9. Isaak Lurja und Chajim Vital Calabrese.

[550] Über diese Begründer der jüngeren Kabbala hat man bisher nur Nachrichten aus einer einzigen Quelle geschöpft, dem Sendschreiben des Schlomel Prosnitz aus Lundenburg, aus den Jahren 1607 bis 1609 (abgedruckt in Joseph del Medigos המכח תומולעת p. 37 ff. und andern Schriften). Diese Quelle erweist sich aber als sehr getrübt. Denn dieser aus Mähren eingewanderte Konfusioniarius hat alles aufgenommen und zurückgetönt, was ihm der oder jener naiv oder mystifizierend mitgeteilt hatte. Wir sind noch imstande, dessen Angaben zum Teil wenigstens zu berichtigen durch Vitals Selbstbiographie, unter dem Titel 'ר יחבש לאטוו םייח, (sine anno et loco gedruckt, aber wohl Ostrog 1826, überdruckt Lemberg 1865 ohne Seitenzahl). Es ist dasselbe Schriftchen, welches Asulai (s.v. לאטיו םייח) unter dem Titel תונויזה 'ס zitiert. Diese Selbstbiographie hat Vital im Alter in den Jahren 1610 bis 1613 geschrieben, und wiewohl er darin meistens Mystifikationen, Visionen, Träume und Aussprüche von Besessenen mitteilt, so schimmern doch zuweilen durch den dichten mystischen Qualm, den er verbreitet, die Umrisse von Tatsachen durch. Auch aus andern Schriften lassen sich Schlomels Aufschneidereien berichtigen. Wenn man diesem Glauben schenkt, so muß Isaak Lurja in einem beständigen mystischen Dusel gelebt haben, ohne sich auch nur einen Augenblick um die Dinge dieser Welt zu bekümmern. Leon Modena dagegen teilt die Nachricht eines Freundes von Lurja mit, eines Jakob Abulafia, daß dieser die von Lurja erzählten Wundertaten in Abrede gestellt, und daß jener noch vor seinem Tode seine Geschäftsbücher durchgesehen habe, םהנ ירא p. 66:."יראהל חאכ ערכ היהש איפעלובא בקעי רבחה םימעפ המכ םג י"ראהשו ולא ויתואלפנמ רופסהמ םלועמ םירבד היה אל רמא .... וילע םירמואש םירבדה םינכ ויה אלש ול רמוא היה אוה בשח ותומ םדוק םימי 'גו הרוחסב קסוע םויה בור י"ראה היהש האנוא שי םאו םכל לחומ ינא םהל רמאו לכה םע תונובשח .םלשנו ואוב םכדעב

[550] In Vitals Selbstbiographie ist Lurjas Todesjahr genau angegeben: 5. Ab 5332 = 1572 (woraus es Asulai entnommen, falsch bei Conforte ג"לש oder korrumpiert). Daß er 38 Jahre alt geworden (Mnemonicon: רועבד תבוח וילע ל"ח) mag richtig sein. Dagegen ist die gewöhnliche Annahme, daß er erst zwei Jahr vor seinem Tode von Ägypten nach Palästina, d.h. Safet, übergesiedelt sei, unrichtig. Zwar erzählt das nicht nur Schlomel, sondern auch Vital (Selbstbiographie p. 6): 5330 = 1570 habe ihm eine Kartenlegerin verkündet, Ende dieses Jahres werde ein großer Weise vom Süden nach Safet kommen und ihn in der Kabbala unterweisen: הנשה הז ףוסב אבי לודג םכח .. ל"ש (תנש) ןכו .(הלבקה תמכח) ךדמלי אוהו םירצמ ומכ םורד דצמ תפצל םירצמ ןמ ל"ז ירומ אב איהה הנשבש היה. Es ist aber an sich kaum denkbar, daß Lurja in der kurzen Zeit von kaum zwei Jahren in Safet so viele Jünger geworben haben sollte und einige später von sich weisen wollte, oder gar, daß Vital eigentlich nur ein halbes Jahr mit ihm verkehrt hätte, was auch Asulai auffallend findet. Vital widerspricht sich selbst an einer andern Stelle der Selbstbiographie (p. 11 b, 13 a), wo er einen Traum von 1566 erzählt und dabei bemerkt, zwei Jahre später sei Lurja in Safet eingetroffen: ו"כשה הנש 'ג רחא ... םולחאו היכבה ךותמ יתמדרנ .. הכונחל 'ה תבש ליל הז רחאו ץקיאו ... םולח הנהו ןשיאו לודגה תבש ליל םישדח ומע יתדמלו תפצל יזנכשאה ל"ז ירומ אב םימי םיתנשב. Das wäre also 1568. Auch aus einer Andeutung Joseph Karos in seinem Visionsbuche Maggid (zu אבה יכ) geht hervor, daß Isaak Lurja noch vor 1569 in Safet war und damals bereits dort einen bedeutenden Ruf hatte. Seine Inspiratrix, die Mischnah, verkündet Karo nämlich im Jahre 1569, sie werde ihm beistehen, daß er tiefer in die Kabbala eindringen werde, »als das Haupt in Meïron«: ט"כשה תנש לולא ו"טל רוא שארהמ רתוי הלבקה תמכחל דרילו .... ךדעסב ירמימ אהו ... ךנימ ףלימל יתיי אוהו ןורימבש. »Das Haupt von Meïron«, das sich zu Karo verfügen werde, um von ihm die Kabbala zu lernen, kann in diesem Zusammenhange und in dieser Zeit nur von Isaak Lurja verstanden werden. Lurja hielt sich mit seinem Jüngerkreise öfter in Meïron, dem wahren oder angeblichen Grabe Simon ben Jochaïs, auf, wie Isaak Sarug und Schlomel tradieren. In diesem Orte glaubte er sich mit der Seele des angeblichen Autors des Sohar in nähern Rapport setzen und sie auf sich herabziehen zu können. Daraus folge, daß Lurja 1569 bereits in Palästina lebte. – Die Lurjanisten haben freilich das Entgegengesetzte behauptet, Karo habe Lurjas Kabbala gar nicht begreifen können, sie sei für sein Verständnis zu tief gewesen (bei Schlomel).

Es wäre töricht, alle Extravaganzen bei Schlomel zu berichtigen, nur einige Punkte dürften von Interesse sein. Derselbe gibt nämlich an, Lurja habe zehn Jünger um sich gehabt. Die Zahl ist falsch. Vital spricht in der Selbstbiographie (14 b) von Jüngern zweier Ordnungen oder Rangstufen (רינשו הנושאר תכ). Er teilt auch die Namen der Lurja-Jünger erster Ordnung mit (23 b): 1. Elia Falcon (den Imanuel Aboab Nomologia p. 31: el excelente señor Eliah Falcon nennt); 2. Joseph Arzin; 3. Jonathan (vielleicht Joseph) Sagis; 4. Gedalja Levi; 5. Isaak Kohen Aschkenasi; 6. Samuel Uceda; 7. Abraham Gamaliel; 8. Sabbataï Mose; 9. Jehuda Mascha'n; 10. Joseph Ibn-Tewil Maghrebi. Diese mit Vital wären schon elf, dazu kommt noch 12) Israel Sarug (גורס und קורס), der Hauptverbreiter der Lurjanischen Kabbala in Europa, der Lehrer Abraham Herreras und anderer. In der Schrift über die Seelen-Emigration (םילוגלג), [551] wo der mystisch-psychische Zusammenhang sämtlicher Lurjajünger, als einander in der höhern Sefiraordnung ergänzend, betont wird, scheint eine Zwölfzahl der Jünger, den zwölf israelitischen Stämmen entsprechend, angenommen zu sein, oder sogar zwei Klassen von je zwölf. Vital spricht selbst von neun anonymen Genossen und noch dreien: יניאו ול םימדוקה םירבח 'ט .םרדס ןכ יכ יתנבה .. ירומ רדסש רדסש יפכ ךא רדסה עדוי ר"רהמ כ"חאו גורס לארשי 'ר ברה כ"חאו ריעצה ינא הלחת ןהכה קחצי 'ר כ"חאו (ןיזרא .l) ןומא. An einer anderen Stelle (Selbstbiographie 14 b) bemerkt Vital, daß um 1610 von den Lurjajüngern erster Ordnung außer ihm nur noch drei am Leben waren, nämlich Nr. 4, 7 und 9. Als Jünger zweiter Ordnung nennt er das.: 1. Jom-Tob Zahalon (um 1580 noch jung, nach dessen Responsen Nr. 31, 33); 2. David Kohen; 3) Isaak Crispin; 4) Joseph ףרטלא (wohl םרטלא); 5) Jehuda Uriel; 6) Ismael Levi Aschkenasi. Außerdem wird noch in Vitals םייח ץע ירפ genannt: לז י"ראה יפמ יזנכשא ןועמש 'הכ ודימלתל. Von einem der Jünger erzählt Vital sehr naiv, er habe nicht genügend an seinen Meister geglaubt (das. 23 b); בוט ובור היה ןהכה קחצי 'ר אלו תרחא הביס קר ירומב הנומאה ןורסח ינפמ אלו קפס וב שיו .ושרפל (ירומ) הצר

Auch über Lurjas kabbalistische Hinterlassenschaft haben Schlomel und Andere, und wie es scheint, Vital selbst in besonderer Absicht allerlei Mystifikationen verbreitet. Sie behaupteten, Lurja habe gar nichts Schriftliches hinterlassen, mit Ausnahme einer kurzen Einleitung. So ein Jünger Vitals, Chajim Kohen aus Moßul (םייח רוקמ Einl.): תלוז י"ראה בתכ אל םלועמ םיקידצה םע רשק ןינעל תחא המדקה, und er gibt an, dieses von Vital selbst gehört zu haben. Dagegen zitiert der außerhalb dieses Kreises stehende Kabbalist Elieser Askari (םידרח p. 66 a) ein handschriftliches Werk von Lurja unter dem Namen תודמ תיב. Ferner haben die Vitalisten ausgesprengt, Lurja habe vor seinem Tode befohlen, daß Vital sämtliche schriftliche Aufzeichnungen seiner Jünger ihnen abnehmen solle, was er auch getan, so daß er im Alleinbesitz der Lurjanischen Kabbala geblieben sei. In der Selbstbiographie und in der Einleitung zum םייח ץע läßt sich Vital angelegen sein, die kabbalistischen Traditionen seiner Mitjünger zu verdächtigen: םהל ובתכ ונירבחמ תצק יכ עד םירבדה ובתכ םלוכו ומש לע ותלוזו ירוממ ועמשש הממ םירפס ךירצו םירפסה ולא לע ךומסל ןיא ןכל ... ןוערגו תופסותב ןהמ קיחרהל. Über den Schwindel, der mit den Lurjanischen Schriften während Vitals Krankheit getrieben wurde, vergl. Asulaï םילודגה םש s.v. Chajim Vital Nr. 21. Auch das ist Mystifikation. Denn wir besitzen Lurjas kabbalistische Theorien auch durch ein anderes Medium, nämlich durch Israel Sarug; sie haben ihren Niederschlag in den kabbalistischen Schriften des Abraham de Herrera gefunden, und sie differieren durchaus nicht von dem System, welches durch Vital und die Vitalisten bekannt geworden ist. Aber darin haben die Vitalisten wohl Recht, daß Vital selbst nichts Eigenes in der Kabbala aufgestellt, sondern nur Lurjas Traditionen treu wiedergegeben hat; er war auch gar nicht der Mann der Erfindung, sondern der Ausbeutung und Verwertung. Man darf also sämtliche Schriften, die entweder unter dem Namen Lurjas oder Vitals kursieren, dem ersteren vindizieren; nur Form und Einteilung gehören Vital oder seinem Sohne Samuel an. Die Schriften sind gedruckt und handschriftlich in großer Menge vorhanden, oft dasselbe unter einem anderen Titel oder einem anderen Gusse. Man kann sie ihrem Inhalte nach in fünf Rubriken bringen; sie sind in den Sammelschriften Vitals םייח תורצוא (seit 1772 gedruckt) und in andern Partien enthalten.

1. Die abstrakte Theorie der Lurjanischen Kabbala, die Lehre von den [552] Personen oder Stufen, ןיפוצרפ der Sefirot, einer Art Prosopopöie, von der Verbindung und Trennung derselben (גווז und הריסנ) und anderen abenteuerlichen Distinktionen. Die Lurjanisten behaupten selbst, daß die Lehre von den Prosopen den älteren Kabbalisten unbekannt war: וירבחו ן"במרה .םיפוצרפ ינינע ולג אלו תוריפס 'י קר וריכזה אל

2. Die Auslegung und Kommentierung der heiligen Schrift, der Agada, namentlich des Traktats Abot, auch der Halacha, des Buches Jezira, des Sohar und seiner Teile, besonders der beiden Idra und des ארפס אתועינצד nach dieser Theorie. Diese Rubrik führt den allgemeinen Titel: םיטוקל oder םישורד.

3. Die Theorie von der Metempsychose und der Superfötation (רובעו תומשנ ילוגלג), ein Hauptbestandteil, wo nicht der Mittelpunkt der Lurjanischen Kabbala, enthalten in den Schriften unter dem Titel פילוגלג.

4. Die Anwendung der Kabbala auf die Gebete, Ritualien, Fest- und Fasttage unter dem Begriffe תונוכ oder תוצמ ימעט.

5. Neue Ritualien oder Modalitäten, welche Lurja vermöge seiner kabbalistischen Theorie eingeführt oder sanktioniert hat. Sie haben radikale Autorität erlangt, und die Spätern haben davon einen Kodex zusammengestellt: י"ראה לש ךורע ןחלש; eine Partie derselben bildeten die Ritualien und Zeremonien für den Sabbat: תבש ינוקת. Die von Lurja eingeführte kabbalistische Askese heißt י"ראה ןוקת. – Es lohnt sich nicht, kritisch den mystischen Qualm zu analysieren, den die Lurjanisten über die Erhaltung der Vitalschen Schriften verbreitet haben, wie sie zuerst geheim gehalten, dann kopiert, vergraben, entdeckt und ans Licht gezogen worden wären. Für die weitere Entwickelung der Kabbala, wie sie den Sabbataïsmns und Chaßidismus aus sich erzeugt hat, welche beide eine feindselige Stellung zum Rabbinismus einnahmen, ist es nicht überflüssig, anzuführen, daß der Keim dazu in der Lurjanischen Theorie liegt. Dem Talmud wird darin eine niedrige Stufe angewiesen. Wie Joseph Ibn-Kaspi die Philosophie höher als den Talmud stellte, und diese als die »Seele«, jenen als den »Körper« bezeichnete, ganz ebenso brachte die Lurjanische Mystik den Talmud in ein untergeordnetes Verhältnis zur Kabbala. »Wer den Talmud nicht mit Erfolg betreiben kann, soll ganz davon lassen und sich ausschließlich mit der Kabbala beschäftigen« (Einl. zu םייח ץע): ךירצ (הלבקה תמכח) תאז המכחב םידמולה ונחנאו ןויעב תעגמ םלכש דיש המ לכ דומלתו הנשמו ארקמ ודמליש ףוגכ םוקי אל הו אלב הז יכ .תופילקה רבשל םיצורתו תוישוק ,ארמגה קסעב חילצמ וניאש דומלב ןחכש אוהש ימו .המשנ אלב הלבקה תמכחב קוסעיו דומלתהמ ודי חיני. Die niedrige Stellung, welche die Lurjanisten dem Talmud anwiesen, zeigt sich auch in ihrer Klassifikation der Fächer, nächst der Bibel zuerst die Kabbala und dann unter ihr Mischna mit Talmud: אליעמ םוי לכב הרותה תועיבק דומלת הנשמ הלבק םיבותכ םאיבנ הרות :אתתל (Jakob Zemach: י"רא תונוכ oder הוצמו דיגנ p. 33 a).


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1907, Band 9, S. 550-553.
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