16. Die Bedeutung der Ämter Sopher und Maskhhir.

[418] Die Methode, gleichklingende hebräische Wörter von grundverschiedener Bedeutung unter einen Hut zu bringen, eine gleichklingende arabische oder aramäische Wurzel per fas et nefas zur Vergleichung heranzuziehen und daraus die Grundbedeutung abzuleiten, hat zu vielen Irrtümern geführt. Es ist hier der Ort nicht, nachzuweisen, wie ein Teil der etymologischen Operationen in der hebräischen Lexikographie auf Verkennung beruht, und daß die Entfaltung der Bedeutung der Wörter nicht genetisch verfolgt wurde. Hier soll nur die Ableitung und Bedeutung von רפס und ריפזמ entwickelt werden, mit welchen an dem israelitischen Hofe von David an Beamte benannt werden.

Bei רפס [sofer] wird in den Etymologicis vorausgeschickt, daß der Name רפס im Aramäischen, Neuhebräischen und allenfalls auch im Arabischen abschaben und scheren bedeutet, רפס ein »Scherer« und םירפסמ »Schere«, ferner bedeutet רפס Meeresküste und Grenze. Aber damit ist nichts anzufangen, und es reicht nicht aus, das hebräische Verbum רפס [safar] »zählen« und רפס [siper] »erzählen« zu erklären. Da wird eine unbegründete Urbedeutung »eingraben, einschneiden« aufgestellt und die arabische Analogie herbeigezogen, daß ausnahmsweise רפס auch »ein Buch schreiben« bedeute. Damit ist der etymologische Ausbau fertig. Übersehen wird, daß die Wurzel רפס im Arabischen sehr viele und die allerverschiedensten Bedeutungen involviert, und daß es meistens »eine Reise machen« und »dem Kamel einen Maulkorb anlegen« bedeutet. Da im Arabischen רפס auch ein großes Buch bedeutet, und zwar ganz besonders den Pentateuch, so hätten die Etymologen daran erkennen sollen, daß diese seltenere Bedeutung des Substantivums (und auch des Verbums רפס »ein Buch schreiben«) erst durch judäischen Einfluß in das Arabische eingedrungen sein kann.

Geht man davon aus, daß רפס im Hebräischen ursprünglich »Schreiber« und als Hofamt »Kanzler« bedeute, so wird damit ein kulturhistorisches Moment vorausgesetzt, das erst nachgewiesen werden muß, nämlich, daß an den israelitischen Höfen von David an die Tagesbegebenheiten aufgeschrieben und aufgezeichnet worden seien. Sieht man aber von den schillernden Analogien ab und sucht die Bedeutung auf, welche das Wort im Hebräischen vorherrschend hat, so kommt man zu einem anderen Resultat. Zugegeben wird wohl werden, daß die Partizipialform רפס [sofer] jüngeren Ursprungs ist als die Verbalformen.

[418] Nun bedeutet, wie schon gesagt, רפס im Hebräischen nichts anderes als »zählen« und im Piel »er zählen«, d.h. die Vorgänge der Reihe nach »aufzählen«, z.B. םתוא תואצמה לכ תא ול ורפסיו (Josua 2, 23); עשילא השע רשא תולדגה לכ תא יל אנ הרפס (II. Könige 8, 4). Es involviert auch die Bedeutung: »eine wohlgesetzte Erzählung von dem Werte einer Person geben«, gewissermaßen das Epos eines Lebenden auseinandersetzen, daher loben, rühmen, preisen; davon רפס דובכ, ferner תולהת רפס, auch םישעמ und תואלפנ. In רפס [sofer] kann also nur die Bedeutung »Zähler« liegen, einer, welcher zählt. Gezählt wurde die Mannschaft, welche zum Kriege ausgehoben wurde, 1000 aus einem Stamm oder 1000 aus einer größeren und 100 aus einer kleineren Stadt (Amos 5, 3). רפס hat ungefähr die Bedeutung wie das griechische καταλέγειν στρατιώτας, Soldaten ausheben, weil die ausgehobenen Krieger in eine Liste eingetragen wurden. Derjenige, welcher dieses Geschäft verrichtete, hieß רפס [sofer], gleich καταλογεύς, der eine Liste anlegt. So wie der καταλογεύς eine Liste der Gezählten, κατάλογος, anfertigte, ebenso der רפס [sofer] ein רפס [sefer], eine »Liste«. – רפס30 ist also ursprünglich nichts anderes als eine Zählungsliste, eine lange Rolle Papyrus, worin die Ausgehobenen eingezeichnet waren. Der רפס hatte also nur ein militärisches Amt, was auch deutlich hervorgeht aus Jeremia 52, 25; II. Könige 25, 19, םע תא אבצמה אבצה רש רפסה ץראה. Er führte einen Stab zur Züchtigung bei sich רפס טבשב םיכשמ (Richter 5, 14). Der ךלמה רפס oder ךלמל war also nur ein militärischer Beamter. Erst später wurde רפס der Schreiber überhaupt genannt, weil das Amt desselben es mit sich brachte, zu schreiben, und רפס [sefer] erhielt die Bedeutung »Rolle«. תותירכ רפס und הנקמה רפס vgl. auch Numeri 5, 23. Als רפס die Bedeutung eines größeren Volumens erhielt, gebrauchte man für eine kleine Rolle den Ausdruck רפס תלגמ, und erst als רפס noch dazu die Bedeutung »Buch«, und zwar הרותה רפס »Gesetzbuch«, erhalten hat, war der רפס, der Buchkundige, identisch mit ןיבמ. Man muß also namentlich bei der Bedeutung des Wortes רפס die vorexilische und die nachexilische Zeit auseinanderhalten. David war der erste, welcher das Sopheramt eingeführt hat, da er infolge der häufigen Kriege die Übersicht über die Disponibilität der Truppen haben mußte. Der erste, der dieses Amt bekleidete, war הירש oder אשיש (אוש). Seine Söhne erbten dieses Amt unter Salomo (I. Könige 4, 3). Unter Jojakim gab es sogar zwei Zählmeister (Jeremia 36, 10-12). Der letzte dieses Amtes wird wohl Jonathan unter Zedekia gewesen sein (das. 37, 15 f.).

Ebensowenig richtig ist es, den Hofbeamten ריכזמ ohne weiteres zum [419] Hofhistoriographen, Reichsannalisten zu machen, cujus erat, res gestas regis et historiam imperii conscribere. Wenn auch bei den Persern ein Beamter mit einer solchen Funktion betraut gewesen ist, so kam es doch bei den älteren Ägyptern nicht vor, regelmäßige Jahrbücher zu schreiben. Daher ist die ägyptische Geschichte bei der Masse von Denkmälern und pompösen Inschriften so arm an echt geschichtlichen Aufzeichnungen. Um den Maskhhir zu erklären, müssen wir von hebräischen Analogien ausgehen. Es hat ein ןורכז רפס, eine »Rolle der Erinnerungen« gegeben, worin die Würdigen und Verdienstvollen aufgezeichnet wurden (Maleachi 3, 16). Anderseits ist angedeutet, daß die Namen der Feinde ebenfalls in eine Rolle zur Erinnerung eingetragen wurden. Also Verdienste und Vergehungen wurden aufgezeichnet (vgl. Jesaia 4, 3: םייחל בותכה לכ, Ps. 139, 16: ובתכי םלכ ךרפס לעו). Hatte sich ein Würdiger, dessen Name bereits eingetragen war, vergangen, so wurde er aus dem Buche oder der Rolle ausgelöscht. Daher der Ausdruck רפסמ החמ (Exodus 32, 32 f., Ps. 69, 29), jemanden ausstreichen aus dem Buche oder seine Verdienste ausstreichen: וידסח החמ (Nehemia 13, 14). Auch Vergehungen wurden ausgelöscht, wenn dem Frevler Amnestie erteilt wurde; daher der Ausdruck אטח, עשפ, ןוע החמ. Am wichtigsten war es selbstverständlich, die Namen derer aufzeichnen zu lassen, welche sich irgend etwas gegen die Könige hatten zuschulden kommen lassen; ihre Vergehungen waren genau verzeichnet, um gelegentlich in Erinnerung gebracht zu werden. Eine stehende Bezeichnung dafür war ןוע ריכזה, »die Schuld in Erinnerung zu bringen« (I. Könige 17, 18; Ezech. 29, 16) und noch bezeichnender שפתהל ןוע ריכזה, »das Vergehen in Erinnerung zu bringen, um festgehalten, bestraft zu werden« (das. 21, 28). Dazu war nun der ריכזמ bestellt. Sein Geschäft war, über die Freunde und Feinde des Königs Buch zu führen, einerseits die Verdienste um den König und anderseits die Majestätsbeleidigungen, die nicht sofort bestraft werden konnten, aufzuzeichnen und die Namen gelegentlich (הדוקפ תע) in Erinnerung zu bringen. Das Amt hing mit dem Königtum oder mit dem persönlichen Regiment zusammen. Das Verzeichnis der Helden Davids (o. S. 381 ff.) hat wahrscheinlich der ריכזמ aufgezeichnet und ebenso die Nachricht von den Zweikämpfen, welche als Nachtrag zu II. Sam. 21, 15 ff. erhalten ist. Ebenso war wohl das Verzeichnis von Salomos Amtsleuten (I. Könige 4, 8 ff.) von dem »Erinnerer« aufgezeichnet. Aus solchen Verhältnissen mag dann ein Teil der Tagebücher םימיה ירבד entstanden sein, die doch wohl existiert haben müssen, obwohl es auffallend bleibt, daß solche erst von Rehabeam an erwähnt werden und nicht schon aus der Zeit Salomos.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 418-420.
Lizenz:
Faksimiles:
418 | 419 | 420
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon