I. Abraham Miguel Cardoso.

[460] Sasportas hat auch über Cardoso eine authentische Relation hinterlassen; die Editoren des יבצ לבונ תציצ haben jedoch das darauf Bezügliche weggelassen (vgl. Antisabbat., p. 40 b, 47 a). So ist in den gedruckten Quellen nur wenig über ihn enthalten. Cardoso ist aber ein sehr wichtiges Mittelglied zwischen Sabbataï und den Späteren, seine kabbalistische oder theosophische Theorie hat bei den offenen und verkappten Sabbatianern Glück gemacht. Selbst Eibeschütz hat sie gekannt und benutzt (s. weiter Note 7). Cardosos Schriften geben erst das rechte Verständnis für das Treiben der Sabbatianer. Ich war so glücklich, durch Gefälligkeit literarischer Freunde in den Besitz von Schriften zu gelangen, die von Cardoso stammen oder gegen ihn gerichtet sind, wodurch sich – mit Hilfe einiger Kombinationen – seine Biographie und seine Theorie zusammenstellen lassen. Cardoso hat sehr viel zusammengeschrieben, und ich werde weiter unten ein Verzeichnis seiner Schriften geben; aber es sind fast alle, soviel ich ihrer gesehen, Wiederholungen eines und desselben Themas und daher von geringem Interesse. Die für seine Biographie wichtigen Schriften sind:

1. Cardosos Sendschreiben (in Ms. Halberst. A., Bl. 113-119, s.o. S. 432, 4); es ist unterschrieben: ה"הלז ילופירטמ וזודראק םרבא ’רהמכמ תרגא. Wie sich weiter zeigen wird, ist es an seinen Bruder Isaak (Fernando) Cardoso, Arzt und Philosoph in Verona gerichtet.

2. Sein Sendschreiben an das Rabbinat von Smyrna im Jahre 1668, Perikope ךתולעהב = zwischen 10.–15. Siwan, an ,יזאגלא המלש ’ר יתשנבנב םייח ’ר ברה ןהכה םהרבא ’ן המלש ’ר und הבלא יד קחצי ’ר gerichtet. (Ms. Halberst. Anfang). Es ist zwar daselbst anonym (nämlich am Ende defekt), aber es hat denselben Gedankengang wie das vorige und ist in der folgenden Quelle ausdrücklich als von Cardoso stammend erwähnt.

[460] 3. Eine gegen Cardoso gerichtete polemische Schrift unter dem Titel שדק תבירמ רפס (Ms. Halberst. B., Bl. 67-69 defekt am Ende, vollständig in der Günzburgischen Sammlung). Diese Schrift enthält sehr viel Biographisches, das Titelblatt sieht aus, als wenn sie gedruckt wäre. Es lautet: אוהו שדק תבירמ ’ס םהילהאב חוח ישנא םישנאהו םשה לולח ינפמ םיפנחל םוסרפ ןטלש ךלמה ונינודא בר ךלמ תירק הניטנאשוקב ... ידי השעמ םהילע אי"שנ דו"ד יד"בעו תנש דמחא = d.h. gedruckt in Konstantinopel 1707, ein Jahr nach Cardosos Tod. Der Verfasser war Elia Kohen; darauf machte mich H. Senior Sachs in Paris aufmerksam, daß nämlich der wiederholt verschlungene Name auf dem Titelblatt unter den Worten ידי השעמ zu lesen sei: ןהכה הילא. Verfasser war vielleicht der Smyrnaer Prediger dieses Namens (Elia ben Abraham Salomo ha-Cohen), Verfasser vieler Schriften, auch des populären רסומ טבש, st. 1729 (vgl. Asulaï I, p. 22). Redigiert ist diese Polemik von Jom-Tob Roman, Sohn des Isaak Roman, der auch ein kurzes Vorwort dazu gegeben םוי תופסות ’ן ןאמור קחצי ר"המכב ןאמור בוט םוי ... רפסה ירבד לכ לע בוט ה"הלז ידוקב. Dieser Herausgeber erwähnt, daß er mit Cardoso oder seiner Sekte in enger Berührung gewesen sei, und dankt Gott, daß er ihn vor dieser Ketzerei geschützt habe. Er will eine polemische Schrift gegen Cardoso unter dem Titel ’ה תאנק geschrieben haben.

4. בתכה, die Schrift oder Sendschreiben an Samuel de Pagas; es ist das von N. Brüll edierte Ms. aus der k.k. Wiener Hofbibliothek (oben S. 431, 3). Verfasser ist Cardoso, und man ist imstande, Ort und Zeit seiner Abfassung genau anzusetzen. In der Schrift תבירמ שדק, Bl. 15 b heißt es nämlich, nachdem das abenteuerliche Leben Cardosos Schritt für Schritt verfolgt worden ist, רשא שיאמ לאשנ ואיש ריעב (וזודרק) ותויהב תאזו .ךובנ היה תודחאה תנומאבו ךורכ היה יבצ יתבש ירחא רסמ רשא תוהלא דוסב ךובנ התא ... הלמב הלמ הלאשה תבושת .הכב רמוא הזו הכב רמוא הז בר ףולחב ותוא תעמש יכ ה"רימא

רמאש וינפמ חרבו תפנצמ ותוא שיבלה רשא יד"רה דחאה .(תראפת) ת"תה תדמ תויה ינפמ לבקש

ובו לכה אוהש היוהד ’ו תויה ויפמ עמשש ןהכה השמ ’ר ’בהו .לכה

.ול המוד דחא רוחב ה"בקה םיבר םישנא ינפל רמאש ’גה

ט"תמל איה הדובעה תולגבש לבקש רמאש רוראה ןכוד ’דה .(ןורטטמ)

ומוקמל הלע ץ"שו הלעתנ ה"בקהש םיברב הטשפתנש ’הה ךבל לא בישת הז ךא ... ויתחת דוד ןב חישמל סנכנ דחא עגושמו יכ ו"ח תוריפכ םוש אצי ה"רימא לש ויפמש ןימאהל יואר ןיאש קתע קידצ לע ירבד יגאלאפו ןכוד.

Man vergleiche damit die ersten drei Seiten der Schrift בתכה in der Zeitschrift שרדמה תיב (p. 64-67), und man wird die Identität derselben mit dem hier angegebenen Auszug bestätigt finden. Diese Schrift hat die Tendenz, der Ansicht der Ultrasabbatianer entgegen zu wirken, welche ihn zum Gottmenschen gestempelt hat (s.o. S. 450). Diese Identität wird noch durch ein Moment konstatiert. In der gedruckten Schrift heißt es, der Verf. habe eine besondere Abhandlung gegen die Blasphemie Duchans geschrieben (p. 65) הריפכה לטבל תויפיפ ברח שורד ךילא יתחלש רבכו .(ןאחור לש תריפכ תאזה

Nun zitiert das שדק תבירמ unter zehn Schriften Cardosos בקעי םלוס שורד und תויפיפ ברח שורד (Bl. 13 b); auch אשידק אמש שורד. Und auf diese beruft sich das Ms. der Wiener Bibliothek (s. ה"ב das. p. 141): ’סב יתמדקהב וילע יתזמר רשא ... אשידק אמש שורד. Kurz es ist kein Zweifel, [461] daß das polemisch-apologetische Sendschreiben an Samuel de Pagas von Cardoso stammt, und zwar hat er es auf der Insel Chio im hohen Alter, als Siebziger, um 1700 verfaßt, als sich bereits die sabbatianisch-türkische Sekte der Donmähs gebildet hatte (s. weiter unten), gegen welche die Schrift eben am heftigsten polemisiert.

Ehe an das biographische Detail Cardosos gegangen wird, muß ein Punkt festgestellt werden, daß er nämlich Bruder des berühmten Arztes und Philosophen Isaak (Fernando) Cardoso war. Dieser Umstand wird aus der Angabe des Zeitgenossen de Barrios bestätigt (Relacion de los poetas, p. 55, 56): El doctor il poeta Ishac Cardoso que en Madrid se llamó Fernando Cardoso ... Su hermano Abraham Cardoso, medico del Rey de Tripol, formó el libro de Escalade Jacob y otras obras que le acreditan de gran poeta, Jaxam y Cabalista. Wir haben bereits erfahren, daß der Sabbatianer Cardoso diese »Leiter Jakobs«, םלוס בקעי, verfaßt hat; es scheint seine erste Schrift gewesen zu sein: sie war noch vor 1686, vor de Barrios' Ende, bekannt geworden. – Ferner erzählt das Werkchen שדק תבירמ, sein Bruder habe diesen Sabbatianer Cardoso nicht leiden können (Bl. 14 a): ברה ויחאש ובהא אל םלועמ ושודראק קחצי ’רהמכ יהלאה ףוסוליפה לודגה םולשל ורבד לוכי אלו. In der Tat bildeten die beiden Brüder einen vollen Kontrast in ihren Anschauungen. Abr. Miguel Cardoso war durchaus Schwärmer, wenn wir seine Narrheiten nicht als Mystifikationen annehmen wollen, Isaak dagegen ein nüchterner Forscher. Als solchen erweisen ihn seine Schriften Las excelencias y calunias de los Hebreos und das voluminöse lateinische Werk Philosophia libera über Kosmogonie, Physik, Medizin, Naturwissenschaften, Philosophie und Theologie. In diesem Werke sprach J. Cardoso seine Antipathie gegen die Kabbala entschieden aus (p. 176): Tria sunt fatuorum et insipientium genera, quos nescio an magis risu, an commiseratione digni sint: Alchimistae, Astrologi et Cabalistae, quolibet in suo mundo delirante ... Cabalistae in Angelico, seu intellectuali ... insaniunt ... Neque illam sugillamus Cabbalam, quae ex majorum traditionibus ora, divinorum praeceptorum observationem investigat, sed quae mundi intellectualis arcana et sacras divinitatis ideas aut influxus intelligere aut patefacere praesumit. Das. p. 102 macht sich Isaak Cardoso über die kabbalistisch-pythagoräische Seelenwanderung lustig. Kurz, er war ein entschiedener Gegner der Kabbala und daher auch seines mystischen Bruders.

Von diesen zwei Brüdern Cardoso gilt, was Sasportas (Antisabbatiana, p. 40 b) erzählt, daß während Nathan Ghazatis Aufenthalt in Livorno (1668) eine Schrift von einem Arzt in Tripolis an seinen Bruder, Arzt in Verona, über Sabbataï eingelaufen sei, obwohl die Namen nicht genannt sind: שיאמ דחא בתכ אב ... םינשב לודג דרפסמ אב אוהו ילופירטב רדש לילא אפור םש היהו תודהיל אב כ"חאו ... השודקב אלש ותדילו ותרוה תיב ול הנבש דע דנו ענ םשמו םירצמל ול ךלהו ונרווילב ןתנ תאובנ םייקו ... איבנ ומצע השע תועומשה ןמזבו .ילופירטב .םינימאמ יתלבהמ היה אוהו אפור ב"ג אנוריובש ויחאו .וחישמו וילע ץצולתמכ בתכ ול בתכ ילופירטבש ויחא יעותעת ועמשבו דרפסב םתויהב םינומדק םימי ול ריכזמ היהו ... ויתומולח לעו ריע תוצוחב לבנו רונכבו הואתה ןסרל חלושמ אבנתמה הז היהש חלשיש וירבד ללכבו ... והומכ םיחלושמ םע תולילב ד"ירדאמ התיה תאזו .תמא םה יכ תוא המו םהה תועומשה םויק ול םעמשל רוסאש תוריפכ ירבדב ותבושת. [462] Der Bruder in Tripolis war Ab. M. Cardoso, der andere in Verona I. Cardoso. In dieser Partie besitzen wir einen Teil der Biographie des ersteren. Das Sendschreiben, von welchem Sasportas erwähnt, daß es zur Zeit von Nathans Anwesenheit in Livorno eingetroffen sei, ist eben das Nr. 1 erwähnte. Es ist also, wie oben angegeben, an seinen Bruder, an Is. Cardoso gerichtet. Es beginnt: ךילא יתחלשש המש תנמאה (אל) רשא ןעיו ךלש תרגאה יתלבק תלאשש המ לכ ךל דיגאו ךנורסח אלמא ,תמא ונחישמ ןינע לע ףדוגמו ףרוחמ ונרוויל ריעב יתויהב םינש העשת םויהמ םג .ינממ יתלוכי אלו םימעפ י"ט ומכ יתיבב רוא הלגנ ןישק ןירוסיב םג ןמ יל דגוה ד"כת ’ה תנשבו .תאזה ריעל יתאב כ"חא ... ןיבהל חישמה ךלמ תולגתהל דיתע ... ה"כת ’שבש םימשה. – Hiermit sind wir in Cardosos Biographie eingetreten. Nehmen wir noch dazu den Anfang derselben aus der Schrift שדק תבירמ (Bl. 4 a); mit der Vorbemerkung, daß der Verf. derselben ihn meistens mit דמא »Dorn« (auch חוח, בוכ und שומיק) = Cardoso bezeichnet, היה שיא םישונעה םידוהיה ערזמ םישדחה םירצונהמ לאגותרופ תוכלמב םשו ריטצנ איציניו ריעלו ... ןידטאו ןיבוכ תחפשממ (?םיסונאה) ... םיבגע יריש רבחלו ... שוריתו ןיי תונז ול תישאר אריו ריגתנ לע םש ול האופרה תמכחבו ... לפטנ תומכחב ןכ םג דומלל ףא העושי אצמ ונרוביל ריעבו ץוח ינפ. Ehe wir indes weiter gehen, müssen wir die chronologischen Anhaltspunkte für seine Biographie feststellen. Gestorben oder vielmehr ermordet worden ist Cardoso 1706. Das deutet die polemische Schrift öfter an (Bl. 16 a), Cardoso habe zuletzt das Erlösungsjahr auf 1706 geschoben, ohne zu ahnen, daß dieses Jahr ihm den Tod bringen werde, יכ עדי אלו (ו"סת) ו’נ’ת’י’ םש ןויצ ולצא הנבו אוה ושפנב; das. b: ד’ס’ח השועו תנשל הלואגה דעיו ותיב ךותמ הער ’ה םקיו (ו"סת) ו’ח’י’ש’מ’ל’ (vgl. weiter unten). Damals stand er bereits in hohem Greisenalter und war über 70 Jahre. Bl. 14a heißt es, ןבכ אוה ירה הנש םיעבש und 16a: ובישמ דואמ דבכ םהרבאו. Nehmen wir an, er sei 76 Jahre alt geworden, so ist er um 1630 geboren. Damit stimmen die übrigen Data. In seinem Sendschreiben an seinen Bruder gibt er selbst an, daß er 9 Jahre vorher noch in Livorno war, d.h. von 1668 zurückgerechnet, also um 1659. Einige Zeit vorher war er bereits aus Spanien ausgewandert und in Venedig zum Judentum zurückgekehrt, d.h. zwischen 1650-1659. Denn wir müssen ihm einige Zeit als Jüngling in Madrid lassen, um unter den Balkonen den Damen Serenaden zu bringen.

Wie dieser den Liebeleien oder, wie seine Polemiker sagten, den Lüsten ergebene junge Mann zur Kabbala und zur Schwärmerei gekommen ist, ist ein psychologisches Rätsel, das nicht leicht gelöst werden kann. Der Verfasser der polemischen Schrift meint, er habe erst in Tripolis die Lurjanischen Schriften gefunden, sich darin vertieft und sie sogar als seine eigenen ausgegeben (שדק תבירמ Bl. 4 b): ואב (ילופירטב) םשו ראפתהלו ומש לע םסחיל ליחתהו י"ראה ברה יבתכמ תצקמ ודיל םב. Indessen gibt Cardoso selbst an, er habe bereits in Livorno vor seiner Übersiedelung nach Tripolis Visionen gehabt. Viel wahrscheinlicher ist es daher, daß ihn Mose Pinheiro in Livorno in die Kabbala eingeweiht hat. Dieser erste Jünger Sabbataïs war nach dieser Stadt geflüchtet (o. S. 436). Hier hatte Cardoso Unterredungen mit ihm (Sendschreiben an de Pagas a.a.O. Anf.), םע יל היהש תקולחמה ךלצא ידמעב תיאר רבכ י"תה תנש לבק אוהש ורייניפ השמ םלשה םכחה. Diese Unterredung kann nicht während Cardosos [463] zweiten Aufenthaltes in Livorno stattgefunden haben; denn in dieser Zeit wurde er von den Vorstehern der Livorner Gemeinde förmlich in Gewahrsam gehalten, und niemand wurde zu ihm gelassen (w.u. S. 465). – Jedenfalls ist die Elastizität von Cardosos Geist bemerkenswert. Er, der Dandy, der Lüstling, hatte sich so sehr in die Kabbala hineingelesen, daß er ihre Formeln meisterhaft zu gebrauchen wußte. Sein hebräischer Stil ist klar und gefällig. Er schrieb besser hebräisch als mancher Rabbiner jener Zeit.

Fahren wir in der Skizzierung seiner Biographie fort. Vom Herzog von Toskana wurde er dem Bey Othmann von Tripolis als Leibarzt empfohlen (Polemik Bl. 4a): תואופרל לופירט ריעל ותוא עיסה ריעה סכוד ריעה רש אשאפ ןאמצע. Daselbst ist auch angegeben, daß er nebenher auch Geldgeschäfte gemacht habe. Wie er in seinem Sendschreiben Nr. 1 angibt, habe er bereits 1664 eine Offenbarung gehabt, daß der Messias bald erscheinen werde. Solche Offenbarungen hätten mit Sabbataïs Auftreten bei ihm und seinen Hausleuten zugenommen. Sabbataïs Apostasie machte ihn nicht wankend, ja er hielt diesen Abfall gerade für ein bewährendes Zeichen der Messianität, wie er in dem Schreiben an seinen Bruder, an das Rabbinat von Smyrna und andere sophistisch auseinandersetzte (Polemik Bl. 4 b): רתסלפ תורגא (ק’מ’א’) כ’ג בתכ םהה םימיבו הנומאה הנומאה קזחל רתאו רתא לכב ידו רימזא ריע ימכחל רתסו סרה השמ תרות רשא רחא צ"שב. Mit Nathan Ghazati stand er in Korrespondenz (das.): ןתנל בתכ רשא תרגאב יתעדוהו תמא יהלאל יתעדיש םימיו :ל"זו יתע שיא די לע יתזעה יהלא אוה ה"רימא צ"ש יהלא יכ הדובעהו תוהלאה דוס םיברב לאכימ םהרבא. Seine Haupttheorie läßt sich in nuce zusammenfassen; die Gottheit bestehe aus zwei Personen, der ersten Ursache הנושאר הבס (ר"ס) und dem von ihr emanierten Prinzip alles Lebens und aller Tätigkeit, einer Art Inkarnation der Gottheit; dieses sei der Gott Israels. Alle Völker und Philosophen hätten in Verblendung die erste Ursache angebetet, obwohl sie in reiner Geistigkeit unbegreiflich, ohne Willen und Tätigkeit sei. Der Patriarch Abraham habe zuerst die zweite Person in der Gottheit, das erste causatum der prima causa, ןושארה לולעה, erkannt, und diese sei die eigentliche Weltschöpferin und Erlöserin Israels, sie habe die sinaitischen Gesetze gegeben. Die Sündhaftigkeit Israels habe darin bestanden, daß es von dieser Wahrheit wieder abgefallen sei, entweder mit den Philosophen die erste Ursache oder mit den Polytheisten die niederen Kräfte angebetet habe. Cardoso pflegte dafür den Vers II. Chronik 15, 3 םיבר םימיו ’וגו תמא יהלא אלל לארשיל anzuführen. Um diese Sünde zu büßen, müßte ganz Israel dem Götzendienst verfallen und von Gott ganz abfallen. Allein Gott habe es so veranstaltet, daß der Messias S. Zewi diese Buße für ganz Israel übernommen habe; daher habe er zum Islam apostasieren müssen. Darauf bezieht sich das 53. Jesaianische Kapitel, das nur christologisch oder messianologisch zu deuten sei. Es weise auf S. Zewi. – Soweit der Hauptinhalt seines Sendschreibens an seinen Bruder und an das Smyrnaer Rabbinat. Seine Theorie vom Dualismus bildet den Inhalt seiner zahlreichen kleineren und größeren Schriften. In Car dosos Dualismus steckte aber auch eine Art Trinität.

Sein Verhältnis zur Messianologie scheint sich allmählich entwickelt zu haben. Zuerst warb er für Sabbataï als den Davidischen Messias, sich selbst nannte er den Ephraimitischen; er unterzeichnete א"במ ק"מא d.h. םירפא ןב חישמ וזודרק לכימ םהרבא Messias sei derjenige, welcher den wahren Gottesbegriff [464] lehre und verbreite, und da er ihn als den tätigen Gott Israels zum Unterschiede von der von aller Welt angebeteten aber passiven prima causa gefunden zu haben glaubte, so sei er der Fortsetzer Sabbataïs. Er gab vor, zwei Male an seinem Körper zu haben, welche Zeichen des Messias seien (Polemik Bl. 14 a): םינמס ינשש ראפתמ אוה םהו ותלרע שאר לע רשב תלביו ינזא ירחא תוזח ןרק ... ופוגב חישמ ינמס םה. Außerdem will er allerlei Visionen gehabt haben, und der Gottesname habe vor seiner Stirne gestrahlt (Bl. 16a) םיברל עדונכ וחצמב ה"יוה םש אציו. Von Jahr zu Jahr prophezeite er die baldige Erlösung Israels und ganz bestimmt auf Neujahr = 11. September des Jahres 1673. Sasportas berichtet darüber 1673 (Antisabbatiana 47 a): םיכחמו םיפצמ שי ןידע אפורה שדחמ ררועתנש המ יפכו (צ"ש) רמומה הז לש ותעושתל (אקירפא ירעב) םישועש רקשה איבנ ילופירטבש וזודרק לילא ףוסל םחיטבהש וירבדל ושחו ... ןתנ ירבדמ רתוי וירבדמ רקע היולג היהת ד"לת ’ה תנש לש ה"ר לשו םינפ לכ לע וז הנש תמסרופמו. Cardoso hatte Anhänger, aber auch Gegner. Er selbst berichtet in seinem Schreiben an seinen Bruder, daß ein gewisser Abraham Nuñes ihn beim Bey so sehr angeschwärzt hätte, daß sein Leben in Gefahr gewesen sei (Nr. 1, Ms. Halberst. A., Bl. 114 b): אציו םר לוקבו ... סאינונ םהרבא ומש הטוש עשר רפוכ שיא ולכשמ יתייהו ... יתיב לע ילע םירבד םילרעלו םידוהיל םימרגותל רמא לודג דובכב יתראשנ ינאו ... יתוא גורהל הצר ייבהו ... הנכסב רתויו רתוי. Durch den Eifer eines gewissen Isaak Lambroso wurde er endlich aus Tripolis verbannt (Polemik, Bl. 4 b, auf diese Quelle sind wir von jetzt an allein angewiesen), ... (ילופירט) ריעה ילודגמ דחא רשא דע ונומממו וסיכמ איצוה םיערה וישעמ ותוארכ ... וזורבמל קחצי ומוקמ רעשמו וריעמ והשרגיו בר ןוה.

Wahrscheinlich geschah dies nach Sabbataïs Tod 1676, als sich Cardoso immer mehr als Messias fühlte und sich offenbarte. Hiermit beginnen seine Abenteuer, die erst mit seinem Tode endeten. In Livorno, wohin er von Tripolis über Tunis mit seiner zahlreichen Familie gekommen war, hielten ihn die Vorsteher in Gewahrsam, damit er die Schwachen nicht mit seiner Wahntheorie verführe, bis ein Schiff nach dem Orient absegelte (Polemik שדק תבירמ, p. 4 b): יסנרפ ךא ורגס תלדהו המא ’ג הובג בשומ תיב ול ונתנ ... (ונרוביל) ריעה רשא דע ... לכשה ישולח ינזאב וירמא וקדצי אל ןעמל וירחא רימזא ריע ףוחל ... הניפס הנמדזנ. – Von da aus begab er sich nach Smyrna, in der Hoffnung, unter den dortigen Sabbatianern eine Rolle spielen zu können, und fand in der Tat einen zahlreichen Anhang (das.): םשו תיראש תטילפ הב רשא ... חונמ ולגר ףכל ח"וחה אצמ (רימזאב) צ"ש ינימאמ. Unter anderen fand er einen fanatischen Anhänger an einem Sabbatianer Daniel Bonafoux (das.): סופאנוב לאינד אוה ... ול השע איבנ םשו. Dieser scheint identisch zu sein mit Daniel Israel, dem Chasan von Smyrna (w.u. S. 473). Indessen scheint er sein Treiben nicht lange in Smyrna fortgesetzt zu haben; das Rabbinat verfolgte ihn durch die Behörden, und er entging mit Not der Todesstrafe: ומוקיו תוכלמל ותוא ורסמ ... הילודגו ריעה ינבר (וזודרק לע) וילע רשא דע ... קונחל והינדש טעמכו תכפהמה תיב לע והנתיו חפתסהמ והושרג. Von da begab er sich mit einem Teile seiner Anhänger nach Konstantinopel. Hier lebten noch die ehemaligen Helfershelfer Sabbataïs, besonders ein Bruder des Abraham Jachini aus Damaskus, mit dem er vertraut verkehrte (das. 6 a): יניכיה ברה חא קשמ ןבלו דיגמל; außer diesen hatte er noch Apostel oder Maggidim [465] (inspirierte Prediger): Isaak Aschkenasi und einen, den die Quelle stets ללוק’מ ע’ר םו’י oder abbr. ם’ר’י’ nennt, vielleicht ךורב בוט םוי. Unterhalten wurde Cardoso und sein Anhang von dem Sohne eines reichen Hauses namens וסירגאמ לאומש oder ידימילאג, der sich ihretwegen in Schulden stürzte. Eine Mystifikation Cardosos gegen denselben ist interessant. Er ließ einen Geist für diesen Samuel sprechen: ’ר תבצמ לע ןוקית תושעל ךירצ ינאש הברה תועמ יל חלשו ףלא ו’י בייח התאש רמאת לאו ואיכ יאב םירוטה לעב בקעי ה"עבו ז"י ירובעב בייח תויהל לוכי ו"י בייחש ימ יכ סילאיר תובוחה ןמ ךדפא יבדו וא רשפא. Nachdem sein Geldspender Samuel gestorben war, trieb er sich noch in Adrianopel und in einem Orte לודגמ umher und begab sich zuletzt nach Kairo. Hier weihte er auch Weiber in seine Kabbala ein (das. 11a): איבהל (םירצמב) ליחתהו הרות םדמלל םישנ ותנומא לא. Die Gemeindeführer wollten ihn auch von da verbannen: Cardoso steckte sich aber hinter christliche Konsuln (הסובראקה ירש?), bis einer derselben וקסיסנארפ ןוד seine Schwindeleien erkannte und ihm den Schutz entzog. Darauf begab er sich mit den Seinigen nach Rodosto, dann wieder nach Adrianopel, wo er drei Monate weilte. Von da vertrieb ihn das Rabbinat, darunter Samuel Primo (13b): הרות ץיברמ ומירפ לאומש ’ר ברה ןוישרב (verschieden von dem sabbatianischen Sekretär Primo)19, nachdem das Rabbinat seine Schriften einer strengen Zensur unterworfen hatte. Dann trieb er sich auf den griechischen Inseln umher. Während seines Aufenthaltes in Chio wurde er von Samuel de Pagas befragt, und von hier aus richtete er sein Sendschreiben an ihn (o. S. 462). Auch auf Kandia war er, wollte wieder nach Konstantinopel reisen und begab sich endlich nach Palästina. Aus Safet wurde er ebenfalls verbannt (16 a): םתלחנב חפתסהמ (ותוא) ושרג תפצ יבשוי םגו, so kam er zum zweiten Male nach Ägypten, drei Jahre vor seinem Tode, unter dem Schutze des Pascha Kara Mohammed: ... ובישמ דואמ דבכ ... םירצמ דרי אצמיו אשאפ דמחמ אראק אוה הינטלשו לשומ תא םוחלל בשיו םינש שלשכ דואמ אג ד"טאה יהיו ... ויניעב ןח. Also um 1703 ist er zum zweiten Male nach Ägypten gekommen; 1706 wurde er von seinem Neffen (nicht Schwiegersohn, wie Emden angibt תואנקה תרות, p. 26b) namens Schalom ermordet. Der Hauptschluß dieser Quelle über Cardosos Biographie lautet: ’ה םקיו בורקה ולאוג .הלואש םולשב ותביש תא דירוהל ותיב ךותמ הער ירצמ שיא תואפרל םתאצ ידמ יהיו .ותוחא ןבו ותחפשממ וילא (וזודרק ,ד"טא) ןתיו ... בהז יחרפ ךס םהל ןתיו ... טפושו רש הנמ ןתי (ונתוהו ודימלת) הפכלו רעזמ טעמ ףסכ עצב םולשל לא ודי (םולש) חלשיו ... ול אוה םימד ןתח יכ םיפא תחא ישילשה םויב יהיו ... הצוחה אציו סוניו ונטבב והעקתיו תלכאמה .תמ ד"טאו

Der polemische Verfasser des שדק תבירמ beschuldigt Cardoso nicht bloß der Phantasterei und der Mystifikation, sondern auch betrügerischer Schwindeleien und eines unzüchtigen Wandels (Bl. 14 a): רכמ אוה השוריל ולפנ רשא ... ףסכ טעמב יתשנבנב םכח ירפס לכ תא ןיאו חישמה ינא ורמאב הנתמב ול םנתתו הנורטמה ותשא ינפל אברו ייבאד תויווה דוע; das. auch: ... ותוחא תב לע אב אוה רתיהב היהש הל רמאיו רתסא הנושארה ותשא תב לע אב אוה. Indessen ist es möglich, daß Parteieifer diese Anklage diktiert [466] hat: denn derselbe beschuldigt ihn auch der Ketzerei des Jakob Faliachi, welcher zum Islam übertrat (Bl. 4 b): תדסוימ ... העוערה הנומאה תא םש שדחיו ול הרושת יגאלאפ בקעי רמומה רשאכ ... תוהלאה תריפכ לצ איבה. Aber in seinem Sendschreiben an de Pagas kann Cardoso die Apostasie Faliachis sowie Duchans nicht genug rügen (vgl. o. S. 461). Gegen Duchans Häresie hat er eine eigene Schrift תויפיפ ברח geschrieben. Die Salonicher Apostaten brandmarkte Cardoso vielfach (בתכ p. 65): יקינולאסב םימכח המכ החידהו התיסהש הפילק. Das. (p. 67) nennt er Querido: רשא וקנארפ השמ םכחה ודיריקהמ וחרבב ,ךמע בש אוה םויה; es war der Fahnenträger der Salonicher (w.u. S. 472). Kurz, Cardoso gehörte nicht zu den Ultrasabbatianern, er hielt S. Zewi nicht für die Inkarnation der Gottheit, sondern nur für einen einfachen Messias, er predigte nicht den Umsturz des Judentums und die mystische Notwendigkeit, den Turban zu nehmen. Seine Ketzerei bestand nur in einem eigenartigen Dualismus. Seine Gegner haben ihn demnach zu viel beschuldigt.

Cardosos Schriften. Mose Chagis zählt (Einl., Bl. 2 b, zu םיעשופ רבש) sechs Schriften desselben auf. 1. ילא הז; 2. וניבא םהרבא תמכח: 3. רואמה ’ס; 4. חצ רוא חצחוצמו; 5. םהרבאל רקב (zwei Teile); 6. יללכ חוכו. Der Verf. des שדק תבירמ erzählt, das Rabbinat von Adrianopel habe bei ihm zehn ketzerische Schriften gefunden, die er verfaßt hat (Bl. 13 b), und zwar außer Nr. 1 und 2 noch: 7. בקעי םלוס (Escalade Jacob, o. S. 462); 8. תויפיפ ברח gegen Duchans Häresie; 9. יהלא יבא; 10. אשידק אמש; 11. לכל ’ה בוט; 12. ןמא שורד; 13. לארשי ץרא; 14. ןימלע יח דוס. – Nach den Angaben des Herausgebers des בתכ findet sich in dem Konvolut der k.k. Wiener Bibliothek eben diese Nr. 10 אשידק אמש; in demselben spricht Cardoso von 20 Broschüren: םישורד םירשע, die er geschrieben hat, außerdem noch speziell genannt: 15. das schon besprochene בתכ; 16. בתכה שורד auch ןיזר תלת; 17. היקנ תלס und 18. אזר ןיזרד. Cardoso hat demnach viel geschrieben. Nr. 2, das וניבא םהרבא תמכח, schrieb er in Ägypten (תבירמ שדק, Bl. 10 a); der Polemiker fügt zur Beurteilung desselben hinzu (13 b): ךרד וניבא םהרבא לש ותמכחבו וניולאקו וריטול תובקעב. Ein Pseudomessias, der das Luthertum und den Kalvinismus predigte! Sein Hauptwerk scheint das zweiteilige םהרבאל רקב zu sein; es ist noch vorhanden im Katalog Michael Ms. Nr. 117, 118 [vgl. Neubauer, Katalog Oxf., Nr. 1441, 2 und 1537, 5]. Ein Auszug daraus ist am Ende des רוכ ’וכו תונומאה ףרצמ von Isaak Lopez abgedruckt. Senior Sachs hat mich darauf aufmerksam gemacht. Mose Chagis teilt auch in םיעשופ רבש Zitate daraus mit. Viele Schriften Cardosos sind 1712 in Smyrna verbrannt worden (s. Note 6). Zum Schluß sei noch bemerkt, daß de Barrios mitteilt: Soneto del doctor Abraham Michael Cardoso (in Tora Hor, p. 19) über die Herrlichkeit des Gesetzes, worunter kein anderer als eben der sabbatianische Apostel zu verstehen ist.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 10, S. 460-467.
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