5. Kapitel. Die französische Revolution und die Emanzipation der Juden.

[176] Die Vorgeschichte der Revolution. Cerf Berr. Malesherbes und die jüdische Kommission. Aufhebung des Leibzolls in Frankreich. Mirabeau. Jesaia Bing. Grégoire, Thiery, Hurwitz. Beginn der Revolution. Haltung der Juden dabei und ihre Schritte um Emanzipation. Verhandlung in der Nationalversammlung über diese. Eifer Godards, Gervilles und Bertolios für die Juden. Verschleppung der Judenfrage. Der 27. Sept. 1791. Isaak Berrs Rundschreiben. Die französischen Juden unter der Schreckensherrschaft. Gleichstellung der Juden von Holland. Adat-Jeruschun-Gemeinde. Religiöse Reibungen in den Amsterdamer Gemeinden. Befreiung der Juden in Italien und Deutschland durch die Franzosen. Bonaparte in Palästina. Sein Aufruf an die Juden. Die französischen Juden unter dem Konsulat. Die neuhebräischen Dichter Elia Halevi, Schalom Kohen, Joseph Euphrat-Troplowitz, Salomo Pappenheim. Michael Berrs Aufruf an die Völker Europas. Goethe und Fichte gegen die Juden. Der Leibzoll. Jacobson und Breidenbach. Die Judenfresser Paalzow, Grattenauer, Buchholz. Die Verteidiger v. Diebitsch, Wolfssohn; die jüdischen Satiriker.


Wer an eine geschichtliche Vorsehung glaubt und überzeugt ist, daß auch die Sünden, Verbrechen und Torheiten dazu dienen, die Menschen im ganzen um viele Stufen höher zu bringen, der findet an der französischen Umwälzung die volle Bestätigung dafür. Wäre diese folgenreiche Umwandlung, welche sämtliche zivilisierten Teile der Erde nach und nach erfahren haben, ohne die lange Kette der empörendsten Untaten und Frevel, welche der Adel, das Königtum und die Kirche begangen haben, möglich gewesen? Wäre sie ohne Ludwigs XIV. selbstsüchtige, von der Kirche geförderte Überhebung, ohne die Unzüchtigkeit der Regentschaft und Ludwigs XV., ohne die kopflose Verbohrtheit Ludwigs XVI., ohne den herausfordernden Hochmut des Adels, ohne die Verworfenheit der Geistlichkeit möglich gewesen? Die unnatürliche Knechtung von seiten der weltlichen und geistlichen Macht hat die Freiheit geboren, aber sie hat sie zugleich mit Gift [176] genährt, so daß die Freiheit in ihr eigenes Fleisch biß und sich selbst verwundete. Die Revolution wurde ein Strafgericht, um tausendjährige Sünden an einem Tage zu sühnen und alle in den Staub zu werfen, welche mit Schändung des Rechtes und der Religion neue Gesellschaftskasten geschaffen hatten. Es war ein neuer Tag des Herrn angebrochen, »alles Stolze und Hohe zu demütigen und das Niedrige zu erheben«. Auch für die Niedrigsten und Geächtetsten in dem europäischen Gesellschaftsleben, für die Juden, sollte endlich der Tag der Erlösung und Befreiung nach so langer, langer Knechtschaft unter den europäischen Völkern aufgehen. Eigen, die beiden europäischen Länder, welche die Juden zuerst vertrieben hatten, England und Frankreich, waren auch die ersten, die ihnen wieder Menschenrechte einräumten. Was Mendelssohn erst in fernen Zeiten für möglich erachtete, was die Fürsprecher der Juden, Dohm und Diez, als frommen Wunsch aussprachen, das verwirklichte sich in Frankreich wie mit Zauberschnelligkeit.

Indessen ist die Freiheit der französischen Juden ihnen nicht so ganz wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen, daß sie sich um deren Zeitigung gar nicht hätten zu bemühen brauchen. Sie haben vielmehr auch Anstrengungen gemacht, um das drückende Joch von ihren Schultern zu wälzen; aber in Frankreich war der Erfolg ihrer Bemühungen günstiger und rascher als in Deutschland. Die eifrigste Tätigkeit zur Befreiung der Juden in Frankreich entwickelte ein edler Mann, dessen vergessenes Andenken der Nachwelt überliefert zu werden verdient. Herz Medelsheim oder Cerf Berr (geb. um 1730, starb 1793)1, war der erste, der die Vorurteile gegen seine Stammesgenossen.[177] unter denen er selbst schwer gelitten hat, durch Wort und Tat zu bannen bemüht war. Er war von Hause aus wohlhabend und auch talmudkundig. Er besaß Herzenswärme genug, um nicht durch seinen Wohl stand in Selbstsucht zu versinken, und auch Freisinn genug, um den Flügelschlag der durch Mendelssohn angebrochenen Zeit zu begreifen und ihn seinerseits zu fördern. Mit dem Weisen von Berlin stand er in vertrauter Beziehung und sorgte für die Verbreitung der Pentateuchübersetzung im Elsaß. Vermöge seiner Lage war Cerf Berr darauf hingewiesen, die Emanzipation anzubahnen. Er lieferte für die französische Armee Kriegsbedarf und mußte zu diesem Zwecke in Straßburg weilen – wo kein Jude wohnen durfte – und wurde im Anfang allerdings nur für einen einzigen Winter zugelassen. Da er aber unter Ludwig XV. während des Krieges und einer Hungersnot dem Staate wesentliche Dienste leistete, wurde ihm vom Minister die Erlaubnis zum Aufenthalte immer wieder verlängert, und er benutzte diese Gunst, um sich dort heimisch zu machen. Cerf Berr zog noch mehrere Juden nach Straßburg, die er teils für seine Geschäfte, teils für seine religiösen Bedürfnisse brauchte, um mindestens eine kleine Gemeinde von zehn zum öffentlichen Gebete zu haben. Unter der Hand kaufte er Häuser für sich und seine Familienmitglieder und erhielt von Ludwig XVI. wegen seiner Verdienste um den Staat alle Rechte und Freiheiten der königlichen Untertanen und besonders das Recht, ausnahmsweise Ländereien und Güter zu besitzen. Er errichtete auch Manufakturen in Straßburg und war darauf bedacht, Juden zur Arbeit zu verwenden, um sie vom Schacher abzuziehen und den Anklägern den Vorwand für ihre Vorurteile gegen sie abzuschneiden.

Obwohl Cerf Berr solchergestalt ein nützliches Mitglied der Gesellschaft war und auch der Stadt Vorteile brachte, sahen die Deutschen [178] in Straßburg die Ansiedlung von Juden in ihren Mauern mit scheelen Blicken an und gaben sich alle erdenkliche Mühe, ihn und seine Schützlinge daraus zu vertreiben. Diese spießbürgerliche Engherzigkeit einerseits und anderseits Dohms Fürsprache für die Juden, so wie Kaiser Josephs teilweise Entfesselung derselben, regten ihn an, die Emanzipation oder mindestens die Zulassung der Juden zu den meisten französischen Städten ernstlich ins Auge zu fassen und sie bei Hofe durchzusetzen. Er sorgte dafür, um die öffentliche Meinung zu gewinnen, Dohms Schrift in Frankreich zu verbreiten. Sie war von Bernouilli aus Dessau ins Französische übersetzt worden. Cerf Berrs Anträge wurden vom Hofe günstig aufgenommen. Auch von anderen Seiten liefen bei der französischen Regierung Gesuche um Erleichterung der Fesseln, welche namentlich die Juden von Elsaß und Lothringen drückten, ein. Der gutmütige Ludwig XVI. war geneigt, Bedrückungen, sobald sie ihm im rechten Lichte gezeigt wurden, abzustellen. Der edle Malesherbes, welcher für Menschenbeglückung schwärmte, ließ, gewissermaßen im Auftrage des Königs, der eine Denkschrift über die Lage der Juden verlangte, eine Kommission von Juden zusammentreten, welche Verbesserungsvorschläge zugunsten der in Frankreich wohnenden machen sollte. Es verstand sich von selbst, daß Cerf Berr dazu berufen wurde. Als Vertreter der Juden von Lothringen wurde sein Gesinnungsgenosse Berr Isaak Berr aus Nancy einberufen, welcher später den größten Eifer für die Gleichstellung seiner Stammesgenossen entwickelt hat. Auch portugiesische Juden aus den beiden Städten ihres Aufenthaltes, Bordeaux und Bayonne, wurden zur Kommission zugezogen, Furtado, der später in der Revolutionsgeschichte eine Rolle spielte, ferner Gradis aus einer reichen und angesehenen Familie in Bordeaux, die große Bank- und überseeische Geschäfte für die französischen Kolonien betrieb, eigene Schiffe ausrüstete und dem französischen Staate in den entfernten Besitzungen durch Auslösung französischer Gefangener aus den Händen der Engländer Dienste geleistet hatte. Auch Isaak Rodrigues aus Bordeaux, der später zur jüdischen Notablenversammlung gehörte, und andere angesehene Männer, wie Lopès-Dubec waren Mitglieder der von Malesherbes zusammengesetzten Kommission2. Diese hervorragenden Männer, sämtlich von Eifer für ihre im Drucke schmachtenden Stammesgenossen beseelt, haben ohne Zweifel [179] auf Abstellung der Ausnahmegesetze gedrungen. Ihre Vorschläge sind indes nicht bekannt geworden. Wahrscheinlich infolge ihrer Bemühungen hob Ludwig XVI. das schmachvolle Gesetz auf, welches besonders die Juden der deutschredenden Provinzen Frankreichs entwürdigt hatte, das Leibzollgesetz. In einem Erlasse (24. Januar 1784)3 erklärte der König: »Wir haben wahrgenommen, ... daß besonders im Elsaß und beim Eingang der Stadt Straßburg die Juden einer Leibtaxe unterworfen sind, die sie mit dem Viehe vergleicht. Da es nun denen Gesinnungen, die wir gegen alle unsere Unterthanen hegen, zuwider ist, eine die Menschheit zu erniedrigen scheinende Auflage fortdauern zu lassen ... befehlen wir, ... daß hinführo in dem ganzen Umfange unseres Königreiches ... die Juden ... befreit sein sollen ... von den Leibzolls-, Ueberfahrtssteuer-, Herkommens- und allen anderen Abgaben dieser Art, es mögen nun solche Gebühren unserer königlichen Kammer oder aber Städten und Gemeinden, geistlichen oder weltlichen Herrschaften. ... zugehören.« Voller Freude zeigte Cerf Berr seinen Berliner Freunden diese erste Errungenschaft an, und Wessely besang diese ernst gemeinte und ernst ausgeführte Befreiung in schönen hebräischen Versen4.

Doch wirksamer als Cerf Berr und die jüdische Kommission arbeiteten für die Befreiung der Juden zwei Männer, welche gewissermaßen von Mendelssohn und seinen Freunden zu ihren Herolden erwählt worden waren und die Verkörperung der Revolution darstellten, Mirabeau, und der nicht minder für volle Freiheit begeisterte Priester Grégoire. Graf Mirabeau (geb. 1749, starb 1791), der stets auf seiten der Unterdrückten gegen die Unterdrücker war, wurde in Mendelssohns Kreis zuerst dazu angeregt, seine Donnerstimme für die Juden zu erheben.

In einer geheimen diplomatischen Angelegenheit vom französischen Hofe nach Berlin gesendet, war er gerade kurz nach Mendelssohns Heimgang dahin gekommen und vernahm überall die Nachklänge der Schmerzenslaute über den Tod des jüdischen Weisen und das volle Lob, das ihm in christlichen Kreisen neidlos gespendet wurde. Mirabeau verkehrte auch viel mit Dohm5, dem ersten Fürsprecher der Juden. Erfüllt von Mendelssohns großartiger Persönlichkeit und begeistert von dem Gedanken, einem geknechteten Volksstamme die Erlösung zu [180] bringen, wollte Mirabeau das französische Publikum zunächst mit beiden bekannt machen. Auch der Widerwille, den er gegen den geräuschvollen Schwindelapostel Lavater empfand, den er mit Cagliostro auf eine Linie stellte, und dessen Anhänger ihn schmähten, nahm ihn für Mendelssohn und die Juden ein, deren Gegner der Mystiker von Zürich war. So entstand Mirabeaus einflußreiche Schrift »Über Mendelssohn und über die politische Reform der Juden« (1787). Von dem ersteren entwarf er ein glänzendes Bild, schilderte seinen Lebensgang mit hellen Farben, vom ersten Tappen nach Wahrheit an bis zur Höhe als geschmackvoller philosophischer Schriftsteller der Deutschen. Die kernigsten Gedanken Mendelssohns brachte Mirabeau zur Kenntnis der gebildeten Kreise Frankreichs. Der jüdische Weise hätte sich keinen wärmeren, begeisterteren, einsichtsvolleren Dolmetsch wünschen können. Seine Vorliebe für Mendelssohn übertrug Mirabeau auf dessen Volksstamm. »Kann man nicht behaupten, daß sein Beispiel, und besonders der Erfolg seiner Bemühung zur Erhebung seiner Stammesgenossen diejenigen zum Schweigen bringt, welche mit unedler Erbitterung darauf versessen sind, die Juden als so niedrig zu schildern, daß aus ihnen eine achtungswerte Menschenklasse nicht werden könnte?«6 Diese Betrachtung bildete für Mirabeau den Übergang zur Verteidigung der Juden. Er stellte dazu alles in die rechte Beleuchtung, was Dohm vorgebracht, und was er selbst erfahren hatte. Er ging die tausendjährige, tragische, jüdische Geschichte durch und sah sie mit ganz anderen Augen als Voltaire an, der darin nur Niedrigkeit fand. Mirabeau erblickte in ihr vielmehr das glorreiche Märtyrertum der Juden und die Schmach ihrer Unterdrücker. Ihre Tugend hob er mit voller Betonung hervor, und ihre Fehler legte er der Mißhandlung zur Last, die sie erduldet hatten: »Wollt Ihr, daß die Juden bessere Menschen, nützliche Bürger werden? Verbannet aus der Gesellschaft jede erniedrigende Scheidung, öffnet ihnen alle Wege des Erwerbes und der Subsistenz; weit entfernt, ihnen Ackerbau, Handwerke, mechanische Künste zu verbieten, ermutigt sie, sich darauf zu verlegen. Wachet, daß die Juden, ohne die geheiligte Lehre ihrer Väter zu vernachlässigen, die Natur und ihren Urheber, die Prinzipien der Ordnung, die Interessen des Menschengeschlechtes, der großen Gesellschaft besser kennen lernen, von denen sie einen Teil bilden. Setzet die jüdischen Schulen auf gleichen Fuß mit den christlichen, in allem, was nicht Religion betrifft. Möge diese Nation, wie jede andere, die freie Übung ihres[181] Kultus haben, möge sie auf ihre Kosten so viel Synagogen und Rabbinen unterhalten, als es ihr beliebt. Mit einem Worte, möge sie in den Besitz aller Bürgerrechte gesetzt werden, und bald wird sie diese billige Verbesserung zum Range der nützlichsten Staatsbürger erheben. Die Verfassung wird zugleich den Übeln, die man ihnen angetan, und den Fehlern abhelfen, deren sie sich gezwungenerweise schuldig gemacht haben«7.

Mit treffendem Witze widerlegte Mirabeau die Einwürfe der deutschen Judenfresser, der Michaelis und der Göttinger Gelehrtenzunft, gegen die Einbürgerung der Juden. Er brauchte die verschiedenen Einwürfe nur einander gegenüberzustellen, um ihre Lächerlichkeit erkennen zu lassen. Der eine folgerte, die Juden würden in dem Wetteifer mit den Christen diesen überlegen werden, und der andere, sie würden ewig hinter ihnen zurückbleiben. »Mögen sich zuerst die Gegner untereinander verständigen,« bemerkte er, »sie widerlegen einander selbst.« Nur allzu prophetisch sah Mirabeau voraus, daß die Juden in einer freien und glücklichen Lage bald ihren Messiaskönig vergessen würden, und daß demnach die von ihrem Messiasglauben hergenommene Berechtigung zu ihrer fortdauernden Ausschließung nichtig sei. »Es ist nur eins zu bedauern, daß eine so sehr begabte Nation so lange in der Unmöglichkeit gehalten worden ist, ihre Kräfte zu entwickeln, und jeder einsichtsvolle Mensch muß sich freuen, nützliche Mitbürger an den Juden zu gewinnen.8« Durchdrungen von Mendelssohns Geiste, widerlegte Mirabeau der Reihe nach die Anschuldigungen gegen die Juden, fälschlich hergeleitet von ihrer angeblichen Neigung zu Diebstahl, Betrug und Meineid, von ihrer Untauglichkeit zum Waffendienste, von dem Hindernis des Sabbats, ihre Bürgerpflichten zu erfüllen, und von ihren Speisegesetzen, sich mit den Christen zu vergesellschaften9. Er beschloß seine glühende Schutzschrift für die Juden mit den Worten: »Meint ihr, daß die vermeintlichen, tiefgewurzelten Laster der Juden erst mit dem dritten oder vierten Geschlecht verschwinden können? Nun, so fangt bald an. Denn es ist kein Gewinn, diese große politische Reform einer Generation aufzuschieben, wenn man doch ohne diese Reform die Generation nicht verbessern kann, und das einzige, was ihr nicht einbringen könnt, wäre die verlorene Zeit.« Auch sonst ergriff Mirabeau jede Gelegenheit, um den Juden warm das Wort zu reden. Er war förmlich in sie und ihre biblische Literatur [182] verliebt und zerstreute die Nebel der Vorurteile, welche Voltaire gegen sie angesammelt hatte10. Eine Sache, deren Verteidigung Mirabeau übernahm, konnte man für halb gewonnen halten. Seine Reformvorschläge kamen zur rechten Zeit.

Unter den tausend Fragen, welche am Vorabend der Revolution die öffentliche Meinung beschäftigten, war auch die Judenfrage. Die Juden, namentlich die des Elsaß, klagten über die Unerträglichkeit ihres Elends und die christliche Bevölkerung über unerträgliche Verarmung durch die Juden. In Metz war eine gegen die Juden hetzende Schrift erschienen, »Schrei des Bürgers gegen die Juden«11, welche die häßlichsten Leidenschaften des Volkes gegen sie entzündete. Sie wiederholte alle lieblosen und unflätigen Äußerungen gegen sie, durch welche Voltaire seinen Unmut gegen einige derselben losgelassen hatte (o. S. 49 f.): Eingewurzelter Haß der Juden gegen alle Men schen, Wucher, Aberglaube und Unwissenheit, das waren die Schlagwörter, mit denen der deutsch-französische Judenfeind Regierung und Volk gegen sie aufreizte. Die Schrift wurde zwar verboten; aber wann wäre je eine noch so unglaubliche Verleumdung ohne Folgen geblieben? Und der Schein sprach allerdings gegen die Juden. Ein junger jüdischer Schriftsteller, der erste elsässische Jude, der sich der französischen Sprache bediente, trat mit einer geharnischten Gegenschrift auf (1787), welche zu der Erwartung berechtigte, daß die Juden nicht mehr, wie zu Voltaires Zeiten, Schmähungen ungerügt über sich ergehen lassen, daß sie vielmehr aus der stummen Duldung heraustreten würden. Jesaia Berr-Bing (geb. 1759, starb 1805), zugleich kenntnisreich und beredt, mit der Geschichte seines Volkes mehr bekannt, als seine jüdischen Zeitgenossen, die Berliner Tonangeber mit eingeschlossen, widerlegte mit eindringlicher Überzeugung jene Anschuldigungen. Einige seiner Bemerkungen verdienen noch heute beherzigt zu werden. »Sie beschuldigen uns (mit Voltaire) ... des Aberglaubens. Ist er Ihnen gleichbedeutend mit treuer Anhänglichkeit an eine Religion, der Sie selbst die Spur göttlicher Offenbarung nicht abzusprechen wagen, oder mit gewissenhafter Befolgung aller ihrer Gebote? Finden Sie uns dann abergläubisch, so will ich Ihnen das gern zugeben, und meine besten Wünsche gehen dahin, daß wir in solchem Aberglauben immer verharren mögen, der Voltairschen Philosophie und ihrem Abscheu vor allen Formen und allem, [183] was über ihren Gesichtskreis erhaben ist, zum Trotze.« Es gehörte mehr Mut dazu, in der Zeit schaler Aufklärung so zu sprechen, als zu Isaak de Pintos mit Bücklingen gegen Voltaire vorgebrachter Verteidigung der Juden (o. S. 55 f.). »Sie werfen uns Unwissenheit vor,« fährt Bing weiter fort, »Sie werden mir [aber] zugeben, daß eine Nation, ehe sie ihr Augenmerk auf wissenschaftliche Kultur richten darf, im Wohlstand leben, Sicherheit des Besitzes und Aussichten haben müsse, welche dem Wißbegierigen als Ziel der Studien vorschweben können. Lassen Sie uns mit diesen Erfordernissen die Geschichte des jüdischen Volkes vergleichen, die Unglücksfälle, die Schicksale, die Umwälzungen, die es erlitten; die Frage wird sich dann leicht beantworten, ob die Juden zu einer Zeit, da ihnen die Muße nicht versagt war, die Wissenschaften vernachlässigt haben. .... Zu jener Zeit, da die Gallier, wie die Germanen, noch in der tiefsten Unwissenheit und in dem abgeschmacktesten Götzendienste versunken waren, konnten wir uns eines Philo, eines Josephus, berühmter Mathematiker, Astronomen, Dichter und Architekten rühmen. ... Es war eine natürliche Folge der Todesgefahr, in der alle einzelnen bei dem geringsten Verdacht schwebten, daß sie, erschlafft und kleinmütig, nur Furcht und Mißtrauen kannten, und da ihnen das Leben nur eine beschwerliche Pilgerschaft war, daß sie nur auf das Heil ihrer Seelen bedacht waren. .... Der Mißtrauische sucht den Schleier des Geheimnisses; selbst die verkannte Tugend scheut das Licht; daher auch der Gebrauch der unverständlichen, kauderwelschen Sprache, deren sich die gemeinen Juden fast allenthalben bedienen, wo die Regierung, unbekümmert um ihre Pflichten gegen diese so lange vernachlässigten Untertanen, sie fernerhin untätig ihrem Schicksale überläßt und die entehrenden Fesseln nicht lösen will, welche die Verfolgungswut ihnen angelegt, die Verachtung aber erschwert hat. Diese Sprachverderbnis darf man unbedenklich unter die Ursachen zählen, welche den Fortgang wissenschaftlicher Bildung unter uns verhindern.«

Bing blieb aber nicht bei der Verteidigung stehen, sondern trat mit kühnen Forderungen hervor. »Wir verlangen weder eine besondere Gnade, noch eine Gunst, noch ein Privilegium, aber wir verlangen ein Gesetz, wodurch wir zu den natürlichen Rechten, deren alle Menschen ohne Ausnahme teilhaftig sein sollen, zugelassen werden. Wir verlangen, daß man die entehrende Scheidewand aufhebe, welche uns von allen übrigen Staatsbürgern absondert, daß man den erniedrigenden Unterschied nicht ferner dulde, ... daß es jedem verstattet werde, einen Wohnort nach seinem Gefallen zu wählen, daß [184] kein Erwerbszweig uns verschlossen, kein Handwerk uns untersagt sei. Wir verlangen, daß man die Kräfte, welche zum Dienst der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt sind, fernerhin nicht in einer erzwungenen Untätigkeit ruhen lasse; wir verlangen, daß wenn nicht die den Talenten gebührende Belohnung, doch wenigstens die Achtung uns nicht versagt werde, welche allein dafür schadlos halten kann, daß die im Staat bestehenden Schulanstalten auch uns geöffnet werden, wie jedem andern Untertan. Wir machen endlich, da wir die Bürgerpflichten ausüben können und wollen, gleichen Anspruch auf die Vorteile, welche zur Aufmunterung des Verdienstes bestimmt sind. Wenn man uns diese billigen Forderungen zugestanden haben wird, so muß die Erfahrung den Satz bestätigen, daß zwei Nationen, die unter demselben Himmelsstrich, in derselben Verfassung leben, und deren Glaubensmeinungen auf denselben moralischen Prinzipien beruhen, nicht im wesentlichen, weder dem Charakter, noch den Fähigkeiten nach, verschieden sein können.«

Durch diese Schriften für und gegen die Juden kam die Judenfrage in Frankreich auf die Tagesordnung. Die königliche Gesellschaft für Wissenschaft und Künste in Metz setzte einen Preis für die beste Arbeit über Beantwortung der Frage aus: »Gibt es Mittel, die Juden glücklicher und nützlicher in Frankreich zu machen?« Drei Arbeiten liefen ein, sämtlich zugunsten der Juden, von zwei christlichen und einem jüdischen Forscher, von dem Priester Grégoire, dem Advokaten des Parlaments von Nancy Thiery und dem aus Polen in Paris eingewanderten Salkind Hurwitz aus Kowno (am Njemen). Alle drei Arbeiten wurden gekrönt (1788), die von Grégoire12 hatte jedoch die größte Wirkung. Grégoire war eine naive Natur und hatte sich ein reines kindliches Gemüt inmitten der allgemeinen Verderbnis bewahrt. Er glaubte noch an die evangelische Kindlichkeit und lebte gegen die laute Stimme der Geschichte der Überzeugung, daß das Christentum die allgemeine Menschenliebe und die Brüderlichkeit predige. Wie man später von ihm sagte, daß er die Revolution habe christlich machen wollen, so kann man auch von ihm sagen, daß er die ganze Geschichte habe christianisieren wollen. Von diesem christlichen Gesichtspunkte aus betrachtete er auch das Los der Juden. Er weinte über ihr Elend, zeigte ihre bluttriefende Geschichte, diese lange schmerzens- und tränenreiche Tragödie, [185] brandmarkte die Urheber derselben, die christlichen Völker und Fürsten, fühlte schmerzhaft die Schmach, daß der Name Jude eine Schmähung geworden ist und daß die Jünger des »liebevollsten Messias« die in Lumpen gehüllten Unglücklichen, denen sie auf den Straßen begegneten, nur deswegen mißhandelten, weil sie Juden sind13. Auch Grégoire hob ihre angestammten und zur Gewohnheit gewordenen Tugenden hervor, die Keuschheit ihrer Frauen, ihr Mitleid für Notleidende, die Verehrung für die Urheber ihrer Tage, für ihre Lehrer und Greise14. Nichtsdestoweniger fand Grégoire ihr langes Märtyrertum zum Teil wenigstens verdient, weil sie den »Heiland« verworfen hätten, Jesu Blut sei auf ihr Haupt zurückgefallen15. Grégoire betrachtete so sehr die Juden vom geistlichen Gesichtspunkte, daß er sogar in brennendem Widerspruche mit der Geschichte die Päpste und Geistlichen von der Schuld an der Verfolgung der Juden freisprach16. Den Kirchenstaat, wo die Juden nur als lebende Muster von Gottesmördern, in alter Schmach versteinert erhalten wurden, schilderte er als ihr irdisches Paradies17. Das Judentum verstand er wenig. Es habe einst seine Gültigkeit gehabt, sei aber von dem Christentum überholt worden und sei in Versumpfung geraten. Auch die wissenschaftlichen Leistungen der Juden schlug Grégoire aus Unkenntnis gering an18. Man darf ihm diese Verkennung nicht so sehr verargen. Seine dürftige Kenntnis derselben hatte Schuld daran, nicht sein Herz. Gern ließ er sich eines Besseren belehren, von Mose Ensheim, einem Jünger und Hausgenossen Mendelssohns, und von Jesaia Bing, die ihm zur Seite standen und ihm manches goldene Blatt aus der jüdischen Literatur des Mittelalters zeigten19.

So kam es, daß Grégoire die Frage über die Verbesserung der Lage der Juden nicht von der staatswissenschaftlichen Seite, wie Dohm und Mirabeau, sondern von der kirchlichen Seite aus behandelt hat. [186] Indessen war er viel gerechter und milder als Michaelis und die Göttinger. Die Behauptung von der Unverbesserlichkeit der Juden widerlegte er schlagend. Das Resultat seiner Untersuchung fiel im ganzen günstig für die Juden aus. Man sollte ihnen um so mehr die volle Freiheit einräumen, weil sie in ihrer gegenwärtigen, gedrückten Lage nur eine Plage für die christliche Bevölkerung wären und sie durch Wucher und Schelmereien aussaugten. Die Freiheit sei dem Christentum, dem Gesetze und den Interessen der Nation angemessen. »Machen wir die Juden zu Bürgern; physisch und moralisch wieder verjüngt, werden sie ein gesünderes, stärkeres Temperament, Einsicht und Ehrlichkeit erlangen. Ihr Herz von der Tugend geleitet, ihre Hände von der Arbeit abgehärtet, werden der großen Gesellschaft zum Nutzen gereichen«20. Konsequenter als Dohm, wollte Grégoire sie selbst zu Staatsämtern zugelassen wissen21. Selbstverständlich wollte er die Freiheit ihres Kultus unbeschränkt lassen, mit Ausnahme des Falles, wo ihr Gesetz mit dem des Staates in Reibung geraten sollte. Er schloß seine Abhandlung mit der rednerischen Wendung, die besser als alle Beweise wirkte: »O, ihr Nationen, seit achtzehn Jahrhunderten tratet ihr Israel mit Füßen. Die Rache Gottes entfaltet über sie ihre Strenge; aber hat sie euch beauftragt, ihr Werkzeug zu sein? Die Wut eurer Vorfahren hat ihre Schlachtopfer unter dieser unglücklichen Herde gewählt. Welche Behandlung spart ihr euch für die schüchternen Lämmchen auf, die, dem Blutbade entronnen, in euren Armen eine Zuflucht suchen? Ist es denn genug, ihnen das Leben zu lassen, wenn ihr ihnen alles raubt, was dasselbe erträglich machen kann? Werdet ihr euren Haß euren Kindern als einen Teil der Erbschaft hinterlassen?. .... Ein neues Jahrhundert bricht an; mögen die Palmen der Menschlichkeit seine Pforte umkränzen, und möge die Nachwelt im voraus der Vereinigung eurer Herzen Beifall zujauchzen. Die Juden sind Glieder derselben ausgebreiteten Familie, welche die Brüderschaft unter den Völkern befestigen soll, und über sie wie über euch breitet die Offenbarung ihren majestätischen Schleier aus. Kinder desselben Vaters, entziehet jeden Vorwand zur Verachtung bei euren Brüdern, die eines Tages in demselben Gotteshause vereinigt sein werden. Öffnet ihnen Freistätten, wo sie in Sicherheit ihre Häupter niederlegen und ihre Tränen trocknen können, und möge endlich der Jude, indem er dem Christen Gegenliebe bewilligt, in mir seinen Mitbürger und seinen Freund umarmen.«

[187] Adolf Thiery, der zweite Bewerber um den Preis für die Judenfrage, nach Art der Sachwalter mehr rednerisch, aber ohne Tiefe, gab in seiner Preisschrift22 den gesunkenen Zustand der Juden zu und schob ebenfalls die Schuld auf ihre Behandlung seitens der Christen: »Die Habgier, die Eifersucht, die Intoleranz, die wilde Frömmigkeit des immer schrecklichen Volkes, wenn es glaubt, seiner Religion zu gehorchen, oder wenn es den Fanatismus aus seinem Hasse schöpft, alle Plagen der Menschheit vereinigten sich, um die Juden zu quälen und zu zerschmettern23 ... ... Wagen wir es zu sagen und die Masken abzureißen, mit welchen das Vorurteil sich beständig bedeckt hat. Uns selbst müssen wir der Verbrechen anklagen, die man den Juden vorwirft; wir zwingen sie dazu24.« Die Verbesserungsfähigkeit der Juden bewies er aus ihrem Verhalten im Altertume, wo sie Muster von Lebenseinfachheit waren, und aus den rührenden Familientugenden, die unter den Juden viel mehr als unter den Christen noch immer heimisch seien25. Thiery wies auch auf das Beispiel ehrenwerter Männer in Frankreich, auf die Gradis, Blienu, Cerf Berr, hin, welche eine hohe Stufe von Bildung oder gemeinnützigem Wirken erstiegen hatten26. Auch er verlangte, daß die Juden völlig den Christen gleichgestellt würden, dann würden ihre Fehler von selbst schwinden. Er machte auf den auffallenden Unterschied zwischen den Juden von Metz und Nancy aufmerksam; während sie dort, gedrückt, einen trübseligen Anblick darbieten, zeigen sie hier, wo sie freier leben durften, einen erfreulichen Fortschritt27.

Salkind Hurwitz'28 Preisschrift fiel, wie sich denken läßt, noch günstiger aus. Er war ein tiefgelehrter Jude, ein scharfer Denker, ein Jünger des als Autorität verehrten Metzer Rabbiners Arje Löb, und kannte die Quellen der jüdischen Literatur besser, als seine Mitbewerber. Wenn Hurwitz auch Wahrheitsliebe genug besaß, manche Blößen nicht zu verschweigen, so erschienen sie ihm doch nicht so grell, wie denen, welche sie mit fremden Augen betrachteten.

[188] Als diese drei Schutzschriften erschienen, verdichteten sich bereits die wetterschwangeren Wolken der Revolution, welche Zerstörung und Neubildung über den Erdkreis herbeiführen sollte. Die Fessel der doppelten Knechtschaft, unter welcher die europäischen Völker seufzten, der politischen und der kirchlichen, sollte endlich in einem Lande wenigstens gesprengt werden. Das Christentum, das in seinen Anfängen einen Anlauf genommen hatte, der Freiheit eine Stätte zu gründen, war schon tags darauf freiheitsfeindlich geworden, billigte die Leibeigenschaft, diesen Krebsschaden der christlichen Gesellschaft, so wie die Kasten- und Standesunterschiede, die Unterjochung der Niedrigen unter die Hohen, segnete die Despoten, verfluchte die Elenden, die sich dagegen auflehnten, und überlieferte sie auch öfter dem Henkerbeile. Die lutherische Reformation, welche die »Obrigkeit« heilig sprach und den Bauernaufstand in Blut zu ertränken befahl, machte die Knechtschaft nur noch drückender. Endlich sollte der gesunde Sinn über den politischen und kirchlichen Wahn siegen und die Freiheit verkünden, das Wort, das in Europa fast unbekannt geworden war. Wie von einem Zauberstabe berührt, verwandelte sich Frankreich in einen Glutherd, worin alle Werkzeuge der Knechtschaft verzehrt wurden, und aus der Asche erhob sich das französische Volk, neuverjüngt, zu Großem bestimmt, der erste Apostel für die Freiheitsreligion, die es mit leidenschaftlicher Begeisterung liebte. Sollte nicht auch dem am meisten geknechteten Volk, den Juden, die Stunde der Erlösung geschlagen haben? Es war zu erwarten. Zwei seiner eifrigsten Verfechter saßen in dem Teil der zusammenberufenen Nationalversammlung, welcher, als wahrer Vertreter des Volkes, die so lange vom Staate und von der Kirche Enterbten in ihre unverjährbaren Rechte wieder einsetzte, Mirabeau, einer der Väter der Revolution, und der Priester Grégoire, welcher seine Wahl gerade seiner Schutzschrift für die Juden verdankte.

Allzuviel Juden wohnten in Frankreich beim Ausbruch der Revolution keineswegs, kaum 50000 Seelen – von denen fast die Hälfte (20000) auf das Elsaß kam – unter dem drückendsten Joche. In Metz, der größten Gemeinde, der »Mustergemeinde«, wurden nur 420 jüdische Familien und in ganz Lothringen nur 180 geduldet, die sich nicht vermehren durften. In Paris hatte sich trotz des strengen Verbotes doch (seit 1719) eine Gemeinde von etwa 500 Seelen angesammelt29; ebenso viele lebten in Bordeaux, größtenteils von [189] neuchristlicher oder portugiesischer Abkunft. Außerdem bestanden einige Gemeinden in dem päpstlichen Gebiete von Avignon und Carpentras, die einen eigenen Ritus, abweichend von dem deutschen und sefardischen hatten. In Carpentras wohnten etwa 700 Familien (über 2000 Seelen), die ein eigenes Rabbinat hatten. Hier genossen sie ein wenig mehr Freiheit als im Elsaß und in Lothringen und durften wenigstens liegendes Vermögen besitzen. Am günstigsten gestellt waren die Juden von Bordeaux und diejenigen der Tochtergemeinde Bayonne. Vereinzelt wohnten noch welche in Rouen, Dieppe und einigen anderen nördlichen Städten30. –Unter den Juden in den verschiedenen Provinzen bestand ebensowenig Zusammenhang, wie unter denen der übrigen europäischen Länder. Das gehäufte Unglück hatte sie zerklüftet. Zwischen den deutschen und portugiesischen Juden bestand außerdem eine Spannung aus der Zeit, als diese eine Anzahl ihrer Stammesgenossen von deutscher und avignonensischer Abkunft aus ihrer Mitte ausweisen ließen und sich gegen neue Ankömmlinge absperrten (o. S. 52). Daher kam es, daß keine gemeinsamen Schritte von ihnen vorbereitet wurden, um ihre Einbürgerung sofort von der Nationalversammlung zu verlangen, obwohl Grégoire31, der katholische Priester mit wahrer Menschenliebe im Herzen, sie ermahnt hatte, die günstige Gelegenheit zu ergreifen. Männer von Tatkraft, von Liebe zu ihren Stammesgenossen, von Aufopferungsfähigkeit und von Takt hatten sie allerdings in ihrer Mitte, Cerf Berr, Furtado, Isaak Berr. David Gradis von Bordeaux, reich, von hochherzigem Sinn und angesehen, stand auf der Kandidatenliste, und es fehlten ihm nur wenige Stimmen, um zum Deputierten gewählt zu werden. Aber anfangs geschah nichts der Art. Ein Versuch zu gemeinsamem Handeln mag gemacht worden sein, scheiterte aber wohl an dem Stolz der Portugiesen. Daher ist [190] in den ersten stürmischen Monaten der Revolution nichts für die Gleichstellung der Juden unternommen worden. Die Deputierten in den Generalstaaten oder der Nationalversammlung hatten viel zu viel andere Kämpfe durchzumachen, um an die Juden denken zu können. Auch hielten sie sich meistens an das Programm der Wünsche, welche ihnen ihre Wähler mitgegeben hatten, und unter diesen war die Emanzipation der Juden nicht aufgeführt. Die Deputierten des Elsaß und Lothringens hatten im Gegenteil die Weisung erhalten, gegen die Juden aufzutreten. Erst die infolge der Revolutionsstürme ausgebrochenen Judenhetzen in den deutschen Provinzen legten es den Betroffenen ans Herz, ihre Klagen vor die Nationalversammlung zu bringen. Es war vielleicht gut, daß ihnen die Frucht der Freiheit nicht reif in den Schoß gefallen ist, sondern daß sie sich darum mit einem Aufgebot von Anstrengung bemühen mußten; dadurch ist ihnen die Freiheit teuer und lieb geworden.

Die Erstürmung der Bastille hatte endlich dem verblendeten Könige das Zepter aus der Hand gerissen und es dem Volke überliefert. Die Revolution hatte Blut gekostet und begann das Strafgericht an den Unterdrückern zu vollstrecken. An vielen Punkten des Landes wurden wie auf Verabredung die Schlösser verbrannt, die Klöster zerstört, die Edelleute mißhandelt und getötet. Das eben von der Sklavenkette erlöste Volk, von der Kirche in Unwissenheit erzogen, wußte nicht den Freund vom Feinde zu unterscheiden, und stürzte sich blindlings auf das, was seinem Auge am nächsten lag. Im Elsaß machte die niedrige Volksklasse, vielleicht von geheimen Judenfeinden verhetzt, zugleich einen wütenden Angriff auf die Juden (Anfang August 1789), zerstörte ihre Häuser, plünderte ihre Habe und zwang sie halbnackt zur Flucht. So wurden sie, welche bis dahin von den Adligen und Geistlichen gedemütigt und geknechtet worden waren, die Leidensgenossen ihrer Tyrannen. Die Elsässer Juden retteten sich meistens nach Basel, und, obwohl dort kein Jude weilen durfte, wurden die Flüchtlinge dennoch beherbergt und mitleidsvoll behandelt. Wessely verewigte die menschliche Gesinnung der Baseler durch ein schönes hebräisches Gedicht32. Über alle diese Ausschreitungen des ersten Freiheitsrausches, die traurigen Folgen der Selbstsucht der Großen, liefen Klagen bei der Nationalversammlung ein; von ihr erwarteten alle Abhilfe, nicht mehr von dem Königtume, das bereits ein Schatten geworden war. [191] Jeder Deputierte erhielt ausführliche Berichte über die Unruhen und zum Teil blutigen Vergehen. Die mißhandelten Elsässer Juden hatten sich an Grégoire gewendet und dieser entwarf (3. August) ein düsteres Gemälde von dem Judensturm und fügte hinzu, daß er, ein Diener der Religion, welche alle Menschen als Brüder betrachtet, das Einschreiten der Macht der Versammlung zugunsten dieses geächteten und unglücklichen Volkes beanspruchen müsse. Er veröffentlichte ferner eine Schrift »Antrag zugunsten der Juden«, um auf die öffentliche Meinung zu wirken33. Es folgte darauf jene denkwürdige Nacht vom 4. August, welche dem französischen Volke zu ewigem Ruhm gereichen wird, als der Adel selbst seine Vorrechte auf dem Altar der Freiheit opferte und die Gleichheit aller Bürger anerkannte, jene Nacht, welche die Geburtsstunde einer neuen Ordnung der Dinge wurde. Erst infolge dieser Anregung und aus Furcht, daß sie sämtlich als Opfer der Anarchie fallen könnten, entschlossen sich auch die Juden der übrigen Provinzen, Gesuche um Aufnahme in den Bruderbund des französischen Volkes zu stellen; aber wiederum traten sie vereinzelt und teilweise mit widersprechenden Wünschen auf. Die Juden von Bordeaux waren bereits in die Nationalgarde eingetreten, und einer von ihnen war zum Hauptmann ernannt worden. Sie hatten nur den einen Wunsch, daß diese ihre Gleichstellung durch das Gesetz besiegelt werde, und diesen Wunsch sprachen ihre vier Deputierten David Gradis, Furtado, Lopès-Dubec und Rodrigues aus. Auch von den Pariser Juden waren etwa hundert in die Nationalgarde eingetreten und wetteiferten an Patriotismus und revolutionärem Mut mit den übrigen Bürgern. Sie schickten elf Deputierte an die Nationalversammlung, an deren Spitze einen Holländer Goldschmidt und einen Portugiesen, Abraham Lopes-Laguna, welche um Abwendung der Schmach, mit der sie als Juden bedeckt seien, und um ausdrückliche Gleichstellung durch das Gesetz baten, und den Gedanken aussprachen, daß das Beispiel des französischen Volkes auf alle Völker der Erde wirken werde, die Juden als Brüder anzuerkennen. Die Metzer Gemeinde hatte noch den besonderen Wunsch, daß die Last der drückenden Abgaben von ihren Schultern genommen und die Schulden aufgehoben würden, in die sie durch jene Last geraten waren. Die Gemeinden von Lothringen hatten einen Vertreter zur Nationalversammlung, Berr-Isaak [192] Berr (geb. 1744, starb 1828), geschickt, der ein Mann von vielen Tugenden und Verdiensten und ein Verehrer von Mendelssohn und Wessely war und vielen Einfluß hatte. Er überreichte eine Petition, die noch einen besonderen Wunsch enthielt. Berr war talmudisch gebildet und vom talmudischen Judentume begeistert. Er scheint von der Auflösung der bisherigen Gemeindeverbände den Zerfall des Judentumes befürchtet zu haben, oder er sah ein, daß die Rabbinen unparteiischer die Streitigkeiten zwischen Juden schlichteten als die Gerichte. Daher ging sein Wunsch dahin, daß die Autorität und Autonomie der Rabbinen für innere Angelegenheiten durch ein Gesetz aufrecht erhalten und anerkannt werden solle. Dagegen protestierten die Deputierten für Luneville und diejenigen einer Nachbargemeinde. Sie wünschten im Gegenteil vollständige Unabhängigkeit von den Rabbinen. Ihre Wünsche wurden in vier Punkte zusammengefaßt, daß die Versammlung ihnen ausdrücklich den Titel Bürger zuerkennen möge, daß es ihnen ohne Beschränkung gestattet sei, sich in allen Städten niederzulassen, daß sie von allen ungerechten Abgaben und dem Schutzgeld befreit werden möchten, und endlich, daß ihnen Religions- und Kultusfreiheit eingeräumt werden solle34. Es dauerte aber lange, ehe die Judenfrage in ihrer ganzen Schärfe auf die Tagesordnung der Nationalversammlung kam, als hätte die Versammlung sich gescheut, diesen Punkt zu berühren, um nicht die öffentliche Meinung vermöge der hartnäckigen Vorurteile und des Judenhasses in den deutschen Provinzen noch leidenschaftlicher gegen die Juden aufzuregen.

Die religiöse Unduldsamkeit zeigte sich selbst im Schoße der Versammlung. Am 23. August fand eine aufgeregte Sitzung statt. Es handelte sich darum, unter die unverletzbaren Menschenrechte, welche an die Spitze der Verfassung gestellt werden sollten, auch die religiöse Gewissensfreiheit und die Freiheit des Kultus aufzunehmen. Ein Deputierter, de Castellane, hatte diesen Punkt scharf formuliert. »Kein Mensch soll wegen seiner religiösen Meinungen beunruhigt, noch in der Ausübung seines Kultus gestört werden.« Gegen diese Fassung erhob sich ein Sturm von den Bänken der katholischen Geistlichkeit und anderer eingefleischter Katholiken. Sie sprachen immer von einer herrschenden Religion oder Konfession, welche, wie bis dahin, vom Staate getragen und gefördert werden sollte, während die andern Bekenntnisse allenfalls notdürftig geduldet werden sollten. Vergebens erhob Mirabeau seine Löwenstimme gegen diese Überhebung. [193] »Die unbeschränkte Religionsfreiheit ist in meinen Augen so heilig, daß das Wort Toleranz selbst mir gewissermaßen tyrannisch klingt, weil schon das Bestehen der Autorität, welche die Befugnis zu dulden hat, die Freiheit beeinträchtigt, indem sie duldet, weil sie auch das Entgegengesetzte tun könnte.« Aber seine sonst gewaltige Stimme wurde vom Gegengeschrei übertönt. Nur die weisheitsvolle Rede eines anderen Deputierten, Rabaut Saint Etienne, brachte die Gewissensfreiheit zum Siege. Er bemerkte, daß er eine Bevölkerung von einer halben Million Menschen vertrete, worunter sich 120000 Protestanten befänden, und er könne nicht zugeben, daß diese von allen Ämtern und Ehren ausgeschlossen werden sollten. »Es sei für immer verbannt, das Wort Intoleranz, dieses barbarische Wort möge nie mehr ausgesprochen werden. Ich verlange aber nicht die Toleranz; dieses Wort hat eine Nebenbedeutung, welche die Menschen entwürdigt, ich verlange Freiheit, welche ein und dieselbe sein soll.« Er erhob aber auch für die Juden seine Stimme. »Ich verlange die Freiheit für das stets geächtete, heimatslose, auf dem ganzen Erdkreis umherirrende, der Erniedrigung geweihte Volk der Juden. Verbannet für immer die Aristokratie der Gedanken, die Feudalität der Meinungen, welche über andere herrschen und anderen einen Zwang auflegen wollen.« Unter starkem Widerspruch ging die Fassung durch, welche seitdem die Grundlage der europäischen Konstitution geworden ist: »Niemand soll wegen seiner religiösen Meinungen behelligt werden, insofern ihre Äußerungen nicht die öffentliche, vom Gesetze eingesetzte Ordnung stören«35.

Damit war der eine Punkt in dem Gesuch der französischen Juden erledigt. Als aber die Judenfrage später geradezu zur Verhandlung kommen sollte (3. Sept.), wurde sie wieder aufgeschoben und einem Ausschuß überwiesen36. Freilich war der Zeitpunkt am wenigsten dafür geeignet. Die Nationalversammlung, Paris und das ganze Land waren damals infolge der Frage über das königliche Veto in elektrischer Spannung, die jeden Augenblick in einen Wetterschlag auszubrechen drohte. Drei Wochen später mußte die Versammlung sich doch mit der Judenfrage befassen. Verfolgungen, welche Juden abermals an einigen Orten erduldeten, gaben die Veranlassung dazu. Die von Nancy wurden mit Plünderung bedroht, weil man ihnen vorwarf, daß sie Getreide aufgekauft und verteuert hätten. Sie würden, [194] so hieß es, wenn sie gleichgestellt würden, die schönsten Häuser kaufen, ja die ganze Stadt besitzen. Zum Bischof la Fare bemerkte ein aufgeregter Bürger: »Wenn wir Sie verlören, würden wir eines Tages einen Juden zum Bischof haben; so geschickt sind sie, sich alles anzueignen«37. Die Judenfrage wurde infolgedessen für so dringlich gehalten, daß die Tagesordnung dadurch (28. Sept.) unterbrochen wurde. Grégoire war es abermals, der den Verfolgten das Wort redete. Ihn unterstützte der Graf Clermont-Tonnerre, ein aufrichtiger Freiheitsfreund. Mit glänzender Beredsamkeit hob er hervor, daß die christliche Gesellschaft an der Niedrigkeit der Juden Schuld sei, und daß sie ihnen eine Sühne geben müsse. Die Versammlung beschloß darauf, daß der Präsident an verschiedene Städte ein Rundschreiben richten möge, daß die Erklärung der Menschenrechte, welche die Versammlung angenommen habe, alle Menschen auf Erden, also auch die Juden, umfasse, daß sie demnach nicht gekränkt werden dürften. Der König wurde angegangen, mit seiner allerdings geschwächten Autorität die Juden vor ferneren Verfolgungen zu schützen38. Indessen hatte dieses Mittel bei den entfesselten Leidenschaften keinen Erfolg. Die Juden blieben im Elsaß nach wie vor Quälereien ausgesetzt. Die jüdischen Vertreter der drei Bistümer, Elsaß und Lothringen verloren die Geduld, als ihre Vorstellungen um Gleichberechtigung immer wieder abgewiesen wurden. Sie bemühten sich daher, sich endlich Gehör zu verschaffen. Von den lothringischen Deputierten vor die Nationalversammlung geführt (14. Okt.), erhielt Berr, der unermüdliche Anwalt für seine Stammesgenossen das Wort, um das tausendjährige Leid derselben zu schildern und eine menschenwürdige Behandlung zu erflehen. Würdig erfüllte er seine Aufgabe. Er mußte sich kurz fassen, weil die Versammlung, welche durch den Zusammensturz eines so alten Reiches einen Neubau auf dessen Trümmern zu errichten hatte, nicht viel Zeit für langatmige Reden fand. Berr beschwor im Namen Gottes, im Namen der Gerechtigkeit und der seit so vielen Jahrhunderten beleidigten Menschheit die Versammlung, daß sie das tränenreiche Geschick der unglücklichen Nachkommen des ältesten Volkes fast auf der ganzen Erde in Betracht ziehen und die so lange und vergeblich erhoffte Verbesserung endlich vollziehen möge. Gerührt hörten die Deputierten die Worte dessen an, der in diesem Augenblicke das zugleich flehende und anklagende Judentum verkörperte. Der Präsident [195] Preteau antwortete darauf, daß die Versammlung sich glücklich fühlen würde, den Juden Frankreichs Ruhe und Glück verschaffen zu können. Die Versammlung begleitete seine Worte mit Beifall, gestattete den jüdischen Deputierten als Ehrengästen den Verhandlungen beizuwohnen und versprach die Gleichstellung der Juden in der nächsten Sitzung zu beraten39. Seit der Zeit hegten die französischen Juden die zuversichtliche Hoffnung, daß ihre Gleichstellung sich verwirklichen werde. Mose Ensheim, der jüdisch-französische Dichter, besang darauf in schönen hebräischen Versen die schöpferische, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gründende Nationalversammlung und gab dem Hochgefühl der Juden über die Erlebnisse in dieser so ereignisreichen Zeitepoche Ausdruck40.

Inzwischen hatte die Revolution wieder einen Riesenfortschritt gemacht; das Volk hatte das so stolze französische Königtum wie einen Gefangenen von Versailles nach Paris geführt. Des Königs Macht war vollständig gebrochen, er mußte sich an die Nationalversammlung anlehnen, um nicht wie ein Rohr in diesem Sturme geknickt zu werden. Auch die Deputierten siedelten nach Paris über, und die Hauptstadt geriet immer tiefer in die Aufregung revolutionärer Fieberglut hinein. Die Jugend der Pariser Juden und der von außen Eingewanderten nahmen den größten Anteil an allen Vorgängen. Auch die Halbvermögenden legten Gaben auf den Altar des Vaterlandes, um der Finanznot abzuhelfen. Salkind Hurwitz war als Dolmetsch der orientalischen Sprachen an der königlichen Bibliothek angestellt und bezog dafür den geringen Gehalt von 900 Franks. Freiwillig leistete er für immer Verzicht auf den vierten Teil seines Einkommens, obwohl die Nationalversammlung nur für ein Jahr den Abzug von den Gehältern der Beamten angeordnet hatte, was ihm von den Bürgern sehr hoch angerechnet wurde41. Endlich sollte die Judenfrage zum Austrag kommen. Schon war ein Berichterstatter dafür ernannt und eine eigene Sitzung dazu anberaumt. Aber sie wurde mit einer anderen Frage vermischt, mit dem Wahlrecht der Scharfrichter, der Schauspieler und der Protestanten, welche die katholische Bevölkerung in einigen Städten zu den Wahlen nicht zulassen mochte. Was mögen die judenfeindlichen deutschen Protestanten dazu gesagt haben, daß ihre Religionsgenossen in Frankreich auf eine Linie mit den Juden, Komödianten und noch dazu mit den Scharfrichtern gestellt wurden?

[196] Der Berichertstatter Clermont-Tonnerre sprach wie die verkörperte Logik zugunsten aller vier Klassen. Eigentlich, meinte er, sei die Frage der Gleichstellung bereits entschieden, da die Versammlung allen ohne Ausnahme Menschenrechte zuerkannt und auch allen Unbescholtenen die Wählbarkeit zugesprochen habe. Was die Juden betreffe, so habe man gegen sie zahlreiche Anschuldigungen vorgebracht, die schwersten seien ungerecht und die übrigen keine Vergehungen. Nicht einmal der Wucher könne ihnen zum Vorwurf gemacht werden. Man müsse den Juden, als einheitlichem Nationalkörper, alles verweigern, weil es nicht eine gesonderte Nation innerhalb der Nation geben könne; aber man müsse ihnen als Individuen alle Rechte ohne Beschränkung einräumen. Sie selbst verlangen Bürger zu werden. Die Sache war dennoch nicht so einfach, wie Clermont-Tonnerre es glaubte, abgemacht; es entstand vielmehr eine sehr heftige Debatte (23. u. 24. Dez.). Alle entschiedenen Freiheitsfreunde ergriffen zwar das Wort zugunsten der Juden und ihrer Leidensgenossen, Robespierre, Duport, Barnave und, wie sich von selbst versteht, Mirabeau. Die Anhänger des Alten stemmten sich aber entschieden dagegen, der Abt Maury, der Bischof la Fare von Nancy und der Bischof von Clermont. Nur einer der Ultrarevolutionäre, Rewbell, allerdings aus dem Elsaß – was die Sache erklärlich macht – sprach gegen die Juden, daß es gefährlich sei, denen dieser Provinz, gegen welche der Haß tief eingewurzelt sei, schon jetzt völlige Bürgergleichheit einzuräumen. Der Abt Maury brachte solche Gründe zur Hintansetzung der Juden vor, wie sie Göttinger Professoren nicht gehässiger hätten vorbringen können. Er stieg bis ins Altertum hinauf, um zu behaupten, daß die Israeliten nicht einmal zur Zeit Davids und Salomos Ackerbauer gewesen wären. Er frischte die lügenhafte Erzählung auf, daß der jüdische Leibarzt Zedekias einen französischen König vergiftet hätte. Sogar auf Voltaires judenfeindliche Aussprüche berief sich der Kleriker, um die Versammlung gegen die Juden einzunehmen. In der Tat wurde die Versammlung schwankend, sie fürchtete an den groben Vorurteilen der Bevölkerung der östlichen Provinzen gegen die Juden zu rütteln. Auf die Vorstellung eines Deputierten wurde daher die Gleichstellung der Juden von der der Protestanten getrennt, und der Beschluß fiel demgemäß sehr zweideutig aus, die Versammlung behalte sich vor, sich über die Juden auszusprechen, ohne jedoch etwas Neues in betreff ihrer zu beschließen42. [197] Dieser Vorbehalt wurde noch einmal bei dem Gesetze für die passiven Wahlen der städtischen Beamten wiederholt (8. Januar 1790). Die Juden wurden davon ausgeschlossen.

Durch diesen ausweichenden Beschluß fühlten sich aber die portugiesischen Juden von Bordeaux außerordentlich gekränkt. Sie hatten bisher stillschweigend alle Rechte der Bürger genossen, so wie alle Pflichten mit Opferwilligkeit erfüllt. Nun sollten sie mit einem Male mit den deutschen Juden, gegen die sie nicht weniger Antipathie hatten als gehässige Christen, auf Anwartschaft gesetzt werden. Sie beeilten sich daher, eine Deputation nach Paris zu senden, um diesen für sie nachteiligen Beschluß rückgängig zu machen. Da die Bevölkerung ihnen günstiger gestimmt war, so wurde es ihnen leicht, ihre Wünsche befriedigt zu sehen. Der Abgeordnete von Bordeaux, de Sèze, sprach warm zu ihren Gunsten. Talleyrand, damals noch Bischof von Autun, wurde zum Berichterstatter ernannt, und er sprach kurz und bündig (28. Jan.), daß diejenigen Juden, welche bisher als naturalisierte Franzosen Bürgerrechte genossen haben, dieselben behalten sollten. Abermals erhoben sich die Judenfeinde gegen diesen Antrag. Sie fürchteten die Anwendung dieses Vorganges zugunsten der deutschen Juden. Da sie mit ihren gehässigen Worten nicht durchdringen konnten, so suchten sie die Abstimmung stundenlang zu stören und den Beschluß hinauszuschieben, um Zeit zu gewinnen. Dennoch entschied die Majorität, daß diejenigen Juden in Frankreich, welche daselbst unter dem Namen Portugiesen, Spanier oder Avignonesen (von Bordeaux und Bayonne) lebten, ihre vollen Rechte als aktive Bürger genießen sollten43. Der König genehmigte sofort dieses Gesetz44. Das war die erste gesetzliche Anerkennung der Juden als Vollbürger, allerdings nur eines Bruchteiles derselben. Aber es wurde damit ein Beispiel gegeben. Ein Jude von Bordeaux ging in seinem Enthusiasmus darüber so weit, Ludwig XVI. den Messias zu nennen; einen andern erwarten die Juden nicht45, meinte er.

Die Deputierten der Juden aus den deutschen Landesteilen hatten es nicht so leicht, sie mußten sich die Gleichstellung schwer erkämpfen. Sie kamen zur selben Zeit auf ein Mittel, einen Druck auf die Nationalversammlung auszuüben und sie gewissermaßen zu zwingen, die Einbürgerung zu besiegeln. Es waren fünf Männer, welche mit Beharrlichkeit die Hindernisse zu beseitigen sich angelegen sein ließen. [198] Von neuen Gesuchen an die Versammlung versprachen sie sich wenig. Die Judenfeinde sprengten aus, ein sehr reicher Jude (Cerf Berr) hätte mit noch einigen anderen bedeutende Summen in Paris ausgestreut, um Beschützer und Sachwalter für ihre Glaubensgenossen zu werben46. Das war eine boshafte Verleumdung. Kann man eine ganze Stadt von 700000 Einwohnern bestechen? Aber es mag richtig sein, daß sie den feurig beredten Advokaten Godard gewonnen hatten, um mit Schrift und Wort für sie einzutreten. Sie wußten wohl, daß die Macht nicht mehr in der Nationalversammlung, sondern in den Sektionen der Hauptstadt ruhte, welche mit ihrem glühenden Revolutionseifer Paris, die beratende Versammlung, den König und fast das Land beherrschten. An diese wendeten sich daher die jüdischen Vertrauensmänner von Paris, Elsaß und Lothringen. Sie ließen zunächst von Godard eine Petition für die Nationalversammlung ausarbeiten, um nachzuweisen, daß die Emanzipation sämtlicher Juden nicht bloß von dem, durch die Konstituante angenommenen Prinzip gefordert und von der Gerechtigkeit verlangt werde, sondern auch, daß es eine Grausamkeit sei, sie ihnen vorzuenthalten. Denn das Volk glaube, solange ihre Gleichstellung nicht gesetzlich festgesetzt sei, daß sie tatsächlich so verworfen wären, wie ihre Feinde sie hinstellten, und leite daraus die Berechtigung zu ihrer Verfolgung her47. Aber wirksamer als dieses neue Gesetz war eine Szene, welche die Pariser Juden mit ihrem Anwalt in Gegenwart der Generalversammlung der Pariser Kommune veranstalteten; sie gab den Ausschlag. Etwa fünfzig jüdische Nationalgardisten mit Kokarden versehen – unter ihnen der Pole Salkind Hurwitz – traten als Deputierte vor die Kommunalversammlung mit der Bitte, die Stadt Paris selbst möge sich nachdrücklich für die Gleichstellung der Juden verwenden. Godard hielt eine feurige Rede zu ihren Gunsten: »Die Hauptstadt ist jenem so lange hintangehaltenen Gesetz vorausgeeilt, sie hat sich mit den Juden als Waffengefährten vermischt, hat sie mit dem Bürgerkleide geschmückt und sie überhaupt als Brüder behandelt.« Die Pariser Juden seien auch dessen würdig durch den patriotischen Eifer, der sie vom Beginn [199] der Revolution an beseelt habe, sie zu den Waffen greifen ließ und aus ihnen mutige und unermüdliche Kämpfer gemacht und ihnen Gelegenheit gegeben habe, zu zeigen, daß sie dem Heil und dem Gedeihen der Nation durchaus ergeben seien. Die Stadt Paris, welche bereits so viele Vorurteile zerstört habe, sei berufen, auch diejenigen, welche der Befreiung der Juden im Wege ständen, zu vernichten. Sie möge daher für die Pariser Juden ein günstiges Zeugnis vor der Nationalversammlung ablegen, »daß sie vor der Revolution still und unbescholten und seit derselben patriotisch und opferbereit gelebt haben.« Godard wies auf das Beispiel des Salkind Hurwitz hin, der von seinem geringen Einkommen einen Teil der Stadt geopfert hätte (o. S. 196). Auf diese feurige Rede antwortete der Vorsitzende der Generalversammlung, der Abt Mulot, den jüdischen Deputierten mit jenem Schwunge, der den Rednern der Revolutionszeit eigen war. »Die Kluft zwischen ihren religiösen Ansichten und der Wahrheit, die wir als Christen bekennen, kann uns Menschen nicht hindern, uns einander zu nähern, und wenn wir uns einen Irrtum vorwerfen und uns übereinander beklagen, so können wir uns doch einander lieben.« Er versprach im Namen der Versammlung, das Gesuch der Pariser Juden um Gleichstellung zu unterstützen.48 Tags darauf (29. Januar 1790) veranlaßten die Pariser Juden den Karmeliterstadtbezirk, in welchem sie damals meistens wohnten, ihnen ein Leumundszeugnis auszustellen, und dieses fiel außerordentlich günstig aus: Der Karmeliterbezirk, der die meisten Juden in seinem Schoße einschließt, hat, in Erwägung, daß er imstande ist, ihr öffentliches Verhalten am besten zu kennen und ihrem Eifer und ihrem Patriotismus Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und durchdrungen davon, daß er ihnen Erkenntlichkeit dafür schulde, einstimmig beschlossen, den Repräsentanten der Kommune den Wunsch auszusprechen, daß die Juden fortan die Rechte aktiver Bürger genießen sollen, und hat ferner sechs Deputierte ernannt, um diesen Beschluß der Kommune kundzugeben und außerdem ihn der Nationalversammlung und den übrigen Bezirken zuzuschicken.

Tags darauf begaben sich die sechs ernannten Deputierten des Karmeliterbezirks in das Stadthaus, um dem Beschluß zugunsten der Juden Nachdruck zu geben. Einer derselben, Cahier de Gerville, später Minister, hielt eine schwungvolle Rede: »Seien sie nicht erstaunt, wie dieser Bezirk sich beeilt der erste zu sein, um dem Patriotismus, dem Mute und dem Edelsinn der in ihm wohnenden Juden [200] öffentliche Anerkennung zu zollen. Kein Bürger hat sich eifriger zur Eroberung der Freiheit gezeigt, als die Juden, keiner war bereitwilliger, die Nationaltracht anzulegen, keiner hat mehr Sinn für Ordnung und Gerechtigkeit bekundet, keiner war hingebender für Wohltätigkeit gegen die Armen und für freiwillige Beiträge, die für das Bedürfnis des Bezirks erforderlich waren. Greifen wir alle Vorurteile an, greifen wir sie mit Beharrlichkeit an. Nicht eine dieser Ausgeburten des Despotismus und der Unwissenheit soll die Wiedergeburt der Freiheit und die Weihe der Menschenrechte überleben. .... Würdigen Sie unsere gerechten und dringen den Forderungen zugunsten unserer neuen Brüder, achten Sie sie und fügen Sie ihre Wünsche hinzu, um sie so vereint der Nationalversammlung vorzuführen. Zweifeln Sie nicht daran, daß Sie ohne Mühe für die Juden von Paris das erhalten werden, was man den portugiesischen, spanischen und avignonesischen Juden nicht verweigert hat. Welcher Grund ist denn für die Bevorzugung dieser Klasse vorhanden? Ist die Lehre nicht dieselbe für alle Juden? Sind unsere politischen Verhältnisse nicht gleich für die einen wie die anderen? Wenn die Vorfahren der Juden, deren Sache wir verteidigen, mehr als die portugiesischen Juden Kränkungen und Wut erfahren haben, so wird der lange und grausame Druck, den sie erduldeten, ein neuer Titel für die nationale Gerechtigkeit werden. Steigen Sie übrigens zum Ursprung dieser sonderbaren und ungerechten Unterscheidung hinauf und sehen Sie, ob man es noch heute wagen kann, einen Unterschied der Rechte zwischen zwei Klassen desselben Volkes, zwei Zweigen desselben Stammes, auf apokryphische Überlieferung oder vielmehr auf Chimären und Fabeln hin zu begründen.«

Der Vorsitzende, Abt Mulot, antwortete darauf und hob die Tatsache hervor, daß das Zeugnis des Karmeliterbezirks von großem Gewichte zugunsten der Juden sein müsse. »Zeugen ihres Privatlebens, zeigen sie uns all das Gute, das sie (die Juden) an ihrem niedrigen Herde ausüben. Wir zollen alle Ihrem Eifer für Menschen, welche das Vorurteil zu lange mißhandelt hat, unseren Beifall. Wir zollen allen ihren Tugenden Beifall, die sie uns an ihnen bewundern lassen.« An demselben Tage pflog die Generalversammlung der Repräsentanten der Stadt Paris Beratung über die Unterstützung, welche sie den Juden angedeihen lassen sollte. Auch im Schoße dieser Versammlung gab es indes einige Judenfeinde; aber die Rede des Abtes Bertolio war von so überwältigender Wirkung, daß sie alle Gegner verstummen machte. Sie berührte alle Seiten der Judenfrage und war überhaupt gründlicher, als die rednerischen Exaltationen gewöhnlichen [201] Schlages jener Zeit. Nach so vielen Menschen-Hekatomben und Scheiterhaufen erkannte endlich dieser Diener der Kirche, daß es ein Irrtum des menschlichen Geistes gewesen sei, die Eigenschaft des Bürgers vom Glaubensbekenntnis abhängig zu machen, und daß es ein entsetzliches Unglück gewesen sei, die Religion an den Staat zu ketten. »Um diese Irrtümer zu erkennen und dieses Unglück abzuwenden, dazu bedurfte es dieser ebenso glücklichen, wie unerwarteten Revolution, welche Frankreich verjüngen soll. Aber sie würde unvollendet bleiben, wenn die Verfassung nicht gleichen Schritt mit den Ideen hielte. Ihre Prinzipien haben bereits drei Millionen Protestanten dem bürgerlichen Leben wiedergegeben, und das Verbrechen des Widerrufes des Ediktes von Nantes gesühnt. Die Prinzipien haben soeben über ein noch tiefer eingewurzeltes Vorurteil gesiegt. Den Juden von Bordeaux, Bayonne und Avignon49 ist ihr Stand als Bürger durch einen feierlichen Beschluß zugesichert worden. Dieselbe Gerechtigkeit verlangen auch die französischen Juden in Paris und anderen Teilen des Königreiches. Kann man sie ihnen versagen? Welchen wesentlichen Unterschied kann man zwischen ihnen und ihren Brüdern von Bordeaux machen? Etwa weil jene im Besitze von Freibriefen (lettres patentes) waren? Aber die Freibriefe der französischen Juden liegen in der Natur, und dieses Siegel ist kräftiger als das aller Kanzleien Europas. Es ist nur zu wahr, daß die Juden seit Jahrhunderten die Schlachtopfer der unglaublichsten Habgier, der grausigsten Verfolgungen, der blutigsten Intoleranz gewesen sind. Aber eben die lange Dauer ihres Unglücks ist nur ein Grund mehr, es aufhören zu lassen. ... Beeilen wir uns, das Verbrechen unserer Väter vergessen zu machen und ihnen das wiederzuerstatten, was sie nie verlieren konnten, weil ihr Bürgerrecht unverjährbar ist, wie die Natur, die sie dazu beruft. Ich höre das Wort Politik aussprechen. Verbannen wir dieses Wort aus unserer Sprache, wenn man darunter die wortbrüchige Kunst versteht, die Menschen zu betrügen und ihre Fesseln zu erschweren, unter dem Vor wand, ihre Interessen zu schonen. Es ist aber auch politisch, die französischen Juden aufzunehmen, weil ihre Zulassung dem Lande zum Nutzen gereichen wird. Die Arme und die Kapitalien der Juden, als Bürger dem Vaterland eingefügt, werden das Unrecht der alten Verwaltung wieder gut machen. Im Augenblick, wenn die [202] Sonne der Freiheit in Frankreich diejenigen bescheinen wird, welche darin geboren wurden und sich daselbst niederlassen, werden die Juden von allen Teilen der Welt herbeiströmen, und das Land wird neue nützliche Untertanen durch ihre Tätigkeit, ihre Schätze und ihre Arbeit erlangen. Machet nur keinen Einwurf von seiten ihrer Religion. Es gibt nur einen Punkt, unter welchem die Religion den Staat angeht, von seiten der Moral, und in dieser Beziehung kann man den Juden keinen Vorwurf machen. Die Moral der Hebräer wie der Christen gründet sich auf die zwei Grundsätze der ewigen Wahrheit: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, und tue nicht anderen, was du nicht willst, daß man dir tue.‹ Kann die Gesellschaft Menschen fürchten, welche eine solche Lehre bekennen?« Ein Mitglied bemerkte: »Der Himmel selbst widersetzt sich den Wünschen der Juden nach Bürgerrecht; sie sind und bleiben der Gegenstand seiner Rache; der Beweis davon ist in ihrer Physiognomie geschrieben.« Mit kräftigen Worten widerlegte Bertolio diesen Schlupfwinkel der Eigenliebe, welche das eigene Unrecht zu beschönigen sucht, um es dem Himmel zuzuschreiben. Mit dieser Sophisterei könnte man die größten Verbrechen an der Menschheit rechtfertigen, meinte er. Ein anderes Mitglied wollte die Juden in ihrem eigenen Interesse beschränkt wissen, damit die Wut des Volkes sich nicht gegen sie kehre. Er führte das Beispiel des Parlaments von England von 1754 an, welches das den Juden bewilligte Bürgerrecht ihnen wieder entzog, um einen Aufruhr des Volkes gegen sie zu beschwichtigen (o. S. 48). »Dieses Beispiel darf uns nicht abschrecken,« entgegnete Bertolio. »Es beweist nur, daß der gesunde Teil Englands zu dieser Zeit der Meinung war, die ich ihnen vorschlage, und daß das Volk damals noch unfähig war, sich auf gleiche Höhe mit seinen Gesetzgebern zu stellen. In Frankreich aber herrscht gegenwärtig weit eher der Geist der Gerechtigkeit als damals in England, und darum ist der Augenblick günstig, auch diesem Lande ein Beispiel zu geben, nachdem wir so viele von ihm empfangen haben.«

Diese Rede hatte die Versammlung gewonnen, den Juden von Paris ein günstiges Zeugnis auszustellen und der Nationalversammlung gegenüber den Wunsch auszusprechen, daß sie diese meistens deutsch redenden Juden den portugiesischen gleichstellen solle. Der Maire Bailly mit seinen Beisitzern faßte noch an demselben Tage den Beschluß, sobald die Zustimmung der übrigen Bezirke eingelaufen sei, die Gleichstellung der Juden mit dem ganzen Gewichte der städtischen Behörden von Paris zu unterstützen50. Im Verlaufe des folgenden [203] Monats hatten sämtliche Stadtbezirke, bis auf den der Halle, den Beschluß des Karmeliterbezirks gutgeheißen. Demgemäß von der Hauptstadt offiziell beantragt, begab sich (25. Febr.) eine Deputation der Kommune mit dem Vorsitzenden, dem Abt Mulot, an der Spitze, in die Sitzung der Nationalversammlung, um sie zu ersuchen, oder vielmehr moralisch zu nötigen, das Dekret, welches die portugiesischen Juden als Vollbürger erklärte, auch auf die in Paris wohnenden Juden auszudehnen. Eine Deputation des Bezirkes Enfants-Rouges unterstützte diesen Antrag. Der Präsident Talleyrand wiederholte aber nur das Versprechen, daß die Versammlung im Sinne der Freiheit die Gleichstellung der Juden beschließen werde51. Tags darauf interpellierte der Herzog von Liancourt die Versammlung, endlich einen Tag anzuberaumen, in welchem die Bürgerrechtsfrage der Juden zum Austrag kommen sollte. Aber ein anderer Deputierter vereitelte diesen Antrag mit der Bemerkung, daß diese Frage, obwohl wichtig, vor noch wichtigeren Fragen vorderhand zurückgestellt werden müsse52. So wurde sie wieder verschleppt. Inzwischen suchte der Bischof von Nancy, la Fare, nächst dem Abt Maury der hartnäckigste Gegner der Emanzipation, sowie überhaupt eine Stütze der Konterrevolution, durch eine Schrift: »Meinung über die Zulässigkeit der Juden zum Vollbürgertum und zum Rechte aktiver Bürger« die öffentliche Meinung gegen sie einzunehmen. Unverdrossen widerlegte sie in einer Schrift Berr Isaak Berr, der unermüdliche Kämpfer. Er hielt auch in Nancy in Gegenwart der Stadtbehörde einen Vortrag zugunsten seiner Glaubensgenossen. In dieser Schrift hatte er seiner Lieblingsansicht Raum gegeben, daß den Rabbinen die Zivilgerichtsbarkeit gewahrt bleibe. Dieser Ansicht trat sein eigener Neffe Jakob Berr mit einem Schreiben (25. April), an la Fare gerichtet, entgegen53. Indessen hatte sich auch die Bevölkerung des Elsaß mit der Gleichstellung der Juden befreundet. Einige Gemeinden, welche die Kommunalgüter zu verteilen hatten, bewahrten auch den Juden den auf sie fallenden Anteil, in der Voraussetzung, daß er ihnen [204] gebührte. Eine Stadt im Elsaß verlangte von der Nationalversammlung, sich sofort mit dem Lose der Juden zu beschäftigen, weil die Ungewißheit darüber sie Gefahren aussetze. Auf Grund dessen verlangten einige Deputierte (15. April) die Judenfrage endlich auf die Tagesordnung zu setzen. Dem widersetzte sich abermals der Abt Maury, der eine Denkschrift vorzulegen versprach, welche die Juden vorher beantworten sollten. Um jedoch die Juden des Elsaß vor Volksaufläufen zu schützen, dekretierte die Versammlung abermals, daß sie unter dem Schutze der Gesetze ständen und die Behörden und die Nationalgarde über deren Sicherheit zu wachen hätten54. Damit beschwichtigten sie ihr Gewissen. Der König sanktionierte sofort (18. April) das Sicherheitsgesetz für die Elsässer Juden55. Darauf ruhte die Frage wieder drei Monate.

Glücklicherweise stand jedoch die Judenfrage nicht vereinzelt, sondern hing mit anderen Fragen zusammen. Die Juden des Elsaß, und besonders die von Metz, hatten hohe Schutzgelder zu bezahlen. Als die Finanzfrage auf die Tagesordnung kam, mußte die Versammlung sich darüber aussprechen, ob diese Schutzgelder fortdauern oder wegfallen sollten. Sie entschied im liberalsten Sinne, obwohl die Deputierten bei dem bodenlosen Defizit sich den Kopf zerbrachen, womit sie die ausfallenden Einnahmen decken sollten. Der Referent für den Ausschuß der Domänen, Vismes, setzte zuerst die Ungerechtigkeit ins Licht, daß die Gemeinde von Metz dem Hause Brancas 20000 Franks jährlich zu zahlen hatte, welche Ludwig XIV. ihm und der Gräfin Fontaine in guter Laune überwiesen hatte (o. S. 58). Er knüpfte daran den Antrag, daß die Judensteuer ohne Entschädigung wegfallen, und noch dazu jede Abgabe, unter welchem Titel auch immer, Schutzgeld, Aufenthaltsgeld, Toleranzgeld, aufhören solle. Fast ohne Widerspruch wurde dieser Antrag zum Gesetz erhoben (20. Juli)56. Ludwig XVI., der damit wieder ein Stück Mittelalter schwinden sah, zauderte anfangs mit der Bestätigung dieses Gesetzes (7. August)57. Zehn Jahre vorher hatten die Elsässer Juden vergebens das ganze Elend ihrer Lage in einer Denkschrift dem Staatsrat vor Augen gelegt (o. S. 61), sie wurden gar nicht beachtet. Durch den plötzlichen Umschwung erhielten sie in einer Zeitspanne von kaum einer Stunde mehr als sie zu hoffen gewagt hatten.

[205] Aber zum Beschlusse über die Hauptsache für die Juden des Niederrheins, wie diese Landesteile jetzt genannt wurden, über die Bewilligung des Vollbürgerrechts für sie, mochte die Nationalversammlung noch immer nicht schreiten. Zwei Versuche, welche noch gemacht wurden, verfehlten abermals ihre Wirkung. Als Grégoire einst den Vorsitz hatte (18. Jan. 1791) und auf seine Unterstützung gerechnet werden konnte, stellte der Deputierte Martineau den Antrag, die Gleichstellung, welche ein Jahr vorher den portugiesischen Juden zuerkannt worden war, auf sämtliche in Frankreich naturalisierte Juden auszudehnen. Schon sprachen sich Stimmen günstig dafür aus, als der Herzog de Broglie mit einer heftigen Rede dazwischenfuhr. Er behauptete, daß dieser Beschluß neuen Gärungsstoff in die Provinzen Elsaß und Lothringen werfen würde, die ohnehin durch die eidverweigern den Geistlichen in großer Aufregung wären. Die Stadt Straßburg sei ebenfalls in großer Gärung wegen der Juden, die sich dort, wo bis dahin kein Jude wohnen durfte, niederlassen wollten. In der Tat hatte Straßburg eine Adresse58 an die Versammlung gerichtet, worin sie eine recht kleinbürgerliche Engherzigkeit an den Tag gelegt hatte. Sie wünschte nicht bloß den Zuzug der Juden zu hintertreiben, sondern die längst eingesessene geachtete Familie Cerf Berr aus Straßburg ausgewiesen zu sehen. Zu allerhand Lügen hatte das Gesuch der Straßburger greifen müssen, um den Schritt zu beschönigen. De Broglie behauptete ferner, daß den Juden im Elsaß im allgemeinen gar nichts daran läge, Bürger zu werden. Die Petition in ihrem Namen sei eine Intrige, von vier oder fünf Juden eingefädelt; besonders streue einer derselben, welcher auf Staatskosten ein großes Vermögen erworben habe, Cerf Berr, in Paris Geld mit vollen Händen aus, um Beförderer der Gleichstellung zu gewinnen. Sein Vorschlag, diese Frage bis zum Abschluß der Konstitution zu verschieben, erhielt die Majorität. Der zweite Versuch ging von den Juden von Paris aus. Sie hatten von der Stadtbehörde ohne weiteres die Erlaubnis zum [206] Bau einer Synagoge erlangt. Daran knüpften sie das Gesuch, die Stadt möge auf ihre Gleichstellung dringen; denn wenn ihnen die Freiheit des Kultus eingeräumt sei, so müßte man sie außerhalb der Synagoge ebenfalls als Bürger ansehen. Es gebe ebensowenig eine halbe Freiheit, wie eine halbe Gerechtigkeit. Darauf richtete die Stadtbehörde (26. Mai 1791) ein Gesuch an die Nationalversammlung, sie zu drängen, den Juden der Hauptstadt gerecht zu werden. Auch dieser Versuch mißlang.

Schon war die Konstitution abgeschlossen und vom Könige genehmigt (Sept. 1791), ohne daß den deutschredenden Juden in Frankreich die so oft in Aussicht gestellte Gleichberechtigung zuerkannt war; ihnen kam nur der Paragraph der Menschenrechte zugute, daß niemand wegen seiner religiösen Meinung behelligt werden dürfte. Erst in der letzten Stunde, wenige Tage vor der Auflösung der Nationalversammlung erinnerte sich der Juden einer der Freiheitsfreunde, der zum Jakobinerklub gehörte, Duport, ehemals Parlamentsrat, und verschaffte ihnen mit wenigen Worten die volle Gleichheit. Er zog die Konsequenz aus dem angeführten Rechte der Religionsfreiheit. »Ich glaube, daß die Kultusfreiheit nicht gestattet, einen Unterschied in den politischen Rechten wegen des Glaubens zu machen. Die Anerkennung dieser Gleichheit ist immer aufgeschoben worden. Indessen sind die Türken, Muselmänner und Menschen aller Sekten zugelassen, in Frankreich politische Rechte zu genießen. Ich verlange, daß die Vertagung zurückgenommen und daß dekretiert werde, daß die Juden in Frankreich die Rechte der Vollbürger (citoyens actifs) genießen sollen.« Mit rauschendem Beifall wurde dieser Antrag aufgenommen. Das kam daher, daß die Feinde der Freiheit seit der unglückseligen Flucht des Königs zu Hunderten aus der Versammlung ausgetreten waren. Vergebens versuchte Rewbell diesen Antrag zu bekämpfen, er wurde unterbrochen. Ein Mitglied verlangte, daß alle diejenigen, welche dagegen sprechen wollten, zur Ordnung gerufen würden, weil sie damit die Konstitution selbst bekämpften. So nahm denn die Nationalversammlung (27. Sept. 1791) Duports Antrag an und formulierte tags darauf das Gesetz, daß alle Ausnahmemaßregeln gegen die Juden hiermit aufgehoben seien, und daß die deutschen Juden zum Bürgereide aufgefordert werden sollten59. Zwei Tage später ging die Nationalversammlung auseinander, um einer noch heftigeren revolutionären Versammlung Platz zu machen. Kurze Zeit darauf bestätigte Ludwig [207] XVI. diese volle Gleichstellung der französischen Juden (13. Nov. 1791)60. Auch nicht ein Jota von ihrer Religion brauchten sie dafür aufzugeben; es wurde nur von ihnen verlangt, daß sie auf ihre Privilegien verzichten sollten.

Mit vollem Rechte jubelte besonders Berr Isaak Berr über diesen Erfolg. Er hatte einen großen Anteil daran. Er richtete sogleich ein Jubelschreiben an seine Stammesgenossen, um sie für die erlangte Freiheit zu begeistern und zugleich für zweckmäßige Verbesserungen geneigt zu machen. »So ist denn der Tag angebrochen, an welchem der Schleier zerrissen ist, der uns mit Demütigung bedeckte! Wir haben endlich die Rechte wieder erlangt, die seit achtzehn Jahrhunderten uns geraubt worden waren. Wie sehr müssen wir in diesem Augenblicke die wunderbare Gnade des Gottes unserer Vorfahren erkennen! Wir sind also, dank dem höchsten Wesen und der Souveränität der Nation, nicht bloß Menschen, nicht bloß Bürger, sondern auch Franzosen. Welche glückliche Veränderung, großer Gott, hast du über uns gebracht. Noch am 27. Sept. waren wir die einzigen Einwohner dieses großen Reiches, welche bestimmt schienen, für immer erniedrigt und gefesselt zu bleiben, und schon am nächsten Tage, einem denkwürdigen Tage, den wir für immer feiern werden, hauchtest du diesen unsterblichen Gesetzgebern Frankreichs ein, daß sie ein Wort sprachen, und mehr als 60000 Unglückliche, die bis dahin über ihr Los geseufzt haben, finden sich in der Trunkenheit der reinsten Freude.«

»Gott hat die edle französische Nation erwählt, um uns wieder in unser Recht einzusetzen und unsere Wiedergeburt zu bewirken, wie er ehemals die Antiochus und Pompejus dazu erwählt hatte, uns zu erniedrigen und zu vergewaltigen. ... Diese Nation verlangt dafür keinen Dank, sondern lediglich, daß wir uns als würdige Bürger zeigen.«

Hieran knüpfte Berr zeitgemäße, wichtige Bemerkungen, um seinen französischen Stammesgenossen auf eine sanfte Weise die aus ihrem Notstande ihnen anhaftenden Fehler vorzuhalten und sie zu deren Abstellung zu ermahnen. Nur er, zu dessen Gesinnung und Religiosität die französischen Juden deutscher Herkunft Vertrauen hatten, dessen liebevolles Herz und dessen klugen Geist sie erprobt hatten, durfte sich herausnehmen, ihnen eine Art verblümter Strafpredigt zu halten. – Zur Erfüllung der Bürgerpflichten gehöre vor allem Einsicht und allgemeine Kenntnisse, gerade das, was ihnen durch der Zeiten Ungunst abhanden gekommen, sagte er ihnen. Es sei daher notwendig, solche wieder zu erwerben; damit solle indes der jüdischen [208] Überzeugung kein Abbruch geschehen. Denn das Judentum müsse vor allem von der Strömung der Zeit unberührt bleiben. »Wenn wir während des langen Verlaufs unserer Trübsal nicht selten Trost in dem strengen Befolgen der Vorschriften unserer Religion gefunden haben, so müssen wir um so mehr ihnen anhänglich bleiben in einer Zeit, in der uns vergönnt ist, die Früchte unserer Standhaftigkeit und unserer Liebe zu unserem Kultus zu genießen, wo wir wieder mit eigenen Augen sehen, daß wir die einzigen unter den alten Völkern sind, welche bei dem ungestümen Anprall von Unfällen, die so viele Jahrhunderte hindurch aufeinander folgten, fest geblieben sind. Und sollten wir nur den Mut gehabt haben, in der achtzehnhundertjährigen Verfolgung treu zu bleiben, um bei dem ersten Aufblitzen des Freiheitsstrahles abtrünnig zu werden?« – Aber unbeschadet der Treue in der Religion müßten die Juden ihren Geist der Abgeschlossenheit, der Genossenschaftlichkeit aufgeben, sich dem Staate eng anschließen, ihr Eigentum, erforderlichenfalls auch ihr Leben, für ihn zum Opfer einsetzen. Das sei der Sinn des ihnen auferlegten Bürgereides. Ganz besonders müßten sie auf Weckung des patriotischen Sinns und auf Ausbildung der Jugend bedacht sein.

Berr gab den französischen Juden auch die Mittel an die Hand, zugleich volle Franzosen zu werden und dennoch dabei Glieder des Hauses Jakob zu bleiben. Die Bibel sollte nach Mendelssohns deutscher Übersetzung ins Französische übertragen und der Jugend beigebracht werden, damit die verdorbene deutsche Sprache vollständig aus ihrem Kreise verbannt werde. Er bekämpfte damit ein törichtes Vorurteil, welches die deutsche oder jüdisch-deutsche Mundart als ein dem hebräischen an Heiligkeit verwandtes, würdigeres Organ für den Gottesdienst betrachtete, als die Sprache Voltaires. »Ich selbst, der ich schreibe, verhehle meine Unerfahrenheit und meine Schwäche in der französischen Sprache nicht, und doch ziehe ich es vor, mit euch in derselben zu verkehren, um zu beweisen, daß die Hebräer über jeden Gegenstand und auch über religiöse Dinge sich in dieser Sprache verständigen können.« Freilich müßten sie, um zugleich die Bibel zu verstehen und sich in die französische Sprache hineinleben zu können, gute Schulen errichten und viele Geldopfer bringen. Das sollten sie auch, und zwar könnten sie die Summen dazu verwenden, die sie bisher als Judenschutzgeld hätten zahlen müssen, und von denen sie durch die Gleichstellung befreit worden wären61.

[209] Berr war von der Überzeugung durchdrungen, daß sich das Judentum mit der Freiheit, der Bildung und dem Patriotismus für das Land, das seinen Stammesgenossen Menschenrechte wiedergegeben hat, wohl vertragen könne. Er war ein viel echterer Jünger Mendelssohns als David Friedländer und die Berliner.

Mit voller Hingebung und Aufopferung beteiligten sich die meisten französischen Juden an dem Wohle des Staates, das ihnen ein Vaterland, Freiheit und Gleichheit gegeben hatte. Sie widerlegten mit einem Schlage alle die Verleumdungen ihrer Gegner, daß sie als Juden nicht imstande sein würden, die Bürgerpflichten zu erfüllen. Sie standen stets in erster Reihe, so oft es galt, für den Staat freiwillige Opfergaben zu bringen. Die verhältnismäßig kleine Gemeinde von Bordeaux brachte (1792) über 100000 Franks zusammen, wobei einzelne, wie David Gradis und die Brüder Raba je 20000, ein de Costa 10000 Franks zeichneten62. Auch mit ihrem Blute dienten sie dem sie liebevoll umfassenden Vaterlande. Das französische Heer, das bald von Sieg zu Sieg fortschreiten und den ganzen Erdkreis in Erstaunen und Schrecken setzen sollte, zählte jüdische Krieger in seinen Reihen, die mit gleichem Mute wie die übrigen Franzosen kämpften. Die daheim Gebliebenen begleiteten die Kämpfer mit ihren heißen Wünschen und jubelten bei ihren Siegen. Ein großer Teil der Juden legte in dieser Glutzeit, welche Mannesmut erzeugte, in wunderbarer Schnelligkeit jenes scheue und kriechende Wesen ab, welches sie ehemals von der Gesellschaft entfernt und dem Gespötte ausgesetzt hatte. Als die freiheitsbegeisterten, französischen Legionen die deutschen Truppen zu Paaren getrieben hatten, sang der hebräische Dichter aus der Mendelssohnschen Schule, Mose Ensheim, ein feuriges Triumphlied, ähnlich dem Lied der Deborah, und es wurde in der Synagoge feierlich vorgetragen63. Nur an den blutigen Ausschweifungen der Revolution hatten Juden keinen Anteil64.

[210] Unter der Raserei der Schreckensherrschaft, welche wie eine Geißel Gottes Schuldige und Unschuldige traf, litten auch einzelne Juden. Als die jakobinischen Revolutionskommissionen die geächteten Girondisten in Bordeaux, ihrem Stammsitze, verfolgten und dort die Guillotine errichteten (Sommer 1793), mußte Furtado, weil er ein Anhänger dieser mehr idealen als politischen Partei war, um dem Tode zu entgehen, die Flucht ergreifen. Sein Vermögen wurde selbstverständlich konfisziert. Die Schreckensmänner warfen ihr Auge auch auf reiche Juden. Charles Peixotto in Bordeaux war aus dem Stamme Levi; infolgedessen wurde er von einigen jakobinischen Bürgern als Aristokrat vom höchsten Adel angeklagt. Schon wurde er vor die Richter geführt und sollte die Guillotine besteigen, da erinnerte man die Militärkommission daran, daß der Nachkomme Levis den größten Eifer gezeigt hätte, Nationalgüter, d.h. die eingezogenen Kirchengüter, an sich zu kaufen. Er wurde daher nur zu einer Geldstrafe von einer Million und 200000 Franks verurteilt, mußte aber so lange im Kerker bleiben, bis diese Summe erlegt war65. Hätte das Revolutionstribunal unter Tallien, der in Bordeaux raste, gewußt, daß sämtliche portugiesische Juden sich der Abstammung vom königlichen Geblüte Davids rühmten, so wären sie allesamt als Aristokraten angeklagt worden. So aber traf nur noch drei Juden in Bordeaux eine schwere Geldstrafe. Ob nicht einige hervorragende Juden im Elsaß oder in Lothringen von einigen Judenfeinden, wenn auch nicht unter die Guillotine, so doch in die Kerker gebracht wurden? Hat doch ein Klub von Nancy, ohne Zweifel von dem judenfeindlichen Bischof la Fare beeinflußt, einen Antrag an den Konvent gestellt, die Juden samt und sonders aus Frankreich zu vertreiben!66 Cerf Berr in Straßburg mußte bedeutende Summen darauf verwenden, um jüdische Verdächtige, d.h. für die Guillotine Bestimmte, zu befreien (o. S. 190). Die Vertrautheit der Juden mit Verfolgungen, ihre Klugheit und die Geschicklichkeit, sich gewissermaßen tot zu stellen: – »Verbirg dich einen Augenblick, bis der Sturm vorüber ist« – mag sie vor Blutgerichten geschützt haben. Sie hatten außerdem im allgemeinen nicht den [211] Ehrgeiz, sich vorzudrängen oder eine Rolle spielen zu wollen; sie verletzten die Machthaber des Tages nicht. So brauste der Sturm der Revolution ohne schlimme Folgen an ihnen vorüber.

Die Himmelsstürmerei, als die beiden gotteslästerlichen Deputierten Chaumette und Hebert den Konvent hinrissen, die Religion der Vernunft einzusetzen (Nov. 1793–Mai 1794), traf die Juden nicht geradezu. Die tiefe Erbitterung und der Ingrimm gegen Religion und Gottheit war lediglich gegen den Katholizismus oder das Christentum gerichtet, dessen Diener von jeher die Menschen entwürdigt, den Despotismus unterstützt, selbst Myriaden von Opfern gebracht hatten, und zur Zeit der Revolution den Bürgerkrieg anfachten und eigentlich die Schreckensherrschaft, die Sep tembermorde und die Guillotine als eine traurige Notwendigkeit herbeiführen halfen, weil sie in Verbindung mit den Feudalen erbitterte Feinde der Freiheit waren. Das Dekret des Konvents lautete daher lediglich: »Der katholische Kultus wird abgeschafft und durch die Verehrung der Vernunft ersetzt.« Es war nicht bloß eine Laune der Ultras, der Cordeliers oder Jakobiner, sondern die Eingebung des französischen Volkes, gegen die Kirche und ihre Diener zu wüten, weil es fühlte, daß sie ihrer Natur nach freiheitsfeindlich sind. Daher wurden zwanzig Tage nach dem Beschlusse des Konvents im ganzen Lande mehr als 2300 Kirchen in tempel der Vernunft umgewandelt. Gegen Juden und Protestanten hatte das Gesetz nichts bestimmt. Es waren wohl Gesuche an den Konvent eingelaufen, daß den Juden die Beschneidung und das Tragen von Bärten verboten werden sollte, damit sie sich durch nichts von der übrigen Bevölkerung unterschieden und der Gleichheit huldigen möchten. Aber die Versammlung achtete auf diese Albernheit nicht. Nur die Behörden oder fanatisch gesinnte Klubmänner in den Provinzen dehnten die Unterdrückung der Religion auch auf die Juden aus, und zwar wie es scheint, meistens in den ehemals deutschen Landesteilen. In Nancy forderte ein Beamter im Namen des Stadtrates die Juden dieser Gemeinde auf, sich an einem bestimmten Tage im National-Tempel einzufinden, um zugleich mit den Geistlichen der anderen Kulte »ihren Aberglauben« abzuschwören und ganz besonders die silbernen oder goldenen Schmucksachen der Synagoge auszuliefern. Wütende Männer drangen in die Synagogen ein, rissen die heiligen Schriften aus der Lade und verbrannten sie oder suchten in den Häusern nach hebräisch geschriebenen Büchern, um sie zu zerstören. Das Beten in den Synagogen wurde in einigen Gemeinden ebenso verpönt, wie in den Kirchen. Bei dem Spioniersystem, welches die revolutionären [212] Klubs unterhielten, um der drohenden Gegenrevolution entgegenzuarbeiten, waren auch häusliche Zusammenkünfte zu religiösen Zwecken mit Gefahr verbunden. Als der Befehl vom Konvent ausgegangen war, daß nur je der zehnte Tag des Monats als ein Ruhetag gefeiert, dagegen der Sonntag als Werktag gelten sollte, dehnten ihn die Maires einiger Städte (Straßburg, Troyes) auch auf den Sabbat aus. Sie befahlen, daß die jüdischen Kaufleute ihre Waren auch am Sabbat feil bieten sollten. Auf dem Lande wurden Juden gezwungen, sich an der Feldarbeit am Sabbat und an jüdischen Feiertagen zu beteiligen, man zwang sie an solchen Tagen das Getreide abzumähen und einzuführen. Den Rabbinen wurde ebenso zu Leibe gegangen, wie den Bischöfen. Der Rabbiner einer kleinen Stadt, Westhofen bei Straßburg, Isak Lencycz, wurde wegen Ausübung rabbinischer Funktionen in den Kerker geworfen (Juni–Juli 1794), wo er dem Tode entgegensah. Der nachmalige Vorsitzende des großen französischen Sanhedrins, David Sinzheim, der sich in Straßburg aufhielt, mußte von Stadt zu Stadt fliehen, um der Haft oder dem Tode zu entgehen. In Metz wagten die Juden nicht offen ihre Osterbrote zu backen, bis eine kluge jüdische Frau den Mut hatte, dem Revolutionsbeamten zu erklären, daß diese Brote von jeher für die Juden das Sinnbild der Freiheit seien. Auch in Paris mußten jüdische Schulmeister ihre Zöglinge an dem Decadi-Tage in die zum Tempel der Vernunft umgewandelte Notre-Dame-Kirche führen67. Indessen ging diese Verfolgung ohne besondere Folgen rasch vorüber. Mit dem Siege der Thermidoristen (9. Thermidor = 27. Juli 1794) über Robespierre hörte die Schreckensherrschaft allmählich auf. Die Bevölkerung war darauf bedacht, Milde eintreten zu lassen. Die einmal besiegelte Gleichstellung der französischen Juden blieb bei allem Wechsel der Regierung unverkümmert. Auch die neue Verfassung vom Jahre III der Republik oder die Direktorialverfassung (Herbst 1795) erkannte die Bekenner des Judentums ohne weiteres als gleichberechtigt an und verwischte noch dazu die letzte Spur von Ungleichheit, indem die katholische Kirche ebensowenig wie die Synagoge vom Staat anerkannt wurde. Das Gesetz sprach den weisen Grundsatz aus, niemand könne gezwungen werden, zu den Kosten eines anderen Kultus beizutragen, die Republik besolde keinen. Nur die jüdische Gemeinde von Metz litt noch unter einigen Nachwehen des Mittelalters.

Mit den siegreichen französischen Truppen der Republik machte die Befreiung der Juden, des gedrücktesten Stammes in der alten [213] Welt, die Runde. Zunächst faßte sie in Holland Wurzel, welches in die batavische Republik verwandelt worden war (anfangs 1795). Hier hatten sich bereits vorher einige rührige Juden Asser (Mose und sein Sohn Carolus), de Lemon und Bromet dem Klub Felix liberate angeschlossen, der die Devise der französischen Republik zu der seinigen gemacht hatte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dieser Staatsgrundsatz wurde im allgemeinen von den versammelten Generalstaaten (4. März 1795) anerkannt. Obwohl die 50000 Seelen zählenden Juden Hollands, der neununddreißigste Teil der Gesamtbevölkerung, geschieden in eine portugiesische und deutsche Gemeinde, dieses Land als ihr Paradies zu betrachten berechtigt waren, so waren sie doch bis dahin gegen die Bekenner des Christentums in vielen Punkten zurückgesetzt. Zunächst waren sie nur als Körperschaften geduldet, gewissermaßen als kleine Gemeinwesen in den großen. Daß sie von allen Ämtern ausgeschlossen waren, drückte sie nicht; sie hatten bis dahin kein Verlangen danach getragen, dieses Rechtes teilhaftig zu werden. Aber sie waren auch von manchen zünftigen Gewerken ausgeschlossen, und das war ihnen nicht gleichgültig. Sie mußten zum herrschenden Kultus und zu den Schulen beitragen, ohne einen Genuß davon zu haben. Endlich fehlte es auch nicht an kränkenden Zurücksetzungen. In Amsterdam mußten z.B. bei der Anmeldung neuer Ehepaare die Juden stets warten, bis die der christlichen erledigt waren und außerdem noch doppelte Gebühren zahlen. Daher war das Verlangen nach voller Gleichstellung dringlich und noch mehr von den deutschen als den portugiesischen Juden empfunden, weil diese meistens von den Patriziern als reiche Hidalgos mit Auszeichnung, jene hingegen mit Verachtung wie verlumpte Polaken behandelt wurden. Im ersten Rausche wurden manche Beschwerden der holländischen oder batavischen Juden ohne weiteres abgestellt, und einige Stimmen wurden zugunsten ihrer vollen Einbürgerung laut. Aber im Verlauf regten auch hier, wie in Frankreich, judenfeindliche Schriften die öffentliche Meinung gegen sie auf, von denen die van Swiedens, betitelt »Rat an die Repräsentanten des Volkes« einen ganz besonders starken Eindruck machte. Sie behauptete, daß die Juden vermöge ihrer Abstammung, ihres Charakters, ihrer Geschichte und ihres Messiasglaubens stets nur Fremde bleiben und vom Staat nicht aufgesogen werden könnten. Diese Behauptung wurde von den offiziellen Vertretern der Judenheit gewissermaßen als richtig anerkannt. Denn auffallenderweise waren die Rabbinen und Vorsteher, besonders die hochmächtigen Parnassim in Amsterdam, sowohl die portugiesischen [214] als auch die deutschen, der Gleichstellung abgeneigt. Die Rabbinen, bei den Portugiesen Daniel Kohn da Azevedo (1792-95) und bei den Deutschen Jakob Mose (1793-1815), Neffe des Rabbiners Hirschel von Berlin68, und andere Fromme fürchteten von der großen Freiheit der Juden und den neuen Pflichten, als Soldaten zu dienen, eine Schädigung des Judentums. Die Vorsteher, welchen eine große Macht über die Gemeindemitglieder eingeräumt war, mochten diese nicht verlieren. Sie hatten ein verbrieftes Privilegium, daß kein Mitglied, bei der hohen Strafe von 1000 Gulden, sich gegen den Beschluß des Vorstandes auflehnen, dagegen Beschwerde führen und noch weniger aus der Gemeinschaft ausscheiden durfte69. Diese Geldstrafe wurde in der Regel von den holländischen Behörden eingezogen, demgemäß hatten die Vorstände das Recht, eine Art Inquisition über das religiöse oder moralische Verhalten der Gemeindeglieder anzustellen und sie selbst für geringfügige Übertretungen in Strafe zu nehmen. Der portugiesische Maamad (Vorstand) übte seine Machtbefugnis über die einzelnen mit fast despotischer Gewalt aus.

Die rabbinischen und gemeindlichen Vertreter erklärten daher laut, die Juden wünschten in ihren alten Verhältnissen zum Staate zu bleiben und wollten von der Gleichheit keinen Gebrauch machen. In einem Rundschreiben erklärten sie, daß die Juden auch auf das Bürgerrecht verzichteten, weil es mit den Vorschriften der heiligen Schriften in Widerspruch stünde. Binnen kurzer Zeit war diese Erklärung mit mehr denn tausend Unterschriften bedeckt. Bei den Wahlen zur ersten batavischen Nationalversammlung (Nationale vergadering) beteiligten sich nur wenige Juden, obwohl sie dazu eingeladen worden waren. So kam es, daß Amsterdam, das über 20000 Juden zählte, nicht einen einzigen jüdischen Deputierten durchbrachte. Die jüdischen Freiheitsfreunde hatten daher in Holland einen schweren Stand; sie mußten zugleich gegen äußere und innere Gegner kämpfen. Sie mußten daher um so rühriger sein, um die doppelte Schwierigkeit zu überwinden. David Friedrichsfeld, Mitglied der Measfimschule (o. S. 125), nach Amsterdam ausgewandert, arbeitete eine gediegene Schrift (um 1795) gegen die Ankläger der Juden aus »Beleuchtung von van Swiedens Schrift inbetreff des Bürgerrechtes [215] der Juden«. Den Punkt der Messiashoffnung beleuchtete er besonders, und wies nach, daß diese die Juden nicht hinderte, sich eng und herzlich an den Staat anzuschließen. Nächst Friedrichsfeld entwickelten sechs angesehene und einsichtsvolle Juden – die meisten deutscher Abkunft – den größten Eifer, um das Vollbürgerrecht für die holländischen Juden zu erwirken, Herz Bromet, welcher lange in Surinam gewesen war, dort als freier Bürger gelebt und politische Erfahrung und Vermögen mitgebracht hatte; Mose Asser, der zum Ritter des belgischen Löwenordens ernannt worden war; obwohl er keine regelmäßigen Studien gemacht hatte, besaß er doch so bedeutende Rechtskenntnisse, daß er später zum Mitglied der Justizverwaltung ernannt wurde. Auch Carolus Asser und Isaak de Jonghe, angesehene Männer der deutschen Gemeinde, waren für die Emanzipation rührig. Von den Portugiesen beteiligten sich indessen nur zwei an der Erwerbung der Gleichstellung, der geachtete Arzt Herz de Lemon und Jakob Saportas, wahrscheinlich ein Abkömmling der berühmten, nach Amsterdam eingewanderten Familie Sasportas. Diese Männer reichten zunächst ein Bittgesuch an die zusammengetretene batavische Nationalversammlung ein (26. März 1796), welche im Haag ihre Sitzungen hielt, worin sie die Gleichstellung der batavischen Juden als ein Recht beanspruchten: »Da sie stimmberechtigte Bürger der batavischen Republik seien und das Bürgerrecht bereits ausgeübt hätten, so verlangten sie, daß die Versammlung erklären möge, daß sie dieses Recht im ganzen Umfange genießen sollten.« Die Nationalversammlung nahm dieses Gesuch in Berücksichtigung und ernannte eine Kommission zur Beratung und Begutachtung dafür, zu welcher ein Deputierter, Hahn, zugezogen wurde, der mit vieler Wärme und ganzem Ernste für die Juden eintrat. Als die Judenfrage zur Verhandlung kam (August 1796), war die Spannung sehr groß.

Obwohl die Gleichstellung der Juden in der batavischen Republik bereits im Prinzip und auch praktisch durch die Zulassung derselben zur Wahl anerkannt war, so hatte sie doch noch immer viele Gegner, fast mehr noch als in Frankreich, zu bekämpfen. Die konservativen holländischen Deputierten waren in ihrem Herzen recht fest bibelgläubig, und für sie waren noch die neutestamentlichen Schriften Gottes Wort, daß die Juden verworfen seien und verworfen bleiben sollten. Die verhältnismäßig große Zahl der Juden, ihr Reichtum, ihr Ansehen und ihre Geschicklichkeit ließen ferner befürchten, daß sie sich in den hohen und höchsten Staatasämtern einnisten und die Christen verdrängen würden. Sechzigtausend oder hunderttausend Juden verschwanden [216] in dem großen Frankreich wie ein Sandkorn in einem Dünenmeer; aber 50000 unter 2 Millionen, und noch dazu in Amsterdam mehr als 20000 Juden unter 200000 Christen, konnten eher etwas durchsetzen. Einer der Deputierten, Lublink de Jonghe, betonte diesen Umstand mit vielem Nachdruck. Wenn die Judenfreunde auf Amerika hinwiesen, wo die Juden, wie in Frankreich, ebenfalls gleichgestellt waren, so hob er das ungleiche Zahlenverhältnis hervor. In Neuyork wohnten damals nur etwa 250 Juden und in ganz Nordamerika etwa 800, die daher keinen Einfluß auf den Staat ausüben konnten. In Holland dagegen würde die große Zahl den Staat bald »verjüden«; das war seine Auseinandersetzung. Die edelmännischen Portugiesen könnte man allenfalls anerkennen; aber die deutschen Juden, die größtenteils verwahrlost waren? Lublink de Jonghe erinnerte an Pintos Schrift gegen Voltaire, worin jener, selbst ein Jude, die tiefe Kluft zwischen den portugiesischen und deutschen Juden hervorgehoben hat (o. S. 55). So rächte sich die künstlich gemachte Kastenunterscheidung innerhalb der Judenheit. Noch größer war die Befürchtung, daß sich die Zahl der Juden in Holland durch Einwanderer aus Deutschland und Polen sehr vermehren könnte, deren Zug seit langer Zeit Amsterdam war. Selbst die Treue der holländischen Juden gegen das damals verbannte Oranische Herrscherhaus wurde ihnen entgegengehalten und als Hindernis der Gleichstellung aufgestellt. Sie trugen allerdings die Fürsten, welche solange ihre Wohltäter gewesen waren, im Herzen. Ein sehr angesehener jüdischer Arzt Immanuel Capadosa begleitete den letzten erwählten Erbstatthalter auf seiner Flucht vor den ein ziehenden Franzosen und dem Sieg der Republikaner und teilte mit ihm die Verbannung70. Die Republikaner fürchteten daher, die Juden würden aus Dankbarkeit sich den Orangisten anschließen. Das waren die offenen oder verschwiegenen Beweggründe der Gegner der Gleichstellung. Sie konnten sich auch darauf berufen, daß die Mehrheit der Juden das Vollbürgerrecht gar nicht wünschte, und daß die sechs Petitionäre ohne Vollmacht gehandelt hatten. Indes gab der französische Gesandte Noël den Ausschlag zugunsten der Gleichstellung der Juden, indem er sie gewissermaßen herrisch durchsetzte. Eine Schrift von van Blomendal (Sommer 1796) hatte die schwankenden Deputierten den Juden geneigt gemacht. Nach langer Verhandlung wurde endlich (2. Sept. 1796) die vollständige Gleichheit der batavischen Juden dekretiert, mit dem Zusatze. [217] für diejenigen, welche davon Gebrauch machen wollten. Damit wurden alle früheren provinziellen und städtischen Bestimmungen in betreff derselben aufgehoben71.

Die holländischen Juden empfanden bei Verkündigung dieses Beschlusses nicht die Freude, wie die französischen bei erlangter Gleichberechtigung. Sie hatten sich nicht so sehr unfrei gefühlt, um der neuen Freiheit entgegenzujauchzen. Sie hatten keinen Ehrgeiz nach einer Stellung im Staate und sahen im Vollbürgerrecht nur Lasten und eine Gefährdung der Religion. Sie waren daher über diejenigen erbittert, welche die Gleichstellung und damit die Lösung des Korporationsverbandes der beiden Gemeinden betrieben hatten. Es entstanden dadurch in Amsterdam Reibungen und Spaltungen.

Die freisinnigen Männer, meistens aus der deutschen Gemeinde, verlangten nämlich, daß diejenigen Maßregeln, welche den Rabbinen und noch mehr den Parnassim die Machtbefugnis einräumten, ein eisernes Zepter über die Mitglieder zu führen, zeitgemäß abgeändert würden. Die Gemeindeführer verweigerten nicht bloß dieses Verlangen, sondern bedrohten die Bittsteller noch dazu mit Geldstrafe. Darauf verließen die Freisinnigen die bestehende Synagoge, versammelten sich in einer eigenen, bildeten eine eigene Gemeinde und erklärten noch dazu, daß sie die echte Gemeinde wären (Adat Jeschurun, gebildet Ende 1796). Die Altgesinnten belegten dafür die Ausgeschiedenen mit einer Art Bann, verboten den Mitgliedern ihrer Gemeinde, mit ihnen zu verkehren, erklärten sie als vom Judentum abgefallen und untersagten, sich mit ihnen zu verschwägern. Die politische Parteiung wurde zugleich eine religiöse. Denn die Anhänger der neuen Gemeinde Adat Jeschurum begannen eine Art Reform einzuführen. Sie merzten die Verwünschungsformel (w'la-Malschinim), ursprünglich gegen die abgefallenen Juden-Christen eingeführt, aber von dem Mißverstand auf alle Christen angewendet, aus dem Gebete aus. Sie beseitigten die rasche Beerdigung der Verstorbenen und richteten ein neues, reinliches Gemeindebadehaus ein, allerdings lauter unschuldige Reformen, die aber in den Augen der Stockfrommen als schwere Vergehungen gegen das Judentum galten. Die Erbitterung der letzteren [218] gegen die Neuerungen war so groß, daß die unwissende Menge der deutschen Gemeinde sie mit dem Tode bedrohte und die Drohung auch ausgeführt hätte, wenn die bewaffnete Macht nicht gegen sie eingeschritten wäre. Sonderbar ist es, daß die Magistratsbehörde die alte Gemeinde unterstützte und gegen die neuere Partei nahm. Verlangte ein solcher einen Reiseschein, so wies sie ihn zunächst an die Parnassim, sich von ihnen ein Zeugnis der Unbescholtenheit ausstellen zu lassen. Die Ausschließung der Freisinnigen aus der Gemeinschaft hatte indes keinen Eindruck auf sie gemacht; daher strengten die Vorsteher Prozesse gegen sie an. Sie verklagten dreiundzwanzig Mitglieder der neuen Gemeinde zur Zahlung von je 1000 Gulden, kraft des alten Privilegiums, weil sie sich von der Gemeinde getrennt und ihr Unbilden zugefügt hätten. Diese Klage wurde von den Richtern angenommen, obwohl die alten Bestimmungen durch die neue Konstitution aufgehoben waren. Wenn die Verklagten auch nicht zu Geldstrafen verurteilt wurden, so mußten sie doch, nach dem parteiischen Ausspruche der Richter, die schweren Prozeßkosten tragen. Indessen gelang es der neuen Gemeinde wenigstens die fanatischen Vorsteher der deutschen Gemeinde, welche noch rücksichtsloser als die der portugiesischen gegen die ausgetretenen Mitglieder verfuhren, ihrer Ämter zu entsetzen, wahrscheinlich auf Betrieb des französischen Gesandten Noël. In den neuen Vorstand wurden Mitglieder der neuen Gemeinde gewählt72. Nach und nach versöhnten sich doch mehrere der alten Partei mit der neuen Ordnung der Dinge und mit den Bestrebungen der Freisinnigen. Es schmeichelte auch den Frommen, als zwei Juden aus Amsterdam zu Deputierten gewählt worden waren, Bromet und de Lemon. Mehrere derselben begaben sich nach dem Haag zur Eröffnung der zweiten Nationalversammlung (1. Sept. 1797), um die Ehre, welche den jüdischen Deputierten widerfuhr, zu genießen. Noch mehr wurden sie für die Gleichheit eingenommen, als später der jüdische Deputierte, Isaak da Costa Atias, in das Ratskollegium der Stadt, in die Nationalversammlung und zuletzt gar zum Präsidenten derselben erwählt worden war (1798). Die Spitze der batavischen Republik, der Großpensionär Schimmelpenninck, machte nämlich vollen Ernst mit der Gleichstellung73 der Juden und beförderte ohne Bedenken befähigte jüdische Männer zu Ämtern. Moresco wurde bei der städtischen Regierung zu Amsterdam und Mose Asser bei der Justizbehörde [219] angestellt. Die ersten jüdischen Beamten in Europa kamen in Holland vor.

Es war natürlich, daß in der Brust der freisinnigen Mitglieder der neuen Gemeinde, aus deren Mitte Beamte ernannt worden waren, das Selbstbewußtsein und eine Art edler Stolz erwachte. Es empörte sie tief, daß Juden von seiten der deutschen Fürsten noch immer als Auswurf oder Tiere behandelt wurden. Sie stellten daher den Antrag an die Nationalversammlung, dem batavischen Gesandten bei der französischen Republik die Weisung zugehen zu lassen, bei dem Friedenskongresse zu Rastatt zu beantragen, daß die holländischen Juden in Deutschland nicht mehr dem Leibzoll unterworfen werden sollten, widrigenfalls alle durch Holland reisenden Deutschen derselben entehrenden Behandlung unterworfen werden würden. Die Nationalversammlung ging auf dieses Gesuch ein74.

Die gerechte Vergeltung verfuhr aber bald noch viel herber mit den deutschen Fürsten und Völkern, welche, hartnäckig wie Pharao und die Ägypter, die Juden von der Kette der Kammerknechtschaft nicht lösen mochten. Sie wurden bald selbst zu Knechten der französischen Republik und mußten sämtlich Leibzoll zahlen. Helden in erstaunlicher Zahl und Größe, welche Gottes Strafgericht an den erbärmlichen, europäischen Machthabern ausüben sollten, gingen aus dem dunklen Schoß des französischen Volkstums hervor. Überall in Deutschland und Italien, wo die heldenmütigen Franzosen festen Fuß faßten, wurden auch die Juden frei. Die Ghettomauern wurden gesprengt, die gekrümmten Gestalten richteten sich auf. In Venedig, wo das Ghetto seinen Ursprung hatte, öffnete es sich beim Einzug der Franzosen. In Piemont begrüßte ein Geistlicher die Befreiung der Juden in der Synagoge mit einem Gebete und einer feurigen Rede75. Cöln z.B., wo seit dem fünfzehnten Jahrhundert kein Jude über Nacht bleiben durfte, mußte, als es französisch geworden war, einem Juden Joseph Isaak, der sich nachmals Joseph Stern nannte, die Aufnahme gestatten (1798). Freilich lebte er und die Seinigen in der ersten Zeit [220] in Zittern. Als einst des Nachts ein Sturmläuten gehört wurde, und die Leute in plattdeutscher Sprache einander zuriefen: »Büdden (Wasserkufen) heraus, Büdden heraus!« schickten er und die Seinigen sich zur eiligen Flucht an. Sie hatten nämlich verstanden: »Jüden heraus76.« Es war eine Vorahnung des Hep-Hep-Sturmes.

Schon war der Name der unbezwinglichen Franzosen, welche Wunder von Siegen in Italien erfochten hatten, über Europa hinaus erklungen und hatte bis in die entferntesten Gegenden Schrecken und Bewunderung erregt. Ein neuer Alexander, zog der Korse Bonaparte, ein kaum dreißigjähriger Kriegsgott, mit einem verhältnismäßig kleinen Heere aus, um Ägypten zu unterwerfen und wo möglich bis nach Indien vorzudringen. In kaum einem halben Jahre (Juli–November 1789) lag Ägypten gebrochen zu seinen Füßen. Aber ein türkisches Heer war im Anzuge gegen ihn. Bonaparte rückte ihm in Palästina entgegen. So wurde in wunderbarer Verkettung weltgeschichtlicher Ereignisse das heilige Land der Schauplatz blutiger Kriege zwischen den Trägern des neuen und des alten Geistes in Europa.

El Arisch und Gaza an der Südwestseite Palästinas kamen in die Hände der französischen Schar, die kaum 12000 Mann zählte (17. und 25. Februar 1799). Die jüdische Gemeinde von Gaza war geflüchtet77. Kurz darauf fiel die Festung Jaffa (6. März); die ganze türkische Besatzung ergab sich auf Gnade und Ungnade und wurde unmenschlich niedergeschossen, weil Bonaparte nicht wußte, wo er die besiegten Truppen unterbringen sollte. In Jerusalem verbreitete sich bei der Nachricht von den Siegen und der Grausamkeit der Franzosen ein betäubender Schrecken. Es hieß, Napoleon gedenke auch nach der heiligen Stadt zu kommen. Auf Befehl des Unterpaschas oder Motusallim begannen die Einwohner Erdwälle aufzuwerfen. Auch die Juden beteiligten sich daran. Der Oberrabbiner Mardochaï Joseph Mejuchas ermutigte sie zur Arbeit und legte selbst Hand an. Die Türken hatten nämlich das Gerücht ausgesprengt, daß die Franzosen ganz besonders die Juden mißhandelten78. Bonaparte hatte zwar einen Aufruf an die asiatischen und afrikanischen Juden ergehen lassen, sich um seine Fahnen zu scharen, und versprochen, ihnen das heilige Land zu geben und das alte Jerusalem in seinem Glanze wiederherzustellen. Es soll sich auch infolgedessen eine große [221] Zahl in Syrien versammelt und Aleppo bedroht haben79. Aber die Jerusalemer scheinen diesen schmeichelnden Worten nicht getraut oder von dem Aufruf keine Kunde erhalten zu haben. Es war wahrscheinlich auch nur ein Verführungsversuch Bonapartes, darauf berechnet, den jüdischen Minister des Paschas von Akko, namens Chajjim Maalem Farchi (ermordet 1820), die Seele der Verteidigung der wichtigen Meeresfestung Akko, für sich zu gewinnen. Dieser jüdische Staatsmann, dessen Vater Saul Farchi Finanzminister des Paschas von Damaskus gewesen war, hielt nämlich treu zu seinem Herrn G'ezar, obwohl dieser ihm in seiner grausamen Art ein Auge verstümmelt hatte. Unter den Titeln Kasnadar, Sarraf, Kjaja leitete Farchi den Krieg gegen die Franzosen und unterstützte den Kampf der Engländer gegen sie. Beliebt bei der mohammedanischen Bevölkerung wie bei der jüdischen, hätte er durch Anschluß an Bonaparte dem syrisch-ägyptischen Feldzuge eine andere Wendung geben können. Wäre Bonaparte der Plan gelungen, Syrien dauernd zu erobern und den Krieg in das Herz der Türkei zu werfen, so hätte er vielleicht der jüdischen Nation, auf die sich die Franzosen hätten verlassen können, eine Rolle zuerteilt.

Die Belagerung von Akko führte eine andere Entscheidung herbei. Sie begann mit Mißerfolg und hätte für die Franzosen und Bonapartes Ruhm gefährlich werden können, wenn die türkische Armee, die von Galiläa herniedergestiegen war, sich hätte Akko auf der Landseite nähern können. Aber Bonapartes Feldherrnblick und der todesverachtende Mut der französischen Soldaten beseitigten die Gefahr (16. April). In der Ebene Esdrelom am Berge Tabor, wo von den ältesten Zeiten an viele Schlachten geliefert worden waren, siegten 4000 Franzosen über ein sechsmal stärkeres türkisches Heer und brachten ihm eine vollständige Niederlage bei. Aber Akko konnte Bonaparte [222] doch nicht einnehmen; er mußte die Belagerung aufheben und sich nach Ägypten zurückziehen. Bonapartes Erscheinen in Palästina glich einem schrecklichen Meteor, das nach angerichteten Verwüstungen wieder verschwindet. Sein Traum, Kaiser des Morgenlandes zu werden und den Juden Jerusalem wiederzugeben, verflog rasch. Bald wetzte er die erlittene Scharte aus. In der Landschlacht bei Abukir (25. Juli), einer seiner glänzendsten Waffentaten, rieb er ein zahlreiches türkisches Heer wie eine Herde Lämmer auf. Während alle Welt ihn mit Eroberungsplänen im Orient beschäftigt glaubte, landete er in Frankreich, und ehe das Jahrhundert abgelaufen war, wurde er der Diktator des von Parteikämpfen zerrissenen Frankreichs und machte der Anarchie ein Ende (18.–20. Brumaire = 9.–11. Nov. 1799).

Bonaparte tötete die Freiheit, seine Mutter, oder vielmehr er blies ihr den letzten Atem aus; er knebelte die Gerechtigkeit, drückte die Menschenwürde, die sich durch den Sturz des hochmütigen alten Adels gehoben hatte, in den Staub und setzte von neuem Gewalt und Ruhmlust an die Stelle der Bürgertugenden. Kurz, er schlug der Menschheit tausend Wunden. Allein kein Denkender verkennt jetzt, daß Bonaparte, so wie er war, mit seiner Selbstsucht und Brutalität, eine geschichtliche Notwendigkeit war. Eine Errungenschaft der Revolution hatte er bestehen lassen und sie befestigt, die Gleichheit. Sie kam besonders den Juden zugute. Sie hing nicht mehr von dem Belieben eines Herrschers ab, sondern war durch die zehnjährigen revolutionären Bewegungen tief in die Gemüter der Franzosen eingedrungen. Doch fehlte den französischen Juden noch etwas zur völligen Gleichheit. Als Bürger waren die Söhne Judas allerdings auch in der neuen konsularischen Verfassung, wie später unter dem Kaiserreiche, ohne weiteres den Franzosen gleichgestellt. Ein anderes war es aber, als sie in ihrer Gesamtheit, als Religionsgenossenschaft, neben Katholiken und Protestanten, anerkannt werden sollten. Bei der Wiedereinführung des alten Kultus und dem Abschluß des Konkordats mit dem Papsttume – wobei er, der Kluge, von den noch klügeren Klerikalen so überlistet wurde, daß der verfolgungssüchtige Katholizismus den während der Revolution verlorenen Boden allmählich zurückerobern konnte, – wurde der öffentliche Kultus des Judentums gesetzlich nicht festgestellt. Bonapartes Ansicht vom Werte des Judentums war geteilt. Er hegte gegen dasselbe zugleich die höchste Verehrung und eine geringschätzige Verachtung. Ihm, der die Bedeutung geschichtlicher Tatsachen, welche der Veränderlichkeit der Zeiten trotzen, zu würdigen verstand, imponierte das Judentum, das so vielen Stürmen [223] und Verfolgungen zäh widerstanden hatte. Aber er konnte dessen Größe in der äußerlichen Verkümmerung, in der Knechtsgestalt nicht wiedererkennen, und teilte vollständig die Vorurteile der großen Menge gegen das bestehende Judentum, das doch selbst von den Juden verkannt wurde. Diese zwiespältige Ansicht drückte sein Organ, Portalis, aus, als dieser der gesetzgebenden Versammlung den Bericht über die Wiederherstellung der Kulte vorlas (15. Germinal, Jahr X). »Indem sich die Regierung mit der Organisation der verschiedenen Kulte beschäftigt, hat sie die jüdische Religion nicht aus dem Gesichte verloren. Sie soll wie alle übrigen an der von unseren Gesetzen beschlossenen Freiheit teilnehmen. Aber die Juden bilden weniger eine Religion als ein Volk. Sie bestehen unter allen Nationen, ohne sich mit ihnen zu vermischen. Die Regierung hat daher geglaubt, die Einigkeit dieses Volkes achten zu müssen, dieses Volkes, welches durch die Umwälzungen und Trümmer der Jahrhunderte bis zu uns gelangt ist, und welches es als eines seiner größten Privilegien betrachtet, nur Gott als seinen Gesetzgeber zu haben«80. Bonaparte war daher über das zu erlassende Gesetz in betreff der Stellung des Judentums schwankend. Die unantastbare Gewissensfreiheit und die Bewunderung für das hohe Alter des Judentums geboten, keinerlei Eingriffe in die inneren Angelegenheiten der Juden zu tun; aber der nationale Charakter desselben und die unverkennbaren Auswüchse, die ihm anhafteten, flößten ihm und seinen Räten Bedenken ein, es in seiner so ausgeprägten Gestalt unbedingt anzuerkennen. Die Eigenart des Judentums und des jüdischen Volkes blendeten auch seinen durchdringenden Scharfblick. Er schob daher das Gesetz über die Gestaltung des jüdischen Kultus immer wieder auf. Er wollte sich erst selbst Klarheit darüber verschaffen, oder vielmehr über die Kluft hinwegkommen. Unter der Last der Staatsgeschäfte, die er, ein Atlas, allein trug, blieb ihm keine Zeit für die Organisation des französisch-jüdischen Kultus. Die Juden fühlten sich nicht unbehaglich dabei. Hatten sie doch fast zwei Jahrtausende ihre Angelegenheiten ohne staatliche Einmischung geordnet. Sie waren daher mit der Veränderung, welche der 18. Brumaire in Frankreich hervorgebracht hatte, äußerst zufrieden. Die Ruhe und Sicherheit, die sie dadurch neben der Gleichheit erlangt hatten, während sie unter dem Übermaß des Freiheitsdranges und dem Schreckenssystem gelitten hatten, taten ihnen, den Feinden des Exzentrischen, sehr wohl. Auch teilten sie die Bewunderung für den aus der Dunkelheit [224] herausgetretenen Sohn des Volkes, der die Feinde Frankreichs niedergeworfen, seine Macht so sehr erweitert und nun auch im Innern das Ungetüm der Anarchie gebändigt hatte.

Seine überwältigenden Heldentaten weckten die hebräische Muse zu begeisterten Lobgesängen. Elia Halevi (Halfan), den die Zeitwellen von Fürth nach Paris gespült hatten (geb. um 1760, starb 1826)81, einer der beiden glänzendsten neuhebräischen Dichter der Neuzeit, dichtete bei der Nachricht von Friedensunterhandlungen zu Amiens ein schwungvolles Meisterlied auf den Frieden und auf Bonaparte, das in der Synagoge von Paris (Sonntag, 11. Nov., Jahr X = 1801) gesungen wurde. Es ist echte, goldene Poesie. Man weiß nicht, was mehr an diesem Gedichte Elia Halevis zu bewundern ist, die Bilderpracht, die lebhafte, hinreißende und zugleich wahre Schilderung der wunderbaren Taten der französischen Revolution und Bonapartes, die klangvollen Verse oder die glanzvolle urhebräische Sprache, die Jesaias und die Korachiden nicht verleugnet haben würden. In dieser Vollendung hat Elia Halevi keinen Ebenbürtigen in der langen Bilderreihe neuhebräischer Dichter; er übertraf bei weitem die spanischen Sänger Gebirol, Jehuda Halevi und den italienischen Dichter Luzzatto. Sein Hymnus auf den Frieden läßt bedauern, daß die neuhebräische Poesie nicht mehr solcher Gesänge von ihm besitzt. Für Kunstverständige, welche zugleich an den Feinheiten der hebräischen Poesie Geschmack finden, begründete [225] jedoch dieses Gedicht allein den Ruhm des in Dürftigkeit lebenden Dichters, auch wenn seine beiden begabten Söhne, der Tonkünstler Jacques Fromental Elie Halévy und der französische Dichter Leon Halévy den Namen nicht unsterblich gemacht hätten. Das Wunderbare an dieser Friedenshymne ist, daß nur die Sprache, allenfalls die Farbenglut und der Bilderreichtum darin hebräisch sind; alles übrige aber, Inhalt und Gedankengang sind durchaus neu, eigenartig, selbständig, keinem Muster nachgebildet. Es glüht darin ein schwärmerischer französischer Patriotismus, dem sich Halevi so ganz hingab, daß er für seine Stammesgenossen, ihre Befreiung und Erhebung auch nicht einen Zug angebracht hat. Nur im Eingange fleht er den lieblichen Sänger David an, ihm die Harfe zu leihen oder seine Harfe mit dessen klingenden Saiten zu bespannen, um den Riesenkampf zu besingen, den Frankreich gegen eine Welt von Feinden führte, »und den man für eine griechische Fabel aus der Zeit des Krieges der Titanen mit den Göttern halten möchte«. Elia Halevis prächtige Verse malen förmlich die Zuckungen der Revolutionszeit, die Anarchie, die Feindseligkeit von allen Seiten, die Ermannung, und endlich wie der korsische Held aus den verachteten französischen Scharen ein Heldenvolk gemacht hat. In dem Jahre, in dem er diesen Lobpsalm sang, verdiente Bonaparte noch feurige Huldigungen. Später, als er sich erniedrigt hatte, sich die Kaiserkrone aufzusetzen, schwieg Halevis Muse, während mittelmäßige jüdische Dichter in allen Tonarten in französischer, italienischer, deutscher und hebräischer Sprache ihn priesen82.

In den Stürmen, welche die Abendröte des achtzehnten und die Morgenröte des neunzehnten Jahrhunderts begleiteten, in den Wandlungen, durch welche die Juden bei dem Übergang aus ihrem patriarchalischen, idyllischen Stilleben in das bewegte Weltgetriebe hineingerissen wurden, hat die neuhebräische Poesie auch noch einige Blüten hervorgebracht. Aus dem Nachwuchs der Measfimschule verdienen wenigstens genannt zu werden Joseph Ephrati Troplowitz (geb. um 1770, starb in Ratibor 1804), der sich wieder an ein hebräisches Drama machte, dessen Held der tragische König Saul ist83; Schalom Kohen (geb. zu Meseritz in Posen 1771, starb in Hamburg 1845), der »morgenländische Pflanzen in abendländischen Boden« einsetzte und hebräische Heldengedichte zu schaffen versuchte, deren Mittelpunkt [226] der Patriarch Abraham und der König David ist84. Salomo Pappenheim (geb. 1740, starb 1814) machte zwar keine Verse; aber seine neuhebräische Prosa ist dichterisch vergeistigt. Seine »Vier Kelche« sind eine glückliche Nachbildung von Youngs Nachtgedanken85. Aber keiner dieser drei neuhebräischen Dichter erreichte auch nur von ferne Elia Halevis Schwung und Tiefe. Troplowitz' und Kohens Verse gleichen Wesselys Muster; sie sind tadellos im Bau, aber durchaus nicht dichterisch.

Wie die glühende Begeisterung für Frankreich, das seine geknechteten Stammesgenossen zu freien Menschen umgeschaffen hatte, Elia Halevi zum Dichter gemacht hatte, so erweckte sie einen jüdischen Jüngling zum feurigen Redner, dessen Beredsamkeit poetisch gefärbt war. Michael Berr (geb. 1780, starb 1843)86, ein würdiger Sohn des für die Emanzipation der Juden in Frankreich so eifrigen Isaak Berr, erregte schon in der Jugend durch seine schöne und edle Gestalt und seine hohe Begabung große Erwartungen. Der Geschichtsschreiber Johannes von Müller glaubte von ihm, er werde der Esra seines Volkes werden. In Michael Berr vollzog sich zuerst die innige Vermischung des jüdischen und französischen Geistes. Er war der erste jüdische Rechtsanwalt in Frankreich. Ein Fehler hinderte ihn, einen tiefen Eindruck auf die Zeitgenossen und die Nachwelt zu machen, seine allzuleicht übersprudelnde Sprach- und Schreibfertigkeit. Mit hochfliegendem Jugendmute und in der Glut seiner Feuerseele faßte dieser Jüngling im Beginn des neuen Jahrhunderts beim Friedensschluß einen kühnen Gedanken. Ein Kongreß der europäischen Fürsten wurde erwartet. An diese und an ihre Völker richtete Michael Berr einen »Aufruf« im Namen »aller Einwohner Europas, welche die jüdische Religion bekennen« (1801), den Druck von den Juden abzutun und ihnen die [227] so lange vorenthaltene Gerechtigkeit zu gewähren. Aus diesem Jüngling sprach die Stimme des verjüngten Israel; sie lud seine Schergen und Henker vor das Weltgericht der Geschichte, nicht um von ihm Rache zu verlangen, sondern um die Folgen der dem jüdischen Stamme zugefügten Freveltaten aufzuheben. Berrs Aufruf galt besonders den Deutschen, dem Volke und den Fürsten, welche noch immer die unter ihnen wohnenden Juden als gebrandmarkte Kammerknechte behandelten, während sie in Frankreich als gleichberechtigte Glieder der großen Nation den Kopf hoch tragen durften.

Mit gerechtem Stolz sagte Michael Berr den Verächtern: »Nicht als Glied der unterdrückten Klasse rufe ich die Gerechtigkeit der Könige und Nationen an ... denn laut sage ich es, die französischen Juden sind endlich in die Menschenrechte eingetreten, und viele sind schon nützliche Bürger geworden. Als französischer Bürger, als Freund der Menschheit trete ich auf, die gerechte Sache vorzutragen für die, deren Laster nur durch den erbitterten Haß ihrer Feinde entstanden sind, deren Tugenden aber sie sich selbst zu verdanken haben.« Mit dichterischem Schwunge schildert er die gehäuften Leiden des jüdischen Volkes: »Nicht ohne inneres Grauen kann ich den Trauerschleier lüften, der die blutige Geschichte der jüdischen Nation umhüllt; nicht ohne tiefgefühlten Schmerz kann ich die Jahrbücher entfalten, worin die Ungerechtigkeiten, die sich ganze Nationen gegen die zitternden Trümmer eines unglücklichen Volkes zuschulden kommen ließen, mit feurigen Buchstaben aufgezeichnet stehen, eines Volkes, einst stolz auf die Pracht seines Tempels, auf den erhabenen Ursprung seiner Gottesverehrung; jetzt aber der Auswurf der Erde, das Spiel des erzürnten Schicksals, das nur bedacht ist, es mit Unglück zu überhäufen, es mit Bitterkeit und Schande zu erfüllen, es zum ungerechten, unseligen Gegenstand des Hasses des ganzen Menschengeschlechtes zu machen. Noch einmal, in meinem Herzen mich mehr als Franzose denn als Jude fühlend, getraue ich mich kaum, diese Abgründe des Schreckens aufzudecken, weil ich dies nicht ohne eine Erinnerung der Schande meines eigenen Vaterlandes tun könnte, das mehr als einen unserer Verfolger gestellt hat.«

In krassen Zügen entwarf Michael Berr das Schauergemälde des jüdischen Märtyrertums im Mittelalter. »Ja, wir allein jeder Art Marter, den Qualen des Todes und den Schrecknissen des Lebens trotzend, wußten dem Strom der Zeit zu widerstehen, der in seinem Laufe Völker und Religionen und Jahrhunderte fortreißt. Während Rom und Griechenland nur noch glänzende Erinnerungen sind, windet sich ein so oft unterjochtes Volk von einigen Millionen Menschen durch [228] den Zeitraum von dreißig Jahrhunderten der Selbständigkeit und sechzehn Jahrhunderten der Verfolgung. – Gleich einer unerschütterlichen Säule, trotzend der allgemeinen Überflutung des Erdkreises, sind wir allein von der Zeit, der Zerstörerin aller Dinge, verschont geblieben. ... Ihr, die ihr die Juden als entartet betrachtet, statt sie als unglücklich anzusehen, untersuchet mit mir ihre Leidenschaften und ihre Tätigkeit, nicht in den mit Gift geschriebenen Werken ihrer Gegener, sondern im Schoß ihrer Familien, inmitten der Gegenstände ihrer Liebe, im Schatten ihrer häuslichen Heiligtümer. Diese Menschen, die ihr als den Auswurf der Völker betrachtet, werdet ihr in ihrer ursprünglichen Einfachheit, frei und nicht verdorben von der Schwelgerei oder anderen Lastern, welche die Entartung der Sitten nach sich ziehen, wiederfinden ... Wollt ihr nicht besser die Nation würdigen lernen, welche nur das Unglück hat erniedrigen können? So bedenkt die Rolle, die es während der französischen Revolution und der Schreckensherrschaft der Zehnmänner gespielt hat. Leicht hätten sie sich unter die rasenden Jakobiner mischen und Rache an ihren ehemaligen Unterdrückern nehmen können. Wohlan! Durchblicket die Geschichte jener Zeit, wenn ihr unter den Parteigängern der Schreckensmänner einen einzigen Juden findet, den doch die erlittenen Leiden hätten teilweise rechtfertigen können, so überlasse ich alle dem Geschicke, welches uns alle niederbeugt. Ihr werdet sie auch nicht unter den entarteten Söhnen finden, welche Feuer und Schwert in einen Teil des Vaterlandes gebracht (Vendée) haben. Wohl aber werdet ihr sie auf dem Wege der wahren Ehre und des militärischen Ruhmes finden, wie sie ihr Blut zur gerechten Verteidigung der Grenzen verspritzten und mit ihrem Mute die Bewunderung ihrer großmütigen Feinde erregten. – »Mit diesem erhabenen Akte,« so schließt Michael Berrs Aufruf an die Könige und Völker, »mit der Befreiung der Juden von Druck und Schmach, mit ihrer vollständigen Gleichstellung in ganz Europa, wie in Frankreich und Holland – müsse das neue Jahrhundert beginnen, dessen Andenken der Nachwelt das wunderbare Bild von zugleich großen und traurigen Ereignissen überreichen wird.«

Dieser für seine Stammesgenossen begeisterte Jüngling predigte tauben Ohren, seine Feuerworte und überzeugenden Gründe fanden keinen Widerhall in den Herzen der europäischen Völker. In Österreich, Preußen und den zu Hunderten zählenden kleinen deutschen Staaten blieben die Juden in der alten Erniedrigung. Die französische Revolution und ihr befreiender Einfluß machte die Deutschen nur noch verstockter gegen die Juden. Weil sie jenseits des Rheins und der [229] Alpen als Ebenbürtige behandelt wurden, darum sollten sie diesseits gedemütigt und verachtet bleiben. Alle Selbstverachtung und Kriecherei gegen die bestehende Kirche von seiten der Berliner aufgeklärten Juden führte sie nicht einen Schritt weiter. Die Kultur, welcher sich immer größere jüdische Kreise zuwendeten, für welche sie ihre eigenen Schätze achtlos wegwarfen und fremden Tand aus Überschätzung als Kleinodien aufnahmen, frommte ihnen zu nichts. Nathan der Weise und Dohms Emanzipationsschrift waren für die Deutschen umsonst erschienen. Die Vorurteile gegen die Juden nahmen wo möglich noch mehr zu, die »Kölbele« vervielfältigten sich. Geistig und staatlich geknechtet, wie damals die Deutschen waren, schien ihnen die Knechtung und Verachtung der Juden ein Labsal und ein Trostmittel zu sein. Sie glaubten sich elbst frei fühlen zu dürfen, weil sie unter sich noch eine Klasse von Menschen erblickten, die sie ungestraft höhnen und mißhandeln durften. In Berlin selbst, dem Sitze der Aufklärung, wurden die jüdischen Ärzte, so groß auch ihr Ruf war, nicht im Verzeichnis der christlichen Fachgenossen, sondern abgesondert aufgeführt, gewissermaßen in ein Ghetto gewiesen87. Zwei Männer ersten Ranges, der größte Dichter und der größte Denker jener Zeit, Goethe und Fichte, teilten die Voreingenommenheit der Deutschen gegen die Juden, und machten kein Hehl daraus, sie konnten dabei allerdings auf den Beifall der Großen und der Menge rechnen. Goethe, der Vertreter der aristokratischen Kreise, und Fichte, der Verfechter der demokratischen Richtung in Deutschland, beide wünschten die Juden wie Verpestete, weit, weit von der christlichen Gesellschaft entfernt. Beide waren zwar mit der Kirche zerfallen, das Christentum mit seinem Wunderglauben war beiden eine Torheit, und beide galten als Atheisten. Nichtsdestoweniger verabscheuten sie die Juden im Namen Jesu. Goethe zeichnete einen Idealstaat oder eine leichtlebige Ordensgesellschaft in seinem Roman »Wilhelm Meister«, worin die Schönheit, die Kunst, das heitere, ungezwungene Leben statt der Sittlichkeit herrscht, und worin neben schönen Seelen auch Philinen, neben geheimnisvollen Abbés, leichtfertige Abenteurer, wenn sie nur Anstand haben, Platz finden. Aber die Juden werden aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen. Warum? »Wir dulden folgerecht keinen Juden unter uns, denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?«88 Hätte Goethe eine Stimme in[230] einem deutschen Parlamente gehabt, so würde er wohl dieselbe gegen Zulassung der Juden zum Staatsleben geltend gemacht haben. Bei Goethe sprach die Unduldsamkeit gegen die Juden nicht gerade aus ihm selber heraus; er gab vielmehr nur die Stimmung wieder, welche in den gebildeten deutschen Kreisen damals herrschend war. Aufgebläht von einer Kultur, die in Deutschland doch erst von gestern datierte und noch von Roheit begleitet war, stempelten die Deutschen diese Kultur zu einer »christlichen« und versperrten den Juden den Eingang dazu mit vollständiger Verkennung der Tatsache, daß das Judentum sie teilweise mitschaffen geholfen hat, im Altertum durch die Bibel, im Mittelalter durch die jüdische Philosophie, und in der Neuzeit durch Spinoza und Mendelssohn.

Noch schneidender und herber gegen die Juden war Fichte, der einseitige Vollender Kants. Er hatte bis zum Ausbruch der französischen Revolution wie die meisten deutschen Metaphysiker ins Blaue hinein philosophiert. Diese gab erst seinem Denken einen festen Inhalt. Der Beruf des Menschen sei, mit seinem Geiste, dem Bewußtsein seiner Selbstheit und seiner Persönlichkeit, einen Vernunft- oder einen Rechtsstaat zu gründen. Das Gewissen, das dem Menschen unter allen Wesen allein eigen ist, die Gewißheit seiner Pflichtigkeit, das unverbrüchliche: »Du sollst, du sollst nicht – du darfst, du darfst nicht«, dieser Inhalt des menschlichen Geistes soll sich in der Gesellschaft, im Gemeinwesen, in den Gesetzen des Staates verwirklichen. Fichte war ein zu tiefer und scharfer Denker, um nicht einzusehen, daß eine unausfüllbare Kluft zwischen seinem idealen Rechtsstaat und den bestehenden europäischen Gemeinwesen oder monarchisch-despotischen Staaten und der versteinerten Kirche bestand. Die Zertrümmerer der französischen Monarchie hatten ihn allerdings in diese Kluft hineinblicken lassen. Er, der so gerne mit hastigem Ungestüm das für wahr Erkannte zu verwirklichen strebte, legte sich die Frage vor: »Ist es nach dem Denkgesetze oder (was dasselbe ist) nach dem Sittengesetze gestattet, Revolution zu machen, den bestehenden Staat zu zertrümmern und einen neuen, auf Vernunft und Recht begründeten, aufzubauen?« Oder in seiner Sprache: »Ist das Recht, die Staatsverfassung zu ändern, durch den Vertrag aller mit allen veräußerlich?« Er widmete dieser Untersuchung ein ganzes Buch, worin er dem despotischen Königtum, dem hochmütigen Adel und der Geistlichkeit wuchtige Schläge versetzte, [231] allerdings ohne seinen Namen zu nennen, und vom sichern Hafen, von der republikanischen Schweiz, aus. Seine Hauptbeweise für die Berechtigung zur Revolution hatte er aus einer Fiktion hergenommen. Die in sich gefestigte, geistige, freie Persönlichkeit des Menschen finde in ihrem Bewußtsein Pflichten, aber auch Rechte, und zwar solche Rechte, die sie nicht aufgeben, übertragen oder veräußern könne, wenn sie sich eben damit nicht selbst aufgeben und zur Sache oder zum Tiere herabsinken wolle. Solche unveräußerliche Rechte des Menschen seien die auf seine Freiheit, seine Überzeugung, seine eigene Ausbildung und Entwicklung. Hätte sich der Mensch auch geradezu durch einen Vertrag verpflichtet, in einem despotischen Staate zu leben und ihm in allem zu gehorchen, so dürfe er sich vermöge seines unveräußerlichen Rechts von diesem Vertrage lossagen, sich von diesem Bande losmachen oder Revolution machen. Wenn der einzelne dieses Recht habe, so hätten es auch viele, die auch die Befugnis haben, sich, sowie sie sich vom bestehenden schlechten Staatsverbande getrennt haben, zu einem eigenen Gemeinwesen zusammenzuschließen. Aber entstünden da nicht lauter Staaten im Staate? Dieser Einwurf erschreckte Fichte nicht. Er führte Tatsachen auf, daß solche Staaten im Staate selbst bei despotischen, streng gegliederten Verfassungen bestehen. Solche seien die Juden, der Soldatenstand, der Adel, die Geistlichkeit und allenfalls auch die Zünfte.

Scheinbar erwies Fichte den Juden viel Ehre, daß er sie mit dem Adel und der Geistlichkeit auf eine Linie stellte. Er wollte aber keineswegs sie damit geehrt wissen, sondern sie dadurch vor der öffentlichen Meinung anklagen. Fichte, der philosophische Denker, hegte denselben Widerwillen gegen Juden und Judentum, wie Goethe, der aristokratische Dichter, und wie Schleiermacher, der gnostische Prediger. »Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gesinnter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht, und der in manchem fürchterlich schwer auf die Bürger drückt; es ist das Judentum.« Dasselbe wird so »fürchterlich, nicht weil es einen abgesonderten und so fest verketteten Staat bildet, sondern dadurch, daß dieser Staat auf den Haß des ganzen menschlichen Geschlechtes aufgebaut ist«. Wie rechtfertigte Fichte diese fürchterliche Anschuldigung? Unphilosophisch genug klingen seine Anklagepunkte, von denen einer so viel wert ist als der andere. »Von einem Volke, dessen Geringster seine Ahnen höher hinaufführt, als wir anderen alle unsere Geschichte, und in einem Emir (Abraham), der älter ist als sie, einen Stammvater sieht – eine Sage, die wir selbst unter unsere Glaubensartikel aufgenommen[232] haben.« Das ist der erste Anklagepunkt. Ein Volk, »das in allen Völkern die Nachkommen derer erblickt, welche sie aus ihrem schwärmerisch geliebten Vaterlande vertrieben haben,« – ein zweites Verbrechen »– das sich zu dem den Körper erschlaffenden und den Geist für jedes edle Gefühl tötenden Kleinhandel verdammt hat und verdammt wird.« Es kommt noch besser, ein Volk, »das durch das Bindendste, was die Menschheit hat, durch seine Religion, von unseren Mahlen, von unserem Freudenbecher und von dem süßen Tausche des Frohsinns mit uns von Herz zu Herzen ausgeschlossen ist«, – »das bis in seinen Pflichten und Rechten, und bis in der Seele des Allvaters uns andere alle von sich absondert.« Also weil die Juden eine uralte Geschichte haben, die bis auf Abraham hinaufreicht, und sie älter als der älteste Adel in Europa sind, weil sie die tausendfachen Leiden, die sie von den Völkern erduldeten, nicht mit einem Hauche aus ihrem Gedächtnisse verlöschen, weil sie durch die Erbärmlichkeit des christlichen Staates und der Kirche im Mittelalter auf den Handel angewiesen waren, weil sie nicht mit den Christen zechen wollen oder dürfen, darum sei von ihnen nichts anderes zu erwarten, als daß sie die Christen ungestraft ausplündern würden, und darum soll man ihnen ja nicht das Bürgerrecht in den Staaten einräumen, weil sie die christlichen Bürger völlig unter die Füße treten würden. Fichte gestand zwar, daß ihn selbst noch nie ein Jude betrogen habe; aber doch glaubte er an ihren Hang zum Betrügen, weil er es von anderen gehört hatte, oder weil es in seinen Rahmen paßte. Die Hauptanklage, daß die Juden gegen die Christen nicht dieselben Pflichten anerkennen, wie gegen ihre Stammesgenossen, oder »daß sie verschiedene Sittengesetze haben«, sprach Fichte den giftigen Judenfeinden blindlings nach. Auch der menschenfeindliche Gott fehlte nicht unter seinen Anschuldigungen gegen sie, und – was aus dem Munde des ungläubigen Philosophen befremdend klingt – auch das Lied des Mittelalters wiederholte er, »daß sie nicht an Jesum Christum glauben.«

Soll man den Juden Bürgerrechte erteilen? Fichte sprach sich entschieden dagegen aus, nicht einmal in den nach seiner Ansicht erbärmlichen, rechts- und vernunftwidrigen christlichen Staat soll man sie einbürgern. »Ihnen (den Juden) Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in dem auch nicht eine küdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder jein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken.« Die Weltgeschichte hat anders geurteilt; sie [233] hat nicht den Juden, sondern den Deutschen andere Köpfe aufgesetzt. Verfolgen soll man die Juden allerdings nicht, ihnen allenfalls Menschenrechte einräumen: »denn sie sind Menschen«; aber ausweisen soll man sie.89 So querköpfig und so gehässig haben selbst die geistlichen Gegner der Emanzipation in Frankreich, Abbé Maury und Bischof la Fare, nicht über die Juden und von ihnen gesprochen. Man kann Fichte als Vater und Apostel der deutschtümelnden Judenfeindlichkeit ansehen, einer eigenen Gattung, bis dahin unbekannt, oder vielmehr nicht zum klaren Bewußtsein gekommen. – Selbst Herder, obwohl erfüllt von Bewunderung für das israelitische Altertum und das Volk in seinem biblischen Glanze, der zuerst die heilige Literatur mit dichterischsinnigem Auge betrachtete, empfand eine Abneigung gegen die Juden, die sich in seinem Verhältnis zu Mendelssohn kundgab. Es kostete ihn Überwindung, sich ihm freundschaftlich hinzugeben. Herder prophezeite zwar eine bessere Zeit, in welcher Christ und Jude in einmütiger Gesinnung am Bau der menschlichen Gesittung arbeiten würden. Aber er glich dem alten Bileam; er erteilte seine Segenssprüche für die Juden nicht mit frohem Herzen90. Die keimende Judenfeindlichkeit unter den Deutschen gewahrten die unter ihnen wohnenden Juden nicht, traten ihr wenigstens nicht mit Nachdruck entgegen. Nur eine einzige Gegenschrift eines jüdischen Schriftstellers tauchte in dieser Zeit auf. Saul Ascher schrieb »Eisenmenger der Zweite, Sendschreiben an Fichte«91; es wurde wenig beachtet.

Wenn die Juden bei den Tonangebern in Deutschland, bei den Goethe und Fichte, welche sich aus dem Kreise des Schlendrians zu lichter Höhe aufgeschwungen hatten, im demokratischen wie im aristokratischen Lager, keine Gnade fanden und von ihnen Zurücksetzung und Verachtung erfuhren, um wieviel mehr erst bei der großen Menge, die noch in der widerlichsten Roheit steckte! Wohl haben zwei edeldenkende Christen Worte tiefster Überzeugung an den Kongreß zu Rastatt gerichtet, die deutschen Juden von der Schmach zu befreien. Der eine, ein unbekannter Menschenfreund, drückte den Pfeil des Spottes gegen [234] die Verstocktheit und Aufgeblasenheit des deutschen Judenhasses ab, und der andere, Christian Grund, bewies mit logischer Schlagfertigkeit die Unbilden, die den Juden zugefügt werden. Beide wollten die Forderung der holländischen Juden an die diplomatischen Vertreter, in Deutschland die Achtung der deutschen Juden von den Fürsten gewissermaßen zu erzwingen (o. S. 220), ihrerseits durch Einwirkung auf die öffentliche Meinung unterstützen92. Grund trat als93 kluger Sachwalter für die Juden auf; er machte den Deutschen Komplimente, um sie zu gewinnen. »Auf die deutsche Nation, großer Handlung fähig, Selbstschöpferin, nicht bloß Nachahmerin auf dem Wege des Völkerglückes, wagen es die deutschen Juden, ihre Stimme mit der Stimme ihrer Brüder zu vereinen und bei den Bevollmächtigten der Nation zu Rastatt um Aufhebung der auf ihnen liegenden Distinktionen und Zuwendung mehrerer Rechte gehorsamst zu bitten.« Die Antwort der deutschen Fürsten und Regierenden war nicht sehr entgegenkommend.

Die empörendste Entehrung und Entwürdigung der Juden lag im Leibzoll, dieser echt deutschen Erfindung, in außerdeutschen Ländern nicht bekannt. Was half es, daß der Kaiser Joseph ihn in Österreich und Friedrich Wilhelm II. ihn in Preußen abgeschafft hatten? Er bestand in seiner ganzen Scheußlichkeit in Mittel- und Westdeutschland fort, in der Main- und Rheingegend, wo Zwergstaaten an Zwergstaaten von wenigen Quadratmeilen dicht aneinander grenzten, Schlagbaum auf Schlagbaum in kurzen Zwischenräumen sich erhob. Machte ein Jude auch nur eine Tagereise, so berührte er verschiedene Gebiete und mußte an jeder Grenze den Leibzoll erlegen. Ein bettelnder Jude wies in Begleitung seines unmündigen Sohnes für sechs Tage Zollzettel über fünf und einen halben Gulden auf, die er in verschiedenen Ämtern hatte entrichten müssen94. Mehr noch als das Geld entwürdigte die Art der Erhebung. Die Abgabe bestand öfter nur in wenigen Kreuzern und drückte nur die Armen, die davon nicht befreit waren, und ihre Bettelpfennige dem Amte überliefern mußten. Aber das brutale Verfahren der Beamten, die Behandlung an jeder Grenze verletzte auch die Reichen. So lange die französischen Heere deutsche [235] Gebietsteile besetzt hielten, waren die Juden vom Leibzoll befreit. Kaum waren sie infolge des Friedensschlusses von Luneville abgezogen, so führten die kleinen deutschen Fürsten sofort die Steuer wieder ein, wobei es ihnen nicht sowohl auf die geringen Einnahmen, als vielmehr auf die Demütigung der Juden ankam. Sie belegten mit dieser Schmach auch die französischen Juden, welche in Handelsgeschäften über den Rhein gekommen waren. Sie beriefen sich dabei – echt deutsch – auf den Buchstaben, weil es in einem Artikel des Friedensvertrages von Campo Formio hieß: »Alle Handelsgeschäfte und Verkehr bleiben einstweilen in derselben Lage, wie sie sich vor dem Kriege befanden«95. Die französischen Juden, stolz auf ihr Bürgertum, mochten sich dieser Entwürdigung nicht aussetzen, brachen ihre Handelsverbindungen mit Deutschland ab und beklagten sich über diese Unbill bei der französischen Regierung. Diese nahm die Sache nicht leicht. Der Regierungskommissar Jollivet richtete96 ein Rundschreiben (1801) an die Geschäftsträger der französischen Republik bei den deutschen Höfen, nicht zuzugeben, den französischen Bürger israelitischen Glaubens zum Tiere herabzuwürdigen. Sie sollten bei den betreffenden Regierungen ernste Vorstellungen darüber machen und allenfalls mit Wiedervergeltung drohen. Einige kleine Fürsten, wie die von Solms, gaben kleinlaut nach und hoben den Leibzoll sofort auf97; freilich aus Furcht vor den Franzosen wurden nur die französischen Juden davon befreit, für die deutsch-jüdischen Reisenden oder Wanderer blieb dagegen der Leibzoll bestehen. Jeder Schritt zur Lösung der drückenden Fesseln kostete in Deutschland viel Schweiß.

Infolge des Friedens von Luneville war das heilige römische Reich zum ersten Male zerstückelt worden. Die Reichsdeputation, in Regensburg versammelt, sollte die verrenkten Glieder wieder einigermaßen in Ordnung bringen oder die Entschädigung derer, welche Verluste erlitten hatten, erledigen. An diese mit Länderschacher beschäftigte Konferenz der Gesandten von acht Fürsten, welche von Kurzsichtigen als Vertreter des deutschen Volkes angesehen wurden, erging ein Gesuch der deutschen Juden, ihnen das passive Bürgerrecht zu erteilen (15. Nov. 1802)98. Diese Bittschrift hatte der Thurn und Taxissche [236] Regierungs advokat Christoph Grund »im Namen der deutschen Judenschaft« ausgearbeitet. Man weiß nicht genau, welche Gemeinde oder welche für die Befreiung eifrige einzelne ihm den Auftrag gegeben hatten. Es scheint, daß dieses Gesuch von Frankfurt angeregt wurde. Es verlangte, die Reichsdeputation möge von der deutschen Judenschaft die lästigen Distinktionen nehmen, unter denen sie noch durchgehends seufze; ihre eingeengten Wohnbezirke öffnen, damit sie sich zum Behufe der Gesundheit und eines freien Lebensgenusses ungebunden in städtische Wohnungen verteilen könne; die Fesseln lösen, mit welchen ihre Bevölkerung, ihr Handel und Erwerbfleiß verstrickt seien, und überhaupt die jüdische Gemeinde der Ehre würdigen, durch die Erteilung des Passivbürgerrechts mit der deutschen Nation ein Volk auszumachen. – Die Juden (oder ihr Bevollmächtigter Grund) führten an, daß sie »neben den Ehrlosen, Geächteten, Leibeigenen stehen« müßten. Die elende Lage der Frankfurter Gemeinde, die nach der Stättigkeitsordnung von 1616 der natürlichen Freiheit beraubt und in die engsten Grenzen zurückgedrängt war, diente ihnen als einschneidender Beleg. Sie wiesen auf das Beispiel hin, das Frankreich und die batavische Republik zur Emanzipation der Juden gegeben hatten. Schwerlich haben sich die Juden der Täuschung hingegeben, daß die Reichsdeputation ihnen so viel einräumen werde. Aber sie hofften dadurch wenigstens eine Beschränkung loszuwerden, die des Leibzolls. Dieser Punkt wurde daher ganz besonders betont. »Das [237] Entehrendste von allem ist wohl der Leibzoll, welcher den Juden aus der Reihe der vernünftigen Wesen unter die Tiere versetzt und denselben nötigt, den Fußtritt zu bezahlen, den sein Körper ... auf diesen oder jenen Boden tut.« Ganz unerwartet wurde dieses Bittgesuch der Reichsdeputation von dem angesehensten Mitgliede, dem kurböhmischen oder österreichischen Gesandten, überreicht und unterstützt. Er knüpfte daran den Antrag, »den Juden (in Deutschland) das Bürgerrecht zu erteilen« (Ende 1802). Indessen hatte die Entschädigungskonferenz andere Angelegenheiten zu regeln, als daß sie sich mit der Judenfrage hätte beschäftigen sollen. Das Gesuch fand sein Grab unter den Akten.

Von der deutschen Gesamtheit war daher nichts zu erwarten; das sahen diejenigen ein, welche dem Gange aufmerksam folgten. Sie richteten daher ihren Eifer dahin, zunächst von den einzelnen Regierungen den Leibzoll aufheben zu lassen. Zwei Männer haben sich um die Beseitigung dieser Schmach verdient gemacht, Israel Jacobson und Wolff Breidenbach. Der erstere, Hofagent und Finanzrat des Fürsten von Braunschweig, hat indessen nur diesen dafür gewonnen, den Leibzoll in den Braunschweig-Lüneburgis chen Landen aufzuheben (23. April 1803). Umfassender wirkte zur selben Zeit und mehrere Jahre hindurch dafür Wolff Breidenbach99 (geb. im Dorfe dieses Namens bei Kassel 1751, starb in Offenbach 1826), ein Mann von gediegener Bildung, hochherzigem Sinne und so bescheidenem Wesen, daß sein Name bei allen Opfern, die er für die deutschen Juden gebracht hat, beinahe in Vergessenheit geraten ist. Er hat nicht wie Jacobson dafür gesorgt, seinen Namen weit und breit erklingen zu lassen. Als Talmudjünger nach Frankfurt gekommen und in Dürftigkeit lebend, hatte er sich heimlich an Mendelssohns Schriften und an der Literatur der Measfimschule gebildet, verstand gut hebräisch und auch geschmackvoll aus dieser Sprache ins Deutsche zu übersetzen. Mit dem gründlichen Kenner der hebräischen Literatur Wolf Heidenheim (o. S. 125) wurde er innig befreundet und unterstützte sein Unternehmen mit seinen literarischen Beiträgen und seinem Vermögen. Wie kam der arme Talmudjünger Breidenbach zu Vermögen? Er war ein Meister im Schachspiele. Ein Baron oder Fürst, der dieses Spiel liebte, machte zufällig seine Bekanntschaft, zog ihn in sein Haus [238] und übertrug ihm, dessen Gewissenhaftigkeit erkennend, seine Geldgeschäfte. Später lieh ihm dieser Adlige eine bedeutende Summe zur Unternehmung eines Wechsel- und Juwelengeschäfts. Breidenbach wurde ein ebenso gewandter Geschäftsmann wie Schachspieler, hatte in seinen Unternehmungen Glück und wurde Hoffaktor des Kurfürsten von Cassel und Kammeragent des Fürsten von Isenburg und anderer kleiner Souveräne.

Tief gerührt von den Plackereien, der verächtlichen Behandlung und Mißhandlung jüdischer Reisender an Zollstätten, die Breidenbach auf seinen Geschäftsreisen täglich vor Augen sah, faßte er den Plan, wenigstens den Leibzoll zu Falle zu bringen und verlegte sich mit allem Eifer darauf. Geräuschlos betrieb er dieses Geschäft, die Kette zu lösen, wo sie am schmerzlichsten einschnitt. Er erlangte zunächst die Aufhebung des Leibzolls von den Fürsten, deren Kammeragent er war (1803). Breidenbach erkannte aber, daß bedeutende Summen erforderlich sein würden, um diese Befreiung im großen zu betreiben, um den Polizeibehörden und Stadtpfarrern, angeblich für die Armen, Geschenke zukommen zu lassen und auch schöne »Denkmäler für die edelmütigen Fürsten zu stiften«, die sich erweichen lassen sollten, Juden unbesteuert und ungequält zu lassen. Aus seinen Mitteln konnte er diese Ausgaben nicht allein bestreiten. Er ließ daher einen Aufruf an die deutschen und ausländischen Juden ergehen (Ende Sept. 1803), einen Stock zusammenzubringen, wovon die Kosten für die Aufhebung des Leibzolls gedeckt werden sollten. Man wußte damals, wer diesen Aufruf in Umlauf gesetzt hatte; aber aus Bescheidenheit setzte Breidenbach seinen Namen nicht darunter. Durch diese Mittel und durch persönliche Verhandlungen mit den kleinen deutschen Fürsten beim Reichstage zu Regensburg, unter Mitwirkung des Reichskanzlers Dalberg, und endlich durch Empfehlungen von den Fürsten, die ihn schätzen gelernt hatten, gelang es Breidenbach, in der Rheingegend und in Bayern die Wanderfreiheit der Juden durchzusetzen. Selbst der Frankfurter engherzige, judenfeindliche hochedle Rat hatte sich durch Breidenbachs Bittschrift bewegen lassen, die Erhebung des Leibzolls an den Toren und auf der Brücke wegfallen zu lassen.

Infolge des Gesuchs der Juden bei der Reichsdeputation um ein, wenn auch beschränktes Bürgerrecht, der Geneigtheit einiger Fürsten, die Fesseln zu lösen, und anderer günstiger Anzeichen fing man in Deutschland an zu ahnen, daß das alte Verhältnis der Kammerknechtschaft sich nicht lange mehr behaupten werde, und diese Ahnung jagte den Judenfeinden Schrecken ein. Sie konnten den Gedanken nicht [239] fassen, daß die verachteten Juden in Deutschland sich aus ihrer Niedrigkeit erheben sollten. Dieses drückende Gefühl trieb eine Reihe Schriftsteller, meistens Rechtskundige, in verschiedenen Teilen Deutschlands wie auf gemeinsame Verabredung, Paalzow, Grattenauer, Buchholz100 und viele Namenlose, mehrere Jahre hindurch (1803 bis 1805) dazu, sich mit aller Anstrengung der Erhebung der Juden aus dem Sklavenstande zu widersetzen. Sie zeigten einen so wutschnaubenden Judenhaß, daß sie an die Zeiten des schwarzen Todes, Capistranos, Pfefferkorns und der Dominikaner erinnern. Sie erzeugten einen künstlichen Höhenrauch, um die Verbreitung der Lichtstrahlen zu hindern. Früher waren es meistens die Diener der Kirche gewesen, welche die Juden brandmarkten. In dieser Zeit übernahmen die Juristen, die Priester der Gerechtigkeit, diese Rolle, um mit Verdrehung des Rechtes sie in ihrer Schmach zu erhalten. Fichte hatte gut vorgearbeitet. Sobald die Bittschrift für die Juden der Reichsdeputation in Regensburg übergeben worden war, setzte ein deutscher Rechtskundiger in Süddeutschland auseinander, daß die Juden aus tausend Gründen unwürdig seien, als Reichs- und Provinzialbürger aufgenommen zu werden. Die meisten und hartnäckigsten Vertreter dieser judenfeindlichen Bewegung hatten indes ihren Sitz in Berlin, der Stadt der Aufklärung und des Schleiermacherschen Christentums. Der Charakter, die Lehre, die Vergangenheit der Juden bis auf ihre Propheten und Patriarchen, alles, was nur für jüdisch galt, wurde von diesen schriftstellerischen Wegelagerern, von denen die meisten sich durch eine Maske unkenntlich machten, geschmäht, geschändet, begeifert. Der durch Lessing und Mendelssohn eingelullte Judenhaß wurde zuerst wieder erweckt von dem Richter Christian Ludwig Paalzow. In seinem »Christlichen Staat« stieg er bis zum Ursprung des jüdischen Stammes, bis zur Einwanderung Josephs in Ägypten hinauf, um diesen zu verunglimpfen und daraus das Recht abzuleiten, die Nachkommen als Halbsklaven zu behandeln und die Christen zu warnen, es nicht dahin kommen zu lassen, einen jüdischen Minister zu haben. Alle alten Lügen putzte Paalzow neu auf, Bibel und Talmud lehrten Menschen- und Christenhaß. Neue Lügen fügte er hinzu. Die Juden hielten den Eid nicht heilig, sie ließen sich am Versöhnungstage Vergebung für Meineid und alle Sünden erteilen. Sie seien Müßiggänger und hätten, genau gezählt, zweihundert und achtzig Feiertage im Jahre. Alles mußte zur Schmähung der Juden herhalten, ihr Handel, ihr [240] Wucher, ihr Nationalstolz. Die Verteidiger der Juden machten sie nur noch halsstarriger, dümmer und boshafter; Mendelssohn habe sein Volk in der Dummheit, der Unwissenheit und im Aberglauben bestärkt, da er selbst der talmudischen Narrheit anhing. Der Staat würde gegen seine eigenen Eingeweide wüten, wenn er den verworfenen Juden das Bürgerrecht erteilte.

Doch Paalzows Schrift war in lateinischer Sprache geschrieben und nur für den Gelehrtenstand berechnet. Das genügte dem Erzjudenfeinde, der sich selbst einen Haman nannte, dem Fleischgewordenen Judenhasse, Grattenauer, nicht. Das ganze deutsche Volk, Hohe wie Niedere, sollte zu Haß und Ingrimm gegen die Juden entflammt werden. Er schüttete einen gefüllten Giftbeutel über sie aus. Man sagt, er solle 2000 Taler von einem hochstehenden Christen, dem die vornehmtuenden Juden in Berlin, der Salon der Henriette Herz, widerwärtig waren, erhalten haben, um die Juden samt und sonders zu verunglimpfen. Er mag auch von seinen jüdischen Gläubigern an die Zahlung seiner Schulden gemahnt worden sein. Doch diese Beweggründe haben ihn nicht allein dazu ermuntert, es war sein eigener Antrieb. Grattenauer bedauerte nur, daß es einem ehrlichen Christen in der leider aufgeklärten Zeit nicht mehr erlaubt sei, einen Juden einfach tot zu schlagen. Mindestens sollte doch in ganz Deutschland, ja in der ganzen Christenheit, das päpstlich-kanonische Gesetz eingeführt werden, daß jüdische Ärzte nicht zu christlichen Kranken gerufen, und daß sämtliche Juden ein Abzeichen zu tragen gezwungen würden. Indessen erkenne man auch ohne dieses Abzeichen den Juden aus weiter Ferne an seinem üblen Geruche. Fichtes Faseleien über die Juden stellte Grattenauer an die Spitze seiner Ausfälle; im »Judenspiegel« leerte er den Köcher der Eisenmengerschen Geschosse gegen sie, fügte noch alte Fabeln hinzu von Christenmord, von Fürstenvergiftung durch Juden und schrieb endlich auch Paalzows Lügen ab. Das erhebende Beispiel der Juden in Frankreich durfte er natürlich nicht gelten lassen. »Die französische Revolution gibt den neuesten historischen Beweis – von der Unverbesserlichkeit der Juden – der um so merkwürdiger bleibt, weil die sogenannten gebildeten Juden, besonders wenn sie etwa in Paris den großen Konsul auch nur von hinten gesehen haben, die abgeschmacktesten und unsinnigsten Lügen über die Kultur und die Rechte ihrer Kolonien in allen Provinzen der fränkischen Republik verbreiten. Es fehlen mir die Worte, so oft ich solche freche Unwahrheiten von einem Sohn Israels hören muß, der unverschämt genug ist, mir anzusinnen, daß ich in seiner eigenen Sache [241] seinem jüdischen Zeugnisse mehr als den offiziellen Berichten der Regierungsoffizianten der Republik glauben soll.«

Es wäre gleichgültig, wie dieser rohe Geselle, Grattenauer, ebenfalls dem Richterstande angehörend, die Juden begeiferte, wenn das deutsche Publikum seinen Schmähungen nicht aufmunternden Beifall gespendet hätte. Mit Gier wurde seine von Gemeinheit strotzende Schrift verschlungen, so daß in kurzer Zeit fünf Auflagen erschienen. Sie verursachten den Deutschen einen angenehmen Kitzel, obwohl Stil und Druck gleich häßlich waren. Ein christlicher Schriftsteller, welcher den Juden zu Hilfe eilte, machte es noch schlimmer. Der Kammerassessor und Professor Kosmann in Berlin verfaßte eilig eine Gegenschrift »Für die Juden« (1803), worin er Grattenauers Verlogenheit und Unwissenheit an den Tag legte. Er verlebendigte die Geschichtstragödie der Juden durch die langen Jahrhunderte, betonte die vortrefflichen Lehren, welche das Judentum enthält, und machte edle Juden namhaft, welche eine Zierde der Menschheit waren. Gegen Fichtes »Judenkapuzinade« bemerkte Kosmann mit Recht: »Soll denn die Menschheit ewig mit Füßen getreten und von unsern Philosophen sogar Feindschaft, Haß und Neid gepredigt werden?« Aber es war verdächtig, daß derselbe Kosmann, der mehrere Jahre vorher aus freiem Antrieb ein Widersacher der Juden gewesen war101, sich nun zu ihrem Verteidiger aufwarf und noch dazu taktlos seine Verteidigung »den Ältesten der Berliner Judenschaft« widmete. »Gekauft!« hieß es von allen Seiten; »Kosmanns Feder ist von den Juden gekauft.« Seine Schrift schadete mehr als sie nützte.

Dazu kam noch, daß einige Juden den skandalsüchtigen, haßerfüllten Grattenauer geradezu zur Rache reizten. Einige seiner Gläubiger belangten ihn zur Zahlung, ein anderer ohrfeigte ihn auf offener Straße. Er legte daher allen Zwang ab, den er sich bei seiner ersten Schrift noch auferlegt hatte, nannte sich mit seinem vollen Namen, überbot sich noch und häufte in zwei neuen Schriften Schmähungen auf Schmähungen gegen das »Judenvolk«, »die Judendoktoren«, gegen alles, was den Namen Jude trug. Er schnaubte förmlich vor Judenhaß und Rache. »Ich soll die Menschenrechte der Juden mit Füßen [242] getreten haben? Ich antworte, daß es etwas Abgeschmacktes, Unsinniges und Strafbares ist, noch jetzt von Freiheit und Gleichheit oder von Menschenrechten der Juden zu reden. Ein ehrliebender Mann sollte dergleichen jakobinische Blasphemien nimmermehr aussprechen und solche Sansculottismen nicht über seine Zunge kommen lassen, die nichts beweisen, als daß man ehemals anders dachte als jetzt.«

Empfindlich traf sein giftiger Pfeil zwei Kreise der Berliner Judenheit, welche sich gegen dergleichen Angriffe gefeit glaubten, weil sie sich ihres Ursprungs schämten und ihn vergessen machen wollten, die Gesellschaft der Freunde, oder »die jüdischen Modenjünglinge«, und den Salon der Henriette Herz oder »die jüdischen Schönen«. Rauh und schmerzhaft wurden sie an ihren Ursprung erinnert. Die Rache machte Grattenauer beredter als der Haß. Höhnisch schrieb er von den ersteren: »Die jüdischen Elegants sollen von mir gekränkt sein? Ich weiß nicht, wie ich dazu gekommen bin, von Juden-Elegants zu reden. Es gibt keinen Juden, der elegant ist, wiewohl viele hundert Judenjungens sehr honett sein wollen und auf Eleganz Anspruch machen. Wer aber diese Eleganz-Prätendenten, die sogenannten Lords vom Stamme Levi, die Baronets vom Stamme Ephraim und die Nobili vom Stamme Manasse näher kennt, der weiß auch, daß sie die langweiligsten, arrogantesten, zudringlichsten, unausstehlichsten Gesellen sind; eine wahre Plage der guten Gesellschaft. Von ihren orthodoxen Glaubensgenossen werden sie Quapecoires102 genannt, das ist Leute, die weder an Gott, noch an das Gesetz Moses, noch an die Rabbinen und den Talmud glauben. Um ihrer Verschwendung willen muß man sie aber hochachten, weil diese zur Armut führt und die Judengewalt zerstört, welche sich nur allein auf unrechtmäßigen Reichtum gründet. Sie sprechen über Goethe, Schiller und Schlegel mit einer Art von Geistesverrückung.« Von den Jüdinnen der gebildeten Kreise schrieb er: »Sie lesen viele Bücher, sprechen mehrere Sprachen, spielen manche Instrumente, zeichnen in verschiedenen Manieren, malen in allen Farben, tanzen in allen Formen und besitzen alles einzelne, besitzen aber nicht die Kunst, alle die Einzelheiten als Ganzes zu einer schönen Weiblichkeit zu verbinden. Den feinen Takt der großen Welt lernen sie weder in Paris, noch in Berlin, noch in Wien, sie mögen mit Prinzen, Fürsten, Grafen und Herrn umgehen, so lange sie wollen.« Das war zwar nicht fein, aber nicht unwahr gegen den Kreis der Herz und Rahel.

[243] Die zwei letzten Schriften Grattenauers wurden von der deutschen Leserwelt noch mehr verschlungen, sie waren noch derber und pikanter als die erste. Es blieb aber nicht bei Grattenauers Schmähschriften. Das Schweigen, welches Mendelssohns ältere christliche Freunde bis dahin den Judenfeinden auferlegt hatten, war gebrochen, und nun fühlten sich mehrere kleine Voltaires berufen, aus christlicher Liebe Steine auf die Juden zu werfen. Ein Kaufmann veröffentlichte »Ein Wort wider die Juden« (1803), worin er seine Erfahrungen zum besten gab, daß sämtliche Juden ohne Ausnahme Gauner seien und zu befürchten wäre, wenn die Freiheit der Juden erweitert würde, alle Hauptnahrungsquellen nach und nach in jüdische Hände übergehen, und die Christen zu ihren Knechten und Handarbeitern herabsinken würden. Der Vorschlag dieses wohlmeinenden Berliner Kaufmanns war, den Juden freizustellen, entweder das Christentum anzunehmen oder sich Einschränkungen gefallen zu lassen oder den Staat zu meiden oder eine eigene Kolonie zu bilden. – Ein sich philosophisch gebärdender Schriftsteller, Friedrich Buchholz, machte noch herbere Vorschläge als der Geschäftskonkurrenz fürchtende Geschäftsmann. Er übertraf Fichte bei weitem. Auch er stieg in seiner Schrift »Moses und Jesus«, wie Paalzow, bis in das graue Alter des jüdischen Volkes hinauf, um zu beweisen, daß die preußischen Juden wie eine Zigeunerbande aus dem Lande gejagt zu werden verdienten, kehrte dann wieder zur Gegenwart, zu Mendelssohn, zurück und äußerte sich über ihn: »Wie Lessing den Umgang dieses Menschen ertragen konnte, weiß ich nicht; das weiß ich aber, daß zwischen mir und Moses Mendelssohn nie ein Verhältnis möglich gewesen wäre, das ihn berechtigt hätte, mich öffentlich Freund zu nennen.«

Die junge romantische Schule Schleiermachers und Schlegels hatte schon begonnen die Köpfe zu berücken und die Herzen stumpf zu machen. Die Deutschtümelei begann zu spuken und Phrasen zu machen. Die Germanen wurden von Buchholz übertreibend »Freiheit und Gleichheit über alles liebende Völker« genannt, welche angeblich die Sklaverei vernichtet hätten. »Zwischen diesen Deutschen, welche noch dazu das vollkommene Christentum in sich aufgenommen, und den Juden, die eine tierische Religion haben, ist eine gegenseitige Liebe ebenso unmöglich, wie zwei mal zwei nicht fünf sein kann.«

Da dieser deutschtümelnde Sophist Friedrich Buchholz an den Juden auch nicht ein einziges gutes Haar gelassen hat, wollte er sie natürlich auch im christlich-deutschen Staate nicht einmal geduldet wissen, sie würden ihn ebenso verderben wie sie das Römerreich und [244] beinahe auch Holland verdorben hätten. Was soll nun mit ihnen geschehen? »Es ist die höchste Zeit, auf Rettung der Christen bedacht zu sein,« rief er aus. Vor allem müsse man den Juden ihre Religion nehmen, die sich seit Moses Zeiten immer mehr verschlimmert habe. Aber wie? Soll man Gewalttaufen anwenden, wie in Spanien unter Sisebut und Ferdinand dem Katholischen? Es wäre Buchholz schon recht gewesen; allein einerseits war ihm die Taufe zu heilig, um sie an den Juden zu entweihen, und anderseits würde das Taufwasser sie nicht rein waschen, meinte er. Allgemeine Vertreibung der Juden wäre ihm auch recht gewesen, aber es ging nicht. Mit gewaltsamer Entziehung und Taufe der Judenkinder wäre es auch nicht getan. Daher gäbe es nur ein einziges Mittel. Sämtliche Juden sollten wie die Sträflinge zu Soldaten gemacht, in das Heer gesteckt werden, doch so, daß keiner von ihnen je zu einer Offizierstelle befördert werden solle, es sei denn, daß er die auffallendsten Beweise von Bravour gegeben hätte.

Die Tonangeber der Berliner Judenschaft waren ratlos, was sie dieser systematischen Judenhetze entgegensetzen sollten. David Friedländer schwieg. Bendavid schickte sich an, etwas dagegen zu schreiben; aber er unterließ es wohlweislich. Er war wegen der Schwerfälligkeit seiner Philosophie unfähig, ein zündendes Wort gegen die Feinde zu schleudern. Die Rollen hatten gewechselt. In der Mendelssohnschen Zeit und noch später mußten die deutschen Juden die Vormundschaft über die französischen übernehmen, so oft diese Unbilden ausgesetzt waren. Jetzt hatte die Freiheit diese so mündig und selbstvertrauend gemacht, daß sie jeden Angriff auf sich und ihr Bekenntnis mit Mut und Gewandtheit zurückschlugen. Die Berliner Juden dagegen, welche sonst stets das große Wort führten, benahmen sich bei dem ersten feindlichen Anlauf gegen sie rat- und hilflos wie die Kinder. In ihrer Verlegenheit steckten sie sich hinter die Polizei. Sie bewirkten von ihr ein Verbot, daß keine Schrift, es sei für oder gegen die Juden, veröffentlicht werden dürfe. Dieser Schritt wurde von den Gegnern als Feigheit oder Eingeständnis ihrer Ohnmacht ausgelegt. Eine neue Schmähschrift: »Können die Juden ohne Nachteil für den Staat bei ihrer jetzigen Verfassung bleiben?«, die ruhiger als Grattenauers gehalten war, verstärkte noch mehr die Wucht der Anschuldigungen gegen sie. »Was war ein Teil der jetzigen reichsten Juden oder ihre Väter vor zwanzig oder dreißig Jahren? Schacherjuden, die zerlumpt auf den Straßen umherschlichen und den Vorübergehenden mit ihrer Zudringlichkeit beschwerlich fielen, einige Ellen Potsdamer Zopfband zu [245] kaufen, oder Judenbengel, die, unter dem Vorwande, zu schachern, die Wohnungen der Christen durchschlichen und nicht selten den Eigentümern derselben schädlich wurden.«

Dieser ebenfalls von dem liebevollen Geist des Christentums erfüllte Schriftsteller machte Vorschläge, die Juden unschädlich zu machen, die noch über das Mittelalter hinausgingen. »Nicht nur müßten die Juden wieder in ein Ghetto eingesperrt und unter beständige polizeiliche Aufsicht gestellt werden, in Berlin z.B. auf dem Köpenicker Felde, und nicht nur einen Flecken von abstechender Farbe am Rockärmel müßten sie tragen, sondern, um ihre Vermehrung zu verhindern, müßten die zweitgeborenen »Judenjungen« kastriert werden.« Die protestantische Theologie und die deutsche Philosophie rieten zu Maßregeln gegen die Juden, welche die kanonischen Dekrete der Päpste Innozenz III. und Paul IV. weit hinter sich ließen. Paalzow, Grattenauer, Buchholz und Genossen waren echte Jünger Schleiermachers und Fichtes, welche von Lessing und Kant nichts mehr wissen wollten.

Auch außerhalb Berlins, namentlich in Frankfurt a.M. und Breslau, erschienen ähnliche Schmähschriften, welche den Haß so sehr entflammten, daß einige wohlwollende Geistliche es für nötig hielten, von der Kanzel herab davor zu warnen, um eine Judenverfolgung zu verhüten. Selbst die wohlwollenden Verteidigungsschriften christlicherseits von Kosmann und Ramson (Ein Wort für Unparteiische) gaben die Schlechtigkeit der Juden zu und meinten, es wäre allerdings für die Christen besser, wenn es unter ihnen gar keine Juden gäbe; aber da das Übel einmal vorhanden sei, müsse man es ertragen. – Die Ehre der Deutschen rettete zum Teil ein Mann, der noch der alten Zeit angehörte, Freiherr v. Diebitsch, früher Major in russischen Diensten, welchem Menschenliebe kein leerer Schall war. Warm verteidigte er die Juden gegen die giftigen Ausfälle Grattenauers und seiner hämischen Genossen (1803 und 1804) und setzte sich kühn dem Gerede der Käuflichkeit aus. Er war bei der allgemeinen Eingenommenheit gegen den jüdischen Stamm darauf gefaßt, daß man »sein Bild auf einer Sau oder einem Esel reitend, als Karikatur darstellen werde«. Indessen waren seine gutgemeinten, aber steifgehaltenen Verteidigungsschriften nicht geeignet, den Judenfressern den Mund zu stopfen.

Unangemessen und wirkungslos waren auch einige Verteidigungsschriften jüdischer Schriftsteller außerhalb Berlins, welche es doch nötig fanden, ihre Stimme gegen das allgemeine Gebelle zu erheben. [246] Aaron Wolfssohn, eines der Häupter der Measfimschule, damals Inspektor der Wilhelmsschule in Breslau, der in hebräischer Sprache so schlagenden Witz zeigte, bewährte seine Gewandtheit keineswegs in der deutschgeschriebenen, »Unparteiischen Beleuchtung, Jeschurun«, 1804. Er meinte, wenn man die Paalzowschen und Grattenauerschen Lügen Schritt für Schritt mit gelehrter Gründlichkeit widerlegte, könnte man den Judenhaß entwaffnen. Er wußte nicht, daß, wenn die Juden reine Lichtengel wären, sie doch dem Verdammungsurteil verfallen würden. Auch Wolfssohn steckte, wie seine Berliner Gesinnungsgenossen, in dem Wahne, daß die Söhne des Evangeliums, weil in demselben einige Sentenzen von Menschenliebe vorkommen, durchweg Tugendideale, die Söhne des Talmuds dagegen moralisch verkommene Wesen wären. Daher eiferte auch er für eine Verbesserung der Juden von seiten des Staates, machte Reformvorschläge und wollte den Behörden Eingriffe in die innersten Verhältnisse der Juden eingeräumt wissen. Die Regierung sollte z.B. eine Kommission niedersetzen, welche den Talmud und die Midraschliteratur genau zu prüfen und alle anstößigen und zweideutigen Sätze daraus zu streichen die Befugnis hätte.

Die Jahrhunderte lang dauernde Abgeschlossenheit der deutschen Juden verdarb diesen das Augenmaß der richtigen Beurteilung; sie unterschätzten einander, weil sie einander in traulichem Verkehr, in alltäglicher, lässiger Haltung kannten, und überschätzten die christliche Außenwelt, weil sie dieselbe nur immer im Paradeanzuge sahen. Es ist daher nicht erstaunlich, daß Juden selbst in das Gebelle des Judenhasses teilweise mit einstimmten. Ein Königsberger Jude, der ebenfalls eine Art Verteidigung schrieb, »Ein freundliches Wort für gänzliches Beilegen des Streites« (1804), erklärte, eingestehen zu müssen, daß, wenn er ein Christ wäre, ihm die Juden nicht gefallen würden, weil sie steif und fest an einem Gesetze hangen, das sie von der engen Verbindung mit den Nichtjuden zurückhalte. Erbärmlich genug lautete der Vorschlag dieses Königsberger Vermittlers, um den Judenhaß zu tilgen, jeder Jude müsse von Staats wegen (immer wieder der Staat!) gezwungen werden, mindestens eine seiner Töchter an einen Christen zu verheiraten und einen seiner Söhne um die Hand einer Christin werben zu lassen. Die Kinder aus einer solchen gezwungenen Mischehe müßten getauft werden. Warum nicht kurzweg die Juden samt und sonders zur Taufe zwingen? Richtiger faßte die Sache ein schlesischer Jude an. Er meinte, man dürfe sich auf die Verteidigung und auf Abwägung von jüdischen und christlichen Verbrechen [247] gar nicht einlassen, sondern einen Aufruf an die jüdischen Mädchen erlassen und ihnen ein Wort der Warnung im Umgange mit den Grattenauerschen Mitbrüdern ans Herz legen. Eine jüdische Jungfrau müßte keinen Funken Ehrgefühl haben, wenn sie sich von einem Menschen lieben ließe, von dem sie wüßte, daß er bei ihr und ihren Schwestern einen üblen Geruch voraussetzte. Ein solcher Aufruf würde den doppelten Nutzen haben, jüdische Mädchen vor Verführung sicher zu stellen und dem Prunk der jüdischen Frauenwelt zu steuern.

Einen noch richtigeren Weg schlugen zwei andere Juden ein, ein Königsberger und ein Hamburger. Beide erkannten, daß der deutsche Judenhaß nicht durch zentnerschwere Gründe, sondern nur durch leichten Spott stumm gemacht werden könne. Diese beiden, ein unbekannter Arzt und ein Vermummter, Lefrank, waren die Vorläufer von Börne und Heine. Der erstere unter dem Namen Dominius Haman Epiphanes setzte mit satyrischen Zügen auseinander, daß ohne schleunige Niedermetzelung aller Juden und den Verkauf aller Jüdinnen zu Sklavinnen die Welt, das Christentum und alle Staaten notwendig zugrunde gehen müßten. Durch den Verkauf der Judenheit würde das Menschengeschlecht außerordentlich gewinnen; alle moralischen Übel würden dadurch vermindert werden, und der unsterbliche Grattenauer, der diese schöne Idee geweckt und seinen edlen Abscheu vor den Juden fortgepflanzt habe, müßte als Wohltäter des Menschengeschlechts überall die verdiente Anerkennung, Ehrensäulen und Tempel erhalten.

Der andere Satiriker, Lefrank, nannte seine Schrift »Bellerophon« oder »Der geschlagene Grattenauer«. Das chimärische Ungeheuer »Judenhaß« in Grattenauer wollte er mit einem Pegasusritt erlegen. Derb redete er den Judenfresser mit wegwerfendem »Du« an: »Du, der du mit so großem Erfolge die Jurisprudenz auf die Theologie gepfropft, der du in Halle Salz geleckt – und zwar kein attisches –, der du unter dem großen Semler Ignoranz und Stupidität studiert hast! – wenn du so stolz auf dein Christentum bist, daß du mit Verachtung auf die Juden herabblickst, so frage ich dich, woher deine Gefängnisse von Landesverrätern, Mördern, Giftmischern, Dieben und Ehebrechern so vollgepfropft sind? Vertilge erst die Schafotte, die Galgen, die Folter, die Spießrute und das gräßliche Gefolge martervoller Todesstrafen, die gerade nicht von Juden erfunden sind. – Entteufle dich, dann wirst du ein Volk bemitleiden, das nicht sich, daß man zum Schacher verdammt hat, und dem man es zum Verbrechen [248] anrechnet, daß es schachert.« – Betrug soll ein verbreitetes Laster der Juden sein? »Dich bestiehlt dein christlicher Schneider, dein Schuster gibt dir schlechtes Leder, dein Krämer falsches Maß und Gewicht, dein Bäcker gibt dir bei gesegneten Ernten kleines Brot. – Dein Wein wird verfälscht, dein Knecht und deine Magd vereinigen sich, dich zu betrügen. Du selbst verfeilschst – in der Unschuld deines Herzens – elende Lügen und boshafte Tücke auf Löschpapier für sechs Groschen, die keine sechs Stecknadeln wert sind, und du kannst behaupten, Betrug sei ein eigentümliches Laster der Juden?« – »Zähle nur unter der Menge der eben jetzt in London und Paris ausgebrochenen Zahlungseinstellungen, ob auch nur eine einzige jüdische dabei ist? Davon kannst du aber nichts wissen – das steht nicht in deinem Eisenmenger!« »Albernes Gewäsch ist, was du dem großen Fichte nachschwatzest, daß der Jude einen Staat im Staate bildet.« – »Du kannst es dem Juden nicht vergeben, daß er richtig deutsch spricht, daß er sich anständiger kleidet, daß er oft vernünftiger urteilt als du. Er hat nicht einmal einen Bart mehr, bei dem man ihn zupfen kann, er spricht nicht mehr kauderwelsch, daß du ihn nachäffen könntest ... Der Jude hat sich seit zwanzig Jahren Mühe gegeben, sich den Christen zu nähern, aber wie wurde er aufgenommen? Wie manche Eingriffe hat er schon in seine kanonischen Gesetze getan, um sie euch anzuschmiegen, aber – den Rücken kehrt ihr ihm zu aus lauter Humanität103.« – »Doch scheint mir deine Schrift von guter Vorbedeutung zu sein. Der gemeine Mann glaubt, der Winter könne nicht anders vom Sommer als durch ein fürchterliches Donner- und Hagelwetter sich unterscheiden. So ist es auch mit dir. Verfolgung, Fanatismus und Aberglaube liegen in den letzten Zügen und erheben in dir durch gewaltiges Toben ihre letzte Anstrengung, um endlich ihren Geist gänzlich aufzugeben.« Lefranks Selbstbewußtsein war das sicherste Vorzeichen für den endlichen Sieg der Juden.

Das deutsche Volk, das damals, am Vorabend der Schlacht bei Jena, eingestandenermaßen bis zur Verächtlichkeit niedrig und gesinnungslos war, wollte einen Stein auf die Juden werfen! Die Juden mußten, wenn sie auf Anerkennung und Gleichstellung rechnen wollten, von der Tatsache durchdrungen sein, daß die sie umgebende Welt, wenn nicht schlechter, so doch keineswegs besser war als sie. Unter den damaligen Umständen, bei der Selbstverkennung und Selbstmißachtung der Juden, war die Hoffnung auf Befreiung trügerisch. In protestantischen [249] Gebieten wie in katholischen, in Preußen nicht minder als in Österreich, war die Bevölkerung mehr noch als die Fürsten bis zur Verblendung gegen sie eingenommen. Damit eine österreichische Stimme in dem Gesamtspiel des Judenhasses nicht fehle, hetzte auch ein deutschösterreichischer Beamter, Joseph Rohrer (1804)104, gegen das »Judenvolk«. Er entwarf ein grauenhaftes Bild, namentlich von den galizischen Juden, ohne auch nur anzudeuten, daß der galizische Bauer noch viel niedriger stand, und der Adel noch unvergleichlich tiefer entartet war. Paalzow, Grattenauer, Buchholz, Rohrer, und wie sie alle hießen, haben ihr Vorhaben durchgesetzt. An die Einbürgerung der Juden in Deutschland war nicht so bald zu denken. Nicht einmal die Aufhebung des Leibzolls konnte Breidenbach bei allem Eifer überall durchsetzen. Er erhielt sich noch in einigen deutschen Gebieten als trauriges Andenken und Schandmal. Die Zähigkeit des deutschen Judenhasses konnte erst durch grausige Strafgerichte über das deutsche Volk allmählich gebrochen werden. Kanonen mußten erst die verrotteten, eingewurzelten Vorurteile zum Weichen bringen.


Fußnoten

1 Über Cerf Berr berichteten Dohm, Verbesserung, S. 83, Schlözer Staatsanzeiger, Jahrg. 1790, S. 451; Thiery, dissertation »Le sieur Cerf Beer, tourmenté du désir double d'apporter quelques changements dans le caractère et les moeurs de sa nation, a fait élever des manufactures, où il exerce des Juifs, et on assure qu'ils travaillent avec ardeur. Berliner Monatsschrift (herausgegeben von Biester), Jahrg. 1791, Bd. 18, S. 377, Anmerk.: Cerf Beer braucht Juden zur Bearbeitung seiner Ländereien und Manufakturen. Gronau (Dohms Biographie, S. 89). Dohm hatte durch Vermittlung eines mit Mendelssohn in Verbindung stehenden Mannes Cerf Berr eine Sendung von 600 Expl. seiner Schrift nach Paris gelangen lassen. Wessely schilderte ihn mit vielen Lobeserhebungen (zweites Sendschreiben p. 31 b): םע ןיצקו דבכנ חור רקי שיא ארקנה גרובסארטש ריעב םייהסלדעמ ץריה ילתפנ ר"רהכ המכ הז לארשי לע בוט רבדל דמועה ו"צי עשיב ץריה 'ר ויוניכב השעש וישעמ רבד לע ומש תא ךיירקנרפ ךלמ לדגש הכז םינש ומע תבוטל םירשה תורצחב למעו ךלוה הז והכבו הנידמה תבוטל דסח תבהאו בל תרשימ םא יכ ריחמב אלו ףסכב אל. Daraus ist zu ersehen, daß die Schilderung David Sinzheims von seinem Schwager Cerf Berr (דוד די Einl.) nicht übertrieben ist. Sie lautet: וחתפנ (1788) ח"ילצת תנשב ריבגה יסיג ידי לע אשיב ריעב םקוהה לודגה שרדמה תיב יתלד לש הלוע םיקה רשא רבגה אוה םייהסלדעמ ץריה ילתפנה"כ .ומע תב ץרפב דמועו רדג רדגו תונידמה לכב אצי ומשו הרות םיכלמ ינפל ופוג תדובעב ןה םימש תכאלמב וישעמ וברו ולדג תא לטב אוה ... תומל םיצוצר ליצהו ופכב ושפנ םשו בציתי ונוממב ןהו 'ה םע לעמ הפרח דיסהו םירעוצה תאו םיררועמה הערה ימי ואב םרטב ופסא 'ה דובכו ... דעל תדמוע ותקדצ ד"נקת תנשב, d.h. er starb, ehe der Gewissenszwang während des Terrorismus eintrat (s. Note 3.) Cerf Berr starb demnach um 1793. Ein Gedicht von Wessely auf Cerf Berr, in Meassef Jahrg. 1786, p. 49; תימד ימ לא ךרדהב ילתפנ; er nennt ihn יעדוימו יער. – Er selbst zeichnete Cerf Berr, getrennt (Archives Israél., Jahrg. 1841, p. 502.) Seine Nachkommen nennen sich Cerfberr; er wird auch Beer genannt.


2 Grégoire, Essay p. 414, Halphen, recueil des lois, avertissement p. XXXV. – Archives Israélites, Jahrg. 1841, p. 502.


3 Vollständig mitgeteilt bei Scheppler, Aufhebung des Leibzolls, S. 154.


4 Meassef, Jahrg. 1786, p. 33.


5 Gronau, Dohm, nach seinem Wollen und Handeln S. 120. Der Kürze wegen zitierte ich das Buch als Dohms Biographie.


6 Mirabeau, Sur Mendelssohn, p. 57.

7 Mirabeau, Sur Mendelssohn, S. 88 ff.


8 Das. S. 115, 117.


9 Das. S. 118-130.


10 Mirabeau, Monarchie Prussienne, V, 47.


11 Cri du citoyen contre les juifs; Mirabeau, Monarchie Prussienne, V, 80, Bran, gesammelte Aktenstücke, S. 242 f.


12 Essai sur la régénération physique, morale et politique des Juifs, ouvrage couronné par la société royale des sciences et des arts, le 23 août 1778.


13 Grégoire, Essai, Chap. II, Anfang.


14 Das. Chap. IV.


15 Das. Chap. V.


16 Das. Chap. I. p. 5 f.


17 Das. S. 168.


18 Das. Chap. XXV.


19 Das. Note 14 zu Liber X. Mose Ensheim; XI, Note 8 »pardon, mon cher Bing, c'est par vertu que vous voudriez faire l'apologie de votre nation«; zu XX, Note 3, Übersetzung der dreizehn Glaubensartikel; das. 8, observations de Mr. Bing; zu XV, 9, aus Bechinat Olam: le traducteur c'est Mr. Bing; das. XVIII. le lecteur saura gré à Mr. Bing de l'avoir traduite (l'élégie touchante de Jehuda ha Levi).


20 Grégoire, Essai, S. 141.


21 Das. Chap. XXIV.


22 Ad. Thiery, Dissertation sur cette question: Est-il des moyens de rendre les Juifs plus heureux et plus utiles en France? Ouvrage couronné. Paris 1788.


23 Das. p. 18.


24 Das. p. 29.


25 Das. p. 35 f.


26 Das. p. 63.


27 Das. p. 72 f.


28 Über S. Hurwitz und seine Schrift über Polygraphie (Lakographie) und über den Ursprung der Sprachen vgl. Zeitschrift Jedidja, Jahrgang 3, Bd. V, S. 19 f., 160 f., Bd. VI., Anf. Er starb um 1810.


29 [Vgl. Kahn, Léon, Les juifs de Paris sous Louis XV (Paris 1892) und von demselben Les juifs de Paris au XVIII


me siècle (Paris 1894).]


30 Über die Gesamtzahl der Juden in Frankreich zu dieser Zeit vgl. die Rede des Advokaten Godard 1790 (weiter unten); über Elsaß und Metz, Mirabeau, Sur Mendelssohn p. 129, Grégoire, Essai p. 56, 282, Bail, Les Juifs du XIX


me siècle p. 109; über Paris vgl. Archives Israélites, Jahrg. 1841, p. 501 f.; über Bordeaux oben S. 55, über Carpentras Thiery, Dissertation p. 60, über Avignon Archives Israélites, Jahrg. 1840, p. 290 f.


31 Grégoires Brief an Isaia Bing d.d. 23. Febr. 1789 in Archives Israélites, Jahrg. 1844, p. 416. »Dites-moi donc, mon cher, à la veille des Etats-Généraux, ne devriez-vous pas vous concerter avec d'autres membres de votre nation, pour reclamer les droits et les avantages des citoyens? Plus que jamais, voici le moment.«


32 Archives Israélites, Jahrg. 1844, p. 465. Meassef, Jahrg. 1789, p. 353.


33 Moniteur I, No. 32, p. 135 c. Meassef, Jahrg. 1789, S. 393 f. Halphen, Recueil des lois etc. concernant les Israélites depuis la révolution de 1789, Einl., p. XXVI.


34 Moniteur vom 3. Sept. 1789, p. 210, auch bei Halphen a.a.O.


35 Moniteur 1789, p. 186-189.


36 Das. p. 210.


37 Moniteur das. p. 304.


38 Das. 263.

39 Moniteur das., p. 303 f. Sammler, Jahrg. 1790, p. 30 f.


40 Sammler, das., p. 33 f.


41 Moniteur das. p. 500; 1790, p. 132.


42 Moniteur 1789, p. 500, 503, 504, 508.


43 Moniteur 1790, p. 126 f. 134.


44 Bei Halphen das. Sammler, Jahrg. 1790, p. 187.


45 Moniteur das. 183 c.


46 Halphen p. 223. Der Fürst von Broglie sprach: »Je vous dirai que toute cette intrigue est ourdie depuis longtemps par quatre ou cinq juifs puissants, établis dans le département du Bas-Rhin; qu'un d'eux entre autres, qui a acquis une immense fortune aux dépens de l'Etat, répand depuis longtemps des sommes considérables dans cette capitale, pour s'y faire des protecteurs et des appuis.« Dieser »eine« kann kein anderer als Cerf Berr gewesen sein.


47 Der Inhalt der Petition ist mitgeteilt Moniteur 1790, p. 184 c f.


48 Moniteur 1790, p. 132, Sammler das. 187.


49 Es war ein Irrtum von Bertolio. »Les juifs de Bordeaux, de Bayonne et d'Avignon voient leur état ras suré.« Nicht die Juden von Avignon, sondern die aus dieser Stadt in Bordeaux eingewanderten Juden waren emanzipiert.


50 Bei Halphen p. 204 f. und p. 2 f. Interessant ist S. Cahns Bericht (Archives Israél. Jahrg. 1841, p. 502), daß vier angesehene Pariser Juden, Mardochaï Polak, Jakob Trenel, Goldschmidt und der Juwelier Jakob Lazard einen Rundgang in sämtlichen Pariser Sektionen gemacht und von allen Unterstützung der Emanzipation erhalten haben. Nur die Sektion der Trödler der Halle versagte die Zustimmung, aus Furcht vor – Konkurrenz.


51 Moniteur 1790, p. 243.


52 Das. p. 233.


53 Carmoly, la France Israélite, p. 56.


54 Moniteur das. p. 436, 437.


55 Halphen, p. 3.


56 Moniteur das., p. 838.


57 Halphen, p. 5.


58 Abgedruckt bei Schlözer, Staatsanzeigen, 1791, p. 439 f.: Biester, Berl. Monatsschrift 1791, Bd. 18, S. 381 f.: 1. Très-humble et très-respectueuse Adresse, que présente à l'Assemblée nationale la commune toute entière de la ville de Strassbourg. 2. Réponse des Juifs de la Province de la Lorraine à l'adresse présentée à l'Assemblée nationale par la commune toute entière de la ville de Strassbourg. Auch ein Deputierter aus dem Elsaß, ein Deutscher, Pfliger, hatte ein judenfeindliches Memoire eingereicht: Réflexions sur les Juifs d'Alsace. Dagegen schrieb ein Repräsentant der Pariser Kommune, de Bourge, eine »lettre au comité de constitution sur l'affaire des juifs.« (Archives Israél. 1844, p. 465.)


59 Moniteur vom 28. u. 29. Sept. 1791.


60 Halphen, p. 965.


61 Berrs Sendschreiben ist in Tamas Collection des procès-verbaux et décisions du grand Sanhedrin, Einleitung T. I. abgedruckt. [Auszüglich auch bei Bran, Ges. Aktenstücke, S. 313 f.]


62 Detchéverry a.a.O. p. 68, 69, 99. S. das. Tama, S. 43.


63 Die Überschrift ist: רשוה ,םייהסנע השמל ריש חצנמל ביבסמ ויביוא לכ לע ונתדלומ ץרא יבשי די הרבג םויב. Cantique à l'occasion de la fête civique, célébrée à Metz le 21 Oct. l'an premier de la république dans le temple des citoyens Israélites. Die erste Strophe lautet:


עשרה תוכלמ הלפנ הלפנ

הבעות יהתו איה םרח

תורסומ וקתנ לוע עדגנ

.הבהדמה התבש התבש



Manche Strophe hat der Dichter aus seinem älteren Gedichte o. S. 196 entlehnt.


64 Michael Berr, Appel à la justice (s. weiter unten).


65 Detchéverry a.a.O. p. 101.


66 Grégoire, Histoire des sectes religieuses III, p. 415. L'exemple de ce dernier (l'évêque la Fare) avait sans doute influé sur les opinions de cette ville (Nancy), où, en 1793, une société populaire rédigea et envoya à la convention une demande pour faire expulser de la France tous les Juifs. Vgl. Archives Israél. 1851, p. 503: Un des fils de Mr. Calmer (propriétaire de la seigneurie de Piquigny) ... a été guillotiné en 93.


67 Siehe Note 3.


68 S. Koenen, Geschiedenis de Joden, Beilage über die portugiesischen Rabbiner Amsterdams, und Carmoly, Biographien der Rapaport und Jungtauben p. 38. [Vgl. Landshuth, םש ישנא תודלות, S. 111].


69 Privilegien für die Portugiesen von 1677, für die Deutschen vom 12. April 1737.


70 Koenen, Geschiedenis. p. 380, 387.


71 Über diese Verhandlungen s. Aktenstücke zur Geschichte bei Erhebung der Juden zu Bürgern in der Republik Batavien, ins Deutsche übersetzt, auch hebräisch mit einer Einleitung von Hirsch Ilfeld ירבד םידיגנ; Meassef, Anhang zum 7. Bande, p. 392 und den Beschluß in deutscher Sprache zum Schluß. Grégoire, Histoire des sectes, III, p. 391 f. Koenen, Geschiedenis, p. 259 f.


72 Grégoire a.a.O., p. 394 f., Koenen, p. 371 f.


73 Ilfeld a.a.O. p. 13 f. und Koenen das.


74 Ilfeld das.; C. Grund, »Ist eine Verbesserung der Stellung der Juden in Deutschland dem Recht und der Klugheit gemäß?« Anfang: »Es ist bekannt, daß die Juden von Holland, glücklich in der bessern Existenz, und durch das noch traurige Los ihrer deutschen Brüder zur mitleidigen Teilnahme gestimmt, in einem besonderen Schreiben bei der französischen Gesandtschaft zu Rastatt einkamen, wegen der lästigen Distinktionen dieser in Deutschland und wegen mehrerer denselben zu erteilender Rechte mit dem deutschen Gesandten zu unterhandeln.«


75 Grégoire, nouvelles observations sur les Juifs (1806).


76 Weyden, Geschichte der Juden von Cöln, S. 275.


77 Schwarz, Palästina. ץראה תואובת I, p. 65 b. II, p. 38 b.


78 Schwarz, das. p. 38 b.


79 Moniteur des Jahres VII = 1799, No. 243, p. 187. Constantinople, le 28 Germinal: Bonaparte a fait publier une proclamation, dans laquelle il invite tous les Juifs de l'Asie et de l'Afrique à venir se ranger sous ses drapeaux, pour rétablir l'ancienne Jerusalem. Il en a déjà armé un grand nombre, et leurs bataillons menacent Alep. – Man hat infolgedessen in Frankreich ernstlich an diese Chance gedacht. Der Moniteur brachte am 9. Messidor einen berichtigenden Artikel über Bonapartes Pläne im Orient und bemerkte dabei (p. 1137): Ce n'est pas seulement pour rendre aux Juifs leur Jerusalem, que Bonaparte a conquis la Syrie, il avait de plus vastes dessins ... de marcher sur Constantinople, pour jeter de là l'épouvante dans Vienne et Petersbourg. Über Chajjim Farchi s. Carmoly, Revue orient., Jahrg. 1841, S. 2 ff.; Lebrecht im Magazin für die Lit. des Auslandes, Jahrg. 1850, S. 461 f., 503 f., Orient. ders. Jahrg., Litbl., col. 728 Forts.


80 Moniteur, bei Halphen a.a.O., p. 240.


81 Das unvergleichliche Gedicht Halevis lautet in der Überschrift:.םתליפת תיבב םידוהיה ורש תאזה הרישה םולשה ב"סקת א"ה ולסכ 'ג 'א םוי ןדנל ברחה בשוה םויב סיראפ הפ אדרויפמ יולה ןופלח 'ילא ינממ. Es ist ins Französische übersetzt worden: Hymne à l'occasion de la paix par le citoyen Elie Lévy; chantée en hébreux et lue en français dans la grande Synagogue, à Paris, le 17 Brumaire, an X. Sylvestre de Sacy war von dieser hebräischen Hymne entzückt. Ein protestantischer Pastor Marron pries sie in lateinischen Versen (Univers Israél. XVIII, p. 274): Eliae Halevy Hebraico carmine pacis reditum egregie celebranti. Die letzten beiden Distichen seien hier wiedergegeben:


Davide ab extincto saecla effluxere triginta,

Dum tacuit nulli percutienda chelys.

Jam cessat viduata suo lugere poeta,

Et mihi Jessueum, tu, bone, reddis, ait.


Das. ist auch eine Biographie von seinem Sohne Léon Halevy, auch in dessen Resumé de l'histoire des Juifs modernes, 1828, p. 199. Er war Mitbegründer und Mitarbeiter der Wochenschrift l'Israélite français, (1817-1818), und seine Artikel sind durch E. H. chiffriert. Beachtenswert ist sein Dialog Socrate et Spinosa (das. II, p. 73.) Auch ein Religionsbuch ist von ihm vorhanden, im Sinne Mendelssohns und der Measfim, gedruckt 1824.


82 Vgl. über die jüdischen Lobdichter Carmoly, Revue orientale, II, p. 24 f.


83 Troplowitz' oder Euphrats gelungenste Produktion ist לואש תכולמ, Wien 1794.


84 Außer einer großen Menge kleiner Gedichte schrieb S. Kohn ןופצ תמדא לע םדק יעטמ 1807 und רינ דוד 1834. Er setzte die Measfim fort und redigierte später die םיתעה ירוכב. [Nach D. Cassel, Lehrb. d. jüd. Gesch. d. Lit., S. 508 war er in Wollstein in der Provinz Posen geboren].


85 תוסוכ עברא, 1790. Seine Synonymik המלש תועירי hat keine Bedeutung.


86 Die biographischen Notizen über ihn und das Verzeichnis seiner Schriften sind zusammengetragen bei Carmoly a.a.O. III, p. 63, 122. Archives Israélites, Jahrg. 1843, S. 714 ff., Jahrg. 1844, S. 109 ff. 168 ff. Joh. v. Müller schrieb über ihn an seinen Bruder 12. Febr. 1808 (Biograph. Denkwürdigkeiten V, S. 181): »Neulich habe ich mit einem jungen Israeliten (so heißen sie jetzt) Michel Berr eine angenehme Bekanntschaft gemacht.. Ich glaube den Berr behalten wir als Haupt oder Schreiber seines Volkes; er ist, wie Esra, Sopher Mahir, ein schöner Jüngling, voll Würde.«


87 Grattenauer I, Erklärung, S. 13.


88 Wilhelm Meisters Wanderjahre III, c. 11, während der französischen Revolution geschrieben. [Vgl. L. Geiger, Goethe und die Juden, in der Ztschr. f.d. Gesch. d. Juden in Dtschl. I, 321-365. III, 294 f. Die vorliegende Äußerung Goethes hat Geiger a.a.O. übersehen.]


89 Fichte, Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution 1793. Neuer Abdruck (Zürich und Winterthur, 1844), S. 132. Eine gründliche Widerlegung der Fichteschen Judenfresserei findet sich bei Diebitsch und Lefrank (s. Note 5).


90 Vgl. Herders Adrastea II. Sein »Geist der hebräischen Poesie« war epochemachend; sein kühles Verhältnis zu Mendelssohn gibt sich in den Briefen an ihn kund. Erst nach Lessings Tod näherte sich ihm Herder inniger.


91 Dr. Saul Aschers Schrift, Eisenmenger II., Berlin 1794.


92 Der Titel der anonymen Schrift lautet: Apologie für die unterdrückte Judenschaft in Deutschland an den Kongreß von Rastatt gerichtet (ohne Ort) 1798. Die andere von Chr. Grund, Prof. an der Thurn- und Taxisschen Pagerie, Regensburg (Mai) 1798: Ist eine Verbesserung der Stellung der Juden in Deutschland dem Recht und der Klugheit gemäß?


93 In der genannten Schrift S. 9.


94 Scheppler, über die Aufhebung des Leibzolls, S. 114 f.


95 Scheppler S. 158.


96 Das. Beilage Nr. VI.


97 Das. Beilage VII und VIII d.d. 27. Januar und 2. Mai 1801, wahrscheinlich infolge des Jollivetschen Zirkulars.


98 In Steinbecks Patrioten, Jahrg. I, 1803 (Gedruckt Weimar) Mai S. 273-283 ist abgedruckt »Bittschrift der Juden in Deutschland an die Repräsentanten unsrer Nation um das deutsche Bürgerrecht, von Hofrat Christoph Grund in Regensburg.« Zum Schluß heißt es: Regensb. am 15. Nov. 1802 Chr. G. .... »im Namen der deutschen Judenschaft.« – Der Herausgeber Steinbeck bemerkt, daß diese Petition an die Reichsdeputation in Regensburg in einigen Zeitungen veröffentlicht worden ist. Sie ist aber wenig bekannt, und auch Steinbecks Patriot ist selten geworden. Über das Schicksal dieser Petition ist nichts bekannt. Höchstwahrscheinlich bezieht sich darauf die anonyme judenfeindliche Schrift »Die Juden in Deutschland und deren Annahme zu Reichs- und Provinzialbürgern. Gedanken, durch den neuerlichen Antrag des churböhmischen Gesandten zu Regensburg, den Juden das Bürgerrecht zu erteilen, veranlaßt.« Heilbronn, Januar 1803 (auch diese Schrift ist selten). Breidenbach scheint bei dieser Petition beteiligt gewesen zu sein. Denn Anfang 1804 war er in Regensburg, um die Mitwirkung des Kurfürsten-Reichskanzlers (Dalberg) und der angesehensten Reichtagsgesandten zur Erreichung seines menschenfreundlichen Zweckes zu reklamieren (Scheppler a.a.O., S. 83). Zwischen 20.–31. März 1803 schrieb Börne in sein Tagebuch: »Heute kann sich das Schicksal der Juden entscheiden« (Briefe des jungen Börne, S. 40). Erwarteten die Juden noch in dieser Zeit eine günstige Entscheidung von der Reichsdeputation oder dem Reichstage?


99 S. über Breidenbach Note 4. [Vgl. M. Silberstein in der Ztschr. f.d. Gesch. d. Juden in Dtschl. V, 126-145 und 335-347, der das im März 1805 beendigte Buch von Scheppler nicht benutzt hat und nur für die Jahre 1805 und 1806 einige Nachträge beibringt.]


100 Vgl. darüber Note 5.


101 Grattenauer führte selbst in seiner zweiten Schrift den Vers an, den man damals auf Kosmanns schlechte Verteidigung machte:

Ȁ Grattenauer hat uns beleidigt,

Es sei!

Ä Kosmann hat uns verteidigt,

Au wai!«


102 Quapecoires soll heißen Epikoros = Epikuräer, Ketzer.


103 Lefrank a.a.O., S. 21.


104 S. darüber Note 5.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1900], Band 11, S. 251.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Cleopatra. Trauerspiel

Cleopatra. Trauerspiel

Nach Caesars Ermordung macht Cleopatra Marcus Antonius zur ihrem Geliebten um ihre Macht im Ptolemäerreichs zu erhalten. Als der jedoch die Seeschlacht bei Actium verliert und die römischen Truppen des Octavius unaufhaltsam vordrängen verleitet sie Antonius zum Selbstmord.

212 Seiten, 10.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon