1. Kapitel. Die Vorgeschichte.

[1] Die Urbewohner Kanaans. Die riesigen Anakiten und Rephaïm. Die Phönizier. Die Ansprüche der Israeliten auf Kanaan. Die Erzväter. Die Erblehre. Wanderung nach Ägypten. Stammkristallisation. Licht- und Schattenseiten der Ägypter. Mose. Aharon und Mirjam. Prophetentum. Moses Berufung zur Befreiung. Widerstand. Auszug aus Ägypten. Durchgang durch den See des roten Meeres. Wanderung durch die Wüste. Gesetzgebung auf einem der Berge des Sinaï. Das Zehnwort. Rückfall. Zugeständnisse. Kreuz- und Querzüge. Siege über Völkerschaften jenseits des Jordans. Anfänge der hebräischen Poesie. Moses Tod.


An einem sonnigen Frühlingstage drangen Hirtenstämme über den Jordan in ein Ländchen ein, das nur als ein etwas ausgedehnter Küstenstrich des Mittelmeeres gelten kann, in das Land Kanaan, später Palästina genannt. Dieser Übergang über den Jordan und der Einzug in dieses Ländchen sollte für das Menschengeschlecht ein höchst wichtiger Akt werden; der Boden, auf dem diese Hirtenstämme festen Fuß faßten, wurde dadurch für eine geraume Zeit ein wichtiger Schauplatz, das Land erhielt durch die nachhaltigen Folgen dieses ersten Schrittes den Namen »das heilige Land«. Die entfernten Völker hatten keine Ahnung davon, daß der Einzug hebräischer oder israelitischer Stämme in das Land Kanaan auch für sie von so folgenreicher Bedeutung sein werde, und selbst die dort angesiedelten Stämme waren weit davon entfernt, in diesem Einzuge ein für sie verhängnisvolles Ereignis zu erblicken. Es war damals eine sich öfter wiederholende Erscheinung, daß Hirtenstämme mit ihren Herden in dieses weidenreiche Land kamen. Es war eine [1] Zeit der vielleicht ersten Völkerwanderung; das Ländchen bot damals noch Raum und Weideplätze genug für neue Ankömmlinge.

Zwar gab es schon zur Zeit der Einwanderung der Hebräer oder Israeliten in diesem Ländchen Stämme und Völkerschaften von verschiedener Abstammung und Beschäftigung. Aber sie alle zusammen waren nicht so zahlreich, um den ganzen Landesboden auszufüllen. Noch immer waren Strecken unbewohnt, auf denen neue Hirtenstämme neben den alten friedlich ihre Herden weiden konnten. Zunächst waren die Urbewohner des Landes, ein riesiges Geschlecht mit hochragendem Oberkörper und Hals, Anakiten und Rephaïm genannt. Die Sage gab sie für Nachkommen und letzte Überbleibsel jener gigantischen Stürmer aus, die als eine zügellose frauenraubende Sippe in vordenklichen Zeiten in ihrem Übermut und mit ihrer Reckenhaftigkeit einen Sturm gegen den Himmel unternommen hätten. Dafür wären sie mit schmählichem Untergange bestraft worden. Sie seien samt ihren Schwertern von ihren Höhen in die Tiefe der Unterwelt gestürzt worden, »noch tiefer als das Meer mit seinen Bewohnern«. Davon hätten sie den Namen »die Gestürzten« (Nephilim) oder Rephaïm erhalten1. Deren angebliche Nachkommen, die hochstämmigen Urbewohner des Landes, welche von einigen Völkerschaften die Schrecklichen (Emim) genannt wurden, haben sich indessen trotz ihrer ungeschlachten Gestalt nicht behaupten können; sie wurden meistens von später eingewanderten, minder stämmigen und minder plumpen Völkerschaften vertilgt und hausten nur noch im Ostjordanlande und im Süden und Südwesten des Westjordanlandes.

Dieser Überrest der Anakiten flößte noch den israelitischen Kundschaftern einen solchen Schrecken ein, daß sie verzagten und das ganze Volk zaghaft machten, so daß sie daran verzweifelten, das Land je einnehmen zu können. Ein Sprichwort war im Umlaufe: »Wer kann vor den Anakiten bestehen?« »Wir kamen uns,« sagten die [2] Kundschafter, »bei ihrem Anblick wie Heuschrecken vor, und als solche erschienen wir auch ihnen«2. Sie hatten sich getäuscht. Diese Riesen erlagen später den israelitischen Zwergen.

Eine andere Welle von Einwohnern, die sich in dem Lande zwischen dem Mittelmeere und dem Jordan angesiedelt hatten, waren die Kanaaniter, welche die Griechen Phönizier nannten, von den vielen Palmenbäumen (ϕοῖνιξ),die sie in deren Gebiet antrafen. Diese Völkerschaft war, wie sie selbst erzählte, vom persischen oder roten Meere eingewandert3. In der neuen Heimat scheinen die Kanaaniter dieselbe Beschäftigung fortgesetzt zu haben, die sie an dem roten oder persischen Meere getrieben hatten. Ihre Hauptbeschäftigung war Schifffahrt und Handel zunächst nach den nahegelegenen Inseln und Küsten, nach Cypern, Ägypten, Afrika und von da immer weiter bis nach Griechenland und später noch weiter bis nach Italien, Südfrankreich, Spanien, also vom Euphrat und Tigris bis zu den Mündungen der Weichsel. Die Ortslage, die sie sich gewählt hatten, war ihnen für ihre immer kühneren Fahrten außerordentlich günstig. Das große Weltmeer, das bei den Säulen des Herkules einen Durchbruch machte und als Mittelmeer Europa von Afrika trennt, machte an dem Fuße des schneebedeckten Libanon und seiner Ausläufer Halt, es konnte nicht weiter vordringen und bildet daher hier eine Art Binnensee. Bequeme Anfuhrten gestalteten sich von selbst zu Hafenplätzen, wobei die Menschenhand nur wenig nachzuhelfen brauchte. An diesem Meeresgestade erbauten sich die Kanaaniter auf einem Felsenvorsprung, der ins Meer hineinragte und besonders zum Fischfang geeignet war, die Stadt [3] Sidon (Zidon), später auf einer kleinen Felseninsel unweit der Küste die berühmt gewordene Hafenstadt Tyrus (Zor), nördlich von Sidon Aradus (Arwad) und südlich von Tyrus Akko (Ake). Die Bäume vom Libanon und Antilibanon (Hermon) in der Nähe lieferten hochstämmige Zedern und feste Zypressen für ihre Schiffe. Was aber die Kanaaniter so recht zum ersten Handelsvolke der Welt zu machen geeignet war, das war der Umstand, daß sich an den Küsten Purpurschnecken verschiedener Gattung (Tolaat, Schani) fanden, aus deren Blute der glänzendste Purpur, der weit und breit gesucht war, hergestellt wurde. Der schöne weiße Sand am Belusflusse unweit Akko lieferte feines Glas4, einen in der alten Welt ebenfalls gesuchten Artikel – der Reichtum des Landes lag im Sande an der Meeresküste5. Vermöge des ausgebreiteten Handels war in Kanaan frühzeitig eine bequeme Art zu schreiben Bedürfnis. Die schwerfällige und dunkle ägyptische Schrift mit ihren Hieroglyphen von Figuren und Zeichen, die Verschiedenes bedeuteten und zu Mißverständnissen Anlaß gaben, war für ein auf Nutzen und Berechnung ausgehendes Handelsvolk nicht wohl zu gebrauchen. So erfanden die Kanaaniter die Buchstabenschrift des phönizischen Alphabets, welches Muster für die alten und neuen Völker wurde6. Auch ein bequemeres Schreibmaterial erfanden die Kanaaniter der Stadt Byblos (Gebal) aus Baststreifen, wovon Bücher überhaupt im Altertum Byblen und Biblien genannt wurden. Kurz, der schmale Streifen Landes zwischen dem Meere und dem Libanon mit seinen Ausläufern wurde einer der wichtigsten Punkte auf dem Erdenrund, von wo aus die entferntesten Völker durch das Friedenswerk des Handels anfingen in Verbindung gebracht und aus der Trägheit aufgerüttelt zu werden. Die kanaanitischen Phönizier, und nicht die plumpen Ägypter oder die phantastischen Inder, waren die ersten Anreger der Gesittung.

Die Kanaaniter hatten sich nicht bloß in dem fruchtbaren und so äußerst günstigen Landstrich zwischen Küste und Hochgebirge angesiedelt, sondern hausten auch an verschiedenen Punkten des ganzen[4] Landes, das eben deswegen »das Land Kanaan« genannt wurde. Überall, wo es fruchtbare Täler, Oasen und wehrhafte Höhen gab, hatten sie zur Zeit des Einzugs der Israeliten bereits festen Fuß gefaßt, bis zu dem schönen Tieftal von Sodom und Gomorrha, das einst wie ein »Garten Gottes« war, und später durch ein schreckliches Naturereignis in das tote Meer verwandelt wurde. Sie zerfielen in verschiedene Stämme und kleine Völkerschaften, die aus unbekannten Umständen verschiedene Namen führten. Sieben solcher kanaanitischer Stämme werden namhaft gemacht. Die Emoriter oder Amoräer im Süden und jenseits des Jordans galten als hochstämmig und kräftig. Man sagte von ihnen: »Sie waren hoch wie die Zedern und stark wie die Eichen«7.

Ein anderer weniger mächtiger Stamm waren die Chittiter oder die Söhne Chet, welche mit den Ägyptern vielfache Kriege geführt haben sollen8. Die Chiwwiter hausten auf dem Hermon und auch in der Mitte des Landes, die Pherisiter in der Ebene von Jesreël. Von geringerer Bedeutung waren die Jebusiter, welche die Gegend inne hatten, wo später die Hauptstadt Jerusalem entstand, und noch geringer erscheinen die Girgaschiter, deren Wohnsitze sich nicht genau bestimmen lassen. Alle diese Namen wären unbekannt geblieben, wenn die Israeliten nicht in dieses Land eingezogen wären. Durch sie sollte es ein Schauplatz für weitgreifende Ereignisse werden.

Die Israeliten zogen aber keineswegs ein, um friedlich neben [5] andern Hirten die Weideplätze für ihre Herden zu benutzen, sondern machten höhere Ansprüche. Sie verlangten das ganze Land Kanaan für sich als Eigentum. Welche Rechte machten sie dafür geltend? Zunächst betrachteten sie das Land als ihr Erbeigentum. Die Gräber ihrer Ahnen waren in diesem Lande. Ihr erster Stammvater Abraham, der aus der Euphratgegend, aus Aram, eingewandert war, hatte nach vielen Zügen durch das Land ein Erbbegräbnis für seine Familie in Hebron, die Doppelhöhle, samt Feld und Bäumen erworben. Dort wurden zuerst seine Frau Sara, dann er selbst und später auch sein Sohn, der zweite Erzvater Isaak, beigesetzt. Der dritte Erzvater, Jakob, hatte nach vielen Prüfungen und Wanderungen bei Sichem eine Stätte erworben und diese wichtige Stadt, gewissermaßen den Mittelpunkt des Ganzen, infolge eines Friedensbruches durch den Raub und die Entehrung seiner Tochter »mit seinem Schwerte und seinem Bogen« den chiwwitischen Sichemiten entrissen9. Dieser Erzvater verließ nur widerwillig das als Eigentum angesehene Land infolge einer Hungersnot, um nach der Kornkammer Ägypten auszuwandern10, und auf seinem Totenbette machte er es seinen Kindern letztwillig zur Pflicht, seine Gebeine im Erbbegräbnis der Doppelhöhle beizusetzen. Aber nicht bloß die Gräber der Urväter waren in diesem Lande, sondern auch Altäre, welche alle drei Stammväter an verschiedenen Plätzen dem von ihnen anerkannten Gotte geweiht und mit seinem Namen benannt hatten. Infolge dieser Erwerbungen glaubten die Israeliten ein volles Recht auf den Alleinbesitz des Landes zu haben.

Sie beriefen sich aber noch auf höhere Ansprüche, die mit dem erbrechtlichen Besitz im Zusammenhang standen. Die Erzväter hatten ihnen als heiliges Vermächtnis hinterlassen, der von ihnen zuerst erkannte Gott habe ihnen wiederholentlich und unzweideutig, wenn auch in Traumgesichten, das Land als ihr ausschließliches Eigentum verheißen, nicht als Gnadengeschenk, sondern als Mittel, um darin eine höhere Gesittung zu entfalten. Diese Gesittung sollte zunächst in der reineren Erkenntnis eines einzigen Gottes bestehen, der grundverschieden [6] war von dem Gotte oder den Göttern, welche die Völker der Erde damals unter Bildern und verkehrten Vorstellungen verehrten. Diese reinere Gotteserkenntnis sollte die Betätigung von Recht und Gerechtigkeit in allen Lebensbeziehungen und gegen jedermann im Gegensatz zu der allgemein unter den Völkern der Erde herrschenden Ungerechtigkeit zur Folge haben11. Diese höhere Gesittung werde von Gott verlangt; es sei »der Weg Gottes«, auf dem die Menschen wandeln sollten. Diese höhere Gotteserkenntnis und diese Gesittung sollten die Erzväter als ein Vermächtnis in ihrer Familie heimisch machen, es sollte eine Erblehre12 sein. Es ist ihnen auch in Aussicht gestellt worden, daß durch ihre Nachkommen, als treue Hüter dieser Lehre, alle Völker der Erde gesegnet und zur Teilnahme an dieser Gesittung herangezogen werden würden13. Zu diesem Zwecke sei ihnen eben das Land Kanaan als Geschenk verheißen worden, weil es die Beschaffenheit habe, für die Erblehre ganz besonders zweckdienlich zu sein. Es ist zugleich von allen Seiten durch Meer, Wüste und hohes Gebirge vom Weltverkehr abgeschlossen und wie durch Mauern [7] vereinsamt, um fremden Einflüssen unzugänglich zu bleiben, welche die Nachkommen von diesem »Wege Gottes« ablenken könnten, und zugleich ist es offen genug, damit diese Erblehre auch zu den Völkern der Erde dringen könne. Das Land der Verheißung ist fruchtbar genug, um die Bewohner ernähren zu können, aber nicht üppig genug, um sie in Trägheit einzuwiegen und schlaff zu machen.

Daher empfanden die Israeliten auch in der Fremde eine unauslöschliche Sehnsucht nach diesem Lande, ihre Augen waren stets darauf gerichtet. Ihre Ahnen hatten es ihnen nachdrücklich eingeschärft, daß, wenn auch einige Geschlechter in einem Lande, das nicht ihnen gehöre, weilen würden, doch gewiß eine Zeit kommen werde, in der sie wieder in das Land, wo die Gräber der Erzväter waren, und wo sie Altäre geweiht hatten, zurückkehren würden. Diese Verheißung war mit ihnen als eine verwirklichbare Hoffnung eng verwachsen und ebenso die Überzeugung, daß sie für diese Besitznahme des Landes zu der Gegenleistung verpflichtet seien, den Gott ihrer Väter allein zu verehren und in Gerechtigkeit vor ihm zu wandeln.

Worin diese Verehrung und diese Gerechtigkeit bestehen sollten, dafür gab es noch keine nähere Anleitung; sie konnten sie auch entbehren. Das Leben der Erzväter war den Nachkommen, wie es in der Erinnerung überliefert wurde, eine genügende Auslegung der Familienlehre. Besonders galt ihnen Abraham als Musterbild der Vortrefflichkeit. Sie verehrten in ihm nicht einen Helden, welcher staunenswerte Taten zuwege gebracht und sich bis zu einem Gotte oder Halbgotte erhoben hatte, wie die Überlieferung der übrigen Völker von ihren Stammvätern lautete. Nicht als ein Krieger und Eroberer, sondern als ein opferfähiger, Gott ergebener Mann, der in aller Schlichtheit und Einfalt edel dachte und edel handelte, lebte er in den Erinnerungen seiner Nachkommen. Sie hatten die Vorstellung von Abraham, dem Hebräer, daß er, obwohl von götzendienerischen Eltern im Lande Aram, jenseits des Euphrat geboren und in götzendienerischer Umgebung erzogen, doch der Stimme gehorchte, die ihm einen anderen Gott offenbarte und ihm Lostrennung von seiner Umgebung eingab. Bei Streitigkeiten bestand er nicht rechthaberisch auf [8] seinem Anspruch, sondern leistete auf sein Recht Verzicht, um in Frieden zu leben. Er war so gastfreundlich, daß er den Wanderern, die in seine Nähe kamen, entgegenlief und eine Freude daran fand, sie bewirten zu können. Für die Sünder in Sodom und den Nachbarstädten, die wegen ihrer Härte und Unmenschlichkeit die Strafe des Himmels auf sich gezogen hatten, flehte er vermittelnd, daß sie um weniger Gerechter willen verschont werden möchten. Diese und andere Züge der Friedfertigkeit, Uneigennützigkeit, Opferwilligkeit und Gottergebenheit lebten bei seinen Nachkommen fort, und ebenso das Bewußtsein, daß diese Gesinnung dem Gott ihrer Väter genehm sei. Um dieser Tugenden willen habe Gott ihn, wie seinen Sohn und Enkel, die ihm ähnlich waren, beschützt und gesegnet. Daß Gott die Tugendhaften, Gerechten und Schwachen ganz besonders beschütze, dafür bot ihnen besonders das Leben des Erzvaters Jakob, dem auch der Name Israel beigelegt wurde, ein lehrhaftes Beispiel. Sein Leben war kurz und mühselig, aber der Gott der Väter hatte ihn aus allen Nöten erlöst. Solche Erinnerungen hatten die Söhne Israels von ihren Vätern, und diese Familientradition diente ihnen als Ergänzung und Auslegung ihrer Erblehre.

Das Anwachsen der Söhne Israels zu einem zusammenhängenden Volksstamme ist unter ungewöhnlichen Umständen erfolgt, und ihre Anfänge glichen nur wenig denen anderer Völker. Sonst waren die Völker, wenigstens die der alten Welt, sobald sie ihre Vereinzelung aufgegeben und sich zusammengeschlossen und gruppiert hatten, mit dem Boden ihres Wachstums eng verknüpft und fühlten sich eins mit ihm. Aus ihm schöpften sie meistens ihre Vorstellungen, ihre Sprachen und ihre Götter. Die Berge, die Flüsse, die Luft, das Klima, die Veränderungen darin bildeten nicht bloß ihren Charakter, sondern auch ihre Geistesrichtung und ihre Götterlehre. Sie liebten den Boden, auf dem sie zu einem einheitlichen Ganzen zusammengewachsen waren, wie einen Teil ihres Selbst, verteidigten ihn gegen Angriffe und fühlten eine tiefe Wunde, wenn sie ihn verlassen mußten. Nicht so das israelitische Volk. Sein Ursprung entstand in einer fremden Umgebung, und es konnte kaum auf diesem andern Boden Wurzel fassen. So dunkel auch dieser Ursprung ist, so ist doch so viel gewiß, daß einer seiner Stammgründer infolge einer Hungersnot im Lande Kanaan mit seiner Familie und seinen Herden nach Ägypten wanderte, sei es auf Verwendung eines seiner Söhne, Joseph, der als Sklave dahin verkauft wurde und eine hohe Stellung am Hofe eines der ägyptischen Könige eingenommen hatte, sei es, weil die Ägypter einen Widerwillen [9] gegen Schafhirten empfanden und sie nicht in ihrer nächsten Nähe dulden mochten, sie aber nicht entbehren konnten und es daher gern sahen, wenn Hirtenstämme sich in ihrer Nähe ansiedelten. Den eingewanderten Söhnen Israels wurde das von Ägyptern wenig bevölkerte Land Gosen14 oder Land Raamses als Wohnplatz eingeräumt. Es lag am östlichen Nilarme zwischen diesem und der großen Sandwüste im Osten. Hier waren weite Weideplätze für ihre Herden, und da die Gegend noch wenig bewohnt war, so konnten sie weit und breit nomadisieren. Auch andere Stämme sprachverwandten Ursprungs mit den Söhnen Israels, semitische Stämme, siedelten sich hier an; der Landstrich wurde daher als das ägyptische Arabien angesehen. Nach und nach nahmen die Israeliten, je größer ihre Zahl wurde, eine seßhafte Lebensart an, verlegten sich auf Ackerbau, gruben Kanäle vom östlichen Nilarme, bewässerten damit ihre Felder und lernten von den Ägyptern Handwerke und wohl auch die in diesem Lande heimischen Künste.

Haben sie je einen Versuch gemacht, in das Land der Verheißung zurückzukehren? Eine Andeutung liegt vor, daß ein Anlauf dazu wohl gemacht wurde, aber einen ungünstigen Ausgang nahm15. So blieben sie eine lange Zeit in Ägypten im Kreise Gosen. Die Familien erweiterten sich zu Stämmen, und diese hatten durch die Erinnerung an ihre gemeinsamen Vorfahren einen Zusammenhang untereinander. Sie zerfielen in zwölf, dreizehn oder vierzehn Stämme16. Als der älteste Stamm galt der Rëubenitische, und ein solcher pflegte sonst immer die Führerschaft über die übrigen zu haben; aber es scheint, daß die Bruderstämme sich den Rëubeniten nicht unterordnen mochten. Sie trauten ihnen nicht Charakterfestigkeit und Selbstbeherrschung zu und rechtfertigten deren Ausschluß mit der Überlieferung, der Stammvater Israel selbst habe ihnen Erstgeburtsrecht [10] und Führerschaft entzogen, weil ihr Vater unbeständig wie Wasser, das Ehebett seines Vaters geschändet habe17. Die Rëubeniten waren und blieben stets Hirten, sowie ein anderer Stamm, die Gaditen, und noch der Halbstamm Manasse (Gilead), mit dem jene eine gewisse Gemeinschaft hatten. Selbst über diese Hirtenstämme vermochten die Rëubeniten sich nicht zu erheben. Auch der nächstälteste Stamm, Simeon, blieb stets untergeordnet und galt nur als Anhängsel zum Stamm Jehuda (Juda). Diesem Stamme, obwohl er später der mächtigste und angesehenste war, scheint in den ersten Anfängen des israelitischen Volkstums ebensowenig die Führerschaft gehört zu haben, er scheint vielmehr dem Stamme Joseph untergeordnet gewesen zu sein. Dieser Stamm ging in zwei Äste auseinander: Ephraim und Manasse und der letztere wieder in zwei Zweige: Machir und Gilead. Wahrscheinlich erbten die Josephiden diese Überordnung von ihrem Stammstifter Joseph, der, in hohem Ansehen am Hofe eines ägyptischen Königs, allen Söhnen Israels Schutz verliehen hatte. Nach seinem Tode mag ohne weiteres die ihm freiwillig zuerkannte Führerschaft auf seinen Sohn Ephraim und infolgedessen auf dessen Stamm übergegangen sein. Vermöge dieser Würde wurden die Josephiden oder Ephraimiten schlechtweg Israel genannt, weil sie den Mittelpunkt sämtlicher Glieder bildeten. Die übrigen Stämme hatten keinerlei hervorragende Stellung, sondern waren stets untergeordnet. Benjamin, Issaschar und Zebulon waren enger an die Josephiden angeschlossen, Dan, Ascher und Naphtali lebten vereinzelt ohne Anschluß an die übrigen Stämme. Eine eigenartige Stellung nahm der Stamm Levi ein. Er erscheint bald allen Bruderstämmen als Leiter übergeordnet, bald wieder als Schützling untergeordnet. An Zahl stand er den übrigen bedeutend nach.

Die Lebensweise aller dieser Stämme im Lande Gosen war einfach. Die Ältesten der Familie (Zekenim) waren ihre Häuptlinge, die bei wichtigen Anlässen zur Beratung zusammenkamen. Ein sie alle überragendes Oberhaupt hatten sie nicht, und den ägyptischen Königen waren sie ebensowenig unterworfen. So gewöhnten sie sich an eine republikanische Freiheit, in der jedes Stammglied seine Selbstständigkeit bewahren konnte, ohne in Abhängigkeit und Leibeigenschaft zu geraten.

Obgleich sie mit den Urägyptern nicht vermischt waren, diese vielmehr einen Widerwillen gegen Schafhirten hatten, vielleicht weil sie [11] in früherer Zeit von solchen Hirten (Hyksos?) bedrängt worden waren, so konnte es ihnen doch nicht an Berührungen und Verkehr mit ihnen fehlen. Einzelne Glieder oder Stammteile gaben das Hirtentum auf und trieben Ackerbau oder Gewerbe und kamen solchergestalt mit den Städtern in Berührung. Ganz besonders scheinen die Ephraimiten in eine engere gesellschaftliche Beziehung zu den Urbewohnern getreten zu sein. Diese Annäherung der Israeliten an sie war von der einen Seite von günstigem Einflusse.

Die Ägypter hatten bereits eine tausendjährige Geschichte hinter sich und einen hohen Grad von Kultur erreicht. Ihre Könige oder Pharaonen hatten bereits volkreiche Städte erbaut und riesige Baudenkmäler, Tempel, Pyramiden und Grabkammern errichtet, im Süden, im Oberlande um die Hauptstadt Theben (No-Ammon), und im Norden, in der Nilniederung, um die Stadt Memphis (Moph). Ihre Krieger hatten schon viele Feldzüge mitgemacht, Siege errungen, Völkerschaften unterworfen und dadurch ein nationales Selbstgefühl errungen. Ihre Priester hatten manche Fertigkeiten und Künste, welche die Eigentümlichkeit des Landes notwendig machte, bis zu einer gewissen Vollkommenheit erhoben, zunächst solche, welche mit dem Boden, dem Regenmangel des Landes und den Überschwemmungen des Nil in Verbindung standen, dann solche, welche die eigenen Vorstellungen der Ägypter von ihren Göttern und Leben und Tod erfinden ließen, und endlich solche, welche die Eitelkeit ihrer Könige gebieterisch verlangte, »damit ihre Gräber, ihre Häuser für immer, ihre Wohnungen für Geschlecht und Geschlecht dauern sollen, die sie auf Erden mit ihrem Namen benannt haben.« Die Bau-und Wasserleitungskunst und, was damit zusammenhing, die Meßkunde, ferner die Heilkunde und das Einbalsamierungsgeheimnis, welches die Verstorbenen für die Ewigkeit erhalten sollte, Fertigkeiten für Gegenstände der Prachtliebe ihrer Könige in Gold, Silber und Stein, Bildhauerkunst und Anwendung der Farben, und eine Zeitrechnung, welche die regelmäßigen Überschwemmungen des Nils an die Hand gaben, in Verbindung mit Sternkunde18. Alle diese Kenntnisse und [12] Künste hatten die Priester, die zugleich die Ratgeber und Leiter der Könige waren und sich des Besitzes einer hohen Weisheit rühmten, im Laufe von mehr als einem Jahrtausend ausgebildet. Auch die für die Menschheit so wichtige Schreibkunst hatten die ägyptischen Priester erfunden und vervollkommnet, zunächst auf Stein und Metall, um das Andenken und den Ruhm der Könige dauernd zu machen, dann auf Bast der Papyrusstaude, zuerst mit plumpen Figuren und dann mit sinnreichen.

Von allen diesen Fertigkeiten, Künsten und Kenntnissen scheinen sich die Israeliten in Gosen manches angeeignet zu haben, ganz besonders scheint der mittellose, von Herdenzucht und Besitztum überhaupt nicht eingeengte Stamm Levi von den ägyptischen Priestern die Schriftkunde erlernt zu haben. Er galt daher unter den übrigen Stämmen als Träger einer gewissen Bildung, als Priesterklasse. Die Leviten genossen schon in Ägypten einen Vorzug19 wegen ihres priesterlichen Charakters. Aus andern Stämmen erlernten manche andere Künste. Später waren zwei Israeliten berühmt, weil sie Gold, Silber, Stein und Holz zu bearbeiten und zu verschönern, Feinweberei, Stickerei und Färberei zu verfertigen verstanden, Bezalel aus dem Stamme Jehuda und Oholiab aus dem Stamme Dan. Der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten ist nach dieser Seite hin von großer Bedeutung gewesen. Er hat sie, oder doch einen Teil von ihnen, aus dem niedern Stande des Naturlebens zur ersten Stufe der Kultur erhoben. Aber was sie auf der einen Seite gewannen, verloren sie auf der andern Seite und wären beinahe gleich den Ägyptern trotz aller Künste und Kenntnisse in einen noch schlimmeren Zustand verfallen, in den der künstlichen Vertierung.

Bei keinem Volke, das die erste Stufe des Fetischdienstes überschritten hat, war das Götzentum in so scheußlicher Gestalt ausgeprägt [13] und hatte einen so unheilvollen Einfluß auf die Sitten, wie bei dem ägyptischen. Es hatte durch Verschmelzung und Vereinigung der verschiedenen Gaugötter ein ganzes System der Vielgötterei aufgestellt; acht Götter der ersten Ordnung, zwölf der zweiten und sieben der dritten Ordnung. Die Ägypter besaßen selbstverständlich neben Göttern auch Göttinen. Diese Götter und Göttinnen stellten sie sich in leiblicher Gestalt vor. Sämtliche Götter wurden mit einem vom Kinne herabhängenden Barte abgebildet. Allerdings teilten sie diese Verkehrtheiten mit vielen Völkern des Altertums, auch mit Griechen und Römern. Was aber die Götterlehre der Ägypter so häßlich und verabscheuenswürdig machte, war, daß sie die Wesen, zu denen sie beteten, und von denen sie Hilfe erwarteten, tief unter die Menschen stellten. Sie gaben ihren Göttern Tiergestalten und verehrten niedrige Tiere als göttliche Mächte. Ammon, ihr höchster Gott, wurde von ihnen mit Widderhörnern dargestellt, die Göttin Pecht (Pacht) mit einem Katzenkopfe und Hathor (Athyr), »die Göttin der Ausgelassenheit«20, mit einem Kuhkopfe. Osiris, der in ganz Ägypten verehrt wurde, war mit einem scheußlichen, das Schamgefühl verletzenden Bilde (Phallus erectus), und die allgemein verehrte Isis wurde öfter mit einer Kuhmaske dargestellt. Das an Tieren arme Nilland legte zuerst viel Wert auf deren Erhaltung, und dann zollte es ihnen göttliche Verehrung, dem schwarzen Stiere Apis in Memphis, dem weißen Stiere Menns (Mneuis) in Heliopolis, den geilen Böcken, den Hunden und ganz besonders den Katzen, auch Vögeln, Schlangen und sogar Mäusen. Die Tötung des göttlichen Stieres oder einer Katze wurde schwerer geahndet als der Tod eines Menschen.

Dieses häßliche Götzentum trafen die Israeliten in Ägypten an und sahen es täglich vor Augen. Die Folgen dieser Verirrung waren schlimm genug. Die Menschen, die Tiere als Götter verehren, müssen bis zum Tiere herabsinken, und wie Tiere wurde das Volk auch von den Königen und den höheren Ständen, der Priester- und Kriegerkaste, behandelt. Keine Achtung vor dem Menschen, keine Anerkennung der Freiheit der Eingeborenen, geschweige der Fremden. Die Pharaonen rühmten sich, von den Göttern abzustammen und wurden als solche schon im Leben vergöttert. Ihnen gehörte das ganze Land und die ganze Bevölkerung. Wenn sie den Ackerbauern einen Teil des Bodens zum Anbau überließen, so war das ein Akt der Gnade. Es gab eigentlich kein Volk in Ägypten, sondern nur Leibeigene. Der König zwang [14] Hunderttausende zur Fronarbeit für die Riesenbauten der Tempel und der Pyramiden schwere Lasten von Quadersteinen aus den Brüchen zu hauen und sie auf weiten Wegen bis zum Bauplatz zu befördern und dort auf Befehl der Baukundigen zusammenzufügen oder bergeshoch aufzutürmen21. Die ägyptischen Priester waren der Könige und ihrer Götter würdig. Wenn die Pharaonen das Leben der Bevölkerung mit schwerer Arbeit noch so sehr verbitterten, so erklärten sie die Priester doch für Halbgötter. Unter dieser Last der Arbeit büßte die Bevölkerung alles Menschenwürdige ein und vertierte. Sie gewöhnte sich daran, in niederem Sklaventum zu verharren und machte nie den Versuch, das schwere Joch abzuschütteln.

Das häßliche Götzentum der Ägypter führte zu einer noch häßlicheren Verirrung. Der Begriff »Keuschheit« war ihnen völlig fremd geworden. Da sie die Tiere als göttliche Wesen über sich stellten, so war die Unzucht mit Tieren eine tägliche Erscheinung, die weder Strafe noch Entehrung nach sich zog. Ägyptische Frauen pflegten sich vor dem Apis, wenn er auf der Weide war, schamlos zu entblößen. Die Götter wurden in unzüchtiger Stellung abgebildet. Brauchten die Menschen besser als die Götter zu sein? Was Wunder, wenn in dem Gebiete von Mendes die Weiber vor aller Augen sich den Böcken preisgaben22. Alljährlich wanderten, wohl zur Zeit der Weinlese nach der Stadt Bubastis, in der Nähe von Gosen, Hunderttausende von Männern und Weibern zur Wallfahrt zum Feste der Göttin Pacht, der Beschützerin der gemeinen Liebe. In allen Städten, wo sie vorüberkamen, betrugen sich die Weiber ausgelassen und entblößten sich auf die allerunanständigste Weise. In Bubastis angekommen, überließen sie sich bacchantischer Ausgelassenheit und Unkeuschheit. In Oberägypten wurde ein ähnliches Fest gefeiert23.

Nichts ist so ansteckend und verführerisch, wie Torheit und Laster. Die Israeliten, besonders die im näheren Verkehr mit den Ägyptern standen, nahmen allmählich götzendienerische Verkehrtheiten und zügellose Verirrungen an24. Dazu kam noch ein schwerer Druck von außen. Lange Zeiten waren die Israeliten im Lande Gosen frei, da sie nur [15] als Nomaden angesehen waren, die zu kommen und zu gehen pflegten. Als aber Jahrzehnte und ein Jahrhundert vergangen waren und sie noch immer blieben und sich noch dazu vermehrten, mißgönnten ihnen die Räte eines Königs die Freiheit, welche die Ägypter selbst nicht besaßen. Auch eine gewisse Furcht beherrschte den Hof, daß die so zahlreich herangewachsenen Hirtenstämme in Gosen eine kriegerische Haltung gegen Ägypten annehmen könnten. Um dem vorzubeugen, wurden die Israeliten ebenfalls für Leibeigene oder Sklaven erklärt und gezwungen, Frondienste zu leisten. Einer der Könige, der den Namen Ramesses25 führte, ließ zwei neue Städte bauen, Pithom (Patumos) und Raamses, nach seinem Namen, und zu diesen Bauten wurden die arbeitskräftigen israelitischen Männer und Jünglinge verwendet. Sie mußten das Baumaterial herbeischaffen und schwere Lasten tragen, wenn sie auch unter der ungewohnten schweren Arbeit erlagen. Die Schwachen und Säumigen wurden mit der Stachelgeißel dazu angetrieben. Es war darauf angelegt, sie ihrer Freiheit zu berauben und zugleich zu vermindern. Die ägyptischen Aufseher hatten den gemessenen Befehl, mit äußerster Strenge und Grausamkeit zu verfahren. Um die Verminderung rascher herbeizuführen, erließ der König noch dazu den Befehl, daß die israelitischen Knaben im Nil oder in einem der Kanäle ertränkt werden sollten; nur die Mädchen sollten am Leben bleiben. So wurde für die Israeliten das Land Gosen, wo sie früher frei gelebt hatten, ein Sklavenhaus, [16] ein eiserner Schmelzofen, worin sie geprüft werden sollten, ob sie an ihrer Erblehre festhalten oder die Götter der Fremde annehmen würden.

Der größte Teil der Stämme bestand diese Prüfung nicht. Wohl dämmerte in ihnen das Bewußtsein vom Gotte ihrer Väter, der den Götzen Ägyptens so sehr unähnlich sei. Aber dieses Bewußtsein schwand mit jedem Tage mehr. Die Nachahmungssucht, der schwere Druck und das tägliche Elend machte sie stumpf und löschte in ihrem Innern den letzten Funken des hellen Lichtes ihrer Erblehre aus. Die Arbeiter in ihrem Sklavendienste wußten mit einem unsichtbaren Gotte, der bloß in ihrer Erinnerung lebte, nichts anzufangen. Sie erhoben daher gleich den Ägyptern, ihren Herren, ihre Augen zu den sichtbaren Göttern, welche doch ihren Peinigern sich so gnädig erwiesen und ihnen Glück spendeten. Sie richteten ihr Flehen zum Stiergott Apis, den sie Abbir26 nannten, und opferten den Böcken27. Die eben zur Jungfrau herangewachsene Tochter Israels gab sich der Schändung preis und buhlte mit den Ägyptern28. Sie dachten wohl unter dem Bilde des grasfressenden Tieres den Gott ihrer Väter zu verehren; was vermag nicht die Geistesverirrung, wenn sie einmal auf falsche Fährte geleitet ist, zusammenzureimen? Die Israeliten wären in grobsinnlichem Götzendienste und in ägyptischer Lasterhaftigkeit untergegangen wie viele andere Völkerschaften, die mit dem Lande Cham in Berührung gekommen waren, wenn nicht zwei Brüder und ihre Schwester von einem höhern Geiste erweckt und getrieben, sie aus der Stumpfheit und Versumpfung gezogen hätten. Es waren Mose, Aharon und Mirjam29.

Worin bestand die Größe dieses geschwisterlichen Dreigestirns, welche geistigen Mächte haben in ihnen gewaltet, um ein Erlösungswerk anzubahnen, das nicht bloß für ihr Volk und nicht bloß für ihre Zeit befreiend und erhebend wirkte? Von welcher Art war ihre Persönlichkeit und ihr Lebensgang, und wodurch sind sie zu einer so erhabenen Sendschaft berufen worden? Die geschichtlichen Erinnerungen haben von Mose nur wenig, von seinem Bruder und seiner Schwester fast gar keine persönlichen Züge erhalten, durch die wir nach menschlicher Erkenntnis begreifen könnten, auf welche Weise sich ihre stufenmäßige Erhebung von der Dämmerung des Kindesalters bis zur durchdringenden [17] Geistesklarheit der Vorschau gesteigert hat, und wodurch sie einer so hohen Aufgabe würdig wurden. Die israelitischen Jahrbücher, von der Vorstellung beherrscht, daß alle Kreatur, auch der erhabenste Mensch, gegenüber dem großen weltbeherrschenden Wesen, Staub und Asche ist, vermeiden geflissentlich jede von Bewunderung eingegebene Schilderung wirkungsreicher Persönlichkeiten, weil sie leicht zur Menschenvergötterung und zu eben solchen Verirrungen führt wie das plumpe Götzentum. Von Mose, dem größten Propheten, dem Gottesmanne, dem Bildner und Erzieher eines Volkes, das abwechselnd in Hoheit und Niedrigkeit Jahrtausende überdauern, den Untergang ganzer Völker sehen und selbst aufrecht und lebenskräftig fortbestehen sollte, von Mose hat die Erinnerung nur verblaßte Züge und selbst diese nur zufällig erhalten; aber dadurch sind sie um so sicherer beglaubigt.

Die prophetischen Geschwister gehörten dem Stamme an, der vermöge seiner, die übrigen überragenden Kenntnisse als Priesterstamm galt. Amram, der Vater, und Jochebed, die Mutter, waren beide aus dem Stamme Levi, aus der Familie Kehat. Ohne Zweifel hat dieser Stamm oder wenigstens diese Familie treuer die Erinnerung an die Erzväter und an die Erblehre von dem Gotte der Väter bewahrt und sich von dem ägyptischen Götzentum und den ägyptischen Gräueln fern gehalten30. Aharon, der ältere Bruder, Mose und Mirjam, sind also in einer sittlich und religiös reineren Luft geboren und aufgewachsen. Von Mose erzählt die geschichtliche Urkunde, die Mutter habe den Neugeborenen drei Monate geheim gehalten, ehe sie ihn, laut Befehl des Königs, dem Tode in den Fluten des Nil ausgesetzt, habe ihn dann aber aus Furcht vor den Schergen des Königs in einen Kasten gelegt und diesen im Schilf verborgen. Dort habe ihn eine Königstochter beim Baden gefunden, und sich, weil er schön war, seiner erbarmt und ihn wie ihr eigenes Kind31 erzogen. Es ist wohl [18] kein Zweifel, daß der junge Mose den pharaonischen Hof in Memphis oder Tanis (Zoan) gekannt hat. Geweckten Geistes, wie er jedenfalls war, erlernte er wohl die Kenntnisse, die in Ägypten heimisch waren. Vermöge seiner körperlichen Anmut und geistigen Begabung konnte er die Herzen gewinnen. Mehr aber noch als körperliche und geistige Vorzüge zierten ihn Sanftmut und Bescheidenheit. »Mose war der sanftmütigste Mensch, mehr als irgend einer auf dem Erdboden«, das ist das einzige Lob, welches die geschichtlichen Nachrichten ihm spenden. Nicht Heldentum und kriegerische Großtaten rühmen sie an ihm, sondern seine Selbstlosigkeit und Opferfreudigkeit. Vermöge der überkommenen Lehre von dem Gotte Abrahams, der die Gerechtigkeit liebe, mußte ihm das wüste Götzentum des Tierdienstes, das er vor Augen hatte als ein Gräuel er scheinen, und die gesellschaftlichen und sittlichen Gebrechen, die dadurch wucherten, ihn anwidern. Die schamlose Unzucht, die Knechtung eines ganzen Volkes durch König und Priester, die Ungleichheit der Stände, die Herabwürdigung des Menschen zum Tiere oder noch unter das Tier, den Knechtsinn – alles das erkannte er in seiner ganzen Verderblichkeit. Und an diesem Schmutze hatten seine Stammesgenossen sich bereits besudelt.

Für sie hatte er vom Anbeginn an ein tiefes Mitgefühl, nicht weil sie seine Stammesgenossen waren, sondern weil sie erniedrigt und verachtet waren, und weil der Hochmut der Mächtigen sie ungestraft mißhandeln durfte. Mose war ein Todfeind jeder Ungerechtigkeit. Es schnitt ihm ins Herz, daß die Söhne Israels zur Knechtschaft verurteilt und täglich den Mißhandlungen der niedrigsten Ägypter ausgesetzt waren. Als er einst einen solchen Ägypter ungerechterweise einen Hebräer schlagen sah, übermannte ihn der Eifer, und er züchtigte den Frevler. Aus Furcht vor Entdeckung floh er aus Ägypten nach der Wüste, die sich nördlich und östlich vom roten Meere weithin ausdehnt. In einer Oase, wo ein Zweigstamm der Midianiten, die Keniten, wohnte, in der Gegend des Gebirges Sinaï machte er Halt. Auch hier, wie in Ägypten, stieß er auf Unrecht und Gewalttat, und auch hier trat er mit Eifer entgegen und leistete den Schwachen seinen Beistand. Hirtenmädchen, die von rohen Hirten gewalttätig von der Trinkquelle für ihre Herden verjagt worden waren, sprang Mose bei und rettete sie vor fernerer Mißhandlung. Dadurch kam er in Verbindung mit dem dankbaren Vater der Hirtenmädchen, dem Stammältesten oder Priester der Midianiten, und heiratete dessen Tochter Zippora. Seine Beschäftigung im Lande Midian war das Hirtenleben; er suchte für die Herden seines Schwiegervaters [19] Rëuel fruchtbare Strecken auf der Westseite32 der Wüste Sinaï auf, zwischen dem roten Meere und dem Hochgebirge. Hier in der Abgeschiedenheit und Einsamkeit kam der prophetische Geist über ihn.

Was bedeutet der prophetische Geist? Bis jetzt haben selbst diejenigen, welche tiefer in die Geheimnisse des großen Weltalls und des, zwar kleinen, aber das Große umfassenden Alls der Seele eingedrungen sind, nur eine Ahnung davon, aber keine deutliche Kunde. Das Seelenleben des Menschen enthält Dunkelheiten, die selbst für den scharfsichtigsten Forscherblick unzugänglich bleiben. Aber abzuleugnen ist es nicht, daß der menschliche Geist auch ohne Hilfe seiner Sinnesorgane einen Fernblick in die rätselhafte Verkettung der Dinge und in das Gesamtspiel der Kräfte werfen kann. Vermittelst einer noch unerschlossenen Seelenkraft entdecken die Menschen Wahrheiten, die nicht im Bereiche der Sinne liegen. Die Sinnesorgane vermögen nur die gefundenen Wahrheiten zu bestätigen, allenfalls zu berichtigen, aber nicht zu entdecken. Vermöge der, durch die rätselhafte Seelenkraft entdeckten Wahrheiten, die sich im Laufe der Jahrtausende vermehren, lernten die Menschen die Natur erkennen, beherrschen und deren Kräfte sich untertänig machen. Was der einsame Forscher durch einen ihm allein aufflammenden Lichtblick entdeckt, wird Gemeingut des ganzen Geschlechtes und eine alltägliche Wahrheit. Diese Tatsachen bestätigen, daß das Seelenvermögen noch Eigenschaften besitzt, welche über die Sinneswahrnehmungen und die geschärfte Urteilskraft hinausgehen, welche die Schleier der dunklen Zukunft zu lüften, höhere Wahrheiten für das sittliche Verhalten der Menschen zu entdecken und selbst etwas von dem geheimnisvollen Wesen, welches das Weltall und das Spiel der Kräfte gefügt hat und erhält, zu erschauen vermögen. Allerdings, eine dem Alltagstreiben und der Selbstsucht ergebene Seele vermag das wohl nicht. Sollte aber eine von der Selbstsucht unberührte, von den Lüsten und Leidenschaften ungetrübte, von den Schlacken des Alltagslebens und der Gemeinheit unbefleckte Seele, die sich lediglich in die Gottheit und die Sehnsucht nach sittlicher Veredelung vertieft und ganz darin aufgeht, nicht eine Offenbarung religiöser und sittlicher Wahrheiten erschauen können? Im Verlauf der israelitischen Geschichte, Jahrhunderte hintereinander, traten fleckenlose Männer auf, welche unbezweifelt einen Fernblick in die Zukunft taten und Offenbarungen über Gott und die Lebensheiligkeit erschaut und mitgeteilt haben. Das ist eine geschichtliche Tatsache, die jede Prüfung aushält. Eine [20] Reihe von Propheten hat die zukünftigen Geschicke des israelitischen Volkes und die anderer Völker geweissagt, und ihre Verkündigung hat sich durch Erfüllung bewährt33. Sie haben sämtlich den ersten in der Reihe, welcher einer Offenbarung gewürdigt wurde, den Sohn Amrams, weit über sich gestellt und anerkannt, daß seine Verkündigungen klarer, selbstbewußter und selbstgewisser als die ihrigen gewesen seien. Sie haben Mose nicht bloß als den ersten, sondern auch als den größten Propheten anerkannt. Ihren prophetischen Geist betrachteten sie lediglich als Ausstrahlung von seinem Geiste. Wenn je die Seele eines Sterblichen mit dem lichten Blicke prophetischer Vorschau begabt war, so war es die lautere, selbstlose und hehre Moses.

Freilich die Art und Weise, wie ein Prophet gewisse Wahrheiten und Lehren oder die Zukunft erschaut, ist eben so geheimnisvoll wie die Seelenkraft selbst, die als Organ dazu dient. Es macht die Sache nicht deutlicher, wenn gesagt wird, daß die Offenbarung an den Propheten in einem außergewöhnlichen Gesichte oder im Weben des Traumes herantritt, oder zu ihm in einer Rätselsprache und in Bildern spricht34. Nur die Wirkung der auf sie eindringenden Offenbarung haben die Propheten geschildert. Sie fühlten sich von einer unsichtbaren Macht ergriffen, empfanden ein Schmerzgefühl, es brannte in ihrem Innern wie glühendes Feuer und hämmerte wie mit einem Hammer, welcher Felsen zerschmettern soll35. Ein unbekanntes Etwas drängte sie zu schauen und zu sprechen, legte ihnen das Wort auf die Zunge, versetzte sie in Angst und flößte ihnen zugleich Gefahr trotzenden Mut ein36. Sie hatten das volle Bewußtsein, daß das, was sie sprechen sollten, nicht aus ihrem eigenen Gedankenborn fließe, sondern von einem Anderen, Höheren, dem Gotteshauche oder Gottesgeiste, eingegeben sei37. Die Offenbarung, die sie zu verkünden hatten, kam ihnen selbst fremd vor, das Wort, das ihnen über die Lippen strömte, fühlten sie als eine Eingebung, »es sprach in ihnen«, machte den Schüchternen beherzt, den Jüngling altersreif, den Stotternden beredt. Fleckenlosigkeit des Wandels, Selbstlosigkeit der Gesinnung und Gottdurchdrungenheit waren die Vorbedingungen für den Prophetenberuf, völlige Hingebung und Feuereifer für die Sache, die sie vertraten, die hervorstechenden Züge der Tätigkeit der Propheten. [21] Die Gnadengabe des prophetischen Geistes, die über gemeinen Betrug der Vorspiegelung und Selbsttäuschung erhaben ist, ist tatsächlich in einer langen Reihe außerordentlicher Persönlichkeiten vorgekommen. Die menschliche Sprache, die noch zu arm ist, diese Höhe des Menschengeistes auch nur annähernd begreiflich zu machen, muß sich mit Bezeichnungen behelfen, die zu Mißverständnissen Anlaß geben und doch den Begriff nicht klar machen können. Sie konnte sich nur notbehilflich so ausdrücken: »Von Angesicht zu Angesicht schaute Mose Gott.« Um den Unterschied zwischen seiner prophetischen Weise und der seiner Nachfolger zu charakterisieren, mußte sich die Schilderung einer mehr verneinenden Ausdrucksweise bedienen: Während die übrigen Propheten nur im Traume und in dunkeln Gesichten die Kunde von Gott erhielten, kam diese Mose von Mund zu Mund zu in einer »deutlichen Erscheinung, und nicht in Rätseln«. Die geistige und sittliche Vorbedingung zum Prophetenberufe waren auch bei keinem späteren Propheten in so vollkommenem Einklang vorhanden, wie beim Sohne Amrams, seine Schaukraft so tief durchdringend, daß ihm das Wesen der Dinge und der verschlungene Zusammenhang, den sie mit Gott haben, nicht verborgen blieb. Die prophetische Begabung hatte wohl höhere und niedere Grade, und auch Mose besaß sie nicht von Anfang an in ihrer ganzen Fülle; sie mußte auch bei ihm geschärft und ausgebildet werden.

In der Wüste Sinaï, erzählt die Quelle, am Fuße des Horeb, wo er die Herden seines Schwiegervaters weidete, wurde er zuerst einer geistigen Schau gewürdigt, die sein ganzes Wesen erschütterte. Er sah einen brennenden Dornstrauch, welcher dem Feuer widerstand, und hörte eine Stimme aus ihm, welche ihm eine neue Offenbarung über das Wesen Gottes verkündete und ihm zugleich einen Auftrag erteilte. Das von den Erzvätern verehrte göttliche Wesen wurde von ihnen und ihren Nachkommen mit einem Worte bezeichnet, das die sprachverwandten Völker auch ihren Göttern beilegten, mit dem Worte El oder Elohim oder Schaddaï (Macht, Mächte, Spender). Infolge dieser Namensgleichheit verwechselten die geknechteten Israeliten in Ägypten den Gott ihrer Erblehre mit den Ungöttern ihrer Peiniger. Den tiefen Abstand zwischen dem wahren Gott und den Götzen konnten sie nicht ermessen. Mose ward aber zuerst die Kunde von einem andern Namen des Gottes Israels, der ihn von diesen scharf unterscheiden und dessen eigenstes Wesen offenbaren sollte. Gott sollte fortan von den Israeliten mit dem Namen Ihwh (Jehovah) benannt werden, der das Leben und Sein bezeichnet. [22] Mit diesem Namen sollten sie ihn in der Zukunft anrufen und bei diesem schwören38. Die Stimme aus dem Dornstrauch verkündete Mose ferner, daß er berufen sei, die geknechteten Stämme Israels aus dem Sklavenhause zu befreien und sie in das Land der Verheißung zu führen, und endlich, daß das befreite Volk in dieser Wüste, auf diesem Berge Lehre und Gesetz von dem Gotte seiner Väter unter dem Namen Ihwh empfangen sollte. Noch nicht an eine so [23] außerordentliche Erscheinung gewöhnt, verhüllte Mose sein Angesicht und hörte in demutsvoller Scheu die bald zutraulichen und bald zürnenden Worte an. Gegen die Übernahme der schwierigen und gefahrvollen Aufgabe, die Befreiung der Geknechteten zu erwirken, sträubte sich seine demutsvolle Selbsterkenntnis. »Wer bin ich, daß ich vor Pharao hintreten und Israel befreien soll?« Seine geringe Sprachgewandtheit erschien ihm ein Hindernis für die Aufgabe an einem Hofe, für den Sprachglätte und Beredsamkeit erforderlich wären. Indessen beruhigte ihn die Stimme aus dem Dornbusch über seine Bedenklichkeiten und verkündete ihm, daß der ägyptische König, wenn auch lange widerstrebend, durch harte Züchtigung und Plagen zuletzt dahin gebracht werden würde, die Israeliten freiwillig aus der Knechtschaft zu entlassen. Erschüttert und gehoben, demutsvoll und zuversichtlich, kehrte Mose nach diesem Gesichte zu seiner Herde und an seinen Herd zurück. Er war ein anderer geworden; er fühlte sich von Gottes Geiste getrieben.

Auch dem Aharon, welcher in Ägypten geblieben war, gebot eine Offenbarung, sich zu seinem Bruder zum Berge Horeb zu begeben und, mit ihm vereint, sich für das Werk der Befreiung vorzubereiten. Schwieriger noch als den Sinn Pharaos zur Milde zu stimmen, schien ihnen die Aufgabe, den Knechtssinn des Volkes für die eigene Befreiung empfänglich zu machen. Beide Brüder machten sich daher auf Hindernisse und hartnäckigen Widerstand gefaßt. Obwohl beide schon an Jahren vorgerückt waren, schreckten sie doch nicht vor der Größe des Unternehmens zurück; sie bewaffneten sich mit prophetischem Mute und vertrauten auf den Beistand des Gottes ihrer Väter. Zuerst wandten sie sich an die Vertreter der Familien und Stämme, an die Ältesten des Volkes, und eröffneten ihnen, daß ihnen die Kunde zugekommen sei, daß Gott sich des Elends der Israeliten erbarme, ihre Befreiung verheißen habe und sie ins Land der Väter zurückführen wolle. Diese Ältesten liehen der frohen Kunde ein offenes Ohr und machten wohl Versuche, die Stammesglieder mit dem Gedanken der [24] Erlösung vertraut zu machen. Aber der an die Sklaverei bereits gewöhnte Troß hörte die Worte mit stumpfem Sinne an. Die schwere Arbeit hatte ihn feige und ungläubig gemacht. Nicht einmal von der Verehrung der ägyptischen Tiergötzen mochten sie lassen39. An dieser Stumpfheit scheiterte jede Beredsamkeit. »Besser ist es für uns, den Ägyptern als Leibeigene untertänig zu sein, als in der Wüste zu sterben«40, war die scheinbar kluge Antwort des Volkes.

Unentmutigt traten die beiden Brüder vor den ägyptischen König und verlangten im Namen des Gottes, der sie gesendet, die Entlassung ihrer Stammesgenossen aus dem Sklavendienste, da sie freiwillig ins Land gekommen wären und ihr unverjährbares Recht auf Freiheit behalten hätten. Wenn die Israeliten anfangs ungern aus dem Land ziehen mochten, um nicht einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen, so wollte sie Pharao noch weniger ziehen lassen. Einige hunderttausend Sklaven mehr, welche für ihn Felder und Bauten bestellten, frei zu geben im Namen eines Gottes, den er nicht kannte, und eines Rechtes, das er nicht achtete, schon dieses Ansinnen betrachtete er als Frechheit. Er ließ fortan die Arbeit der israelitischen Leibeigenen verdoppeln, damit sie auch nicht in müßigem Spiele den Freiheitsgedanken nachhängen könnten. Statt freudigen Entgegenkommens sahen sich Mose und Aharon von den Israeliten mit Vorwürfen überhäuft, daß durch ihre Schuld das Elend sich für die Unglücklichen nur noch steigerte. Wenn die beiden prophetischen Sendboten sich je der Hoffnung überlassen hatten, daß die Befreiung leicht vonstatten gehen würde, so hätte sie die Enttäuschung von jedem weiteren Schritte zurückschrecken müssen. Alle Beredsamkeit, die Aharon aufbot, welcher der Sprecher vor Pharao und wohl auch vor dem Volke war, scheiterte an dessen Halsstarrigkeit.

Erst als das Land und der König selbst von einer Reihe außergewöhnlicher Erscheinungen und Plagen heimgesucht worden war, und dieser sich des Gedankens nicht erwehren konnte, daß der ihm unbekannte Gott sie über ihn wegen seiner Hartnäckigkeit verhängt habe, entschloß er sich zur Nachgiebigkeit. Ein späterer Sänger schilderte diese Plagen, welche Ägypten trafen, in lebhafter Kürze:


»Er verwandelte in Blut ihre Flüsse,

Und ihr Wasser konnten sie nicht trinken,

Er sandte Wild gegen sie, das sie anfiel,

Und Wasserungetüme, die sie aufrieben.

[25] Er gab ihren Ertrag dem Nager, ihren Erwerb den Heuschrecken hin,

Vernichtete ihre Weinstöcke durch Hagel,

Ihre Sykomoren durch Kristalleis,

Überlieferte dem Blitze ihr Rind

Und ihre Herden den Pfeilen;

Sandte gegen sie seine Zornesgluten,

Die Entfesselung schädlicher Boten,

Bahnte seinem Grimme einen Weg,

Entzog dem Tod nicht ihre Seele,

Ihr Leben überlieferte er der Pest,

Tötete jeden Erstgeborenen in Ägypten,

Die Erstlinge ihrer Manneskraft im Lande Cham41


Infolge gehäufter Schläge drängte der ägyptische König die Israeliten zum Abzuge mit einer Eile, als fürchtete er, jede Zögerung könnte ihm und seinem Lande den Untergang bringen. Kaum blieb den Israeliten Zeit, sich mit Mundvorrat für die weite und beschwerliche Reise zu versehen. Es war eine denkwürdige Stunde, die Morgenstunde des fünfzehnten Nissan (März), an dem ein geknechtetes Volk ohne blutige Tat seine Freiheit erlangt hat42. Es war das erste Volk, [26] welchem der hohe Wert der Freiheit kund geworden ist, und es hat seitdem dieses unschätzbare Kleinod, diese Grundbedingung aller Menschenwürde, wie seinen Augapfel bewahrt. Ein Gedenktag wurde für dieses hochwichtige Ereignis des Auszuges aus Ägypten eingesetzt, damit es für alle Zeiten den kommenden Geschlechtern in Erinnerung bleiben sollte. Man begann die Flucht der Jahre nach dem Auszuge aus Ägypten zu bestimmen.

So zogen Tausende von Israeliten mit gegürteten Lenden, mit ihren Stäben in der Hand, mit ihren Kleinen auf den Eselsrücken und mit ihren Herden aus ihren Dörfern und Zelten und sammelten sich um [27] die Stadt Raamses. Auch viel Mischvolk, das mit und unter ihnen gewohnt hatte, stamm- und sprachverwandte Hirtenstämme, schloß sich ihnen an und trat mit ihnen die Reise an. Sie alle scharten sich um den Propheten Mose und hingen an seinem Munde; er war ihr König, obwohl Herrschsucht seinem Sinne fern lag, und er der erste Verkünder der völligen Gleichheit aller Menschen wurde. Das Amt, das ihm beim Auszuge oblag, war mit noch größeren Schwierigkeiten verknüpft, als seine Botschaft in Ägypten an den König und an das israelitische Volk. Diese Tausende von soeben entfesselten Sklaven, von denen nur wenige Verständnis für die große Aufgabe hatten, die ihnen zugedacht war, die stumpfen Sinnes nur heute, der Geißel ihrer Peiniger entrückt, ihrem Führer folgten, um morgen bei der ersten Prüfung ihn im Stiche zu lassen, diese sollte er durch die Wüste in das Land der Verheißung führen, für sie sorgen, sie erziehen! Aus einer Horde sollte er ein Volk bilden, ihm Wohnsitze erobern, ihm eine gesetzliche Ordnung geben und es für ein edles Leben empfänglich machen. Bei der Schwierigkeit der Aufgabe konnte er nur auf den Beistand des Stammes Levi, der ihm sinnesverwandt war, mit Zuverlässigkeit rechnen. Die Leviten dienten ihm auch als Gehilfen seines schweren Erziehungsamtes.

Während die Ägypter ihre, plötzlich von der Pest hinweggerafften Toten begruben, verließen die Israeliten Ägypten nach mehrhundertjährigem Aufenthalte43, das vierte Geschlecht der zuerst Eingewanderten. [28] Sie rückten gegen die Wüste Schur oder Etham aus, welche Ägypten von Kanaan trennt, auf demselben Wege, auf dem der letzte Erzvater nach dem Nillande gezogen war. Auf diesem Wege hätten sie in wenigen Tagereisen die Grenzen Kanaans erreichen können. Aber diesen kurzen Weg ließ sie Mose nicht einschlagen, weil mit Recht zu befürchten war, daß die Einwohner Kanaans an der Küste des Mittelmeeres ihnen mit Waffengewalt den Einzug verwehren, und daß die von der vieljährigen Knechtschaft feige gewordenen Stämme beim Anblick der Gefahr die Flucht ergreifen und nach Ägypten zurückkehren würden. Auch sollten sie zuerst zum Berge Sinaï geführt werden, um eine neue Lehre und neue Gesetze zu vernehmen, für deren Betätigung sie die Freiheit erlangt hatten. Als sie bereits einige Tagemärsche gemacht hatten, forderte sie Mose auf, den Rückweg einzuschlagen. Ihrem Führer blindlings folgend, traten sie den Rückweg an und lagerten zwischen der Stadt Migdol (Magdalon) und einem Wasserarme des roten Meeres, vor der Stadt Pi-ha-Chirot (Heroopolis)44, gegenüber einem Götzenbilde des in dieser Stadt besonders verehrten Typhon (Baal Zephon), dem die ägyptische Götterlehre die Herrschaft über die Wüste übertrug.

Sobald Pharao von diesem Rückzuge und von dem Lagerplatze der Israeliten Kunde erhalten hatte, faßte er den Entschluß, die ihm entführten Sklaven wieder einzufangen. Er hatte es schon bereut, daß er in einem Augenblick der Schwäche eingewilligt hatte, sie zu entlassen. Nun bot sich ihm Gelegenheit, sie wieder behalten zu können. Sie schienen sich ihm selbst auszuliefern, oder der Götze Typhon schien ihnen den Weg durch die Wüste verschlossen zu haben, um ihnen die Flucht abzuschneiden und sie dem Lande zu erhalten. Sofort bot er ein Heer mit Streitwagen und Rossen auf, um sie desto schneller einzuholen. Als die Israeliten von Ferne das Heranrücken der Ägypter erblickten, gerieten sie in Verzweiflung. Jeder Ausweg war ihnen [29] abgeschnitten. Vor ihnen der Wasserarm oder See und hinter ihnen der Feind, der sie im Augenblick erreichen und sie unfehlbar wieder in harte Sklaverei bringen würde. Klagend und murrend sprachen einige zu Mose: »Gibt es keine Gräber in Ägypten, daß du uns herausgeführt, um in der Wüste zu sterben?« Unerwartet bot sich ihnen indessen ein Ausweg dar, den sie als ein Wunder betrachten mußten. Ein Sturmwind von Nord-Ost hatte in der Nacht das Wasser des Sees südlich getrieben und das Bett zum großen Teil in den höheren Stellen trocken gelegt45. Schnell benützte der Führer diesen Rettungsweg; er trieb die Verzagten an, dem jenseitigen Ufer zuzueilen. Er hatte ihnen mit prophetischem Blick verkündet, daß sie die Ägypter nimmer zu Gesicht bekommen würden. Schnell war der kurze Weg durch den See zurückgelegt, trocknen Fußes konnten sie ihn durchschreiten, während in den tiefer gelegenen Stellen Wasser war, das, durch den Sturm gepeitscht, ihnen rechts und links wie zwei Mauern erschien.

Während dieser Zeit jagten die Ägypter ihnen nach, um sie zur Sklaverei zurückzuführen; aber in dem tiefen Sande konnten sie mit Wagen und Roß nicht schnell genug vorwärts kommen. Ein dichter Nebel, »eine Wolkensäule«, verschleierte ihnen den Blick, bequemere Stellen aufzusuchen. Dadurch geriet die verfolgende Schar in Verwirrung, die Räder lösten sich von den Kriegswagen los und hinderten ihre Schnelligkeit. Als sie endlich gegen Tagesanbruch das westliche Ufer des Sees erreichte, die Israeliten am jenseitigen Ufer erblickte und ihnen auf demselben trocken gelegten Wege nacheilen wollte, hörte plötzlich der Sturm auf. Rasch ergossen sich die auf beiden Seiten aufgetürmten Wogen in die trocken gelegten Stellen und bedeckten Wagen, Roß und Mannschaft im Wellengrabe. Das Wasser trieb einige Leichen an das Ufer, wo die Israeliten einen Augenblick weilten; sie sahen sich befreit. Es war eine wunderbare Errettung, die vor ihren Augen vorging und auch die Stumpfsinnigen zu hellerem Blicke und zur Zuversicht für die Zukunft erweckte. Sie vertrauten an diesem Tage fest auf Gott und seinen Sendboten Mose. Aus voller Brust entrang sich ihnen ein begeistertes Loblied auf ihren wunderbaren Erretter. Die Männer sangen im Chor:


»Lobsingen will ich dem Herrn,

Denn groß, ja groß ist er,

Roß und Reiter schleuderte er ins Meer46«.


[30] Mirjam an der Spitze der Frauen wiederholte im Chore mit Handpauken und Tänzen denselben Lobgesang.

Das großartige Schauspiel, das die Israeliten erlebt hatten, prägte sich so fest ihrem Gedächtnisse ein, das ein Geschlecht es dem anderen überlieferte. In verschiedenen Tonarten feierten die heiligen Sänger dieses wunderbare Ereignis:


»Sie sahen deine Schritte,

›Die Schritte Gottes meines Königs in Hoheit!‹

Voran schritten Sänger,

Hinterher Saitenspieler,

Und in der Mitte

Paukenschlagende Jungfrauen.

In Chören priesen sie Gott, den Herrn,

Die aus der Quelle Israels entsprungen47.


* * *


Die Wagen Pharaos und sein Heer

Stürzte er ins Meer,

Die besten seiner Führer

Versanken ins Schilfmeer,

Fluten deckten sie zu,

Sie fuhren in die Tiefen wie Stein.

Mit deinem Hauche türmte sich das Gewässer,

Die Fluten standen wie eine Mauer,

Es erstarrten die Tiefen inmitten des Meeres.

Der Feind sprach:

›Ich will sie verfolgen, erreichen, Beute teilen,

Meine Seele will ich mit Rache an ihnen sättigen,

Mein Schwert zücken,

Meine Hand soll sie vernichten.‹

Da bliesest du mit deinem Winde,

Es bedeckte sie das Meer,

Sie versanken gleich Blei in den mächtigen Fluten48


Die Befreiung aus Ägypten, der Durchgang durch den See und der plötzliche Untergang des verfolgenden, racheschnaubenden Feindes waren drei selbsterlebte Tatsachen, die nimmermehr aus dem Gedächtnisse der Israeliten schwanden. Sie flößten ihnen in verzweifelten Lagen und Nöten stets Hoffnung und Mut ein. Der Gott, der sie aus Ägypten befreit, der das Gewässer in trocknes Land verwandelt, der ihren grimmigen Feind vernichtet, werde sie nimmer verlassen, »werde immer über sie herrschen.«49 Wenngleich diese vertrauensvolle, gottergebene, [31] mutige Stimmung bei den meisten nicht lange vorhielt, sondern bei dem ersten Hindernis wieder verflog, so haftete sie doch bei einem Kreise der Erweckten, und diese bewährten sie bei späteren Prüfungen.

Befreit von den Banden der Knechtschaft und von der Furcht vor ihrem langjährigen Peiniger, konnten die Stämme ihren Weg ruhig fortsetzen. Sie hatten bis zum Sinaï, dem vorläufigen Ziele ihrer Wanderung, noch mehrere Tagereisen zu machen. Obwohl die Gegend, die sie durchstreifen mußten, die sinaitische Halbinsel zwischen dem Meerbusen von Suez und dem von Ailat (Akaba), größtenteils Sandwüste ist (Wüste Schur, Sin und Sinaï), so mangelt es doch in ihr nicht an Oasen, Wasser und Weideplätzen für Hirten. Dem Führer Mose, welcher früher in dieser Gegend die Herden seines Schwiegervaters Rëuel geweidet hatte (oben S. 20), war sie nicht unbekannt. Der hohe Sinaïgebirgsstock mit seinen Ausläufern sendet im Frühjahre Wasser in Fülle aus den Felsen, und dieses sammelt sich in kleinen Bächen und läuft der Niederung des roten Meeres zu. In einem dieser fruchtbaren Täler, Elim (Wady Gharundel)50, fanden sie viele Quellen und Dattelbäume mit Früchten. Je mehr sie sich südöstlich dem Sinaï näherten, desto reichlicher fanden sie Wasser. Allerdings mangelte es auch hin und wieder oder war nicht trinkbar, dann murrten die Kleingläubigen und sprachen zu Mose: »Warum hast Du uns aus Ägypten geführt, um uns, unsere Kinder und unser Vieh in Durst umkommen zu lassen?« Aber Mose wußte durch eine höhere Eingebung stets Rat, die Unzufriedenen zu beschwichtigen. Er zeigte ihnen ein Süßholz, wodurch sie das bittere Wasser versüßen konnten, oder er schlug den Felsen, woraus dann eine reiche Wasserquelle hervorsprudelte. Auch an Brot hatten sie keinen Mangel, es wurde ihnen durch Manna ersetzt. Sie fanden dieses in so reichem Maße und nährten sich davon so lange Zeit, daß sie es als ein Wunder ansehen mußten. Denn einzig und allein auf dieser Halbinsel träufeln von den hohen Tamariskenbäumen, welche hier zahlreich in Tälern und auch auf den Vorbergen des Sinaï wachsen, Tropfen von honigsüßem Geschmacke, die von der Morgenkühle zu runden Körperchen, groß wie Erbsen oder Koriandersamen, erstarren, an der Sonne aber zerfließen51. [32] Mose kündigte ihnen an, daß sie am frühen Morgen diese süßen Körperchen, welche auf dem Tau wie Reif glänzten, finden würden, und er bedeutete ihnen, sie zu sammeln. Als die Israeliten zuerst dieses Himmelsbrot erstaunt erblickten, nannten sie es Manna (Gabe), da sie nicht wußten, was es eigentlich war. Von dieser Speise nährten sie sich, bis sie in die von Menschen bewohnte Gegend kamen, wo sie Nahrungsmittel eintauschen konnten. Nur am Sabbat fiel es nicht, wie erzählt wird. Das Manna sollte ihnen die Belehrung geben, daß »der Mensch nicht bloß vom Brote allein, sondern durch jeden Ausspruch Gottes leben kann«52.

Auch von einem feindlichen Anfall wurden sie in den Flitterwochen ihrer Befreiung errettet. Ein halb arabischer Stamm, welcher das kriegerische Schwarmleben liebte und von dem südlichen Arabien bis zum Lande Kanaan umherschweifte, hier und da eine seßhafte Lebensweise annahm, die Amalekiter (Thamudäer?)53 fielen die Schwachen und Müden der israelitischen Scharen an, beraubten und töteten mehrere von ihnen in der Gegend von Rephidim, auf den Vorbergen des Sinaï. Der Kampf gegen diese Schwarmstämme mußte aufgenommen werden, wenn die Israeliten zu ihrem Ziele gelangen sollten, sonst wären sie in ihrer Wüstenwanderung durch die Gegend, wo die Amalekiter öfter Streifzüge machten, stets beunruhigt worden. Aber die soeben der ägyptischen Sklaverei Entkommenen waren nicht für kriegerische Abwehr vorbereitet. Mose ließ daher diejenigen aus den Stämmen auswählen, die Mut hatten und mit Waffen umzugehen wußten. Unter diesen befand sich ein Jüngling aus dem Stamme Ephraim, der schon in der Jugend kriegerische Tüchtigkeit zeigte und der beständige Begleiter Moses war: Josua, der Sohn Nuns, dem später die Aufgabe zufallen sollte, die der Gottesmann unvollendet lassen mußte. Mit einer auserwählten Schar zog Josua gegen die Amalekiter, und Mose stand auf einem hohen Berge, um von hier Gott um Sieg anzuflehen und den Kämpfenden Mut einzuflößen. Lange schwankte der Sieg, endlich gelang es Josua, die Feinde teils aufzureiben, teils in die Flucht zu schlagen. Dieser Anfall der Amalekiter, der den unkriegerischen Stämmen der [33] Israeliten bei ihrem ersten Eintritt ins freie Leben leicht hätte den Untergang bereiten können, blieb ihnen in steter Erinnerung. Eine unversöhnliche Feindschaft entspann sich daraus zwischen diesen beiden Völkerschaften, die später öfters in Berührung kamen. Amalek war der erste Erbfeind Israels. Von den übrigen Stämmen dagegen, die in der Sinaïhalbinsel hausten, wurden die Israeliten nicht beunruhigt. Mit einem von ihnen, den Keniten, traten sie in eine Art Bundesverhältnis und zogen Vorteile von ihm. Selbst die Midianiter, ein Schwarmvolk gleich den Amalekitern und auf der Sinaïhalbinsel umherstreifend, störten die Ruhe der Israeliten nicht. Wenn Mose auch mit seinem hellen Geiste und seinem göttlich prophetischen Blicke seinen Sinn stets auf das Höchste und Ewige gerichtet hatte, vernachlässigte er doch auch das Zeitliche des augenblicklichen Bedürfnisses zum Frommen des ihm anvertrauten Volkes nicht.

Vor feindlichen Überfällen gesichert und durch wunderbare Erlebnisse gehoben, schienen die Stämme vorbereitet, das höchste Gut zu empfangen, um dessentwillen sie den Umweg durch die Wüste bis zum Berge Sinaï gemacht hatten. Von Rephidim (Wady Feiran?), das schon hoch lag, wurden sie noch höher zu dem hochragenden Gebirge geführt, dessen Spitzen bis zu den Wolken ragen und teilweise mit ewigem Schnee bedeckt sind. Von der flachen Küste der beiden Arme des roten Meeres türmen sich Gebirgsmassen auf Gebirgsmassen, Ketten von Porphyr und Granit bis zur Höhe von fast 9000 Fuß54, mit Kuppen und Spitzen von phantastischer Form und riesiger Gestalt, wild, gewaltig, das Gemüt mit Schauer erfüllend. Der kühne Bergsteiger, der eine der höchsten Spitzen dieses Gebirgsstockes erklimmt, genießt von da aus einen freien Fernblick, wie er sonst dem Menschen nicht beschieden ist. Strecken zweier Erdteile, Asien und Afrika, liegen vor ihm ausgedehnt, das Mittelmeer mit seinen Buchten, und auch die Inseln, die schon zum dritten Erdteil gehören, erblickt sein Auge. Rings herum laufen strahlenförmig von diesem Hochgebirge Täler aus, die es für Menschen bewohnbar machen. Auf den Höhen selbst sind Hochtäler ausgebreitet, die Raum für Menschenmassen bieten und eine gartenähnliche Fruchtbarkeit haben.

Auf eines dieser Hochtäler des Sinaï55, das sich nicht mehr ermitteln läßt, führte Mose die Israeliten im dritten Monat nach dem [34] Auszug aus Ägypten und wies ihnen Lagerplätze an. Dann bereitete er sie auf eine überwältigende Erscheinung vor, die sich ihrem Auge und Ohr öffnen werde. Weihen und Enthaltsamkeit sollten sie würdig und empfänglich für erhabene Eindrücke und für einen großen Beruf machen. Mit gespannter Erwartung und bangen Herzens sahen sie dem dritten Tage entgegen. Eine um die nächste Bergspitze gezogene Mauer hielt das Volk ab, sich dem Berge zu nähern. Am Morgen des dritten Tages lagerte eine dichte Wolke auf der Bergspitze, Blitze schossen und flammten und verwandelten die Berge in eine Feuersglut, Donnerschläge erdröhnten, wälzten sich von Bergwand zu Bergwand und weckten die Echos. Die ganze Natur schien im Aufruhr und der Weltuntergang nahe. Bebend und im ganzen Wesen erschüttert, sahen groß und klein dieses erhabene, furchtbare Schauspiel. Aber so erhaben es auch war, so übertraf es doch nicht an Hoheit die Worte, welche die Zitternden vernommen haben, zu denen der Wolkenrauch des Sinaï, die Blitzesflammen und Donnerstimmen nur als Einleitung dienten.

Unter dem mächtigen Eindruck des flammenden und bis in seine Tiefen erschütterten Berges führte Mose das Volk aus dem Lager an den Fuß eines Berges, er selbst bestieg ihn, und nun schlugen vernehmbare Worte an das Ohr der Versammelten, die, so einfach in ihrem Gehalte und für jedermann verständlich, die Grundlage der Menschengesittung bilden. Zehn Worte erschallten von der Bergspitze, und das Volk war fest überzeugt, daß sie ihm von Gott offenbart wurden. Der Gott, welchen Israel fortan bekennen solle, sei der, den sie durch wunderbare Leitung selbst erkannt, und dessen Macht auf die Menschengeschicke sie erlebt haben, der sie aus Ägypten geführt, nicht ein Gott der Einbildungskraft, nicht ein Abbild von Naturmächten, nicht eine Ausgeburt des Menschenwitzes. Der unsichtbare Gott darf unter [35] keinem Bilde vorgestellt werden. Gegenüber der Bilderverehrung der Ägypter, an welche die Israeliten sich gewöhnt hatten, wurde dieses Verbot nachdrucksvoll und deutlich auseinandergesetzt. Überhaupt soll der Name des Gottes Israels (Ihwh) dem Eiteln und Nichtigen nicht beigelegt werden56. Denn mit ihm verglichen ist alles, was sonst als Gottheit verehrt wird, eitel und nichtig. Den Sabbat zu weihen, am siebenten Tage sich jeder Arbeit zu enthalten, war wohl eine uralte Sitte; sie wurde auf dem Sinaï besonders eingeschärft. Es war auch nicht unwichtig, der Barbarei jener Zeit gegenüber zu verkünden, daß den Erzeugern des Lebens Ehre gebühre. Wie viele Völker hatten nicht im Altertume die Sitte, die altgewordenen Eltern zu töten, oder sie den wilden Tieren auszusetzen! Die Mutter stand bei sämtlichen Völkerschaften des Altertums in Verachtung, und war nach dem Tode des Vaters dem ältesten Sohne untertan. Auf dem Sinaï erscholl die Stimme: Der Sohn, auch als Haupt der Familie, soll die Mutter ebenso wie den Vater ehren. Das Menschenleben wurde im Altertume überhaupt wenig geachtet, darum verkündete die Stimme vom Sinaï: »Du sollst nicht morden«. Als Erklärung dazu wurde anderweitig hinzugefügt, der Mensch sei im Ebenbilde Gottes erschaffen, darum sei sein Leben unverletzlich. Die alte Welt kränkelte an dem allgemeinen Gebrechen der Unkeuschheit und Unzucht, die Götter selbst wurden als unzüchtig dargestellt. Die Völker merkten nicht, daß sie durch die Überreizung eines natürlichen Gefühls Selbstschwächung und durch diese Selbstschwächung ihren Untergang herbeizogen. Die Stimme vom Sinaï ertönte: »Du sollst nicht unzüchtig sein«57. Auch [36] das Eigentum sollte unverletzlich sein, und Diebstahl wurde zum Verbrechen gestempelt, ebenso ein falsches Zeugnis. Und nicht bloß die böse Tat, sondern auch die schlechte Gesinnung hat die Stimme vom Sinaï verdammt: »Du sollst nicht gelüsten nach dem Weibe und dem Eigentum eines andern«58.

Was bedeutet die damals mehr denn zweitausend Jahre zählende Geschichte der Inder, Ägypter und anderer Völker mit ihrer Weisheit, ihren Riesenbauten, den Pyramiden und Kolossen, neben diesem Augenblick am Sinaï? Hier war für die Ewigkeit gesorgt. Hier der Grundstein für das Reich der Sittlichkeit und Menschenwürde gelegt. Es war die Geburtsstunde eines eigenartigen Volkes, wie es bis dahin keines gegeben. Die einfachen und doch tiefen Wahrheiten von einem bildlosen geistigen Gotte, einem Erlöser, der sich der Gedrückten und Geknechteten annimmt, von der Pflicht der Hochachtung vor den Eltern, der Achtung des Menschenlebens, der Keuschheit und des Eigentums, der Wahrhaftigkeit der Menschen gegeneinander und der lauteren Gesinnung sind am Sinaï zuerst und für alle Zeiten offenbart worden. Es ist dabei zugleich eine neue Entdeckung in dem Innern des Menschen gemacht worden: die Entdeckung des Gewissens.

Wohl hatten die Völker des Altertums bereits Gesetze und haben später immer und immer neue dazu gehäuft. Aber es waren Gesetze der Unterdrücker, die den Unterdrückten als Joch aufgelegt wurden, Gesetze der Starken zu ihrem eigenen Nutzen, um die Masse der Schwachen in Zaum und Knechtschaft zu erhalten. Am Sinaï sind zuerst Gesetze der Gleichheit offenbart worden, und sie sind als Gärungsstoff unter die Völker geworfen worden59. Der Bann der Klassen- und[37] Kastenunterschiede war damit gebrochen. Es war ein Ausbau und eine Erweiterung der Lehre, die Abraham verkündet worden war. Als zitternde Sklaven sind die Israeliten an den Sinaï geführt worden, als heiliges Gottesvolk, als Priestervolk, als Volk der Geradheit (Jeschurun) kehrten sie in ihre Zelte zurück. Durch Betätigung der empfangenen Zehnworte sollten sie Lehrer des Menschengeschlechts werden, damit dieses durch sie gesegnet werde. Die Völker der Erde hatten keine Ahnung davon, daß in einem Winkel der Erde ein Völkchen ein schweres Lehramt für sie übernommen hatte.

Die Tatsache von der überwältigenden Erscheinung am Gebirgsstock des Sinaï blieb in der Mitte der Israeliten unvergeßlich und begeisterte sie von Geschlecht zu Geschlecht zu hochgestimmten Liedern; es war ein würdiger Stoff für die Poesie:


»Herr, als Du zogst vor deinem Volke,

Als du einschrittest in die Wüste,

Da erbebte die Erde,

Und die Himmel zerflossen,

Berge zerrannen vor dem Herrn,

Der Sinaï vor dem Gott Israels«60.


In einer andern Tonart feierte denselben Vorgang ein anderes Lied:


»Der Herr kam von Sinaï

Erglänzte vom Seïr seinem Volke.

...

Sie waren niedergeschmettert zu deinen Füßen,

Empfingen von deinen Worten

Die Lehre, die uns Mose befohlen,

Das Erbe für Jakobs Gemeinde61


Ein anderer Sänger kämpfte mit der Sprache, um das Erhabene der Erscheinung am Sinaï zur Anschauung zu bringen:


»Gott kam von Taiman,

Der Heilige vom Berge Paran,

Den Himmel bedeckte sein Glanz,

Und seines Ruhmes war voll die Erde.

[38] Mondlicht war wie Tageshelle,

Zwei Steinsäulen in seiner Hand62.

...

Er stand und erschütterte die Erde,

Sah und sprengte die Völker,

Es barsten ewige Berge,

Es sanken uralte Höhen.

...

Es erzittern die Zelte des Landes Midian.

Zürnt der Herr den Bergen63?

Ist sein Zorn gegen die Flüsse,

Sein Unwille gegen das Meer?«


Ein Psalmensänger verherrlicht die Gesetzgebung am Sinaï und beschreibt einen Teil der Zehnworte:


»Als (Gott) zog gegen das Land Ägypten,

Da hörte ich eine Sprache,

Die ich nicht kannte:

›Ich habe seine Schulter der Last entledigt,

Seine Hände dürfen von der Arbeit lassen.

In der Not riefest du,

Und ich erlöse dich,

Ich sprach mit dir in des Donners Dunkel.

So höre, mein Volk,

Ich will dich warnen.

Es soll in deiner Mitte kein fremder Gott sein,

Du sollst einen Gott der Fremde nicht anbeten.

Ich bin dein Gott,

Der dich aus Ägypten hinaufgeführt‹64


Die Lehren, welche das Volk am Sinaï vernommen hatte, sollten aber nicht mit der vorüberrauschenden Luftwelle wieder verfliegen. Darum sollten sie in Stein eingegraben werden, um für alle Zeiten in Erinnerung zu bleiben. Zu diesem Zwecke wurden die Zehnworte (Dekalog) in zwei steinerne Tafeln oder Platten auf beiden Seiten [39] eingegraben. Lange haben sich die beiden Tafeln erhalten65. Sie hießen »Tafeln der Warnung oder der Gesetze«. Sie wurden später in eine Art Lade gelegt, und diese Lade bildete den Mittelpunkt eines Zeltes, welches der Sammelplatz wurde, so oft Mose die Ältesten der Familie zusammenberief; sie galten als sichtbare Zeichen des Bündnisses, welches Gott am Sinaï mit dem Volke geschlossen, daß dieses sein Eigentum sei und keinen anderen Gott anerkennen möge, als den, von dem die Lehre stammt. Daher wurden sowohl die Lade, wie die Tafeln näher durch die Beifügung: Bundeslade und Bundestafeln bezeichnet66. Wohl hatten sämtliche Völker ihre eigenen Heiligtümer, die sie über die Maßen verehrten; aber ihren Mittelpunkt bildete stets ein Götterbild, öfter ein sehr häßliches –, ein Fetisch oder ein Naturgegenstand, eine Quelle oder ein Baum. Die Israeliten dagegen hatten ein Heiligtum ganz anderer Art, eine Lehre, welche die Erhabenheit Gottes über alle Kreatur und das Gesetz der Sittlichkeit verkündete.

Für diese hohen religiösen und sittlichen Wahrheiten, welche die Grundzüge einer neuen sittlichen Ordnung und zugleich die Grundlage für das israelitische Volkstum bildeten, wurde eine nähere Erläuterung gegeben, oder sie wurden in bestimmte Gesetze gefaßt, die im Einzelleben oder in dem der Gesamtheit verwirklicht werden sollten. Die Lehre, daß Gott die Israeliten aus Ägypten erlöst, wurde als Lehre der Gleichheit aller in der Gemeinschaft erläutert. Es sollte unter ihnen keinen Herrn und keinen Sklaven geben. Niemand durfte auf ewige Zeiten sich zum Sklaven verkaufen oder dazu verkauft werden. Hatte jemand seine Freiheit verwirkt, so sollte er nur sechs Jahre dienen und im siebenten freigelassen werden. Verächter von Eltern und vorsätzliche Mörder sollten mit dem Tode bestraft werden, und das Heiligtum sollte ihnen keinen Schutz gewähren, falls sie sich dahin geflüchtet hätten. Selbst der Mord an einem nichtisraelitischen Sklaven sollte geahndet werden, und wenn ein solcher von seinem Herrn mißhandelt wurde, so sollte er dadurch seine Freiheit erlangen. Gesetze [40] bestimmten den Schadenersatz für verletztes Eigentum, selbst wenn die Beschädigung nicht beabsichtigt war und nicht geradezu veranlaßt wurde. Schändung der Jungfrauenehre sollte dadurch verhütet werden, daß der Verführer die Verführte ehelichen oder dem Vater ein Sühnegeld zahlen mußte.

Ganz besonders zarte Rücksichten empfahl das Gesetz auf Witwen und Waisen, daß sie nicht mißhandelt werden sollten. Selbst Fremdlinge, die sich den Stämmen anschließen wollten, sollten den Schutz der Gesetze genießen. Die Israeliten sollten stets eingedenk sein, daß sie Fremdlinge in Ägypten gewesen seien und gegen solche nicht die Härte ausüben dürften, die gegen sie ausgeübt worden war. Eine Sammlung solcher Gesetze, welche von Gerechtigkeit und Menschenliebe durchzogen sind und von Opferwesen nur wenig enthalten, galt als uraltes Gesetzbuch, von Mose niedergeschrieben. Es wurde das Bundesbuch (Sepher ha-Berit)67 genannt, wie die Bundestafeln, weil das Bündnis mit Gott nur auf der Bedingung beruhte, daß die Gesetze betätigt werden sollten. Dieses Bundesbuch war wahrscheinlich den Leviten anvertraut, dem Stamme, der schrift- und lesekundig war.

Die Aufgabe, die den Israeliten am Sinaï zufiel, war zu erhaben, zu ideal und ihren bisherigen Lebensgewohnheiten und Anschauungen zu sehr entgegen, als daß sie sofort Verständnis dafür hätten haben können. Ist es doch noch heutigen Tages schwer für die gebildeten wie für die ungebildeten Völker, sich einen unsichtbaren Gott, ohne alle und jede sinnliche und menschliche, faßbare Gestalt vorzustellen! Die Apisanbeter von Ägypten aus konnten um so weniger ihr Vertrauen auf ein geistiges Wesen setzen. Höchstens sahen sie Mose als einen verkörperten Gott an, wie die Ägypter ihre Könige und Priester als sichtbare Götter zu verehren pflegten. Als daher Mose eine längere Zeit sich aus ihrer Mitte entfernt hatte und diese auf dem Sinaï zubrachte, fühlten sich die Stumpfsten unter den Israeliten vollständig gottverlassen in einer Wüste, deren Ausgang ihnen unbekannt war. Ungestüm verlangten sie eine sichtbare Göttergestalt, und Aharon, der in Moses Abwesenheit als die erste Persönlichkeit galt, war schwach genug, ihrem ungestümen Drängen nachzugeben und ein Stierbild anfertigen zu lassen. Dieses Abbild des Apis oder Menis, das goldene Kalb, umtanzten die Stumpfsinnigen als eine Gottheit. Es waren allerdings nur einige Tausende, die Mose, als er vom Berge herniedergestiegen war, durch die ihm anhänglichen Leviten mit dem[41] Tode bestrafen ließ. Nur mit äußerster Strenge konnte das Götzentum aus der Mitte der Israeliten vertilgt werden.

Aber die Folgen dieses ersten Abfalls waren damit nicht aufgehoben. Um ähnlichen Rückfällen des Volkes vorzubeugen und seiner Schwäche entgegen zu kommen, wurde ihm eine Art Zugeständnis gemacht, daß es sich die Gottheit, wenn auch nicht unter einem Bilde, doch unter etwas, das in die Sinne fällt, vorstellen könne. Es hatte am Sinaï Blitzstrahlen mit flammendem Feuer gesehen, und die Zehnworte aus einer flammenden Wolke vernommen. Diese Vorstellung sollte von jetzt an ihm die Gottheit, die sich am Berge geoffenbart hat, vergegenwärtigen. Ein tragbarer Altar sollte stets brennendes Feuer enthalten, das niemals erlöschen sollte68. Dieses Altarfeuer sollte auf den Zügen den Stämmen vorangetragen werden und nicht die Gottheit selbst, sondern deren Offenbarung auf dem Sinaï, vergegenwärtigen und versinnlichen. Die grobsinnliche Vorstellung wurde dadurch gemildert. Noch ein anderes Zugeständnis wurde dem niedrigen Sinne des Volkes gemacht. Ursprünglich sollten gar keine Opfer gebracht werden69. Im Gegensatz zu der Anschauung der götzendienerischen Völker und der eingewurzelten Gewohnheit, daß die Götter Opferfleisch brauchten, sollten die Israeliten sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß die erhabene Gottheit, deren Dienst sie geweiht waren, der Opfer nicht bedürfe:


»Ich mag nicht aus deinem Hause Stiere,

Aus deinen Ställen Böcke nehmen.

Mir gehört alles Tier des Waldes,

Ich kenne alle Vögel der Berge.

Wenn ich hungerte, sagte ichs Dir nicht,

Mir gehört der Erdkreis und seine Fülle.

Sollte ich etwa das Fleisch der Rinder verzehren,

Oder das Blut der Böcke trinken70

...

»Opfer und Gaben verlangst Du nicht,

Feuer- und Sündopfer hast Du nicht gefordert71

...

»Denn Hingebung verlange ich und nicht Opfer,

Und Gotterkennen ist vorzüglicher, denn Ganzopfer72

[42] ...

»Der Libanon hätte nicht genug Wild,

Und sein Getier reichte nicht zu Opfern hin73


Die Religion des Geistes, welche am Sinaï verkündet worden, sollte keinerlei Opfermittel als Ausdruck der Gottesverehrung haben, sondern lediglich sittliches, heiliges Leben betätigen helfen. Aber auf dieser Höhe stand das Volk nicht, es sollte erst dazu erhoben und erzogen werden. Da die Völker des Altertums nur das Opfer als Gnadenmittel kannten, so sollte auch Israel diese Form des Gottesdienstes beibehalten. Sie wurden aber vereinfacht. Zu einem Altar gehörte ein Heiligtum. Dieses durfte kein Bildnis haben, sondern lediglich einen Leuchter und einen Tisch mit zwölf Broden, symbolisch für die zwölf Stämme, einen Altar, und eine Stätte für die Bundeslade (das Allerheiligste).

Zum Altar, Heiligtum und Opferwesen gehörte eine Priesterschaft. Auch dieser überkommene Brauch wurde beibehalten. Er wurde selbstverständlich dem Stamme Levi, als dem treuesten und gebildetsten, übertragen, der schon in Ägypten priesterlichen Dienst verrichtete. Nur sollten die Priester nicht wie die ägyptischen durch Besitz zur Selbstsucht und Entartung geführt werden und die Gottesverehrung zu ihrem Vorteil ausbeuten. Die israelitischen Priester oder die Leviten sollten keinerlei Landbesitz haben, sondern lediglich von den Spenden leben, welche die Laien ihnen nach Vorschrift verabreichen würden. Es war aber althergebrachte Sitte, die sich noch aus der Patriarchenzeit erhalten hatte, daß die Erstgeborenen der Familie Opfer darbrachten. Dieses Familienpriestertum konnte nicht mit einem Male abgeschafft werden; es erhielt sich neben dem levitischen Priestertum. Solchergestalt kam in die reine Lehre der sinaitischen Offenbarung ein Element hinein, welches nicht damit im Einklang stand, sie vielmehr durchkreuzte. Der auf das Sinnliche gerichtete Geist des Volkes machte solche Zugeständnisse erforderlich als Übergangsstufen zu einer besseren Erkenntnis. Die Erkenntnis aber, daß das Opferwesen nur eine untergeordnete Bedeutung haben sollte, blieb dem besseren Teil des Volkes stets in mehr oder minder klarem Bewußtsein.

Fast ein Jahr brachten die Israeliten am Sinaï zu, eine folgenreiche Zeit. Im Frühjahr des zweiten Jahres nach dem Auszug aus Ägypten zogen sie dem Lande ihrer Verheißung entgegen. Als Führer in der Wüste, welche von Süd nach Nord bis zur Grenze des Landes Kanaan führt, wo es nur selten Oasen gibt, diente ihnen der Stammhäuptling [43] der Keniten, Hobab, Moses Schwager. Er kannte alle Wege und Stege und konnte ihnen Ruheplätze für das Lager angeben74. Nur die in der Wüste heimischen Nomaden besaßen die Vertrautheit mit Straßen und Wasserquellen auf der Halbinsel. Wahrscheinlich haben die Israeliten vom Sinaï die Richtung nach Ost und Nordost zum östlichen Meerbusen des roten Meeres (von Ailat) eingeschlagen, weil sie auf geradem Wege in der großen Sandwüste mit vielen Bergrücken auf wenig Wasser, aber desto mehr beschwerliche Wege gestoßen wären. An einem wasserreichen Platze, in Chazerot (Aïn-Hudhera), in einem schönen Talkessel, wo eine immerwährende Quelle sprudelt und eine fruchtbare Oase bildet75, weilten sie längere Zeit. Dieser Weg führte sie bis an die Südspitze des Meerbusens von Ailat, von wo aus zwei Wege, ein westlicher und ein östlicher, nach dem Lande Kanaan führten. Ersterer führt fast auf geradem Wege zum toten Meere in einer Talebene (Arabah) zwischen einer langgestreckten Bergkette von mehr als 2000 Fuß Höhe rechts und einem niederen Höhenzuge links. Das hohe Gebirge, das mit wunderlich gestalteten und gezackten Steingebilden von Porphyr und Sandstein, etwa 30 Stunden lang, sich vom Meerbusen bis zum toten Meere hinzieht und 6 bis 8 Stunden breit ist, führte damals den Namen das Gebirge Seïr, dessen höchste Spitze, der Berg Hor (4000 Fuß über dem Meeresspiegel, G'ebel Harun), mit seinen zwei Kuppen einem Wartturm und Wegweiser gleicht. Bei einem Durchbruch des westlichen Höhenzuges wendeten die Israeliten sich westlich, lenkten in die Trift oder Wüste Paran ein und gelangten im vierten Monat auf einem Wege von nur elf Tagemärschen nach der damals bekannten Stadt Kadesch (Meribat-Kadesch, Kadesch-Barnea, auch Ain Mischpat genannt76.

Von hier aus sandte Mose Kundschafter in das Land Kanaan, um wahre Kunde über seine Beschaffenheit zu erhalten und zu erfahren, ob es fruchtbar oder unfruchtbar sei, ob sich Bäume darin befänden, ob die Bewohner stark oder schwach seien, ob sie in Hirtendörfern oder festen Städten wohnten. Die Kundschafter hatten vereinzelt an verschiedenen Punkten des Landes Beobachtungen angestellt und waren bis in die Gegend, wo das Hermongebirge jäh in die Tiefe abfällt, gedrungen77. Die Kunde lautete nicht günstig. Sie priesen zwar die Fruchtbarkeit des Landes und zeigten Riesentrauben, die sie [44] abgepflückt, aber die Bewohner des Landes schilderten sie als unbesiegbar. Beim Eindringen vom Süden aus würde das Volk zunächst auf die Amalekiter stoßen und dann auf Emoriter im Gebirge, auf Kanaaniter am Jordan und an der Küste, und außerdem gäbe es noch Riesengeschlechter, und alle die Völkerschaften stützten sich auf feste Städte. Der Bericht der Kundschafter konnte nicht verfehlen, einen entmutigenden Ein druck auf das Volk im ganzen zu machen. Einige machten Mose und Aharon Vorwürfe, daß sie das Volk aus Ägypten geführt, um es dem Schwerte zu überliefern, andere schlugen vor, sich einen Führer zu wählen, der sie nach Ägypten zurückführen sollte. Zwei der Kundschafter, welche Gottvertrauen und Mut zeigten, Josua und Kaleb, wären beinahe durch Steinwürfe getötet worden. Es kostete Mose viele Mühe, die Aufregung zu beschwichtigen. Darauf gab er Befehl, den Rückzug anzutreten. Mit diesem feigen Geschlechte war nichts anzufangen; es sollte ein neues Geschlecht in der Wüste herangezogen werden, welches, durch Gottvertrauen erstarkt, den Gefahren mutig ins Auge zu schauen lernen sollte. Als der Rückzug angetreten werden sollte, besannen sich viele und wollten lieber den Durchzug ertrotzen, als wieder auf lange Zeit in der Wüste umherwandern. Sie bestiegen die nächste Höhe von Kadesch aus, um mit Waffengewalt vorzudringen, wurden aber von den Amalekitern und Kanaanitern wie von Bienen verfolgt oder aufgerieben. Einige Zeit blieben die Israeliten noch in Kadesch78 mit der Bundeslade, dann zogen sie wieder in die Arabah ein, zwischen die Felswände des Gebirges Seïr. Hier knüpften sie Verbindung mit den stammverwandten Idumäern oder den Bene Esau an und erhielten von ihnen für Geld oder Viehtausch Speise und Wasser79. Sie waren von jetzt an vor Mangel geschützt.

Achtunddreißig Jahre brachten sie in dieser Gegend zu, führten ein Nomadenleben, suchten Weideplätze für die Herden auf und wanderten von Kadesch bis zum Meerbusen von Ailat hin und her. In dieser Gegend und während dieser Zeit entfaltete Mose seine Erziehungstätigkeit. Das alte Geschlecht starb nach und nach aus, und das jüngere wurde von ihm und den ihm beistehenden Männern unter seiner Oberleitung zu einer gottvertrauenden, ausdauernden, mutigen Gemeinde herangebildet. Er teilte ihnen nach und nach Gesetze mit und sorgte dafür, daß sie in ihr Inneres aufgenommen wurden. Mose umgab sich mit einem Senate, bestehend aus den Häuptern der siebzig Familien. [45] Diese siebzig Ältesten, das Musterbild für spätere Institutionen, sollten ihm die Last der öffentlichen Geschäfte erleichtern und an allen wichtigen Beratungen und Ausführungen Teil nehmen. Sodann setzte er, auf Anraten seines Verwandten Jethro, höhere und niedere Richter ein, über je tausend, hundert und zehn Familien. Ihre Wahl überließ er dem Volke, das seine besten Männer selbst aussuchen und ihm empfehlen sollte. Den Richtern schärfte er ein, gerecht zu richten nicht bloß in Streitigkeiten zwischen Stammesgenossen, sondern auch zwischen Israeliten und Fremdlingen. Sie sollten das Ansehen der Person nicht achten, den Geringen und den Angesehenen gleich behandeln, sich von Bestechung fern halten und furchtlos nach strengem Rechte urteilen, »denn das Recht ist Gottes«. Er selbst, die Quelle des Rechts, wache darüber80.

Nächstenliebe, brüderliche Gemeinschaft, Standesgleichheit, Milde und Gerechtigkeit, das waren die Ideale, welche Mose dem von ihm erzogenen jungen Geschlechte vor Augen stellte, die einst verwirklicht werden sollten. Es war eine schöne Zeit, in der solche Lehren und Gesetze einem Volke als die innerste Seele seines Wesens eingehaucht wurden. Die Jugendzeit der israelitischen Volksbildung war mit Idealen verklärt. Es war der Brautstand der jungfräulichen Tochter Israels, als sie ihrem angetrauten Gotte in Liebe durch ein Land folgte, das keine Saat kannte81. Es war eine reiche Gnadenzeit, welche der Poesie Stoff zur Verherrlichung bot:


»Gott versorgte das Volk in der Wüste,

Umgab und erzog es,

Bewahrte es wie den Augapfel,

Wie ein Adler überwacht sein Nest,

Über seinen Jungen schwebt,

Seine Flügel ausbreitet,

Sie nimmt und auf seinen Schwingen fortträgt.

So hat Gott allein es geleitet,

Und kein fremder Gott war neben ihm«82.


Endlich sollte den Wanderungen ein Ende gemacht werden. Das alte Geschlecht war ausgestorben, und das jüngere schien dem Führer Mose gefügiger und mutiger zur Erreichung des Zieles. Beinahe vierzig Jahre hatten die Stämme seit dem Auszuge aus Ägypten in [46] der Wüste zugebracht83. Ein längeres Verweilen darin hätte sie an das Wanderleben gewöhnt und zu Schwarmstämmen gleich den Midianitern und Amalekitern herabgedrückt. Von Kadesch aus scheinen sie zum zweiten Male einen Versuch gemacht zu haben, nordwärts auf der alten Karawanenstraße vorzudringen. Aber auch dieser zweite Versuch mißlang; ein kanaanitischer König von Arad zog ihnen entgegen; es entspann sich ein Kampf, wobei die Israeliten unterlagen und Gefangene in den Händen der Sieger zurücklassen mußten. Aber ein Teil der Israeliten vom Stamme Juda scheint mit Hilfe der Simeoniten und Keniten die Niederlage dem Feinde vergolten zu haben. Sie griffen ihn mit Waffen an, besiegten ihn bei Zephat (Horma), nahmen mehrere Städte ein und besetzten sie84. Die übrigen Stämme waren darauf vorbereitet, auf einem Umwege von Osten her in das Land einzuziehen. Dieser Umweg konnte verkürzt werden, wenn die auf den Höhen des Gebirgszuges Seïr, in der Arabah und jenseits derselben wohnenden Idumäer ihnen den Durchzug durch ihr Gebiet gestatten wollten. Zu diesem Zwecke sandte Mose Boten an den idumäischen König, wohl nach der bedeutenden Stadt Taiman. Er war einer günstigen Antwort gewärtig, weil die Israeliten sich als stammesverwandt mit den Idumäern betrachteten und bisher in dem Wüstenzuge freundlich mit ihnen verkehrt hatten. Sie fiel aber ungünstig aus. Die Idumäer mochten befürchten, daß sie von dem Wohnsitze suchenden Volke aus ihrem Gebiet verdrängt werden könnten, und zogen mit Waffen aus, um den Durchzug zu verhindern. So mußten die Stämme einen weiten Umweg machen, abermals durch die Arabah bis Ailat ziehen und von da aus östlich vom Gebirgszuge Seïr das idumäische Gebiet umgehen, um von jenseits des Jordan sich dem Lande Kanaan zu nähern85. Nördlich von den Idumäern [47] wohnten die Moabiter, eine ebenfalls mit den Israeliten stammverwandte Völkerschaft. Auch an diese schickte Mose eine Gesandtschaft, um freien Durchzug bittend, aber auch diese verweigerten ihn86. So waren sie genötigt, da sie weder mit den Idumäern, noch mit den Moabitern Krieg führen sollten, auch das Gebiet Moabs zu umgehen. [48] Östlich von den Moabitern wohnten die Ammoniter, ebenfalls Stammverwandte. Auch ihr Gebiet sollten sie nicht gewaltsam betreten und waren genötigt einen großen Bogen zu machen, um am Saume der östlichen Wüste und des bewohnten Landes sich dem Quellgebiet des Flusses Arnon zu nähern, welcher östlich in das tote Meer abfließt.

In dieser Gegend war kurz vorher eine große Veränderung vorgegangen, die den wandernden Stämmen zugute kam. Ein emoritischer König Sichon hatte, wahrscheinlich vom Lande Kanaan, von jenseits des Jordans aus, einen Kriegszug gegen Ammon unternommen und ihm das fruchtbare Land an den Abhängen des langgestreckten Landrückens am toten Meere und am Jordan entrissen. Die durch Wasserreichtum blühende Stadt Hesbon wurde Hauptstadt des neuen emoritischen Gebietes. Dieses erstreckte sich von den Ufern des Arnon bis zu dem in einem abschüssigen Schluchtenbette87 sich in den Jordan stürzenden Jabbok und umfaßte auch die Jordansaue. Es war ein fruchtbarer und weidenreicher Landstrich. Infolge dieser Niederlage wurden die Stämme Ammon und Moab voneinander getrennt, die Ammoniter nach Osten verdrängt, und die Moabiter selbst fühlten sich bedroht. An Sichon, den neuen Herrscher dieses Gebietes, richtete Mose eine Friedensbotschaft, den Israeliten freien Durchzug durch das Land zu gestatten, um zum Jordan gelangen und von da in das Land der Verheißung eindringen zu können. Auch Sichon verweigerte ihn und zog den Stämmen mit Waffen an den Saum der Wüste entgegen, wo sie lagerten. Mit Jugendmut nahm das herangewachsene Geschlecht, ganz anders geartet als die Väter, unter seinem Führer den Kampf auf und schlug die emoritische Schar samt ihrem Könige bei Jahaz.

Dieser Sieg war von großer Tragweite für die Israeliten nicht bloß in der damaligen Lage, sondern auch für die Folgezeiten. Zunächst nahmen sie das ganze Gebiet ein, verteilten sich darin und machten damit ihrem Wanderleben ein Ende. Dann flößte ihnen der Sieg den Mut und die Zuversicht ein, jeden Widerstand bei der Besetzung des ihnen verheißenen Landes zu überwinden. Die Völkerschaften, die von der Niederlage des mächtigen Sichon erfahren hatten, zitterten vor den israelitischen Wanderstämmen:


»Es hörten die Völker und zitterten,

Schrecken ergriff die Bewohner des Philisterlandes.

Damals waren Edoms Stämme entsetzt,

Moabs Fürsten ergriff Beben.

[49] Es verzagten alle Bewohner Kanaans.

Es überfiel sie Furcht und Bangen,

Bei der Größe deines Armes

Erstarrten sie gleich einem Steine88


Der erste Sieg verlockte zu neuen; sie faßten den Entschluß, das eroberte Gebiet nicht bloß zu behalten, sondern auch es auszudehnen. Jenseits des Jabbok war ein kleines von Emoritern besetztes Gemeinwesen, Jaëser. Auch dieses nahmen sie ein. Weiter im Osten hatte ein König Og das waldreiche Gebirge und die fruchtbaren Ebenen von Basan inne89. Auch dieser wurde besiegt und sein Land den Stämmen überlassen. Og gehörte zum Rest der Riesengeschlechter (o. S. 2 ff.), man zeigte sein Grabmal, in Basaltsteinen ausgehauen, in einer Ausdehnung von neun Armlängen. Der Sieg über ihn bei Edreï öffnete den Stämmen den Weg nach Nordosten, wo reiches Weideland war. Frei konnten sich nun die Israeliten auf einem ausgedehnten Raume bewegen; sie waren nicht mehr in die Schranken eingeengt, die ein wüstes Land und die Engherzigkeit der Angesessenen ihnen gezogen hatten. So plötzlich aus großer Not zu sicherem Dasein emporgehoben, erzeugte ihr rascher Aufschwung hier edle und dort häßliche Leidenschaften.

Das geschwächte Moab sah seine Existenz durch die siegreichen Israeliten, seine neuen Nachbarn, bedroht; es hatte um so mehr Grund zur Furcht, als es ihnen unfreundlich den Durchzug verwehrt hatte. Der moabitische König Balak fühlte sich aber zu schwach, mit Waffen gegen die Israeliten anzukämpfen; er ließ darum einen midianitischen oder idumäischen Zauberer Bileam, Sohn Beors, kommen, von dem der Volksglaube wähnte, daß er durch Verwünschungen einem ganzen Volke, wie einem einzelnen Menschen Unglück und Untergang bringen könne. Auf die höchsten Spitzen des moabitischen Gebirgsrückens führte der König der Moabiter den Zauberer Bileam, um ihm einen Überblick über die Lagerstätten der Israeliten zu öffnen, damit er sie sämtlich mit dem Fluche seines Mundes treffen könne. Aber hingerissen von dem großartigen Anblick, verwandelte sich im Munde Bileams der Fluch zum Segen90; er wurde inne, daß »nicht Zauberspruch Jakob und nicht Orakelsprüche Israel schaden könne, es sei ein Volk, das die Zukunft auf seinen Schultern trage.« Bileam riet91 aber [50] dem König von Moab, einen anderen Zauber anzuwenden, der den Israeliten verderblich werden könne, Verführung durch unkeusche Tempeldirnen zu unzüchtigem Leben. Diesen Wink befolgte Balak. Aber nicht moabitische Mädchen und Frauen gebrauchte er zur Verführung, weil die Israeliten gegen diese Mißtrauen gehegt hätten, sondern midianitische. Mit den Wanderstämmen der Midianiter standen die Israeliten in ihrer Wüstenwanderung in gutem Einvernehmen; jene kamen unbeargwöhnt in die Lagerstätten und Zelte der Israeliten. Auf Bileams Rat und Balaks Aufforderung kamen viele Midianiter zu den Zelten der Israeliten und brachten ihre Weiber und Töchter mit. Zur Feier ihrer götzendienerischen Feste an einem Wallfahrtsorte Baal-Peor luden sie die israelitischen Männer und Jünglinge ein. Dabei war es Brauch, daß die Weiber in einem Zelte ihre Keuschheit opferten und für den Erlös den Götzen Opfer brachten. Nicht wenige Israeliten ließen sich durch diese Anreizung zur Unzucht und zur Teilnahme an dem Opfermahle verführen, zwei Sünden, die den Grundbau der am Sinaï geoffenbarten Lehre angetastet haben würden, wenn sie noch mehr um sich gegriffen hätten. Es war ein so tiefer Abfall, daß er sich dem Gedächtnisse des Volkes zur Warnung einprägte:


»Wie Trauben in der Wüste

Fand ich Israel,

Wie Frühfeigen im Lenze

Sah ich eure Väter.

So wie sie nach Baal-Peor kamen,

Da weihten sie sich der Schandgöttin

Und wurden verworfen durch Liebesbrunst92


Das Schlimme dabei war, daß keiner unter den Israeliten den Mut hatte, auf Moses Befehl dem Unwesen zu steuern. Nur Pinehas, Aharons Enkel, wurde vom Eifer ergriffen. Beim Anblick einer Midianiterin, welche ein simeonitischer Stammeshäuptling vor den Augen aller in ein Zelt führte, erstach er beide und wendete die Pest ab. Das Volk kam dadurch zur Besinnung ob der begangenen Untaten. Es entspann sich infolgedessen ein Krieg. Scharen wurden ausgesendet, die Midianiter, die sich zur Überlistung und Verführung gebrauchen [51] ließen, zu verfolgen. Die Midianiter wurden besiegt und ihre Anführer getötet, auch der böse Ratgeber Bileam. Dadurch wurde die Freundschaft mit den Midianitern für lange Zeit gebrochen.

Auf der andern Seite hatte der Umschwung infolge der unerwarteten und folgenreichen Siege bei Jahaz und Edreï Lieder erzeugt, die erste Spur einer Begabung, ohne welche ein Volk eine hohe Stufe der Gesittung nicht ersteigen kann. Zunächst waren es Kriegs- und Siegeslieder, welche die hebräische Muse gesungen hat. Die Dichter derselben (Moschlim) fanden von Anfang an so viel Beachtung, daß ihre Erzeugnisse in einer Sammlung (Rolle der Kriege Gottes)93 aufbewahrt wurden. Es haben sich von diesen Liedern nur drei in bruchstücklicher Gestalt erhalten. Das am wenigsten verständliche schilderte wahrscheinlich die Züge der Stämme bis zum Augenblicke, wo sie sichere Lagerstätten fanden. Das zweite ist ein Brunnenlied, als sie zum ersten Male im ehemaligen Ammoniterlande Brunnen gruben und damit zu verstehen gaben, daß sie festen Besitz davon zu nehmen beabsichtigten. Alle Ältesten der Familien waren mit ihren Stäben beim Graben zugegen, und davon erhielt der Platz den Namen Fürstenbrunnen (Beer-Elim)94. Das dritte Lied ist beim Wiederaufbau des zerstörten Hesbon, der Sichonstadt, gedichtet worden. Die junge hebräische Poesie zeigt zwar in ihren Anfängen noch keine Tiefe und Glätte, aber sie hat schon zwei Eigenheiten, die sie später bis zur äußersten Feinheit ausgebaut hat. Von Seiten der Form hat sie schon das Gleichmaß der Versglieder (parallelismus membrorum). In zwei oder drei Versteilen wird derselbe Gedankengang mit passendem Wechsel wiederholt. Von Seiten des Inhalts schlägt die junge hebräische Muse schon einen ironischen Ton an, der ein [52] Erzeugnis der Doppelbetrachtungen war, der Betrachtung des Ideals und der ihm so wenig entsprechenden Wirklichkeit.


»Wehe dir Arnon95,

Wehe dir Moab!

Untergegangen ist das Volk des Khemosch (Götzen),

Er selbst hat seine Söhne als Flüchtige

Und seine Töchter als Gefangene

Dem König der Emoriter Sichon überliefert.«


Sollten die Israeliten ihr Ziel erreichen, das Land der Verheißung in Besitz zu nehmen, so durften sie nicht länger in dem fruchtbaren Gefilde zwischen Arnon und Jabbok verweilen, es mußten Anstalten getroffen werden, über den Jordan zu setzen. Dabei zeigte sich der Übelstand, welcher die Eroberung der Besitzungen von Sichon und Og nach sich gezogen hatte. Die Stämme Gad und Rëuben und ein Teil des Stammes Manasse erklärten mit einem Male, daß sie in dem eroberten Lande bleiben wollten, weil es weidenreich und günstig für ihre zahlreichen Vieh- und Kamelherden sei. Es klang, als wollten sie sich vom gemeinsamen Verbande lossagen und eine selbständige Existenz als Wanderstämme führen. Es war ein neuer Schmerz für Mose. Er machte ihnen wegen ihrer Absonderung bittere Vorwürfe, mußte ihnen aber doch nachgeben, daß sie das eroberte Land behalten sollten; nur mußten sie versprechen, daß ihre kriegstüchtigen Männer zur Hilfe der Bruderstämme über den Jordan ziehen würden. So entstand ein eigener Landesteil, der der dritthalb Stämme oder der jenseitige (Eber ha-Jarden, Peraea), der gar nicht in Aussicht genommen war. Sein Besitz hatte mehr nachteilige als vorteilhafte Folgen für den Verlauf der Geschichte. Der Jordan bildete eine Scheidegrenze zwischen den diesseitigen und jenseitigen Stämmen, und ihre Kraft war dadurch geteilt. Die dritthalb Stämme waren Angriffen von angesiedelten Völkerschaften und von Wanderstämmen ausgesetzt, und ihre diesseitigen Bruderstämme konnten ihnen nicht immer zur Zeit der Gefahr rasche Hilfe zukommen lassen. Die Sonderexistenz der Gaditen, Rëubeniten und Manassiten hemmte auch die innere Entwickelung; den Einflüssen fremder Elemente war dadurch mehr Spielraum gewährt.

Die übrigen Stämme waren schon gerüstet, über den Jordan zu setzen, als der große Führer Mose aus dem Leben schied. Wenn sämtliche Israeliten seinen Tod dreißig Tage beweinten, so haben [53] sie nicht zuviel getan, denn sein Verlust war unersetzlich. Sie fühlten sich mit Recht verwaist. Keiner unter allen Gesetzgebern, Staatenstiftern und Volksbildnern kann mit Mose in Vergleich kommen. Er hat nicht bloß aus einer Sklavenhorde in der allerungünstigsten Lage ein Volk geschaffen, sondern ihm auch das Siegel der Unvergänglichkeit aufgedrückt. Er hat dem Volksleibe eine unsterbliche Seele eingehaucht. Er hat seinem Blicke Ideale gezeigt, denen es nachstreben, und an deren Verwirklichung oder Nichtverwirklichung sein Wohl oder Wehe geknüpft sein sollte, Mose konnte von sich sagen, daß er das Volk getragen habe, »wie ein Wärter ein Kind«, und selten wurde er unmutig und ungeduldig. Seine Sanftmut auf der einen und seine Selbstlosigkeit auf der anderen Seite, zwei hervorstechende Eigenschaften neben seinem klaren Seherblick, haben ihn befähigt, Organ der Gottheit zu werden. Er durfte vor dem ganzen Volke sich rühmen, daß er auch nicht eine Kleinigkeit von irgend jemanden angenommen, und daß er niemandem etwas zuleide getan habe. Neidlos wünschte er, daß sämtliche Israeliten gleich ihm Propheten würden, daß Gott sei nen Geist auf sie gäbe. Mose war daher für die spätere Zeit das unerreichbare Ideal eines Propheten; die Erinnerung daran, daß an der Wiege des israelitischen Volkes so ein leuchtendes Vorbild stand, gab den folgenden Geschlechtern eine nicht geringe Anregung. Selbst Moses Tod wirkte belehrend. Im Lande Moab, im Tale, gegenüber dem den dortigen Bewohnern heiligen Berge Peor, wurde er still begraben, und niemand kennt sein Grab bis auf den heutigen Tag. Die Israeliten sollten nicht Vergötterung mit ihm treiben, wie die Völker es mit ihren Königen und großen oder für groß gehaltenen Männern und Religionsstiftern zu tun pflegten. Mit Trauer im Herzen um den Tod des geliebten Führers, der sie nicht ins verheißene Land einführen sollte, mit den großen Erinnerungen an die Erlösung aus Ägypten, an den Durchgang durch das Meer, an die Offenbarung am Sinaï, und mutig gestimmt infolge der Siege über die Könige Sichon, Og und die Midianiter, überschritten die Stämme an einem sonnigen Frühlingstage den Jordan, geführt von Mose's treuem Jünger Josua.


Fußnoten

1 Über die reckenhaften, himmelstürmenden Giganten םיליפנ, auch םיקנע ,םיאפר und םירובג genannt, s. Genes. 6, 4-5; Numeri 13, 32. 33; Ezechiel 32, 27, wo statt םילרעמ םילפנ zulesen ist: םילרע םיליפנ [Statt םילרעמ schlägt der Verf. in seinem variae lectiones םלועמ vor]; Hiob 26, 5 םהינכשו םימ תחתמ, wo םימ so viel ist wie םימי Meere. Der Sprachstamm אפר, wovon die Bezeichnung םיאפר und אפרה ידילי oder הפרה herkommt, scheint in der alten Sprache »stürzen« bedeutet zu haben, also םיאפר gleich םיליפנ »die Gestürzten«. Denn nur dieser Name wird von den gezüchtigten Giganten in der Tiefe des Schattenreiches gebraucht, niemals םיקנע, vgl. außer der Stelle in Hiob, Jesaia 14, 9; 26, 14. 19; Psalm 88, 11; Spr. 2, 18; 9, 18; in 21, 16 wird gar ein םיאפר להק eine ganze Versammlung von in die Unterwelt gestürzten Giganten genannt.


2 Numeri 13, 33; Deuteronomium 9, 2.


3 Herodot I, 1. VII, 98 ff. Strabo I, 24. Unter ϑάλασσα ἐρυϑρά oder ἐρυϑρεῖα, rotes Meer, verstanden die Alten nicht bloß das Meer zwischen Ägypten und Arabien, sondern auch den persischen Meerbusen, vielleicht auch das ganze Meer, welches von dem einen zum anderen führt. Der Ursprung der Benennung ist heutigen Tages noch ebenso schwankend, wie zur Zeit der Griechen (vgl. Strabo XVI, 20 und Ebers, durch Gosen zum Sinaï S. 518 f.); sie wird meistens von der roten Farbe des Meeres oder des benachbarten Bodens abgeleitet. Es scheint aber, daß das Meer von den daran wohnenden Idumäern (םודא) seinen Namen hat. Die Griechen hörten den Namen von den Phöniziern, und diese nannten es םודא םי, das idumäische Meer, übersetzten aber den Griechen םודא als »rot«. Ob auch Phönike (purpurrot) ursprünglich םדא bedeutet (Bunsen, Ägypten IV, 292)? Die Idumäer beherrschten das rote Meer in der vorsalomonischen Zeit. Auch am persischen Meerbusen wohnten idumäische Kolonien, die המער, Ῥέγμα, Ῥῆγμα, und die ןדד Genesis 10, 7, verglichen mit Jeremia 49, 8, Ez. 25, 13. [Über die Gleichung Kanaaniter = Phönizer vgl. v. Gutschmid, kl. Schriften II, 36 ff. Pietschmann, Gesch. d. Phönizier S. 98. 108. 126.]


4 Plinius, historia naturalis V, 17, XXXVI, 65: Tacitus, historiae 5, 7.


5 Den Vers Deuter. 33, 19 לוח ינומט ינופש deutet der Talmud [Megilla 6a und Sifre] taktvoll auf den Glassand am Belus und die Purpurschnecke im Küstensande von der tyrischen Leiter bis Khaifa.


6 [Nach dem jetzigen Stand der Untersuchung herrscht Einstimmigkeit darüber, daß die Phönizier die Buchstabenschrift verbreitet haben. Zweifelhaft bleibt, ob die Assyrer oder die Ägypter die Erfinder gewesen sind, vgl. Schlottmanns Artikel »Schrift und Schriftzeichen« bei Riehm-Bäthgen, HWB. d. bibl. Altert. II, 1449 f.].


7 Amos 2, 9.


8 Wenn die Ägyptologen richtig lesen, so führte schon der ägyptische König Sethos der XIX. Dynastie Kriege mit den Cheta (Bunsen, Ägyptens Stelle IV, 176 ff. Brugsch, Histoire d'Egypte S. 132 f. Als Könige der Cheta werden genannt: Sepalulu, sein Sohn Ma-ur-schar und dessen zwei Söhne Ma-uth-nur und Chetasar (das. S. 147 f.). Mit diesem letztern führte Sesostris der Große oder Ramses II. (Miamun) Krieg und schloß mit ihm ein Bündnis. Indessen ist es sehr zweifelhaft, ob darunter die Söhne Chet zu verstehen sind. Vgl. Note 4 und die eingehende Untersuchung von Paul Buhère in der Revue archéologique, Jahrg. 1864, S. 333 f. Les Kheta-u des textes hieroglyphiques, les Khatti des inscriptions cunéiformes et les Héthéens des livres bibliques. Auch diese Untersuchung widerlegt die Identifizierung der Cheta mit den יתח [vgl. hierzu jetzt Ebers, Ägypten und die Bücher Moses I, 285 ff. Schrader, Keilschr. und das A. Test., 3. Aufl., S. 188 f.u. 195 f. Meyer, Gesch. d. Altert. I, S. 213 ff.]. – Die kanaanitischen Völkerschaften zu lokalisieren und ihre Benennung von ihrem Aufenthalte abzuleiten, ist eine vergebliche Mühe. Die Bewohner von Sichem werden bald Chiwwi (Genesis 34, 2) bald Emori genannt (das. 48, 22); ebenso die Gibeoniten (Josua 9, 7. 11, 19, vgl. II. Samuel 21, 2).


9 Genesis 48, 22.


10 Solche Einwanderungen nach Ägypten kamen nicht selten vor. Auf dem Grabmal des Chnuhotep ist ein Bild von Einwanderern zu sehen, welche von dem ägyptischen Statthalter empfangen werden. Die Inschrift gibt den Kommentar dazu, daß eine Familie von 37 Personen, Männern, Frauen, Kindern samt Tieren und zwar vor dem Aam um Aufnahme bat (bei Brugsch das., S. 63 f. Auch das Bild ist daselbst mitgeteilt). Die Aam sollen mit den ןומע ינב identisch sein.


11 Diese Anschauung ist deutlich niedergelegt in Genesis 18, 19.


12 Deuteronomium 33, 4.


13 Genesis das. David Fr. Strauß muß trotz seines Nihilismus und seiner Antipathie gegen das Judentum bekennen, daß der Monotheismus die Pflanzschule für Zucht und Sittlichkeit wurde (Der alte und der neue Glaube, S. 105). Wenn er aber an einer anderen Stelle (S. 103) den Monotheismus der Israeliten ursprünglich und wesentlich die Religion einer Horde nennt, so beweist er auch mit dieser Behauptung, daß die Logik nicht seine treue Begleiterin ist. Alle Völker haben mit dem Urzustande des Hordenlebens begonnen, alle haben mit anderen gekämpft und mußten sich untereinander gegen außen zur Einheit und zum »Selbstgefühl« abschließen. Demnach hätte der Monotheismus älter als das Vielgötzentum sein müssen. Strauß verkennt das Judentum, weil er den Dualismus nicht überwinden kann, den Heinrich Heine zuerst so klar und wahr formuliert hat. Für hellenische Naturen ist Kunst und Wissenschaft, kurz das ästhetische Moment das Höchste, das Unsittliche und Gemeine soll aus ästhetischen Rücksichten gemieden werden. Für Positionen »außer Dienst« ist allerdings die Verschönerung des Daseins, ein süßes Nichtstun, wichtig. Allein es gibt doch auch ein Leben »im Dienste«, und dieses ist ohne Stoßen und Drängen unvermeidlich. Vermag die Ästhetik den sich aufbäumenden Egoismus und Animalismus zu bändigen? Nur die »Pflicht« und das »Gesetz« vermag es. Die Idee der Pflicht und des ethischen Gesetzes hat das Judentum in die Geschichte eingeführt, und zwar nur im Zusammenhange mit dem Monotheismus. Dieser selbst ist, wie jeder fruchtbare Gedanke, Produkt eines einzelnen Gehirns, mag dieses Abraham oder sonst jemandem angehört haben. Das Judentum als Erblehre entwickelte sich aus diesem Prinzip und stellt die Ethik über die Ästhetik. Freilich, wenn man den Schulbegriff von Religion, als »Erkenntnis und Verehrung Gottes und Glaube an eine zukünftige Welt« annimmt, oder sie quasi-philosophisch formuliert als bedrückendes Gefühl der Abhängigkeit, dann kommt die Religion des Judentums dabei zu kurz, oder vielmehr der Maßstab paßt gar nicht für sie. Für sie liegt der Schwerpunkt in der »Heiligkeit des Lebens«, in der vollen Betätigung der ethischen Anforderungen, die in Gesetze formuliert sind und Pflichten auferlegen.


14 Über die Lage des Landes Gosen s. Ebers a.a.O. S. 448 f. Es scheint, daß der gelehrte Ägyptologe zu viel bewiesen hat. Seine Entzifferung mancher Städtenamen im Lande Gosen ist nicht überzeugend. In der ägyptischen Sprache soll der Name von Gosen Kesem oder Kosem gelautet haben, das. S. 505 [Vgl. den Artikel »Gosen« bei Riehm-Bäthgen].


15 I. Chronik 7, 20-21.


16 Meistens wird eine Zwölfzahl der Stämme angegeben und die Josephiden, Ephraim und Manasse werden als zwei, Levi aber nicht mitgezählt. Manasse selbst zerfiel in zwei Stämme, den diesseitigen und jenseitigen; demnach gab es 13 Stämme und mit Levi 14. Es scheint, daß die Opferzahl 13 am Hüttenfeste, Numeri 29, 13, sich auf die dreizehn Stämme bezieht; Levi als Priesterstamm ist davon ausgeschlossen.


17 Genesis 49, 2-3; I. Chronik 5, 1.


18 Vgl. über die Ausbildung der Kunst und Wissenschaft bei den Ägyptern nach den Denkmälern, Brugsch a.a.O. S. 60 f. Brugsch selbst, der ein Bewunderer der Ägypter ist, muß zugeben, daß die von den Priestern gepflegte Astronomie nicht auf wissenschaftlichen Prinzipien, sondern auf praktischen Beobachtungen beruhte. – Nur in der Poesie haben die Ägypter nichts geleistet, weil sie das Ideale nicht kannten. Bis jetzt ist nur der Name eines einzigen Dichters bekannt geworden, Namens Penta-ur, welcher die Siege Ramses II. (Sesostris) besungen hat. Es ist eine langweilige, gemein-prosaische Lobhudelei auf den König-Gott (Übersetzung bei Brugsch das. S. 40 f.). Die Ägypter hatten auch Lobgesänge auf die Götter und Elegien (Maneros), alle ohne Spur von Poesie. Es bleibt nur noch die Literatur der Sentenzen, von denen Brugsch, (das. S. 29), Lauth und andere Proben mitgeteilt haben. Es sind hausbackene Lebensregeln und triviale Bemerkungen. Der Inhalt ihrer pompösen Inschriften auf den Riesenbauten sind inhaltsleere, kindische Redensarten, wie selbst Bunsen, ihr Bewunderer, zugeben muß (IV, S. 112 f.). [Ein wesentlich anderes Bild von der literarischen Tätigkeit der Ägypter erhalten wir auf Grund der neuen Entdeckungen, vgl. Ebers' Artikel »Ägypten« bei Riehm-Bäthgen I, 41 ff.]


19 Vgl. I. Samuel 2, 27-28. Der Vers ist kategorisch, nicht interrogativ zu nehmen, wie der Zusammenhang zeigt.


20 Dümichen, Bauurkunden der Tempelanlagen von Dendera, S. 12.


21 Cheops oder Chufu, der Erbauer der größten Pyramide bei Gizeh, hat alle drei Monate 100 000 Menschen zur Zwangsarbeit daran ausgehoben, und ihr Bau dauerte zwanzig Jahre.


22 Herodot II, 46; Strabo XVII, 4, p. 816. Damit zu vergleichen Leviticus, 18, 2 f.


23 Herodot II, 60; vgl. Ebers a.a.O. S. 482 f.


24 Ezechiel 20, 7-8; 23, 3-8.


25 Es wird jetzt allgemein angenommen, daß der auf ägyptischen Denkmälern Ramessu Miamun oder Ramses II., von den klassischen Historikern Sesostris, genannte König die Knechtung der Israeliten durchgeführt hat (Lepsius, Chronologie der Ägypter I, S. 134 f.; Königsbuch S. 117 f.; Brugsch a.a.O. S. 156 f.). Die Beweisführung ist aber durchaus nicht zwingender Natur. Aus dem Umstande, daß es in der Bibel heißt, daß Pharao von den Israeliten Pithom und Raamses bauen ließ, und es in dem Heldengedicht des ägyptischen Dichters Penta-ur von den Kriegstaten des Ramses II. heißt: »Seine Majestät kam in der Stadt des Ramses-Miamun an und ruhte sich in den doppelten Pylonen aus« (Brugsch das. S. 145, de Rougé, Recueil de travaux relatifs à la philologie égyptienne etc.), soll folgen, daß dieser Ramses die Stadt gleichen Namens erbaut habe. Sie kann aber ebensogut von Ramses I. erbaut worden sein. [Über die einschlägigen Fragen vgl. jetzt die Literatur-Angaben bei Maspero, hist. des peuples de l'Orient classique II, 473 ff. und Spiegelberg, der Aufenthalt Israels in Ägypten, S. 51. S. ferner Miketta, der Pharao des Auszuges (Freib. i. Br. 1903), der Tutmosis II. (1515-1401) und seine Vorgänger als Bedrückungspharaonen (a.a.O. S. 32) und Amenophis II. (1461-1436) als Exoduspharao setzt (a.a.O. S. 117).]


26 S. Note 1.


27 Leviticus 17, 7; vgl. auch 16, 5 ff.


28 Ezechiel 23, 2-8.


29 Micha 6, 4 wird Mirjam neben Mose und Aharon genannt, welche Gott dem Volke gesendet hat, es aus Ägypten zu befreien.


30 Vgl. I. Samuel 2, 27.

31 Man führt den Namen Mose auf das ägyptische Wort mes, mesu, zurück, welches Kind bedeuten soll, Gesenius Thesaurus s.v., Lepsius Chronol. 3, 26, Brugsch a.a.O. S. 157. Der Name ist jedenfalls ägyptisch und ebenso der Name Pinechas, ägypt. Pa-nechesi (Brugsch a.a.O. S. 173) und wahrscheinlich auch der Name Aharon. Es ist in letzter Zeit viel über Mose und sein Vorkommen in ägyptischen Inschriften geschrieben worden; vergl. Zeitschrift d. dtsch. morgenl. Ges., Ig. 1869, S. 30 f., Ig. 1871, S. 139, Lauth, Moses-Osarsyph. Es sind lauter vage Vermutungen, die kein historisches Material geben; noch dazu basieren sie auf Manethos sagenhaften Angaben. [Vgl. jetzt Jeremias, das A. T. im Lichte des alten Orients (Lpzg. 1904), S. 253.]


32 Exodus 3, 3. רבדמה רחא bedeutet westlich, im Gegensatz zu םדק östlich, wie oft רוחא dem םדק entgegengesetzt ist.


33 S. Note 2.


34 Numeri 12, 6-8.


35 Jeremia 23, 25-29.


36 Das. 20, 7-9.


37 Numeri 16, 28; Ezechiel 13, 2 f.


38 Exodus 3, 14-15. 'וגו ירכז הזו םלעל ימש הז bedeutet eigentlich, daß Gott nur mit diesem Namen angerufen werden will, und daß nur bei diesem geschworen werden soll: םש רכזה oder םשב bedeutet schwören beim Namen. Was Ebers behauptet, daß in den theologischen Schriften der Ägypter etwas Ähnliches vorkäme, nämlich die Bezeichnung von Gott: Anuk pu Anuk, »ich bin, der ich bin« (a.a.O. S. 528, Note 65), der Gott, der zugleich sein eigener Vater und Sohn, der das Heute, das Gestern und Morgen ist, sticht so sehr gegen die mythologischen Absurditäten der Ägypter ab, daß es unglaublich klingt. Es kommt auch darauf an, aus welcher Zeit diese und ähnliche metaphysisch llingende Phrasen stammen, ob sie nicht den Juden oder Hellenen entlehnt sind, selbst zugegeben, daß die Ägyptologen die Hieroglyphen richtig entziffert haben, was nicht immer vorauszusetzen ist. – Was den Monotheismus des Judentums betrifft, so wird selbst von ernsten Forschern gegenwärtig damit ein doppeltes Spiel getrieben. Entweder er wird als etwas Niedriges, die Kultur Hemmendes bezeichnet, der nur aus dem beschränkten Gesichtskreise der Semiten oder Juden entstehen konnte, als »Religion einer Horde«, oder als Produkt eines der Phantasie oder der Poesie baren Volksstammes, das den Reichtum der Mythologie nicht kannte, oder er wird als ein Plagiat von höher zivilisierten Völkern ausgegeben. Eines schließt das Andere aus, und doch werden beide Behauptungen mit vielem Aplomb und großer Zuversicht nebeneinander gesetzt. Es steckt Mißgunst und Rassenantipathie dahinter und ist Männern der Wissenschaft unwürdig. Suum cuique. Wenn etwas gewiß ist, so ist es die Tatsache, daß das Judentum den Monotheismus mit seinen Konsequenzen eingeführt hat. Falsch ist auch die Schlußfolgerung, daß, weil die Israeliten lange Polytheisten waren, der monotheistische Gottesbegriff erst einen Läuterungsprozeß durchgemacht habe, bis ihn erst die Propheten rein gefaßt hätten. Denn der Polytheismus herrschte offiziell auch noch nach dem Auftreten der großen Propheten bis zur Zeit des babylonischen Exils und noch darüber hinaus. Die Wahrheit ist, daß der lautere Monotheismus nur von einem besonderen Kreise gekannt und bekannt wurde, während der Geist des Volkes entweder ganz polytheistisch oder eklektisch im Dunkel darüber war. Zum strengen Monotheismus gehört der Gottesname Ihwh. Auch darüber sind entgegengesetzte Behauptungen aufgestellt worden, die eine, daß dieser Name, als der höhere, erst später von den Israeliten erkannt worden (daher die Hypothese, daß die jehovistischen Partien im Pentateuch und anderen biblischen Schriften jünger seien) und die andere, daß er aus der semitischen Mythologie entlehnt sei und dem Ἰαώ oder ἁβρὸς Ἰαώ, dem Dionysos (Ὕας, Εὔας, Εὐΐος, Ἰήιος) und auch dem Saturn (Typhon) entspreche. Dergleichen mythologische Etymologien und Analogien sollten doch nicht mehr ernst aufgestellt werden. Für das höhere Alter und den israelitischen Ursprung des Namens Ihwh spricht entschieden das alte Debora-Lied. Die Jehovisten- und Elohistenhypothese, worin die Anhänger selbst weit auseinander gehen, sollte endlich aus der biblischen Kritik und Isagogik schwinden, da sich damit doch keine Gewißheit erzielen läßt. [Vgl. hierzu Barth, Babel und israelitisches Religionswesen (Berlin 1902) S. 15 ff. und die erschöpfenden Ausführungen James Robertsons, die alte Religion Israels vor dem 8. Jahrhundert. Dtsche. Übers. von v. Orelli (Stuttgart 1905) S. 190 ff.]


39 Ezechiel 20, 7-8.


40 Exodus 14, 12.


41 Ps. 78, 44 ff.


42 Es wird noch allen Ernstes von besonnenen Forschern behauptet, daß die Israeliten wegen eines häßlichen Aussatzes von dem König Amenophis aus Ägypten verwiesen, zuerst in den Steinbrüchen geplagt, zuletzt nach Syrien verdrängt wurden. Diese Fabel stammt zumeist von Manetho. Seine Dynastienfolge mag richtig sein, seine Relation von den Hirtenvölkern oder Hyksos, welche Ägypten viele hundert Jahre unterjocht hätten, ist schon zweifelhaft, mag er darunter die Israeliten oder andere semitische Völker verstanden haben; aber entschieden ersonnen ist seine Erzählung von der Ausweisung der aussätzigen Juden. Schon der eine Umstand, daß er sowohl die Hyksos als die Aussätzigen aus Ägypten nach Hierosolyma (Jerusalem) ziehen läßt (Josephus contra Apionem I, 14. 26) stempelt die Relation zur Fabel, da Jerusalem damals noch nicht existierte, oder als Burg Jebus den Jebusitern gehörte. Der national-ägyptische Priester Manetho wollte entschieden damit die Juden, welche zu seiner Zeit am Hofe der Ptolemäer eine Rolle zu spielen anfingen, durch die Erinnerung an ihren Aussatz, ihre feindliche Haltung gegen Ägypten und ihre endliche Austreibung verächtlich und verhaßt machen, was Josephus richtig herausgelesen hat. Die Ägypter, in ihrer Nationalität gekränkt, rächten sich an den Fremden durch lügenhafte Märchen über deren Urgeschichte. Erzählten sie doch dem Hekatäus aus Abdera, daß nicht bloß die Juden sondern auch Griechen und andere Fremde aus Ägypten vertrieben wurden, weil die Götter dem Lande gezürnt, daß es Fremde beherbergt habe und daher eine schreckliche Pest über das Land verhängt hätten (Diodor 34, 1). Sonderbar klingen Lepsius' Beweise für den Aussatz der Israeliten bei dem Auszuge, weil im Pentateuch Gesetze über den Aussatz vorgeschrieben sind, weil Mirjam vom Aussatz befallen war und dergleichen (Chronologie d. Ägypt. S. 325). Aller Aufwand von Scharfsinn und Gelehrsamkeit, die Lepsius, Bunsen und andere aufgeboten haben, um Manethos Relation von dem Aussatze historisch zu machen, hat keine Beweiskraft. Auf dieser Fabel Manethos von der Vertreibung der Aussätzigen, d.h. der Israeliten, aus Ägypten, beruht die Fixierung des Auszuges um das Jahr 1314 oder zwischen 1314-21, welche Bunsen (Ägypten III, 94. IV, 83 f.) und Lepsius (das. S. 172 f.) zuerst aufgestellt haben, und die gegenwärtig allgemein angenommen wird. Das ganze Gebäude der Beweisführung ruht aber auf schwachem Grunde. Die Ägypter hatten in ihrer Zeitrechnung auch eine Sothis oder Siriusperiode von 1400 Jahren. Die letzte geschichtliche begann nach einer Angabe des Censorinus 1322 der vorchristl. Zeit, und zwar nach einem Zitat von Theon (welches Larcher zu Herodot II, S. 556 zuerst mitgeteilt hat), während der Regierung des Königs Menophres. Nun haben die Ägyptologen herausgebracht, daß in dieser Zeit ein König Menephtes oder Menephta der XIX. Dynastie regiert hat. Das ist zwar nicht ganz rechenfest, denn bei mehreren Dynastien fehlt die genaue Bestimmung der Jahre und ist nur durch Hypothesen ergänzt; vgl. Note 19. Gesetzt aber auch, daß Menephta 1322 regiert hätte, und daß Theons Menophres in Menephtes emendiert werden darf, was einige nicht zugeben, woher weiß man, daß der Exodus unter diesem Könige stattgefunden hat? Weil Manetho angibt, der König, welcher die Aussätzigen vertrieben, habe Amenophis geheißen? Die Hypothese strengt sich darum an, Amenophis mit Menophres und Menephta und die Israeliten mit den Aussätzigen bei Manetho zu identifizieren. Es liegt zu viel Konjektural-Chronologie in diesem Datum, als daß es zuverlässige Gewißheit geben sollte. Bisher haben die ägyptischen Denkmäler des neuen Reiches keine Spur von dem Aufenthalte der Israeliten gezeigt, und noch weniger von ihrer Ausweisung. Denn Lauths Entzifferung von den Apuriu und ihrer Identität mit den Hebräern ist zweifelhaft [vgl. hierzu jetzt Miketta, a.a.O. S. 50 ff.]. Woher hatte also Manetho im dritten Jahrhundert seine Nachricht über die Israeliten aus einer Zeit mehr als ein Jahrtausend vorher? Kurz, der Pharao des Auszuges Menephta und das Datum, beides ist noch unsicher. Dazu kommt noch, daß die israelitische Chronologie bezüglich des Exodus damit durchaus nicht stimmt, wie sehr auch Lepsius sich bemühte, die Konkordanz herzustellen (das. S. 359 f.), vgl. noch Rösch in Herzogs Realenzykl. S. 447 und Note 19 Ende [vgl. meine Bemerkung zu S. 16, Anm.]


43 Die Dauer des Aufenthaltes in Ägypten ist zweifelhaft. Einmal ist angegeben (Exod. 12, 40), er habe 430 Jahre gedauert, und an einer anderen Stelle (Genesis 15, 13) 400 Jahre, eine runde Summe und zwar 4 Geschlechter (das. v. 16). Diese vier Geschlechter ließen sich an den Nachkommen Levis berechnen, wenn je das Alter des Vaters bei der Geburt des Sohnes angegeben wäre (Exod. 6, 16 f.), nämlich Levi, alt geworden 137 Jahre, Kehat 133, Amram 137, Mose 80 Jahre (das. 7, 7). Drei Geschlechter geben in der Regel 100 Jahre, nimmt man hier das Doppelte an, 200 Jahre, und dazu Moses Alter 80 Jahre, so geben diese zusammen doch nur 280 Jahre. Der Widerspruch ist schon früh erkannt worden. Der griechische Übersetzer des Exodus hat daher den Zusatz, der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten und im Lande Kanaan dauerte 430 Jahre. Ebenso gleicht der Talmud den Widerspruch aus, daß der Anfang der 430 Jahre nicht von dem Eisodus, sondern von der Geburt Isaaks an zu berechnen sei. Das Seder Olam Rabba (um 170 nachchristl. Zeit) läßt den Aufenthalt der Israeliten. in Ägypten nur 210 Jahre (ו"דר) dauern. Lepsius hat diese Zahl annähernd richtig gefunden, namentlich daß der Exodus 2448 aerae Mundi = 1314 d. vorchristl. Zeit stattgefunden habe (a.a.O. S. 360 f.). Unrichtig ist nur die Annahme, mit der er (das. S. 362 f.) beweisen will, daß Hillel ha-Naßi II., der Begründer des festen jüdischen Kalenders, weil er Zeitgenosse des Mathematikers Theon von Alexandrien, des Vaters der gelehrten und unglücklichen Hypatia, gewesen, gleich diesem die Ära des Menephta gekannt und daher die biblische Chronologie danach bestimmt und den Auszug aus Ägypten 2448 Mundi angesetzt hätte (vgl. o. S. 28). Die chronologische Berechnung, welche darauf beruht, daß der Auszug 2448 (ח"מת 'ב) nach der Schöpfung stattgefunden habe, ist aber älter als Hillel II.; sie wird schon von einem talmudischen Autor des dritten Jahrhunderts als bekannt vorausgesetzt (Pesikta Rabbati c. 9). Die Berechnung von der Dauer des Aufenthaltes in Ägypten unterliegt übrigens einer Kontroverse älterer Autoritäten und hätte nach der einen 210, nach einer anderen 215 Jahre (Pirke di Rabbi Eliëser c. 48) betragen [vgl. jetzt Miketta, a.a.O. S. 16 ff].


44 S. Note 3.


45 Vgl. Note 3 von dem Durchzuge durch das Meer.


46 Das., vgl. Hosea 2, 17.


47 Ps. 68, 25-27.


48 Exodus 15, 4-10.


49 Das ist der Sinn des Schlußverses im Liede am Meere, Exodus 15, 18.


50 S. Note 4.


51 Vergleiche über das Manna in der Sinaïhalbinsel mit dem Nachweise, daß es nur hier bei der Häufigkeit der Tamarix mannifera vorkommt, die höchst belehrende Abhandlung von Carl Ritter, Erdkunde, der Sinaï-G'ebel B. I, S. 665 f. Ehrenberg nimmt an, daß das Manna durch die Schildlaus Coccus manniferus entstehe, was andere Beobachter in Abrede stellen. Nach einigen Ägyptologen sollen die Tropfen schon den Ägyptern unter demselben Namen Mannu bekannt gewesen sein (Ebers, Durch Gosen S. 226).


52 Deuteron. 8, 3.


53 Palmer, the desert of the Exodus, S. 51, identifiziert die Amalekiter mit den im Koran erwähnten ןידומת, welche aus Yemen vor einer drohenden Flut ausgewandert sein sollen und in der Sinaïhalbinsel umherstreiften.


54 Vgl. Note 4.


55 Bis 1854 war die Ansicht vorherrschend, daß eine der zwei höchsten Kuppen des Gebirges, die von den Arabern G'ebel Musa genannte oder die südlich davon gelegene G'ebel Katherin der Berg des Gesetzes sei. Lepsius, welcher dies Gebirge besuchte, stellte dagegen die Hypothese auf, daß der nicht weit von der Küste des roten Meeres gelegene Berg Serbal der Sinaï oder Horeb sei. (Reise von Theben nach der Halbinsel des Sinaï 1845. Vgl. Note 4.) Hitzigs Hypothese, daß der Serbal ein uralter heiliger Berg gewesen sei, dem Schiwa geweiht, auf dem die palästinensischen Philister Gottesdienst gehabt hätten, ist Träumerei. – Die Inschriften, die man häufig in diesem Gebirge findet, namentlich in dem davon genannten Wady Mukatteb und auf dem G'ebel Mukatteb sind jüngeren Ursprungs. Über die von Cosmas Indicopleustes im 6. Jahrh. zuerst entdeckten sinaitischen Inschriften vgl. E. F. F. Beer, Inscriptiones veteres litteris et lingua hucusque incognitis ad montem Sinaï magno numero servatae 1840; Tuch, Ein und zwanzig Inschriften Zeitschr. d.D. M. G. 1849, S. 129 f., M. A. Levy in derselben Zeitschr. 1860, S. 363 f. Blau, über die nabatäischen Inschriften das. 1862, S. 331 fg.


56 Der Sinn von אושל 'יי םש תא אשת אל ist dunkel. »Gott fluchen« bedeutet es gewiß nicht, weil jede Analogie fehlt: »einen Meineid bei Gott schwören«, bedeutet es ebensowenig, und noch weniger die vulgäre Auffassung: vergeblich den Namen Gottes aussprechen. אשנ mit לע konstruiert bedeutet: »auf jemand hintragen, jemandem etwas beilegen«. Ps. 15, 3. וברק לע אשנ אל הפרחו, er legte nicht seinem Nächsten Schmach bei. Wie öfter wird auch hier die Präposition לע in ל erleichtert. In diesem Sinne ist Ps. 24, 4. nach dem Keri aufzufassen: ישפנ אושל אשנ אל רשא, der mein Wesen, meine Bedeutung, nicht dem Eiteln, den Götzen beilegt (אוש hat hier die Bedeutung wie Jeremia 18, 15 ורטקי אושל), das Nichtige, die Götzen als Gott anerkennen; ישפנ steht für ימש. In diesem Sinne ist wohl auch im Dekalog 'יי םש תא אשת אל zu nehmen. Die Ausführung des Gedankens ist Exodus 23, 13:וריכזת אל םירחא םיהלא םשו.


57 ףאנ wird im Hebräischen vorwaltend vom Ehebruch gebraucht, doch wird es auch hin und wieder für Unzucht im allgemeinen angewendet. Im Dekalog ist gewiß jede Unzucht mit Blutsverwandten, auch Päderastie und Sodomiterei verstanden, da es sonst deutlicher hätte bezeichnet werden müssen.


58 Strauß selbst, so sehr er auch aus altprotestantischer Gewohnheit das Judentum unterschätzt, kann nicht umhin, den Schluß des Dekalogs zu bewundern (Der alte und neue Glaube, S. 234): »Ganz über das Rechtsgebiet hinaus und ins Innere der Gesinnung hinein greifen die beiden merkwürdigen Anhangsgebote, die das Gelüstenlassen nach dem Weibe oder Gute des Nächsten untersagen.« Strauß erkennt öfter die höhere Ethik des Judentums an, die er weder im Christentum, noch in seinem Schoßkinde, dem Ariertum, finden kann, so z.B. die höhere sittliche Weihe der Ehe (S. 254); aber seine Voreingenommenheit läßt ihn nicht dazu kommen, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.


59 Den Gegensatz der dekalogischen Lehre und der heidnischen Anschauung von Gott hat Strabo in den kurzen Worten auseinandergesetzt (Geographica XVI, 35.): »Mose lehrte, daß die Ägypter nicht richtig denken, wenn sie die Gottheit dem Tiere und dem Hausvieh gleich gestalten, auch nicht die Lybier, auch nicht viel besser die Griechen, wenn sie dieselben menschenähnlich bilden. Denn nirgends sei Gott, welcher das All umfaßt und die Erde und das Meer ... Wer, der Verstand hat, darf sich erdreisten, ein irgend einem der Dinge gleiches Abbild dieses Wesens zu erdichten? Man müsse vielmehr alles Bildnismachen unterlassen ...und die Gottheit verehren ohne Bildnis.« In dieser objektiven Wiedergabe Strabos steckt stille Bewunderung. Strabo gehörte noch der vorchristlichen Zeit an und bildete sich in Alexandrien; der alexandrinisch-jüdische Einfluß auf ihn ist unverkennbar.


60 Richter, 5, 4-5. Psalm 68, 8-9.


61 Deuteronium 33, 2-4.


62 Habakuk 3, 3-8. םינרק in V. 4 ist dunkel. Die syrische Version gibt es wieder durch יהודיאד אתירקב; das Wort אתירק bedeutet auch »Säule«. Sie übersetzt also: mit den Säulen seiner Hand. Im Arabischen bedeutet ןרק unter anderem auch eine Steinsäule. Nimmt man dazu, daß ןרק auch im Hebräischen Fels bedeutet, so kann םינרק im Dual dichterisch für תוחל יתש, die beiden steinernen Tafeln oder Säulen, gesetzt sein.


63 Statt des tautologischen םירהנב muß das erste Mal dafür םירהב gelesen werden.


64 Psalm 81, 6-11.


65 I. Könige 8, 9. Davon bildete sich der Ausdruck בל חול die Tafel des Herzens, Sprüche 3, 3. Auch in Jeremia 31, 32 muß es gelautet haben םבל חול לעו הנבתכא.


66 Neben der Bezeichnung תירבה תוחול kommt auch die תדעה תוחול vor, auch schlechtweg תדעה für die Tafeln. תדע stammt vom Verbum דוע im Hiphil, das auch Warnen, Belehren bedeutet. Es erhielt aber noch eine andere Bedeutung, weil das Volk sich zum Zelte der Tafeln versammelte, und dieses דעומ להאgenannt wurde. Dieses Zelt wurde daher auch תדעה להא und תדעה ןכשמ genannt, vom Verbalstamme דעי.


67 Exodus 24, 7.


68 Leviticus 6, 6. Die Erinnerung an das Feuer des Sinaï ist angedeutet Numeri 28, 6.


69 Vgl. Jeremia 7, 22-23; Amos 5, 25.


70 Psalm 50, 9-13.


71 Das. 40, 7, vgl. 51, 18.


72 Hosea 6, 6; vgl. 8, 13.


73 Jesaja 40, 16.


74 Numeri 10, 31; I. Samuel 15, 6.


75 S. Note 4.


76 Dieselbe Note.


77 Numeri 13, 21 vgl. mit Richter 18, 28.


78 Folgt aus Deuteron. 1, 46.


79 Folgt aus Deuteron. 2, 28-29.


80 Deuteron. 1, 13-17; Leviticus 19, 15; Exodus 23, 6-9.


81 Jeremia 2, 2.


82 Deuteron. 32, 10-12 das Verbum והאצמי geben die LXX gut wieder durch αὐτάρκƞσε, gleich והאיצמי, und והננובי durch ἐπαίδευσεν.


83 Die vierzigjährige Wanderung ist auch durch den ältesten der schriftstellerisch tätigen Propheten, durch Amos bezeugt 2, 10; 5, 25.


84 S. Note 10.

85 Wenn die Station ןוניפ (Numeri 33, 42-43) identisch sein sollte mit dem späteren Φαινών, dessen Lage aus Eusebius' Onomasticon bekannt ist, zwischen Zoar und Petra, so wäre ungefähr die Route gefunden, welche die Israeliten im vierzigsten Jahre vom Meerbusen von Ailat bis zum Arnon eingeschlagen haben. Eusebius sagt (ed. Legarde p. 299 [ed. Klostermann S. 168]) αὕτƞ δέ ἐστι Φαινων ἔνϑα τἀ μέταλλα τοῦ χαλκοῦ (Ergänzung aus Hieronymus' Übersetzung: nunc viculus ... ubi aeris metalla damnatorum suppliciis effodiuntur) μεταξὺ κειμένƞ Πέτρας πόλεως και Ζωόρων. Über die Tatsache, daß in Phainon oder Phanun oder Phena Metallminen waren, da noch zur Zeit Diokletians christliche Märtyrer in diese Gruben zur Strafe geschickt werden, vgl. Ritter, Sinaïhalbinsel I, S. 126, wo die Belege zusammengestellt sind, und Movers, Phönizier I, S. 20, der damit die Sage von Phineus und seinen in der Erde Schoß eingekerkerten und gezüchtigten Söhnen und den Städten Phinion in Thrazien und Bithynien in Verbindung bringt. Daß Phunon oder Phinon ein idumäischer Ort war, folgt aus dem Verzeichnis der idumäischen Stämme (Genesis 36, 4) ןוניפ ףולא. Denn die daselbst aufgezählten Stämme bezeichnen Lokalitäten, wie in םתעג ףולא Gatham die wichtige Station Wady Getum (Gatum, Ithum) wiederzuerkennen ist, welche von dem Meerbusen Ailat-Akaba und dem Gebirgspaß teils nach Osten und teils nach Westen liegen, und welche die Israeliten auf ihren Zügen öfter betreten haben müssen. Vgl. Ritter das. S. 96, 306 und an anderen Stellen. Phunon oder Phinon, die Bergwerksstadt in Idumäa, muß nun an der Ostseite des Gebirges Seïr gelegen haben, da die Idumäer ihnen den Durchgang durch das Gebirge von der Arabah aus nicht gestatten mochten. Haben sie ja auch Tophel an derselben Seite berührt (Deuteron. 1, 1): לפת ןיב, das man in dem noch vorhandenen Tafileh, Tufileh wiedererkannt hat. Haben Phunon und Tophel an der Ostseite des idumäischen Gebirges gelegen, so ist die Angabe Eusebius', daß das in Deuteron. das. erwähnte בהז יד in der Nähe von Phainon lag und den Namen von den Goldgruben hat, nicht so sehr zu verwerfen, Eusebius schreibt (Onom. das. p. 269 f. [ed. Klostermann S. 114] unter Art. κατά τά χρύσεα): λέγεται δὲ ἐν Φαινων χαλκοῦ μετάλλοις τὸ παλαιὸν παρακεῖσϑαι ὄρη χρυσοῦ μετάλλων. Denn Di-Zahab mit Dhahab zu identifizieren, das weitab südlich an der Westgrenze des ailanitischen Meerbusens gelegen hat, ist durchaus unstatthaft. So weit südlich sind die Israeliten gewiß nicht gekommen, es lag außerhalb der Route vom Sinaï zur Arabah; sie hätten denn von Aïn-Hudhera durch das Wady Dhahab sich mehrere Meilen südlich wenden müssen (gegen Ritters und anderer Annahme). Andererseits wissen wir, daß in Idumäa Gold gegraben wurde, denn von der Stadt רצב, dem idumäischen Bostra, jetzt el-Buseireh, hat im Hebräischen das Wort die Bedeutung Gold erhalten (Hiob 22, 24-25; 36, 19 רצב für רצב [vgl. auch Hoffmann in der Ztschr. f. Assyrologie 1887, S. 48]; falsch ist Ableitung von רצב »brechen«, diese Bedeutung hat das Verbum keineswegs). Der erste Vers Deuteron. gibt also die Stationen näher an, wo Mose die in den vorangegangenen Büchern enthaltenen Worte gesprochen (םירבדה הלא im Gegensatz zu der Erklärung, welche Mose im Lande Moab gegeben hat. V. 5): Jene Worte sind gesprochen worden im allgemeinen רבדמב und הברעב in der Arabah, speziell ףוס לומ d.h. in der Nähe des ailanitischen Meerbusens, ןראפ ןיב, d.h. Kadesch in der Wüste Paran, לפות ןיב, eben Tufileh, ferner in ןבל wohl identisch mit הנבל (Numeri 33, 20-21), in תורצח, das bekannt ist (s. Note 4) und endlich בהז יד d.h. in der Nähe der idumäischen Goldgruben. Mit Di-Zahab ist wohl identisch הפוסב בהו [Num. 21, 14], wo die LXX. haben: Ζωόβ und vielleicht auch הבהנד (Genesis 36, 32).


86 Richter, 11, 17-18, auch Deuteron. 2, 5 f., fehlt Numeri 21, 4 ff.


87 S. Note 12.


88 Exodus 15, 14-16.

89 S. Note 12.


90 Bileams Auftreten wird auch vom Propheten Micha bezeugt 6, 5.


91 In Numeri 31, 15-17 ist deutlich darauf hingewiesen, daß Bileam die Verführung zur Unzucht geraten hat, wie es der Talmud richtig aufgefaßt hat und auch der Verf. der Apokalypse 2, 14: διδαχὴ Βαλὰμ ὅς ἐδίδασκεν τῷ Βαλὰκ βαλεῖν σκάνδαλον ἐνώπιον τῶν υἱῶν Ἰσραὴλ ϕαγεῖν εἰδωλόϑυτα καὶ πορνεῦσαι. Die Tatsache ist noch belegt durch Hosea 9, 10; im ganzen Verlaufe der Erzählung Numeri K. 25 und 31 ist von Midian und Midianitern die Rede. Numeri 25, 1 heißt es dagegen באומ תונב; es müssen also auch hier die Töchter Midians darunter verstanden werden.


92 Hosea das.


93 Numeri 21, 14. Ob dieses Buch identisch ist mit רשיה רפס Josua 10, 13 und II. Samuel 1, 18 läßt sich nicht zur Gewißheit erheben. – Der Vers in Numeri ist übrigens das Bruchstück eires größeren Liedes, das untergegangen ist; das Prädikat fehlt vor בהו תא הפוסב. Die LXX haben zwar das fehlende Verbum, τὴν Ζωόβ ἐϕλόγισε, aber dieses ist eine Übersetzung von הפוסב oder הפוס, sie lasen ףרש. Eher ist zu ergänzen רבענו »wir zogen vorbei«. Wahrscheinlich wurden die Stationen aufgezählt, welche die Stämme berührten, und die Plätze, an denen sie vorübergegangen sind, weil sie sie nicht angreifen durften. Man muß also ergänzen ןונרא םילחנה תאו הפוסב בהו תא רבענו (vgl. o. S., 48 Anmerk.)


94 Das. 21, 17-18 ist nicht ein spielendes Schäferlied, wie Ewald meint, sondern ein Brunnenlied, beim Graben des Brunnens gesungen, welches eine Wichtigkeit für alle hatte. Man grub Zisternen nur in Territorien, die man als Eigentum betrachten konnte, wie aus der Geschichte von Abraham und Isaak bekannt ist. Beer-Elim, Jesaja 15, 8.


95 Das. 21, 27-29 ist wohl auch ein fragmentarisches Lied. Die syrische Übersetzung hat in V. 29 passend: באומ ךל יו ןונרא ךל יו.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 55.
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