Assyrien und Armenien, Kleinasien und Medien. Einbruch der Kimmerier

[33] Inzwischen hatte sich das Reich Urarṭu unter König Rusa (bei Sargon meist Ursâ geschrieben) von den schweren Niederlagen unter Tiglatpileser wieder erholt. Auf dem Höhepunkt seiner Macht hat Rusa im Tempel in Muṣaṣir sein eigenes Bild in Bronze auf dem Streitwagen aufgestellt mit der rühmenden Inschrift: »Mit meinen beiden Rossen und meinem einen Wagenlenker haben meine Hände das Königtum von Urarṭu erobert.« Als seine Heimat (»sein Vaterhaus«) bezeichnet Sargon einen Ort Arbu (östlich vom Wansee), in dessen Nachbarschaft seine Brüder sieben Burgen in Besitz hatten63. Somit ist er nicht, wie man früher annahm, der Sohn und der legitime Erbe Sardurs II. gewesen; vielmehr wird nach dessen Besiegung durch Tiglatpileser seine Macht zusammengebrochen und eine Zeit der Anarchie gefolgt sein, in der es dann Rusa gelungen ist, das Königtum zu gewinnen und [33] das Reich wieder zusammenzubringen. Er hat sich in Wan, nördlich von der älteren Königsburg, an dem Felsen von Toprakkale eine neue Hauptstadt erbaut und ihr im Anschluß an das von Menua geschaffene Vorbild (Bd. II 2, 422) aus dem weiter im Osten gelegenen See Kešiš-göl eine starke, mit Staudämmen ausgebaute Wasserleitung zugeführt, die auch ihre Pflanzungen reichlich mit Wasser versorgte64. Wie seine Vorgänger erscheint auch er als ein energischer und umsichtiger Herrscher. Wie weit sich seine Macht nach Norden, im Araxesgebiet und darüber hinaus, ausgedehnt hat, wissen wir nicht; im Osten hat er den Mannäern (Bd. II 2, 410) die Landschaften im Norden und Osten des Urmiasees entrissen. In der durch ihre Pferdezucht berühmten Ebene von Tebrîz erbaute er die starke Grenzfestung Usqaja und bezog von hier die Füllen für seine Armee; weiter nördlich, bei Ulchu (jetzt Marand), hat er wieder einen Kanal gebaut; dessen Verzweigungen, wie Sargon bei seinem verheerenden Kriegszug im J. 714 anerkennend berichtet, den dürren Boden in ein ertragreiches Kulturland umwandelten65.

Der Mannäerkönig Iranzu hielt im Gegensatz zu Rusa an Assyrien fest, dessen Reich die weiter südlich gelegenen Landschaften, so vor allem Parsua, als Provinzen einverleibt waren. Ähnlich verhielt sich sein westlicher Nachbar Urzana von Muṣaṣir, der Landschaft westlich der Bergkette, die jetzt die Grenze zwischen der Türkei und Persien bildet, am Fuß des Kelišinpasses, die lange Zeit zu Urarṭu gehört hatte (Bd. II 2, 420), dann aber ein assyrischer Vasallenstaat geworden war. Urzana, der sich auf seinem Siegel rühmt, »sein Rachen sei in den feindlichen Bergen wie der einer Schlange aufgesperrt«, hat dem Palastvogt des Assyrerkönigs mehrfach Berichte geschickt, so auch über das Verhalten des Königs von Urarṭu; jetzt aber, als Rusa nach Abwehr der Assyrer Muṣaṣir besetzt und hier im Tempel des Chaldi neben den Weihgeschenken und Statuen seiner Vorgänger sein eigenes Bild mit der obenerwähnten Inschrift aufgestellt und eine Siegesstele [34] mit urartäischer und assyrischer Inschrift errichtete66, ist Urzana zu ihm übergetreten und wurde von ihm als Vasall wieder eingesetzt67.

Von hier aus suchte Rusa die Mannäer vollends in seinen Machtbereich zu ziehen. Mehrere benachbarte oder von ihnen abhängige Dynasten traten zu ihm über und überlieferten ihm mannäische Ortschaften, so Mitatti von Zikirtu und Bagdatti von Uisdis (östlich vom Urmiasee), seinem Namen nach ein Meder, der hier Fuß gefaßt hatte; nach dem Tode des Königs Iranzu wurde sein Sohn Aza von den Aufständischen erschlagen, sein Bruder Ullusun zum Anschluß an Rusa gezwungen68.

Auch bei den Bewegungen in Syrien und Kleinasien wird Rusa seine Hände im Spiel gehabt haben. Als Hauptgegner aber erscheint bei Sargon Mitâ, der König der Moscher (Muski), der ihm hier überall Gegner erweckte. Es ist eine sehr wahrscheinliche Vermutung Wincklers, daß dieser Mitâ kein anderer ist als der König Midas, den die griechische Überlieferung als Begründer des großen phrygischen Reichs und als Zeitgenossen Homers kennt, und daß Sargon für sein Reich den seit alters geläufigen Namen für das innere Kleinasien verwendet69. So scheint es, daß hier der Versuch des in der Völkerwanderung aus Thrakien herübergekommenen indogermanischen Volksstammes vorliegt, sich weiter nach Osten, auszudehnen, ein Streben, das in der Folgezeit zur [35] Festsetzung der aus Phrygien vordringenden Armenier in dem Gebirgslande am Euphrat geführt hat; diese Bewegung fällt in dieselbe Zeit, in der die von Sargon bewahrten Eigennamen das Vordringen der iranischen Meder von Osten her erkennen lassen.

Bei dieser Weltlage ist es begreiflich, daß Sargon in den Jahren 719-717 auf den verschiedensten Schauplätzen tätig gewesen ist und von diesen Kämpfen nur weniges kurz und ohne inneren Zusammenhang berichtet; er wird dabei manchen Mißerfolg verschwiegen haben. Aus dem Jahre 719 erzählt er die Eroberung von ein paar zu Rusa und Mitatti abgefallenen mannäischen Orten, aus 718 die Eroberung des zu den Tibarenern (Tabal) gehörenden kleinasiatischen Fürstentums Sinuchtu. Im Jahre 717 hatte Mitâ den König Pisiris von Karkemiš für sich gewonnen; aber Sargon hat Karkemiš erobert, die Bevölkerung fortgeführt und durch Assyrer ersetzt und damit dem letzten chetitischen Staat in Syrien, der noch an der alten Sprache und Schrift festhielt, ein Ende gemacht.

Inzwischen hat aber noch eine weit größere Völkerbewegung eingewirkt. Wie ein etwa aus dem Anfang des 6. Jahrhunderts stammendes griechisches Epos, das Arimaspengedicht des Aristeas von Prokonnesos, erzählt, wäre der Anstoß von dem Sagenvolk der einäugigen Arimaspen ausgegangen, die auf die Issedonen drücken, diese verjagen wieder die Skythen aus ihren Wohnsitzen, und diese die Kimmerier in Südrußland und der Krim, die dann nach Süden über den Kaukasus ziehen70. Bis zu den Issedonen [36] ist Aristeas selbst gekommen und hat hier Erkundigungen eingezogen; sein Bericht weist auf Zentralasien, und hier treffen wir sie als großes Volk in der Geographie des Ptolemäos. Es liegt gar kein Grund vor, die Zuverlässigkeit dieser Angaben zu bezweifeln; vielmehr wird uns hier ein Vorgang berichtet, der sich in der Geschichte immer von neuem wiederholt hat71: aus dem Riesenkessel des zentralasiatischen Hochlandes, das sich ständig fortschreitend in eine wasserlose Einöde umwandelt, brechen einzelne Volksstämme vor und werfen sich auf ihre Nachbarn im Westen, und von diesen setzt sich, den geographischen Bedingungen entsprechend, die Bewegung weiter über die aralo-kaspische Steppe bis tief nach Europa hinein fort. Der Stoß traf wie bei den Zügen der Indoskythen, Hunnen, Türken, Mongolen in erster Linie die teils nomadisierenden, teils seßhaften Stämme Ostirans; man wird annehmen dürfen, daß das deutlich erkennbare Vordringen der Meder damit zusammenhängt. Von den nomadischen Iraniern ist derjenige Zweig, den die Griechen Skythen nennen, in derselben Weise wie später die Hunnen über den Don gezogen und hat sich auf die Kimmerier geworfen.

Daß die Skythen oder Skoloten, wie sie nach Herodot sich selbst nannten, iranischen Ursprungs waren, beweisen die erhaltenen Wörter, darunter vor allem die zahlreichen echt iranischen Eigennamen72. Dazu stimmen die vortrefflichen Darstellungen von Skythen auf den von griechischen Künstlern gearbeiteten Beigaben ihrer Gräber, der Kurgane, aus dem vierten und den folgenden Jahrhunderten, deren Typus dem der Perser auf den Denkmälern ganz nahe steht. In auffallendem Gegensatz dazu [37] steht, daß eine geistvolle, unter dem Namen des Hippokrates überlieferte Schrift73 sie als eine feiste, gedunsene, schlaffe Rasse von monotonem Aussehen, mit rötlicher Hautfarbe (πυρρόν) und ohne Haarwuchs74, also durchaus mongolenähnlich schildert. An einer starken Beimischung von derartigen Elementen hat es gewiß schon in den asiatischen Wohnsitzen nicht gefehlt, und diese mag sich weiter gesteigert haben; aber für die herrschende Oberschicht können wir uns nur an die Gestalten halten, welche die Griechen Südrußlands vor Augen sahen und für die sie arbeiteten, und deren iranische Namen bei Herodot und sonst erhalten sind. Noch beträchtlich weiter, nach Ungarn, ist ein anderer iranischer Stamm vorgedrungen, die Sigynnen, die, wie Herodot berichtet, nordische Tracht trugen und eine Abzweigung der Meder zu sein behaupteten75.

Der Name eines Kimmerierfürsten Teuspâ (u. S. 74) ist deutlich iranisch, und so wäre es möglich, daß auch die Kimmerier schon eine frühere iranische Welle darstellen; doch ist das Material zu dürftig, um Sicherheit zu gewinnen. Da es sehr unwahrscheinlich erschien, daß ein Volk in Südrußland einem Angriff von Osten her über den Kaukasus ausweicht, und da überdies bei den Angriffen auf die Griechenstädte Kleinasiens die thrakischen Treren mit ihnen verbunden sind, hat man vielfach vermutet, die Kimmerier seien ein thrakischer Stamm und sie seien über die Donau und die Meerengen nach Kleinasien gezogen76. Das hat sich als verfehlt erwiesen: in völliger Übereinstimmung mit den [38] griechischen Nachrichten treten die Kimmerier (Gimirai) in Vorderasien zuerst gegen Ende des 8. Jahrhunderts in Armenien auf, sind also in der Tat über den Kaukasus gekommen.

Die Einzelheiten des Hergangs entziehen sich unserer Kenntnis. Die erste Nachricht verdanken wir mehreren Berichten des Prinzen Sanherib an seinen Vater Sargon, wonach der König von Urarṭu den Kimmeriern entgegentrat, aber eine Niederlage erlitt, in der neun seiner Statthalter gefallen sind. Eine Mitteilung darüber verdankt er einem Schreiben des Urzana von Muṣaṣir an den Palastvogt; dadurch ergibt sich, daß die Niederlage in eines der letzten Jahre vor 714 gesetzt werden muß77, der König von Urarṭu mithin Rusa I. ist. Der Verlauf wird derselbe gewesen sein wie so oft: die plötzlich an den Grenzen auftretenden Horden erregen durch ihre ungewohnte Erscheinung und gerade durch den primitiven Charakter ihrer Kampfweise allgemeinen Schrecken und überrennen die Heere der kultivierten Staaten.

Die siegreichen Kimmerier werden sich im nördlichen Armenien, im Bereich des Araxes und des Sees von Eriwan, weithin ausgedehnt haben. Dadurch war die Stellung des Königs Rusa stark erschüttert; das ist offenbar Sargon zustatten gekommen, als er im J. 716 den Kampf gegen Rusa energisch in Angriff nahm. Er rückte, offenbar von Süden, von der Provinz Parsua, aus, ins Mannäerland ein, besiegte den Bagdatti (o. S. 35) und ließ ihm die Haut abziehen, brannte die Hauptstadt Izirtu nieder. Da trat König Ullusun wieder auf die assyrische Seite über und erlangte Begnadigung. Eine Anzahl von Orten wurde zu Assyrien, vor allem zur Provinz Parsua geschlagen, zahlreiche Bewohner fortgeschleppt, die schon seit Salmanassar III. zum Reich gehörende Stadt Charchar im Quellgebiet des Diâla, die zu König Dalta von Ellip abgefallen war, wurde nach Wegführung der Einwohner unter dem Namen Kâr-Sargon als Zwingburg gegen die Meder neu besiedelt; zahlreiche medische Häuptlinge brachten Sargon hier Tribut. Im nächsten Jahr wurde die Organisation dieser Gebiete weiter[39] fortgeführt, ein mannäischer Statthalter, den Rusa für sich gewonnen hatte, Dajukku, mit seiner Familie nach Ḥamât verpflanzt – es ist der Dejokes Herodots, den die von diesem bewahrte medische Tradition als Begründer des Königtums betrachtet. Im J. 714 zog Sargon aufs neue ins Mannäerland, und hier trat ihm Rusa, unterstützt von Mitatti von Zikirtu, am Berge Uaus (jetzt Sahend) östlich vom Urmiasee, entgegen. Sargon rühmt sich, um seine ermüdeten Truppen zu schonen, habe er sich auf seinem Streitwagen, nur von seiner Garde begleitet, auf die Feinde geworfen und sie völlig zersprengt. Familie und Gefolgschaft Rusas wurden gefangen, dieser sah das Werk seines Lebens vernichtet und hat sich, in Schwermut versunken, selbst den Tod gegeben78. Seine Kulturschöpfungen (o. S. 34) hat Sargon zerstört, sein Gebiet verwüstet. Dann warf er sich auf Muṣaṣir, dessen Tempel mit den Weihgeschenken und Statuen der Könige von Urarṭu gründlich ausgeplündert wurde79, König Urzana war glücklich entkommen. Die Unterwerfung der Meder wurde im nächsten Jahre weitergeführt; 45 Häuptlinge80 brachten ihre Abgaben an Pferden und Vieh. Wie Tiglatpileser rühmt auch Sargon, daß seine Macht sich bis zum Berge Bikni erstrecke. Der Kampf um die Vorherrschaft in Vorderasien zwischen Armenien und Assyrien war durch Sargons Sieg definitiv beendet. An eine Unterwerfung von Urarṭu dagegen hat auch er nicht denken können; auf Rusa ist hier sein Sohn Argisti II. gefolgt.

[40] Im Westen hatte Sargon schon 715 den Mitâ, der sich gegen Que (das obere Kilikien) auszudehnen suchte, zurückgedrängt. Im Gegensatz dazu hatte er die Tibarener (Tabal), die damals etwa in Kataonien saßen, begünstigt, ihrem König Ambris eine seiner Töchter gegeben und ihm die Kiliker am Halys überlassen. Aber dem Rusa und Mitâ war es gelungen, ihn auf ihre Seite hinüberzuziehen; und jetzt wurde er 713 durch Sargon besiegt und gefangen abgeführt, sein Land zur Provinz gemacht. Dasselbe Schicksal traf dann der Reihe nach die übrigen Kleinstaaten: im J. 712 Melitene nebst »dem weiten Kamman« (Χαμμανήνη) und der Stadt Tilgarim (Ezech. 27, 14. 38, 6 Togarma), 711 Gurgum, 709 Kummuch, dessen König Mutallu im Vertrauen auf Argisti II. von Urarṭu die Tributzahlung unterlassen hatte. König Mitâ selbst wurde 709 durch den Statthalter von Que besiegt und mußte sich zur Huldigung bequemen. Wie im Osten wurde auch hier überall die Bevölkerung verpflanzt, andere Ansiedler hingeschickt, die Provinzialverfassung mit festen Abgaben eingeführt, die Städte wieder aufgebaut und weitere Festungen und Grenzsperren angelegt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 33-41.
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