3. Der Durchzug durch das rote Meer.

[341] Über das Thema des Durchzuges ist schon so viel und von den bedeutendsten und ernstesten Forschern geschrieben worden, daß es Überwindung kostet, wieder darauf zurückzukommen. Indessen fordert die seit der Eröffnung des Suezkanals erweiterte Kenntnis des Terrains zu neuer Untersuchung auf. Früher war man auf die Mitteilungen beschränkt, welche die klassischen Schriftsteller und wenige Touristen über das rote Meer und seine Umgebung hinterlassen hatten. Seit Lesseps' großartiger Unternehmung ist jeder Flecken auf dem Gebiete des alten Gosen, das gegenwärtig von Eisenbahnen durchflogen [341] und von Kanälen durchschnitten wird, so bekannt wie kaum manches europäische Land, das nicht auf dem Wege von Touristen liegt. Diese bessere Bekanntschaft mit dem Boden bietet der Erforschung neue Seiten dar.

Die Tatsache des Durchganges durch das rote Meer steht historisch fest, ebenso fest wie der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten. Die Zweifel daran von Seiten der Hyperkritiker, wie Spinoza und Reimarus (in den sogenannten Wolfenbüttler Fragmenten), wird heutigen Tages, da man mehr Respekt vorhistorischen Überlieferungen hat, kein ernster Forscher teilen. Tausendfach erklingt der Widerhall dieser Begebenheit aus der hebräischen Literatur wieder. Das Lied vom roten Meer hat den wunderbaren Durchgang zum Hauptthema. Mag dieses Lied nicht gleichzeitig gedichtet sein, wie die Bibelkritik behauptet, so stammt es jedenfalls aus der Zeit Salomos, nach dem Tempelbau, d.h. kaum 500 Jahre seit dem Auszug aus Ägypten, und lange kann sich die Überlieferung an ein so überwältigendes Faktum treu erhalten. Und selbst die Kritik ist zu der Konzession gezwungen, daß der Eingang zum Liede: סוס האג האג יכ 'הל הרישא םיב המר ובכרו, wirklich von Mose und den Männerchören gesungen und von Mirjam und den Frauenchören wiederholt worden sein muß (vgl. E. Meier, Geschichte der National-Lit. der Hebr. S. 48 [und jetzt Ed. König, Einleitung in das Alte Testament (Bonn 1899) S. 186-201 und den Exodus-Kommentar von Dillmann]). Hosea, einer der ältesten schriftstellerischen Propheten, spielt auf die Tatsache an, daß Israel beim Auszuge aus Ägypten einen Gesang angestimmt habe (2, 17): ץראמ התולע םויכו הירוענ ימיכ המש התנעו םירצמ. Also die Tatsache steht fest; zu untersuchen ist nur die Modalität und Lokalität des Durchzuges.

Die Annahme, daß die Ebbe den Durchgang erleichtert habe, sollte gegenwärtig, als unmöglich, nicht mehr wiederholt werden; denn es hat sich erwiesen, daß die Ebbe das Wasser im roten Meer nur um wenige Fuß [S. jedoch den Artikel »Meer, rotes« in Riehm-Bäthgens Handwörterbuch, 2. Aufl., S. 987] vermindert. Jedenfalls bleibt so viel Schlamm zurück, daß er in Verbindung mit dem felsigen Grunde den Durchgang außerordentlich erschwert. Einzelne haben es versucht, das rote Meer bei Suez an seiner schmalen Nordspitze zu überschreiten und wären beinahe ertrunken. Fürer von Heimendorf erzählt, daß er aus seiner Reise 1556 nicht ohne Gefahr zur Ebbezeit das rote Meer passiert hat. Bekannt ist, daß Napoleon I. während seines ägyptischen Krieges nur mit Not zur Ebbezeit die jenseitige Küste erreichen konnte. Auch Russegger versuchte 1838 bei Suez den Durchgang und bemerkte, daß das zurückgebliebene Wasser den Kamelen über die Kniegelenke reichte und ihren Gang ungemein erschwerte (Reisen in Unterägypten III, S. 25). Wunderlich ist es, wie Ebers sich noch bei der Hpothese der Ebbe beruhigen konnte (Durch Gosen zum Sinaï, S. 101), da er selbst bemerkt, er würde es nicht gewagt haben, das Meer auch an der schmalsten Spitze zu passieren. Nein, mit der Annahme der Ebbe ist das Faktum nicht erklärt. Das Allerschwierigste dabei ist, daß Pharao und seine Scharen den Israeliten durchs Meer nachgeeilt sein sollen, ohne zu bedenken, daß die Ebbezeit vorüber war, und die Flut um so gewaltiger das Bette bedecken würde. Etwas Wunderbares muß beim Durchzuge vorgekommen sein, jedoch ohne die Schranken der Naturgesetze zu durchbrechen.

Robinson hat wohl das Richtige getroffen, daß die Schrift selbst das Mittel angibt, wodurch der Boden für den Durchzug trocken wurde, nämlich [342] durch den Ostwind (Exodus 14, 20) »Der Herr ließ durch einen starken Ostwind das Wasser abfließen die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und das Wasser teilte sich.« Auch das Lied vom roten Meere betont den Wind als Faktor für das Austrocknen einerseits und das plötzliche Zurückströmen anderseits (das. 15, 8-10). Nun lehrt ein einfacher Blick auf eine gute Karte des Meerbusens von Suez, daß ein starker Nordostwind, der hier auf die Ebbe wirkt, das Wasser aus dem kleinen Meeresarm, der sich bei Suez vorbei hinaufzieht, sowie von dem Ende des Meerbusens selbst hinausdrängt.

Soweit Robinson (Palästina I, S. 91 ff.). Diese Lösung befriedigt aber nicht ganz. Robinson selbst muß zum Winde noch die Ebbe zu Hilfe nehmen, weil ohne diese der jetzt noch mindestens 700 Doppelschritt breite Wasserstreifen am Nordende des Golfes durch den heftigen Sturm allein nicht hätte trocken gelegt werden können. Dann ist aber nichts gewonnen. Der tiefe Meeresschlamm kann wohl schwerlich durch den Sturm weggefegt, auch die andern Hindernisse zum Passieren können dadurch nicht beseitigt worden sein. Dabei bleibt die unlösliche Frage bestehen, in wiefern hat Mose die Ebbezeit besser berechnen können als Pharao und seine weisen Räte? Man muß sich durchaus dazu entschließen, das Faktum des Durchzuges ohne Zuhilfenahme der Ebbe zu erklären, ganz allein durch den von Nordost wehenden Sturm. Freilich auf den Meerbusen von Suez konnte der Sturm nicht diese Wirkung haben. Aber was nötigt denn anzunehmen, daß der Durchzug bei Suez stattgefunden haben muß? Ist denn die Lokalität so bestimmt bezeichnet? Südlich von Suez allerdings nicht, weil da der Golf immer breiter wird. Aber könnte er nicht noch weiter im Norden erfolgt sein? Du Bois-Aimé stellte die beachtenswerte Ansicht auf, der Durchgang sei nicht bei Suez, sondern weiter nördlich an der Stelle wo jetzt (d.h. damals) sich eine Sandbank befindet (südlich von Agrud) vor sich gegangen. Diese Sandbank sei erst durch eine Untiefe entstanden (Description de l'Égypte VIII, p. 114 ff.). In der Tat kann der Durchzug nur auf einem Boden erfolgt sein, wo nach der Abströmung des Wassers durch den Sturm nicht Schlamm, sondern Sand zurückgeblieben war, wodurch die Passage erleichtert wurde. Es kommt also darauf an, die Lokalität genau zu ermitteln, wo der Durchzug stattgefunden haben kann. Wir müssen uns zu dem Zwecke mit dem Terrain bekannt machen.

Die von Lesseps durchgeführte Ausgrabung des etwa 22 geographische Meilen (861/2 Seemeilen) langen Suezkanals war durch bereits vorgefundene Terraineinsenkungen erleichtert. Zunächst zieht sich der Kanal, etwa zwei Meilen von der Golfspitze entfernt, durch den Talweg der sogenannten Bitterseen, welcher fast 6 Meilen lang ist. Etwa 2 Meilen nördlich von den Bitterseen ist der Krokodilsee (Bahr el Timsah genannt); dieser See ist etwa 11/4 Meile lang, an der breitesten Stelle kaum 11/4 geographische Meile breit und an einigen Stellen noch schmäler als die Spitze des Golfes von Suez. Der Kanal geht durch noch zwei Seen, aber diese interessieren uns hier nicht.

Die Bitterseen waren schon in alter Zeit vorhanden, sie werden von Strabo λιμναὶ πικραί und von Plinius (hist. nat. VI, 33), fontes amari genannt. War der Krokodilsee auch schon im Altertume vorhanden? Oder haben sich die Bitterseen früher weiter nach Norden erstreckt? Diese Frage bedarf einer eingehenden Untersuchung.

[343] Ein Kanal hat schon in sehr alter Zeit den Nil, d.h. den östlichen Nilarm mit dem Meerbusen von Suez und dem roten Meere verbunden. Schon der König Sethos I. soll diesen Kanal angelegt haben. (Brugsch, L'histoire d'Égypte, S. 135). D'abord il est très probable, que le pharaon Séthos I. est ce roi qui, le premier, fit creuser le fameux canal destiné plus tard à joindre le Nil avec le mer rouge. Ce canal sortait du Nil tout près de la ville de Bubastis, en suivant le cours Est jusqu'au point où il entrait aux lacs amères. Die Nachrichten der griechischen Schriftsteller, welche über Ägypten geschrieben haben, lauten indes darüber nicht bestimmt genug.

Herodot tradiert, daß Necho oder Neko der erste gewesen sei, welcher einen Kanal zum roten Meere zu ziehen versuchte (II, 158). Aristoteles spricht von einem on dit, daß Sesostris diesen Versuch gemacht habe (Meteorologica A 14) ταύτƞν (ἐρυϑράν ϑάλατταν) γάρ τῶν βασιλέων τις ἐπειράϑƞ διορύττειν ... λέγεται δε πρῶτος Σέσωστρις ἐπιχειρῆσαι τῶν παλαιῶν) Aus dem Nachfolgenden geht hervor, daß Aristoteles die Kunde zugekommen war, daß es beim bloßen Versuch geblieben sei, denn er fügt hinzu, daß Sesostris sowohl wie später Darius die Durchgrabung aufgegeben hätten, weil sie eine Überschwemmung des Bodens gefürchtet hätten. Ähnliches berichtet Strabo, daß einige erzählten, Sesostris, andere Psammetichs Sohn (Necho) hätte den Durchstich begonnen, aber wieder eingestellt (17, 25, p. 804). Indessen muß die Tradition, daß schon in uralten Zeiten der Durchstich unternommen und weiter geführt wurde, auf Tatsachen beruhen. Denn Strabo berichtet weiter, auch Darius habe die Durchgrabung wegen aufgestoßener Bedenklichkeiten aufgegeben, ebenso wie Sesostris oder Necho, und erst die Ptolemäer hätten den Kanal gebaut. Aber Herodot berichtet als Augenzeuge (das.), daß der Kanal zu seiner Zeit bestanden hat und befahren wurde. Er kann also nur zu Darius' Zeit entstanden sein. Aristoteles und Strabo waren also in diesem Punkte schlecht unterrichtet (vergl. Lepsius, Chronol., S. 349 ff.). Wie die Ägyptologen versichern, sei in der aufgefundenen Inschrift von Cheluf in Hieroglyphen und in Keilschriften die Rede von der Wiederherstellung des alten Kanals. In dem Wady-Tumilat, mit dem der Lessepssche Süßwasserkanal größtenteils parallel läuft, und besonders bei dem Dorfe Meschuta oder Abu-Chescheb, einige Stunden westlich von dem Krokodilsee hat man Spuren des alten Kanals gefunden (S. Ebers, a.a.O., S. 473 u. 501).

Wir werden später sehen, daß auch im Exodus das Vorhandensein eines Kanals angedeutet oder vorausgesetzt wird.

Dieser alte Kanal, gleichviel ob von Sethos oder seinem Sohne Ramses II. Sesostris durchstochen, lief, wie schon angegeben, parallel mit dem Wady-Tumilat. Herodot gibt Anfang und Ende seines Laufes ganz genau an. Da Lepsius, Ebers und andere (das. S. 496) die herodotische Notiz nicht richtig aufgefaßt haben, so sei sie hier in extenso mitgeteilt. Die richtige L.-A. ist nämlich von dem Philologen Wesseling aufgestellt und wird von zwei Kodizes unterstützt (II. 158): ἦκται δὲ ἀπὸ τοῦ Νείλου τὸ ὕδωρ ἐς αὐτὴν (τὴν διώρυχα); ἦκται δὲ κατύπερϑε ὀλίγον Βουβάστιος πόλιος, παρἀ Πάτουμον τὴν Ἀραβίƞν πόλιν ἐς έχει (δὲ) ἐς τὴν ἐρυϑρὴν ϑάλασσαν4. Also [344] der Kanal lief ein wenig oberhalb Bubastis und mündete bei Patumos in das rote Meer. Herodot spricht allerdings nur von dem Laufe des Kanals zu seiner Zeit, d.h. wie er von Darius angelegt war. Allein da voraussichtlich Darius nur den alten verschütteten Kanal wieder hergestellt hat, und da die Stadt Patumos identisch mit der von den Israeliten erbauten Stadt Pithom ist, wie allgemein angenommen wird, so hatte der uralte Kanal des Sethos oder Sesostris ohne Zweifel denselben Lauf. Es ist auch der kürzeste Weg, um den Nil mit dem roten Meere zu verbinden, und Trajan hat später auf demselben Wege die Verbindung der Wasseradern vollziehen lassen (vgl. Lepsius, Chronologie der Ägypter, S. 349 ff.). [Die Lage von Pithom steht durch die Ausgrabungen von Navilles im Jahre 1883 entgültig fest (vgl. Riehm-Bäthgen a.a.O. S. 1229)].

Lepsius und mit ihm andere; von der falschen L.-A. verleitet, setzen Patumos oder Pithom bei dem Tell Abu-Solaiman, d.h. ungefähr in die Mitte der geraden Linie von Bubastis zum Krokodilsee. Herodot berichtet aber, wenn man die richtige L.-A. beachtet, daß bei Patumos das Ende des Kanals war und der Anfang desselben bei Bubastis. Die Angabe des Itinerarium Antonini von der Lage einer Stadt Thoum ist viel zu wenig orientierend, als daß man viel darauf bauen könnte. Außerdem sollen die ägyptischen Inschriften eine Stadt Pa-tum oder Pi-tum als im Osten gelegen bezeichnen; darunter kann man nur die Grenze verstehen, welche das rote Meer mit einer Linie verband, die von seinem Endpunkte nach Norden lief. Wenn irgend etwas in der Topographie des alten Ägypten sicher ist, so ist es wohl die Lage von Patumos, wie sie Herodot angibt, nämlich an dem Punkte, wo der Kanal in das rote Meer mündete.

Aus Herodots Beschreibung folgt auch, daß man zu seiner Zeit das bewässerte Terrain, welches Strabo mit Bitterseen bezeichnet, ebenfalls als rotes Meer bezeichnete. Denn sie lautet, daß der Kanal bei Patumos ins rote Meer einmündete. Es ist aber unmöglich anzunehmen, daß Patumos so weit im Süden bei Suez gelegen haben soll. Seine Lage ist vielmehr in ungefähr gerader Richtung von Bubastis ausgehend, am Ostende zu denken. Es lag also entweder an der Nordspitze der Bitterseen oder am Timsahsee. Zu Herodots Zeit haben also entweder die Bitterseen noch nicht existiert, der Suezmeerbusen hat sich vielmehr viele Meilen nördlicher erstreckt, dann müßte man annehmen, daß diese Seen sich erst später gebildet haben, als Versandungen eingetreten waren, welche die Meeresteile trennten – oder man hat die Bitterseen auch unter die Benennung ἐρυϑρά ϑάλασσα einbegriffen, was wahrscheinlicher ist, da durch die Vereinigung derselben mit dem Golfe das Laienauge keinen Unterschied bemerken konnte.

Auch aus der Angabe des Exodus folgt, daß zur Zeit des Aufenthaltes der Israeliten in Ägypten eine Wasserstraße vorhanden war, vom Ende des jetzigen Suezgolfes nördlich bis zum Nordende der Bitterseen, und von hier, vom Ostpunkte westlich gewendet, bis zum nächsten Nilarme. Es heißt von den Israeliten, sie bauten Vorratsstädte für Pharao, Pithom und[345] Ramses (ססמער תאו םתיפ תא הערפל תונכסמ ירע ןביו). Was die Ägyptologen auch vorbringen mögen, um das Wort תונכסמ ägyptisch zu machen, der nüchterne Forscher kann sich davon nicht trennen, daß es ein regelrecht gebautes, hebräisches Wort, aus einem echten hebräischen Stamm gebildet, ist. תונכסמ bedeutet nichts anderes als »Vorratshäuser«, in welchen Getreide und Lebensmittel aufgespeichert wurden. Vgl. Chronik II. 32, 28 רהציו שוריתו ןגד תאובתל תונכסמו, Vorräte für den Ertrag des Getreides, des Weins und des Öls. In Deuteronom. 8, 9 heißt es von Palästina: »Ein Land, in welchem du nicht aus Vorratshäusern wirst Brot zu essen brauchen (wie in Ägypten)«: רשא םחל הב לכאת תנכסמב אל (daß תנפסמב [bemiskenut] ebensoviel ist wie תונפסמב [bemiskenot] wird wohl nicht streitig gemacht werden). Also Pithom und Ramses waren Städte, worin Getreidevorräte aufgehäuft lagen. Wir dürfen wohl fragen, wozu hat Pharao gerade Städte im Lande Gosen, sozusagen in der Wüste, entfernt vom Herzen Ägyptens, Getreidespeicher bauen lassen? Warum hat er sie nicht in der Nähe von Memphis, Heliopolis oder Tanis anlegen lassen? Durch die Ermittlung der topographischen Lage von Pithom-Patumos ist die Frage erledigt. Pithom bildete einen Knotenpunkt der Wasserstraße, welcher vom Meerbusen (oder den Bitterseen) zum Nil lief. An dieser Wasserstraße lag auch Ramses. Übereinstimmend nehmen die Forscher an, daß Ramses bei Abu-Kescheb (Chescheb) jetzt Meschuta lag. [Jetzt scheint es fest zu stehen, daß die Trümmerstätten von Tell el-Maschuta vielmehr zu Pithom gehören. Ramses wird dagegen mit Zoan-Tanis identifiziert. Vgl. W. Flinders Patrie, Tanis Bd. I u. II. Riehm-Bäthgen a.a.O. S. 1287, 1871. Mibetta a.a.O. S. 36 ff.] Man hat dort einen Granitblock entdeckt, worin der Name Ramses sechsmal wiederholt ist. Dann hat Lepsius unter Trümmern riesige Ziegel gefunden, welche einst die Umfassungsmauern einer Stadt gebildet haben müssen. Ramses lag also nach der Annahme der Forscher an der Wasserstraße, freilich nicht östlich von Pithom-Patumos, sondern – wie wir kennen gelernt haben – westlich davon entfernt. In diesen am Kanal gelegenen zwei Städten wurde Getreide aufgespeichert, es waren Vorratsstädte. Die geknechteten Israeliten mußten auch die Felder für Pharao bestellen, also Getreide anbauen (Exodus 1, 14). Wenn die Ägypter für Pharao den fünften Teil ihrer Getreideerträge liefern mußten (Genesis 47, 24-26), so haben wohl die Israeliten noch viel mehr abliefern müssen, oder vielleicht alles bis auf die Quantität, die sie zum Leben brauchten. Was hat Pharao mit dieser Getreidemenge angefangen? Er ließ zunächst Vorratsstädte an einem Kanal anlegen, welcher das rote Meer mit dem Nil verband. Von diesen Städten aus konnte der Überfluß an Getreide überallhin befördert, überallhin verkauft werden, einerseits nach dem Delta für die kanaanitischen Länder, anderseits auf dem roten Meere nach Arabien. In Zeiten der Mißernte wendeten sich alle Völker in der Nähe Ägyptens nach diesem Lande, um hier Getreide zu kaufen. Von den ältesten Zeiten an bis zur Zeit der Römer war Ägypten die Kornkammer. Die Anlage von Pithom und Ramses als Vorratsstädte setzt die Verbindung des roten Meeres mit dem Nile voraus. Diese Verbindung bedingt aber die Verlängerung des roten Meeres um mehrere geographische Meilen nördlich vom Suezgolf. Diese Verlängerung reichte jedenfalls bis zur Nordspitze der Einsenkung der Bitterseen, möglicherweise noch weiter bis zur Vertiefung des Krokodilsees.

[346] Kommen wir nach dieser Digression auf den Ausgangspunkt und unser Thema zurück: An welchem Punkte haben wohl die Israeliten den Durchgang durch das Meer genommen? Die Frage kann nach-dem Vorausgeschickten leichter beantwortet werden. Wenn zur Zeit des Auszuges die Wasserstraße, die Sethos oder einer der Ramessiden angelegt, noch bestanden hat, so konnten die Israeliten gar nicht bis zum schmalen Streifen des Suezgolfes gelangen, denn er war nicht vorhanden, er war mit dem Wasser in den Bitterseen zu einer Wassermasse vereinigt. Bestand diese Vermischung nicht mehr, was auch möglich ist – denn in den zwei Menschenaltern, welche mindestens von der Erbauung der Kanalstädte Pithom und Ramses bis zum Auszuge liegen, kann bei Vernachlässigung der Aufsicht leicht Versandung der seichtern Stellen in den Bitterseen eingetreten sein – so brauchten die Israeliten nicht bis zur Suezspitze vorzudringen, sie hatten auf dem Wege dahin ein oder zwei Seen, die sie ebensogut passieren konnten. Denn bei einer Versandung der Verbindungsstraße vom Golf bis zu den Bitterseen, wie der Zustand bis zur Lessepsschen Unternehmung eine geraume Zeit war, war eben in den Einsenkungen der Seen und denen der Timsahvertiefung Wasser zurückgeblieben, welches ihnen die Gestalt von Binnenmeeren gab. Die Araber nannten auch beide »Bahr« d.h. Meer. So oder so konnten die Israeliten mehrere Meilen nördlich von Suez einen dieser Seen auf wunderbare Weise passiert haben.

Bei genauer Betrachtung der Exodusverse ergibt sich auch, daß sie nicht soweit südlich vorgedrungen sind, sondern an einem Punkte im Norden, nicht gar zu entfernt von ihren Wohnsitzen, das Wasser überschritten haben. In Ramses am Kanal hatten sie sich zum Auszuge gesammelt (Exodus 12, 37, Numeri 33, 5). Die erste Station war Sukkot. Mag diese Lokalität identisch sein mit einem Orte Sechet (das Gefilde), nach Lauth (Moses der Hebräer, S. 11) und mit einem Orte Thaubastum oder nicht, es lag jedenfalls, wie auf den Karten angegeben ist, zwischen dem Timsahsee und dem nördlich davon gelegenen Ballahsee. [Nach den neueren Ergebnissen war Thekut (= Sukkot) der profane Name für Pithom]. Die zweite Station war Etham im Anfange der Wüste, und zwar der Wüste Schur (nach Exodus 15, 22, verglichen mit Numeri 33, 8), d.h. der Wüste, welche sich im Norden der Sinaïhalbinsel bis zur Grenze Palästinas erstreckt. Sie hatten also eine nordöstliche Richtung eingeschlagen, um auf dem betretenen Karawanenwege nach Palästina zu gelangen. Dann erhielten sie die Weisung umzukehren, d.h. denselben Weg wieder zurückzulegen. Sie kamen also wieder dem Timsahsee nahe. Dann sollten sie lagern vor Pi-Hachirot. Vom Timsahsee bis zur Suezspitze ist mindestens 10 Meilen. Sollten sie 10 Meilen längs der Bitterseen westlich gezogen sein, und zwar bis zur Südspitze? Wozu? Je weiter südlich sie auf diesem Wege vordrangen, desto gefährlicher war ihr Zug; es hätte geheißen, sich geradezu in des Löwen Rachen stürzen. Die Schrift nötigt keineswegs zu der Annahme, daß der Zug so weit südlich gegangen ist bis zur Spitze des Golfes, der wahrscheinlich durch den Fortbestand des Kanals nicht einmal vorhanden war. Wir müssen also תוריחה יפ im Norden aufsuchen.

Das Finden wird uns bedeutend erleichtert werden durch Beseitigung eines Irrtums, der alle Erforscher dieses Themas, soviel mir bekannt ist, das Ziel verfehlen ließ. Indem diese in ןופצ לעב die Typhonstadt suchten, verloren sie die Spur von Pi-Hachirot. Aber Baal-Zephon kann ja nicht ein [347] Stadtname sein. Der Exodusvers sagt uns: »Sie sollen vor Pi-Hachirot lagern zwischen Migdal und dem Meer, vor Baal-Zephon, ihm gegenüber sollt ihr lagern am Meere.« Wenn sie vor einer Stadt lagern sollen, so können sie doch nicht vor einer andern lagern? Es müßte denn sein, daß beide nahe beieinander gelegen haben; aber dann wäre die Präposition ינפל übel angebracht; ןיב »zwischen« hätte gebraucht sein müssen. Und was soll die Wiederholung וחכנ: »gerade gegenüber sollet ihr lagern?« Alle diese exegetischen Inkonvenienzen hätten darauf führen sollen, daß Baal-Zephon Name eines Götzenbildes sein muß. Dieses Götzenbild wird bei Pi-Hachirot vorausgesetzt. Die Israeliten wurden also angewiesen, vor dieser Stadt und zwar vor dem Götzenbilde und zwar ihm gerade gegenüber zu lagern, damit Pharao in den Wahn verfallen solle, der Götze Baal-Zephon habe den Israeliten den Eingang zur Wüste verschlossen: רבדמה םהילע רגס. (Das Prädikat רגס hat zum Subjekte ןופצ לעב.) Das sogenannte Targum Jonathan erklärt richtig Baal-Zephon als Götzen (תועט) und bezieht darauf das Prädikat »er hat verschlossen« (ארבדמד יודגנ ןופצ תועט ןוהילע דרט). Das Wort Baal soll hier eben nur Götze bedeuten, weil das Wort יהלא vermieden werden sollte. Wir haben es hier also nur mit ןופצ zu tun, einem Götzenbilde, das bei der Stadt Pi-Hachirot aufgestellt war. Wenn Ebers (a.a.O., S. 510) sagt: »Bis jetzt ist kein in der Nähe des roten Meeres gelegener Ort nachweisbar gewesen, der sich mit Baal-Zephon zusammenbringen ließe«, so liegt es daran, daß es einen solchen Ort in Ägypten nirgends gegeben hat, und wenn Ebers ihn dennoch ins Attakahgebirge verlegt, so beweist das nur die Unzuverlässigkeit seiner Kombinationen bezüglich biblisch-ägyptischer Lokalitäten.

Daß ןופצ Τυϕών ist, liegt so sehr auf der Hand, daß die meisten Forscher diese Identität ohne weiteres akzeptiert haben. Das Wort Typhon ist nicht griechischen Ursprungs, und da es von den alten Schriftstellern mit dem ägyptischen Gotte Set identifiziert wird, so muß es ägyptisch sein. Dümichen vermutet, Typhon habe ägyptisch Tep gelautet, und sei durch das Nilpferd bezeichnet worden, der Gott der Zerstörung, Set, trug auch die Gestalt des Nilpferdes. Bei Pi-Hachirot stand also ein Bild des Typhon = Set, und vor diesem Bilde sollten die Israeliten lagern, damit Pharao in seiner Verblendung bestärkt werden sollte. Durch diese richtige Annahme werden wir auch auf die Spur von Pi-Hachirot kommen. Plutarch (de Iside et Osiride 50) teilt mit: In Hermopolis zeigen sie das Bild des Typhon, ein Nilpferd, auf welchem ein Sperber stand, der mit einer Schlange kämpfte. »Durch das Nilpferd wird Typhon angedeutet usw.« Ἐν Έρμουπόλει δὲ Τυϕῶνος ἄγαλμα δεικνύουσιν ἵππον ποτάμιον: ἐϕ᾽ οὗ βέβƞκεν ἱέραξ, ὄϕει μαχόμενος: τῷ μὲν ἵππῳ τὸν Τυϕῶνα δεικνύντες ... κτλ. Hermopolis ist sicherlich ein Fehler für Heroopolis, wie es auch Bunsen angesehen haben muß; da er schreibt (Ägypten I, S. 497): »In Heroopolis sah man, nach Plutarch, ein Bild des Typhon, ein Nilpferd usw. Typhon gehört zur Wüste, er bedeutet die verzehrende Kraft der Trockenheit.« Aus diesem Grunde gehört Typhons Bild nicht nach Hermopolis – beide Städte dieses Namens lagen in einer fruchtbaren Gegend – sondern nach Heroopolis, das jedenfalls am Rande der Sandwüste lag. Der Exodusvers erhält durch diesen Hintergrund einen außerordentlich prägnänten Sinn. Die Israeliten sollen lagern vor Pi-Hachirot und vor dem Bilde des Typhon und [348] zwar gerade diesem gegenüber, damit Pharao wähnen soll, sie seien in der Irre im Lande, Typhon – der Gott der Wüste – habe ihnen sein Reich verschlossen.

Förster (epistolae ad J. D. Michaelem) hat Ähnliches geahnt, daß Baal-Zephon Heroopolis sei. Diese Annahme muß indes dahin modifiziert werden: Baal-Zephon oder das Bild des Typhon stand bei Heroopolis.

Es stand aber auch bei Pi-Hachirot, folglich muß תוריחה יפ identisch mit der Stadt des Hero, mit Heroopolis oder Heroonpolis sein. Es ist doch wohl zuverlässig, was die Ägyptologen einstimmig erklären, daß das Wort Pi oder Pe oder Pa im Ägyptischen Stätte, Ort oder Stadt bedeutet: Pe-Ptah, die Stätte oder die Stadt des Gottes Ptah; Pe-Amon, Stadt des Gottes Amon; Pe-Ra, Stadt des Ra oder der Sonne (Heliopolis); Pe-Ramessu, die Stadt des Ramses (Brugsch, Histoire d'Égypte, S. 154). Die Stadt Bubastis erklären die Ägyptologen für Pe-Bast, die Stadt der Göttin Bast; hebräisch lautet sie תסב-יפ = Pi-Beset. Folglich haben die Israeliten תוריחה-יפ die Stadt des תוריח hebraisiert, d.h. die Stadt des Gottes Her oder Hero, wie die Griechen sie Ήρωώνπολις »die Heldenstadt« hellenisiert haben5. Die scheinbare hebräische Pluralendung תו darf nicht auffallen, ebensowenig wie im Worte תומהב, das ägyptisch Pe-he-mut lautet und das Nilpferd bedeutet. Stickes und Ebers Identifizierung von Pi-Hachirot mit Ag'rud beruht auf einer zu gekünstelten Etymologie, und eine solche entbehrt stets der Gewißheit. Dagegen hat die Identifikation von Pi-Chirot mit Pi-Her, Heroopolis, das Moment für sich, daß diese Stadt unstreitig typhonisch war. Wir werden weiterhin noch eine Stütze dafür finden. Auf die Stadt Abaris oder Avaris, die ebenfalls mit Heroopolis in Verbindung gebracht wird, gehen wir nicht ein, weil die Existenz derselben nur auf Manethos Relation beruht, und diese, soweit sie die Hyksos betrifft, unzuverlässig ist.

Über die Lage von Heroopolis sind die Forscher nicht einig, weil die Angaben der alten Schriftsteller darüber unbestimmt lauten. Lepsius identifiziert sie mit dem heutigen Mugfar, setzt sie demnach zwischen den Timsahsee und Abu-Kescheb oder Maschuta d.h. Ramses [Vgl. oben zu S. 346] und zwar östlich davon entfernt (vergl. a.a.O., S. 345 ff.). Ausgehend von der Übersetzung der Septuaginta Ήρωώνπολις εἰς τὴν Ῥαμεσσῆ für תורוהל (Gen. 46, 28), beweist Lepsius, daß Heroopolis im Norden auf dem Wege von Palästina nach Ramses gelegen haben muß. Was Ebers dagegen geltend macht, um die Identifizierung von Pi-ha-Chirot mit Ag'rud festhalten zu können (das. S. 491), ist ohne Belang und ist durch Lepsius' Beleuchtung der Angaben bei Strabo widerlegt. Daß Heroopolis eine junge Stadt sei, deren Alter nicht bis zum Exodus hinaufreiche, ist nicht erwiesen. Aus dem Mißgriff des griechischen Übersetzers תורוה durch die Stadt des Hero zu übersetzen, ergibt sich, daß auch תוריחה Hero und תוריחה-יפ Heroopolis bedeuten kann. [Über die Lage von Etham oder Pi-Hachirot vergl. die betr. Artikel bei Riehm-Bäthgen.]

[349] Ist Pi-ha-Chirot identisch mit Heroopolis – bei dem ein Bild des Typhon = Set stand – und lag dieses unweit von Pithom-Patumos, so ist der Durchzug durch das rote Meer einfach ohne die unhaltbare Hypothese von Ebbe und Flut zu erklären. Pi-ha-Chirot mit dem Götzenbilde Baal-Zephon lag entweder nahe bei dem Timsahsee oder an der Nordspitze der Bitterseen. Solche verhältnismäßig kleine Wasseransammlungen werden im Hebräischen auch םי [jam] »Meer« genannt, wie nicht nur das tote Meer, sondern auch der Tiberiassee und ein Teich jenseits des Jordans bei Jaëser רזעי םי genannt wird (Jeremia 48, 32 verglichen mit Jes. 16, 8). Im Wasserboden dieser Seen befinden sich nicht Schlamm und Klippen, sondern Sand. Sobald Stellen in ihnen trocken gelegt sind, können sie auch leicht passiert werden, sie bieten keine Hindernisse. Der Timsahsee ist an einer Stelle nur einige hundert Fuß breit, und die Bitterseen sind an der Nordspitze noch schmäler. Der Durchgang kann also nur durch einen dieser Seen in der Nähe von Heroopolis erfolgt und durch den heftigen Nordostwind erleichtert worden sein, worin die Schrift einzig und allein das Wunder setzt (o. S. 343). Der Wind hat das Wasser südlich getrieben und eine hochgelegene Sandbank trocken gelegt, während in den tiefern Stellen das Wasser geblieben ist. Auf dieser Sandbank passierten die Israeliten dieses »Meer«, das keine steilen Ufer hat, wie das rote Meer, weshalb das Hinab- und Heraufsteigen keine Schwierigkeiten machte. Wer weiß, ob nicht ףוס םי, das »Schilfmeer«, die ursprüngliche Benennung für diese Binnenseen war, denn ףוס ist doch wohl nichts anderes als das Rohrgewächs Sari, und dieses wächst nicht im roten Meere selbst, sondern nur im Nil und wohl auch in den Seen, die durch die Kanäle Süßwasser aus dem Nil erhalten hatten. [S. jedoch Riehm-Bäthgen, S. 986].

Alles stimmt viel besser, wenn man den Durchgang durch einen der Seen im Norden annimmt. Die nähere Bestimmung »zwischen לדגמ und dem Meere« ist nach dieser Annahme nicht mehr störend, als nach der Hypothese, welche die Spitze des Golfes als Durchgangspunkt aufstellt. Denn das Migdol der Bibel, das Magdalon bei Herodot und das Magdalum im Itinerarium Antonini lag ganz im Norden, und eine andere berühmte Stadt dieses Namens ist nicht nachgewiesen. Ein Maktl, das die Hieroglypheninschriften nennen sollen, ist unbestimmt situiert und war jedenfalls nicht berühmt, und die Identifikation von Migdol mit zwei koptisch und arabisch Maschtul genannten Städten wird von vielen Forschern mit Recht verworfen. Möglich, daß die nähere Bezeichnung »zwischen Migdol und dem Meere« nur die Richtung angeben will, wo das Wunder bei Pi-Hachirot vor sich gegangen ist, nämlich an der Ostgrenze von Ägypten, daß man die Lokalität nicht etwa in Westägypten, im Süden oder im Norden zu suchen habe; denn Migdol galt als der äußerste Nordost Ägyptens. Denn es läßt sich nicht denken, daß bei Pi-Hachirot, mag es welche Stadt auch immer bedeuten, noch eine Stadt gelegen hat. Damit stimmt allerdings nicht ganz das Stations-und Routenverzeichnis in Numeri 33; allein dieses hat überhaupt einige Eigentümlichkeiten, die enträtselt werden müssen.

Durchaus ungeschichtlich ist Ebers' Erklärung des Exodus durch die Annahme, daß die ägyptischen Könige der XIX. Dynastie, Sethos I., Ramses II. und sein Sohn Menephta eine lange Fortifikationslinie mit Festungen im Osten von Pelusium bis zum roten Meere angelegt hätten, nicht nur um semitische Stämme von Ägypten abzuhalten, sondern auch um die bereits angesiedelten [350] Fremden zurückzuhalten und sie nicht außer Landes ziehen zu lassen; das Gebiet, welches die Israeliten bewohnten, sei ein Zwing-Gosen und Etham sei eine der Bastionen gewesen. Garnisonen hätten in den Festungen gelegen, welche die Flüchtlinge nicht durchließen. Mose habe beim Auszuge gewußt, daß es ihm schwer werden würde, die Fortifikationslinie zu durchbrechen; darum habe er die Israeliten nach Ägypten zurückgeführt, um im Süden die Festungen zu umgehen (Ebers, Ägypten in der Bibel I, S. 78 ff., Durch Gosen zum Sinaï, S. 81, 95 ff.). Aber an welchem Punkte hätte Mose die Festungen vermeiden wollen? Waren doch nach Ebers zwischen den Bitterseen und dem Golfe ebenfalls Festungen (S. 98) und, wie sich denken läßt, mit Garnisonen besetzt! Wäre es nicht eine Torheit von Mose gewesen, um den Garnisonen auszuweichen, wieder nach Ägypten zurückzukehren, und zwar so weit ab nach Süden zu ziehen, um die Lage noch zu verschlimmern, nicht nur Festungen, sondern auch das Meer zwischen sich und der Freiheit zu haben? Ebers gibt zu, daß die Israeliten mit Erlaubnis Pharaos, – man sagt Menephtas (der, nach einer Inschrift auf dem Koloß Usortosen I. im Berliner Museum, seinen Sohn, ebenfalls Menephta genannt, verloren haben soll) – Ägypten verlassen haben; sie haben sich nicht mit Anwendung von Gewalt befreit, wie andere mei nen. Aber dann hat doch wohl Pharao-Menephta den Israeliten Reisepässe ausgestellt, daß man sie frei abziehen lassen sollte! Oder war Mose so auf den Kopf gefallen, sich zur Fortifikationslinie ohne Passierschein zu wenden? Alles das ist Hirngespinst. Weder die Schrift, noch die alten Schriftsteller wissen etwas davon, daß Festungen in Ägypten gegen den Auszug von Fremden angelegt gewesen wären. Diodor von Sizilien, welcher selbst authentische Nachrichten über die alte Geschichte dieses Landes gesammelt hat, erzählt etwas ganz anderes. Sesoosis oder Sesostris (Ramses II.) habe das flache Ägypten gegen Invasion durch Gräben geschützt. An der Ostseite habe er vermittelst einer Mauer von Pelusium bis Heliopolis durch die Wüste Einfälle von Syrien und Arabien aus, 1500 Stadien lang, zu verhindern gesucht (I, 57). Ἐτείχισε (Σέσοσις) δὲ καὶ πρὸς ἀνατολἀς νεύουσαν πλευρἀν τῆς Αἰγύπτου πρὸς τἀς ἀπὸ τῆς Συρίας καὶ τῆς Ἀραβίας ἐμβολἀς ἀπὸ Πƞλουσίου μέχρις Ηƞλιουπόλεως, διἀ τῆς ἐρήμου κτλ. Nur zur Verteidigung gegen die benachbarten Wüstenvölker hat Sesostris oder einer der Pharaonen eine Mauer errichten lassen, und zwar einfach eine Mauer ohne Festungen, welche Garnisonen enthalten hätten, und zwar eine Mauer nicht von Pelusium bis zum roten Meere, sondern nur bis Heliopolis. Nur das eigentliche Ägypten sollte geschützt werden; das nordöstlich vom Delta gelegene Gebiet, das Land Gosen, wurde nie als eigentlich ägyptisches Land angesehen: es war stets ein Tummelplatz für Amalekiter, Idumäer, Philister, Halbaraber, es war stets νομὸς Ἀραβία. Es bestand also überhaupt keine Fortifikationslinie mit Besatzung und noch weniger zwischen dem Lande Ramses und der Wüste Schur (Tih). Sobald Pharao die Erlaubnis zum Abzug gegeben hatte, konnten die Israeliten ohne Hindernis in die Wüste ziehen.

Was Ebers ferner betont, daß ein Vertrag zwischen den Pharaonen und dem Könige der Chitäer, d.h. der im Süden Palästinas wohnenden Kanaaniter, bestanden habe, vermöge dessen die letzteren Flüchtlinge aus Ägypten auszuliefern verpflichtet gewesen wären, und daß infolgedessen Mose nicht gewagt habe, die direkte Straße nach dem Lande Kanaan einzuschlagen, so ist der Beleg dafür mehr als zweifelhaft. Er soll in dem Friedensvertrage [351] zwischen Ramses II. (Sesostris) und dem Fürsten Cheta-Sar der Heta enthalten gewesen sein, der auf einem Mauersteine im Bezirke Karnak gefunden wurde. Ein Passus darin soll lauten: »Wenn Bewohner des Landes des Ramses Miamun zum Fürsten von Cheta übertreten, so wird sie der Fürst von Cheta nicht aufnehmen; der Fürst von Cheta wird sie zu Ramses Miamun zurückbringen lassen.« Von Flüchtlingen ist zwar darin keine Rede, aber da 200 Zeilen vorher von Flüchtlingen die Rede ist, so schließt Ebers (a.a.O., S. 86), daraus, daß der Vertrag die Stipulation enthalten habe, flüchtige Untertanen des Ramses auszuliefern. Allein so bestimmt lautet der Passus keineswegs, selbst wenn er in einer leserlichen Sprache und nicht in rätselhaften Hieroglyphen geschrieben wäre. Brugsch, welcher den Vertrag zuerst übersetzt hat (recueil des monuments égypt., S. 43, Histoire d'Égypte, S. 148), übersetzt den Passus ganz anders: Qu'ils (les serviteurs?) arrivent chez le grand roi des Cheta, que le grand roi des Cheta les fasse retourner chez Ra-ouser-maa (Ramses) ... qu'ils arrivent en Égypte pour se faire serviteurs d'autrui, que Ra-ouser-maa ... ne les accueille pas, mais qu'il les fasse retourner chez le grand roi de Cheta. Si (fehlt). Nach dieser Übersetzung scheint eher von Dienern der beiden Könige, d.h. von Beamten die Rede zu sein. Auch ist es noch sehr problematisch, ob die Cheta oder Chita mit Chitäern oder Chittiten der Bibel, den תח ינב, identisch sind, wie die Ägyptologen annehmen. In den biblischen Erzählungen spielt der Stamm der תח keine bedeutende Rolle, nur die ירומא und יוח werden neben den ינענכ als bedeutende Stämme genannt. Die Chet werden lediglich als die Bewohner von Hebron bezeichnet. Die Bibel hat wohl doch die Bedeutung der Völkerschaften, mit denen die Israeliten zu kämpfen hatten, aus dem Leben wiedergegeben. Dagegen spielen die Amara, welche den ירומא entsprechen sollen, in den ägyptischen Inschriften eine sehr untergeordnete Rolle. Gesetzt auch, daß die Cheta ein asiatisches Volk waren, mit dessen König Ramses einen Friedensvertrag abgeschlossen hat, und mit dem auch seine Vorgänger Krieg geführt haben, müssen dann die Cheta gerade den תח ינב entsprechen? [Die Identität mit den Cheta der Ägypter und den Chatti der Keilinschriften wird heute allgemein angenommen. Vgl. Meyer, Geschichte des Altertums I, 213 ff. Jeremias, Das A. T. im Lichte des alten Orients, S. 203 f.] Es hat noch ein anderes Volk oder andere Völkerschaften gegeben, welche denselben Namensklang hatten.

In der Bibel werden öfter םיתח genannt, welche nicht mit der kanaanitischen Völkerschaft der תח identisch sind. Es ist ein wichtiger Punkt für das Verständnis mancher Bibelstellen aber von den Auslegern nicht beachtet worden. In Könige II, 7, 6 wird erzählt, die Samaria belagernden Aramäer hätten in einem plötzlich vernommenen Geräusch gefürchtet, der König von Israel hätte Könige der Chittim (יכלמ םיתחה) und die Könige Ägyptens gegen sie gemietet. Unmöglich können die kanaanitischen Chet darunter verstanden werden; denn diese existierten im neunten Jahrhundert unter den Jehuiden lange nicht mehr als Volk, nachdem sie Salomo zu Sklaven oder Frohnarbeitern gemacht hatte (Könige I, 9, 20 ff.), sie können also keine Könige mehr gehabt haben. Das. 10, 29 heißt es: Die Rosse, welche Salomo aus Ägypten kommen ließ, sind durch königliche Kaufleute an die Könige der Chittim und an die Könige von Aram verkauft worden. Auch hier können es nicht die kanaanitischen Chet gewesen sein. Überhaupt unterscheidet die [352] Bibel beide Völkerschaften genau. Die kanaanitischen Chet werden niemals im Plural םיתחה genannt, sondern יתחה oder תח ינב. Daher kann das Land ץרא םיתחה (Richter 1, 26), wohin der Mann, welcher Lus-Bethel an die Josephiden verraten hat, ausgewandert war, und wo er eine Stadt gleichen Namens erbaut hat, nicht gleich ינענכה ץרא oder ירומאה ץרא sein. Die Angabe wäre auch sinnlos, er ging von Lus, einer chitittischen Stadt, nach dem chitittischen Lande! Mit Recht setzt Eusebius ein anderes Land dafür (onom. s.v. Χεττιείμed. Lagarde p. 302): γῆ Χεττιεὶμ ἢ Κύπρος, ἔνϑα πόλιν ἔκτισε Λούσζα. Hieronymus fügt hinzu: nam et urbs hodieque Cypri Cittium nuncupatur. Richtig ist die Identifikation von םיתח und םיתכ zwar nicht. Denn wenn auch Gesenius nachgewiesen hat, daß der Name Κίτιον, Κίττιον für Cypern ebensowohl mit ח wie mit כ auf Inschriften vorkommt (Thesaurus 726, Movers, Phönizier II, 2, S. 211 ff.): ןיתכל ךלמ und יתח בר ךלמ, so ist bei םיתחה ץרא und םיתחה יכלמ doch nicht an die Insel Cypern zu denken. Aus Josua (1, 4.) geht hervor, daß es ein Festland war. Daselbst wird die Grenze Palästinas im Norden weitläufig bestimmt. לודגה רהנה דעו הזה ןונבלהו רבדמהמ לודגה םיה דעו םיתחה ץרא לכ תרפ רהנ, also von der Wüste und dem Libanon bis zum großen Strome Euphrat, dem ganzen Lande der Chittim, und bis zum großen Meere. Das winzige Völkchen kann nicht einem großen Landstrich den Namen gegeben haben. Offenbar ist hier die Grenzausdehnung Palästinas bezeichnet, wie sie unter Salomo bestand, von Tipsach-Thapsakus bis Gaza (I. Könige 5, 4). »Das ganze Land der Chittiter bis zum großen Meer«, darunter ist also zu verstehen, vom Euphrat bis zum Meerbusen von Issus, nördlich von Aram und Phönizien, nämlich das Syrien genannte Land unter den Seleuziden, dessen Mittelpunkt Antiochien war. Da dieses Land nördlich von Aram lag, so fürchteten die Aramäer bei der Belagerung Samarias, daß ihre Grenzfeinde gegen sie heranzögen. Da diese Landschaft ziemlich eben ist, so konnte dessen König mit Rossen Krieg führen und kaufte daher von Salomos Kaufleuten die aus Ägypten importierten Rosse und Wagen. םיתחה ץרא ist also gleich םיתכ ץרא (Jes. 23, 1): »Klaget, ihr Tarschisch-Schiffe, denn es (Tyrus) ist zu Hause ausgeplündert worden, so daß sie nicht heimkehren können; vom Lande der Chittim ist es ihnen eröffnet worden.« Dasselbe ist vielleicht םייתכ ייא (Jerem. 2, 10), die Meeresgegend der Chititten. In den assyrischen Keilinschriften soll öfter ein Volk unter dem Namen Chatti (Katti) vorkommen und mit den Aremi (Aramäer) identisch oder benachbart gewesen sein. Die Chatti sollen am oberen Euphrat in der Gegend von Circesium (Kharkhemisch) vorausgesetzt sein, so daß diese Stadt ihre Metropolis gewesen sei; George Rawlinson, the five monarchies, II. p. 314 ff. Schrader, Keilinschriften und altes Testament S. 27, 11.

Genug, so viel ist erwiesen, daß es ein großes Volk im Norden von Phönizien und Aram gegeben hat, das Cheta, Chata, Chatti oder Kita genannt wurde. Mit diesem können die ägyptischen Könige der XVIII. und XIX. Dynastie Krieg geführt und Ramses II. kann mit dessen großem König Chetasar einen Friedenstraktat abgeschlossen haben, nicht mit den winzigen תח ינב oder יתח in einem Winkel Palästinas. Kurz die russische Grenzsperre zwischen Ägypten und Palästina mit einem förmlichen Kartellvertrage zur Auslieferung der Flüchtlinge ist auf Flugsand gebaut.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 341-354.
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