5. Die Vororte der zwölf Stämme.

[362] Es ist eine historische Tatsache, daß während der mehrhundertjährigen Richterperiode und noch darüber hinaus bis zur Gründung Jerusalems durch David keine Hauptstadt vorhanden war. Der Charakter dieser Periode war auseinandergehende Zersplitterung durch die Stammeseigentümlichkeiten. Jeder Stamm verharrte in seiner Abgesondertheit, einer kümmerte sich um den anderen wenig, und nur eine gemeinsame Gefahr vereinigte die betroffenen Stämme zur Gegenwehr. Daher preist es das Deborahlied als eine Großtat, daß sich ausnahmsweise mehrere Stämme um Barak und Deborah geschart haben. Bei dieser Sachlage ist vorauszusetzen, daß jeder Stamm wenigstens ein in sich geschlossenes Ganze bildete, daß dessen Glieder, durch das verwandtschaftliche Band geeinigt, zusammenhielten und gemeinsam handelten. Es gab Älteste, welche gemeinsam Beratungen hielten, und es gab wohl auch Stammesfürsten (בא תיב אישנ), welche die Einheit repräsentierten. Jeder Stamm muß demnach einen Vorort gehabt haben, in dem die Ältesten und zur Beratung Berechtigten (דעומ יאורק) zusammenzukommen pflegten, wenn es galt, wichtige Beschlüsse zu fassen. Ohne einen solchen Vorort ist eine Stammesorganisation undenkbar. Die angesehenste Familie, welcher der Stammeshäuptling angehörte, muß ihren Wohnsitz in dem Vororte gehabt haben. Von einigen Stämmen kennen wir die Vororte. Sichem war Vereinigungspunkt des Stammes Ephraim und Hebron der Vorort des Stammes Juda: in diesem wohnte die vornehmste Familie, die Kalebiten. Von den übrigen Stämmen sind indes die Vororte nicht bekannt. Sie lassen sich aber noch ermitteln, und dadurch läßt sich die Lage mancher Stämme und die Veränderungen innerhalb derselben sicherer bestimmen. In der Ebene Jesreël stießen drei Stämme zusammen, Manasse, Zebulon und Isachar. Der Vorort eines jeden bestimmt dessen Schwerpunkt.

Das Verzeichnis der Levitenstädte gibt die Ermittlung der Vororte an die Hand, die sich aus dem Register oder Verzeichnis der Städte eines jeden Stammes im Buche Josua durchaus nicht gewinnen läßt. Hier werden nur die Grenzen der Stämme angegeben und die Städte nur zufällig genannt, oder wenn sie aufgezählt werden, ist nicht daraus zu erkennen, welche von [362] ihnen den Vorrang eingenommen hat. So wird im Losverzeichnis des Stammes Ephraim (Kap. 16) der sicher einflußreiche Vorort Sichem gar nicht genannt. Der Vorort Hebron kommt im Verzeichnis des Stammes Juda (Kap. 15) erst gegen Ende vor, zusammen genannt mit ganz unbedeutenden Ortschaften. Dagegen ist im Verzeichnis der Levitenstädte der wichtigste Ort des Stammes jedesmal zuerst genannt. Ob die aufgeführten 48 Städte je den Leviten eingeräumt worden sind, ist mehr als zweifelhaft. Zur Richterzeit sicherlich nicht, und nach der Reichsspaltung, als im Zehnstämmereich fremde Kulte eingeführt waren, sind wohl die Leviten in demselben noch weniger berücksichtigt worden. Die Chronik führt es als Tatsache an, daß infolge der Reichsspaltung die Ahroniden und Leviten die Städte des Zehnstämmereichs verlassen hätten und nach Juda ausgewandert wären (II, 11, 13-14). Höchstens mögen unter David und Salomo den Leviten Wohnsitze eingeräumt worden sein. Im Buche Josua ist auch nur angegeben, daß Josua die 48 Städte als Levitenstädte designiert habe, aber nicht, daß sie ihrer Bestimmung gemäß realisiert worden sind. Mag indes das Verzeichnis derselben von Josua stammen oder später kombiniert worden sein, jedenfalls ist daraus zu erkennen, welche Städte in jedem Stamme Wichtigkeit gehabt und welche als Vororte der übrigen gegolten haben.

Von diesem wichtigen Verzeichnis der Levitenstädte besitzen wir zwei Urkunden in Josua 21, 13-37 und in der Chronik I, 6, 42-66. Beide Urkunden stimmen in den meisten Punkten überein, in einigen weichen sie aber voneinander ab, und es ist Sache der Textkritik, die richtige Lesart herzustellen. Die griechische Version hat in den Namen der Städte viele Korrupte len, besser erhalten ist der Text in der syrischen Version.


Text der Levitenstädte in der Chronik.

ןועמשו הדוהי הטממ .I

ןשע 7 ריבד 6 ןליח 5 עמתשא 4 ריתי 3 הנבל 2 ןורבח 1 .שמש תיב 9


ןימינב הטממ .II

.תותנע 4 תמלע 3 עבג 2 ... 1


םירפא תטממ .III

ןורוח תיב 4 םעמקי 3 רזג 2 םכש 1


... .VI

.ןומר-תג 4 ןוליא 3 ... 2 ... 1


השנמ הטמ תיצחממ .V

.םעלב 2 רנע 1


השנמ יצח תחפשממ .IV

.תורתשע 2 ןלוג 1


רכששי הטממ .IIV

.םנע 4 תומאר 3 תרבד 2 שדק 1


רשא הטממ .IIIV

.בוחר4 קוקוח 3 ןודבע 2 לשמ 1


ילתפנ הטממ .XI

.םיתירק 3 ןומח 2 לילגב שדק 1


ןלובז הטממ .X

.רובת 4 ונומר 3 ...


ןבואר הטממ .IX

.תעפימ 4 תומדק 3 הצהי 2 רצב 1


דג הטממ .IIX

.ריזעי 4 ןובשח 3 םינחמ 2 דעלגב תומאר 1


Text der Levitenstädte in Josua.

ןועמשו הדוהי הטממ .I

8 ןיע 7 ריבד 6 ןלח 5 עומתשא 4 ריתי הנבל 2 ןורבח 1 .הלאה םיטבשה ינש תאמ עשת םירע שמש תיב 9 הטי


ןימינב הטממ .II

.עברא םירע ןומלע 4 תותנע 3 עבג 2 ןעבג 1


םירפא הטממ .III

עברא םירע ... ןורח תיב 4 םיצבק 3 רזג 2 םכש 1


ןד הטממ .VI

.עברא םירע ... ןומר-תג 4 ןוליא 3 ןותבג 2 אקתלא 1

השנמ הטמ תיצחממ .V

םיתש םירע ... ןומר-תג 2 ךנעת 1


השנמ הטמ תיצחממ .IV

.םיתש םירע .הרתשעב 2 ןשבב ןולג 1


רכששי הטמש .IIV

.עברא םירע םינג-ןיע 4 תומרי 3 תרבד 2 ןוישק 1


רשא הטממ .IIIV

.עברא םירע .בוחר 4 תקלח 3 ןודבע 2 לאשמ 1


ילתפנ הטממ .XI

.שלש םירע .ןתרק 3 ראד תמח 2 לילגב שדק 1


ןלובז הטממ .X

עברא םירע .ללהנ 4 הנמד 3 התרק 2 םענקי 1


... .IX

...


דג הטממ .IIX

.עברא םירע .רזעי 4 ןובשח 3 םינחמ 2 דעלגב תמר 1


[363] Die beiden Urkunden ergänzen einander. In Josua fehlen die vier Städte vom Stamme Rëuben, die aber noch in der griechischen Version korrumpiert erhalten sind: ἐκ τῆς ϕυλῆς Ῥουβὴν ... Βόσορ ... Μεισω (Ἰαζὴρ) ... Δεκμων ... Μαϕἀ ... πόλεις τέσσαρες. In der Chronik fehlt zunächst im Stamme Benjamin die erste Stadt ןועבג, dann die Überschrift für die Städte des Stammes Dan samt den beiden ersten ,אקתלא ןותבג; die zwei letzten scheinen zum Stamme Ephraim gezählt zu sein. Beim Stamme Zebulon fehlen die beiden ersten Städte התרק ,םענקי. Überhaupt läßt sich bei einzelnen Städten durch Vergleichung der Texte das Richtige wieder herstellen.

Als Vororte sind auch anderweitig bekannt die drei jenseitigen Städte, Golan für Halbmanasse, Ramot in Gilead für Gad und Bezer für Rëuben, ferner Hebron für Juda, Sichem für Ephraim und Kadesch für Naphtali. Nicht bekannt sind die Vororte für die übrigen sechs Stämme, und diese lassen sich nur aus diesem Verzeichnis eruieren.

1. Für den Stamm Benjamin figuriert als Vorort Gibeon, die ehemals chiwwitische Stadt der Gibeoniten, welche sich gleich beim Einzuge unterworfen hat. An die Behauptung dieses Vorortes knüpft sich eine ganze Geschichte, die uns aber nur im Halbdunkel erscheint. Saul wütete gegen die gibeonitischen Urbewohner und scheint sie für seine Familie in Besitz genommen zu haben (vgl. Text S. 172). Dann ist in I. Chronik 8, 1-6 eine Gewalttätigkeit angedeutet, die sich halb und halb entziffern läßt. So sehr auch der Text über die Familie der Benjaminiten verdorben ist – die syrische Version hat eine ganz andere Reihenfolge, besonders wenn man sie mit Genesis 46, 21 und Numeri 26, 38-40 vergleicht –, so geht doch sicher daraus hervor, daß die Familie עלב oder יעלב die erste benjaminitische war. Sie wohnte also wahrscheinlich in dem Vorort Gibeon. Nach Chronik daselbst hatte Bela' neun Söhne: ארגו רדא עלבל םינב ויהיו 'וגו דוהיבאו. In V. 6 sollen die Söhne des dritten Sohnes, des Abihud, aufgezählt werden: דוחא ינב הלאו (die syrische Version hat richtig דוהיבאד אינב ןילהו), sie fehlen [364] aber. Darauf fährt der Text fort: תובא ישאר םה הלא עבג יבשויל, nämlich die Nachkommen Abihuds, also von der ältesten Sippe Bali, waren die ersten Familien von Geba'. Anstatt עבג muß man wohl lesen ןועבג, nach der Voraussetzung, daß die älteste oder erste Familie im Vorort gewohnt hat. Das Folgende gibt aber an, daß sie von hier ausgewiesen wurden, und zwar von anderen jüngeren benjaminitischen Familien:

םלגה אוה ארגו היחאו ןמענו תחנמ לא םולגיו. – Manachat oder, wie die griechische Version las, Μαχανείϑα ist Name einer Stadt, vielleicht identisch mit Richter 20, 43 החונמ, das auch die griechische Version als Eigennamen ansieht. Vgl. Chron. das. 2, 52. 54.

2. Der Stamm Dan schwebte eigentlich in der Luft, er hatte kein scharf umgrenztes Gebiet. Die Emoriter ließen ihn nicht in der Ebene ansiedeln (Richter 1, 34-35); die Städte Zarea und Eschtaol, welche als echt danitische bezeichnet werden (Josua 19, 41, Richter 13, 25), haben ihm Judäer entrissen (Josua 15, 33, I. Chronik 2, 53). Welche Stadt war der Stützpunkt für Dan? Aus diesem Verzeichnis erfahren wir es; es war עקתלא, Elthke. Diese Stadt kommt auch im Verzeichnis der danitischen Städte (Josua 19, 44), und zwar wie hier neben Gibthon, vor. Der fremdartig klingende Name dieser Stadt wird von den Versionen verschieden wiedergegeben. Der griechische alexandrinische Text hat an beiden Stellen Ἐλϑεκώ, dagegen hat der vatikanische Text einmal Ἀλκαϑά und das andere Mal Ἐλκωϑαίμ. Die syrische Version hat das eine Mal תקלא [Elkat] und das andere Mal (wohl verschrieben) אקלתא [Atlaka]. Die Lage dieser danitischen Stadt läßt sich schwer ermitteln. Eusebius in Onomastikon, von dem ein Wink darüber zu erwarten wäre, konfundiert diese Stadt mit Thekoa. Unter Buchstaben Ε spricht er von ihr, obwohl der Anfang fehlt, der sich aus Hieronymus' Übersetzung ergänzen läßt. Dieser hat nämlich an der betreffenden Stelle Elthece in tribu Juda. Im griechischen Texte (ed. Lagarde p. 254, No. 119, 9) muß es also heißen: [Ἐλϑεκέ] ϕυλῆς Ἰούδα. Das ist jedenfalls ein Fehler, es muß heißen ϕυλῆς Δάν. Der Irrtum kam daher, daß das Onomastikon es mit Thekoa im Stamm Juda verwechselte; daher gibt es die Distanz desselben von Jerusalem, und zwar im Osten, auf 12 römische Meilen an. Es fügt hinzu, daß der Prophet Amos aus dieser Stadt, also aus Eltheke stammte. Unter dem Buchstaben Θεκώ (Lagarde p. 261, Nr. 156, 28) bemerkt es, Theko sei früher eine Zufluchtstadt gewesen, πόλις τὸ πρὶν οὖσα ϕυγαδευτήριον, und der Prophet Amos stammte daher. Dies ist wiederum falsch, denn Thekoa gehörte nicht zu den Levitenstädten. Es ist eine Verwechslung von Eltheke und Thekoa. Hieronymus hat daher diesen Zusatz weggelassen. Beachtenswert ist die Angabe Eusebius' bezüglich des Propheten Amos. Es ist wohl möglich, daß er aus der danitischen Stadt Eltheke stammt. Denn aus dem judäischen Thekoa war er entschieden nicht, da er im Zehnstämmereich prophezeite, und außerdem folgt aus der Anrede des Priesters von Bethel an ihn (7, 12), daß er in Juda fremd gewesen sein muß. War er aus Eltheke, so gehörte er zum Zehnstämmereich. Man darf sich an der verschiedenen Schreibweise nicht stoßen, daß Amos als aus עוקת stammend angegeben wird. אקתלא kann ursprünglich ebenfalls עקתלא gelautet haben, das gutturale ע wird öfter abgestoßen, wie עומתשא = המתשא [Jos. 21, 14, vgl. 15, 50]. Daß die Silbe לא abgeworfen wird, zeigt sich auch bei der Stadt דלותלא und דלות [Jos. 19, 4, vgl. I. Chron. 4, 29]. Dans Vorort hieß also Elthke oder Elthekoa, [365] Thekoa. Möglich, daß auch die rätselhafte Stadt Elkosch, Wohnort des Propheten Nahum, ursprünglich אקתלא gelautet hat, und daraus mag ישקלא entstanden sein. [Eusebius las genau wie Codex Alexandrinus in Jos. 19, 44 und 21, 23 Ἐλϑεκώ und in Jos. 15, 59 Ἐλϑεκέν; dementsprechend unterscheidet er richtig Ἐλϑεκώ (ed. Klostermann 88, 1) als danitische und Ἐλϑεκέ (das. 86, 13 ff.) als judäische Stadt.]

3. Als Vorort der diesseitigen Manassiten wird in Josua die alte Stadt Taanach genannt. Man hat sie im Südwestwinkel der Ebene Jesreël, in dem Tell Taanuku, nördlich von Legun (Legio-Megiddo) entdeckt. In der Chronik steht dafür רנע; eine Stadt dieses Namens wird aber sonst nicht erwähnt, während Taanach neben Megiddo (Josua 17, 11) zu Halbmanasse gezählt wird. Da auch Betschean im Osten zu Manasse gerechnet wird, so nahm dieser Stamm den ganzen Süden der Ebene oder den spitzen Winkel derselben ein und wohl auch den Berg Gilboa bis Betschean. Jibleam gehörte auch dazu und bildete seine zweitgrößte Stadt. Diese lag nach II. Könige 9, 27 zwischen Jesreël und Megiddo. Die Stadt Jesreël selbst gehörte aber schon zu Isachar.

4. Bei Ascher wird die erste Stadt לאשמ und zusammengezogen לשמ genannt. Sie kommt auch unter dem Losteile Aschers in Josua vor (19, 26). Aus Eusebius' Onomastikon erfahren wir die Lage und Bedeutung dieser Stadt. Es gibt nämlich an (ed. Lagarde p. 281, No. 139, 21 [ed. Klostermann 130, 18 f.]): Μασάν (l. Μασάλ), κλήρου Ἀσήρ, συνάπτει τῷ Καρμήλῳ κατἀ ϑάλασσαν, πόλις Λευίταις ἀϕωρισμένƞ. Es ist möglich, daß Eusebius nur den Versteil Josua 19, 26 wiedergegeben hat: המיה למרכב עגפו לאשמו, daß Mischal an den Karmel beim Meere stößt; aber dann hat er das Richtige getroffen. Die einzige Stadt, die zugleich am Karmelberg und am Meere lag, ist die jetzt Khaifa, Chaifa genannte. An einer anderen Stelle (das. S. 267, Nr. 133, 32 [ed. Klostermann 102, 31]) nennt Eusebius es Ἡϕἀ, verwechselt es aber mit Sykaminos, das eine halbe Stunde davon entfernt lag, westlich von Karmel, während Chaifa an der östlichen Küste liegt. [S. jedoch Buhl S. 214.] Aus der talmudischen Zeit wird Chaifa öfter unter dem Namen הפיח genannt. Den Namen hat es gewiß von ףוח »Hafen«; denn es bildet noch heute einen ziemlich guten Hafenplatz und hat dem nahe liegenden Akko den Rang abgelaufen. Auf diese Hafenstadt des Stammes Ascher bezieht sich wohl der Vers im Deborahliede (5, 17): ןוכשי ויצרפמ לעו םימי ףוחל בשי רשא. Dadurch ist das Auffallende erklärt, daß ein so wichtiger Platz wie Chaifa, am Meere und unweit der Mündung des Kischonflusses gelegen, in der Bibel gar nicht vorkommen sollte. Er wird also doch, und zwar unter dem Namen לאשמ, genannt. Der Stützpunkt Aschers war also am Meere; hier, d.h. in Chaifa, war auch eine Fischerei für Purpurschnecken (Tal. Sabbat p. 26a). Die Fischerei der Purpurschnecke reichte von der tyrischen Leiter bis Chaifa. Daher wurde Chaifa auch Porphyria genannt (bei Wilhelm Tyrus und anderen): Chaypha quae alio nomine dicitur Porphyria.

5. Als Vorort für Isachar wird Kischjon genannt, in der Chronik verändert שדק. Dieser Stadtname kommt auch im Verzeichnis des Losteils dieses Stammes vor (19, 20). Sonst ist nichts von dieser Stadt bekannt, nur spricht der Laut ihres Namens dafür, daß sie am Kischonfluß gelegen war. Da, wie angegeben ist, die Stadt Jesreël auch zu Isachar gezählt wird, so [366] muß die Lage Kischjons westlich oder nordwestlich von dieser Stadt am Kischon gewesen sein, so daß dieser Fluß die Grenze zwischen Isachar und Halbmanasse gebildet hat. Aus dem Umstand, daß die Stadt Jesreël nicht als Vorort bezeichnet wird, folgt jedenfalls, daß das Verzeichnis der Levitenstädte in Josua alt sein muß und nicht erst zur Zeit des Deuteronomikers entstanden ist; sonst hätte es viel näher gelegen, das unter den Omriden und Jehuiden berühmte Jesreël als Vorort aufzuführen.

6. Schwieriger ist, den Vorort des Stammes Zebulon zu bestimmen. Denn םענקי in der einen Quelle fehlt in der anderen. Außerdem geben die Versionen den Namen in ganz anderer Form wieder, nicht bloß die griechische (vatikanischer Text), die in Eigennamen nicht zuverlässig ist, sondern auch die syrische. Die erstere hat nämlich dafür Μάαν und die letztere חכנ, während diese sonst םענקי durch םעמקנ wiedergibt. Auch sachlich macht die Placierung des zebulonitischen Vorortes Schwierigkeit. In Josua 12, 23 wird Jakneam am Karmel bestimmt למרכל םענקי. Spuren davon hat van de Velde entdeckt in den Ruinen dicht am Karmel, deren Stätte die Araber heute Kaimun nennen (Reise durch Syrien und Palästina I, S. 249 [Buhl S. 210]). Aber wenn dem so ist, so kann Zebulon hier nicht angesiedelt gewesen sein. Denn dieser Strich gehörte entweder zu Manasse oder zu Ascher. In Josua 17, 10 ist ausdrücklich angegeben, daß Manasse im Norden an Ascher und im Osten an Isachar grenzte (חרזממ רכששיבו ןופצמ ןועגפי רשאבו); folglich hat Manasse, dessen Gebiet auch zum Teil in der Ebene Jesreël lag (o. S. 366), nicht an Zebulon angegrenzt. Folglich kann der Ostabhang des Karmel nicht zu Zebulon gehört haben. Indessen ist man doch genötigt, Jakneam als Vorort Zebulons gelten zu lassen, da dieser Ortsname auch im Verzeichnisse des zebulonschen Losteils aufgeführt ist (19, 11) לא עגפו םענקי ינפ לע רשא לחנה. Nur kann dieses Nachal (Wady) nicht der Kischon sein, wie van de Velde vermutet (das. 216), teils aus dem angegebenen Grunde, weil Zebulon in der Mitte der Ebene Jesreël keinen Anteil gehabt haben kann, teils weil der Kischon sich so sehr vor den übrigen Wadys (םילחנ) auszeichnet, daß der Name ןושיק לחנ dabei hätte genannt sein müssen. Wir müssen also notgedrungen zwei verschiedene Jakneam annehmen. Darauf führt auch die nähere Bezeichnung in Josua: למרכל םענקי: daraus folgt nämlich, daß es noch eine andere Stadt dieses Namens gegeben hat. Da mehrere bekannte zebulonsche Städte westlich und nördlich von Thabor gelegen waren, wie Bethlehem westlich, Jeptha-El, Katat (תטק) = Kana und Rimona im Norden, so müssen wir auch dieses Jakneam, somit auch den לחנ nördlich von diesem Berge suchen. Unter dem לחנ ist wohl das jetzt Bedawi oder Bedawijeh genannte Wady zu verstehen, welches von Südost nach Nordost um das Gebiet von Sefurijeh (Sepphoris) streift und westlich als Wady el-Melek sich mit dem Kischontale eine Stunde vor dessen Mündung vereinigt. An diesem Winterfluß muß das zebulonsche Jakneam gelegen haben, d.h. WNW vom Thabor. Daß diese Lagebestimmung wahrscheinlich ist, folgt auch aus den übrigen drei Levitenstädten Zebulons, die der Vollständigkeit wegen hier erörtert werden mögen. Die beiden Urkunden weichen gerade bei diesen Städten voneinander ab. In der Chronik fehlen zwei Städte; dafür hat sie die bekannte Bergstadt Thabor, und diese fehlt in Josua. Indessen haben beide einen Stadtnamen, der sich rektifizieren läßt, nämlich הנמד in Josua und ונומר in Chron. Da unter den Städten dieses [367] Stammes (Josua 19, 13) ןומר oder richtiger הנומר (das ה von dem folgenden Worte absorbiert) genannt wird, so ist diese Lesart richtiger als הנמד. Dieses erkennt man wieder an dem Dorf Rumaneh in der sog. Ebene Zebulon (el-Buttauf). Da ללהנ noch in demselben Verzeichnis vorkommt (Jos. 19, 15), so ist die Urkunde in Josua wohl richtig, und man ist berechtigt anzunehmen, daß sie in der Chronik ausgefallen ist. Dagegen findet sich in diesem Verzeichnis eine Stadt התרק durchaus nicht, wohl aber רובת; so ist die Lesart in der Chronik wohl richtig. Die vier Levitenstädte Zebulons (denn die Zahl vier ist notwendig, um die 48 zu haben; in LXX falsch drei) waren demnach: םענקי ללהנ הנומר רובת. Sie lagen sämtlich um den Thabor. Folglich gab es ein zweites Jakneam in der Gegend dieses Berges, verschieden von Jakneam am Karmel. [Vgl. Riehm-Bäthgen S. 763, wo wohl mit Recht Jokneam und Jokmeam auseinandergehalten werden.] – Wir haben also die bedeutendsten Städte und Vororte der Stämme kennen gelernt, und diese können uns zum Anhaltspunkte für historische und topographische Untersuchungen dienen.

Die kritische Vergleichung der beiden Urkunden gibt auch einen Anhalt zu manchen Emendationen, die Movers, Zur Chronik S. 72 f., und von Lengerke, Kanaan S. 684, versucht haben. So ist Juda 7. ןשע statt ןיע (Beleg Josua 15, 42). – Im diesseitigen Manasse 2. םעלב oder richtiger םעלבי statt ןומר תג, das von der voraufgehenden Zeile herrührt. – In Isachar 4. םנע statt םינג ןיע, und zwar ist םנע transponiert für םיענ, nämlich die in dem Evangelium und in der agadischen Literatur genannte Stadt Ναϊν, Nain, jetzt Nein, am Nordwestfuße des Ed-Duhy, des sog. kleinen Hermon, unweit Endor. – Über die Lage von Ramoth-Gilead und Machanaim siehe Note 12.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 362-368.
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