2. Die Bewährung und Erfüllung der Weissagungen der israelitischen Propheten.

[335] Die Prophetie ist ein wichtiger Faktor in der altisraelitischen Geschichte, ohne welche diese durchweg unverständlich bleibt. In der Zeit nach Elia und Elisa kommt eine ganze Reihe von Propheten vor, die ihre prophetischen Reden aufgezeichnet haben.

Ihre prophetischen Verkündigungen betreffen meistens die Zukunft und es läßt sich nicht ableugnen, daß wenn auch nicht alle, doch viele davon sich später faktisch erfüllt haben. Es stellt sich beim aufmerksamen Lesen sonnenklar heraus, daß sie durchaus nicht vaticinia ex eventu sein können, da die geschichtlichen Ereignisse, von denen die Propheten gesprochen haben, erst viel später und lange, lange nach ihrem Ableben sich vollzogen haben. Die Prophezeiungen sind durchaus nicht dunkel und zweideutig gehalten und schließen jeden Vergleich mit den Orakelsprüchen aus, von welchen Herodot in der ionischen und griechischen Geschichte so oft Mitteilungen macht. Die Propheten waren so sicher, daß ihre Verkündigungen für die Zukunft unfehlbar eintreffen würden, daß Jeremia sich auf die Tatsache berief gegenüber einem anderen Propheten, den er als einen falschen brandmarkte (28, 8-9): ינפל ויה רשא םיאיבנה תולדג תוכלממ לעו תובר תוצרא לא ואבניו םלועה ןמ ךינפלו איבנה רבד אבב םולשל אבני רשא איבנה רבדלו הערלו המחלמל תמאב 'ה וחלש רשא איבנה עדוי.1 Das will also sagen: Strafandrohende Verkündigungen brauchen sich nicht zu erfüllen (weil Gott sich erbarmen und das Unglück zurückhalten könne), aber Glück verheißende Prophezeiungen müßten sich bewähren. Hier wird in schlichter Prosa von der Erfüllung der Prophezeiungen wie von einer allbekannten Tatsache gesprochen. In der Tat läßt es sich streng geschichtlich nachweisen, daß viele Aussprüche der Propheten sich buchstäblich erfüllt haben. Die Annalen der [335] israelitischen Geschichte liegen uns gegenwärtig in deutlicher Übersichtlichkeit vor, die erzählten Tatsachen, auf welche die Prophezeiungen sich beziehen, sind kritisch nach allen Seiten hin beleuchtet und fixiert. Und diesen gegenüber liegen uns auch die Aussprüche der Propheten vor, die diese Ereignisse vorausgeschaut haben; wir können das Zeitalter, in dem sie gesprochen haben, sicher fixieren und den Abstand der Zeit der Vorausverkündigung von der des Eintritts der Ereignisse bemessen. Öfter betrafen die Prophezeiungen allgemein geschichtliche Fakta. Dadurch läßt sich das Faktum nicht anzweifeln, daß Prophezeiungen der israelitischen Propheten sich erfüllt haben. Nicht in religiösem oder supranaturalistischem, sondern in rein historischem oder psychologischem Interesse wollen wir dieses Thema hier kritisch behandeln. Es soll ohne Phrasenmacherei auseinander gesetzt werden. Die Tatsachen sollen sprechen.

Fangen wir mit dem ältesten Propheten, den wir kennen, mit Amos, an. Er lebte und trat auf um 800 der vorchristlichen Zeit, wie allgemein zugegeben wird. In der Überschrift zu seinem prophetischen Buche ist angegeben, daß er zur Zeit der Könige Usia von Juda und Jerobeam II. von Israel prophezeit habe, und zwar zwei Jahre vor dem Erdbeben: ינפל םיתנש שערה. Es ist damit angedeutet, daß er ein Erdbeben vorausverkündet habe. Ein Erdbeben hat in der Tat zur Zeit des Königs Usia stattgefunden, das zwar die Geschichtsbücher nicht erwähnen, auf welches sich aber ein später lebender Prophet beruft (Zacharia 14, 5): הדוהי ךלמ היזע ימיב שערה ינפמ םתסנ רשאכ םתסנו, »ihr werdet fliehen, wie ihr geflohen seid vor dem Erdbeben zur Zeit Usias«. Das Faktum des Erdbebens steht fest, aber auch seine Vorschau. In Kapitel 1 und 2 spricht Amos von einer plötzlichen Umwälzung, die infolge der Sündhaftigkeit eintreten werde. Das Wort »Erdbeben« (שער) ist zwar dabei nicht genannt, aber es ist aus jedem Worte der Androhung zu erkennen (2, 13-16): »Sieh' ich werde es unter euch knarren machen2, wie der Wagen knarrt, der voll von Garben ist, es wird Zuflucht für die Leichten schwinden ... und der Held wird sich nicht retten,.. und der Beherzteste unter den Helden wird nackt an jenem Tage fliehen;« ferner (3, 12-15): »So wie ein Hirt aus dem Rachen eines Löwen zwei Kniestücke oder einen Ohrlappen rettet, so werden die Israeliten, die in Samaria wohnen, nur sich retten mit der Ecke eines Bettes und mit dem Damastzeug eines Lagers ... Ich werde die Altäre Bethels heimsuchen, die Hörner des Altars werden umgehauen werden und zur Erde fallen; Ich werde das Winterhaus sowie das Sommerhaus treffen, schwinden werden die Häuser von Elfenbein, und untergehen werden große Häuser; das ist der Spruch Gottes.« Es ist nicht zu verkennen, daß hier von einer Vorschau die Rede ist. Im folgenden Kapitel spricht derselbe Prophet von den Wirkungen des Erdbebens, wie von einem bereits eingetroffenen Ereignis (4, 11): »Ich habe in eurer Mitte zerstört, wie die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, ihr waret wie ein Holzscheit aus dem Brande gerettet, und ihr seid doch nicht zu mir zurückgekehrt«3. In den ersten Kapiteln spricht der [336] Prophet dagegen von dem Erdbeben, wie von einem Ereignis, das erst eintreffen soll und das dann auch wirklich eingetroffen ist.

Amos verkündete auch deutlich den Untergang des Zehnstämmereichs in der Zeit, als es unter Jerobeam II. wieder auf der Höhe der Macht stand und sich vom Hermon im Norden bis zum toten Meere erstreckte (Könige II, 14, 25; Amos 6, 14). »Durchs Schwert wird Jerobeam umkommen, und Israel wird auswandern von seinem Boden« (7, 11, 17). »Ich werde euch vertreiben weit über Damaskus hinaus« (5, 27). »Ich werde unter alle Völker das Haus Israel zerstreuen« (9, 9), und endlich (6, 14): »Ich werde gegen euch, Haus Israel, spricht Gott, ein Volk auftreten lassen, das euch bedrängen wird, von gen Chamat bis zum Flusse des Araba« (des toten Meeres), d.h. im ganzen Lande. Amos nennt das Volk nicht, welches die Transportation vollziehen soll, er kennt es nicht einmal, aber er weiß, daß das Faktum gewiß eintreffen wird. Nun ist das Zehnstämmereich erst ein Jahrhundert später (um 720) durch die Assyrer vollständig vernichtet worden. Amos hat also ein Ereignis ein Jahrhundert vorher verkündet und die Verkündigung ist eingetroffen. Man könnte zwar erwidern, das sei eine politische Kombination gewesen; die Assyrer mögen damals schon eroberungssüchtige Pläne gezeigt haben, Ägypten anzugreifen, auf dem Wege nach Ägypten mußten sie Palästina berühren und es unterwerfen, oder bei großem Widerstande brechen. Allein wäre es bloße Kombination gewesen, dann hätte auch das Reich Juda hineingezogen werden müssen, und dieses um so mehr, als es damals viel schwächer als das Zehnstämmereich war. Nichtsdestoweniger hat Amos den Fortbestand des Zweistämmereiches ausdrücklich betont (9, 8, 11): »Ich werde das Haus Jakob (Juda-Benjamin) nicht vertilgen, an jenem Tage werde ich die einfallende Hütte Davids aufrichten.« In der Tat hat sich das Haus Jakobs 134 Jahre länger als das Haus Israel gehalten; es hat sich erst fast zweihundert Jahre nach Amos aufgelöst. Hier haben wir beurkundete Vorschau und Bewährung.

Die merkwürdig zuversichtliche Verkündigung: »Von Zion wird Belehrung ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem für viele Völker,« die bei Jesaia (2, 2-4) und bei Micha (4, 1-3) gleichlautend vorkommt, gehört wahrscheinlich einem ältern Propheten an, Joël oder Hosea I. Doch gleichviel wer sie zuerst ausgesprochen hat, sie hat sich erfüllt. Das Eingreifen der israelitischen Lehre in den Zivilisationsprozeß der europäischen und eines Teils der asiatischen, afrikanischen und amerikanischen Völker ist eine weltgeschichtliche Tatsache, die nicht bewiesen zu werden braucht. Jesus, mehr noch Paulus mit seinen Gehilfen und Mohammed mit seiner Ansar haben die Erfüllung dieser Vorschau angebahnt und der weltgeschichtliche Prozeß hat sie weitergeführt.

Es soll nicht betont werden, daß Jesaia und sein Zeitgenosse Hosea II. ausdrücklich und deutlich den Untergang des Reiches Israel vorausverkündet haben. Dieses kann allenfalls als Kombination oder als Wiederholung der Aussprüche älterer Propheten ausgelegt werden. Aber das Faktum muß betont werden, daß Jesaia nach der Zerstörung dieses Reiches durch die Assyrer wiederholt von dem Einfall Sanheribs in Judäa mit großen Heerscharen, von der wunderbaren Errettung des Reiches Juda und endlich von dem plötzlichen Untergang des assyrischen Heeres prophezeit hat (10, 5-34; 37, 6-7, 22-35). Auch Kap. 18 ist eine Prophezeiung auf dieses Faktum, aber, wie [337] es scheint, von einem andern Propheten. Die Bewährung dieser Prophezeiung, der Untergang des Sanheribschen Heeres, ist nicht bloß durch die israelitischen Annalen, sondern auch durch Herodot (II, 141) beurkundet.

Micha war ein jüngerer Zeitgenosse Jesaias und prophezeite zur Zeit des Königs Hiskija (zwischen 711 und 695), vom Untergang Jerusalems ein Jahrhundert vor dem Ereignis (Micha 3, 9-12; Jerem. 26, 18). Aber noch mehr. Micha verkündete mit unzweideutigen Worten, daß das Exilsland der Judäer Babylonien sein werde (4, 10): »Kreiße, Tochter Zions, wie eine Gebärerin, denn bald wirst du hinausziehen aus der Stadt, wirst weilen auf dem Felde, wirst bis Babel kommen (לבב דע תאבו), dort wirst du gerettet werden, dort wird der Herr dich aus der Hand deiner Feinde erlösen.« Das babylonische Exil erfolgte erst ein Jahrhundert später (586). Als Micha prophezeite, war Babel noch ein unbedeutendes Nebenland, das sich eben erst von Assyrien – und auch nur auf kurze Zeit – freigemacht hatte. An weitgehende Eroberungen der Babylonier konnte nach menschlicher Kombination damals niemand denken, ebensowenig, wie man etwa zur Zeit, als Kurfürst Friedrich von Brandenburg sich zum König in Preußen erheben ließ, hätte kombinieren können, daß sein Nachkomme 170 Jahre später Frankreich besiegen und deutscher Kaiser werden würde. Auch Jesaia verkündete dem König Hiskija 124 Jahre vorher, daß seine Nachkommen nach Babylonien transportiert werden und Eunuchen im Palaste des Königs von Babel sein würden (39, 5-7). Bei Micha kommt noch der erstaunliche Umstand hinzu, daß er nicht bloß die Transportation nach Babylonien, sondern auch die Rückkehr aus diesem Lande vorausverkündet hat. Also auch hier das Faktum von einer in Erfüllung gegangenen Vorschau.

Die Transportation nach Babylonien mit den ihr vorangegangenen herzzerreißenden Leiden ist mit ergreifender Anschaulichkeit in Deuteronom. (28, 49-68) geschildert. Das erobernde Volk ist nicht genannt, es wird bloß angedeutet: »Der Herr wird über dich ein Volk von ferne, vom Ende der Erde bringen, so schnell wie der Adler fliegt, ein Volk, dessen Sprache du nicht verstehen wirst, welches den Greis nicht berücksichtigen und den Knaben nicht verschonen wird.« Mag das Deuteronomium, wie die Kritik annimmt, erst zur Zeit Josias versaßt worden sein, um 620, so ist der Erfolg doch erst ein ganzes Menschen alter später eingetroffen – 34 Jahre – und hier ist es mit einer Zuversichtlichkeit verkündet, wie man heute regelmäßige Witterungsveränderungen voraussagt. Damals war Nebukadnezar, der Zerstörer Jerusalems, noch jung; sein Vater Nabo-Polassar trieb nicht Eroberungspolitik, er wurde vielmehr von Pharao Necho angegriffen. Hätte dieser gesiegt, so wäre die ganze Konstellation ganz anders ausgefallen. Es ist also auch dieses entschieden als eine später eingetroffene prophetische Vorschau anzusehen.

Dasselbe gilt von Jeremia. Denn er hat um dieselbe Zeit, vielleicht noch einige Jahre früher, und zwar noch als Jüngling, verkündet, in einem Alter, in welchem es ein größeres Wunder wäre, richtige politische Kombinationen zu machen, als zu prophezeien. Jeremia mochte etwa fünfzehn Jahre alt gewesen sein, als er verkündete: »Von Norden wird das Unglück über alle Bewohner der Erde eröffnet werden, und die Könige des Nordens werden ihre Throne am Eingange der Tore Jerusalems aufstellen lassen (1, 13-15).« Das bezog sich auf die Chaldäer, als Nebukadnezar, wie gesagt, noch jung war; der größte Teil der prophetischen Reden [338] des Jeremia bezieht sich auf diese Katastrophe des Unterganges, die er von Etappe zu Etappe vorausschaute. Sogar als ein Hilfsheer von Ägypten eintraf und dem belagerten Jerusalem Entsatz brachte, beharrte Jeremia auf seiner Prophezeiung, daß Jerusalem untergehen, der König und das Volk in die Gefangenschaft geführt werden würden (37, 9-10). »Betört euch nicht selbst, zu behaupten, die Chaldäer werden von uns vollständig abziehen. Denn selbst wenn ihr das ganze Heer aufreiben solltet, und nur noch Verwundete von ihm zurückblieben, so würden diese die Stadt verbrennen.« Die Verhältnisse lagen nicht so, daß ein politischer Kopf die kommenden Dinge vorhersehen konnte. Es gab zur selben Zeit Propheten, die im entgegengesetzten Sinne sprachen, wie Chananja, Sohn Asurs (das. 28, 1 ff.). Zu beachten ist, daß Jeremia nicht bloß den Untergang Jerusalems, sondern auch die Rückkehr der Judäer und den Wiederaufbau Jerusalems verkündet hat. Schon in seiner ersten Schau, als Jüngling, verkündete er, er sei berufen worden, Zerstörung und Verheerung, aber auch Aufbau und Neupflanzung zu verkünden (1, 10 vergl. 31, 27). Seine Trostreden von der Heimkehr und Wiederverjüngung des Volkes sprach er gerade während der hoffnungslosen Zeit der Belagerung Jerusalems. Er selbst war verwundert darüber, als ihm die prophetische Kunde zuging, das Feld seines Verwandten zu kaufen, einen Kaufschein darüber auszustellen und ihn wohl aufzubewahren: »Die Schanzen rücken schon gegen die Stadt, sie einzunehmen, und sie wird den sie belagernden Chaldäern in die Hände fallen, und du sagst mir: Kaufe dir das Feld und bestelle Zeugen?« (32, 24 ff.). Darauf prophezeite er: »Noch wird man Felder um Silber kaufen, Kaufscheine ausstellen im Lande Benjamin, in den Städten Judas, in den Bergstädten, in der Schephela und in den Städten des Südens« (das. V. 43-44). Auch diese Jeremianische Prophezeiung hat sich erfüllt.

Dasselbe gilt vom Propheten Ezechiel. Auch er hat den Untergang Jerusalems und das Exil, aber auch die Rückkehr und Verjüngung des Volkes verkündet. Mit unzweideutigen Worten hat er vorausverkündet, daß die Exulanten in Babel den Grundstock zu einem neuen Volke und zu einer neuen edleren historischen Entwicklung bilden werden und zwar schon im Anfang seiner prophetischen Laufbahn (11, 16-20). Wie schön ist seine Prophezeiung von den vertrockneten, zerstreuten Gebeinen, die plötzlich wieder lebendig werden! (Kap. 37). Und dieses prophetische Bild hat sich buchstäblich verwirklicht.

Es folgten darauf die exilischen Propheten, der babylonische Jesaia, oder Deutero-Jesaia (Jes. 40-66); der Prophet des Stückes K. 13-14 und des Stückes K. 24-27, der deutero-jeremianische Prophet (Jerem. 50-51). Sie verkündeten sämtlich zuversichtlich die Rückkehr aus dem Exile und ein fürchterliches Strafgericht über Babylonien. Wenn das eine, das Schicksal des babylonischen Reiches, vermöge politischer Kombination vorausverkündet werden konnte, da Cyrus sich bereits als glücklicher Sieger bewährt und die kleinasiatischen Staaten unterworfen hatte, und zu erwarten war, daß er Babylonien nicht an der Grenze seines Reiches werde bestehen lassen, so waren doch zwei Umstände nicht vorauszusehen, daß Babylonien so hart gezüchtigt werde, und daß Cyrus die Exulanten werde heimkehren lassen. Der babylonische König Naboned brauchte sich nur zu unterwerfen und Cyrus' Vasall zu werden, wie es mehrere Herrscher damals getan haben, oder dem [339] Sieger zu huldigen, so wäre die Zerstörung Babyloniens unterblieben. Am allerwenigsten war es zu erwarten, daß Cyrus sein Augenmerk auf das Häuflein der Judäer richten würde, welches in dem Gewimmel der von Cyrus unterworfenen Völkerschaften wie ein Tropfen im Meere verschwand. Diese Verkündigung von der Rückkehr der Exulanten, während sie noch in Babylonien von dem letzten König mit besonderer Härte behandelt wurden, ist entschieden als Vorschau anzusehen, und sie hat sich verwirklicht.

Auch die Prophezeiungen der letzten, der nachexilischen Propheten haben sich erfüllt. Den Trauernden, welche über die Winzigkeit und Ärmlichkeit des neuerbauten Tempels während Darius' Regierung seufzten, verkündete Chaggaï: »Größer wird die Ehre dieses (kleinen) Tempels als des ersten sein« (2, 6-9). Dasselbe verkündete auch sein Zeitgenosse Zacharia: »Entfernte werden kommen und werden an dem Tempel Gottes teilnehmen« (6, 15). Buchstäblich hat sich diese Prophezeiung erfüllt. Die Ehre des zweiten Tempels war wirklich groß, Heiden in Menge aus Syrien, den Euphratländern, Kleinasien, Griechenland und selbst aus Rom bekannten sich zum Judentume, wallfahrteten nach Jerusalem oder sandten Weihgeschenke zum Tempel. Das ist eine historische Tatsache. Lange vor Paulus' Bekehrungseifer war die »Fülle der Heiden« in das Haus Jakobs eingekehrt, ja, diese Wahrnehmung hat erst den Apostel aus Tarsus darauf gebracht, die Heiden zu bekehren und zur Kindschaft Abrahams zu berufen. Das letzte Wort des nachexilischen Zacharia war: »Es werden noch Völker und Bewohner großer Städte kommen und einander auffordern, Gott den Herrn in Jerusalem aufzusuchen. Zehn Männer von allen Zungen der Völker werden den Zipfel eines judäischen Mannes erfassen, sprechend: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben Gott mit euch gehört« (8, 20-23). Diese Verkündigung ist um so merkwürdiger, als die damalige Gegenwart sie Lügen strafte, indem die heimkehrenden Judäer bei den Nachbarvölkern nur Verachtung und Haß fanden.

In dieser Reihenfolge von prophetischen Verkündigungen von Amos bis Zacharia (800-516) hat es sich als Thatsache herausgestellt, daß sie in Wirklichkeit aus einer Vorschau der zukünftigen Ereignisse hervorgegangen sind und daß die Annahme von vaticinia ex eventu und von logischen Kombinationen durchaus ausgeschlossen ist. Die Ereignisse sind ganz unzweifelhaft eine längere oder kürzere Zeit vorher angekündigt worden, und die Situation der Zeit war stets der Art, daß sie nach logischer Schlußfolgerung nicht hätten erwartet werden können.

Geflissentlich sind hier diejenigen Prophezeiungen und ihre Erfüllung von der Untersuchung ausgeschlossen worden, welche in den Geschichtsbüchern erzählt werden, weil beide angezweifelt werden können, indem ihre Authentizität nur auf einer und derselben Quelle beruht. Samuels Prophezeiung von dem unglücklichen Verlauf und verderblichen Einfluß des Königtums in Israel, Achijas aus Schilô Verkündigung von der Lostrennung der Zehnstämme vom Hause David, Elias Prophezeiung vom unglücklichen Ende des Hauses Omri, Elisas vielfache Verkündigungen, Nahums Prophezeiung vom Untergang Ninives, Habakucks von der Invasion der Chaldäer und die anderer Propheten würden allein die Tatsächlichkeit der prophetischen Bewährung nicht beweisen; aber wenn diese Vorschau anderweitig gewissermaßen urkundlich erwiesen ist, dann können auch diese Verkündigungen eine faktische Grundlage haben.

[340] Allerdings sind manche Prophezeiungen unerfüllt geblieben. Die Jeremianischen und Ezechielschen Vorausverkündigungen, daß Nebukadnezar dem ägyptischen Reiche ein Ende machen werde, haben sich nicht erfüllt. Mehrere Propheten, Hosea I., Jesaia, Jeremia, Ezechiel haben die brüderliche Vereinigung der Zehnstämme mit Juda unter einem davidischen König in bestimmte Aussicht gestellt. Jesaia prophezeite, daß Ägypten und Assyrien friedlich zusammengehen und mit Israel einen Dreibund bilden würden, den Gott Israels anzuerkennen (19, 23-25). Ein anonymer Prophet verkündete, daß alle Völker, welche Israel angefeindet haben, nach Jerusalem wallfahrten und Gott anerkennen und das Sukkotfest feiern würden (Zach. 14, 16-21). Indessen erschüttert diese Ausnahme keineswegs die Tatsache der Prophetie. Die Propheten selbst haben es wiederholt ausgesprochen, daß Verkündigungen von Unglück nicht immer einzutreffen brauchen, weil Gott langmütig und barmherzig ist und das angedrohte Unglück nicht so bald zur Ausführung kommen lasse. Ist Ägypten nicht durch Nebukadnezar, so ist es zwei Menschenalter später durch Cyrus' Sohn unterjocht worden. Was die günstigen Prophezeiungen betrifft, die sich scheinbar nicht bewährt haben, so hängen sie mit der idealen Perspektive zusammen, welche die Propheten von einer Zukunft der allgemeinen Gotteserkenntnis und Friedfertigkeit aufgerollt haben. Die Zeit des Eintreffens haben sie selbst nur dunkel geschaut und einen unbestimmten Termin dafür gesetzt: תירחאב םימיה »am Ende der Tage«. Die Vereinigung der Zehnstämme mit Juda ist wohl nicht ganz ohne Erfüllung geblieben. Zur Zeit des Untergangs des Reiches Ephraim und zur Zeit des babylonischen Exils scheinen Familien aus den übrigen Stämmen sich mit Juda vereinigt zu haben, allerdings nicht in großer Zahl und nur die von geläuterter Gesinnung. Ist ja auch von Juda nur ein Rest übrig geblieben, wie Jesaia prophezeit und wonach er seinen Sohn benannt hat: בושי ראש, ein Rest wird sich zu Gott wenden und gerettet werden.

Wohl zu beachten ist, daß das prophetische Moment bei den Propheten nicht das vorherrschende war, sondern das Sittliche und Geläutert-Religiöse. Diesem Momente war die Vorausverkündigung untergeordnet. Sie haben eigentlich nur prophezeit, um zu konstatieren, daß das Unsittliche und die religiöse Verkehrtheit trotz des Anscheines von Macht nicht bestehen, dagegen das Ethische ungeachtet der Schwäche seiner Vertretung sich behaupten und den Sieg davon tragen werde.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 335-341.
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