20. Die Urim und Tummim.

[454] Über Beschaffenheit, Sinn und Bedeutung der Urim und Tummim sind die verschiedensten Ansichten aufgestellt worden; manche darunter sind recht lächerlich, und keine einzige gewährt Befriedigung. (Vgl. darüber den ausführlichen Artikel in Herzogs Realenzyklopädie XVI, S. 742 f. von Diestel [und jetzt den Artikel »Licht und Recht« bei Riehm-Bäthgen S. 929 ff.]) Einen Ausgangspunkt aber haben die Forscher übersehen, nämlich die Tatsache, daß schon ein Psalmvers auf die Bedeutung der Urim-Tummim anspielt (Ps. 43, 3): ינואיבי ינוחני המה ךתמאו ךרוא-חלשךיתונכשמ-לאו ךשדק-רה-לא. Hier steht unstreitig רוא und תמא im Singular für םירוא und םימת im Plural, wenn man davon ausgeht, daß das Wort םימת [tamim] (vgl. Amos 5, 10; Josua 24, 14) geradeso wie תמא auch die Bedeutung von Wahrheit hat. Der Sinn des Halbverses kann demnach nur der sein: Der Psalmist fleht Gott an, er möge sein Licht und seine Wahrheit oder die Urim und Tummim oder seinen untrüglichen Gottesspruch senden, um ihn, den Flehenden, zu leiten. In diesem Sinne ist auch םימת הבה [tamim] (I. Sam. 14, 41) zu nehmen. Hier steht nun entschieden םימת [tamim] gleich םימת [temim]. Der griechische Vertent hat daher das letztere mit Takt durch ἀλήϑεια wieder gegeben. Da nun טפשמ auch die Bedeutung eines »unabänderlichen Spruches« hat (Spr. 29, 26: טפשמ 'המ שיא), so ist der Sinn von טפשמה ןשח und םירואה טפשמ (Numeri 27, 21) nicht zweifelhaft. Es bedeutet das Brustschild, vermöge dessen ein Gottesspruch verkündet wurde, oder den Spruch durch die Urim. Dunkel ist bloß das Wort םירוא. Es ist jedenfalls der Plural von רוא [or] und ist nur des Gleichklangs mit םימת [tumim] wegen so vokalisiert für םירוא (wie הלאש für הלאש [sheala] wegen des folgenden הלעמל [lema'la], Jesaia 7, 11 und andere Beispiele). רוא hat im Hebräischen auch die Bedeutung »Glanz«. (Ich erinnere nur an םינפ רוא [or panim] und םיניע רוא). Folglich bedeutet םירוא [orim] im Plural »vielfacher Glanz«. Dieses kann sich recht gut auf den Glanz beziehen, welcher von den zwölf Edelsteinen ausstrahlte. Die Steine können demnach die Urim gebildet und der Zusatz םימת [tamim]den Begriff verstärkt haben, daß der Spruch vermöge der Gemmen wahr und untrüglich sei. Nach Numeri a.a.O. kann vorausgesetzt werden, daß der Hohepriester auf Befragen einen Gottesspruch zu erteilen hatte. Dieser Spruch, insofern er durch die Steine geschieht und untrüglich ist, würde vollständig lauten םימתו םירוא טפשמ. Elliptisch steht aber םימתו םירוא oder auch םירוא allein. Daß übrigens unter םירוא und םימת die zwölf Edelsteine verstanden werden, geht aus der klassischen Stelle von der Anfertigung des Choschen hervor. Wie soll man denn sonst die Stelle verstehen (Exodus 28, 30): ןשח לא תתנו ?םימתה תאו םירואה תא טפשמה Was soll denn hinein oder darauf gegeben werden? Hätte es noch einen Gegenstand gegeben, welcher zum Choschen gehörte oder vielmehr Hauptbestandteil desselben bildete, so hätte notwendigerweise angegeben sein müssen, wie dieser angefertigt werden sollte. Davon ist aber keine Rede. Es leuchtet also ein, daß die Gemmen selbst die Urim-Tummim ausgemacht haben. Daher wird Leviticus 8, 8 nur erzählt: םימתה תאו םירואה תא ןשחה לא ןתיו, aber es wird nicht bemerkt, daß die Steine daran befestigt worden wären; denn der Choschen an sich bedeutet noch nicht die [454] Gemmen. Exodus 28, 17 heißt es: ןבא תאלמ (ןשחב) וב תאלמו, in den Choschen sollen die Steine eingesetzt werden; der Choschen ist also nur das Behältnis, folglich durfte bei der Investitur Ahrons nicht fehlen, daß auch die Gemmen eingesetzt wurden. Und dieses ist angegeben, wenn die Gemmen mit den Urim identisch sind. Wie die zwei Onyxsteine auf dem Schulterstücke des Ephod ןורכז ינבא »Steine der Erinnerung« genannt werden, ebenso können die zwölf Gemmen durch םימתו םירוא ינבא bezeichnet werden, und םירואה תא תתנו ist nur als Ellipse anzusehen. Zweierlei ist demnach in der zitierten Exodusstelle bei der Anfertigung des Choschen bemerkt: die Zwölfzahl soll die zwölf Stämme versinnbildlichen und die Gemmen sollen den Richterspruch für Israel vermitteln. Von dem ersten Moment heißt es (V. 29): ןרהא אשנו ובל לע לארשי ינב תומש תא und von dem andern (V. 30): ובל לע לארשי ינב טפשמ תא ןרהא אשנו. Diesen Spruch für Israel hatte Ahron auf seinem Herzen, indem er die Urim und Tummim trug (das.: ובל לע םירואה) ויהו, und das waren eben die Steine.

Noch überzeugender wird die Annahme, daß die Urim in Wirklichkeit aus den Gemmen bestanden, wenn man die ägyptische Parallele, die Hugo Grotius zuerst dafür herangezogen hat (De veritate christianae religionis I, 16, Note 113, und Kommentar zu Exodus z. St.) genau erwägt. Claud. Älianus berichtet, der ägyptische Hohepriester, der zugleich Recht gesprochen, habe um den Hals oder an demselben ein Bild aus einem Saphirstein getragen, und dieses Bild habe man »Wahrheit« genannt. Variae historiae XIV, 34: εἶχε δὲ (ὁ ἄρχων ὁ πρεσβύτατος τῶν ἱερῶν παρἀ τοῖς Αἰγυπτίοις) (ὃς καὶ ἐδίκαζεν) καὶ ἄγαλμα περὶ τὸν αὐχένα ἐκ σαπϕείρου λίϑου, ἐκαλεῖτο τὸ ἄγαλμα ἀλήϑεια. Ähnliches berichtet Diodor von Sizilien (Bibliotheca I, 48, p. 58): In dem Wandgemälde eines ägyptischen Tempels war unter den 30 Richtern in der Mitte der Oberrichter dargestellt, dem die Wahrheit vom Halse herunterhing: Κατά δὲ μέσον τὸν ἀρχιδικαστὴν (ἐγγεγλυϕϑέντα), ἐχοντα τὴν ἀλήϑειαν ἐξƞρτƞμένƞν ἐκ τοῦ τραχήλου. An einer andern Stelle referiert er, der ägyptische Oberrichter habe um den Hals an einer goldenen Kette ein Bild aus kostbaren Steinen getragen, welche sie »Wahrheit« nannten (das. 75, p. 87): ἐϕόρει δὲ οὗτος (ὁ ἀρχιδικαστὴς) περὶ τὸν τράχƞλον ἐκ χρυσῆς ἁλύσεως ἠρτƞμένον ζώδιον τῶν πολυτελῶν λίϑων, ὃ προς ƞγόρευον ἀλήϑειαν. Der Oberrichter war zugleich Oberpriester, in diesem Punkte stimmen beide Notizen überein. Eine Divergenz zeigt sich in einem anderen Punkte. Nach Älian war das Bild der Wahrheit in einer einzigen Gemme enthalten, nach Diodor dagegen in mehreren. Das Bild stellte wahrscheinlich die Tme, die Göttin der Wahrheit, bei den Ägyptern dar. Die Bedeutung des Bildes und der Gemme kann doch nur gewesen sein, daß der Richterspruch des Oberrichters oder des Oberpriesters untrüglich und wahr sei. Den Priestern legten die alten Völker eine magische Kraft bei, dadurch erschien ihnen ihr Tun, also ihre Opferhandlungen und auch ihr Wort untrüglich.

Zu verkennen ist es allerdings nicht, daß der hohepriesterliche Schmuck des Choschen ägyptischen Ursprung hat, nicht, wie Hugo Grotius annimmt, daß die Ägypter den Choschen nachgeahmt hätten. Dafür sprechen zu entschieden mehrere Ähnlichkeiten, die Gemme oder die Gemmen, die Kettchen, woran diese hing, die Bezeichnung »Wahrheit« םימת, welche damit verbunden war; selbst der Ausdruck טפשמ, Urteil des Richters, der bei den Choschen vorkommt, erinnert an diesen Ursprung. Aber es war doch [455] nicht eine sklavische Nachahmung, sondern es wurde eine Modifikation des Originals vorgenommen. Zunächst wurden die Edelsteine auf zwölf gebracht, um an die Zwölfzahl der Stämme zu erinnern. Dann wurde der Choschen nicht am Halse, sondern auf dem Herzen getragen, und endlich sollte nicht jeder Richterspruch dadurch entschieden werden, sondern lediglich ein höherer Spruch in zweifelhaften Lagen. Das Bild oder die Wahrheit fiel natürlich weg; die Israeliten kannten keine Göttin der Wahrheit, keine Tme. Knobels Etymologie, daß in dem Worte םימת das ägyptische Tme erkennbar sei (zu Exodus, S. 288), ist nämlich entschieden unrichtig, das Wort ist eine echthebräische Abstraktumbildung im Plural wie םירוא. Ebenso unrichtig ist die Hypothese, die Urim und Tummim seien zwei mit Edelsteinen besetzte Figuren gewesen, die am Choschen angehängt oder sonstwo angebracht gewesen wären. Wären es solche gewesen, so läge in ihnen der Schwerpunkt dieses Ornaments und es hätte angegeben sein müssen, wo sie angebracht sein sollten; sie gehörten doch wohl ebenso zum Herzen des Hohenpriesters wie die Gemmen. Vielmehr empfiehlt es sich, daß die Urim und Tummim mit den zwölf Steinen zusammenfallen. Figuren konnten die Israeliten nicht gebrauchen, weil das allgemeine Verständnis dafür fehlte, selbst wenn der bilderfeindliche Sinn sich nicht dagegen gesträubt hätte. Vielmehr leuchtet es ein, daß der richterliche Schmuck des ägyptischen Oberpriesters für den israelitischen Hohenpriester beibehalten, aber modifiziert worden ist. Bei jenem bestand die Hauptsache in dem ἄγαλμα oder ζώδιον aus Edelsteinen, bei diesem dagegen waren die zwölf Gemmen Hauptbestandteil. Von ihrem Glanze erhielten die Steine den Namen םירוא, und von der Wirkung, die von ihnen erwartet wurde, hatten sie den Namen םימת, »Wahrheit« oder »Untrüglichkeit«.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 454-457.
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