8. Kapitel. Viertes rabbinisches Zeitalter. Maimunische Epoche. Rundblick. 1171-1205.

[188] Die Juden Spaniens; Toledo; Joseph Ibn-Schoschan; Abraham Ibn-Alfachar; der Dichter Charisi. Abraham Ibn-Dauds Märtyrertod und die Jüdin Formosa (Rahel). Scheschet Benveniste; der Dichter Abraham ben Chasdaï. Der Tourist Benjamin von Tudela. Serachja Halevi Girondi. Die Provence; Narbonne; Abraham ben Isaak und die Kimchiden. Die Gemeinden Beziers, Montpellier und Lunel; Meschullam ben Jakob und seine Söhne. Jonathan Kohen und die Tibboniden. Die Gemeinde Posquières und Abraham ben David. Der judenfreundliche Graf Raymund von St. Gilles und Toulouse und Isaak ben Abba-Mari. Die Gemeinde Marseille. Philipp August und die erste Vertreibung der Juden aus Nordfrankreich. Der Tossafist Isaak der Ältere (Ri). Die Märtyrer von Bray. Verkümmerung der nordfranzösischen Juden. Simson von Sens und Jehuda Sir Leon der Fromme. Das Buch der Frommen. Die Juden Englands: Jakob von Orleans. Das Judengemetzel in London. Richard Löwenherz. Das Gemetzel der Juden in England. Die Belagerung der Juden von York. Johann ohne Land und die Juden.


Ehe die finstern Wolken giftigen Hasses sich von allen Seiten über das Haus Jakob zusammenziehen, seinen Horizont verdüstern, um ihm auch nicht eine Spanne blauen Himmels zu lassen; ehe sich die verderbenschwangern Elemente auf das Haupt der Gemeinde Israel niederschmetternd entladen; ehe das böse Prinzip im Namen der Gottheit Fürsten und Völker, Freie und Knechte, Groß und Klein gegen die schwachen Söhne Judas hetzt und allen die Waffen des Mordes und die Stacheln des Hohnes gegen sie in die Hand drückt, um das kleine Häuflein zu vertilgen und durch den Kot zu schleifen; ehe das hochmütige Papsttum auf dem Throne Gottes als Richter über die Lebendigen und die Toten das Zeichen der Brandmarkung an die Kleider jüdischer Männer und jüdischer Frauen heftet, um sie dem Fußtritte und dem Gespötte des ersten besten preiszugeben; ehe der [188] Wahn Folterwerkzeuge für die Unschuldigsten der Menschen bereitete, um ihnen Verbrechen anzudichten, über welche die Angeklagten mehr schauderten als die Ankläger, um ihre Glieder zu verrenken und ihre Leiber zu verstümmeln; ehe die Lügen von Kindermord durch Juden, von Brunnenvergiftung durch Juden, von Verzauberung durch Juden allüberall überhand nehmen, um den Harmlosesten mit Abscheu gegen sie zu erfüllen; ehe sämtliche Völker des christlichen Europa an Barbarei gegen Juden die wilden Mongolen übertreffen; ehe die tausendfachen Qualen das Blut aus ihrem Herzen, das Mark aus ihren Gebeinen, den Geist aus ihrem Gehirn heraustreiben, sie zu Schwächlingen machen und ihren Himmelsflug zu einem niedern Kriechen herabbringen; kurz ehe das gesteigerte Höllenleben für die Juden eintritt, welches mit dem Papste Innocenz III. beginnt und mit Ferdinand dem Katholischen von Spanien seinen Höhepunkt erreicht, ist es ratsam, einen Blick auf die über den damals bekannten Erdkreis zerstreuten jüdischen Gemeinden zu werfen, auf ihre Lage in den verschiedenen Ländern zu achten, um zu sehen, was sie damals noch besessen, und was ihnen der teuflische Fanatismus später geraubt hat. Die im Namen von zwei Religionen gegen sie gepredigte Lieblosigkeit hatte bis dahin noch nicht vermocht, sie überall zum Auswurf zu stempeln. Hier waren sie allerdings schon als eine fluchwürdige Nation verachtet und gehaßt, aber dort galten sie noch als geachtete Bürger und Menschen. In dem einen Lande waren sie bereits Kammerknechte, aber in einem andern vertrauten ihnen noch Fürsten und Städte wichtige Ämter an; an einem Orte waren sie zu Leibeigenen erniedrigt, an andern führten sie noch immer das Schwert und kämpften für ihre Unabhängigkeit. Eine gedrängte Übersicht über die Lage und die Bestrebungen der Juden in den Hauptländern der drei Erdteile der alten Welt in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts bietet eine Fülle des Interessanten und gibt die richtigen Gesichtspunkte zur Würdigung der nachfolgenden Geschichte dar.

Der Kopfzahl nach waren die Juden Asiens bedeutender als die europäischen, der Gehalt der Köpfe machte aber die letzteren überlegener, so daß Europa als Hauptsitz des Judentums angesehen werden muß. Hier war das Selbstbewußtsein geweckt, hier suchten die jüdischen Denker die Lösung des Rätsels, was das Judentum innerhalb der übrigen Religionen und Völker bedeute, und welche Aufgabe dem einzelnen in der Gesamtheit zufalle. In Afrika war das Denken im jüdischen Kreise ebenso getrübt wie im mohammedanischen Asien; man folgte in der Religion dem von den Ältern breit getretenen Weg. [189] Das Herz des Judentums war noch immer auf der pyrenäischen Halbinsel. Das jüdische Spanien genoß noch immer den Vorrang, weil hier das Bewußtsein am meisten gekräftigt war. Juden wohnten in sämtlichen fünf christlichen Königreichen, die sich auf dieser gesegneten und politisch zersplitterten Halbinsel ausgebildet hatten; in Kastilien, Leon, Aragonien, Portugal und Navarra. Nur das südliche Spanien, das mohammedanische Andalusien, sah seit der Eroberung durch die unduldsamen Almohaden keine Juden, wenigstens keine offen auftretenden. Die ehemaligen Sitze der jüdischen Gelehrsamkeit, Cordova, Sevilla, Granada, Lucena waren verödet; an deren Stelle war Toledo, Hauptstadt Kastiliens und des ganzen Landes, getreten. Die Toledaner Gemeinde wurde seit dieser Zeit tonangebend; sie zählte mehr als 12000 Gemeindemitglieder1. Wie die Stadt überhaupt an Prachtgebäuden prangte, so besaß sie auch mehrere großartig angelegte Synagogen, »mit deren Schönheit sich keine andere vergleichen ließ«2. Es gab unter den toledanischen Juden nicht bloß viele wohlhabende und gebildete, sondern auch tapfere Männer, die mit den Waffen umzugehen wußten3. Jüdische Jünglinge verlegten sich auf die Fechtkunst, um als Ritter aufzutreten4. Unter Alfonso VIII., genannt der Edle (1166-1214), nahmen begabte Juden eine hohe Stellung ein, wurden im Staatsdienste verwendet und trugen ihrerseits zur Größe des liebgewordenen Vaterlandes bei. Angesehen war an Alfonsos Hof Joseph ben Salomo Ibn-Schoschan (Aljachid Ibn-Omar), »der Fürst« genannt (geb. um 1135, gest. 1204-5)5. Gelehrt, fromm, reich und wohltätig, genoß Ibn-Schoschan die Huld des Königs und war wahrscheinlich in Staatsgeschäften tätig. »Die Gunst war ihm zugewendet, das Wohlwollen ihm zugekehrt von seiten des Königs und der Großen6.« Mit seiner Freigebigkeit förderte er das Talmudstudium und erbaute in fürstlicher Pracht eine neue Synagoge in Toledo. Sein Sohn Salomo kam ihm in vielen Tugenden gleich.

Hochgeehrt am Hofe Alfonsos war auch Abraham Ibn-Alfachar (Hajozer, geb. um 1160, gest. nach 1223)7, »gekrönt mit [190] edlen Eigenschaften und hochherzigen Taten. Er war hehr an Wort und Tat, eine Zierde des Königs, ein Ruhm der Fürsten.« Meister in der arabischen Sprache, schrieb Ibn-Alfachar gewählte Prosa und dichtete wohlklingende Verse, deren hoher Wert einen arabischen Schriftsteller bewog, sie zu sammeln; darunter auch ein Lobgedicht auf den König Alfonso. Dieser edle König beorderte einmal Ibn-Alfachar zu einer Gesandtschaft an den marokkanischen Hof des Fürsten der Gläubigen Abu-Jakob Jussuff Almostansir. Obwohl dieser Almohaden-Fürst die unduldsame Politik seiner Vorgänger fortsetzte, keinen Juden in seinem Reiche wohnen ließ und selbst die zum Islam übergetretenen Juden durch eine vorgeschriebene, häßliche Tracht von den geborenen Mohammedanern abgesondert wissen wollte, mußte er doch den jüdischen Gesandten Alfonsos freundlich empfangen. Als ich Ibn-Alfachar zur Audienz bei Almostansirs Wesir begab, um sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen, wurde er durch zauberhafte Gärten des Palastes geführt, wo Pracht und Duft die Sinne gefangen nahmen. Der Gärtner war aber ebenso häßlich, wie der Garten schön. Auf die Frage des Wesirs, wie ihm der Garten gefiele, antwortete Ibn-Alfachar: »Ich würde ihn unbedingt für das Paradies halten, wenn ich nicht wüßte, daß dasselbe von einem schönen Engel (Redwan) bewacht wird, während dieser Garten einen häßlichen Teufel (Malek), der zur Hölle führt, zum Hüter hat.« Der Wesir lachte über diesen witzigen Vergleich und hielt es der Mühe wert, ihn Almostansir mitzuteilen. Dieser bemerkte nun gegen den jüdischen Botschafter, der häßliche Pförtner sei geflissentlich gewählt worden, um dem Juden den Eintritt in dieses Paradies zu erleichtern, denn ein Redwan würde einen Ungläubigen gar nicht hineingelassen haben. – Auch ein Verwandter desselben Juda ben Joseph Ibn-Alfachar führte den Titel »Fürst«8.

Obwohl die beiden Mäzene Toledos in dieser Zeit, Ibn-Schoschan und Ibn-Alfachar, selbst talmudkundig waren und die talmudische Gelehrsamkeit [191] unterstützten, so gedieh doch das Talmudstudium im hohen Stile, wie Alfâßi, seine Jünger und Raschis Schule es betrieben, in der spanischen Hauptstadt nicht. Toledo hat keinen einzigen Talmudisten von bedeutendem Gehalte aufgestellt. Die Gemeinde mußte mehrere Jahrhunderte hindurch ihre Rabbinen von auswärts beziehen. Der Sohn und der Neffe des Joseph Ibn-Migasch (o. S. 107), beide namens Meïr9, hatten zwar nach ihrer Einwanderung aus Lucena wegen der Almohaden-Verfolgung in Toledo ein bedeutendes Lehrhaus gegründet; aber es gelang ihnen doch nicht, tiefere Talmudkenntnis in diesem Orte heimisch zu machen. Die Toledaner hatten mehr Sinn für Wissen schaft und Poesie. Sie beschäftigten sich lieber mit Philosophie, grübelten über Religion, und ihr Glaube kämpfte mit dem Zweifel. Sie waren die Aufgeklärtesten der spanischen Juden10.

In Toledo lebte damals eine Zeitlang der junge Dichter Jehuda ben Salomon Alcharisi (oder Charisi, geb. um 1170, st. um 1230)11, der letzte Vertreter der neuhebräischen Poesie in Spanien, welche von Dunasch ben Labrat ihren Anfang, von Ibn-G'ebirol und Jehuda Halevi ihre Kraft und von dem Genannten ihre Abnahme datiert. Witzig, wie Abraham Ibn-Esra, gesangreich, wie die besten Sänger der Blütezeit, dichtete Charisi mit einer Leichtigkeit, die gar keine Hindernisse kennt. Man könnte ihn den Ovid der neuhebräischen Poesie nennen, dem er auch an Leichtfertigkeit und Ausgelassenheit ähnelt. Sein Lebensgang wie sein Charakter erinnern an Abraham Ibn-Esra. Gleich diesem klagt Charisi über die Ungunst des Geschickes:


»Flöß' meinem Leide nach der Tränen Quelle –

Es gäb' auf Erden keine trockene Stelle!

Allein nicht bloß der Sintflut wilden Wogen –

Auch meinen Zähren gilt der Regenbogen!«12


[192] Auch er mußte sich durch die Welt betteln, brachte viele Jahre auf der Wanderung zu, war in Südfrankreich, reiste über Ägypten nach Palästina und Syrien und drang bis nach Persien. Alles, was er sah und erlebte, Weisheit und Dummheit, Sitten und Unsitten, wurde ihm ein Gegenstand des Gesanges. Charisis Muse besang Zions ehemaligen Glanz und damalige Witwentrauer und mit derselben Wichtigkeit den Wein und seine Freude. Er versifizierte die Unterredung der Seele mit Geist und Körper, die Glaubensverschiedenheit der Rabbaniten und Karäer und zugleich die Plagen, welche der Floh verursacht. Charisi war für nichts ernstlich begeistert, höchstens für die hebräische Sprache. Und da er diese gegen die arabische selbst von Juden hintangesetzt sah, unternahm er, an einer Übersetzung des Abenteuerromans von dem arabischen Dichter Hariri zu beweisen, daß auch die hebräische Sprache bei ihrer Bescheidenheit reich und wohllautend sei. Dann änderte Charisi den Plan und verfaßte einen selbständigen Roman nach dem Muster Hariris und Ibn-Sakbéls (o. S. 112). Der Dichter maskierte sich unter dem Namen Heman der Esrahite, welcher interessante, launige und geistreiche Gespräche mit dem Abenteurer Heber, dem Keniten, führt. So stellt er eine Art dramatischen Romans zusammen unter dem Titel Tachkemoni. Er unterwirft darin auch die Leistungen älterer und zeitgenössischer Dichter einer strengen Kritik und zeigt sich als geschmackvoller Kunstrichter, der sehr gut versteht, wie Verse nicht beschaffen sein dürfen, wenn sie gefallen sollen. Aber Charisis Verse selbst sind mehr geistreich als anmutig, seine Reimprosa daher gefälliger, als seine strenggemessenen Verse. Sie zeigen schon den beginnenden Verfall der neuhebräischen Poesie. Sie geht mehr darauf aus, den Leser durch Überraschungen und witzige Anspielungen zu unterhalten, als dem Schönheitssinn zu gefallen. Charisi verstand es sehr gut, den lyrischen Schwung und Duft der Poesie Ibn-G'ebirols und Jehuda Halevis zu charakterisieren, aber nicht sie nachzuahmen. Die Poesie war ihm nicht, wie Ibn-G'ebirol und Jehuda Halevi, Geliebte oder Schwester, sondern eine kokette Gespielin. Es charakterisiert seine spielende Dichtungsart, daß in einem langen Gedichte von ihm je der erste Vers hebräisch, der zweite arabisch und der dritte chaldäisch lautet. Charisi verstand auch etwas vom Talmud und etwas von Philosophie; aber seine Hauptbegabung bestand in leichtem Versemachen. Die hebräische Poesie hörte mit ihm auf Kunst zu sein, sie wurde Fertigkeit.

Noch lebte damals der greise Geschichtsschreiber und Religionsphilosoph Abraham Ibn-Daud (o. S. 160) und war eine Zierde der [193] Gemeinde Toledo. Erst im Jahre 118013 fiel er als Märtyrer in einem Volksauflaufe gegen die Juden, dessen Ursprung und Tragweite nicht recht bekannt sind, der aber sicherlich nur vorübergehend war. Möglich, daß gerade die allzugroße Judenfreundlichkeit des Königs Alfonso einen Krawall gegen sie hervorgerufen hat. Dieser Fürst, welcher mit einer englischen Prinzessin verheiratet war, hatte nämlich ein offenes Liebesverhältnis mit einem schönen jüdischen Mädchen Rahel, das von ihrer Schönheit den Namen Formosa führte. Das Verhältnis war nicht flüchtiger Natur, sondern dauerte sieben Jahre. Ein Romanzen-Dichter sang von dieser Liebe:


Es vergaß der König seine Gattin

Und zog mit ihr sich zurück,

So sehr liebte sie der König,

Daß er Reich und Volk darum vergaß«14.


Plötzlich überfielen Verschworene einst die schöne Jüdin auf ihrer reichgeschmückten Estrade, töteten sie im Beisein des Königs und mit ihr ihre Freunde, wohl auf Anstiften der Königin und der Geistlichkeit. Bei dieser Gelegenheit mag auch ein Auflauf gegen die Juden stattgefunden haben, in dem Abraham Ibn-Daud umkam.

Das hinderte aber die Juden Toledos nicht, Alfonso in seinem Kriege gegen die Mauren kräftig beizustehen. Als er sein zahlreiches Heer sammelte, um die Übermacht der Almohaden, welche unter Jakob Almanßur von neuem in das Herz des christlichen Spaniens vordringen wollten, zu brechen, schossen die Juden dem verarmten Könige ihre Reichtümer für die Kosten der Ausrüstung vor. Und als die Schlacht bei Alarcos (19. Juli 1195) unglücklich für ihn ausfiel, die Blüte der christlichen Ritterschaft auf dem Wahlplatze blieb, die Almohaden das schöne Kastilien weit und breit verheerten, und Alfonso genötigt war, sich in seine Hauptstadt einzuschließen, um sie vor dem Falle zu retten, kämpften die Juden in Wetteifer mit den übrigen Einwohnern, um den Ansturm des Feindes zurückzuschlagen15; sie trugen dazu bei, daß sich der Feind zurückziehen mußte. Die Juden Kastiliens hatten [194] nämlich ein großes Interesse daran, die Almohaden nicht Herren der Hauptstadt werden zu lassen, um nicht dem islamitischen Fanatismus ausgesetzt zu sein. Freudig sahen sie daher den Rückzug derselben, als die Könige von Kastilien und Aragonien eine Verbindung eingingen, um die Almohaden zu bedrängen. Durch diese Verbindung litten aber die Juden des Königreichs Leon, als die verbündeten Heere verheerend durch das Gebiet desselben zogen. Bei diesem Kriegszuge wurde das älteste, hebräische Bibelexemplar in Spanien, das unter dem Namen Hillali (o. S. 110) bis dahin den Kopisten zum Muster diente (und um das Jahr 600 geschrieben worden sein soll), ein Raub des Feindes (9. Ab 1197)16.

In Aragonien, zu welchem seit Ramon Berenguer IV. auch Katalonien gehörte, lebten die Juden ebenfalls in glücklichen Verhältnissen und durften die Schwingen des Geistes entfalten. Alfonso II. (1162 bis 1196), ein Beförderer und Pfleger der provenzalischen Poesie, war den Männern des Wortes und Gedankens hold, und als solche galten in dieser Zeit meistens die Juden. Obwohl Saragossa die Hauptstadt Aragoniens war und von alters her eine jüdische Gemeinde hatte, so galt doch in dieser Zeit die Stadt Barcelona als Mittelort des nördlichen Spaniens, wegen ihrer günstigen Lage am Meere und ihrer Verkehrsblüte. Barcelona wird von dem Dichter Charisi als »die Gemeinde der Fürsten und Hochgestellten« pomphaft gerühmt17. An ihrer Spitze stand Scheschet Benveniste, philosophisch gebildet, Arzt, Diplomat, talmudkundig und Dichter (geb. 1131, st. um 1210)18. Gewandt in der arabischen Sprache, wurde er von dem Könige von Aragonien zu diplomatischen Geschäften verwendet, erlangte Ehren und Reichtümer und verdankte diese günstige Lebensstellung wie Samuel Ibn-Nagrela zuerst seiner Feder. Gleich diesem jüdischen Fürsten unterstützte Scheschet Benveniste die Männer der Wissenschaft und der Talmudgelehrsamkeit. Die Dichter priesen seine edle Gesinnung und seine Freigebigkeit über die Maßen. Der Dichter Charisi nennt ihn »Fürst der Fürsten, von dessen Namen Ost und West verkünden«:


[195] Fragt ihr mich nach dem edlen Scheschet?

Er ist der Zeit höchste Spitze;

Sein Leben nimmt ab,

Aber nicht sein Hochsinn.


Ein anderer Dichter in Barcelona, Joseph Ibn-Sabara widmete ihm sein dichterisches Werk, ebenfalls eine Art sittlichen Romans, worin viel Abenteuerliches erzählt wird, aber mit mehr Schwulst und weniger Geschmack als Charisi. Scheschet Benveniste selbst dichtete in seinem 72. Jahre ein langes Loblied von 142 Versen zu Ehren des Joseph Ibn-Schoschan in Toledo (o. S. 190). – Ihm zunächst an Ansehen stand in Barcelona Samuel ben Abraham Ibn-Chasdaï Halevi (blüte 1165-1216)19, »die Quelle der Weisheit und das Meer der Gedanken«, wie ihn der Dichter Charisi übertreibend schildert. Er hatte fünf gelehrte Söhne, unter denen Abraham Ibn-Chasdaï, der als Dichter eines moralischen Romans »der Prinz und der Derwisch« und als Übersetzer philosophischer Schriften in der Literaturgeschichte einen Namen hat.

Die Gemeinde Tudelas, einer kleinen Stadt am Ebro, welche der Zankapfel zwischen den Königen von Aragonien und Navarra war, hatte sich ihre Gleichberechtigung mit den Christen und Mohammedanern des Ortes zweimal durch mutiges Auftreten ertrotzt, und sie besaß zu ihrer Sicherheit ein eigenes Kastell20. Sie erzeugte einen gelehrten Reisenden, Benjamin ben Jona von Tudela, dem nicht bloß die jüdische Geschichte, sondern auch die allgemeine Völkergeschichte interessante und wahrheitsgetreue Nachrichten verdankt. Er durchwanderte (1165-1173)21 einen großen Teil von Südeuropa, Asien und Afrika, man weiß nicht, ob als Kaufmann oder als neugieriger Frommer, um die Spuren der messianischen Erlösung aufzusuchen, beobachtete in jedem Lande und in jeder Stadt die Eigentümlichkeiten, interessierte sich für alles und schrieb seine Beobachtungen in einer Reisebeschreibung nieder (Maseot Benjamin, Intinerarium), die in fast alle modernen Sprachen [196] übersetzt wurde. – Die kleine Gemeinde Gerona am Terflusse in Katalonien war der Geburtsort mehrerer geistvoller Männer mit dem Beinamen Gerundi, welche ihre Stadt berühmt gemacht haben. Es war eine streng religiöse Gemeinde, die sich von philosophischem Einflusse fern hielt und den Talmud über alles schätzte. Hier lebte Isaak Halevi, ein bedeutender Talmudist, Verfasser eines zivilrechtlichen Werkes. Berühmter als dieser war sein zweiter Sohn Serachja Halevi Gerundi (geb. um 1225, st. 1186). In der Schule von Narbonne erzogen, eignete er sich tiefe Kenntnisse im Talmud an, pflegte auch grammatische Studien, kannte die arabischen Werke des Ibn-G'anach, gab viel auf einen eleganten hebräischen Stil und ließ sich seine Briefe von dem tiefen Kenner der Feinheiten der hebräischen und arabischen Sprache, von Jehuda Ibn-Tibbon, korrigieren, damit sie tadellos in der Form seien22.

Er verfaßte mehrere liturgische Gebetstücke und weltliche Gedichte ernsten und satirischen Inhalts, die aber nur wenig poetischen Wert haben. Auch einen Anflug von philosophischer Bildung hatte R. Serachja Halevi und er war vielleicht der erste seines Landes, der sich damit befaßte. Seine Hauptstärke bestand aber im Talmud. Vertraut mit den Leistungen der spanischen und französischen Schule, vereinigte er in sich Alfâßi und Raschi, Joseph Ibn-Migasch und R. Tam, war zugleich tief und gründlich, kritisch und kombinatorisch, wie denn sein Geist überhaupt zugleich analytisch und synthetisch war. Schon in der Jugend, mit neunzehn Jahren, verfaßte er talmudische Schriften und machte Glossen zu dem talmudischen Werke Alfâßis; es erschien aber ihm selbst als eine so große Kühnheit, Ausstellungen an der Forschung des Meisters der talmudischen Gelehrsamkeit zu machen, daß er sie nicht zu veröffentlichen wagte. Er wurde in seiner Gemeinde wegen seiner frühreifen Gelehrsamkeit verspottet. Sie sprachen von ihm: »Dein Wein ist jung, weil der Behälter jung ist.« R. Serachja scheint in der Gemeinde Gerona Verfolgung erlitten zu haben und zur Auswanderung gezwungen worden zu sein. Dafür rächte er sich an ihr durch eine Satire und sagte zu seiner Selbstermutigung:


»Jung bist du an Jahren, doch an Weisheit alt,

Wirst noch den Adlersflug nehmen

Und dein Nest zwischen Sterne setzen,

Wirst lächeln ob deiner Stadtgenossen,

Die arm sind an Weisheit«23.


[197] Er begab sich von da nach Lunel, wo er viele Freunde hatte und wurde dort von einem Gönner der Wissenschaft wohlwollend geschützt. Hier verfaßte er mehrere talmudische Streitschriften gegen eine südfranzösische Talmudautorität (Abraham ben David) und erst im vorgerückten Alter (um 1170-80)24 arbeitete er seine Glossen zu Alfâßis Werk über einen großen Teil des Talmuds aus und veröffentlichte sie unter dem Titel Maor. In diesem kritischen Werke zeigt Serachja Gerundi kühne Selbständigkeit, dringt überall auf gründliches Verständnis des Talmuds und schreckt vor keiner Konsequenz zurück. Von ebenso viel Demut wie Wahrheitsliebe durchdrungen, entschuldigt sich der Verfasser, daß er, obwohl voll Verehrung für den großen Meister von Lucena, seine Resultate zu kritisieren wage. Die Wahrheit sei aber eine tyrannische Gebieterin, die sich nicht beschwichtigen lasse und kein Ansehen der Person kenne. Er beschwört die Abschreiber seines Werkes, die Vorrede nicht wegzulassen, damit die Leser der Nachwelt erführen, daß er voller Hochachtung für Alfâßi gewesen sei. Als Ergänzung zu seinem Werke stellte R. Serachja in einer kleinen Schrift dreizehn Regeln auf, wie manches Dunkle und elliptisch Gehaltene im Talmud beleuchtet und ergänzt werden könne. Auch in diesen Regeln zeigt er viele kritische Kühnheit. Aber eben diese Selbständigkeit mißfiel seinen Zeitgenossen, die gewohnt waren, sich an Autoritäten zu halten. R. Serachja war seiner Zeit in der Auffassung des Talmuds um vieles voraus; daher wurden seine Leistungen stark angefochten. Von seinem Lebensgange und seiner Lebensstellung ist weiter nichts bekannt.

In dem Landstrich jenseits der Pyrenäen, in Languedoc oder der Provence, hatten die Juden grade Ende des zwölften Jahrhunderts die glücklichsten Tage. Obwohl das südliche Frankreich einen nordspanischen Charakter an Kultur und Sitten hatte, so gab ihm seine Geteiltheit unter verschiedene Herren eine Mannigfaltigkeit, welche eine Kulturblüte erzeugte, die es seit jener Zeit nicht mehr gehabt hat. Es gehörte zum Teil der französischen Krone und zum Teil dem Deutschen Reiche als Lehnsland an, dann dem König von Aragonien, als Grafen der Provence, ferner dem Grafen von Toulouse und St. Gilles und endlich verschiedenen Vasallherren, Grafen, Vizegrafen und Freiherrn, welche fast sämtlich einer freieren Lebensrichtung [198] huldigten, die damals blühende, provenzalische Poesie liebten, Wissenschaften förderten und keine bigotten Diener der Kirche waren. Neben dem Adel hatte sich ein freier, wohlhabender Bürgerstand emporgearbeitet, welcher seine Unabhängigkeit wie seinen Augapfel bewahrte. Die innere Beziehung der Bewohner zu den Moslemin und den Juden hatte die abendländischen Vorurteile gegen die Orientalen vielfach abgeschwächt25. Dieselbe Geistesfreiheit der Provenzalen, welche sich feindselig gegen die katholische Kirche kehrte, die päpstlichen Bullen verachtete, die hochmütige Geistlichkeit verspottete, die Laster des römischen Hofes geißelte und die Sekte der Albigenser erzeugte, öffnete auch ihr Herz dem Judentum und dessen Trägern. Unter den provenzalischen Freidenkern, welche die starre katholische Kirche allerdings als Ketzer brandmarkte, gab es auch manche, die es heimlich und offen bekannten, »das Gesetz der Juden ist besser, als das der Christen«26. Viele große und kleine Herren Südfrankreichs stellten ohne Vorurteile jüdische Beamte an und vertrauten ihnen das höchste Amt der Landvogtei (Bajulus, Bailli) an, mit welchem die polizeiliche und richterliche Gewalt in Abwesenheit des Landesherrn verbunden war. Die Juden dieses von der Natur gesegneten Landstriches fühlten sich daher auch gehoben, trugen ihren Kopf hoch, nahmen an den Interessen des Landes lebendigen Anteil und huldigten Geistesbestrebungen mit unermüdlichem Eifer. Wie unter den Christen jede Neuerung Eingang fand, so ruhten die südfranzösischen Juden nicht auf dem Gegebenen aus, sondern suchten es mit den Gedanken zu erfassen und vor dem Richterstuhle der Vernunft zu prüfen. Indessen so viel Eifer auch die Juden der Provence für die Wissenschaft an den Tag legten, so waren sie doch nicht Selbstdenker, um eine eigene Richtung innerhalb des Judentumes anzubahnen. Die jüdische Provence hat keine einzige Persönlichkeit erzeugt, welche in irgendeinem Fache eine originelle Schöpfung zutage gefördert hätte, keinen tiefen Denker, keinen gediegenen Dichter, keine bahnbrechende Persönlichkeit in irgendeinem Wissenszweige. Die jüdischen Provenzalen waren treue Jünger fremder Meister, sie eigneten sich deren Leistungen an, behaupteten sie standhaft mit vieler Hingebung, waren aber öfters nur die Handlanger der Wissenschaft, Übersetzer [199] und Verbreiter fremder Geisteserzeugnisse. Das Judentum aber liebten sie mit ganzem Herzen, obwohl sie freien Forschungen zugetan waren. Die jüdischen Tugenden waren unter ihnen in hohem Grade heimisch, ihre Häuser waren gastfrei jedem Fremden geöffnet; sie unterstützten die Dürftigen heimlich und übten Wohltätigkeit zu jeder Stunde. Die Reichen ließen Kindern armer Eltern höheren Unterricht erteilen und verabreichten ihnen Bücher, welche damals hoch im Preise standen27. Noch mehr hervorzuheben ist aber, daß die Gemeinden untereinander fest zusammenhielten und aneinander den innigsten Anteil nahmen. Drohte irgendeiner Gemeinde Gefahr, so waren die anderen gleich bereit, ihr beizustehen und sie von ihr abzuwenden. Ihre durchgängige Wohlhabenheit beruhte teils auf Ackerbau und teils auf dem Welthandel, welcher damals von den Hafenstädten aus mit Spanien, Italien, England, Ägypten und dem Orient in höchster Blüte stand.

Die Hauptgemeinde des südlichen Frankreichs war Narbonne; sie zählte damals dreihundert Mitglieder. An ihrer Spitze stand unter der Regierung der klugen und männlichen Fürstin Ermengarde Kalonymos ben Todros aus einer alten Familie, deren Urahn, R. Machir, unter Karl dem Großen eingewandert sein soll. Kalonymos besaß viele Ländereien, die ihm derart verbrieft waren, daß sie ihm niemand streitig machen durfte. An der Spitze des alten Lehrhauses stand der als Autorität anerkannte Abraham ben Isaak, mit dem Titel Oberrichter (Ab-Bet-din, st. Herbst 1178)28. Er war ein Mann von streng talmudischer Richtung, den die Bildung kaum angehaucht hatte. Aber auch seine talmudische Gelehrsamkeit war mehr umfangreich als tief; seine Jünger R. Serachja und Abraham ben David überflügelten ihn noch bei seinem Leben. Abraham ben Isaak verfaßte ein talmudisches Werk (Eschkol), das von den Späteren sehr geschätzt wurde29. – In Narbonne lebten um diese Zeit die Kimchiden, deren Leistungen zwar nicht ihrem Ruhme entsprechen, die indes unmittelbar für die Provence und mittelbar für die Nachwelt mehr gewirkt haben, als die größten Meister. Der Stammvater [200] Joseph ben Isaak Kimchi (blüte 1150-70) war vermutlich wegen der Religionsverfolgung der Almohaden aus Südspanien nach Narbonne eingewandert. Er verstand das Arabische und übersetzte Bachjas moralphilosophisches Werk und manches andere in reines, fließendes Hebräisch, verfaßte ein hebräisch-grammatisches Werk, schrieb eine Erklärung zur heiligen Schrift, deren Bruchstücke den Verlust des Ganzen nicht sehr bedauerlich erscheinen lassen, und endlich dichtete er viele Liturgien, die zwar äußerlich alle Bedingungen der in Spanien zur Vollendung gebrachten Kunstform der neuhebräischen Poesie erfüllen, aber nur wenig dichterischen Wert haben. Joseph Kimchis Verdienst besteht einzig und allein darin, daß er die jüdische Kultur Spaniens in Südfrankreich heimisch gemacht und Ibn-Esras flüchtige Tätigkeit dauernd ergänzt hat. Man schreibt ihm auch ein polemisches Werk gegen das Christentum zu, das einen Dialog zwischen einem Gläubigen (Maamin) und einem Abgefallenen (Min) darstellt. Mag dieses Werk nun echt oder unecht sein, so gehört es jedenfalls dieser Zeit und diesem Lande an und wirft ein günstiges Licht auf den Stand der Sittlichkeit unter den Juden im Gegensatze zur christlichen Bevölkerung. Der Gläubige behauptet, die wahre Religion der Juden bewahrheite sich an dem sittlichen Verhalten ihrer Bekenner. Die zehn Gebote wenigstens beobachteten sie mit äußerster Gewissenhaftigkeit. Nicht nur verehrten sie kein Wesen neben Gott, sondern scheuten falsche Eide. Es fänden sich unter ihnen keine Mörder, keine Ehebrecher, keine Räuber, während christliche Wegelagerer nicht selten die Schwachen beraubten, henkten und blendeten. Die jüdischen Kinder werden in Zucht und Gottesfurcht erzogen, es darf ihnen kein gemeines Wort entfahren. Die jüdischen Mädchen sitzen züchtig in den Häusern, während die christlichen sich über die Züchtigkeit hinwegsetzen. Ein Jude beobachtet gegen den anderen brüderlich Gastfreundschaft, löst die Gefangenen aus, kleidet die Nackten und speist die Hungrigen. Alle diese Tugenden der Juden gibt der christliche Gegner als allgemein bekannt zu und tadelt nur an den Juden, daß sie von den Christen hohe Zinsen nehmen. Diesen Vorwurf mildert der jüdische Sprecher dadurch, daß auch Christen Wucher treiben und sogar mit Glaubensgenossen, während die jüdischen Reichen ihren Stammesgenossen ohne Zinsen leihen30.

In die Fußtapfen ihres Vaters traten seine zwei Söhne, Mose [201] und David Kimchi. Der erste (blühte 1170-90)31 war noch mittelmäßiger als sein Vater und diesen Charakter der Unbedeutendheit tragen seine grammatischen und exegetischen Arbeiten. Der jüngere Bruder David Kimchi (geb. 1160, st. um 1235)32 wurde zwar der Lehrer der hebräischen Sprache für die Juden und Christen Europas, aber wenn man seinen grammatischen, lexikalischen und exegetischen Arbeiten irgendeinen Wert beilegen will, so muß man vergessen, daß vor ihm die großen Meister, Ibn-G'anach, Mose Ibn-G'ikatilla und Ibn-Esra, gelebt haben; mit diesen hält er keinen Vergleich aus. David Kimchi hat überhaupt keinen neuen Gesichtspunkt aufgestellt. In der Einleitung zu seinem grammatischen Werke (Michlol) ist er aufrichtig genug, zu gestehen, daß er lediglich die mannigfaltigen und weitläufigen Vorarbeiten übersichtlicher machen wollte. Es kann ihm höchstens zu einigem Verdienste angerechnet werden, daß er in der hebräischen Sprache (nach europäischer Anschauung) den Unterschied von langen und kurzen Vokalen aufgefunden und dadurch das Verständnis der Vokalwandlungen erleichtert und endlich, daß er eine schwache Erinnerung an eine einfache, nüchterne, sinngemäße Exegese gegenüber der ausschweifenden, agadischen, kabbalistischen und afterphilosophischen Auslegungsweise im jüdischen Kreise erhalten hat.

Die alte Gemeinde in Beziers, welche Ibn-Esra so ehrenvoll aufgenommen (o. S. 176), hatte in dieser Zeit noch mehr als Narbonne eine glückliche Lage unter ihrem Beherrscher, dem Vizegrafen Raymond-Trencaval und seinem Sohne Roger. Juden und Christen dieser Stadt huldigten einem freisinnigen Geiste. Viele Bürger waren Albigenser und kündigten dem Papst und der katholischen Kirche den Gehorsam auf. Dennoch bestand der alte Brauch fort, daß der Bischof am Palmsonntag die Pfarrkinder gegen die Juden als Gottesmörder hetzte, und daß diese, mit Steinen bewaffnet, die jüdischen Häuser überfielen. Da nun aber die Juden, welche in einem eigenen, von Mauern umgebenen Quartier wohnten, jedesmal vorbereitet waren und sich zur Wehr setzten, so gab es jedes Jahr blutige Köpfe. Die Gemeindevorsteher arbeiteten nun daran, diesen die christliche Religion mehr als das Judentum schändenden Brauch aufzuheben, und gewannen den Vizegrafen dafür. Auch der damalige Bischof Wilhelm, als schämte er sich eines so rohen Aktes, willigte [202] ein, ihn nicht mehr wiederholen zu lassen. Am 2. Mai 1160 wurde ein Vertrag abgeschlossen, daß jeder Geistliche, der das Volk gegen die Juden aufhetzen würde, mit dem Bann belegt sein sollte. Die Juden verpflichteten sich dafür, jedes Jahr am Palmsonntag vier Pfund Silber zu zahlen33.

Der judenfreundliche Vizegraf Raymond Trencaval wurde plötzlich in der Kirche von mehreren Verschworenen an einem Sonntage (15. Oktober 1167) meuchlings ermordet, aus Rache, weil er den Bürgern gegen einen Adligen seines Gefolges nicht volle Genugtuung gegeben hatte. Die Juden Beziers wurden in diese Händel verwickelt, wahrscheinlich als Anhänger des Vizegrafen. Einige Bürger erhoben Beschuldigungen gegen sie und die Gemeindevorsteher wurden verhaftet. Nicht lange nachher ereilte indes die Mörder des Grafen und die Ankläger der Juden eine harte Strafe. Roger verschaffte sich Hilfstruppen von dem aragonischen Könige Alfonso und belagerte Beziers. Indessen mußte er anfangs mit den Bürgern Frieden schließen und ihnen Amnestie gewähren (1168), vergaß aber den Meuchelmord seines Vaters nicht und wußte aragonische Truppen in die Stadt zu bringen. Diese Truppen fielen über die Bürger plötzlich her, töteten die Männer, henkten die am meisten Beteiligten an den Galgen und verschonten nur die Juden, als treue Anhänger seines Vaters, und außer ihnen nur Frauen und Kinder (Februar 1170)34. Der Vizegraf Roger, der die Albigenser begünstigte, hatte auch jüdische Landvögte, Moses de Cavarite und Nathan. Durch Begünstigung der Ketzer und Juden lud er aber den Zorn der Geistlichkeit und des Papstes auf sich und fand dadurch ein tragisches Ende. Unter ihm standen auch die Gemeinden Carcassone, Rasez, Alet und Limoux, denen er einst schriftlich zusicherte, sie nicht mit Steuern zu überbürden35.

Eine bedeutende provenzalische Gemeinde war in der blühenden Handelsstadt Montpellier, welche die Hauptstadt des südlichen Frankreich war; sie zählte sehr reiche Gemeindeglieder, deren Wohltätigkeit sehr gerühmt wird. Gleich der von Beziers hatten sie Vorliebe für die Wissenschaft, welche die dort bestehende, medizinische Akademie und die darin herrschende Lehrfreiheit wohl gefördert hat. Die Herren dieser Stadt waren aber keineswegs so judenfreundlich, wie ihre Nachbarn von Beziers. Wilhelm VIII. und sein Sohn bestimmten [203] ausdrücklich in ihrem Testamente, daß kein Jude zum Amt eines Landvogtes zugelassen werden sollte (1178-1201), obwohl der letztere einem Juden Bonet eine bedeutende Summe Geldes schuldete36. Wer damals an der Spitze der Gemeinde von Montpellier stand, ist nicht bekannt. Eine Berühmtheit ist aus ihrem Schoße nicht hervorgegangen, obwohl sie gelehrte Talmudkundige in so reicher Fülle besaß37, daß man ihren Rabbinatssitz mit dem Synhedrin des Tempelberges (Har) verglich.

Die jetzt winzige Stadt Lunel, unweit Montpellier, war damals unter den Herren de Gaucelin eine bedeutende Stadt, und die jüdische Gemeinde von beinahe dreihundert Mitgliedern galt neben Narbonne als Vorort für die jüdische Provence. Ihr talmudisches Lehrhaus, das mit dem in Narbonne wetteiferte, sah zahlreiche Jünger aus der Fremde, welche, wenn sie bedürftig waren, von der Gemeinde mit allem versorgt wurden. An der Spitze der Gemeinde stand ein Mann, der von den Zeitgenossen außerordentlich gepriesen wurde. Meschullam ben Jakob (st. 1170), talmudisch gelehrt und reich, galt als die letzte Instanz in allen Fragen der Wissenschaft und des Rechtes. Sein Lob zu erwerben, war ein Ansporn für die Schriftsteller. »Seine Seele hing an der Lehre seines Gottes, die Weisheit war sein Erbe. Er erleuchtete unser Dunkel und zeigte uns den rechten Weg«, so und noch schwärmerischer schilderte ihn ein unabhängiger Zeitgenosse38. R. Meschullam regte gelehrte Männer verschiedener Fächer an, dieses und jenes zu bearbeiten, namentlich arabische Werke jüdischer Autoren ins Hebräische zu übertragen. Er hat überhaupt zuerst den Sinn für Wissenschaft unter den Juden der Provence geweckt; er war für Südfrankreich von derselben Bedeutung, wie es Chasdaï Ibn-Schaprut für Spanien gewesen war. Meschullam hatte einen gelehrten Schwager Mose ben Jehuda und fünf gelehrte Söhne, welche im kleinen die zwei Richtungen bezeichneten, die in der nächsten Zeit miteinander in harten Kampf geraten sollten. Der eine der Söhne, R. Aaron (blühte 1170-1210)39, obwohl in den Talmud eingeweiht, hatte eine besondere Vorliebe für die philosophische Auffassung des Judentums; zwei andere dagegen, Jakob und Ascher huldigten jener Lehre, welche das Licht der Vernunft scheut. R. Jakob, obwohl reich, führte ein asketisches Leben, trank keinen Wein und erhielt [204] davon den Namen Nasiräer. Er wird als der erste Beförderer der neuen Kabbala bezeichnet, der diese Geheimlehre von dem Propheten Elia empfangen haben soll40. Fast noch strenger lebte sein Bruder R. Ascher von Lunel, der ebenfalls vermögend war. Er fastete viel, aß nie Fleisch und frischte wieder die alte, halbvergessene Geheimlehre auf (in einem homiletischen Werke über die Zehn Gebote41).

Im ganzen war indessen die wissenschaftliche Richtung in der Gemeinde Lunel vorherrschend. Sie war von zwei Männern vertreten, welche einen guten Ruf in der jüdischen Literaturgeschichte haben, von dem Stammvater der Tibboniden und von Jonathan aus Lunel. Der letztere (ben David Kohen) war eine bedeutende talmudische Autorität, der einen Kommentar zu Alfâßis talmudischem Werke schrieb. Er liebte nichtsdestoweniger die Wissenschaft und war einer der ersten, der dafür in die Schranken trat, ihr im Judentum das Bürgerrecht zu behaupten. – Jehuda ben Saul Ibn-Tibbon (geb. um 1120, st. um 1190) stammte aus Granada und war wegen der Judenverfolgung der Almohaden nach Süd-Frankreich ausgewandert. In Lunel betrieb er die Arzneikunde und war ein so beliebter Heilkünstler, daß er von Fürsten, Rittern und Bischöfen gesucht und sogar übers Meer geholt wurde42. Das Arabische verstand er gründlich, und die hebräische Sprache pflegte er mit Schwärmerei. Die Gelehrsamkeit hatte ihn aber zum Pedanten gemacht, er maß jeden Schritt ab und überlegte tiefsinnig, ob er ihn tun oder unterlassen sollte. Seine bedeutende Büchersammlung, in schönster Ordnung gehalten, ging er von Zeit zu Zeit regelmäßig durch und war unglücklich, wenn eine Störung darin vorkam. Er gab sehr viel auf eine zierliche Schrift und auf dergleichen Äußerlichkeiten mehr. Ibn-Tibbon war daher zum Übersetzer wie geschaffen. Auf Anregung des R. Meschullam, – mit dem er wie mit R. Serachja aus Gerona und Abraham ben David in freundschaftlicher Beziehung stand – und anderer Freunde übersetzte er nacheinander aus dem Arabischen ins Hebräische Bachjas »Herzenspflichten«, Ibn-G'ebirols Sittenlehre und Perlenschnüre, Jehuda Halevis religionsphilosophisches Werk, Ibn-G'anachs bedeutendes grammatisches und lexikalisches Werk und endlich Saadias Religionsphilosophie (1161-1186). Seine Übersetzungen zeigen aber ganz seinen pedantischen Charakter; sie sind wortgetreu, [205] aber schwerfällig, sie binden sich sklavisch an das arabische Original und tun der hebräischen Sprache die schreiendste Gewalt an, indem sie den Wörtern eine unerhörte Bedeutung geben. Jehuda Ibn-Tibbon war sich der Pflichten eines gewissenhaften Übersetzers vollkommen bewußt, daß ein solcher die beiden Sprachen und den Inhalt des Werkes gründlich verstehen müsse; er entschuldigt die Steifheit seiner Übersetzungsweise mit der Armut der hebräischen Sprache43. Was sonst noch Jehuda Ibn-Tibbon geleistet hat, ist kaum der Rede wert. Er verfaßte eine hebräische Stilistik (Sod Zachot ha-Laschon), die nicht mehr vorhanden ist, und hinterließ eine Ermahnung an seinen Sohn, die von seiner Zärtlichkeit für die Seinen, von seiner Hingebung an die Wissenschaft, aber auch von seiner Pedanterie Zeugnis ablegt. Die Tibboniden haben nur als Übersetzer einige Bedeutung, sowie die Kimchiden aus Narbonne als Grammatiker.

Der zweite Tibbonide Samuel, Sohn des ersten (geb. um 1160, st. um 1230)44, war dem Charakter nach das Gegenstück des Vaters, begabter als dieser, aber leichtsinnig, verschwenderisch und von träger Lässigkeit. Sein Vater hatte die peinlichste Sorgfalt auf seine Erziehung verwendet, ihn selbst unterrichtet und ihm teure Lehrer gehalten. So erlernte Samuel Ibn-Tibbon die Arzneikunde, die arabische Sprache, den Talmud und die übrigen dazugehörigen Wissensfächer. Auch mit einer Frau versorgte ihn der zärtliche Vater frühzeitig; aber eben weil ihn derselbe immer bevormunden und ihm seine pedantische Natur aufzwingen wollte, schlug der Sohn die Ermahnungen und Belehrungen desselben in den Wind, machte sich selbständig, entfremdete sich ihm, machte waghalsige Geschäfte, statt der Heilkunde zu obliegen, verlor sein Geld und mußte von des Vaters Kasse seine und seiner Familie Existenz fristen. Während der Vater ihn aber halb und halb für einen verlorenen Sohn hielt, bildete dieser sich im Stillen aus und übertraf ihn in der Übersetzungskunst und im Verständnis philosophischer Materien. Er übertrug nicht bloß Werte jüdischer Schriftsteller, sondern auch etwas von Aristoteles und von Alfarabi, verfaßte eine philosophische Erklärung zum Prediger (Kohelet) und eine Abhandlung über ein physikalisches Kapitel in der Genesis.

Unweit Lunel in Posquières bestand damals eine kleine Gemeinde von nur vierzig Mitgliedern. In ihr wurde einer der bedeutendsten [206] Talmudkenner geboren, Abraham ben David (um 1125, st. 1198)45. Von großen Lehrern gebildet, Schwiegersohn des Abraham ben Isaak aus Narbonne (o. S. 200) und sehr reich, unterhielt Abraham (Rabed II.) ein eigenes Lehrhaus, das viele Jünger aus der Nähe und Ferne anzog. Er sorgte nicht bloß für die Ausbildung seiner Jünger im Talmud, sondern auch für ihre leiblichen Bedürfnisse. Abraham ben David verfaßte noch in der Jugend, von R. Meschullam ben Jakob angeregt, talmudische Arbeiten von tiefer Bedeutung, kommentierte einen Teil der Mischnah und ähnliche Schriften. Von Natur rücksichtslos und die Regeln der Höflichkeit wenig beachtend, behandelt er diejenigen, deren Schriften er widerlegte, in einem wegwerfenden Tone. Namentlich verfuhr er schonungslos gegen R. Serachja aus Gerona, um Alfâßi gegen ihn in Schutz zu nehmen. Abraham beschuldigte diesen sogar öfter des literarischen Diebstahls. Er war ein gefährlicher Gegner. Von den Wissenschaften hatte er keine Ahnung, auch nicht von einer höheren Auffassung des Judentums; er rühmte sich sogar seiner Unwissenheit in solchen Dingen; ihm genügte vollständig, in den Räumen des Talmuds heimisch zu sein. Abraham ben David und Serachja Halevi waren die tiefsten Talmudisten nach dem Tode R. Tams. Im Jahre 1172 erlitt Abraham ben David eine Verfolgung von seiten des Landesherrn namens Elzéar46, der wahrscheinlich von ihm Geld erpressen wollte, und wurde in Haft gebracht. Wie es scheint, nahm sich der Vizegraf Roger von Beziers und Carcassonne seiner an. Seit der Zeit verließ Abraham Posquières und ließ sich in Nismes oder Carcassonne nieder.

Bourg de St. Gilles, die zweite Hauptstadt des Herzogs Raymond V. von Toulouse, hatte eine Gemeinde von hundert Mitgliedern. Diese, sowie die anderen Gemeinden des Grafen Raymond, den die Troubadoure den guten Herzog nannten, lebten ebenfalls in glücklichen Verhältnissen und wurden zu Staatsämtern befördert. Abba-Mari ben Isaak von St. Gilles, der durch seinen gelehrten Sohn einige Bedeutung erlangt hat, war dessen Landvogt. Dieser Sohn Isaak ben Abba-Mari, wahrscheinlich ein Jünger des R. Tam, hatte sich von dem berühmten Lehrer aus Rameru mehr die gründliche, als die scharfsinnige Behandlung des Talmuds angeeignet und verfaßte schon im siebzehnten Jahre im Auftrage seines Vaters ein Kompendium zu gewissen Ritualgesetzen. Darauf war er nach [207] Barcelona ausgewandert und kommentierte auf Verlangen des Scheschet Benveniste (o. S. 195) einen schwierigen Abschnitt des Talmuds. Endlich stellte Isaak ben Abba-Mari (1179-1189) die Resultate seiner Forschungen im Talmud zusammen in einem Werke betitelt Ittur47, über das rabbinische Zivilrecht und Ritualien.

Fast noch mehr als sein Vater begünstigte Raymond VI. von Toulouse die Juden und beförderte sie zu Ämtern (1195-1222). Dafür und für andere Verbrechen ähnlicher Art wurde er vom Papste Innocenz III. und der Geistlichkeit bis aufs Blut verfolgt und mußte zuletzt feierlich schwören, die jüdischen Beamten abzusetzen, sonst keinen Juden anzustellen und überhaupt die Juden nicht zu begünstigen48. – Auch Beaucaire (Belcaire), das zur Grafschaft Toulouse gehörte, hatte eine nicht unbedeutende Gemeinde, an deren Spitze Kalonymos »der Fürst« stand49. – In der blühenden Handelsstadt Marseille, die damals einen Freistaat bildete, lebten 300 jüdische Familien, die sich in zwei verschiedene Gemeinden gruppierten. Die untere Gemeinde, welche am Hafen wohnte und wahrscheinlich Schifffahrt oder doch wenigstens überseeischen Handel trieb, hatte an ihrer Spitze einen edlen Mann Jakob Perpignano (st. 1170)50. Die obere Gemeinde hatte ein talmudisches Lehrhaus, dem Simon ben Anatolio vorstand. Auch in Marseille wurden Juden zu Ämtern zugelassen51.

Für die Juden Nordfrankreichs, die teils unter dem Könige, teils unter mehr oder weniger abhängigen Baronen standen, bildete der Beginn der letzten zwei Jahrzehnte des zwölften Jahrhunderts die Grenzscheide zwischen Glück und Unglück. Solange der judenfreundliche König Ludwig VII. (o. S. 141) lebte, behielten sie ihre günstige Lage und durften nicht einmal von den böswilligen Geistlichen angefochten werden. Selbst den Beschluß des lateranischen Konzils, daß die Juden kein christliches Gesinde und keine christlichen Ammen halten dürften52, wollte Ludwig nicht ausführen. Auf Antrag der Juden ließ er den Papst fragen, ob von diesem Beschlusse nicht abgesehen werden dürfe, und ob den Juden nicht zu gestatten sei, neue [208] Synagogen zu bauen53. Er machte trotz der päpstlichen Entscheidung so wenig Ernst mit diesem kanonischen Gesetze, daß noch sein Sohn Philipp August, dem er kränklichkeitshalber die Krone übertrug (1179), sich nicht daran binden mochte. Und als der Erzbischof von Sens auf die Ausführung drang, und noch andere übergreifende Bestimmungen der Kirche dem Königtum gegenüber geltend machen wollte, schickte ihn der junge König in die Verbannung54. Nach und nach gewannen aber nicht andere Einflüsse, sondern andere Rücksichten die Oberhand auf das nicht sehr edle Gemüt des fünfundzwanzigjährigen Philipp II. August, änderten seinen Sinn gegen die Juden und machten aus ihm einen der judenfeindlichsten Könige in der jüdischen Geschichte. Er figuriert darin neben Titus, Hadrian, Konstantin, Firûz, Justinian, Heraklius, Sisebut, Hakim und anderen.

Obwohl Landesherr von ganz Frankreich und sogar Lehnsherr des mächtigen Königs von England, war der damalige König von Frankreich arm an eigenen Ländereien. Der kleine Landstrich Francien (Isle de France), mit einigen Enklaven hier und dort, war sein einziges Erbe. Alles übrige Land stand unter mächtigen Baronen. Philipp Augusts Bestrebung war daher darauf gerichtet, die Armut der französischen Krone mit Ländereien zu bereichern und die Scheinlehnsherrschaft über die Barone in eine wirkliche Macht zu verwandeln. Dazu brauchte er vor allem Geld und Truppen. Die Reichtümer der französischen Juden schienen ihm eine ergiebige Quelle dafür zu sein, und er sann auf Mittel, sie ihnen zu nehmen. Lange zu sinnen brauchte er eigentlich nicht, er brauchte nur den Vorurteilen gegen sie das Ohr zu leihen, um das Recht zu haben, sie auszuplündern und zu bedrücken. Obwohl nicht einzig und allein die Juden Frankreichs Wuchergeschäfte trieben, sondern auch Christentrotz kirchlicher Verbote hohen Zins nahmen, und obwohl nicht sämtliche Juden dieses Landes Wucherer waren, sondern höchstens die Reichen, so machte sie Philipp August doch sämtlich für die Verarmung leichtsinniger Schuldenmacher verantwortlich. Und obwohl er selbst nicht recht an den Lügenwahn glaubte, der im zwöften Jahrhundert, man weiß nicht woher und aus welchem Grunde auftauchte, daß die Juden zu ihrer Osterzeit Christenkinder [209] schlachteten und ihr Blut tränken, so tat er doch, als wenn sie eingefleischte Mörder wären, um einen schicklichen Vorwand zu Erpressungen und Räubereien zu haben. Noch ehe der alte König die Augen schloß, ließ Philipp August sämtliche Juden seines Gebietes am Sabbat, während sie in den Synagogen dem Gottesdienste oblagen, ohne irgendeine bestimmte Anklage ergreifen und in den Kerker werfen (19. Januar 1180). Er hatte von vorn herein darauf gerechnet, daß die Juden viel, viel Lösegeld für ihre Befreiung bieten würden. Nachdem sie fünfzehntausend Mark Silbers zusammengebracht hatten, wurden sie wieder auf freien Fuß gesetzt55. Diese Erpressung war indes nur ein Vorspiel. Ehe das Jahr 1180 abgelaufen war, erklärte der König die Schuldforderungen der Juden an Christen für null und nichtig, ließ sich aber von den christlichen Schuldnern den fünften Teil der Schulden für den Fiskus zahlen. Ein Einsiedler von Vincennes ermutigte ihn dazu56, indem er ihm auseinandersetzte, daß es ein gottgefälliges Werk sei, die Juden ihrer Reichtümer zu berauben. Philipp August begnügte sich noch nicht damit, daß er die reichen Juden zu Bettlern gemacht hatte, sondern erließ kurz darauf ein Edikt, daß sämtliche Juden seines Gebiets zwischen April und dem Johannistage (1181) dasselbe zu verlassen hätten. Es war ihnen nur gestattet, ihre beweglichen Güter zu veräußern; dagegen sollte ihre unbewegliche Habe, ihre Äcker, Weinberge, Scheuern, Weinpressen dem König verfallen, was eine schöne Einnahme abgegeben haben muß. Die verlassenen Synagogen wurden in Kirchen umgewandelt57.

Wie unwahr es ist, daß die Juden in Frankreich wegen ihres Wuchers, ihrer Kinderschlächterei und anderer Verbrechen bei der [210] Bevölkerung verhaßt waren, beweist nichts stärker, als der Umstand, daß Grafen, Barone und sogar Bischöfe sich viele Mühe gaben, den Sinn des Königs zu ändern und das Edikt zur Vertreibung der Juden aufheben zu lassen. Aber vergebens, der junge Philipp August, der viel von Ludwig XIV. an sich hatte, war trotz seiner Jugend so eigensinnig, daß (wie sein Biograph sagt) eher ein Fels zum Wanken gebracht werden konnte, als sein Sinn. So blieb denn den Juden von Paris und der Umgegend, die seit vielen Jahrhunderten dort ihre Heimat hatten, nichts anderes übrig, als zum Wanderstabe zu greifen. Den Zumutungen, sich taufen zu lassen und dafür ihre Güter und ihre Heimat zu behalten, setzten sie ihr Einheitsbekenntnis entgegen. Nur wenige gingen zum Christentum über58.

Glücklicherweise für die Juden war, wie schon angegeben, das eigentliche Gebiet des Königs (Francien) damals nicht sehr groß, und die Vasallen waren noch unabhängig genug, sich nicht den Befehl zur Ausweisung der jüdischen Bekenner aus ihrem Lande aufzwingen zu lassen. So durften sie nicht nur in dem größten Teile Frankreichs wohnen bleiben, sondern auch die unter Philipp August Ausgewiesenen konnten sich dort niederlassen. Das talmudische Lehrhaus von Paris ging ein, aber die Lehrhäuser in der Champagne, in welchen die Tossafistenschule fortblühen konnte, blieben bestehen. Der Mittelpunkt des Studiums war noch immer das Städtchen Rameru; hier lehrte Isaak ben Samuel aus Dampierre (Ri), ein Urenkel Raschis59. Er war Hauptautorität nach dem Tode seines Oheims R. Tam. Gelehrt und scharfsinnig, wie seine Ahnen, beschäftigte sich Isaak damit, Raschis Kommentar zu ergänzen, die Auslegung des ganzen Talmuds zu sammeln und zu ordnen, oder die tossafistischen Fragen und Lösungen in betreff schwieriger Talmudstellen abzuschließen. Welche Eingelesenheit in den hochaufgeschichteten Talmudstoff gehörte dazu, diese Arbeit zu unternehmen, die allerentferntesten Partien zusammenzubringen, um hier einen Widerspruch aufzufinden, dort einen zu lösen! Man erzählte sich später, im Lehrhause Isaaks des Älteren waren sechzig gelehrte Mitglieder, von denen je einer nicht bloß im ganzen Talmud heimisch war, sondern einen besonderen Traktat von den sechzig auswendig und tiefeingehend kannte60. Isaaks erste Sammlung der Glossen hieß die alten Tossafot (Tossafot Jeschenim), die sich aber [211] nicht unverändert erhalten, sondern Zusätze und Überarbeitungen erfahren haben. Infolge des feindlichen Geistes, der durch Philipp August in Nordfrankreich zu herrschen begann, fiel Isaaks Sohn, namens Elchanan, der, obwohl jung, einen klangvollen Namen unter den Tossa fisten hatte, noch beim Leben des Vaters als Märtyrer seines Glaubens (1184)61.

Einige Jahre später (1191) machte Philipp August neue Märtyrer. In dem Städtchen Bray (an der Seine, nördlich von Sens), das zur Grafschaft Champagne gehörte, hatte ein Christ, ein Untertan des Königs, einen Juden ermordet. Die Verwandten des Ermordeten führten bei der Gräfin Blanche, Witwe Thibauts von Champagne, Klage und erlangten von ihr durch reiche Geldgeschenke die Erlaubnis, den Mörder zu hängen. Aus boshafter Absicht oder zufällig geschah diese Hinrichtung von seiten der Juden am Purimfeste, und sie dachten vielleicht an den Hamangalgen. Sobald der König Nachricht von der Hinrichtung seines Untertanen und noch dazu durch ein entstellendes Gerücht erfahren hatte, als hätten die Juden dem Mörder die Hände gebunden, ihm eine Dornenkrone aufs Haupt gesetzt und ihn durch die Straßen geschleift, eilte er mit Truppen nach Bray, ließ die Häuser der Juden mit Wachen umstellen, sich ihrer sämtlich bemächtigen und stellte ihnen nur die Wahl zwischen Tod und Taufe. Die Gemeinde von Bray war aber nicht einen Augenblick zweifelhaft, was sie vorziehen sollte. Die Mitglieder ermutigten einander, lieber durch die Bruderhand als durch Henkershand zu sterbern. Nahe an hundert ließ Philipp August lebendig verbrennen und verschonte nur die Kinder unter dreizehn Jahren (14. bis 20. März)62. Wenige Tage später reiste der König mit blutbefleckten Händen als ein Geweihter zum Kreuzzuge nach Syrien. Der sogenannte heilige Krieg hat ihn wenig gebessert.

Alle Bemühungen, dem wahrhaften Helden Saladin Jerusalem mit dem dazugehörigen Gebiete zu entreißen, waren bisher erfolglos geblieben. Richard Löwenherz selbst war bei aller Ritterlichkeit genötigt, einen für die Christen schimpflichen Frieden einzugehen und erlangte nur die Begünstigung, daß christliche Pilger allenfalls die Grabeskirche in Jerusalem besuchen durften. So mußte von neuem ein Kreuzzug gepredigt, der verglimmende Funken des Fanatismus angeblasen werden, den wiederum die Juden zunächst schmerzlich empfanden. [212] Der Papst Innocenz III., der rücksichtsloseste und selbständigste aller Kirchenfürsten, nahm die Sache mit Feuereifer in die Hand. Er beauftragte einen Prediger, Fulko von Neuilly, welcher bis dahin ein leichtsinniger Vogel und ein arger Sünder gewesen war, in Städten und Dörfern den Kreuzzug zu predigen, und dieser, ein zweiter Rudolph (o. S. 150ff.), gebrauchte Judenhaß und Judenplünderung als bequeme Mittel, Scharen für die Kreuzesfahnen zu werben. Er predigte, daß die christlichen Schuldner ihrer Verpflichtungen gegen ihre jüdischen Gläubiger ledig sein sollten, wenn sie das Kreuz nähmen. Viele Barone des nördlichen Frankreich nahmen, von Fulkos fanatischen Reden begeistert oder sich begeistert stellend, das Kreuz, und da einmal ihr Judenhaß entflammt war, vertrieben sie die Juden, welche durch den Verlust ihrer Schuldforderungen verarmt waren, von denen also nichts mehr zu ziehen war, aus ihrem Gebiete63. Wider alles Erwarten nahm Philipp August, der Erzjudenfeind, die ausgewiesenen Juden in seinem Staat auf und gestattete auch den früher von ihm selbst Verbannten wieder in ihre Heimatstätte zurückzukehren (Juli 1198)64. Dieser inkonsequente und milde Schritt des sonst konsequenten und strengen Königs machte zu seiner Zeit viel Aufsehen. Es scheint, daß Philipp August damit der Geistlichkeit und dem Papste geflissentlich Ärgernis geben wollte, weil sie ihm den geistlichen Krieg erklärt hatten. Er hatte sich nämlich von seiner Frau, der dänischen Prinzessin Ingeborg, wegen angeblicher Blutsverwandtschaft geschieden und eine andere heimgeführt. Papst Innocenz, der sich als Vormund der Fürsten und Könige betrachtete, ohne dessen Zustimmung kein Akt geschehen durfte, verlangte von ihm, seine zweite Frau aus seinem Palaste und seinem Lande zu verbannen und Ingeborg wieder aufzunehmen, widrigenfalls er dem schweren Banne und sein Land dem Interdikte verfallen würde. Philipp August spottete anfangs der geistlichen Drohung und in seinem Zorn gegen die anmaßende Kirche mag er Milde gegen die Juden geübt haben.

Durch sein Beispiel angeregt, verfuhren auch einige Barone milder gegen ihre Juden und verhängten nicht mehr Verbannung über sie. Auf den ersten Blick sieht es sogar aus, als wenn der französische König und die Barone von einer Art Zärtlichkeit für die Juden erfüllt gewesen [213] wären, als wären diese ihrem Herzen so teuer gewesen, daß sie sie gar nicht missen mochten. – Sie zeigen sich eifersüchtig aufeinander, wenn Juden aus einem Gebiet in ein anderes übersiedelten, sie reklamieren sie, schließen Verträge untereinander, daß jene bei etwaiger Übersiedlung dem ursprünglichen Herrn ausgeliefert werden müßten und ließen sie sogar einen Eid ablegen, nicht auszuwandern65. Aber hinter dieser scheinbaren Zärtlichkeit steckte die allerschmutzigste Geldgier. Die Juden des nördlichen Frankreich wurden vom Könige und den Baronen als Geldschwämme betrachtet, die sie auspreßten, und sie sahen es gern, wenn jene sich wieder mit dem Schweiß ihrer christlichen Untertanen füllten. Schon im Jahre 1198 schloß Philipp August mit dem Grafen Thibaut von der Champagne einen gegenseitigen Vertrag, daß sie die aus dem Gebiete des einen in das des anderen übergesiedelten Juden nicht zurückhalten, sondern ausliefern wollten66. Philipp August war aber, wie die meisten Könige von Frankreich, kein Mann von Wort und lieferte die Juden, welche aus der von vielen Juden bevölkerten Champagne wegen allzu harter Bedrückung nach Francien ausgewandert waren, nicht aus. Dadurch entstand eine Spannung zwischen dem Könige und der verwitweten Gräfin Blanche. Dieser Streit wiederholte sich, als ein sehr reicher Jude, Cresselin, aus der Champagne nach Paris übersiedelte. Halb durch Überredung und halb durch Zwang kehrte Cresselin in das Gebiet der Gräfin zurück, und der Vertrag wegen Auslieferung der Juden wurde erneuert67.

So verloren die Juden des nördlichen Frankreich seit Philipp August eines ihrer kostbaren Menschenrechte, die Freizügigkeit. Während sie früher wie die Ritter sich nach Belieben hier oder da niederlassen durften, wurden sie seit dieser Zeit wie Leibeigene an den Geburtsort gefesselt. Wanderten sie aus, so zog der Landesherr ihre unbeweglichen Güter zur Strafe ein und veräußerte sie. Anfangs konnten die Juden sich nicht darein finden, und die rabbinische Autorität dieser Zeit, R. Isaak der Ältere, bestimmte, daß kein Jude die konfiszierten Güter kaufen dürfe, und wenn er sie gekauft, dem Eigentümer ausliefern müsse68. Nach und nach wurde aber diese Gewalt zum Gesetz. Aber nicht nur das Recht der Freizügigkeit wurde[214] ihnen genommen, sondern auch das Eigentumsrecht. »Das Vermögen der Juden gehört dem Baron«69, das war der leitende Gedanke in der nordfranzösischen Gesetzgebung in betreff der Juden. Der König und die Barone gestatteten sogar den Juden, hohe Zinsen zu nehmen (zwei Deniers vom Livre die Woche), weil es ihnen zustatten kam. In der Beschränkung, welche Philipp August mit Guido von Dampierre und der Herzogin von Troyes den jüdischen Kapitalisten auflegten, war ihr eigener Vorteil noch mehr, als der der christlichen Schuldner bedacht. Die Schuldscheine sollten nur von einem Notar ausgestellt und mit dem öffentlichen Siegel versehen sein, das in die Hände von zwei Notabeln niederzulegen sei. Dadurch konnte der Herr von dem Umfang der Geldgeschäfte Kunde erhalten. Von jedem abgeschlossenen Geschäfte erhob der Landesherr eine hohe Abgabe (Cens). Wenn noch angeordnet wurde, die Juden dürften keine Kirchengeräte in Pfand nehmen, so fehlte die Klausel nicht, es sei denn, daß der König selbst oder die Barone sie verpfändeten. Die Juden hatten nur noch Wert durch das, was sie besaßen; sie wurden immer mehr als rententragende Leibeigene behandelt, die nach dem Verhältnis ihrer Ergiebigkeit und Tragfähigkeit höher oder niedriger veräußert werden konnten. Ein Edelmann verkaufte der Gräfin von Champagne seinen ganzen Besitz »an Sachen und Juden«70. Freilich waren die Juden dadurch mehr vor Vertreibung und Verfolgung gesichert, weil man sie nicht gern mißte, allein sie erlagen tausendfachen Plackereien, und sie verkümmerten dadurch sittlich. Sie waren auf Gelderwerben angewiesen und suchten sich davon so viel als möglich anzueignen, um ihre Peiniger befriedigen zu können. Die Geistlichen schürten den Haß gegen die Juden immer mehr an und schlossen sie wie Aussätzige aus der christlichen Welt aus. Bischof Odo von Paris, welcher kanonische Konstitutionen erließ (1197), verbot den Christen, von Juden Fleisch zu kaufen, mit ihnen zu disputieren und überhaupt Umgang mit ihnen zu haben71. Die Übertreter sollten der Exkommunikation verfallen. Wäre nicht das Talmudstudium eine glühende Leidenschaft der nordfranzösischen Juden gewesen, so wären sie wohl so schlecht geworden, wie sie ihre Feinde gewünscht und geschildert haben; der Talmud einzig und allein bewahrte sie vor vertierter Selbstsucht und vor sittlicher Fäulnis.

[215] Drei Männer vertraten das Talmudstudium in Nordfrankreich nach dem Tode Isaaks des Tossafotsammlers (um 1200), die aus dessen Schule hervorgegangen waren: Jehuda Sir Leon ben Isaak, der Fromme (ha-Chasid) in Paris (geb. 1166, st. 1224)72, Simson ben Abraham in Sens (st. vor 1226)73, und sein Bruder, Isaak der Jüngere (Rizba) in Dampierre. Alle drei trugen in den Lehrhäusern den Talmud in hergebrachter Weise vor, entschieden die an sie ergangenen religiösen Anfragen und arbeiteten eigene Tossafot aus, von denen die Simsons sich als eine eigene unter dem Namen Sens-Tossafot erhalten haben. Eine eigene Richtung haben diese drei Rabbiner Nordfrankreichs nicht eingeschlagen, für Wissenschaft und Poesie hatten sie keinen Sinn, die heilige Schrift kannten sie nur im Lichte der agadischen Auslegungsweise. Die Bestrebungen des Menahem ben Chelbo, des Joseph Kara, des Samuel ben Meïr, seines Bruders R. Tam und des Joseph Bechor-Schor aus Orleans, der, ein Jünger R. Tams, sich von der agadischen Schriftauslegung fern hielt und die Exegese nüchtern behandelte, hatten keinen Einfluß auf sie geübt. Ihre ganze Weisheitsquelle war der Talmud, was darüber hinausging, das kannten oder beachteten sie nicht. Simson aus Sens erläuterte nach seiner Auswanderung nach Palästina (nach 1211) einige Teile der Mischnah74, so weit ihr die talmudische Ergänzung abging, aber keineswegs selbständig, sondern im tossafistischen Sinne. An Scharfsinn fehlte es diesen und anderen zeitgenössischen Talmudisten nicht, aber an freiem Blick. Simson hatte so wenig Augen für den Kern von Religiosität bei den Karäern, die des Guten eher zu viel als zu wenig taten, daß er nicht bloß Verschwägerung mit ihnen für ungesetzlich hielt, sondern sie als Götzendiener angesehen wissen wollte, deren Wein ein Rabbanit nicht trinken dürfe75.

Jehuda Sir Leon verfaßte eine Schrift zur Anweisung für ein höheres, religiöses Leben (Sefer ha-Kabod)76, dessen sich wahrhaft [216] Fromme befleißigen sollten. Diese Schrift ist zwar voller Glaubensinnigkeit und kindlich reiner Sinnlichkeit, aber auch voll von verkehrten Weltanschauungen und wüstem Aberglauben. Sie spiegelt den Geist jener Zeit treu ab, jene religiöse Ängstlichkeit, die sich bei jedem Schritte scheu bedenkt, ob sie nicht damit eine Sünde begehe oder zu einer Sünde Anlaß gebe, jene düstere Stimmung, welche in jeder natürlichen Regung die Anreizung des Satans erblickt, jenen Kleinlichkeitsgeist, der jeden noch so geringfügigen Vorgang als etwas Bedeutungsvolles behandelt. Neben Sätzen, deren sich Weltweise nicht zu schämen brauchten, kommen in diesem »Buche der Frommen« Abgeschmacktheiten vor, welche nur die Verkümmerung aller Lebensverhältnisse, wie sie seit Philipp August die Juden Frankreichs empfanden, erzeugen konnte. Hier kommt eine Bemerkung vor: »Schamgefühl und Treue [217] sind ein unzertrennliches Zwillingspaar; stirbt das eine, stirbt das andere auch nach«77. – Es wird eingeschärft, in der Askese nicht zu weit zu gehen: »Der Fromme soll nicht sagen: ›Weil Neid, Gelüste und Ruhmsucht zur Sünde führen, will ich mich ganz fern davon halten, will weder Fleisch, noch Wein genießen, will schöne Wohnung, anständige Kleidungen meiden, will wie die Mönche einen groben Anzug tra gen.‹ Auch das ist ein schlechter Weg, und der ihn geht, ist ein Sünder«78. – »Fragt dich ein des Hebräischen Unkundiger oder eine Frau, wie sie beten soll, so eröffne ihnen, daß sie es in der ihnen verständlichen Sprache tun mögen; denn das Gebet hat nur Wert, wenn das Gemüt es erfaßt; welchen Nutzen hat ein solches, von dem das Herz nicht weiß, was der Mund spricht«79? – »Wie gegen den Glaubensgenossen, so sollst du auch redlich gegen den Christen handeln; hat dieser sich geirrt, sollst du ihn darauf aufmerksam machen, damit Gottes heiliger Name nicht durch dich entweiht werde80«. – »Ist ein Jude Zolleinnehmer und fordert den Christen mehr ab, so wird sein Los Verarmung sein81. – Der Fromme soll weder gegen Juden, noch gegen Christen sich eines lügenhaften Vorwandes bedienen, nicht einmal einem unsicheren Borger sagen, er sei nicht im Besitze von Geld82. – Gott steht den Bedrängten bei, seien sie Juden oder Christen; darum soll man den Christen ebenso wenig etwas entwenden, wie den Juden83. – Bedroht ein Jude das Leben eines Christen, so soll der dabeistehende Jude dem Gefährdeten beispringen und allenfalls den jüdischen Mörder totschlagen84. – Wucherer, solche, die Geldstücke beschneiden und die Unrecht mit Maß, Gewicht und Waren tun, verlieren ihr Vermögen, kommen an den Bettelstab, und ihre Kinder müssen getrennt voneinander in fremde Länder wandern«85.

Und dabei wird eingeschärft: Jünglinge und Mädchen sollen nicht zusammenkommen, weil sie durch den Tanz zu Lüsternheiten kommen könnten, und als Beleg wird eine Gespenstergeschichte erzählt. Ein Reiter habe einst im Mondschein Wagenscharen voller Menschen gesehen, die von anderen Menschen bis zur Ermüdung gezogen wurden. Auf seine Frage an einige Bekannte unter ihnen, die bereits verstorben waren, hätte der Reiter vernommen, daß die Ziehenden und die Gezogenen bei ihrem Leben mit Frauen und Mädchen gescherzt hätten, [218] darum seien sie verurteilt worden, wechselweise einander bis zur Ermattung zu ziehen86. – An Gespensterglauben ist das »Buch der Frommen« überhaupt reich. Es hat schon die Schauersage, daß die Leichen sich um Mitternacht im Bethause versammeln, in ihre Betmäntel gehüllt, und ein Lebender, der sie erblickt, ist des Todes87. In der Nacht vor dem großen Hosiannatage steigen die Leichen aus ihren Gräbern und beten88. – An Hexen-und Zaubergeschichten fehlt es auch nicht darin89. – Eingeschärft wird ferner, heilige Bücher nicht mit Umschlägen von Romanzen zu umhüllen90. Man soll die verschiedenen Modulationen beim Vorlesen aus dem Pentateuch, den Propheten und den Hagiographen nicht miteinander verwechseln, nicht die eine für die andere gebrauchen, denn die Sangweisen stammten vom Sinaï, »und du sollst die Grenze nicht verschieben, welche die ersten gesetzt«91. Ebensowenig soll man die liturgischen Gebetstücke älterer neuhebräischer Dichter, wie die Kaliris, mit anderen vertauschen92. Der Gebete mit Versmaß, welche die großen jüdischspanischen Dichter geliefert, soll man sich nicht bedienen, weil sie nichtjüdischen Mustern nachgebildet sind93.

Manche Vorschriften in dem »Buche der Frommen« verlebendigen dann die traurige Zeit der Grausamkeiten der Kreuzfahrer. Wenn christliche Scharen anrücken, sollen Juden sich nicht ein Kreuz an ihre Kleider heften, auch nicht an ihre Häuser nageln und sich nicht wie die Geistlichen Tonsuren scheren, um sich unkenntlich zu machen und der Gefahr zu entgehen94. Die Wände des Hauses, welche vom Märtyrerblut befleckt worden sind, dürfen nicht übertüncht werden, damit das unverdeckte Blut zu Gott aufschreien möge95. Die Gemeinden sollen nicht für immer den Bann über eine Stadt aussprechen, deren Beherrscher die Juden verfolgt und zur Taufe gezwungen hat, weil der Bann auch dann haften würde, wenn die Stadt den Herrn gewechselt hätte96. – Wenn die Juden übrigens über alle diejenigen Städte, welche ihren Glauben Anfechtungen ausgesetzt haben, hätten den Bann verhängen wollen, so hätten sie sich aus dem christlichen Europa hinausbannen müssen. – Das »Buch der Frommen« wurde eine Erbauungslektüre für viele und impfte den düsteren Geist von Geschlecht zu Geschlecht ein.

[219] R. Jehuda Sir Leon, der Fromme, wurde der Lehrer vieler Jünger, welche später einen klangvollen Namen erlangten, Salomos von Montpellier, Moses von Couch, Isaaks von Wien und anderer welche Rabbinen und Pfleger des Talmudstudiums in Spanien, Frankreich und Deutschland wurden. Alle waren in seinem Geiste gebildet, kannten das Judentum nur aus einer dichten Nebelhülle und wurden Gegner der freien Forschung. Die Anhänger seiner Schule traten später in einen feindlichen Gegensatz gegen die höhere Auffassung des Judentums aus der spanischen Schule.

In England und in den französischen Landstrichen, die damals zu England gehörten (Normandie, Bretagne, Anjon, Touraine, Maine, Guienne, Poitou und Gascogne) lebten die Juden ein lange Zeit in ungestörter, glücklicher Ruhe unter dem von der Geistlichkeit angefeindeten Heinrich II.97. Sie bewohnten die großen Städte, und in London waren manche von ihnen zu solchen Reichtümern gelangt, daß ihre Häuser sich wie königliche Paläste ausnahmen98. Der Aufruf zum ersten und zweiten Kreuzzug fand keinen Widerhall unter den nüchternen Inselbewohnern, und darum hatten die Juden Englands keine Märtyrer in jener Zeit. Ihr Gemeinde- und Kulturleben bezogen sie aus Frankreich, das damals mit England in engem Zusammenhange stand. In London lehrte R. Jakob aus Orleans, ein Jünger R. Tams, der unter den Tossafisten einen klangvollen Namen hat. R. Benjamin aus Canterbury99 war ebenfalls ein Jünger desselben Meisters aus Rameru. Der ritterliche Sohn Heinrichs, Richard Löwenherz, war ebenso von Verfolgungssucht entfernt, und die jüdischen Gemeinden Englands hätten sich ruhig unter ihm entwickeln können, wenn nicht der durch Thomas Becket angefachte Fanatismus auch sie in den Bannkreis gezogen hätte. An Richards Krönungstage (3. Sept. 1189) brach der erste Sturm gegen sie los, der damit endete, [220] daß sie nach einem Jahrhundert vollständig aus dem glücklichen Inselreich ausgewiesen wurden. Richards Krönungsfest war für die Juden Englands die erste Szene eines bluttriefenden Dramas100. Als Richard von der Krönung in der Kirche nach seinem Palaste heimgekehrt war, kam unter anderen Huldigenden auch eine jüdische Deputation der reichsten und angesehensten Männer sämtlicher Gemeinden Englands in den Saal, um ihre Geschenke zu überreichen. Bei ihrem Anblicke bemerkte Balduin, Erzbischof von Canterbury, ein fanatischer Kirchenfürst, mit finsterer Miene, daß von den Juden keine Geschenke angenommen werden dürften und sie selbst aus dem Saale entfernt werden[221] sollten, weil sie durch ihren Glauben solche Gunst, unter anderen Völkerschaften zu figurieren, verwirkt hätten. Richard, der keine Ahnung hatte, welche bösen Folgen das Ausschließen der Juden nach sich ziehen würde, ging arglos auf die Weisung des Erzbischofs ein. Die Palastdiener, welche die Juden aus dem Palaste wiesen, glaubten sich aber dadurch berechtigt, sie zu mißhandeln. Das gaffende Volk griff ebenfalls zu und verfolgte die jüdischen Deputierten mit Faustschlägen, mit Steinen und Knütteln. Bald verbreitete sich in allen Teilen Londons das falsche Gerücht, der König wünsche die Demütigung und Ermordung der Juden, und alsbald rottete sich der Pöbel und das kreuzfahrende Gesindel zusammen, um sich an den Besitztümern der Juden zu bereichern. Da diese sich aber in ihre festen Häuser eingeschlossen hatten, so machten die Raubbanden einen Angriff auf sie und legten Feuer an Die Nacht war indessen eingebrochen und bedeckte mit ihrem Schatten das gräßliche Gemetzel unter den Juden. Vergebens sandte der neugekrönte König einen seiner Hofleute, Ranulph de Granville, sich nach dem Aufruhr zu erkundigen und ihm zu steuern. Er konnte zuerst nicht zu Worte kommen, und wurde noch dazu von den Wütenden verhöhnt. So kamen viele Juden um, andere töteten sich selbst, weil ihnen zugemutet wurde, sich taufen zu lassen, darunter auch R. Jakob aus Orleans. Die meisten jüdischen Häuser wurden verbrannt und die Synagogen zerstört. Der Brand, der deswegen angelegt war, um die Schuldforderungen der Juden an Christen zu vernichten, griff um sich und verheerte einen Teil der Stadt. Zum Christentum ging nur ein einziger Jude über, der reiche Benedikt aus York, welcher mit seinem Mitdeputierten Joceus, aus dem Palast verjagt, in eine Kirche geschleppt wurde und zum Scheine sich die Taufe gefallen ließ. – Als Richard aber des anderen Tages den wahren Sachverhalt erfuhr, ließ er die am meisten Schuldigen hinrichten101. Richard war so sehr für die Juden seines Reiches bedacht, daß er, besorgend, die Verfolgung in London könnte in England und in seinen französischen Besitzungen Nachahmung finden, die Unverletzlichkeit der Juden verkünden ließ und sogar Boten nach der Normandie und Poitou schickte, daß etwaige Judenkrawalle sofort verhindert werden sollten102. Er gestattete sogar Benedikt aus York, zum Judentum [222] zurückzukehren, als er seine gewaltsame Taufe erfuhr und von ihm das Geständnis hörte, er sei im Herzen Jude geblieben und wolle als solcher sterben. Der fanatische Erzbischof von Canterbury, der bei der Unterredung zugegen war und um seine Meinung gefragt wurde, antwortete: »Will er nicht ein Sohn Gottes sein, so sei er ein Sohn des Teufels«103.

Solange Richard in London weilte, hatten die Juden Ruhe, sowie er aber über den Kanal setzte, um gemeinschaftlich mit Philipp August einen neuen Kreuzzug anzutreten, wiederholten sich überall im Lande die Szenen von London. Nicht Glaubenseifer allein war es, welcher die Wut der Christen gegen die Juden Englands entfesselte, sondern mehr noch der Neid auf deren Wohlstand und vorzüglich Gier nach fremdem, leicht zu erwerbendem Gute104. Die Reihe kam zuerst an die reiche und bedeutende Gemeinde in der blühenden Handelsstadt Lynn. Wenn man den christlichen Schriftstellern trauen dürfte, so hätten die Juden von Lynn den Zorn der Christen zum Angriff gereizt. Sie sollen nämlich einen getauften Juden mit Waffen angefallen, und als dieser sich in eine Kirche geflüchtet hatte, dieselbe mit Sturm angegriffen haben. Darauf seien die Christen zur Wehr zusammengerufen worden. Kreuzfahrer befanden sich ebenfalls in der Stadt. Von diesen geschlagen, hätten die Juden sich in ihre Häuser geflüchtet und wären daselbst mit Feuer und Schwert aufgerieben worden, so daß nur wenige entkamen. Aber unmöglich können die Juden die ersten Angreifer gewesen sein; denn die Bürger wurden von den königlichen Beamten wegen der Vorfälle zur Verantwortung gezogen und schoben die Schuld auf die Kreuzzügler, welche sich indessen, mit der Beute der Juden beladen, auf und davon gemacht hatten. Ein jüdischer Arzt, der wegen seiner Geschicklichkeit und Bescheidenheit auch bei Christen beliebt war, wurde von den Barbaren ermordet, weil er die [223] Seinigen allzu sehr betrauert und die Gerechtigkeit des Himmels gegen die Mörder angerufen hatte105.

Darauf wurden die Juden von Norwich in ihren Häusern überfallen und ermordet (6. Febr. 1190)106. Einen Monat später (7. März) wurden die Juden von Stanford mißhandelt, weil gerade am Markttage viele Kreuzfahrer und Fremde in der Stadt waren, welche sicher waren, in der Überzahl zu sein, falls die Juden vereint mit den Bürgern ihnen Widerstand leisten sollten. Sie glaubten ein gottgefälliges Werk zu tun, wenn sie diejenigen als Feinde behandelten, nach deren Besitztümern sie lüstern waren, und gedachten ihre Reisekosten zum Kreuzzuge von den Juden zu erpressen. Ohne die geringste Veranlassung fielen sie die Juden an, ermordeten einige, zwangen andere, sich in das königliche Kastell zu flüchten, erbrachen deren Häuser und trugen alles Wertvolle daraus fort. Um nicht den königlichen Richtern in die Hände zu fallen, machten sich die räuberischen Kreuzfahrer mit der Beute aus dem Staube. Einer dieser Raubmörder, welcher seinen Raub bei einem Bekannten untergebracht hatte und von diesem aus Habsucht ermordet wurde, wäre um ein Haar ein Heiliger geworden107. – Die Gemeinde von Lincoln war nahe daran, das Geschick ihrer Schwestern von Lynn, Norwich und Stanford zu teilen, als sie, sowie sie Wind von der ihr drohenden Gefahr erhielt, sich mit ihrer Habe in den Schutz der königlichen Burg begab108.

Am tragischsten war das Los der Juden von York, weil unter ihnen zwei Männer waren, welche fürstliche Reichtümer besaßen, sich Prachtpaläste erbaut und dadurch den Neid der Christen auf sich gezogen hatten. Es waren Joceus und Benedictus, welche bei der Krönung Richards so arg mißhandelt worden waren (o. S. 222). Der letztere, nach der Zwangstaufe wieder zum Judentum zurückgekehrt, war den Wunden erlegen, welche ihm in London beigebracht worden waren. Kreuzfahrer, welche sich bereichern wollten, Bürger, welche mißgünstig auf die Wohlhabenheit der Juden blickten, Edelleute, welche deren Schuldner waren, Geistliche, welche von blutdürstigem Fanatismus verzehrt waren, alle diese Klassen verschworen sich zum Verderben der Juden von York. Bei einer zufälligen oder geflissentlich angelegten Feuersbrunst in dunkler Nacht erstürmten Verschworene [224] das Haus des Benedictus, das nur von seiner Frau und seinen Töchtern bewohnt war, trugen die Kostbarkeiten fort und zündeten es an. In der Voraussicht der ihnen drohenden Gefahr begab sich Joceus mit den Seinigen und die meisten Gemeindeglieder zum Burgwart und begehrten Schutz in der Festung, der ihnen auch zuteil wurde; nur wenige Juden waren in der Stadt zurückgeblieben. Diese wurden auch tags darauf von den nach gelungenem Versuch offen auftretenden Verschworenen angefallen, und es blieb ihnen nur die Wahl, sich taufen zu lassen oder zu sterben. Die Juden in der Burg aber wurden von einer großen Volksmenge aller Stände förmlich belagert und zur Annahme des Christentums aufgefordert. Eines Tages befand sich der Burgwart außerhalb der Festung, und da die Juden fürchteten, er werde sie verraten und ihren Feinden überliefern, beschlossen sie, ihm den Eintritt in die Burg zu verweigern. Dieser beklagte sich über die Anmaßung der Juden, ihn aus der ihm anvertrauten Festung auszuschließen, bei einem damals anwesenden, hohen königlichen Beamten, dem Gouverneur der Provinz, der, ebenfalls in hohem Grade erzürnt, nun die belagernde Volksmenge selbst aufforderte, die Burg zu Falle zu bringen und Rache an den Juden zu nehmen. Er ließ sogar neue Scharen aus der Provinz zuziehen, um desto sicherer Herr der Burg zu werden. Sechs Tage dauerte die Belagerung, die Juden wehrten die Angriffe tapfer ab. Schon bereute der Gouverneur den erteilten Befehl zum Stürmen; viele Edelleute und ernste, vorsichtige Bürger zogen sich von einem Unternehmen zurück, welches, wenn der König es erführe, üble Folgen für sie haben könnte. Da feuerte ein Mönch in weißem Gewande die Stürmenden zur Fortsetzung des Werkes mit Wort und Tat an. Er hielt eigens einen feierlichen Gottesdienst, las die Messe, nahm die Hostie, um sich der höheren Hilfe zur Besiegung des schwachen, jüdischen Häufleins in der Burg zu vergewissern. Er wurde nichtsdestoweniger von einem Steine, von jüdischer Hand geschleudert, zu Boden gestreckt und hauchte seinen fanatischen Geist aus.

Den Juden waren aber indessen die Lebensmittel ausgegangen, und sie sahen dem sicheren Tode entgegen. In der Beratung der Männer, was nun zu tun sei, riet ein Gesetzeskundiger, welcher aus Frankreich herübergekommen war, R. Jom-Tob aus Joigny, sich selbst zu entleiben: »Gott, dessen Ratschlüsse unergründlich sind, will offenbaren, daß wir für unsere heilige Lehre sterben. Der Tod ist vor der Tür, wenn ihr etwa nicht wegen einer kurzen Lebensspanne vorzieht, ihr untreu zu werden. Da wir nun einmal einen rühmlichen [225] Tod einem schandbaren Leben vorziehen müssen, so ist es geraten, die ehrenvollste und leichteste Todesart zu wählen. Das Leben, welches der Schöpfer uns gegeben, wollen wir mit eigenen Händen ihm wiedergeben. Dieses Beispiel gaben uns viele fromme Männer und Gemeinden in alter und neuer Zeit.« Viele waren damit einverstanden; die Feigen aber wollten sich nicht selbst die Möglichkeit der Rettung abschneiden. Indessen traf der heldenmütige Rabbiner Anstalt zur Ausführung der Selbstopferung. Alle Kostbarkeiten wurden verbrannt, Feuer an die Türen gelegt, und die Männer setzten das tödliche Messer an den Hals ihrer Lieben mit zelotischem Mute. Joceus, als Gemeindeführer, tötete seine geliebte Frau Anna zuerst, und ihm wurde auch die Ehre zuteil, von dem Rabbinen geopfert zu werden. Und so kamen die meisten um, einer durch die Hand des anderen, am Vorabend des großen Sabbat, welcher die Vorfeier zum Feste der Erlösung aus ägyptischer Knechtschaft bildet109, gerade um dieselbe Zeit, als die letzten Zeloten nach der Tempelzerstörung sich in der Festung Masada auf dieselbe Weise den Tod gaben, um nicht in die Hände der Römer zu fallen. Die wenigen noch Übriggebliebenen hatten in der Nacht mit dem umsichgreifenden Feuer zu kämpfen, um sich einen ungefährdeten Winkel zu sichern. Am anderen Morgen des Sabbat (17. März 1190), als die Feinde zu einem Angriff anrückten, erklärten die Juden ihre Bereitwilligkeit, das Tor zu öffnen und die Taufe zu empfangen und warfen die Leichen der Selbstentleibten von der Mauer herab, um jene von der schaudererregenden Selbstaufopferung zu überzeugen. Kaum waren aber die Tore geöffnet, so zückte der Anführer der christlichen Verschworenen mit seinen Trabanten die Schwerter gegen diejenigen, welche unter Tränen nach der Taufe verlangten, so daß nicht ein einziger Jude von der Yorker Gemeinde übrig blieb. Im ganzen kamen beinahe 500 um110.

Tags darauf, am Palmsonntag (18. März), wurden siebenundfünfzig Juden von den Kreuzfahrern in St. Edmund hingeschlachtet111. Und überall, wo es Juden in England gab, fielen jüdische Märtyrer, soweit sie nicht von den Bürgern geschützt wurden112. Eine Gemeinde von lauter jüdischen Proselyten, zwanzig Familien, erlitt ebenfalls den Märtyrertod113. Der König Richard war über alle diese Grausamkeiten [226] an den Juden höchst erzürnt und beauftragte seinen Kanzler, Untersuchung anzustellen und die Schuldigen zu bestrafen. Aber die Kreuzfahrer hatten sich aus dem Staube gemacht, die schuldigen Bürger und Edelleute flohen nach Schottland, die übrigen entschuldigten sich. Nur der Gouverneur von York wurde seines Amtes entsetzt.114.

Aber auch der Hilfe edler Bürger wurden sie beraubt, als Richards Bruder zur Regierung gelangte, jener König Johann ohne Land, der durch seine Gewissenlosigkeit England zum Vasallenlande des päpstlichen Stuhles erniedrigt hat. Wenn er gegen alle Welt rücksichtslos verfuhr, so durften sich die Juden gewiß nichts Gutes von ihm versehen. Öfter ließ er sie verhaften und durch schaudervolle Tortur von ihnen Reichtümer erpressen. Bekannt ist sein Verfahren gegen einen Juden von Bristol, von dem er 10000 Mark Silbers verlangte und dem er einen Zahn nach dem andern ausreißen ließ, bis der Unglückliche das Geld herbeischaffte115. So sanken die Juden Englands nach und nach zu einer verachteten Menschenklasse herab, der man alles zumuten durfte und der stets »gib, gib« zugerufen wurde. Eine eigene Kultur konnte sich daher unter ihnen nicht entwickeln.


Fußnoten

1 Nathan Ibn-Jarchi bei Zakuto.


2 Charisi, Tachkemoni Pforte 46; vgl. Note 1. Anmerkung 1.


3 Dieselbe Note 1. IV.


4 Ibn-Verga, Schebet Jehuda Nr. 9.


5 Dieselbe Note 1. Anmerkung 1.


6 Ibn-Schoschans Epitaphium dieselbe Note.


7 Über diesen Alfachar vgl. Epitaphien der Toledaner Gemeinde (Abne Zikkaron), S. 68 und dazu Rapaports Bemerkungen in Kerem Chemed VII. p. 248; ferner Almakkari bei Gayangos, History of the mohammedan dynasties in Spain und dazu Lebrechts Bemerkungen in Literatur des Auslandes Jahrg. 1841, Nr. 36, Orient 1841, S. 250. Das Todesjahr ergibt sich annähernd aus dem Umstand, daß der Dichter Jehuda ben Isaak seine weiberfeindliche Satire (Minchat Jehuda) 1218 dem Abr. ha-Jozer = Alfachar widmete (Taam Zekenim 12). Da nun Alf. nach seinem Epitaph. Mittw. 25. Tebet starb, so war die Jahresform seines Sterbejahres השב, זשב, הבג oder זכג. Diese Jahresformen kommen nach 1218 erst vor 1224, 1228, 1231. Im letzten Jahre war er sicherlich bereits tot.


8 Maimunische Briefsammlung ed. Amst. p. 23.


9 Abraham Ibn-Daud und Charisi das. Pforte 46.


10 So schildert sie Meïr Halevi Abulafia in seinem Sendschreiben an Nachmani in der maimunischen Briefsammlung.


11 Aus dem Umstande, daß Charisi einen Teil von Maimunis Mischnahkommentar noch bei Lebzeiten des Verfassers übersetzte und Verse an denselben richtete, ergibt sich, daß er gegen Ende des zwölften Jahrhunderts bereits reif war, und da er von Joseph ben Aknin in Haleb wie von einem Lebenden spricht, den Streit für und gegen Maimuni aber nicht mehr erlebte, so fällt sein Todesjahr 1226-1232. Über das Jahr seiner ersten Reisen vgl. Note 1. Anmerkung 1.


12 Dieses Gedicht, das man früher Abr. Ibn-Esra zuschrieb, stammt von Charisi, wie Dukes nachgewiesen hat. Die Übersetzung ist von Kämpf, auf dessen »erste Makamen des Charisi« (Berlin 1848) und »Nichtandalusische Poesie andalusischer Dichter« (Prag 1859) ich in betreff Charisis verweise.


13 Zakuto, zweimal. In Ibn-Vergas Schebet Jehuda Nr. 5 bezieht sich das dort erzählte Martyrium nicht auf Abr. Ibn-Daud, sondern auf Joseph Ibn-Nagrela, nach der Lesart der Amsterd. Edition.


14 Depping, Romancero castellano I. Nr. 206. Auch andere Quellen berichten von Alfonsos Liebe zu einer Jüdin, ein Faktum, das nur jüngere spanische Historiker leugnen; vgl. Aschbach, Geschichte Spaniens unter den Almoraviden und Almohaden II. S. 332. St. Hilaire. histoire d'Espagne V. p. 181, 527.


15 Vgl. Note 1. IV.


16 Zakuto ed. Filipowski p. 221, richtiger als ed. Amst. 99 b. In beiden muß übrigens das Datum ו"נקתת in ז"נ emendiert werden; denn »die Verwüstung des Landes durch zwei Könige« (wie Zakuto das Faktum in ed. F. näher bezeichnet) fand erst 1197 statt; vgl. Schmidt, Geschichte Aragoniens im Mittelalter, S. 92f.


17 Charisi, Tachkemoni Pforte 46.


18 Vgl. Note 1. Anmerkung 1.


19 Bei Benjamin muß man wohl lesen Samuel ben Abr. ben Chasdaï statt Salomo, so daß derselbe identisch ist mit Samuel in Barcelona bei Charisi (46). Es war sicherlich der Vater des Abraham ben S. ben Chasdaï, Verfassers von ריזנהו ךלמה ןב und Übersetzers von Alghazalis Ethik, Pseudepigraphie חופתה 'ס und anderer Schriften. Das ethische Werk.ךלמה ןב ist ins Deutsche übersetzt von Meisel.


20 Vgl. Kayserling, Die Juden in Navarra. S. 11. 15.


21 Vgl. Note 10. Die meisten Angaben in diesem Kapitel sind aus Benjamin von Tudelas Itinerarium geschöpft; ich zitiere daher nur die anderweitigen Quellen.


22 Über R. Serachja vgl. die Monographie von Reifmann; Carmoly, La France Israélite und das Testament von Jehuda Ibn-Tibbon Berlin 1852, S. 9. Über dessen Todesjahr Note 1. IV.


23 Bei Reifmann S. 30.


24 Daß der Maor nicht in den Jahren 1140-1147, sondern später verfaßt wurde, dafür zeugt unwiderleglich, daß darin R. Tam ausdrücklich als ein bereits Hingeschiedener erwähnt wird; vgl. zu Chulin III. p. 14 b. Das Datum des Sabbatjahres spricht nicht dagegen.


25 Vgl. darüber Christian Ulrich Hahn, Geschichte der Ketzer im Mittelalter I. 149ff.


26 Isti sunt articuli, in quibus errant moderni haeretici – 10. dicunt quod lex Judaeorum melior est quam lex Christianorum, bei Vaisette, Histoire générale de Languedoc III., preuves p. 372.


27 Nächst Benjamin von Tudela, D. Kimchi im zweiten Sendschreiben an Alfachar, Maimunische Briefsammlung p. 25.


28 Das Datum des Todesjahres 4919 = 1159 bei Meïri (Einl. zu Bet ha-Bechira 18 b.), worauf sich Carmoly beruft, kann nicht richtig sein, da Abraham ben J. den R. Tam als einen Verstorbenen erwähnt, wie Zunz bemerkt hat, in Geigers Zeitschrift II. 309.


29 Asulaï, sub voce.


30 Milchamot Chobah ed. Const. p. 20 b. ff.; über Joseph Kimchi vgl. Orient 1850 Nr. 1ff., Ozar Nechmad I. p. 96ff. und Landshut, Amude Aboda p. 90ff.


31 Seinen Kommentar zu den Sprüchen vollendete er 1178; vgl. Dukes in Orient 1847, col. 26 Note. Der Ibn-Esras Namen tragende Kommentar zu den Sprüchen gehört M. Kimchi an, wie mehrere nachgewiesen haben.


32 Vgl. Ozar Nechmad II. 157ff.


33 Quellen bei Vaisette, Histoire de Languedoc II. 486.


34 Das. III. 24, vgl. Note 1. IV.


35 Dieselbe Note.

36 Vaisette a.a.O. 119 und Preuves 127.


37 Vgl. Kerem Chemed V. p. 3 unten.


38 Ibn-Tibbon, Einleitung zu Bachjas Chobat ha-Lebabot.


39 Note 1. IV.


40 Isaak von Akko in Meïrat Enajim Ms.


41 Vgl. über ihn Asulaï, sub voce Nr. 237f. und Ben-Jakobs Anmerkungen, ferner Reifmann, Biographie des R. Serachja S. 48, Note 18.


42 Sein Testament S. 7 und die Einleitung dazu.


43 J. Ibn-Tibbons Einl. zu Chobat ha Lebabot und zu Ibn-G'anachs Rikmah.


44 Einl. zu Ibn-Tibbons Testament.


45 Zunz in Geigers Zeitschrift II. 309, Carmoly, La France Israélite


46 Note 1. IV.


47 Eigentlich Ittur Sopherim.


48 Note 1, IV.


49 Charisi, Tachkemoni Pforte 46.


50 Note 1, IV.

51 Charisi das.


52 Epistola Alexandri III. ad Guarinum Bituricensem archiepiscopum bei Bouquet, Recueil XV, p. 986.


53 Note 7.


54 Robert von Auxerre bei Bouquet XVIII. 248: Anno 1180 Philippo rege Natale Domini Senonis celebrante orta est inter Guidonem archiepiscopum regemque dissensio, eo quod archiepiscopus quaedam decreta concilii nullatenus pateretur infringi. – Volebat itaque rex his nequaquam teneri etc.


55 Das Richtige in betreff der Tatsachen und des Datums hat Radulph de Diceto (imagines historiarum, in Twystens historiae anglicanae scriptores decem p. 609): Mandato Philippi regis Francorum Judaei quocunque loco per Franciam domicilium dum sabbatizarent, et in nullo regem offenderent, XV. Cal. Februarii sunt artae mancipati custodiae; sed tandem XV millia marcarum fisco solventes in integrum respiraverunt. Nebelhaft ist Rigords Darstellung der Tatsache (in Duchesne historiae Francorum scriptores V. 6 und Bouquet recueil XVII. p. 6). Eodem anno, quo sacra suscepit (Phil. Aug.) gubernacula XVI. Cal. Martii in sabbato capti sunt Judaei per totam Franciam in Synagogis et tunc expoliati sunt auro et argento et vestibus. Vaisette emendiert XIV. Cal. statt XVI., und so muß man es auch bei de Diceto tun und zwar Cal. Februarii, nicht Martii. Daß diese Tatsache ins Jahr 1180 und nicht erst ein Jahr später zu setzen ist, geht aus Rigords Worten hervor und auch aus dem Umstande, daß Philipps Vater dam als noch am Leben war.


56 Rigord a.a.O.


57 Das.


58 Rigord a.a.O.


59 Note 1, III.


60 Menahem ben Serach, Einl. zu seinem Zedah ha-Derech.


61 Note 1, III.


62 Vgl. Note 9.


63 Robert von Auxerre bei Bouquet, Recueil XVIII. 274; Ville-Hardouin, chronique de la prise de Constantinople I, Anfang.


64 Richard bei Du-Chesne V. 42, bei Bouquet a.a.O. 71. Roger de Hoveden bei Bouquet das. 695: Contra omnium opinionem Judaeos Parisiis reduxit et ecclesias Dei graviter persecutus.


65 Sefer Chassidim Nr. 421. Mose von Couch, Semag-Gebote Nr. 73.


66 Ordonnances des rois de France I. 44. Brussel, Usage général des juifs en France I. 1. 2. p. 39.


67 Brussel a.a.O.


68 Tossafot zu Baba Kama p. 58 a.


69 Les meubles aux juifs sont au baron.


70 Brussel a.a.O.


71 Mansi concilia T. XXII. p. 683, 85.


72 S. Note 1. III.


73 Er starb nämlich vor dem Tode Joseph ben Aknins, wie aus Abraham Maimunis Milchamot S. 16 hervorgeht. Über ihn und seinen Bruder vgl. Zunz, Zur Literatur S. 34f.


74 Vgl. Frankel, Darche ha-Mischnah 329f. Der zu Peah I. 6. erwähnte Brief ist vielleicht der in Codices de Rossi erwähnte Brief Simsons an R. Meïr (Nr. 772, 7).


75 Responsa David Ibn-Abi-Simra II. Nr. 796.


76 Zakuto bemerkt ausdrücklich, daß Jehuda Chasid ben Isaak, Jünger des Tossafisten Ri, d.h. Sir Leon von Paris, Verfasser des S. ha-Kabod war. Ibn-Jachja sagt anfangs dasselbe, Jehuda von Paris, Verfasser des Testamentes, war ein Schüler des Ri, d.h. Verfasser des S. Chassidim, dem das Testament beigefügt ist. Nur stört diesen die anderweitige Nachricht, daß Samuel, Vater des andern Jehuda Chasid, Verfasser des S. Chassidim gewesen sein soll. Asulaï sub voce ventiliert die Frage, ob Jehuda der Fromme von Paris oder Jehuda der Fromme von Regensburg Verf. des S. Ch. gewesen sei und kommt zu keiner Entscheidung, weil er von falschen Prämissen ausgeht. Die Frage löst sich einfach durch die Annahme, daß das S. Chassidim und S. ha-Kabod insofern identisch sind, als ein Späterer (der sich Nr. 696 zu erkennen gibt), das letztgenannte Buch exzerpiert, den Titel umgeändert und manches aus anderen Schriften (Saadia, R. Nissim, Maimuni und andern) hinzugefügt hat. An drei Stellen wird bemerkt, daß das Ausführliche über gewisse Punkte in S. ha-Kabod zu suchen sei (Nr. 197, 321, 461). Was Eleasar von Worms und Mose Takn (Ozar Nechmad III. 65, 67) aus S. ha-Kabod zitieren, findet sich in S. Chassidim. Das S. Chassidim hat das S. ha-Kabod absorbiert. Nun kommen in dem S. Ch. (ed. Bologna 1538 ed. princeps) mehrere französische Worte und Wendungen vor. So gleich im Anfange, man solle beim Aussprechen des Gottesnamens eine Preisformel hebräisch oder in einer anderen Sprache (זעלב) hinzufügen; וייאול טיש וא טדינב טיש (soit bénédit ou soit loué): weiterhin: ייוא לטיא ארוי ןוב אדנומקל אריש ארטונא (bon jour tel ait (avia) no(s)tra Sir(a) le commande (a); No. 463 שליבור זעלב – Rubéoles; Nr. 898 רודניט ןירוקש – tendeur. Ja, זעל beißt in diesem Buche geradezu sranzösisch, im Unterschiede von זנכשא ןושל. Es unterliegt demnach keinem Zweifel, daß der Verfasser des S. ha-Kabod oder des S. Chassidim ein Franzose war, und nicht ein Deutscher, d.h. Jehuda Chassid von Paris (Sir Leon) und nicht der von Regensburg. Ohnehin reflektiert bei genauer Beachtung so manches darin weit eher französische als deutsche Zustände jener Zeit. – Das S. Chassidim führt auch den Titel תודיסחהו המכחה 'ס auch kurzweg: המכחה 'ס. Ich mußte diesen Punkt weitläufig beleuchten, weil alles, was Zunz darüber aufgestellt (zur Literatur S. 123f.), unrichtig ist. – Es versteht sich von selbst, daß das »Testament« דיסחה הדוהי 'ר תאוצ, welches jüngeren Ausgaben angehängt ist, spätern Ursprungs ist.


77 S. Chassidim Nr. 120.


78 Das. Nr. 52.


79 Das. 588 und 788.


80 Das. 395.


81 Das. 425.


82 Das. 426, 979.

83 Das. 6, 61.


84 Das. 1022.


85 Das. 1078-1081.


86 S. Chassidim 168, 169.


87 Das. 711.


88 Das. 452.


89 Das. 460-468, 477 und noch andere Stellen.


90 Das. 142.


91 Das. 301.


92 Das. 114.


93 Das. 784.


94 Das. 221.


95 Das. 449.


96 Das. 424.


97 Radulph de Diceto (in Twysdens Historiae anglicanae scriptores decem 647): pax Judaeorum, quam ab antiquis temporibus semper obtinuerunt (in Anglia). Wilhelm von Neubury (Rerum anglicarum I. IV. 1): Judaei ne forte habita sub rege priore (Heinrich II.) felicitas minus eis arridet sub novo (Richard); ders. IV. 10: Judaei in Anglia sub rege Henrico secundo consistentes ordine praepostero super Christianos felices et incliti fuerant.


98 Rudolph von Coggesdhale bei Bouquet, Recueil XVIII. p. 63: domus eorum (Judaeorum) quae quasi palatia regum erectae fuerant.


99 Siehe Note 1. III. Vgl. Wilhelm von Neubury (a.a.O. VI. 10). Legis doctor qui ad docendos Judaeos anglicanos ex partibus venerat transmarinis.


100 So reich auch die Quellen über die an Richards Krönungstage ausgebrochene Judenverfolgung fließen, da sämtliche englische Annalisten darüber berichten, so ist sie in neuerer Zeit nichts weniger als kritisch genau dargestellt worden. Als erste Veranlassung zur Verfolgung wird allgemein angegeben, die Juden hätten sich gegen des Königs Edikt als Neugierige in die Kirche gedrängt. Das ist aber falsch. Drei zeitgenössische Quellen geben an, die Juden seien im Palaste mit Huldigungsgeschenken erschienen, und eine derselben bezeichnet den Anreger der Verfolgung genau. Der anonyme Chronist von Laon (bei Bouquet das. 707) berichtet: Balduinus – archiepiscopus Cantuariensis – cum videret Judaeos interesse consecrationi, novo regi (Richardo) donasua praesentare volentes, suggessit regi, ut amoverentur, qui hane gratiam peccatis suis perdiderant. Radulph de Diceto, welcher bei dem Krönungsakte als Dekan des Londoner Kapitels fungierte, berichtet darüber (a.a. O): solemnibus expletis in plenitudine magna – pax Judacorum, quam (oben S. 220 Anmerkung 1) ab aliegenis interrumpitur. Also während des Festmahles und nicht in der Kirche. Ebenso Ephraim aus Bonn im Martyrologium a.a.O. 9): םיניצקה םידוהיה םג ואוביו החנמ ךלמל איבהל (ארטלגנאב) םהב רשא םירישעהי. Selbst Wilhelm von Neubury gibt noch genan die Lokalität an: contigit autem rege discumbente (in convivio) Judaei fores sic regias introibant. Den Umstand von den Geschenken hat er nicht, dafür aber die Sage über die Ausschließung der Juden: verum ille (rex) minus jam eos (Judaeos) acceptans quam pater. vel nescio quid praecavens, superstitiosa quadam de consilio quorundam cautela, edicto – utdicitur – interdixit eis ingressum vel ecclesiae, dum coronaretur, vel palatii, dum convivaretur (a.a.O.). Johannes Bromton hat diese unbestimmt gelassene Sage halb als Geschichte aufgenommen: Et licet ipse rex edicto publico, ut dicitur, Judaeis et mulieribus ingressum ecclesiae, dum coronaretur, et etiam palacii, dum epularetur, interdixerat. prandentibus tamen illis principes Judaeorum – fores regias introibant. Also immer noch zum Teil der Palast (bei Twysden p. 1159). Erst Matthäus Paris, der Kompilator, hat den Umstand, daß die Juden propter magicas artes ausgeschlossen worden seien, und ab ecelesia eos (Judaeos) ejicientes (ed. London 154). Diesem ungenannten Annalisten sind die meisten Historiker gefolgt und haben das Faktum unkritisch dargestellt. Der erste Urheber des Gemetzels unter den Juden war Balduin, Erzbischof von Canterbury.


101 Dieselben Quellen.


102 Wilhelm von Neubury a.a.O.: Princeps autem post cladem Judacis pacem sancivit. Chronist von Laon bei Bouquet a.a.O.: Rex vero ne simili vesania in Normannia et Pictavia necarentur Judaei, nuncios illuc direxit, qui impedirent.


103 Es ist eigen, daß der jüngere Johannes Bromton bei diesem Punkte wahrheitsgetreuer ist, als Wilhelm von Neubury, seine Quelle. Der erstere berichtet darüber: rex – interrogavit illum (Benedictum Eboracensem), si esset Christianus effectus. Ipse vero respondit, quod non. – Tunc rex interrogavit archiepiscopum Cantuariensem – quid esset de illo faciendum, qui respondit minus discrete: si ipse non vult esse homo Dei, sit homo Diaboli. Der letztere dagegen: Ejectus ergo (Benedictus) a facie regis, Judaeis est redditus apostata Christianus, factusque filius Gehennae duplo quam prius.


104 Wilhelm von Neubury a.a.O. IV, 7: Christianorum adversus Judaeos in Anglica zelus – vehementer excanduit, non quidem syncere et causa fidei tantum, sed eorum vel aemulando felicitatem, vel inhiando fortunis.


105 Wilhelm von Neubury a.a.O. IV, 7.


106 Radulph de Diceto, Imagines historiarum, bei Twysden a.a.O. 651.


107 Wilhelm von Neubury das. IV, 8.


108 Ders. IV, 9.


109 Wilhelm von Neubury das. IV, 9, 10. In betreff der Zeit vgl. Note 9.


110 de Diceto a.a.O.


111 Das.


112 Das.


113 Ephraim von Bonn, Martyrologium p. 10.


114 Wilhelm von Neubury das. IV, 11.


115 Matthaeus Paris, Historia major ed. London 1680 p. 229 ad annum 1210.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1896], Band 6, S. 228.
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