7. Kapitel. Der Untergang des Reiches Samaria und das davidische Haus. (736-711.)

[190] Das samaritanische Reich nach Pekach's Tode. Anarchie, Räubereien und Mord. Schaukelsystem zwischen Assyrien und Aegypten. Prophetenverfolgung. Der Prophet Hosea II. Der König Hosea. Salmanassar's Zug gegen Phönicien und Samaria. Hosea's Vasallenschaft und Abfall. Krieg gegen ihn. Belagerung und Untergang Samaria's. Die zehn Stämme. König Chiskija Prophezeihung über ihn. Sein Regierungsmanifest. Der Palastaufseher Schebna. Chiskija's Reformen. Die Kalenderordnung. Chiskija's Charakter und schwankende Regierung. Verhalten gegen Assyrien. Jesaio's Thätigkeit. Diplomatische Unterhandlung mit Aegypten.


Dieses eigenartige, unvergleichliche Gesetzbuch, welches nicht bloß die kurze Spanne der Gegenwart und nicht bloß den engen Kreis des von der Selbstsucht überwachten Besitzstandes regeln will, sondern weit ausgedehntere, idealere Ziele ins Auge faßt, konnte weder augenblicklich, noch auf die große Menge überhaupt eine umwandelnde Wirkung hervorbringen. Es verging eine geraume Zeit, ehe das Volk, dessen Herz durch Wahn und Verkehrtheit stumpf geworden, dessen Ohr taub für die Wahrheit und dessen Auge blind für die Geisteswunder war, der Thora Aufmerksamkeit zuwendete. Wie sollten die im samaritanischen Reiche, welche die Gottheit in Stiergestalt anbeteten, oder die im judäischen Reiche, welche der König Achas an Wahngebilde und Kinderopfer gewöhnt hatte, wie sollten sie für ein Schriftdenkmal, welches die lauterste Lehre von Gott, die Lebensheiligkeit und Berufshoheit den Nachkommen Abraham's verkündet, Verständniß haben? Es ist daher nicht erstaunlich, daß das Volk im Ganzen, als ihm die Thora vor Augen gelegt wurde, sie als etwas Neues, Fremdes betrachtete1, weil sie seinen Gewohnheiten und Vorstellungen stracks entgegengesetzt war. Nichtsdestoweniger war die Veröffentlichung der Thora von weittragender Bedeutung. Sie hat eine bessere Zukunft angebahnt. Für den Augenblick hatte sie die Bedeutung, daß der prophetische und levitische Kreis bei seinen Belehrungen und Ermahnungen darauf verweisen konnte: das ist Gottes Wille und Gesetz, nicht was die Könige in ihrer sklavischen Nachahmungssucht [190] des Fremden, und was die Afterpropheten in ihrer Liebedienerei dafür ausgaben. Die Propheten konnten den Verblendeten zurufen: »Was Gott von dir verlangt, ist weiter nichts, als Gerechtigkeit üben, Milde lieben und demüthig wandeln mit deinem Gotte2. Die Aussprüche der Propheten erschienen nicht mehr als Eingebung ihres eigenen Sinnes, sondern als Auslegung und Erläuterung des Wortes, welches Mose, der große Führer, verkündet hatte. Die Prophetenjünger oder diejenigen, welche auf das Wort der Gottesmänner lauschten, konnten sich an der Thora belehren, stärken und aufrichten.

Indeß gingen die politischen Ereignisse ihren Weg, und es schürzten sich neue Knoten. Im samaritanischen Reiche, welches durch Lostrennung des Ost-und Nordgebietes nicht mehr das Zehnstämmereich genannt werden konnte, wucherte die alte Lasterhaftigkeit und Kurzsichtigkeit verderblich fort. Die Wunden, welche die Assyrer ihm geschlagen hatten, waren nicht im Stande, den Hochmuth zu demüthigen und die Selbstsucht der Machthaber zu vermindern. Trotzig sprachen sie, der kläglichen Wirklichkeit spottend: »Ziegelbauten sind eingestürzt, nun, so wollen wir Quaderbauten aufführen. Sykomoren sind umgehauen worden, nun, so wollen wir dafür Cedern einpflanzen«3. Die Trunksucht ließ den ephraimitischen Adel nicht zu der Erkenntniß kommen, daß die bisherigen Niederlagen ohne mannhaftes Aufraffen nur ein Vorspiel zum völligen Untergang bildeten. Zu dieser Verblendung gesellte sich noch die Anarchie oder war eine Folge derselben Nachdem Pekach durch die Hand des Hauptes der Verschworenen, Hosea's, des Sohnes Ela's (o. S. 136), gefallen war, vergingen neun Jahre, in denen sich kein König behaupten konnte4. Hosea scheint Anfangs die Dornenkrone von Samaria abgelehnt zu haben; einen Andern, der sich königliches Ansehen hätte verschaffen können, gab es nicht. Die Fürsten Israels waren eifersüchtig auf einander und mochten sich einem ihres Gleichen nicht unterordnen. Indessen scheinen im Laufe der neun Jahre einige Große dennoch die Macht an sich gerissen und sich zu Königen aufgeworfen zu haben; aber sie wurden eben so rasch wieder von adeligen Verschworenen gestürzt. Königsmord folgte daher in der kurzen Zeit auf Königsmord5. In dieser Zeit der Auflösung aller Bande nahmen Laster und Verbrechen [191] noch mehr überhand, jedes Schamgefühl war erstickt. Meineid und Lug, Mord und Diebstahl und Ehebruch waren im Lande verbreitet, und das Blut unschuldig Ermordeter floß zusammen6. Die vornehmen Geschlechter verbanden sich zu einem Raubritterthum, lauerten den Wanderern und Karavanen auf, nahmen ihnen die Baarschaft und das Leben dazu. Die hochragenden Berge, der Garizim bei Sichem in der Mitte, der Thabor im Norden und der Mizpah jenseits auf dem Gileadgebirge, dienten diesen Raubrittern als Lauerstätten, von wo aus sie ihre Nachstellungen, Räubereien und Mordanschläge vorbereiteten und ausführten7. Diese um sich greifenden inneren Schäden haben die von außen drohende Gefahr nur noch vergrößert. Seitdem Phul sich in die Libanonhändel eingemischt und Tiglat-Pileser dem aramäischen Reich ein Ende gemacht hatte, war ein blutiger Kampf zwischen den beiden Großstaaten am Tigris und Nil unvermeidlich. Assyrien und Aegypten beobachteten einander argwöhnisch und suchten, ehe das Waffenspiel begann, sich durch Züge und Gegenzüge dazu vorzubereiten, durch Anziehung von Bundesgenossen sich zu stärken und den Feind zu schwächen. Das Reich Israel war Vasallenstaat von Assyrien geworden und mußte jährlich Tribut zahlen und sich noch andere Demüthigungen gefallen lassen. Assyrien verfuhr nicht schonend mit den unterjochten Völkern8. Offen dieses Joch abzuschütteln, wäre Tollkühnheit gewesen. Aber die, welche an der Spitze der Regierung in Samaria standen, unterhielten heimliche Unterhandlungen mit Aegypten, sei es aus eigenem Antrieb oder von dem äthiopischen König gelockt, das Unterthänigkeitsverhältniß gegen Assyrien aufzulösen. Um die Annäherung an Aegypten zu verdecken, schmeichelten die israelitischen Machthaber dem assyrischen Könige, überboten sich an Huldigungen und Unterwürfigkeit und buhlten um seine Gunst durch reiche Geschenke. Die Nothlage und die Furcht, zwischen den beiden Großstaaten zermalmt zu werden, machte Israel doppelgängig und falsch. Ein zeitgenössischer Prophet ironisirte diese falsche Rolle, welche Samaria spielte:


»Ephraim läuft Wind nach

Und verfolgt den Sturm.

Den ganzen Tag mehrt es Lug und Trug.

[192] Ein Bündniß schließt es mit Assyrien

Und Oel wird nach Aegypten geschickt«9.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ephraim sah seine Schwäche,

Da ging es nach Assyrien

Und sandte (Geschenke) zu König Jareb,

Aber dieser vermag nicht zu heilen

Und kann eure Wunde nicht schließen«10.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Ephraim wurde wie eine thörichte Taube:

Aegypten haben sie gerufen,

Und nach Assyrien sind sie gewandert«11.


Dieser erbärmliche und zugleich grauenhafte Zustand der sittlichen Verwilderung und der politischen Schwäche war selbstverständlich mit der religiösen Verkehrtheit gepaart. Man führte zwar auch in Samaria noch immer das Wort: »So wahr Ihwh lebt« im Munde, aber man opferte nicht bloß den Stierbildern in Bethel, Dan, Samaria und Gilgal12, sondern baute viele Altäre für die Baal-Götzen, opferte und räucherte auf Bergesspitzen und Hügeln, unter Eichen und Tamarisken, machte kunstvolle Bilder und trieb die damit verbundene Unzucht13. Wie in Ninive und Babel Frauen und Mädchen sich zu Ehren der Göttin der Wollust dem ersten besten Manne preisgaben, um Gaben für deren Tempel zu sammeln, so auch in Samaria; auch hier wurden aus dem Lohn der Buhlerinnen Bildnisse und Altäre besorgt14. Dieser doppelten und dreifachen Verwilderung gegenüber traten wieder mehrere Gottesmänner entgegen, welche dem Volke seine Laster und die Folgen derselben vorhielten15. Die Machthaber verboten ihnen zwar das Reden. Niemand sollte rügen; niemand zurechtweisen16. Aber die Propheten ließen sich nicht zum Schweigen bringen. Gegenüber der überhandnehmenden Verderbniß sprachen sie vielmehr mit noch größerem Eifer und Ungestüm in wilder, stürmischer Weise gleich Eliahu. Die verpestete Luft zu reinigen, dafür bedurfte es rauher Stürme. Dieser Ungestüm der Propheten reizte wieder zu noch härteren Verfolgungen. Man stellte ihnen nach, legte ihnen Fallen und tödtete sie im Tempelraum, da wo sie gesprochen hatten. Um wie viel hatten sich die Zeiten gegen die Jerobeam's II.[193] verschlimmert, welcher den Propheten Redefreiheit gelassen hatte (o. S. 75). Aber der drohende Tod war nicht im Stande, der Propheten Zunge zu lähmen.

Die Reden eines dieser Propheten aus der letzten Zeit des Reiches Israel haben sich unter dem Namen Hosea's17 erhalten, und sie geben ein treues Bild von der Verwilderung der Zeit. Seine Worte brausen wie der Sturm, grollen wie der Donner, zucken wie der Blitz. Schonungslos und seines Lebens wenig achtend, deckte dieser Prophet – nennen wir ihn Hosea II. – die Lasterhaftigkeit, die Verkehrtheit, die Fäulniß der Großen und des Volkes auf. Man merkt es seinen Reden an, daß ihm nicht Ueberlegung blieb, seine Worte abzuwägen und sie mit dichterischem Ebenmaß zu gestalten. Um die lange Reihe der Laster und Gebrechen zu berühren, war er in Verlegenheit, wo er anfangen und wo er enden sollte. Seine Reden springen daher von einem Gegenstande zum andern. Bittere Wehmuth über den Verfall mischt sich mit herbem Spott, Drohungen wechseln mit Verwünschungen ab, Verwünschungen mit sanfter Rührung. Die Reden dieses stürmischen Propheten stellen auch ein Ideal auf, nach dem Israel leben und handeln sollte, aber nur um die Entartung der Gegenwart um so greller hervortreten zu lassen. Seiner Beredtsamkeit fehlt es zwar nicht an dichterischen Wendungen und Gleichnissen, aber Maß und Ruhe fehlen ihr. Wie sollte er auch die Besonnenheit behalten haben, seine Worte und Uebergänge künstlerisch zu wählen und zu vertheilen beim Anblick so vieler Verbrechen, so großer Verblendung, so trotzigen Uebermuthes? Er sieht das Volk am Rande eines jähen Abgrundes, sollte er da nach schönrednerischen Mitteln suchen, um es vom Sturze zurückzuhalten? Er stoßt daher einen drohenden Weckruf aus, wie es ihm der Geist auf die Zunge legte. Er charakterisirt sich selbst, sein Auftreten und das seiner Genossen mit den Worten:


»Wahnsinnig ist der Prophet,

Rasend der Mann des Geistes,

Wegen der Fülle deiner Sünde,

Wegen der Größe der Nachstellungen.

Ephraim lauert dem Volke Gottes auf,

Legt dem Propheten Fallen auf alle seine Wege,

Feindselige Verfolgung, selbst im Hause seines Gottes«18.


[194] Dieser letzte Prophet des Zehnstämmereichs gab sich aber keiner Täuschung hin, als wenn seine Reden das Volk und besonders die Fürsten auf den rechten Weg zurückführen würden. Mit Wehmuth sprach er aus, daß diese Unverbesserlichen nur durch ein grausiges Strafgericht, durch Elend und Verbannung gebessert werden können; aber schweigen durfte er doch nicht, und so sprudelte er seine mahnenden und strafenden Worte hervor:


»Hört Gottes Wort, ihr Israeliten,

Denn eine Rüge hat Gott gegen des Landes Einwohner.

Denn es ist keine Treue, keine Liebe,

Keine Gotteserkenntniß im Lande.

Meineid, Lug, Mord, Diebstahl, Ehebruch

Sind im Lande verbreitet,

Und Mordblut reiht sich an Mordblut.

Darob wird das Land trauern,

Und alle seine Bewohner vernichtet werden,

Des Feldes Thiere und des Himmels Vögel,

Und selbst die Fische des Meeres werden hingerafft.

Doch soll Niemand rügen, Niemand zurechtweisen«19.


Allen Ständen sagte daher Hosea die ungeschminkte Wahrheit und verschonte noch weniger die Priester.


»Meines Volkes Sündopfer verzehren sie

Und ziehen es zu ihren Lastern hinüber:

So werden Volk und Priester gleich«20.


Seine Strafreden galten zumeist dem israelitischen Reiche. Von Juda spricht er nur wie von einem Verführten, weil dessen Fürsten es Israel nachthaten.


»Israels Hochmuth zeugt gegen ihn in's Gesicht,

Israel und Ephraim werden durch ihre Schuld straucheln,

Juda strauchelt auch mit ihnen.

Mit ihren Schafen und Rindern gehen sie,

Den Herrn zu suchen,

Sie finden ihn nicht.

Er hat sich von ihnen losgelöst«21.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Was soll ich dir thun, Ephraim,

Was dir thun, Juda?

Eure Liebe ist wie eine Morgenwolke,

Wie Thau, der schon früh schwindet«22.


[195] Das gedankenlose Opferwesen, das mit Schlechtigkeit sich vertrug, bekämpfte dieser Prophet mit beißendem Spott:


»Denn Liebe verlange ich und nicht Opfer,

Und Gotterkenntniß ist mehr denn Ganzopfer.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die Opfer meiner Gaben

Mögen sie als Fleisch schlachten

Und verzehren,

Gott mag sie nicht. –

Sie mögen nach Aegypten zurückwandern«23.


Spöttisch erinnert er das Volk an ihr Verlangen in Samuel's Zeit, das Königthum einzuführen, das als ein besonderes Heilmittel angepriesen wurde.


»Wo ist wohl dein König,

Daß er dir beistehe gegen alle deine Feinde?

Wo sind deine Richter, von denen du einst gesprochen:

Gieb uns einen König und Richter‹?

Ich gab dir Könige in meinem Zorne

Und nehme sie in meinem Unwillen«24.


Indessen wenn dieser Prophet deutlicher und bestimmter den Untergang des samaritanischen Reiches prophezeite, so verkündete er doch den Fortbestand des Volkes, wenn es seinen Wandel aufgegeben haben und reuig zu Gott zurückgekehrt sein werde.


»Verwüstet wird Samaria werden,

Weil es abgefallen von seinem Gotte,

Durch Schwert werden sie fallen,

Ihre Kinder werden zerschmettert,

Ihre Schwangern aufgeschlitzt werden.

So wende dich zu deinem Gott, o Israel,

Denn du bist ja gestrauchelt durch deine Schuld.

Nehmet mit euch Worte,

Und kehret zu Gott zurück, sprechet:

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

›Wir wollen die Opferthiere mit unsern Lippen ersetzen,

Aschur soll uns nicht helfen,

Auf Rossen wollen wir nicht reiten

Und nicht mehr wollen wir unser Händewerk Gott nennen,

(Nur dich), von dem die Waise geliebt wird«.

»Ihre Rückfälle will ich heilen,

Sie überströmend lieben,

Denn mein Unwille weicht von mir.

Ich werde für Israel gleich Thau sein,

Aufblühen wird es, wie die Lilie,

Und Wurzel schlagen wie der Libanon«.


[196] Wie trostlos auch die Gegenwart war, so hat doch jeder Prophet seine Drohreden mit einem Hinweis auf eine lichte Zukunft für Israel geschlossen.

Indessen vollzog sich das Verhängniß über das Reich Samaria. Jeder Schritt, den die Machthaber zur Rettung thaten, führte nur zum Verderben. War es die Einsicht in die Zerfahrenheit und Schwäche, oder war es eine gedankenlose Laune, daß sie doch Hosea, Sohn Ela's, den Mörder des Königs Pekach, als König anerkannt haben? Dieser letzte König von Samaria (um 727-719) war besser als seine Vorgänger, oder vielmehr nicht so schlecht wie sie, er war auch kriegerisch. Aber auch er vermochte nicht den Untergang abzuwenden. Wie es scheint, näherte er sich heimlich Aegypten, das stets falsche Hoffnungen vorspiegelte. Gerade um diese Zeit zog ein kriegerischer König von Assyrien, Salmanassar, gegen Elulaï, König von Tyrus und ganz Phönicien und brachte sie in Unterthänigkeit. Der tyrische König vermochte nicht Widerstand zu leisten25. Bei dieser Gelegenheit richtete sich Salmanassar auch gegen Samaria, um es mit einem Einfall zu überziehen. Hosea wartete nicht lange, sondern ging dem Großkönig entgegen, unterwarf sich ihm und versprach Huldigungsgeschenke. Aber kaum war der assyrische Großkönig abgezogen, so wurde gegen ihn gewühlt. Von der einen Seite sann Elulaï darauf, seine Unabhängigkeit wieder zu erlangen und warb um Bundesgenossen, und von der andern Seite lockte Sevichos (Sßô), Herrscher von Aegypten, der zweite von der äthiopischen Dynastie, zum Abfall von Assyrien, weil die immer wachsende Machtausdehnung dieses Reiches ihn mit Schrecken erfüllte. Hosea traute dieser Lockstimme, sandte Boten an Sevichos, um mit ihm ein Schutzbündniß zu schließen und zugleich Hilfstruppen, oder wenigstens Rosse zu verlangen. Zu gleicher Zeit kündete auch Tyrus den Gehorsam gegen Salmanassar auf und rüstete sich zum Kriege. Es war eine allgemeine Erhebung der Nachbarvölker gegen das Völker-knechtende, übermüthige Assyrien. Die Philister nahmen auch Stellung gegen diesen Großstaat. Nach Ahas' Tode sandten die Verbündeten Boten nach Jerusalem, um seinen Nachfolger Chiskija zur Parteinahme gegen Assyrien und zum Eintritt in den Bund zu bewegen26. Hosea begann den Abfall damit, daß er die jährlichen[197] Huldigungsgeschenke nicht mehr leistete. Auch Phönicien hörte auf, Tribut zu senden. Da sammelte Salmanassar seine Heeresgefolge und zog über den Euphrat und den Libanon zuerst gegen Phönicien. Bei dieser Annäherung verflog die Hoffnung der Völkerschaften auf Freiheit. Die phönicischen Städte ergaben sich wahrscheinlich ohne Kampf, Sidon, Akko und sogar die Hauptstadt Alt-Tyrus. Der König Elulaï zog sich auf die Insel Tyrus oder Neu-Tyrus zurück und verschanzte sich, um von hier aus mit Hilfe der Colonien den Widerstand fortzusetzen. Die zu Salmanassar übergetretenen Phönicier lieferten ihm indeß sechzig Schiffe und achthundert Ruderer, mit denen er Neu-Tyrus belagern konnte27.

Von Akko aus näherte sich Salmanassar dem samaritanischen Reiche durch die Ebene Jesreel. Auch die israelitischen Städte unterwarfen sich dem mächtigen Großkönig, oder die Einwohner flohen nach der Hauptstadt. Hosea's Muth sank nicht, er setzte den Widerstand fort, obwohl, wie es scheint, die erwartete oder verheißene Hilfe von Aegypten ausblieb. Die Hauptstadt Samaria, welche auf einem Bergkegel lag, konnte, wenn in Vertheidigungszustand gesetzt, sich einige Zeit halten; inzwischen – so mochten Hosea und die Bevölkerung Samaria's hoffen – könnte ein unvorhergesehenes Ereigniß eintreten, welches Salmanassar zum Abzug zwingen würde. Die Mauern, Thürme und Zinnen Samaria's wurden daher befestigt und widerstandsfähig gemacht; auch mit Mund- und Wasservorrath war es wohl versehen, und alle Vorkehrungen getroffen, welche zur Vertheidigung einer belagerten Stadt nöthig waren. Die Assyrer hatten es indessen in der Kunst, feste Städte zu belagern und zu nehmen, schon zur Meisterschaft gebracht. Sie warfen Erdwälle auf, um die Angreifer und di Maschinen auf gleiche Höhe mit der Mauer zu bringen, errichteten bewegliche Thürme und arbeiteten mit Sturmböcken gegen die Mauer28. Angriff und Vertheidigung muß mit großer Erbitterung und Ausdauer geführt worden sein; denn die Belagerung Samaria's dauerte beinahe drei Jahre (vom Sommer 721 bis Sommer 719). Allein die Anstrengung, [198] der Muth und die Ausdauer der Belagerten blieben ohne Erfolg. Die Hauptstadt des Zehnstämmereichs wurde nach zweihundertjährigem Bestand wahrscheinlich im Sturm erobert. Der letzte König dieses Reiches, Hosea, der wahrscheinlich in Gefangenschaft gerathen war, wurde aber vom Sieger noch schonend genug behandelt. Er wurde seiner Würde entkleidet und in einem Kerker, wahrscheinlich in Ninive, bis an sein Lebensende gehalten29. Wie viel Tausende in diesem letzten Kampfe des Reiches Israel umgekommen sind, und wie viele in Gefangenschaft geführt wurden, hat kein Griffel aufgezeichnet. So entfremdet war dieses Reich denen, welche die Erinnerungen des Volkes aufzuzeichnen pflegten, den Leviten und Propheten, daß sie den Untergang desselben nur mit wenigen Worten berichtet haben. Kein Klagelied ertönte auf den Trümmern dieses Reiches, als wenn sein trauriges Geschick den Dichtern gleichgültig gewesen wäre. Erfüllt hatte sich die Verkündigung der Propheten: Ephraim hatte aufgehört; die Götzenbilder von Dan, Samaria und anderen Städten wanderten nach Ninive, und die Gefangenen wurden zu Tausenden weggeführt und zerstreut. Sie wurden gruppenweise angesiedelt in dünn bevölkerten Landstrichen, deren Lage nicht genau ermittelt werden kann, in Chalach, Chabor, am Fluß Gozan und in den Städten des gebirgigen Mediens30. Zwei und ein halbes Jahrhundert (260 Jahre) hat das Zehnstämmereich oder das Haus Israel bestanden, zwanzig Könige haben darüber geherrscht, und an einem Tage ist es spurlos untergegangen, weil es sich durch Ephraim's Trotz von seinem Ursprunge entfremdet hat, von dessen versittlichender, befreiender und stärkender Lehre nichts wissen mochte und darum dem Götzenthum und den damit verbundenen entnervenden Lastern verfiel. Das Land hat die Zehnstämme ausgespieen, wie es die kanaanitischen Stämme ausgespieen hatte. Wo sind sie geblieben? Man hat sie im fernen Osten und im fernen Westen gesucht und zu finden geglaubt. Betrüger und Phantasten [199] gaben vor, von ihren Nachkommen abzustammen. Die zehn Stämme sind indessen ohne Zweifel unter den Völkern untergegangen und verschollen. Wenige von ihnen, Ackersleute, Winzer und Hirten sind wohl im Lande zurückgeblieben, und Andere aus adligen Familien, namentlich die an der Grenze Juda's haben sich wahrscheinlich in dieses Land geflüchtet.

So war denn das faule Glied, welches den ganzen Volkskörper angesteckt und gelähmt hatte, abgeschnitten und unschädlich gemacht. Der Stamm Ephraim, der bei der Besitznahme des Landes durch seine Selbstsucht die Zersplitterung der Volkseinheit und später durch Selbstsucht und Hochmuth die Spaltung und Schwächung des zur Bedeutung einer Großmacht erhobenen Reiches herbeigeführt hatte, Ephraim jammerte in der Fremde: »Ich bin gezüchtigt worden, wie ein ungelehriges junges Rind, ich bin beschämt und erröthe, denn ich trage die Schmach meiner Jugend«31. Nach der Beseitigung dieses Gliedes schien der Volkskörper sich behaglich zu fühlen und gesünder zu werden. Die Stämme Juda und Benjamin mit den beiden Anhangsstämmen Simeon und Levi, welche seit dem Untergang des Zehnstämmereichs das Volk Israel oder den »Rest Israels« bildeten, erhoben sich zu neuer Kraft und entfalteten eine anmuthige Blüthenpracht. Der Untergang Samaria's hatte betäubend, aber auch, wenigstens für den Augenblick, mahnend und belehrend gewirkt, die Thorheiten und Verkehrtheiten abzulegen, welche auch hier die Entartung, die Schwäche und den Verfall herbeigeführt hatten. Das Volk und die Großen waren in der ersten Zeit wenigstens nicht mehr so taub gegen die Mahnungen der Propheten. Jesaia, dessen Verkündigung gegen das sündhafte Samaria eingetroffen war, daß »die Prachtkrone auf dem Haupte des Oelthales der Trunkenen Ephraim's wie eine Frühfeige sein werde, die rasch verzehrt wird«32, fand jetzt mehr Gehör.

Der Spott der Spötter, welche ruhmredig gesprochen hatten: »Wir haben mit dem Tode ein Bündniß geschlossen und mit dem Grabe einen Vertrag gemacht, die überfluthende Verheerung wird uns nicht treffen, denn wir haben die Täuschung zu unserm Schutze gemacht und bergen uns in Lüge«33, dieser Spott und dieses Selbstvertrauen hörten in Jerusalem auf, sobald der Jammerschrei der gefallenen Krieger und der an Ketten geschmiedeten Gefangenen von dem Echo der Berge hierher getragen wurde. Wie viel hat denn gefehlt, daß Jerusalem Samaria's Geschick getheilt hätte? Nur die Anwandelung einer Laune [200] des assyrischen Eroberers. In Jerusalem stellte sich mit der Furcht auch die Demuth und Gefügigkeit ein, auf die Worte derer zu lauschen, welche den rechten Weg zeigten.

Glücklicherweise saß auf dem Throne ein König, wie ihn das Haus Juda seit David nicht gekannt hat. Chiskija (724-696), Ahas' Sohn, war das gerade Gegenstück seines Vaters. Seine weiche, dichterisch besaitete Seele war nur dem Idealen zugewendet, und dieses Ideale erblickte er in der eigenen Lehre, in den Gesetzen und der Ueberlieferung aus der Vorzeit. Mit demselben Eifer, mit dem sein Vater dem Fremden huldigte und dem Ureigenen den Krieg erklärte, war Chiskija auf die Wiederherstellung der altjudäischen Sitten und Läuterung der religiösen Vorstellungen und Institutionen bedacht. Die Thora, die ihm bereits bekannt war, nahm er zu seinem Leitstern, um sein Leben und das seines Volkes danach zu regeln. Wenn je ein König ein leuchtendes Vorbild für sein Volk war, so war es Chiskija. Ihn zierten nicht nur die Tugenden der Gerechtigkeit, des Edelmuths und der Hochherzigkeit, sondern auch diejenigen Tugenden, welche sich in der Regel von der Krone abgestoßen fühlen und sie fliehen, Sanftmuth, Bescheidenheit und Demuth. Er besaß jene innige Frömmigkeit und reine Gottesfurcht, welche eben so selten angetroffen werden, wie Kunstvollendung und Feldherrnbegabung. Haben die Propheten schon in dem jungen Fürstensohn diesen Seelen- und Herzensadel frühzeitig erkannt? Oder hat sie ihr Seherblick einen König auf dem Throne David's schauen lassen, welcher denselben zieren sollte? Oder haben ihn die Propheten zeitlich belehrt, geleitet und zu einem Ideal-König herangebildet? Thatsache ist es, daß zwei Propheten von Chiskija Großes und Hoffnungsreiches verkündet haben, als er noch sehr jung war. Zacharia I prophezeite:


»Freue dich sehr, Tochter Zions!

Juble, Tochter Jerusalems!

Sieh! Dein König wird zu dir kommen,

Gerecht und siegreich.

Sanftmüthig ist er,

Und reitet auf einem Esel und einem Eselsfüllen.

Ich werde Kriegswagen von Ephraim vertilgen

Und Rosse von Jerusalem.

Er wird Frieden den Völkern künden,

Seine Herrschaft wird reichen von Meer zu Meer

Und vom Euphrat bis an der Erden Grenzen«34.


[201] Als Juda von Feinden bedrängt war (o. S. 129), verkündete Jesaia die frohe Aussicht:


»Ein Kind ist uns geboren,

Ein Sohn ist uns geschenkt,

Auf dessen Schultern die Herrschaft sein wird,

Und sein Name wird genannt werden:

Wunderbarer Rathpfleger des mächtigen Gottes,

Vater der Beute, Fürst des Friedens‹

Groß wird die Herrschaft und unendlich der Friede

Auf dem Throne David's und in seiner Regierung sein,

Ihn aufzurichten und zu stützen in Recht und Gerechtigkeit«35.


Während Ahas' Mißregierung, welche einen Wechsel von Schwäche und Thorheit bildete, hofften die Propheten und jener Kreis der Sanftmüthigen, welche Kern und Herz des Volkes Israel waren, auf den jungen Königsohn und erwarteten von ihm die Wiederherstellung der davidischen Glanzregierung, des goldenen Zeitalters. Chiskija, welcher die Verkehrtheiten seines Vaters mit Schmerz hatte mit ansehen müssen, gab gleich nach dessen Tode Widerwillen dagegen zu erkennen. Er ließ den Leichnam seines Vaters nicht in dem Erbbegräbniß der davidischen Könige beisetzen, sondern in einer eigens angelegten Grabkammer36. Er soll ihn auch nicht nach Brauch in einem Prachtsarkophag zur Ruhestätte gebracht haben, sondern auf einem Bette mit Stricken37. Seine Gesinnung that Chiskija in einem Psalm kund, den er wahrscheinlich gleich nach seiner Thronbesteigung dichtete, der sich wie ein Manifest ausnimmt.


»Wandeln will ich in meines Herzens Einfalt in meinem Hause,

Nicht will ich die Gemeinheit vor meinem Auge dulden;

Ränke schmieden haße ich,

Es soll mir nicht anhaften,

Ränkevoller Sinn soll von mir weichen,

[202] Das Böse mag ich nicht kennen.

Den Verläumder seines Freundes im Geheimen

Werde ich bannen,

Den Hochmüthigen und Herzensgeblähten mag ich nicht ertragen.

Meine Augen sind auf die Treuen im Lande gerichtet,

Daß sie bei mir weilen.

Wer geraden Weges wandelt,

Ein solcher soll mir dienen.

Nicht weilen soll in meinem Hause der Falsche,

Der Lugredner soll vor mir nicht bestehen.

Morgendlich will ich alle Frevler im Lande bannen,

Zu vertilgen aus der Gottesstadt alle Uebelthäter«38.


Welch ein herrliches Königsprogramm! Wenn alle Herrscher, welche doch Pfleger und Wächter des Rechts und der edlen Gesinnung sein wollen, solche Vorsätze gefaßt und ausgeführt hätten, so hätte das Böse nicht so sehr überhand nehmen können. Der judäische Thron, den Achas eingenommen hatte, war von Uebelthätern aller Art, von Gleisnern, Lug- und Trugrednern, Verläumdern, Hochmüthigen und Gierigen belagert. Alle diese Creaturen wollte Chiskija von seinem Throne und seinem Palaste fernhalten, dagegen die Treuen im Lande, jene zur Armuth und Niedrigkeit verdammten sanftmüthigen Dulder (Anawim), um sich schaaren. Diese sollten die Beamten und Hochgestellten seines Hofes sein.

Die Verarmten und Dulder, welche, weil voll heiliger Gefühle und lauterer Gesinnung, unter Achas in den Staub erniedrigt waren, konnten den Augenblick nicht erwarten, wann der vielverheißene junge König sie von ihrem Elende befreien würde. Einer aus ihrer Genossenschaft gab ihren Wünschen durch einen schönen Hymnus Ausdruck:


»Ihwh!

Deinen Rechtsspruch gieb dem Könige

Und Deine Gerechtigkeit dem Königssohn,

Daß er richte Dein Volk mit Recht

Und Deine Dulder mit Rechtsspruch.

Die Berge werden dem Volke Frieden tragen

Und die Hügel in Folge der Gerechtigkeit.

Annehmen möge er sich der Dulder des Volkes,

Netten die Söhne des Armen

Und unterdrücken den Bedrücker.

Damit sie Dich (o Gott) verehren mit der Sonne (Aufgang)

Und vor dem Monde von Geschlecht zu Geschlecht.

Es träufle wie Regen auf Wiesenschur,

Wie Regenschauer die Erde befruchtet.

Es blühe in seinen Tagen das Recht

Und des Friedens Fülle bis zum Verlöschen des Monds.

Er möge herrschen von Meer zu Meer,

[203] Vom Euphrat bis zur Erden Grenze.

Vor ihm werden seine Feinde knien,

Und sein Widersacher den Staub lecken,

Selbst Tarschisch' Könige und der Inseln ihm Huldigung bringen

Die Könige von Schebâ und Sabäa Geschenke reichen.

Beugen werden sich vor ihm alle Könige,

Alle Fürsten ihm unterthan sein,

Weil er rettet der Flehenden Leiden,

Der Dulder ohne Annehmer,

Achtet auf die Armen und Leidenden

Und befreiet der Dulder Leute,

Von List und Gewalt erlöst er ihr Leben,

Und kostbar ist ihr Blut in seinen Augen«39.


Diese Dulder im Staube erwarteten von Chiskija den Eintritt einer edlen Gerechtigkeit und ihre Erhebung aus der Niedrigkeit. In Folge der Gerechtigkeit werde ewiger Friede herrschen, wie ihn die Propheten geschaut, und die Unterwerfung aller Machthaber. Die Könige des fernen Karthago und der Inselwelt, die Könige des glücklichen Arabien und des Oasenstaats Meroë bei Aegypten werden dem gerechten Könige Chiskija huldigen.

Chiskija's Regierungszeit, die reich an Tugenden, reich an gewaltigen Ereignissen und reich an dichterischen Schöpfungen war, wäre ein goldenes Zeitalter gewesen, wenn seinem Wünschen und Wollen nicht eine Schranke gezogen gewesen wäre, die er nicht durchbrechen konnte. Das Königthum in Juda war lange nicht mehr allmächtig, die Fürsten Juda's hatten schon lange die königliche Machtvollkommenheit beschränkt. Wenn sie vereint auftraten, war der König ihrem Widerstand gegenüber machtlos. Sie hatten die Richterstellen inne, und mit dem Richteramt war auch die Regierungsgewalt verbunden, welche durch beigegebene Schreiber oder Büttel (Schotêr) ausgeübt wurde. Der einzelne Mann, der Kleinstädter, der Ackerbauer und der Hirte kannte nur den ihm zunächst vorgesetzten Fürsten oder Richter und zitterte vor ihm. Die Klagen der Unterdrückten drangen selten zu den Ohren des Königs. Es frommte dem Volke wenig, daß Chiskija gerecht, edel, gottesfürchtig, ein Freund der Armen und Unterdrückten war, er hatte keine Organe, seinen guten Willen und seine edlen Vorsätze durchzusetzen. Selbst in der Hauptstadt war seine Macht gebrochen. Neben ihm herrschte der Palastaufseher oder Verweser (Sochên40), dem das Heer und die Beamten des Hofes unterstanden, und der den König wie einen Gefangenen in den Gemächern eingeschlossen hielt. Die Anschauung, daß es eine Entwürdigung der [204] Majestät sei, wenn der König sich in die kleinlichen Angelegenheiten der Regierung mischte, verurtheilte ihn zu einer leidenden Rolle. Er erfuhr wenig oder in entstellter Gestalt von den Vorgängen außerhalb seines Palastes, und seine Verordnungen wurden gar nicht oder im entgegengesetzten Sinne ausgeführt. Zu Chiskija's Zeit war ein solcher Palastaufseher, Namens Schebna, vielleicht schon von Achas zu diesem Amte erhoben, welcher sich geberdete, als wäre er der Inhaber des Thrones und der Staatsmacht. Obwohl nicht aus dem davidischen Stamme entsprossen, hatte Schebna sich, wie wahrscheinlich die früheren Verweser, alle Machtmittel anzueignen gewußt, so daß sein Wille allein im Lande Gesetz war. Er war der Pflock, eingerammt in einen festen Platz, an dem das Zelt David's befestigt war41. Wenn Schebna, wie es scheint, mit den Fürsten Juda's verbunden war, ihre Willkür begünstigte, in ihrem Kreise zu schalten und zu walten, und dafür von ihnen in seiner Machtstellung unterstützt wurde, so war Chiskija ihnen gegenüber ohnmächtig.

In der ersten Zeit seiner Regierung ließen ihm die Hofleute die Inhaber der Aemter und Richterstellen, die Selbstständigkeit, wie jedem jungen Könige, dessen Charakter und Willensrichtung noch nicht erforscht ist. Während dieser Zeit konnte Chiskija gute Vorsätze fassen und zum Theil ausführen, die Neuerungen einführen, das Götzenthum beseitigen, die Einheit des Kultus befehlen, allzufreche und frevelhafte Diener aus dem Palaste entfernen und würdige an ihre Stelle setzen.

Selbstverständlich trug der König Chiskija Sorge dafür, daß die Leviten, welche den Grundstock der Sänger und der Dichter, der Sanftmüthigen und Dulder bildeten, nicht mehr durch so große Noth und Verarmung leiden sollten. Er erließ eine Verordnung, daß der Zehnte, worauf sie angewiesen waren, von nun an regelmäßig abgesondert und ihnen zugetheilt werde. Ungewiß ist es, ob schon von diesem König die Einrichtung getroffen wurde, daß der gesammte Zehnte zum Tempel in Jerusalem abgeliefert, hier aufgespeichert und von hier aus an die Leviten gleichmäßig, an Vemittelte und Unbemittelte, vertheilt werden sollte42.

[205] Wie viel hatte indessen Chiskija aufzuräumen, um das Land und die Köpfe von dem angehäuften Schmutz des Götzenthums und der Unsittlichkeit zu säubern! Der Tempel war verödet, dagegen war das Land gefüllt mit Götzen und Altären. Das Heiligthum öffnete Chiskija wieder und stellte es in seiner Würde wieder her. Sämmtliche Abbildungen der Götzen ließ er zerstören, auch die Schlange aus Erz, das Symbol des Heilgottes, ließ er beseitigen. Um aber gründlich den Unfug der wüsten Götzendienerei ein für alle Mal abzuthun, erließ er einen Befehl, daß auf den Anhöhen und Bergen nicht mehr Altäre errichtet und geopfert werden dürfte, nicht einmal für Ihwh, sondern jeder, welcher das Bedürfniß fühlte, Gott zu verehren, sollte sich zum Tempel nach Jerusalem begeben43. Diese Maßregel erschien gewiß Vielen als eine Härte: denn die Kultusfreiheit war eine hergebrachte Sitte aus uralter Zeit. Mehrere Stätten genossen einen heiligen Ruf, so besonders Beerseba und wohl auch Hebron, der ehemalige Hauptort des Stammes Juda. Den tief im Süden wohnenden jehudäischen und simeonitischen Hirten war es unbequem, ihre Triften zu verlassen, um sich mit ihren Opfern nach Jerusalem zu begeben. Indessen Chiskija durfte diese Freiheit oder Zügellosigkeit nicht schonen, wollte er mit der Läuterung des Volkes von seinen gedankenlosen Gewohnheiten Ernst machen. Als das Frühlingsfest herannahte, befahl er, daß das Paschalamm, welches bis dahin auf Privataltären dargebracht worden war, nur im Heiligthum zu Jerusalem geopfert werden sollte. Er verlegte indeß das Fest vom ersten Monat auf den folgenden, ohne Zweifel, weil die Frühlingszeit noch nicht eingetreten, die Gerstenreife, welche nach dem Gesetze den Monat für die Feier dieses Festes anzeigen sollte, noch nicht vollendet war, kurz die Jahreszeit nicht gleichen Schritt mit der Berechnung des Jahres nach Mondmonaten gehalten hatte. Diese Wahrnehmung, daß die kurzen Mondjahre von Zeit zu Zeit nicht mit den Jahreszeiten nach dem Stand der Sonne übereinstimmten, führte darauf, nach je zwei oder drei Jahren einen Mondmonat einzuschalten, einem Jahr dreizehn Mondmonate zu geben und solchergestalt die Berechnung nach der Sonne und dem Monde auszugleichen. Seit Chiskija ist wahrscheinlich das Einschaltungsverfahren eingeführt worden44. In Babel und Ninive, mit denen Judäa seit Achas' Regierung im Verkehr stand, waren diese gebundenen Mondjahresformen und Schaltjahre längst im Gebrauch. Chiskija hat wohl diese Kalenderordnung für Juda eingeführt.

[206] Indessen allzulange ließen die Hofleute dem König nicht die Selbstständigkeit der Regierung, um im Sinne der alten Lehre zu reorganisiren oder in ihren Augen Neuerungen einzuführen. Nach und nach scheint sie ihm der Palastaufseher Schebna aus den Händen gewunden zu haben. Chiskija war ein Dichter, eine ideale Natur, weich und nachgiebig, von geringer Willensfestigkeit. Menschen von solcher Gemüthsrichtung sind leicht lenksam, und selbst Könige pflegen sich einem Willensstarken unterzuordnen. Salmanassor's Feldzug gegen Tyrus und Samaria (o. S. 197), welcher in die ersten Regierungsjahre Chiskija's fiel, erregte selbstverständlich Besorgniß und Furcht in Jerusalem und am Hofe. Es galt, einen festen Entschluß zu fassen und Partei zu nehmen, entweder sich den Verbündeten anzuschließen oder dem assyrischen Großkönig Bürgschaft der Vasallentreue zu geben. Chiskija mag vermöge seines Charakters und seiner Gesinnung schwankend gewesen sein. Sollte er den Bruderstamm, welcher sich während der dreijährigen Belagerung Samaria's verblutete und, wenn besiegt, einem düstern Geschicke entgegensah, sollte er ihn verlassen, oder ihm beistehen? Und auf der andern Seite, sollte er den Zorn des mächtigen Großkönigs erregen? Chiskija war vielleicht froh, daß Schebna und seine Minister ihm die Wahl und Entscheidung abnahmen. In Folge dieser Zwiespältigkeit in der höchsten Spitze des Landes – hier ein König mit den trefflichsten Gesinnungen ohne Thatkraft und Macht, und dort der höchste Beamte mit der Fülle der Macht bekleidet, ohne Sinn für geistige Interessen und sie vielleicht gar als Luftschlösser verspottend – in Folge dieser Zwiespältigkeit erscheint die chiskijanische Regierungszeit voller Widersprüche. Gehobenheit und Niedrigkeit, sittlicher Aufschwung und sittliche Verderbniß, reines Gottvertrauen und Buhlerei um fremde Hilfe, der König ein Abbild der Gerechtigkeit und seine Hauptstadt voller Mörder45. Selbst mit der Verbannung des Götzendienstes drang Chiskija nicht durch. Die Großen behielten noch ihre silbernen und goldenen Götzen und verchrten das Händewerk von Menschen. In ihren Gärten behielten sie ihre Astarten - Bildsäulen unter dickbelaubten Terebinthen, die sie eigens dazu eingepflanzt hatten46.

Diese Zwiespältigkeit, entstanden durch die Ohnmacht des Königs und den starken Eigenwillen des Palastaufsehers und der Fürsten, wirkte zum Nachtheil der öffentlichen Angelegenheiten nach Außen. Der politische Zustand aller Völkerschaften, welche zwischen Assyrien und Aegypten mitten inne lagen, war eine Nothlage; Gefahren drohten [207] ihnen bald von der einen, bald von der andern Seite, von ihren Verbündeten nicht minder, als von ihren Gegnern. Gleich nach Achas' Tode, als auch in Assyrien ein Regentenwechsel eingetreten war, sandten die Philister eine Botschaft nach Jerusalem, um den jungen König in ein Bündniß gegen Assyrien hineinzuziehen. Sie standen zwar mit Juda nicht auf freundschaftlichem Fuße und hatten unter Achas mehrere Städte davon losgerissen47; nichts desto weniger knüpften sie eine diplomatische Unterhandlung an, um sich mit seiner Hilfe der Nothlage zu entziehen. Das Land Juda batte unter Achas zu Assyrien gehalten, und nun sollte es verlockt werden, sich zu Aegypten zu schlagen. Damals, in den Flitterwochen oder -Monaten der Regierung des Königs Chiskija, durfte noch der Prophet Jesaia sich herausnehmen, die Antwort einzugeben, welche den philistäischen Gesandten ertheilt werden sollte.


»Was man den Boten der Völker antworten soll?

›Daß Gott Zion gegründet hat,

Und in ihm werden die Dulder seines Volkes geborgen sein‹.


Die philistäischen Boten und die der obigen Völker, welche ein Bündniß gegen Assyrien geschlossen hatten, zogen unverrichteter Sache wieder ab48. Juda blieb im Vasallenverhältniß zu Assyrien, selbst als das Zehnstämmereich sich im letzten Kampf gegen dasselbe aufrieb. Man kann aus der Zeiten Ferne nicht beurtheilen, ob die Theilnahmlosigkeit Juda's an dem Untergang der Bruderstämme ein Fehler, ein Verbrechen oder eine Klugheit war. Chiskija war jedenfalls unschuldig dabei. Seine Stimme galt wenig im Rathe, wenn es sich um Krieg oder Frieden handelte. Unerwartet und außerordentlich befremdend verfolgten die judäischen Staatsmänner nach Samaria's Fall eine Politik, welche vorher klüger und jedenfalls edler gewesen wäre. Sie verfolgten den Plan, mit Assyrien zu brechen und sich Aegypten anzuschließen. Haben sie die Theilnahmlosigkeit an dem Untergang der Bruderstämme, als es schon zu spät war, bereut? Oder hatte der assyrische Eroberer ihnen für die Neutralität Juda's Versprechungen von Besitzvergrößerung gemacht und nicht Wort gehalten? Oder hat sich Juda durch die Besitznahme des Gebiets von Ephraim von Seiten der Assyrer eingeengt gefühlt und von ihnen Unbilden und Verachtung erfahren, die es zur Verzweiflung trieben, das Joch der Vasallenschaft abzuschütteln? Oder endlich war in Ninive eine Veränderung vorgegangen, welche den judäischen Staatsmännern Hoffnung machte, das tollkühne Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu führen? Was [208] auch der letzte Grund gewesen sein mag, welcher die Räthe des Königs Chiskija, die sich sehr weise dünkten49, bewog, eine feindliche Haltung gegen Assyrien anzunehmen, sie erwies sich hinterher als eine unbegreifliche Verblendung. Sie schlugen ganz genau denselben Weg ein, welcher ein Jahrzehnt vorher in Samaria verfolgt wurde. Sie buhlten um die Unterstützung Aegyptens, um von hier aus, wenn nicht ein zahlreiches Heer, so doch Rosse in Menge zum Kampf gegen Assyrien zu erlangen. Selbstverständlich wurde der Plan zum Abfall von der assyrischen Großmacht heimlich betrieben; denn die Kunde von Rüstungen, ehe sie vollendet waren, hätte Unheil herbeiführen können. Die weisen Staatsmänner Juda's trieben daher ihr Werk im Dunkeln, und verhüllten tief ihre Entschlüsse50.

Aber wie tief verborgen auch der Plan gehalten wurde, er wurde von den Propheten und ganz besonders von Jesaia durchschaut. Mit Chiskija's Regierungsantritt entwickelte dieser gedanken- und poesiereiche Prophet eine unermüdliche Thätigkeit, obwohl er das sechzigste Lebensjahr bereits überschritten hatte, um die von ihm geschaute bessere Zukunft anzubahnen. Nun sah er das Reich Juda durch die Verblendung der sich weise dünkenden Räthe auf dieselbe schiefe Ebene gerathen, welche den Sturz Ephraims herbeigeführt hatte. Er wollte seine gewaltige Stimme dagegen erheben, aber er durfte nicht. Die Machthaber verschlossen dem Propheten den Mund51; sie unterdrückten die Redefreiheit, weil sonst der König und das Volk auf die Verkehrtheit der Räthe und die Gefahren, die sie heraufbeschwören könnten, aufmerksam gemacht worden wäre. Jesaia's Scharfblick durchschaute deutlich, daß die Hoffnung auf Aegyptens Hilfe sich als eitel erweisen würde, und daß das winzige Juda von der Großmacht Assyrien erdrückt werden müßte; aber er mußte schweigen. Er wandte daher ein anderes Mittel an. Die Assyrer hatten einen Kriegszug gegen das Philisterland unternommen, das sich ebenfalls von ihnen befreien wollte. Das Binnenland war bereits erobert, nur die Seestadt Aschdod (Azotus) behauptete sich noch. Um diese zu bezwingen, hatte sie der assyrische König Sargon durch einen seiner Feldherrn, Tartan, mit Truppen belagern lassen, weil deren Eroberung einen Zug nach Aegypten erleichtert hätte. Drei Jahre dauerte die Belagerung Aschdods. In Jerusalem folgte man dem Ausgang derselben mit gespannter Aufmerksamkeit. Da zog Jesaia seinen härenen Prophetenmantel aus, legte seine Schuhe ab und wanderte barfuß und ohne Obergewand in den [209] Straßen Jerusalems umher. Dieser Aufzug sollte ein Vorzeichen sein, daß Aschdod fallen und Aegyptens Bewohner nackt und barfuß in Gefangenschaft geschleppt werden würden. Als es endlich nach dreijähriger Belagerung gefallen war, da brach Jesaia das Schweigen. Er gab von seinem Betragen während dieser Zeit die Deutung:

So wird der König von Assyrien die Gefangenen Aegyptens und die Verbannten Aethiopiens nackt und barfuß und mit entblößter Scham wegführen. Und die Bewohner dieses Landes werden sprechen: ›Sich', so geht es dem Lande unseres Vertrauens, wohin wir wegen Hilfe liefen, um uns vor dem Könige von Assyrien zu retten, wie werden wir uns retten können?‹52.

Aschdod's Fall und die Gefangenschaft der Philister übten indeß keine abschreckende Wirkung auf die judäischen Staatsmänner aus; sie setzten vielmehr das Spiel ihrer Politik fort. Ohne Zweifel wurden sie dazu von dem dritten König der äthiopisch-ägyptischen Dynastie, von Tirhaka (Tahalka53) aufgestachelt, indem dieser einen Krieg gegen das immer mehr nach seinen Grenzen vordringende Assyrien ernstlich in's Auge fassen mußte. Heimlich zogen judäische Gesandte an den ägyptischen Hof, suchten den König auf und schlossen mit ihm ein feierliches Bündniß, dessen Bedingungen gewesen zu sein scheinen, daß im Kriegsfalle eine berittene Schaar Aegypter Juda zu Hilfe kommen sollte54. Ein Zug von Kameelen und Maulthieren trug reiche Schätze von Jerusalem nach Aegypten55, weil dieses selbstsüchtige Land, obwohl eines Bündnisses bedürftig, nicht umsonst Hilfe leisten mochte. Das Bündniß wurde abgeschlossen und die Loslösung Judas von Assyrien sollte erfolgen.

So geheim auch die Unterhandlung betrieben und so sehr die Schritte der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen worden waren, Jesaia's prophetischem Blicke waren sie nicht entgangen, und er bot die ganze Kraft seiner Beredtsamkeit auf, dieses thörichte Beginnen womöglich noch zu vereiteln; seine glänzendsten, ergreifendsten Reden stammen aus der Zeit der äußersten Spannung. Alle Mittel der prophetischen Redekunst, Schilderung des hereinbrechenden Unglücks, Spott über die Verblendung, milde Ermahnung und frohe Aussicht in die Ferne, wendete er an, um die Starrsinnigen von ihrem Vorhaben abzubringen. Die schönsten Wendungen und die treffendsten Gleichnisse strömten über seine Lippen, ungekünstelt, Eingebungen des Augenblicks, gewaltig und[210] hinreißend. Jesaia's Rath war, daß sich Juda in dem heißen Kampf, der zwischen Assyrien und Aegypten ausbrechen sollte, parteilos verhalten, gar nichts thun und ruhig bleiben sollte56. Es war ein kluger, staatsmännischer Rath, und es ist erstaunlich, daß er so wenig Anklang gefunden hat, und daß Jesaia's Reden in dieser Zeit überhaupt keinen Eindruck gemacht haben, noch erstaunlicher, daß der König Chiskija in dieser aufgeregten Zeit kein Lebenszeichen von sich gab, als ob das Alles, was die Gemüther tief bewegte, ihn nichts anginge. Jesaia ließ auch in den Reden aus dieser Zeit den König aus dem Spiele, nur ein einziges Mal deutet er auf ihn, aber in einem rühmenden Sinne. Die Spitze seiner Beredtsamkeit war gegen die verblendeten Hofleute und Fürsten Juda's gekehrt.


O unbändige Söhne (ist Gottes Wort),

Rath auszuführen, nicht von mir,

Bund zu schließen ohne meinen Geist

Und Sünde auf Sünde zu häufen.

Sie wandern nach Aegypten hinab,

Ohne mich zu fragen,

Um sich in Pharao's Macht zu erstärken

Und sich in Aegyptens Schatten zu bergen.

Pharao's Macht wird euch zur Schande gereichen

Und das Bergen in Aegyptens Schatten zu Schmach.

Denn es waren (wirklich) in Tanis seine Fürsten,

Und seine Boten haben Daphnaï erreicht.

Sie alle blicken auf ein Volk, das ihnen nichts nützen wird;

Nicht zur Hülfe und nicht zum Nutzen,

Sondern zur Schande und zum Hohne.

Eine Last für die Thiere der Wüste –

Durch das Land der Not und der Entbehrung, (wo)

Löwin und Löwen brüllen,

Otter und fliegende Drachen –

Laden sie auf die Schulter der Esel ihr Gut

Und auf der Kameele Höcker ihre Schätze,

Für ein Volk, das ihnen nichts nützen wird.

Aegypten wird eitel und nicht helfen,

Darum nenne ich dieses »Woge der Zerstörung«.

»Nun geh! schreib's auf eine Tafel, für sie,

Und in eine Rolle zeichne es ein,

Daß es für einen spätern Tag zum Zeugniß diene.

Denn ein Volk des Widerspruches ist es,

Söhne der Verlogenheit,

Söhne, die Gottes Belehrung nicht hören wollen,

Die da zu den Sehern sprechen:

›Ihr sollt nicht sehen‹

Und zu den Propheten:

[211] ›Ihr sollt uns nichts Wahres prophezeien,

Sprechet für uns Schmeichelndes,

Prophezeit Täuschungen‹

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

(So hat Gott gesprochen:)

In Stille und Ruhe werdet ihr gerettet werden,

In Frieden und Vertrauen ist eure Kraft.

Ihr aber sprachet: ›Nein!

Zu Rosse wollen wir eilen;‹

Darum werdet ihr eilig fliehen.

›Und auf einem leichten Renner wollen wir reiten;‹

Darum werden eure Verfolger leicht sein.

Ein Tausend vor dem Drohen eines Einzigen,

Vor dem Drohen von fünf werdet ihr sämmtlich fliehen,

Bis ihr bleiben werdet wie eine Stange auf Bergesspitzen

Und wie ein Bannerzeichen auf einem Hügel.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

O, die nach Aegypten hinabziehen um Hilfe

Und auf Rosse sich stützen,

Vertrauen auf Streitwagen, die ihrer viel,

Und auf Reiter, die ihrer zahlreich sind,

Wenden sich nicht zum heiligen Israels,

Den Herrn befragen sie nicht.

Aber auch er ist weise

Und führt Unglück herbei,

Hat sein Wort nicht geändert,

Er erhebt sich wider den Schutz von Frevlern

Und wider die Hülfe von Uebelthätern.

Die Aegypter sind Menschen

Und nicht Gott,

Ihre Rosse Fleisch und nicht Geist.

»Der Herr wird seine Hand wenden,

Da strauchelt der Helfer,

Und es fällt der Hilfsbedürftige

Und zusammen gehen beide unter57.


Zwei Thatsachen schwebten Jesaia's prophetischem Blicke als selbstgewiß vor, daß Juda durch den Abfall von Assyrien großes, unsägliches Elend erdulden, daß es aber doch nicht untergehen, sondern geläutert und gehoben aus dieser Prüfung hervorgehen, und daß ein assyrisches Heer das Land zwar hart bedrängen, aber untergehen und nicht durch Menschenhand untergehen werde. Diese Ueberzeugung sprach Jesaia noch vor dem Eintreffen des assyrischen Heeres mit aller Bestimmtheit aus:


O Ariël, Ariël (Gottesberg) Burg, die David erbaut,

Thuet ein Jahr zum Jahr hinzu, Feste werden umlaufen,

[212] Dann werde ich Ariël belagern,

Es wird Klage und Jammer sein,

Dann wird sie mir wie ein Gottesberg werden,

Ich werde wie einen Kreis um dich lagern lassen,

Lasse dich mit einem Wall einschließen,

Niedrig von der Erde wirst du sprechen

Aus dem Staube dein Wort wimmern,

Deine Stimme wird wie die eines Gespenstes aus der Erde kommen,

Und aus dem Staube wirst du Worte lispeln.

Aber wie feiner Staub wird die Menge deiner Eroberer sein,

Und wie verfliegende Spreu der Gewaltigen Troß.

Und das wird plötzlich, urplötzlich geschehen.

Vom Herrn wirst du heimgesucht werden mit Donner, Erdbeben und Geräusch,

Mit Sturm und Wetter und Flammen verzehrenden Feuers.

Aber dann wird wie der Traum eines nächtlichen Gesichtes

Die Menge aller Völker sein,

Die Ariël bekriegen werden.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wie, wenn der Hungrige träumt, daß er äße,

Und er erwacht, und leer ist sein Leib,

Wenn der Durstige träumt, daß er tränke,

Und er erwacht und ist erschöpft und lechzend,

So wird die Menge aller Völker sein, die den Zionsberg bekriegen werden58.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wie Vögel die Jungen,

So wird Ihwh Zebaoth Jerusalem beschützen,

Beschützen und beschirmen,

Verschonen und erretten.

Dann kehren zurück zu dem,

Von dem sie so tief abgefallen sind,

Die Söhne Israels.

Denn an jenem Tage wird ein jeder seine Götzen von Gold und Silber verachten, die ihr selbst in Sünde verfertigt habt.

Aschur wird fallen nicht durch eines Mannes Schwert,

Nicht eines Menschen Schwert wird es ausreiben,

Es wird fliehen, wie vor dem Schwert,

Seine Auserwählten werden zum Frohndienst sein.

Seinem Schutzfels wird es aus Furcht vorüberziehen,

Seine Fürsten werden in der Flucht gebrochen werden59



Fußnoten

1 S. Note 6.


2 Micha 6, 8.


3 Jes. 9, 8-9. Aus dem folgenden Verse geht hervor, daß Jesaia dies nach Tiglat-Pileser's Invasion gesprochen hat.


4 Vergl. B. I, S. 475.


5 Vergl. Note 3.


6 Hosea 4, 2. LXX haben den Zusatz ἐπὶ τῆς γῆς.


7 Das. 5, 1. רובת לע השורפ תשרו הפצמל םתייה חפ יכ; das. 6, 8. 9 שיא יכחכו: םדמ הבקע ןוא ילעפ תירק דעלג המכש וחצרי ךרד םינהכ רבח םידודג. das. 12, 7. Unter דעלג ist דעלג הפצמ oder דעלג תומד zu verstehen. Vergl. I, S. 445 fg. Da Sichem deutlich als Raubnest genannt wird, so muß man wohl auch das. 5, 2 statt הטחשו וקימעה םיטש lesen המכשו [ushekhema], da das Wort הטחשו durchaus keinen Sinn giebt.


8 Vergl. Jesaia 10, 5 fg.; Nahum 3, 19.


9 Hosea 12, 2. Statt דשו haben LXX μάταια, d.h. אוש.


10 Das. 5, 13.


11 Das. 7, 11.


12 Das. 4, 15. 8, 5-6. 10, 5.


13 Das. 4, 13 fg. 17; 8, 4. 11. 14. 10, 1. 13, 2.


14 Micha 1, 7 הצבק הנוז ןנתאמ יכ Vergl. Note 6.


15 Hosea 12, 11.


16 Das. 4, 4.


17 Vergl. Note 3.


18 Hosea 9, 7-9. Statt יהלא םע muß man lesen יהלא םע [am...], und darunter ist der Prophetenkreis zu verstehen. 6, 5 יפ ירמאב םיתגרה םיאיבנב יתבצח ןכ לע kann vielleicht buchstäblich bedeuten »ich habe durch das Aussenden der Propheten ihren Tod veranlaßt, sie sind durch meine Aufträge erschlagen worden.«


19 Das. 4, 1-4.


20 Das. V. 8.


21 Das. 5, 5 fg.


22 Das. 6, 4.


23 Das. 6, 6; 8, 13.


24 Das. 13, 10.


25 S. darüber Frankel-Graetz, Monatsschr. Ig. 1874, S. 532 fg.


26 Folgt aus Jesaia 14, 28 fg. Daselbst ist angegeben, daß die Prophezeihung nach Achas' Tod gehalten wurde. Zu Schluß heißt es יוג יכאלמ הנעי המו, oder, wie LXX und Peschito haben, ἐϑνῶν, bezw. אכאלמל אממעד, d.h. םיוג יבאלמ. Der Sinn kann nur der sein: »Was soll man den Botschaftern der Völker antworten?« nämlich 'וגו ןויצ דסי 'ה יכ, d.h. daß Gott, der Zion gegründet, es auch beschützen werde, ein Bündniß mit den Völkern also überflüssig sei. Es müssen also damals Gesandte nach Jerusalem gekommen sein, und zwar nach Achas' Tode an Chiskija. Zum Theil faßte diese Stelle zuletzt auch Movers so auf (Phönicier II, 1, S. 391 Note), nur daß er die Boten lediglich von Philistäa gesandt sein läßt. Er bemerkt auch mit Recht, daß V. 29 das. עפצ אצי שחנ שרשמ... ךכמ טבש sich auf Assyrien bezieht und nicht etwa auf Achas.


27 Diese Thatsachen stammen aus einer phönicischen Quelle, bei Josephus Alterth. IX, 14, 2. Nach Ruffinus' Uebersetzung ist der Name des assyrischen Königs in der Quelle ausdrücklich genannt. Ἐπὶ τούτους πέμψας Σαλμανασάρƞς ὁ τῶν Ἀσσυρίων βασιλεὺς, κ. τ. λ.


28 Vergl. Layard, Ninive, deutsche Uebersetzung, S. 377 fg.


29 Könige II. 17, 1 fg. 18, 4. 9 fg.


30 Da zur Vergleichung der Namen der Exilslandstriche außer Medien weiter nichts vorliegt, als klangähnliche Namen bei griechischen und arabischen Schriftstellern, so läßt sich über deren Lage nichts bestimmtes angeben, ob sie in Mesopotamien oder östlich vom Tigris gelegen haben. Die Ausleger gehen daher über die Fixirung derselben auseinander; was Schrader angeblich aus assyrischen Inschriften dafür vorgebracht hat (Keilinschrift und alt. Testam. S. 161 [vgl. 2. Aufl. S. 275. 614.]), ist auch weit entfernt, überzeugend zu sein. רובח kann im Leben nicht der Fluß Chaboras sein, sonst hätte dabei רהנ stehen müssen, und wiederum kann ןזוג רהנ schwerlich sich mit Γαυζανῖτις decken, da es nur einen Fluß bedeutet. חלח, im Neuhebräischen ךלכ, könnte eher noch Kolchis bedeuten, dessen Einwohner noch im 5. Jahrhundert die Beschneidung hatten.


31 Jerem. 31, 17 fg.


32 Jesaia 28, 4.


33 Das. V. 14 fg.


34 Zacharia 9, 9-10. Der Zug ist nur auf Chiskija passend. Das Wort עשונ nehmen die alten Versionen aktiv: ζώσων, אקורפ. Das Pron. אוה gehört zum Folgenden; ינע ist gleich ונע. »Reiten auf Eseln« ist Bild der Einfachheit im Gegensatz zu Rossen, und Eselsfüllen werden nur von Niedrigen und Knaben gebraucht. – םי דע םימ bedeutet םיתשלפ םי דע ףוס םימ. Ueber diesen Zacharia, vergl. Note 3


35 Jesaia 9, 5-6. Es ist nicht zu verkennen, daß sich dieser Zug auf Chiskija bezieht. Statt יהתו [watehi] muß man lesen יהתו [utehi] futur., wie statt ומש ארקי [jikra shemo] nach LXX καλεῖται: ארקיו [wejikare]. Es ist eine Prophezeihung. אלפ ist in diesem V. Adverbium zu ץעוי und steht wegen des folgenden Status constr. voran. דע bedeutet nicht »ewig«, sondern »Beute« und דע יבא bildet eine Antithese zu םולש רש. Das Wort הברמל nach der Massora kann nicht Infinitiv, überhaupt gar keine Wortform sein, sondern םל ist dittographirt vom vorangehenden םולש. Es bleibt also הבר [raba] vom Worte übrig, das LXX mit μεγάλƞ als Adjektiv zu הרשמ wiedergeben.


36 Chronik II, 28, 27, Könige II, 16, 20 heißt es zwar von Achas דוד ריעב ויתבא םע רבקיו, allein der Vatican. Text der LXX hat nicht die Worte ויתבא םע; was ריעב דוד betrifft, so mag im Texte der Passus fehlen, den die Chronik das. 21, 20 beim Tode Joram's von Juda hat: םיכלמה תורבקב אלו דוד ריעב והורבקיו.


37 Talmud Traktat Pessachim 56a als Boraitha citirt, soll aber auch eine Mischnah sein, Sanhedrin 47a, jerus. Sanh. I, p. 18d, es ist jedenfalls eine historische Tradition.


38 Ps. 101. S. Note 7.


39 Ps. 72. S. Note 7.


40 S. Note 4.


41 Jesaia 22, 15. 25. Vgl. Note 4.


42 Chronik II, 31, 4 fg. In V. 11 das. ist von תוכשל, großen Hallen oder Speichern, in welchen der gespendete Zehnte angesammelt wurde, und in V. 15 von der gleichmäßigen Vertheilung die Rede. Aus Nehemia, 10, 38-40; 13, 12 f. scheint indessen hervorzugehen, daß erst damals in Nehemia's Zeit diese Einrichtung der Aufspeicherung und gleichmäßigen Vertheilung des Zehnten getroffen wurde. Indessen ist es möglich, daß Nehemia nur die alte Ordnung erneuern ließ.


43 Könige II. 18, 4. 22.


44 S. B. I, S. 476 fg. 481.


45 Jesaia 1, 21.


46 Das. 1, 28-29; 31, 7; Micha 5, 12-13.


47 Chronik II. 28, 18.


48 Vergl. o. S. 197.


49 Jesaia 29, 14.

50 Jesaia 29, 15. 30, 1 fg. 12.



51 Das. 30, 10. 20b. Das ist der Sinn von: דוע ףנכי אלו ךירומ תא.


52 Kap. 20, 1 fg.


53 S. Frankel-Graetz, Monatsschr. Ig. 1874, S. 489 fg.


54 Jesaia 36, 6. 8; 30, 16; 31, 1.


55 Das. 30, 6


56 Das. 30, 15.


57 30, 1 fg. 31, 1 fg. In 30, V. 6 muß man statt des unverständlichen םהמ lesen םימה, auf Löwen bezogen. [Vgl. jedoch Luzzatto z. St.]


58 Das. 29, 1 fg. לאירא wird V. 8 durch ןויצ רה erklärt. Folglich kann ירא nur gleich ירה [hari] sein, Parallele Ezechiel 43, 15-16 לארהה [heharel] = לאיראה [haariel]. – Statt דוד הנח muß man wohl lesen הנב [bana].


59 Das. 31, 5 fg. V. 6 muß statt des Imperativ ובוש wohl das Futurum gesetzt werden u. V. 8 ינפמכ statt ינפמ.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1902, Band 2.1, S. 214.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristophanes

Lysistrate. (Lysistrata)

Lysistrate. (Lysistrata)

Nach zwanzig Jahren Krieg mit Sparta treten die Athenerinnen unter Frührung Lysistrates in den sexuellen Generalstreik, um ihre kriegswütigen Männer endlich zur Räson bringen. Als Lampito die Damen von Sparta zu ebensolcher Verweigerung bringen kann, geht der Plan schließlich auf.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon