13. Kapitel. Die Nachwehen des Unterganges. (586-572.)

[366] Zusammenschmelzen des Volkes. Die judäischen Flüchtlinge. Feindseligkeit der Idumäer gegen sie. Flüchtlinge in Phönicien. Die Krieger unter Jochanan, Sohn Kareach's in Schlupfwinkeln. Das Klagelied. Nebukadnezar's Plan bezüglich Juda's. Gedalja als Statthalter in Mizpah. Jeremia ihm zur Seite. Der Wiederanbau des Landes. Heiligthum in Mizpah. Ismael's Mordthat an Gedalja. Jochanan Ben Kareach rächt seinen Tod. Zersprengung des Ueberbleibsels in Juda. Auswanderung nach Aegypten. Verödung Judäa's. Lieblosigkeit der Idumäer gegen die Judäer und Haß dieser gegen jene. Hoffnung der ausgewanderten Judäer in Aegypten. Jeremia's Ermahnung an sie in Taphnai. Hophra's Sieg und Untergang. Jeremia's letzte Klage.


Ein Jahrtausend war etwa verstrichen, seitdem die Stämme Israel's so muthvoll und hoffnungsreich unter einem kräftigen Führer über den Jordan gesetzt und festen Fuß im Lande Kanaan gefaßt hatten, und ein halbes Jahrtausend, seitdem die beiden ersten Könige des davidischen Hauses das Land Israel zu einem weit gebietenden Großstaat erhoben hatten und nun welches Ende! Der größte Theil der Zehnstämme war seit mehr als einem Jahrhundert in unbekannten Ländern verschollen. Von den übrigen Stämmen, die das Reich Juda ausmachten, war der größte Theil durch Krieg, Hunger oder Pest aufgerieben, ein kleiner Theil in Gefangenschaft geführt, ein ganz winziger Bruchteil nach Aegypten ausgewandert oder sonst flüchtig, oder lebte im Lande in Angst, was der Sieger über den Rest verhängen werde. Wie sehr hatte sich Ezechiel's Verkündigung über Juda erfüllt: »Ein dritter Theil wird durch Hunger in deiner Mitte (Jerusalem) umkommen, ein dritter Theil wird in deiner Nähe durch Schwert sterben, und ein dritter Theil wird in alle Winde zerstreut werden, und auch gegen ihn wird das Schwert gezückt werden und er wird zur Schmach unter den Völkern werden«1. Gegen diesen geringen Ueberrest entfesselte sich in der That die Wuth vielfacher Feinde, um auch ihm den Untergang zu bereiten, als sollte nicht ein einziger von Israel in seinem Heimathlande bleiben. Das Nachspiel war ebenso grausig als der Hauptact des Unterganges.

[366] Der Rest der Krieger, welcher mit Zedekia in der Nacht durch unterirdische Gänge aus der eroberten Hauptstadt entflohen war, hatte sich bei der Annäherung der chaldäischen Verfolger zerstreut. Eine Handvoll desselben war unter Anführung eines Fürsten aus königlichem Geblüte, Namens Ismaël, Sohn Nethanja's, über den Jordan entkommen, hatte bei dem ammonitischen Könige Baalis Schutz gefunden und sich in Ammonitis und dem benachbarten Moab niedergelassen2. Die Uebrigen hatten es vorgezogen, nach Aegypten zu entfliehen, wohin schon früher mehrere Familien ausgewandert waren3, weil sie dort unter dem mit ihrem Lande verbündeten Hophra mehr Sicherheit zu finden hofften. Aber um dahin zu gelangen, mußten sie das Gebiet von Idumäa berühren, und hier erwartete sie ein grimmiger, unversöhnlicher Feind. Die Idumäer, des alten Hasses gedenkend und ungerührt von der brüderlichen Zuvorkommenheit Juda's, als hätten sie noch nicht genug an der Schadenfreude wegen der Zerstörung Jerusalems, die sie so eifrig betrieben, nicht genug an der Beute die sie gemacht hatten, trieben ihre Feindseligkeit soweit, daß sie an der Grenze ihres Landes Wache hielten, die flüchtigen Judäer tödteten, oder sie, um den Chaldäern zu schmeicheln, ihnen überlieferten4. Nicht bloß Haß stimmte Edom zur Grausamkeit gegen die elenden Flüchtlinge, sondern auch politische Berechnung. Es speculirte auf den Besitz des ganzes Gebietes, welches so lange dem Volke Israel gehört hatte. Durch die blutige Verfolgung der Judäer glaubte es diesen Besitz leichter erlangen zu können. Wenn kein Mann von ihnen übrig bliebe, so würde das Land herrenlos geworden sein, und Nebukadnezar, dem es so eifrig Vorschub geleistet hatte, würde nicht umhin können, aus Dankbarkeit es ihm zu überlassen. Laut sprachen es die Idumäer aus: »Die beiden Völker und die beiden Reiche werden uns gehören, wir werden sie in Besitz nehmen«5. Haß und Schadenfreude an den Unglücklichen zeigten auch die Philister6, und selbst die Ammoniter und Tyrier, welche doch mit Nebukadnezar im Kriege waren und öffentlich den Judäern eine freundliche Miene zeigten, freuten sich heimlich über den Untergang Jerusalems7. Die Sidonier übten Feindseligkeit ganz offen gegen die flüchtigen Judäer8. Nur [367] wenige judäische Flüchtlinge haben Aufnahme in einigen phönicischen Städten gefunden, so in Sarepta (Zarphat) bei Sidon und in Aradus9. Phönicien war zu weit von Judäa entfernt, und ehe sie dahin gelangten, wurden sie von den Chaldäern eingeholt und gefangen.

Die meisten Kriegsobersten und ihre Leute, welche mit Zedekia aus Jerusalem entkommen waren, zogen es daher vor, im Lande zu bleiben. Sie klammerten sich an den Boden, der sie geboren, als könnten sie sich nicht von ihm trennen. Es waren Jochanan von der Familie Kareach, Seraja von der Familie Tanchumeth, die Bene-Ephai aus der benjaminitischen Stadt Netopha und Jesanjahu, Sohn Schemaja's aus der Familie Maachat. Aber sie mußten Schlupfwinkel aufsuchen, um nicht von den im Lande zurückgelassenen Chaldäern gefangen zu werden. In den Klüften, Grotten und Höhlen der Gebirge oder in Trümmerhaufen zerstörter Städte verbargen sie sich, machten wohl auch von ihren Schlupfwinkeln aus Ausfälle, um Nahrungsmittel aufzusuchen oder vereinzelte Chaldäer und Anhänger derselben anzugreifen10. Eine eitle Hoffnung belebte ihren Muth. Sie sprachen: »Abraham stand allein und wurde Erbe des Landes, und wie sind ihrer viele, so werden wir den Besitz des Landes ertrotzen«11. Dieser Ueberrest der Judäer war aber öfter gezwungen, für die Fristung ihres elenden Daseins von seinen Schlupfwinkeln aus mit Gefahr Lebensmittel aufzusuchen. Wurden sie gefangen, so wartete ihrer ein schmählicher Tod oder eine beschimpfende Mißhandlung. Vornehme, wenn sie alt waren, wurden erhängt, jüngere wurden verurtheilt, Mühlen von Ort zu Ort zu tragen und andere Sklavendienste zu verrichten. Aus dieser verzweiflungsvollen Lage heraus, an der er selber betheiligt war, dichtete einer der Sänger jenes herzzerreißende Klagelied, das sich mit seinen kurzen Versen wie Schluchzen und Weinen ausnimmt.


»Gedenke, o Gott, was aus uns geworden,

O, schaue und sieh unsere Schmach!

Unser Erbe ist den Eroberern zugewendet,

Unsere Häuser den Fremden.

Waisen sind wir geworden, ohne Vater,

Unsere Mütter gleich Wittwen.

Unser Wasser müssen wir für Geld trinken,

Unser Holz um Tausch holen.

An unserm Halse werden wir verfolgt,

[368] Wir sind erschöpft und haben keine Ruhe.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr

Und wir müssen ihre Sünden erdulden.

Sklaven herrschen über uns,

Niemand befreit von ihrer Hand

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Unsere Haut ist wie ein Ofen verbrannt

Von der Gluthhitze des Hungers.

Greise sind verscheucht von der Volksversammlung,

Jünglinge von der Gesangstätte.

Hin ist die Freude unseres Herzens,

In Trauer verwandelt unser Tanz.

Gefallen ist unseres Hauptes Krone,

Weh uns, daß wir gesündigt.

Deswegen ist unser Herz schmerzhaft,

Deswegen sind unsere Augen verdunkelt,

Wegen des Berges Zion, der verödet,

Schakale wandeln darauf.

Du, Gott, der du ewig bleibst,

Dein Thron für und für,

Warum willst du uns für immer vergessen,

Uns auf lange Tage verlassen12


Einen Augenblick schien es, als sollte dieses Elend der Zersprengten. dieser Vernichtungskampf gegen die Flüchtlinge ein Ende nehmen. Nebukadnezar wollte Judäa nicht ganz untergehen lassen; er brauchte es als ein Durchzugsland für einen Krieg mit Aegypten. Hätte er es ganz entvölkert, so hätten wilde Thiere es zum Tummelplatz gemacht, und es wäre gefährlich gewesen, es zu durchziehen; den Idumäern mochte er es wegen ihrer Beziehung zu Aegypten oder aus anderen Gründen nicht überlassen. Er beschloß daher, es als ein winziges Gemeinwesen fortbestehen zu lassen. Allerdings ein einheimischer König sollte nicht mehr an der Spitze desselben bleiben; er traute den Königen aus dem davidischen Hause nicht, nachdem drei derselben sich feindlich gegen ihn gekehrt hatten. Einen fremden König über sie zu setzen, verbot die Klugheit, weil ein solcher nicht im Stande gewesen wäre, die gelockerten Bande wieder zusammenzuziehen. Er beschloß daher, Gedalja aus dem Hause Schaphan, welcher sich als zuverlässiger Parteigänger bewährt hatte, an die Spitze des kleinen Gemeinwesens zu stellen. Dieser sollte die Ueberbleibsel um sich sammeln, sie zusammenhalten und zum Betriebe des Acker- und Gartenbaues ermuthigen, damit das Land nicht eine Wüstenei werde. Nebusaradan, welcher die Stadt Jerusalem zerstört hatte, erhielt darauf von Nebukadnezar [369] den Auftrag, die Verdächtigen unter den Gefangenen und den Ueberläufern theils zu ihm nach Ribla zu senden, theils in die Gefangenschaft nach Babylonien zu schicken, das niedrige Volk, die Bauern und Winzer dagegen im Lande zu lassen. Diesen sollten Ackerfelder zugetheilt werden, die sie gewissermaßen als Lehen von dem Eroberer erhielten, mit der Bedingung, sie anzubauen und die Verwüstung nicht um sich greifen zu lassen. Ueber diese setzte er Gedalja, Sohn Achikams, als Statthalter (Pechah). Er sollte seinen Sitz in Mizpah nehmen (etwa anderthalb Stunden nordöstlich von Jerusalem).

Eine bessere Wahl konnte Nebukadnezar nicht treffen. Gedalja war der geeignete Mann für diese schwierige Lage. Er war milde und friedliebend, gewissermaßen ein Jünger des Propheten Jeremia, dessen Freund und Beschützer sein Vater Achikam gewesen war. Um die noch blutenden oder eiternden Wunden zu heilen, dazu bedurfte es einer sanften Hand, völliger Hingebung und Hintansetzung der eigenen Persönlichkeit. Gedalja war vielleicht zu milde, oder er rechnete zu viel auf die gute Seite der Menschen, auf die Dankbarkeit. Ihm übertrug Nebusaradan vor der Hand die ungefährlichen Gefangenen, die Töchter des Königs Zedekia, viele Weiber und Kinder und auch Eunuchen von Zedekia's Hofe13; ihm unterstellte er auch die Ackerbauer, wohl nicht viel über tausend Personen.

Nebukadnezar war zugleich darauf bedacht, den Propheten Jeremia ihm zur Seite zu geben. Er hatte daher seinem Vertreter Nebusaradan den Auftrag gegeben, Jeremia rücksichtsvoll zu behandeln und allen seinen Wünschen entgegenzukommen. Nebukadnezar, welcher ohne Zweifel seit seiner Thronbesteigung von Jeremia's Vorausverkündigung von Schritt zu Schritt vernommen hatte, war von dessen prophetischer Begabung überzeugt, oder es schmeichelte ihm, daß ihm durch den Mund eines ihm fernstehenden Sehers ein hoher Beruf und Machtfülle zuerkannt wurden. Als Nebusaradan sich von Jerusalem nach Rama begab, in dessen Nähe das Grabmal der Erzmutter Rahel war14, um unter den dort angesammelten Gefangenen und Ueberläufern eine Auswahl zu treffen, welche im Lande bleiben und welche nach Babylonien verbannt werden sollten, löste er die Fesseln, womit auch Jeremia wie sämmtliche Gefangene gebunden waren, und stellte ihm frei, nach Babel auszuwandern, wo er rücksichtsvoll behandelt werden solle, oder nach Belieben sich irgendwo einen Aufenthaltsort zu wählen. Er rieth ihm [370] aber, sich zu Gedalja nach Mizpah zu begeben15. Jeremia, der mit Recht beklagte, ausersehen zu sein, das Elend in seiner ganzen Fülle zu sehen, mußte auch die Jammerscenen mit ansehen, wie die Gefangenen von Rama aus gefesselt nach Babylonien abgeführt wurden. Herzzerreißend waren die Wehklagen der Unglücklichen, Männer, Weiber und Kinder, die von ihrem Geburtslande weggeschleppt wurden. Jeremia gab ihnen einen Trost mit. »Eine Stimme der Klage und bitterlichen Weinens wird in Rama vernommen, Rahel weint um ihre Kinder, sie mag sich nicht trösten lassen.« So spricht der Herr: ›Laß deine Stimme vom Weinen und die Augen von Thränen, denn es giebt einen Lohn für dein Werk, sie werden aus des Feindes Lande zurückkehren, es giebt eine Hoffnung für deine Nachkommen, sie werden in ihr Gebiet zurückkehren16‹.

Außerordentlich schwer wurde Jeremia die Wahl, sein Herz zog ihn zu seinen Leidensgenossen, zumal wenig Aussicht für seine Thätigkeit im Lande war. Ihm wurde es schon durch die Prophetie kund, daß die nach Babylonien Verbannten zur Verjüngung berufen seien. Er verglich die Verbannten mit guten wohlschmeckenden Frühfeigen, die im Lande Bleibenden dagegen mit schlechten vom Sturm abgeschüttelten Feigen17. Er hatte wiederholentlich dem Könige Zedekia gerathen, sich dem Sieger zu ergeben und nach Babel auszuwandern, weil die im Lande Bleibenden dem Fluche und dem Untergange geweiht sind. Folgerichtig hätte auch er nach Babylonien auswandern müssen. Allein andererseits wurde es Jeremia schwer, das Geburtsland aufzugeben. Schwer fiel es ihm aber auch, sich Gedalja anzuschließen; er fürchtete mit Recht, daß er sich dadurch bei dem Ueberreste der Flüchtlinge im Lande von neuem dem Verdachte aussetzen würde, daß er ein Parteigänger des Siegers sei, welcher das Volk vernichtet, die Hauptstadt und den Tempel zerstört und der Schöpfung David's und Salomo's den Untergang gebracht hat. Die zur Verbannung verurtheilten Leidensgenossen selbst scheinen es ihm verübelt zu haben, daß er sie verlassen wollte, da sie durch ihn, der bei Nebukadnezar in Gnaden stand, eine Erleichterung ihrer Leiden hoffen mochten. Jeremia rang, von diesen verschiedenen Gefühlen bewegt, mit sich selbst und brach in Klagen aus: »Wehe mir, meine Mutter, daß du mich geboren, einen Mann des Streites und des Haders für alle. Ich habe nicht ausgeliehen und nicht geborgt, und doch flucht mir Jedermann.« Da wurde ihm die prophetische Offenbarung, daß er im Lande bleiben, sich Gedalja [371] anschließen und hier in der Mitte der verwilderten Ueberbleibsel seine belehrende und erziehende Thätigkeit fortsetzen sollte. Er verkündete daher denen, die es hörten: »So sprach Gott:« ›Fürwahr ich habe dich zum Guten überleben lassen, ich habe zur Zeit des Unglücks und zur Zeit der Drangsal den Feind für dich beschwichtigt. Wenn du zurückkehrst, werde ich dich zurück kehren lassen, und du wirst mir dienen. Und wenn du Edles aus Gemeinem ziehen wirst, wirst du wie mein Mund sein. Sie werden zu dir sich wenden, du aber nicht zu ihnen. Ich werde dich für dieses Volk zu einer festen Mauer von Erz machen, sie werden gegen dich kämpfen, dir aber nicht beikommen können, denn ich werde mit dir sein, dir beizustehen. Ich werde dich von der Hand der Bösen retten und dich erlösen von der Faust der Gewaltigen18‹.

Mit traurigem Herzen begab sich Jeremia zu Gedalja nach Mizpah. Sein Jünger Baruch war wieder in seiner Begleitung. Er hatte nicht viel Hoffnung, daß er aus dem Rest des gemeinen Gesindels werde Edles erziehen können. Hat er doch in seiner vierzigjährigen Thätigkeit bei den Vornehmen und Gebildeten nur wenig ausrichten können, um wie viel weniger bei den Niedrigen und Unwissenden19. Indessen er mußte sich fügen. Nebukadnezar legte so viel Werth auf Jeremia, daß er ihm nicht bloß Geschenke, sondern auch Tageszehrung verabreichen ließ20. Seine Anwesenheit in der Nähe Gedalja's flößte in der That den im Lande Gebliebenen mehr Vertrauen für die Zukunft ein. Der Statthalter ließ nämlich bekannt machen, daß alle diejenigen Flüchtlinge, welche sich um ihn schaaren würden, unangefochten bleiben und ruhig in den Städten sich niederlassen und ihre Felder bearbeiten könnten. So kamen nach und nach die Zersprengten aus Moab, Ammon, Edom und den andern Nachbarländern, wo sie sich einstweilen angesiedelt, sich aber nicht sehr behaglich gefühlt hatten, zu Gedalja und schlossen mit ihm Frieden, d.h. sie verpflichteten sich, dem chaloäischen König treue Unterthanen zu sein. Sie bauten das Land an, nicht bloß Getreide, sondern auch Wein und Feigen. Der Boden gab wieder Segen, und da die Bevölkerung gering war und die Bauern, Gärtner und Winzer ein größeres Maß von Bodenbesitz erhielten, so erzielten sie reichliche Ernten. Einige Städte erhoben sich wieder aus den Trümmern. Auch ein Heiligthum errichtete Gedalja in Mizpah, da in Jerusalem und auf dem Tempelberge Schakale hausten und diese Stätten nicht mehr hergestellt werden sollten21.

[372] Mizpah galt als eine geheiligte Stätte, da auch Samuel dort einst einen Altar errichtet und es zum Sammelpunkte gemacht hatte. Die halb israelitische halb heidnische Colonie, die Chuthäer in Sichem, Schilo und Samaria erkannten dieses Heiligthum an und wallfahrteten dahin mit Opfergaben und Weihrauch22, da die Priester von Bethel ausgerottet waren und die Altarstätte an diesem Orte zerstört war (o. S. 290). So wurde Mizpah Mittelort eines kleinen Gemeinwesens. Der »Rest Judas«, über welchen Gedalja gesetzt war, wurde zwar durch die Anwesenheit der Chaldäer an ihre Abhängigkeit von dem chaldäischen Oberherrn gemahnt. Diese überwachten nicht bloß das Volk sondern auch den Statthalter, daß sie nicht etwa verrätherische Pläne schmiedeten. Aber unter den Umständen, bei der Größe des Elends, welches über das Land hereingebrochen war, war diese Lage doch erträglich, jedenfalls günstiger, als der Rest erwarten konnte. Er war doch immer auf heimischem Boden.

Müde des Abenteurerlebens in den Gebirgen und Wüsten, im Kampfe mit wilden Thieren und den noch wilderen Chaldäern, entschlossen sich auch diejenigen Kriegsobersten zum Anschluß an Gedalja und zur Unterwerfung, welche so lange, auf ihr Schwert und auf eine eitle Hoffnung vertrauend, getrotzt hatten. Jochanan, Sohn Kareach's, und die andern Fürsten traten in Unterhandlung mit Gedalja, und da er ihnen die Versicherung gab und sie mit einem Eide bekräftigte, daß über ihre Vergangenheit ein Schleier geworfen werden solle, daß die Chaldäer nicht an Rache dächten, wofern nur sie sich entschlössen, in der Zukunft dem König Nebukadnezar unterwürfig zu sein, so söhnten auch sie sich mit der Lage aus, streckten die Waffen, bestellten die Felder und richteten die Trümmer der Städte auf, die ihnen bisher als Schlupfwinkel gedient hatten23. Mit ihrer Mannschaft machten sie eine stattliche Zahl aus und vermöge ihrer kriegerischen und abenteuerlichen Lebensweise, wel che sie gegen jede Gefahr gestählt hatte, konnten sie den schwachen »Rest Judas« mit der nöthigen Stärke versehen. Zuletzt stellte sich auch der Kriegsoberste Ismaël, Sohn Nethanja's, ein.

Mit ihm, welcher verschlagen und gewissenlos war, zog ein böser Geist in Mizpah ein, um die verhältnißmäßig günstige Lage der Ueberbleibsel [373] Juda's zu stören. Ismaël machte zwar auch seinen Frieden mit Gedalja und den Chaldäern und versprach Unterwerfung, hegte aber im tiefen Herzen Groll und Ingrimm gegen Beide. War es Neid, daß er, von königlicher Abkunft, einem ihm nicht ebenbürtigen Statthalter untergeordnet sein sollte, oder wilder patriotischer Haß gegen die Chaldäer, welche die Herren des Landes waren, oder beides zugleich, das ihm den verruchten Plan eingab, Gedalja aus dem Wege zu räumen? Von Baalis, dem König von Ammon, welchem das Entstehen und Wachsthum eines judäischen Gemeinwesens unter chaldäischem Schutz zuwider war, wurde er zu einer Unthat aufgestachelt, welche diesem ein Ende machen sollte. Die übrigen Hauptleute und besonders Jochanan, Sohn Kareach's, erhielten indessen geheime Kunde von Ismaël's verrätherischem Anschlag gegen Gedalja, machten diesem Mittheilung davon, stellten sich ihm zur Verfügung, ja baten um seine Erlaubniß, den Böses sinnenden aus dem Wege zu schaffen, damit der allmählich wieder anwachsende Rest Juda's nicht abermals untergehe. Gedalja schenkte aber der Warnung keinen Glauben, sei es, daß er sie als Eingebung der Eifersüchtelei dieser Männer gegen ihren ehemaligen Kriegsgenossen hielt, sei es, daß er dem Ismaël den ihm eidlich verheißenen Schutz nicht auf einen bloßen Verdacht hin entziehen wollte, oder auch weil er befürchten mochte dadurch eine Spaltung herbeizuführen.

Gedalja's Gewissenhaftigkeit, mag sie aus Stärke oder Schwäche entsprungen sein, war verhängnißvoll für ihn und für das kaum organisirte Gemeinwesen. Vier Jahre24 mögen bereits seit der Zerstörung Jerusalem's und der Sammlung der zerstreuten Judäer unter dem Statthalter verstrichen gewesen sein, als Ismaël mit zehn Begleitern in Mizpah zu einer Festversammlung eintraf und eine freundliche Miene gegen Gedalja zeigte. Dieser lud sie zu einem Mahle ein, und während desselben, als die Anwesenden, vielleicht vom Weine berauscht, nichts Arges ahnten, zückten Ismaël und seine Genossen ihre Schwerter gegen den Statthalter und tödeten ihn und mit ihm auch die anwesenden waffenfähigen Männer und die Chaldäer25. Die übrigen Leute in Mizpah, Greise, Frauen, Kinder und Eunuchen, ließ er durch seine Leute überwachen, damit die Unthat nicht ruchbar werde. Da Ismaël erfahren hatte, daß am andern Tage achtzig Männer aus Sichem, Schilo und Samaria in Mizpah zum Feste mit Opfern eintreffen sollten, ging er [374] ihnen entgegen, lockte sie in die Stadt, trennte sie von einander und ließ sie einzeln tödten bis auf zehn Mann, welche ihm geheimgehaltenen Mundvorrath auszuliefern versprachen26. Die Leichname der erschlagenen siebzig Männer ließ Ismaël in eine große Cisterne werfen, die der König Aßa bei Mizpah angelegt hatte. Nach dieser Unthat schleppten Ismaël und seine zehn Gehülfen die in Mizpah versammelte Mannschaft, meistens Frauen und Kinder, darunter auch die Töchter des Königs Zedekia, den greisen Propheten Jeremia und seinen Jünger Baruch in die Gefangenschaft, um sie über den Jordan nach Ammonitis zu bringen. Dort glaubte der Frevler sicher zu sein, von dem Racheschwert des Königs von Babylon wegen der Ermordung des Statthalters und von der chaldäischen Truppe nicht erreicht zu werden. Was wollte Ismaël mit den Gefangenen in Ammonitis anfangen?

Indessen so heimlich er auch sein finsteres Werk betrieb, lange verschwiegen konnte es nicht bleiben. Jochanan und die übrigen Häuptlinge hatten Kunde davon erhalten und waren nicht wenig entrüstet darüber, des Stützpunktes beraubt zu sein und in's ungewisse Abenteurerleben wieder zurückgeworfen zu werden. Eiligst rüsteten sie sich, um die Frevelthat gebührend zu züchtigen. An dem ersten Ruhepunkt, den die Mörder erreicht hatten, an dem Teiche bei Gibeon, kamen Jochanan und die übrigen ihnen entgegen und schickten sich zum Kampfe gegen sie an. Beim Anblick der Hilfsschaar eilten die Gefangenen auf sie zu. Ein Handgemenge scheint sich doch entsponnen zu haben, da zwei Leute Ismaëls gefallen sind27. Dieser entkam aber mit acht Mann, ging über den Jordan und kehrte nach dem Lande Ammon zurück. Sein verruchter Anschlag war gelungen, das judäische Gemeinwesen war durch den Tod Gedalja's aufgelöst.

Die Uebriggebliebenen waren rathlos. Was sollten sie beginnen? Im Lande zu bleiben, fürchteten sie sich, weil vorauszusehen war, daß Nebukadnezar, wenn auch nicht den Tod Gedalja's, so doch den Tod der Chaldäer nicht ungeahndet und sie als Mitschuldige seine Rache entgelten lassen werde. Aber auch ohne diese Furcht, wie konnten sie sich im Lande halten? Wer sollte Oberhaupt sein und die ungefügen Glieder zusammenhalten? Wer sollte sie gegen die Feinde in der Nachbarschaft schützen, die nur darauf lauerten, sie zu vernichten, damit Israels Namen nicht mehr genannt werde? Der erste Gedanke [375] des Restes war daher, nach Aegypten auszuwandern, ehe noch Nebukadnezar feindselig gegen sie verfahren konnte. Die Führer, und an ihrer Spitze Jochanan, Sohn Kareachs, richteten daher ihre Schritte südwärts. Bei Bethlehem28 machten sie Halt, weil Bethlehem selbst wahrscheinlich zerstört war. Inzwischen machte sich eine ruhigere Stimmung geltend, und der Gedanke tauchte auf, ob es nicht rathsamer wäre, sich an's Vaterland anzuklammern, als ein fremdes Land aufs Ungewisse hin aufzusuchen. Wie es scheint, hatte Baruch diesen Gedanken angeregt29 und damit bei einigen Häuptlingen Anklang gefunden. Andere aber waren dagegen, besonders scheint sich Jesanja, aus der Familie Machat, dem Vorschlage widersetzt zu haben30. Bei dieser Meinungsverschiedenheit über einen Plan, von dem das Wohl und Wehe so Vieler abhing, beschlossen die Führer, Jeremia die Entscheidung zu überlassen. Er sollte sich an Gott betend wenden und von ihm eine prophetische Weisung erbitten, welchen Weg sie gehen, und was sie unternehmen sollten. Sie riefen dabei Gott zum Zeugen an, daß sie sich seinem Ausspruch, ob günstig oder ungünstig, unterwerfen würden.

Zehn Tage rang Jeremia im Gebet, daß die richtige prophetische Erleuchtung seinen Geist erhellen möge. Die Trübsale, die er durchgemacht hatte, scheinen seinen Blick zuletzt verdunkelt zu haben. Inzwischen hatte sich die Stimmung der Führer geändert, alle waren jetzt mehr zur Auswanderung entschlossen. Als Jeremia die Häuptlinge und das ganze Volk von Groß bis Klein zusammen berief, um ihnen zu eröffnen, was der prophetische Geist ihm geoffenbart hatte, daß sie im Lande bleiben und sich nicht vor Nebukadnezar fürchten mögen, er würde ihnen Gnade zuwenden, sie wieder im Lande wohnen und darin einwurzeln lassen – als Jeremia ihnen das eröffnete, merkte er, daß ihre Mienen bei dieser Entscheidung finster blieben. Er fügte daher drohend hinzu, daß, falls sie auf der Auswanderung bestehen sollten, sie das Schwert, das sie so sehr fürchteten, erst recht erreichen werde. Keiner von ihnen werde je das Vaterland wieder sehen, sie würden sämmtlich durch vielfache Plagen in Aegypten untergehen. Kaum hatte Jeremia die Rede beendet, als ihm Jesanja und auch Jochanan zuriefen: »Du verkündest Lügen im Namen Gottes. Nicht er hat dir die Worte eingegeben, sondern dein Jünger Baruch«. Ohne sich weiter zu besinnen, [376] brachen die Führer auf den Weg nach Aegypten auf und zogen die ganze Menge willig oder unwillig nach. Auch Jeremia und Baruch mußten ihnen folgen. Was sollten sie allein in dem öden Lande beginnen? So wanderte die Schaar bis zur ägyptischen Stadt Taphnä (Tachpanches31), einer Garnisonsstadt am pelusischen Nilarm. Von dem Könige Hophra wurden sie freundlich aufgenommen; er war dankbar genug, denjenigen Gastlichkeit einzuräumen, welche durch seine Aufstachelung in solches Elend gerathen waren. Sie trafen dort Judäer an, welche schon früher dahin ausgewandert waren. Sie waren in Migdol, Memphis und Saïs (Pathros?) angesiedelt32; ihr Sammelpunkt scheint aber Taphnä gewesen zu sein. So waren denn nach mehr als Tausend Jahren seit dem Auszuge aus Aegypten die Söhne Jakob's wieder dahin zurückgekehrt; aber wie verändert! Damals waren es kräftige Hirtenstämme, mit einem engen Gesichtskreise zwar, aber unverdorben und ungebrochen, die Seele von Hoffnungen geschwellt. Ihre Nachkommen dagegen waren nach langen Kämpfen wunden Herzens und zerstörten Geistes, von ihrem Ursprunge bereits zu weit entfernt, um Trost und Beruhigung in ihrem Gotte und in ihrer Volksthümlichkeit zu finden, und doch nicht genug von diesen losgelöst, um mit andern Volkern verschmelzen und unter ihnen untergehen zu können. Wie alle Emigranten lebten sie indessen von Täuschungen, lauschten auf jede politische Regung, in der steten Hoffnung, daß sie ihnen Gelegenheit bringen werde, in die Heimat zurückzukehren und dort in der alten Ungebundenheit fortzuleben.

Indessen wurde Juda vollständig von seinen Söhnen entvölkert. Nebukadnezar nahm nämlich die Vorgänge in Mizpah, die Ermordung Gedalja's und der ihm beigegebenen Chaldäer, nicht so gleichgültig hin. Er mag eingesehen haben, daß es ein Fehler gewesen sei, ein schwaches judäisches Gemeinwesen, welches lediglich auf zwei Augen beruhte, fortbestehen zu lassen. Er sandte daher abermals den Führer seiner Leibwache dahin, um Rache an dem Rest der Judäer zu nehmen. Nebusaradan traf allerdings die Führer, Jochanan und seine Genossen nicht mehr an, überhaupt keinen Mann von irgend welcher Bedeutung, sondern nur die zurückgebliebenen Ackerbauer, Gärtner und Winzer. Diese mit Weibern und Kindern, siebenhundert und fünf und vierzig Personen Landbevölkerung, den letzten Rest, führte er in die Gefangenschaft nach Babylonien (um 582), die dritte Verbannung seit Jojachin33. Die Unschuldigen büßten auch diesmal für die Schuldigen. Was aus [377] Ismaël und seinen Blutgenossen geworden ist, hat die geschichtliche Erinnerung nicht erhalten. Gedalja's Namen dagegen blieb in Folge seines gewaltsamen Todes bei den Ueberlebenden in Andenken. Sein Todestag wurde alljährlich in Babylonien als Trauertag begangen34. – Nebukadnezar's Plan ging seit Gedalja's Ermordung dahin, keinen Judäer mehr im Lande zu lassen. Da sie ihm von keinem Nutzen waren, im Gegentheil sich ungeachtet feierlicher Versprechungen und Eide stets von Neuem Aegypten zuwendeten, so wäre ihr Verbleiben im Lande, wenn auch in noch so geringer Zahl, für ihn eher nachtheilig gewesen. So blieb denn Juda vollständig entvölkert und verödet, ohne Menschen und jene Thiere, welche zur Häuslichkeit menschlicher Bewohner gehören. Statt ihrer nahmen wilde Thiere davon Besitz. Ein später lebender Prophet klagte über diese vollständige Verödung. »Die heiligen Städte sind wüste geworden, Zion eine Wüste, Jerusalem eine Einöde«35. Auch dieses Strafgericht, welches die Propheten über das Land verkündet hatten, war in Erfüllung gegangen. Der Boden Juda's konnte sich förmlich ausruhen und die Sabbatjahre feiern, welche so lange nicht gefeiert worden waren36. Nur im Süden hatten sich die Idumäer einige Striche an ihrer Grenze von Juda angeeignet – mit oder ohne Erlaubniß des babylonischen Königs – und ihr Gebiet bis an das Mittelmeer in der Niederung (Schephela) ausgedehnt37. Gegen die Idumäer, welche zur Schadenfreude über den Untergang Jerusalems noch Plünderung. Auslieferung der Flüchtlinge und Aneignung [378] des Erbes hinzugefügt hatten, herrschte daher unter den Verbannten ein ingrimmiger Haß. Zwei Propheten, welche dem Blutbade und der Verwüstung entkommen waren und unter den Ausgewanderten lebten, gaben dieser schmerzlichen Empfindung einen lebhaften Ausdruck: Obadja und ein Namenloser. Beide haben über Edom Unheil verkündet, als Entgelt dafür, was es an seinen Stammverwandten und an Jerusalem verübt hatte. – Obadja lebte höchst wahrscheinlich unter denen, welche in den phönicischen Städten eine Zuflucht gefunden hatten. Indem er diesen Trost und Hoffnung einzuflößen suchte, wendete er sich mit einer Strafrede gegen Edom:


»Sieh', klein hab' ich dich unter den Völkern gemacht,

Verachtet bist du gar sehr,

Deines Herzens Uebermuth hat dich aber verführt.

Auf Felsenkreise, auf hohem Sitze weilend,

Spricht es: ›Wer wird mich hinunterbringen?

Wenn du so hoch flögest wie der Adler,

Wenn du zwischen Sternen dein Nest aufschlügest,

So werde ich dich von dort hinabstürzen (spricht Gott)‹.

Wegen der Gewaltthat an deinem Bruder Jakob wird dich Scham bedecken,

Und du wirst für immer vernichtet sein. –

Am Tage, als du gegenüber standest,

Wie Eroberer sein Gut geplündert,

Und Fremde kamen in seine Pforten,

Ueber Jerusalem Loose warfen,

Und auch du warst einer von ihnen.

Du hättest nicht zusehen sollen

Am Unglückstage deines Bruders,

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Du hättest dich nicht über die Söhne Juda's freuen sollen

Am Tage ihres Unterganges.

Du hättest nicht in meines Volkes Pforten eingehen sollen

Am Tage seines Verhängnisses,

Du hättest nicht am Scheidewege stehen sollen,

Um seine Flüchtlinge zu vertilgen,

Und du hättest nicht seinen Rest ausliefern sollen

Am Tage der Roth.

Run ist nahe der Tag des Herrn,

Wie du gethan, so wird dir gethan werden.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Denn wie ihr auf meinem heiligen Berge (den Giftbecher) getrunken habt,

So werden alle Völker trinken,

Werden trinken und verwirrt werden,

Und werden sein, als wären sie nicht.

Auf dem Berge Zion wird Rettung sein;

Er wird heilig sein,

Und das Haus Jakob wird seine Erben beerben.

Das Haus Jakob wird Feuer sein

»Und das Haus Joseph Flamme

[379] Und das Haus Esau zur Stoppel,

Sie werden es anzünden und vernichten.

Es wird kein Rest vom Hause Esau bleiben.

Sie werden den Süden, den Berg Esau's, erben

Und die Schephela, (das Land) der Philister.

Sie werden (wieder) einnehmen das Gefilde Ephraim's

Und das Gefilde Samaria's,

Und Benjamin das Gilead-Land.

Die Ausgewanderten dieser Schaar

Von den Söhnen Israels,

Welche im Lande der Phönicier sind bis Sarepta,

Und die Ausgewanderten Jerusalems,

Welche in Arwad (?) sind,

Sie werden die Städte des Südens einnehmen.

Es werden Retter hinaufziehen zum Berge Zion,

Um den Berg Esau's zu richten

Und die Herrschaft wird dem Herrn gehören«38.


Ein anderer Prophet aus dieser Zeit, der irgendwo im Exile sprach, entwarf ein schauerliches Bild der Verwüstung, welche über Edom kommen werde39. Wegen des lieblosen Benehmens Edom's gegen die Judäer zur Zeit ihres grausigen Unglücks wuchs die Gehässigkeit gegen dasselbe in's Maßlose und hat noch lange nachgewirkt.

Obwohl die Judäer überall auf Lieblosigkeit stießen, und ihr Land zum Theil von ihren Feinden eingenommen war, wiegten sich die in Aegypten lebenden Ausgewanderten noch in der Hoffnung, daß sie bald in die Heimat zurückkehren und sie wieder bevölkern würden. Kriegerische Vorgänge haben diese Hoffnung in ihnen genährt. Der ägyptische König Hophra hatte sich nämlich zu einem neuen Kriege aufgerafft. Nebukadnezar hatte sich nach dreizehnjähriger Belagerung der Insel Tyrus, ein Jahr nach der Zerstörung Jerusalems, zu einem Frieden mit den Tyriern entschlossen, welchen diese aus Ermattung und in Folge großer Verluste annahmen, so hart er auch für sie war. Er ließ das tyrische Gemeinwesen mit der Schifffahrt und dem ausgebreiteten Handel fortbestehen; es mußte aber seine Oberhoheit anerkennen und ihm die Flotte nöthigenfalls zur Verfügung stellen. Den König Ithobal von Tyrus führte er indessen gefangen nach Babylonien und setzte dafür einen andern ein40. Während Nebukadnezar nach dieser Seite seine Herrschaft gesichert glaubte, unternahm Hophra einen gewaltigen Kriegszug gegen Cypern, wahrscheinlich unterstützt von einer [380] griechischen Flotte, eroberte diese Insel, landete in Phönicien, nahm Sidon und andere Städte ein, führte einen Seekrieg gegen die tyrische Flotte und entführte reiche Beute aus den phönicischen Städten41. In Folge dieses glücklichen Zuges des Hophra schöpften die Judäer Hoffnung, daß er auch Judäa in Besitz nehmen und es ihnen wieder erstatten werde. Aus dieser Täuschung wollte sie der greise Prophet Jeremia reißen. Er hatte ohnehin auf dem Herzen, ein scharfes Wort mit den ägyptischen Judäern zu sprechen, weil sie, durch das Unglück ungewarnt und ungebessert, in Aegypten wieder den Cultus der Göttin Neïth, der sogenannten Himmelskönigin, angenommen hatten. Bei dieser Sucht, das Fremde hochzustellen, ließen sie in unbegreiflicher Verblendung das Eigene nicht fahren, riefen noch immer den Namen Ihwh an und schweren bei ihm42. Zum letzten Mal, ehe er in's Grab stieg, wollte ihnen Jeremia sagen, daß sie bei dieser unverbesserlichen Thorheit nimmermehr werden die Heimat wiedersehen können. Er berief daher die Judäer, welche in Migdol, Taphnä, Memphis und Saïs (?) wohnten, zu einer großen Versammlung in Taphnä zusammen43. Noch stand er in solchem Ansehen bei ihnen, daß sie seinem Aufrufe Folge gaben. Den Versammelten hielt er die Thorheit unverblümt vor Augen. »Warum wollt ihr euch selbst Unglück zufügen, damit kein Rest von euch bleibe, indem ihr fortfahret, Gott mit eurem Götzendienst auch in der Fremde zu höhnen? Habt ihr das Unglück, das eure Vorfahren und euch selbst betroffen, vergessen? »Nun, ich werde«, spricht Gott, »an Allen, die in Aegypten wohnen, so ahnden, wie ich an den Bewohnern Jerusalems geahndet habe, mit dem Schwerte, mit Hunger und Pest. In das Land Juda, nach dem ihr euch sehnet, werdet ihr nicht zurückkehren, es sei denn als Flüchtlinge«. – So tief wurzelte indeß die götzendienerische Verkehrtheit in ihren Herzen, daß sie sich deren offen rühmten und dem Propheten in's Gesicht sagten, daß sie nicht davon lassen würden. Am frechsten geberdeten sich die Weiber. »Das Gelübde, das aus unserm Munde ging, der Himmelskönigin Räucherwerk und Weinopfer darzubringen, werden wir erfüllen, wie wir und unsere Väter es in den Städten Juda's und in den Straßen Jerusalems einst gethan. Damals hatten wir Fülle an Brod, wir waren glücklich und sahen nicht Unglück. Seitdem wir aber aufgehört [381] haben, der Himmelskönigin zu opfern, hatten wir Mangel an allem und kamen durch Schwert und Hunger um. »Uebrigens«, so sprachen die Weiber weiter, »vergöttern wir denn die Himmelskönigin ohne unsere Männer?« Dieser Frechheit gegenüber erklärte Jeremia: »Erfüllet nur eure Gelübde, alle Judäer im Lande Aegypten werden umkommen. Nur wenige Schwertentronnene werden von Aegypten in's Land Juda zurücklehren. Diese werden erfahren, wessen Wort bestehen wird, das meinige oder das ihrige«. Zum Zeichen dessen verkündete er, daß der König Hophra, auf den sie so sehr bauten, in die Hand seiner Feinde fallen werde, wie Zedekia in Nebukadnezars Hand gefallen sei44.

In dieser Zeit (um 571) scheint Nebukadnezar ein großes Heer gegen Aegypten geführt zu haben. Den Plan, den er seit dem Beginn seiner Regierung gehegt hatte, das Nilland zu unterjochen, wollte er jetzt umsomehr ausführen, als Hophra gewagt hatte, das ihm unterthänige Phönicien mit Krieg zu überziehen. Jeremia in Aegypten und Ezechiel in Babylonien, beide verkündeten eine große Niederlage Aegyptens durch den babylonischen Großkönig45. Indessen scheint auch dieser Kriegszug gegen Aegypten kein glückliches Ende gehabt zu haben. Ein gewaltiges Erdbeben, welches die chaldäischen Krieger an der Grenze Aegyptens mit Entsetzen erfüllt hatte, soll sie zum Abzug getrieben haben46. Diese Prophezeiung von der Unterwerfung Aegyptens durch Nebukadnezar hat sich nicht erfüllt. Aber die Verkündigung, daß Hophra ein unglückliches Ende nehmen werde, ist in Erfüllung gegangen. In einem kriegerischen Unternehmen gegen Kyrene erlitt sein ägyptisches Heer eine Niederlage, und die Kriegerkaste, eifersüchtig auf die Karier und Jonier, welche er bevorzugte, empörte sich gegen ihn. Ein Aegypter aus einem niedrigen Stande, Amasis (Amosis), stellte sich an die Spitze der Empörer, besiegte Hophra, entthronte ihn und ließ ihn später erwürgen (571-7047). Dieser neue Pharao, welcher alle Sorgfalt verwendete, um die Aegypter an sich zu ziehen und zugleich die Griechen für sich zu gewinnen, hatte kein Interesse an den Judäern, welche sich in Aegypten angesiedelt hatten. [382] Sie wurden vernachlässigt und mußten ihren Traum, durch die Hülfe Aegyptens in ihre Heimath zurückzukehren, aufgeben. Jeremia scheint diese Wandlung noch erlebt zu haben. Verspottet von seinen Stammesgenossen, daß sich seine Prophezeiung wider Aegypten nicht bewährt habe, als wenn ihn Gott verlassen hätte, scheint er noch im Alter über Verfolgung geklagt zu haben:


»Du bist meine Hoffnung. Herr, meine Zuversicht von Jugend an,

Auf dich stützte ich mich von Mutterleib an,

Von Mutterschoß an bist du meine Macht,

Von dir klingt mein Lied stets.

Wie ein Thor ward ich für Viele,

Du aber bist meine Schutzmacht

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –.

Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters,

Beim Schwinden meiner Kraft verlaß mich nicht,

Denn meine Feinde sprachen zu mir,

Und die auf mein Leben lauern, beriethen sich zusammen:

Gott hat ihn verlassen, verfolgt und ergreift ihn;

Denn er hat keine Annehmer«

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

»Herr du hast mich von Jugend an belehrt,

Und bis jetzt verkündete ich deine Wunder,

Bis zum Alter und Greisenalter verlaß mich nicht.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Du hast mich erblicken lassen viel Roth und Unglück,

Hast mich aber wieder zum Leben gebracht

Und mich aus den Tiefen der Erde hinaufgezogen48«.


Seine weiche Seele mag im Alter noch trauriger geworden sein. weil es ihm nicht gelungen war, aus »Gemeinem Edles zu ziehen«, Seine Umgebung, der Ueberrest Juda's in Aegypten, verharrte in seiner Thorheit und Herzenshärtigkeit. Aber Jeremia's Mühe war doch nicht umsonst. Die Samen, die er ausgestreut hatte, gingen auf einem andern Boden, von prophetischen Genossen gepflegt, herrlich auf. Seine Berufung, nicht bloß zu zerstören, sondern auch zu bauen und neu zu pflanzen, hat sich in einem anderen Kreise bewährt.


Fußnoten

1 Ezechiel 5, 12 fg.


2 Jeremia 40, 11. 14; 41, 1.


3 Das. 24, 8.


4 Obadja 1, 14. Ezechiel, 25, 12; 35, 5; vgl. Note 3.


5 Ezechiel 35, 10; 36, 3-5.


6 Das. 25, 15 fg.


7 Das. 25, 3 fg.; 26, 2 fg.


8 Das. 28, 24 fg


9 S. Note 3.


10 Folgt aus Jeremia 40, 7-8, Ezech. 33, 24 fg. Vgl. Frankel-Graetz, Monatsschrift, Ig. 1870, S. 270 fg.


11 Ezechiel das. V. 24.


12 Klagelied 5; vergl Monatsschr. das. S. 272.


13 Jeremia 41, 10. 16. 43, 6.


14 Vergl. Monatsschr. Ig. 1872, S. 69 fg.


15 Jeremia 40, 1-5.


16 Jer. 31, 14 fg. Vgl. Monatsschr. das.

17 Das. 24, 2 fg. 29, 17 fg.


18 Jeremia 15, 16 fg. S. Monatsschr. a.a.O.


19 Vergl. das. 5, 4.


20 Das. 40, 4b.


21 Das. 41, 4 ff. Das 'ה תיב, von dem hier die Rede ist, kann unmöglich in Jerusalem gedacht werden, wie mehrere Historiker annehmen, da nach Klagelied 5, 18, der Berg Zion, d.h. der Tempelberg gänzlich verödet war. Dieser provisorische Tempel kann daher nur in Mizpah gestanden haben. Berichtet doch das Makkabäerbuch I. 4, 4b, daß in Mizpah früher ein Betort war, ὅτι τόπος προσευχῆς εἰς Μασσƞφὰ τὸ πρότερον τῷ Ἰσραἠλ. Wenn nicht zur Zeit Gedalja's, zu welcher Zeit könnte denn sonst in Mizpah ein Heiligthum gewesen sein?


22 Das. 41, 5. החנמ bedeutet übrigens auch blutige Opfer.


23 Das. 40, 7 fg. Vgl. darüber Monatssch. Ig. 1872, S. 273 fg.


24 Vgl. Note 10.


25 Das. 40, 13 fg. 41, 1-3. Der allgemein gehaltene Ausdruck V. 3a הכה םידוהיה לכ תאו wird zum Schlusse näher bestimmt: לאעמשי הכה המחלמה ישנא תא. Aus demselben V. geht auch hervor, daß auch anwesende Chaldäer erschlagen wurden.


26 Das. 41, 5-6 statt הכבו ךלה ךלה haben LXX αὐτοὶ ἐπορεύοντο καὶ ἔκλαιον, d.h. הכבו םיכלה המה, was viel richtiger ist, da es sich auf die Festwaller aus Schilo, Sichem und Samaria bezieht. Warum sollte auch Ismaël geweint oder sich weinend gestellt haben? [So auch Duhm z. St.].


27 Folgt aus 41, 15 das.


28 Die L.-A. für die Localität bei Bethlehem das. V. 17 םהמכ תורג ist zweifelhaft. LXX haben: Γαβƞρώ, Γƞβαρώ Γƞβƞρώϑ; die syrische Version hat ארדא, d.h. ןרג »Tenne«. Keineswegs bedeutet das Wort eine Karavanserei. [Vgl. Giesebrecht z. St. u. Buhl a.a.O. S. 156.]


29 Folgt aus 43, 3 das.


30 Folgt aus 43, 2. [Duhm hält Asarja, vgl. 42, 1, für die richtigere L.-A.].


31 Das. 42, 1. 43, 7.


32 Folgt aus das. 44, 1.


33 S. Jeremia 52, 30. Vergl. Note 10.


34 Zacharia 8, 19. יעיבשה םוצ bezieht sich auf den Tag, an welchem Gedalja getödtet wurde, nach der talmudischen Tradition (Rosch ha-Schana 18b u.a. St.).


35 Um die Behauptung Bertheau's und anderer von einer in Juda auch nach der dritten Deportation zurückgebliebenen Bevölkerung zu widerlegen, muß hier der Gegenbeweis geführt werden, weil diese Historiker aus der falschen Voraussetzung auch noch falsche Schlüsse gezogen haben. Nicht bloß Jes. 64, 9 wird van der vollständigen Verödung Juda's und von seinen Trümmern gesprochen: רבדמ ויה ךשדק ירע, sondern auch an anderen Stellen das. 44, 26; 51, 3; 54, 3; 58, 12; 61, 4: 62, 4: הממש דוע רמאי אל ךצראלו. Ferner Jer. 33, 10. 12: ןיאמו םדא ןיאמ תומשנה... הדוהי ירעב המהב; 44, 6. Ezechiel 36, 10. 33. 35. Zacharia 7, 14: בשמו רבעמ םהירחא המשנ ץראהו. Alle diese Propheten waren Augenzeugen. Aus Zacharia folgt noch, daß nicht bloß sämmtliche Städte verödet waren, sondern auch das ganze Land, indem kein Durchreisender darin zu erblicken war.


36 Leviticus 26, 34. 43; Chronik II, 36, 21.


37 Folgt aus dem Ausdruck םיתשלפ (ץרא) תא הלפשהו Obadja 1, 19-20 und aus Herodot's Angabe III, 5, daß sich das Gebiet der Araber erstreckte von Kadytis (Gaza) bis zur Stadt Jenysos an der Grenze Aegypten's. Unter Araber in Kambyses' Zeit können nur die Idumäer gemeint sein. Die Nabatäer kennt Herodot noch nicht.


38 Obadja 1, 10 fg. S. Note 3.


39 Jesaia Kap. 34-35.


40 Josephus nach einem phönicischen Historiker Contra Apionem I, 2. Vgl. Movers, Phönicier II, 450, welcher aus den verschiedenen Berichten dieses Faktum richtig gezogen hat. [Vgl. Meyer a.a.O. I, S. 596].


41 Herodot II, 161. Diodor I. 68; vgl. Movers das. 451, 456 fg. [Meyer das. 593 ff.].


42 Jer. 44, 26.


43 Das. 44, 11 fg. Der Localname סורתפ das. kann unmöglich Oberägypten oder Theben bedeuten; so weit südlich haben sich schwerlich Judäer niedergelassen. Es scheint weit eher Saïs zu bedeuten, das damals Hauptstadt des Landes war.


44 Das. 44, 15 fg.


45 Ez. 29, 17 giebt das Datum dieses Kriegszuges genau an, im 27. Jahre seit Jechonja's Exil, d.h. im 32. Jahre Nebukadnezars, um 571. Auf diesen Krieg bezieht sich wohl Jeremia 46, 13 fg. Es sind dabei die ägyptischen Städte genannt, in welchen Judäer wohnten: Migdol, Memphis und Taphnaï, לודגמב ועימשהו סחנפחתבו ףנב ועימשהו. V. 21 ist auf die griechischen Söldlinge angespielt: קברמ ילנעכ הברקב היריכש םג, auf welche Hophra so viel Werth gelegt hatte, daß er die ägyptischen Krieger deßwegen vernachlässigt hat (Herodot II, 161). [Vgl. Meyer, a.a.O. S. 596 f.]


46 Syncellus, Chronographia p. 453.


47 Herodot II, 161 fg.; 169 fg. [Meyer das. 599 f.].


48 Ps. 71. Er hat viele Parallelen mit Ps. 31. Diesen halten mehrere Ausleger für Jeremianisch, aber Ps. 71 paßt noch viel besser auf Jeremia's Lage im Alter. V. 5-6 und 17 erinnert an Jeremia 1, 5 ךיחעדי ןטבב ךיתשדקה םחרמ אצת םרטבו.... (Ps. 71, 6; יזג [gosi] und Ps. 22, 10 יחג [gochi] sind wohl Corruptelen). V. 7 giebt keinen Sinn, wenn man nicht aus תפומכ macht: יתפ-ומכ [..peti]. [Vgl. jedoch V. M. 28, 46, worauf Keßler hinweist.] Allerdings mag der Ps. von einer späteren Ueberarbeitung sein, aber die hervorgehobenen Verse können nur von Jeremia stammen [Auch Hitzig, Delitzsch und Keßler möchten den Psalm für jeremianisch halte].



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1902, Band 2.1, S. 384.
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