und durch Blut und Tränenströme ihren Ratschluß zu Ende führe. Kein Jahrhundert seit den Kreuzzügen war reicher an wechselvollen, fast dramatischen Begebenheiten als das sechzehnte, in welchem nicht bloß neue Länderentdeckungen auftauchten, sondern sich auch ein neuer Geist unter den Menschen regte, der nach neuen Schöpfungen rang, aber von dem Bleigewicht des Alten und Bestehenden stets niedergehalten wurde. Diese Fülle der Tatsachen führte einige gedankenreiche Juden, größtenteils von sefardischer Abkunft, zu der Reife des Urteils, in der wilden, scheinbar launenhaften und unregelmäßigen Strömung der allgemeinen und jüdischen Geschichte ein Werk der Vorsehung zu erblicken. Sie betrachteten die Geschichtserzählung als Trösterin desjenigen Teils der Menschheit, welcher von dem wilden Ritte der heranstürmenden Begebenheiten umgeworfen, überritten und zerfleischt worden ist. Und welcher Volksstamm bedurfte mehr des Trostes, als der jüdische, das Märtyrervolk, das zum Leiden geboren schien und sein Brot stets mit Tränen aß? Fast zu gleicher Zeit faßten drei geistesgeweckte Juden die Aufgabe ins Auge, sich in der Geschichte umzusehen und der jüdischen Lesewelt ihre ehernen Tafeln vorzuhalten. Es waren der Arzt Joseph Kohen, der Talmudist Joseph Ibn-Verga und der Dichter Samuel Usque. Alle drei gingen dabei von einem und demselben Grundgedanken aus. Der Geist der Propheten, welcher in der Betrachtung der Geschichtsbegebenheiten das geeignetste Mittel zur Belehrung und Erhebung erblickte, war über sie gekommen, und sie haben dadurch bekundet, daß die Juden auch in ihrer Niedrigkeit nicht dem Gesindel der Zigeuner glichen, das weder eine Geschichte hat, noch kennt, ja, daß sie in mancher Beziehung höher ständen, als diejenigen, die Zepter und Schwert, Rad und Kolben zur Knechtung der Menschheit gehandhabt haben.

Der bedeutendste unter diesen als Geschichtsschreiber war Joseph ben Josua Kohen (geb. in Avignon 1496, gest. 1575).71 Seine [306] Ahnen stammten aus Spanien. Bei der großen Austreibung war sein Vater Josua aus Huete nach Avignon ausgewandert und von da nach Novi im Genuesischen übergesiedelt, hatte auch einige Zeit in Genua geweilt und war auch von da vertrieben worden. Joseph Kohen hatte die Arzneikunde studiert, sie praktisch ausgeübt und theoretisch betrieben. Er scheint Leibarzt des Dogen Andreas Doria gewesen zu sein. Für seine Glaubensgenossen schlug sein Herz warm, und er ließ es nicht an Eifer fehlen, das Los der Unglücklichen unter ihnen zu erleichtern. Er gab sich einst Mühe, einen Vater und dessen Sohn, welche von dem herzlosen Gianettino Doria, Neffen und designiertem Nachfolger des Dogen, eingekerkert worden waren, zu befreien. Aber nur die Befreiung des Vaters gelang Joseph Kohen; der Sohn entkam erst in jener stürmischen Nacht, als Fieschi die Verschwörung ausführte.72 In den Seekriegen des Dogen Doria gegen Griechenland und die griechischen Inseln, sowie des Kaisers Karl gegen Tunis, wurden jüdische Gefangene wie Galeerensklaven behandelt oder mißhandelt. Da verwendete sich Joseph Kohen mit warmem Eifer, um Lösegeld für die Unglücklichen von jüdischen Gemeinden zu sammeln.73 Bei der Ausweisung aus Genua (1550) baten ihn die Bewohner der kleinen Stadt Voltaggio, sich bei ihnen als Arzt niederzulassen, worauf er auch einging, und achtzehn Jahr dort zubrachte. Mehr als die Arzneikunde zog ihn jedoch die Geschichte an, und er sah sich nach Chroniken um, um eine Art Weltgeschichte in Form von Jahrbüchern zu schreiben. Er begann mit der Zeit vom Untergang des römischen Reichs und der neuen Staatenbildung und stellte den weltgeschichtlichen Verlauf als einen Kampf zwischen Asien und Europa, zwischen dem Halbmonde[307] und dem Kreuze, zwischen dem Islam und dem Christentume dar; jenes wird repräsentiert durch das mächtige türkische Reich, dieses durch Frankreich, das den ersten christlichen Gesamtmonarchen, Karl den Großen, aufgestellt hatte. An diese zwei großen Völkergruppen knüpfte Joseph Kohen die europäische Geschichte an. In die »Jahrbücher der Könige von Frankreich und des ottomanischen Hauses« (wie der Titel seines Geschichtswerkes lautet), zog Joseph Kohen alle Begebenheiten und Kriege in der Christenheit und der islamitischen Welt hinein. Er selbst sympathisierte mit der französischen Partei in Italien, und darum stellte er Frankreich, nicht das deutsch-spanische Kaiserhaus an die Spitze der Christenheit. Joseph Kohen verstand es allerdings nicht, den Geschichtsstoff künstlerisch zu gruppieren und ihn in einen einheitlichen Rahmen zu fassen. Die Zeitfolge ist das Band, welches die zusammenhanglos nebeneinander gestellten Ereignisse und Tatsachen zusammenhält. Aber was ihm an Gestaltungskunst abging, das ersetzten seine Wahrheitsliebe und seine ungemeine Genauigkeit. Freilich, soweit er sich in der älteren Geschichte der Führung seiner oft schlechten Quellen überlassen mußte, beging er Mißgriffe; aber in der Geschichte seiner eigenen Zeit, die er entweder selbst erlebt oder gewissenhaft durch Zeugenverhör erforscht hatte, ist er ein unparteiischer, zuverlässiger Zeuge und darum eine lautere Quelle. Der hebräische Geschichtsstil, den er den besten biblischen Geschichtsbüchern entlehnt hat, belebt seine Darstellung ungemein. Die biblische Gewandung und die dramatischen Wendungen geben ihm einen eigenen Reiz und heben das Werk über den Stand einer trockenen Chronik hinaus. An die betreffenden Zeitpunkte reihte Joseph Kohen die Geschichte der größeren Judenverfolgungen an, wozu er sich seltene Quellen zu verschaffen gewußt hat, die noch kein anderer vor ihm benutzt hatte. Seine Hauptaufgabe war, die gerechte Waltung Gottes in der geschichtlichen Begebenheit nachzuweisen, wie Gewalt und Arglist ihre gerechte Vergeltung fanden und von ihrer errungenen Höhe herabgestürzt wurden. Er empfand die Wehen der Geschichte mit, darum schrieb er nicht kalt, sondern öfter mit maßloser Bitterkeit und ließ es nicht an Verwünschungen gegen die blutigen Verfolger unschuldiger Märtyrer fehlen. Joseph Kohen hatte bei Abfassung der Jahrbücher den Plan, die Judenverfolgungen, die er darin nur gelegentlich angeführt hatte, der Zeitfolge nach in derselben Form aufzuzählen, hat ihn aber erst später ausgeführt, weil ihm noch Quellen gemangelt zu haben scheinen.

Von anderer Art ist ein Geschichtswerk aus derselben Zeit, woran drei Geschlechter, Ahn, Sohn und Enkel, gearbeitet haben. Aus der angesehenen Familie Ibn-Verga, welche mit den Abrabanels verwandt war, hatte Juda Ibn-Verga, zugleich Kabbalist und Astronom, [308] in einem Werke gelegentlich einige Verfolgungen der Juden zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern angemerkt, die er aus mehreren Quellen, namentlich aus einer ähnlichen Sammlung des kenntnisreichen und geistvollen Profiat Duran74 entlehnt hatte. Salomo Ibn-Verga, der die Vertreibung der Juden aus Portugal und Spanien erlebte, eine Zeitlang Scheinchrist war75 und dann als Marrane nach der Türkei ausgewandert war, hatte zu den Bemerkungen seines Verwandten einige Erzählungen hinzugefügt. Er verstand auch die lateinische Sprache und hat daher aus lateinischen Schriften neue Tatsachen entlehnt und nachgetragen. Sein Sohn Joseph Ibn-Verga, der zum Rabbinatskollegium in Adrianopel gehörte, hat dann wieder das Werk durch einige Tatsachen aus früherer und aus seiner Zeit ergänzt und diese Bestandteile als ein Ganzes veröffentlicht unter dem Titel: die Zuchtrute Judas (Schebet Jehuda).76 Auch Joseph Ibn-Verga war des Lateinischen kundig und hat aus lateinischen Schriften manches darin einverleibt. Dieses Martyrologium der Ibn-Verga ist daher nicht aus einem Gusse, sondern ein zusammengewürfeltes Allerlei, ohne Plan und Ordnung, selbst ohne chronologische Reihenfolge. Erdichtete Gespräche zwischen gelehrten Juden und portugiesischen oder spanischen Königen sind darin als tatsächliche Begebenheiten mit angeführt. Der hebräische Stil ist aber, ohne eine biblische Färbung zu haben, wie die Geschichtswerke Elia Kapsalis und Joseph Kohens, glänzend und anmutig, bis auf die Stücke, welche aus lateinischen Schriften übersetzt sind, die sich schwerfällig und holperig ausnehmen. Salomo Ibn-Verga suchte (gegen Ende der ersten Sammlung) die Gründe, warum denn gerade der jüdische Stamm und am meisten die spanischen Juden mit so unsäglichen Leiden heimgesucht würden, und fand als solche einmal die Vorzüglichkeit des jüdischen Volkes, »was Gott am meisten liebt, züchtigt er am strengsten«; dann als Strafe für die noch ungesühnte Sünde mit dem goldenen Kalbe in der Wüste. Am meisten habe aber ihre Absonderung von den Christen in Speise und Trank die Verfolgung herbeigeführt; ferner die Rache der Christen für Jesu Kreuzigung, die Vergehen der spanischen Juden mit Christinnen, der Neid auf ihre Reichtümer und falsche Eide, die sie sich haben zu schulden kommen lassen. Ibn-Verga hat die Fehler seiner Stammesgenossen nicht verschwiegen, sie vielleicht grell übertrieben. Joseph Ibn-Verga fügte ein herzinniges Gebet hinzu über die Fülle der Leiden, welche Israel erduldet hat, und noch immer erduldet, so daß je die letzten die ersten in Vergessenheit bringen. Alle Völker [309] der Erde sind einig im Haß gegen diesen Stamm, alle Kreatur des Himmels und der Erde ist gegen ihn feindlich verschworen; ehe noch das jüdische Kind zu lallen vermag, wird es schon von Haß und Schimpf verfolgt. »Wir sind wie die niedrigsten Würmer verachtet. Gott möge seine Verheißungen für sein Volk bald in Erfüllung gehen lassen.«

Der bedeutendste und originellste der drei zeitgenössischen Geschichtsschreiber war Samuel Usque, von dessen Lebenslauf bedauerlicherweise so gar nichts bekannt ist, nicht einmal in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis er zu den andern beiden Usque stand, die jedenfalls einer und derselben Familie angehörten, ausgewanderte Marranen waren und literarische Bildung besaßen.

Abraham Usque hieß als Scheinchrist Duarte Pinel77 und bearbeitete unter diesem Namen eine lateinische Grammatik, die er noch in Portugal drucken ließ. Wie er diesem Lande und den Inquisitionskrallen entgangen und nach Ferrara gekommen ist, ist nicht bekannt. In dieser Stadt, wo die portugiesischen Marranen unter dem Schutze des Herzogs Ercole d' Este das Judentum frei bekennen durften,78 legte er unter dem jüdischen Namen Abraham Usque eine großartige Druckerei an, zunächst für die ehemaligen Scheinchristen in Italien und anderen Ländern, die, im Marranentum geboren, nach und nach das Hebräische, die Herzenssprache der Juden, verlernt hatten. Er selbst oder sein Verwandter, Samuel Usque, oder andere übersetzten die hebräischen Gebete verschiedener Gattung ins Spanische, und diese wurden in der Usqueschen Druckerei verlegt.79 Die zurückgetretenen Marranen hatten einen wahren Heißhunger nach Belehrung aus ihren Religionsquellen, und die Juden Italiens sorgten für dessen Sättigung. Sogar der trockene Religionskodex des Jakob Ascheri (Bd. VII2, S. 249) wurde ins Spanische übersetzt oder ein kurzgefaßter Auszug daraus gemacht, als »Tafel für die Seele« (mesa de la alma) und bis nach Flandern versandt.80

Auch ein anderes großartiges Werk unternahm Abraham Usque oder Duarte Pinel für die Marranen. Er ließ die ganze heilige Schrift alten Testaments von kundigen Männern81 aus dem hebräischen [310] Text in gutes Spanisch wortgetreu übersetzen und gab sie heraus (1550 bis 1553). Ein begüterter Marrane, Jom-Tob Athias oder Geronimo de Vargas, trug die Kosten davon. Dieses großartige und sehr geschätzte Ferrarische Bibelwerk widmeten die Herausgeber zum Teil dem Herzog Ercole als Dankestribut für seine den Marranen gewährte Duldung, und zum Teil einer vornehmen marranischen Doña (Gracia Mendesia), welche der Schutzgeist ihrer Leidensgenossen geworden war.82 Aber nicht bloß spanische und portugiesische Schriften verlegte Abraham Usque oder Duarte Pinel in seiner Druckerei, sondern auch hebräische, ohne besondere Auswahl, rituelle, religions-philosophische und kabbalistische Werke.83

Der zweite des Namens Usque, Salomo, oder, wie er früher als Scheinchrist hieß, Duarte Gomez,84 war zugleich Dichter und Kaufmann in Venedig und Ancona, wohin er aus Portugal eingewandert war. Er überarbeitete Petrarcas verschiedenartige Dichtungen in schönen spanischen Versen, welche von seinen Zeitgenossen wegen ihres kunstvollen Baues und Wohllautes bewundert wurden. Gemeinschaftlich mit einem andern jüdischen Dichter Lazaro Gracian hat er ein spanisches Drama aus biblischem Stoffe, aus dem künstlerisch schönen Epos von der jüdischen Königin Esther und der Rettung ihres Volkes, gedichtet. Dabei war Gomez-Salomo Usque ein gewandter Geschäftsmann und führte schwierige Aufträge glücklich aus.

Der bedeutendste unter den drei Usque war Samuel, dessen Christenname nicht bekannt ist, der ohne Zweifel ebenfalls vor der Wut der Inquisition aus Portugal entflohen war; er ließ sich mit seinen Verwandten ebenfalls in Ferrara nieder. Auch er war Dichter; aber seine Muse befaßte sich nicht mit fremdem Stoffe, nicht mit Nachahmungen und Überarbeitungen, sondern schuf Eigenes und Eigenartiges. Die zugleich glanzvolle und tragische Geschichte des israelitischen Volkes zog ihn mächtig an, und sie lag nicht bloß in seinem Gedächtnisse als toter Gelehrtenstoff angehäuft, sondern lebte in seinem Herzen als frisch sprudelnder Quell, woraus er Trost und Begeisterung schöpfte. Die biblische Geschichte mit ihren Helden, Königen und Gottesmännern, die nachexilische Geschichte mit ihrem Wechsel von heldenmütiger Erhebung und unglücklicher Niederlage, die Geschichte seit der Zerstörung des jüdischen Staates durch die Römer, alle die Vorgänge und Wandlungen der drei Zeiträume waren Samuel Usque gegenwärtig. Er hatte sich Mühe gegeben, die geschichtlichen Quellen selbst zu befragen und sich an Literaturgebiete gemacht, welche bis dahin kein Jude angesehen hatte. Für die nachexilische Zeit hatte er [311] nicht aus der unsaubern Zisterne des falschen Josippon geschöpft, wie seine Vorgänger, sondern er hatte den echten Josephus gelesen, der, damals ein Liebling der literarischen Welt, bereits im griechischen Original und in lateinischer Übersetzung veröffentlicht war. Samuel Usque verstand das Lateinische, so wie er auch ein Meister nicht bloß seiner vaterländischen Sprache, der portugiesischen, sondern auch des Spanischen war. Aus lateinischen Quellen, aus dem Lügenwerke des Alfonso de Spina, aus spanischen, französischen und englischen Chroniken, selbstverständlich auch aus jüdischen Sammlungen trug er den Geschichtsstoff bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal zusammen. Diesen Stoff belebte er mit einem poetischen Hauche zu einem das Herz mächtig ergreifenden langen Klage- und Trostgedichte in portugiesischer Sprache, nicht in Versen, aber in so gehobener Prosa, daß es den Leser in seiner Einkleidung noch mehr anmutet. Es ist ein Gespräch zwischen drei Hirten Icabo, Numeo und Zicareo, von denen der erste das tragische Geschick Israels seit seinem Eintritt in die Geschichte mit blutigen Tränen beklagt, die beiden andern den Balsam des Trostes in das wunde Herz des unglücklichen Hirten träufeln und ihm die Leiden als notwendige Vorstufen zur Erreichung eines herrlichen Zieles darstellen. »Trost in den Trübsalen Israels«85 nannte Samuel Usque diesen geschichtlichen Dialog. Er beabsichtigte durch die lebensvolle Darstellung der jüdischen Vergangenheit die portugiesischen Flüchtlinge in Ferrara und anderwärts, die sich wieder an das Judentum angeklammert hatten, in ihren Trübsalen und schweren Leiden zu trösten und auf eine schöne Zukunft zu verweisen. Samuel Usque wollte keineswegs eine zusammenhängende und fortlaufende Geschichte der israelitischen Nation geben; sie diente ihm nur als Mittel, um die Herzen durch die Erinnerung an das tränenreiche Geschick und den Hinweis auf die sichtbare göttliche Leitung derselben zu erschüttern und zu erheben. Er zeigte die israelitische Nation bald als trauernde Witwe, welche jammervoll die Hände ringt und Tag und Nacht Tränen vergießt um die lange, lange, Tausende von Jahren umfassende Reihe von Leiden ihrer Söhne, die aus Glanz und Licht in Dunkel und Elend gestürzt sind, bald wieder als gottbegeisterte Prophetin im Strahlengewande, deren Auge die Finsternis durchdringt, eine herrliche Zukunft schaut, und deren Mund Weisheit und Linderung für die brennenden Schmerzen ausströmt. Aber wenn auch kein Geschichtsschreiber, so hat doch keiner wie Samuel Usque die Hauptzüge der jüdischen Geschichte so lichtvoll und lebendig von den ältesten Zeiten bis auf seine Zeit dargestellt. Er hat auch, weil er den Geschichtsverlauf wahrheitsgetreu [312] abspiegeln wollte, die chronologische Seite der Begebenheiten nicht vernachlässigt und auch die Quelle angegeben, aus denen er das Material zusammengetragen hat.

Die äußere Einkleidung dieses historisch-poetischen Dialogs ist folgende. Der Hirte Icabo (oder Jakob, als Repräsentant von Gesamtisrael) beklagt in einer einsamen Gegend das Elend seiner Herde, die in alle Weltteile zerstreut, gedemütigt, zerfleischt ist. »Zu welchem Teil der Welt soll ich mich wenden, auf daß ich Heilung für meine Wunde, Vergessenheit für meinen Schmerz und Trost für die schwere, unerträgliche Pein finde? Der gewölbte Körper der ganzen Erde ist voll von meinem Elend und meinen Drangsalen. In den Reichtümern und Genüssen des glücklichen Asiens, da finde ich mich als einen armen und mühebeladenen Pilger. In der Fülle des Goldes des sonnenverbrannten Afrika bin ich ein unglücklicher, ausgehungerter, verschmachtender Verbannter. Und Europa, Europa, meine Hölle auf Erden! was soll ich von dir sagen, da du mit meinen Gliedern die größten Triumphe gefeiert hast? Wie soll ich dich loben, lasterhaftes und kriegerisches Italien? Wie ein ausgehungerter Löwe hast du dich von dem zerstückelten Fleische meiner Lämmer genährt! Verderbte französische Weideplätze, Lämmer weideten auf euch vergiftete Gräser! Stolzes, rauhes und gebirgiges Deutschland, in Stücke zerschellt vom Gipfel deiner wilden Alpen hast du meine Jungen! Ihr süßen und frischen Gewässer Englands, einen bittern und salzigen Trunk schlürfte aus euch meine Herde! Heuchlerisches, grausames und blutdürstiges Spanien, gefräßige und heißhungrige Wölfe haben in dir meine wollreiche Herde verschlungen und verschlingen sie noch«.86 – Die zwei Hirten Numeo und Zicareo, von Icabos herzzerreißenden Klagen herbeigezogen, bewegen ihn durch viel Zureden, seinen Schmerz auszusprechen, auf daß er seinem beschwerten Herzen Erleichterung verschaffe. Nur mit Überwindung versteht er sich dazu. Er schildert dann den beiden Freunden die ehemalige Herrlichkeit seiner Herde und führt ihnen so die glänzenden Tage Israels vor die Augen. Dann geht er zu dem Elend über, welches die Gottesherde betroffen hat. Infolge sanften Zuredens läßt sich Icabo allmählich herbei, ausführlich die Geschichte seines unglücklichen Stammes zu erzählen, zuerst die Schläge und Verbannung während des ersten Tempelbestandes, dann in einem zweiten Dialoge die Bitterkeiten und das Exil bis zur zweiten Tempelzerstörung durch die Römer, und im dritten die Leiden, welche sein Volk in der langdauernden Verbannung erfahren, von der spanischen Gewalttaufe, die der westgotische König Sisebut über die spanischen Juden verhängt hat 712,87 die Vertreibung der Juden [313] aus England und Frankreich, Spanien und Portugal, das Entsetzen der Inquisition, die Usque aus eigener Anschauung kannte, bis zur Schändung einer Synagoge in Pesaro 1552. Auf diese Weise geht Icabo (oder Samuel Usque) die lange Reihe der jüdischen Geschichte durch. Er schließt die Zusammenfassung der Leiden: »Ihr sehet also, mitleidsvolle Brüder, wie die Tage waren und noch sind, seitdem ich in dieser unglücklichen Verbannung zubringe, seitdem die Römer mich zerstreut haben. So haben die listigen und boshaften Spanier den irdischen Leib und die göttliche Seele der Meinigen getroffen. So haben meine Lämmer den Zorn und den Ungestüm der stürmischen Franzosen erduldet; die Nahrung von ihren verdorbenen Weideplätzen, mit Galle vermischt, mußten sie wieder ausspeien. Hier seht ihr, wie die herzlosen Engländer sie mit kaltem Eisen würgten, und die wilden Deutschen ihnen vergiftetes Wasser zu trinken gaben. Da seht ihr, wie die schlauen Flamländer sie schädigten, und die kriegerischen und undankbaren Italiener sie mißhandelten. Das ist die Art, mit welcher die tapfern und halbbarbarischen Spanier sie zerstückelten und die zarten Wesen von der Brust der Mutter rissen, um sie hier dem Feuer, dort dem Wasser oder den wilden Tieren zum Fraß zu überliefern. Und bis auf den heutigen Tag hat keine dieser Folterqualen für mich aufgehört, im Gegenteil, wie ein Schiff von entgegengesetzten heftigen Stürmen auf der hohen See geschleudert wird, so daß es in keiner der vier Richtungen mit Sicherheit steuern kann, so finde ich mich, gequältes Israel, in der Mitte meiner Leiden bis auf den heutigen Tag. Kaum hast du aufgehört, den vergifteten Kelch der Babylonier zu trinken, der dich fast entseelt hat, als du wieder auflebtest, um gewissermaßen die Qualen von seiten der Römer zu empfinden. Und als dieses doppelte Mißgeschick ein Ende hatte, das dich so grausam zerfleischt hat, lebtest du zwar wieder auf, aber bliebst angenagelt an deine Trübsal, gefoltert von neuen Qualen. Es ist allen entstandenen Geschöpfen eigen, Wandlungen zu erfahren, nur Israel nicht, dessen unglückliche Lage sich nicht ändert, noch endet«.88 Die Freunde sprechen Icabo Trost und Beruhigung zu. Die Leiden, so schwer und unverträglich sie auch seien, hätten ihren guten Zweck. Sie seien zum Teil selbst verschuldet durch sündhaftes Leben und Abfall von Gott; sie dienten aber dazu, Israel zu bessern und zu läutern. Es sei auch eine Wohltat, daß es unter alle Völker der Erde zerstreut sei, damit es der Bosheit derselben nicht gelinge, es zu vernichten. »Denn wenn sich ein Reich in Europa gegen dich erhebt, um dir den Tod zu versetzen, bleibt dir ein anderes in Asien, um zu leben. Als dich die Spanier verbannten, veranstaltete es Gott, daß du ein Land fandest, das dich aufnahm und dich frei leben ließ, Italien«.89

[314] Die Feinde, welche Israel so unbarmherzig behandelten, hätten durchweg ihre Strafen empfangen. Von den Spaniern kann man sagen, daß Italien ihr Grab geworden, von Frankreich, daß Spanien seine Zuchtrute gewesen, von Deutschland, daß die Türken seine Henker seien, die es zur Mauer machten, gegen welche ihre Feuerschlünde prasselten, und von England, daß das wilde Schottland seine beständige Geißel bleibe.90 Ein Haupttrost sei, daß alle diese Leiden, Trübsale und Qualen, welche der jüdische Volksstamm erduldet, von den Propheten buchstäblich vorausverkündet und genau vorgezeichnet worden seien. Sie dienten nur dazu, um Israel zu erhöhen, und so, wie sich die schlimmen Prophezeiungen erfüllt hätten, so sei mit Gewißheit darauf zu rechnen, daß auch die tröstlichen nicht ausbleiben würden.

Zuletzt verfällt Usque in eine eigentümliche Spielerei, um die stufenmäßige Erhöhung Israels zu veranschaulichen. Die erste Gefangenschaft in Assyrien und Babylonien erhob den Rest in den ersten Himmelskreis, wo der Mond seine Wohnung hat. Die grausige Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus erhöhte es in den zweiten Zirkel, dessen Name Merkur ist. Die Wehen und Schmerzen durch die Grausamkeit, die es bei seiner unglücklichen Ankunft in Rom erfahren, brachten es in den dritten Kreis. Und so erhoben es die Leiden in Italien, Frankreich, England, Deutschland und Spanien immer höher, bis endlich die Wehklagen auf den Scheiterhaufen und die Trübsale in Portugal es in den neunten und letzten Stern heben, und damit werden die Leiden ein Ende haben.91 Tröstende Prophetenworte aus Jesaias balsamisch lindernden Reden beschließen die Dialoge. Icabos Schmerzen beruhigen sich durch die Erwartung der gewiß eintretenden glorreichen Zukunft.


Fußnoten

1 Isaak ben Emanuel de Lates Respp. ed. Wien. p. 64 vom Jahre 1543: תא 'ה דקפ יכ יבצה ץראמ העומשה אב אלה רשועב הלודגל הלודגמ לארשי ינב םיכלוה םשו וצרא תאו ומע תורוהסה בורב דובכו


2 Selbst der Hauptgegner der Wiederherstellung der Semicha (Ordination), Levib. Chabib, hat ihre Notwendigkeit anerkannt. Abhandlung הכימסה חוכיו in dessen Respp. (der einzigen Quelle darüber) p. 320 c. unten: םיואתמ ויה הארש םימכחה לכש (בריב י"ר) דיעהש המו ךכל הואתמ יתייה םהמ דחאכ ינא םג ,(הכימסה) התושעל רטפנש םינפ אושנו ןקז ידרפס דחא םכחש יתעמש םגו .הנושארב .התעב אצמהל הואתמ ןכ םג היה ןאכב


3 Levi b. Chabib. Respp. Nr. 93. Abhandlung a.a.O. p. 391 b: םגו הנקזו ותא דובכו רשוע לאל הלהתש תויה םאו ותעדל לכה ןמ רתוי המכח. Vergl. Respp. Mose Trani I, Nr. 37 Ende, daß Berab 1533 noch nicht in Safet lebte, auch das. Nr. 247.


4 Levi b. Chabib imputiert ihm diesen Hintergedanken, Abhandlung p. 283 b: ויפ לע (תפצב) השעמ ושעו .אישנ םג ןמזה .. ךשמהבו רתסהבו םוסרפב הבישי שאר תונמל


5 Das. p. 299 b.


6 Levi b. Chabib p. 288 d.

7 Das. p. 306: םימעט המכ הטמלו הלעמל בתכ (בריב) אודש הרהמ הישמה תאיבל הבס היהת ותכימסש. Mit welcher Gewißheit man damals auf die Sammlung der Juden in Palästina und selbst der Marranen aus Spanien rechnete, beweist ein Respp. des Mose de Trani I, Nr. 307: לאה יכ ידוהי (ןוגראב) םש רוע להאי אלש םיחוטב ונא .בורק ןמזב לארשי ץראב לארשי יחדנ ץבקמ אוה ךרבחי


8 S oben S. 18 und Note 1.


9 Abhandlung über die Ordination a.a.O. p. 291 d ff.


10 Vergl. das. p. 319 c: םג ויפב (בריב י"ר) דימת רמואש ךותמ הכלה לש הקמועל דריל לודג אוה יכ .. ומצע יחבשב בתכב חרזממש לארשי תוילג לכבש ... רודה ינבר לכמ רתוי הלופלפ ברעמל; das. p. 318 c: לכה םע ביר רחרחל וכרד תויהלו; Respp. Nr. 105: לכה לע גהנמכ יהוזבל ףיסוה אוהו. Vergl. Respp. Mose Alaschkar, Ausfälle gegen Berab Nr. 31, 60. Dagegen behauptet sein Hauptjünger Mose de Trani in seinen Respp., die Gegner hätten Berab schreiendes Unrecht getan, er wäre gar nicht so anmaßend, absprechend und streitsüchtig gewesen.


11 Der Wortlaut dieser Ordination ist mitgeteilt in Levi b. Chabibs Abhandlung a.a.O. p. 310 c.


12 Levi b. Chabib p. 285.


13 Levi b. Chabib p. 277 b.c. Daß das Angegebene der Sinn der Motivierung für die Notwendigkeit der Ordination und daß dabei auf die ausgewanderten Marranen Rücksicht genommen ist, folgt aus p. 288 c. das.


14 Vergl. Note 5.


15 Die übrigen zwei waren vielleicht Mose Corduero und Joseph Sagis, beide Stock-Kabbalisten und Schwärmer für das messianische Himmelreich.


16 Levi b. Chabib Abhandlung a.a.O. p. 298 a.


17 Berabs Todesjahr hat Zunz (zur Geschichte und Literatur S. 231) kritisch zu fixieren versucht, weil die Notiz darüber in den Daten nicht stimmt. Mose de Trani referiert nämlich Respp. I, Nr. 103: ברהל הלאשו הבישיב שקבתנש דע המילשהל קיפסה אלו בריב בקעי .. לודגה היתמלשהו 'ה 'ש 'א תנש רייא ח"ר תבש ליל הלעמ לש. Es ist richtig, daß das Tagesdatum mit der Jahresform von 1541 nicht stimmt. Darum wollte Zunz das Zahlwort 'ה als Einheit 5 betrachten und machte daraus 1546. Allein das 'ה bedeutet bei allen Schriftstellern dieser Zeit, auch bei M. de Trani, 5000. Berab starb also gewiß 5301 = 1541. Der Fehler steckt aber im Monatsdatum; es muß heißen רדא, statt רייא. Der erste Adar I dieses Jahres fiel auf Sonnabend. So stimmen die Daten vollständig.


18 B. VII, S 249.


19 Unter dem Titel םירשמ דיגמ. Über die Echtheit des Karoschen Maggid siehe Note 5. Sehr oft kommt darin die Phrase vor: םאה ... ךיפב רבדמה הנשמה ינא ינא .הנב תא תרסימה


20 Maggid-Mescharim, Eingang. 1 b, p. 7 a, 13 b ff.; 31 a, 34 a und noch einige mal. Das viele Geld, das ihm das. 2 b vom Auslande verheißen wird, sollte ihm wohl durch eine neue Heirat zufallen. Einer seiner Schwiegerväter war ein Deutscher Respp. לכור תקבא Nr. 29 und öfter; er hieß Zacharias Sachsel.


21 Nach Conforte תורודה ארוק 35 a war Karo noch 1533 in Salonichi, vergl. Maggid p. 50 (eigentlich p. 70) השע ךרפס .. ןקתל יקינאלאשל תכלל הצרת ןכל םדוק םאו םש בשיתת אלש אלא ...; vergl. Note 5.


22 Hauptstelle Maggid p. 38: דיגנו רש תויהל ךממורא יכ לע ךשפנ תרסמ יכ ןעיו ןאתסיברע תוכלמבש לארשי תולג לכ לע לארשי ימכח לכמ ךמסומ תויהל הכזת הנשויל הכימסה תרזח ךכזא ,הנשויל הכימסה רוזחת ךדי לעו ץראל הצוח ימכחמו תיחתל הכיתו ימש תשודק לע דקותית ןכ רחאו ךרובח רומגל םיהמה. Diese Vision hatte er Nissan 5303 = 1543, also 2 Jahre nach Berabs Tod. Vergl. ähnliche Stellen das. p. 11, 16 b, 20 a, 24 a, 31 a; s. Note 5.


23 Das Hauptstelle p. 9 b, auch p. 32 b u.a. St.


24 Quellen bei Schudt, jüdische Denkwürdigkeit I, S. 538.

25 Luther, von den Juden und ihren Lügen, Anf. also noch vor 1543.


26 Joselins Schreiben an den Magistrat von Straßburg aus Aktenstücken in französischer Übersetzung Revue d. Et. XIII 83: depuis il (Luther) s'est de nouveau laissé exciter par des Juifs Mamelucks. (Das. 84:) Martin Luther s'est laissé exciter par quelques Juifs baptisés, lesquels nous ont calomnié d'infames mensonges.


27 Vergl. Note 4.


28 Revue das. 78 f. Dabei ist bemerkt, daß auch Bucer Luther anging, sich für die Juden zu verwenden.


29 Das. p. 83 und Joselins Tagebuch Nr. 22.


30 Tagebuch dieselbe Nummer. Vergl. o. S. 90.


31 Über Lippold oder Lippolt s.w.u. Über den reichen Michel, Frankel Monatsschrift Jahrg. 1861, 293 aus Raumers historischem Taschenbuch im Jahrg. 1865, 428.


32 Joselin Tagebuch a.a.O. und sein Schreiben an den Magistrat von Straßburg, Revue XIII p. 81, 83.


33 Luther vor den Juden; Vergl. w.u.


34 Hauptquellen über die Auswanderung aus dem Neapolitanischen: Samuel Usque, Consolação III, Nr. 32. Joseph Kohen, Emek ha-Bacha p. 102. G. Ibn-Jachja Schalschelet gegen Ende, und von christlicher Seite Zurita, Annales de Aragon T. VII, Cappacio hist. Neapol. XVII, 87. Die meisten setzten das Faktum 1540, nur Usque ein Jahr später, und sein Datum wird von Widmannstadts Angabe bestätigt, der in seinen Notizen bemerkt hat: Pulsis hoc anno Chri. 1541 Judaeis Neapolitano regno etc. (Orient. Ltbl. 1845 col. 323). – Die Differenz entstand wohl daher, daß einige früher, andere später ausgewandert sind. Der Zeitgenosse Joselin, welcher in derselben Zeit während des Reichstagsabschieds in Regensburg weilte, setzte ebenfalls das Jahr 1541 dafür an (Tagebuch Nr. 32). Über den günstigen Vertrag mit den Juden vom Jahre 1535 vergl. das Aktenstück, mitgeteilt von Kaufmann, Revue d. Et. j. XX p. 39 f.


35 Samuel Usque das.


36 Sie starb 1552.


37 Joselins Tagebuch Nr. 20.


38 Quellen: von Herrmann, Geschichte der Israeliten in Böhmen S. 41 nach Urkunden: Joseph Kohen a.a.O. p. 103. Beide haben das Datum 1542 für die Ausweisung. Gans dagegen im Zemach David I setzt 1541; Usque das. Nr. 35 ein falsches Jahr 1546 und eine andere Motivierung, nämlich eine Beschuldigung des Kindesmordes. Auch Joselin fixiert das Jahr 1542 und deutet an, daß einige Juden hingerichtet worden wären (Nr. 25 םיפרשה םישחנמ .... החותמ התיה ןידה תדמ הבילצ הפירש הגירה יבש םישפש עברא השקה ןידה תדמב .רמ שוריגו


39 Diese Schrift ist wohl untergegangen und nur auszugsweise bekannt durch Ecks »Judenbüchleins Verlegung, darin ein Christ ganzer Christenheit zu Schmach will, es geschehe den Juden Unrecht in Beziehung des Christen-Kinder-Mords,« vollendet Sept. 1541. Gedruckt Ingolstadt im selb. Jahre. Bl. D 4 deutet Eck an, daß der Verf. der Apologie für die Juden »der lutherische Prädikant Hosiander sei.« Über den Vorfall, der den Schriften zu Grunde liegt, s. Aretin, Geschichte der Juden in Bayern S. 44 ff.


40 Eck, Judenbüchleins Verlegung, Bl. N 4.


41 Das. Bl. J führt Eck die Erklärung des judenfreundlichen Verf. von dem Ursprung der Beschuldigung des Blutgebrauches an. Er stamme aus dem Mißverständnis eines hebr. Wortes. Das Wort םימד (Blut) bedeute im Talmud und im Sprachgebrauch der Juden auch Geld (wie im Lat. sanguis). Wenn nun ein Jude von םימד Geld gesprochen, so habe ein Christ darunter Blut verstanden und darum die Juden des Blutvergießens bezichtigt. Der Zeitgenosse Joselin hat dieses Faktum ebenfalls in sein Tagebuch eingetragen (Nr. 24) und dabei bemerkt, daß durch seinen Einfluß der Herzog von Neuburg und die Grafen von Pappenheim, sich der Juden angenommen hätten: םע םג קרובוויט םוכודה םע תובר תולועפב לועפל יתכרצוהו תוריחל ואצי י"הזעבש דע םייהנופאפ םירש. Das Wort קרובוויט ist zu lesen קרובויינ. Auffallend ist es, daß sich einige unsaubere Juden aus Heidelberg von Frankreich gebrauchen ließen, diesen ihren Verteidiger um die Sukzession in der Pfalz vermittelst einer Intrige zu bringen. Vergl. J. Landsberger in Fr.-Graetz Monatsschr. 1883, 379.


42 Siehe Band VIII, S. 67, 95, 259 f., 341.


43 Eck a.a.O. Bl. C 1; E 2.


44 Das. Bl. C 2 b.


45 Zuerst erschienen Wittenberg 1543.


46 Luther, von den Juden Bl. D 4 b fg.


47 Luther schrieb Margaritha die Anschuldigung nach (das. Bl. C b), daß die Juden Christen mit »Sched Willkommen« begrüßen. Ebenso Luthers Tischreden II, Nr. 2927, Ausgabe der Lutherschen Schriften von Irmischer. Nicht Pfefferkorn hat er benutzt, wie ich in den früheren Ausgaben geschrieben.


48 Luther, von den Juden, Bl. V.

49 Das. Bl. G. 2 b. In den Tischreden (II, Nr. 2910) stellte er die unwahre Behauptung auf: »Die Juden, so sich für Ärzte ausgeben, bringen die Christen, welche die Arznei brauchen, um Leib und Gut. Und wir tolle Narren haben noch Zuflucht zu unseren Feinden.. in Gefahr unsers Lebens.«


50 Das. Bl. E 2 fg. J. fg.


51 Das. Bl. K 3.


52 Das. Bl. J 3 unten.


53 Luther, von den Juden, Bl. J fg.


54 Das. Bl. K. Ebenso Tischreden II, 2927.


55 Das. Bl. E 4 b.


56 Auch diese Beschuldigung hat er Margaritha nachgebetet.


57 Luthers Predigten von 1546 in Irmischers Ausgabe von Luthers sämtlichen Werken IV, Band 63, S. 187 fg.


58 Joselins Tagebuch berichtet, daß Granvella dem Kaiser gegenüber die Bemerkung machte: םידוהיה הנה ןירטול םינימ ינהמ תורצ המכ ולבס (Nr. 28).


59 Joselin, Tagebuch Nr. 26. שדוח יתלעפ םימיה ןתואבו תאצל ... רסיקה יבתכ םע אריפשב םג קרובצריוו ק"קב םימי םייובשה. Darauf bezieht sich gewiß das von Wolf mitgeteilte kurze Aktenstück, daß der Kaiser von Speyer aus 3. April 1544 einen Erlaß erteilt hat, worin die Juden von der Beschuldigung freigesprochen wurden, daß sie Christenblut gebrauchten (Maskir I p. 136). Privilegien im vollen Sinne können es übrigens nicht gewesen sein, denn in Nr. 28 berichtet Joselins Tagebuch, er habe außerordentliche Privilegien für die Juden vom Kaiser erlangt, welche ihm im Speyer zugesagt worden wären: אריפשב ויצעויו רסיקה ינחיטבה רבכו וננתתל.


60 Joselin, Tagebuch Nr. 27. Es spricht viel dafür, daß der das. erwähnte שורדל בוטל רוכז בוט שיא םק דע תולשממב םידוהיה קיזחהל ... (םירשהו םיסכודה) םדל םיעטהלו ןורכזל ימור ךלמו רםיקה, Kardinal Farnese war, welcher sich zu diesem Reichstag eingefunden hatte.


61 Zeitgenössische Quellen: Joseph Ibn-Verga, Schebet Jehuda III. Joseph Kohen, Emek ha Bacha 105. Der letztere gibt das Datum 1545.


62 Joselin Tagebuch, Nr. 28 u. הנקמה רפס Katalog Bodl. Neubauer Nr. 2240, p. 737.


63 Revue d. Et. II, 273, V 95 aus Aktenstücken.


64 Das. XIII, 252 f.


65 Vergl. Sadoleti episcopi Carpentracensis epistolae XII, 17; XIII, 3.


66 Respp. Isaak de Lates p. 3. לאומש) הלאה םיחאה יכ םיבורק םירישע הדע יאישנ עורז ילעב (שאקשירק ןאידנובו .םהיפ לע הלשממה לכ רשא תוכלמל


67 Band VIII 3, S. 214.


68 Das interessante Antwortschreiben der Salonicher Gemeinde an die der Provence hat Isidor Loeb aus einer Handschrift mitgeteilt Revue d. Et. XV, 270 f. Es hat die Überschrift: םילשורי תולג וניחא ... ינומא ימולש תוילג לכב רשא und ist datiert:

ארומל י"ש תנש לולא ח"ר ... הצניוורפ (תולילג .l). Mr. Loeb findet es auffallend, daß die Juden der Provence sich damals nach einem Asyl umgesehen haben sollten, da sie doch ein halbes Jahrhundert vorher ausgewiesen waren. Er vermutet daher, daß das Ausweisungsedikt von Ludwig XII. nicht streng durchgeführt worden sei, oder daß später wieder Juden aufgenommen worden wären. Er gibt aber selbst zu, daß sich kein Beleg für diese Annahme findet. Die Korrespondenz kann daher nur von den Gemeinden in Venaissin, Avignon und Carpentras ausgegangen sein, welche unter dem strengen Kirchenregiment Quälereien erduldet und eine Ausweisung befürchtet haben. Sie sind doch in der Tat 1569-70 ausgewiesen worden. Vergl. w.u.


69 Joseph Kohen, das. p. 93-94, 96, 108.

70 Joseph Kohen, das. 108, auch in seiner Chronik p. 135.


71 Die Daten sind in seinen beiden historischen Werken: türkische und französische (richtiger weltgeschichtliche) Chronik ןמטועו תפרצ יכלמל םימיה ירבד, und Martyrologium אכבה קמע angegeben. Das erste vollendet November 1553, ein Jahr später in Venedig ediert; einzelne Partien daraus deutsch und französisch übersetzt und das Ganze englisch von Bialloblotzki 1835-36. Das zweite zweimal umgearbeitet oder vielmehr durch Additamente vermehrt, erste Rezension 1557-58, zweite 1563 und letzte 1575 kurz vor seinem Tode. Es wurde ediert von S. D. Luzzatto und M. Letteris Wien 1852, deutsche Übersetzung von Wiener 1858, französische von Julien See 1881. – Scaligers Tadel gegen J. Kohen wegen dessen Ungenauigkeit, daß er in seiner Chronik nicht einmal die Vertreibung der Juden aus Spanien erzählte, ist ungerecht. Er hatte bei Abfassung derselben schon in petto, dieses Martyrologium zu schreiben, darum hat er die Schicksale der Juden in der Chronik nur gelegentlich berührt. – Er hat auch ein medizinisches Werk von Joseph Alguades (secreta medicinae) aus dem Spanischen ins Hebräische übersetzt, und eben so ein geographisches Werk über die Entdeckung Amerikas aus dem Spanischen: la historia general de los Judios ... que contiene la conquista de Mexico, welches 1552 erschienen. Vergl. darüber, so wie überhaupt interessantes Detail zu J. Kohens Biographie Isidor Loeb, Revue d. Et. XVI 28 f.


72 Chronik p. 129 fg


73 Vgl. Loeb a.a.O. p. 46 f.


74 S. B. VIII Note 1.


75 S. oben S. 212, Anm. 1.


76 Vergl. die Einleitung dazu in der von Wiener veranstalteten Ausgabe, Hannover 1855.


77 Vergl. über die drei Usque, Note 7.


78 S. weiter unten.


79 S. de Rossi, de typographia Hebraeo-Ferrarensi, p. 62 fg.


80 Hebräischer Katalog der Druckwerke in der Bodlejana p. 1686 fg. Die richtige Notiz in schlechter lat. Übersetzung lautet: Ein gewisser Meïr um 1600 machte einen Auszug aus Joseph Karos Schulchan Aruch in spanischer Sprache (Ladino) und bemerkte: mihi notum est, jam ante aliquot annos alium quendam omnes constitutiones usitatas ex םירוט vertisse lingua et scriptura םיזעולה, cujus קתעה non ita pridem Judaeis םיסונא urbe (urbem) שדנאלפ (שירדנאלפ) missum fuisse.

81 Nach Joseph Athias haben 100 kundige Männer an der Ferrarensischen Bibelübersetzung gearbeitet.


82 S. weiter unten.


83 De Rossi a.a.O. p. 28.


84 S. Note 7.


85 Consolação ás tribulações de Israel, vollendet 1552, s. Note 7.


86 Consolação p. 6.


87 B. V., S. 61.


88 Consolação p. 213.


89 Das. p. 229.


90 Consolação p. 230.


91 Das. p. 241.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1907, Band 9, S. 316.
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