Ausbreitung und Weiterbildung der Religion

[111] Wie schon erwähnt, richtet sich der Mahnruf des Propheten an jeden einzelnen Menschen; seine Religion ist der Idee nach durchaus universal und ist daher die erste der großen Weltreligionen geworden. So gehört denn auch, anders als bei der israelitischen Religion und beim Brahmanismus, die Mission von Anfang [111] an zu ihrem Wesen; schon Zoroaster selbst hat außer seinen Volksgenossen, dem König Vištâspa und dessen Minister auch die Familie des Turaniers (d.i. eines benachbarten Stammes iranischer Nationalität), des Frjâna, bekehrt225. In den Jahrhunderten nach seinem Tode muß die religiöse Propaganda von den Gläubigen und vor allem von der Priesterschaft aufs stärkste betrieben worden sein. Von dem Verlauf der Entwicklung haben wir keine Kunde; wir kennen nur das Ergebnis, daß alle seßhaften iranischen Stämme und wahrscheinlich auch die meisten der zwischen ihnen versprengten nomadischen Stämme226 die Mazdare ligion angenommen haben, so vor allem die Meder und die Perser. Bei den Medern hat sich einer der Teilstämme, die Magier, in eine erbliche Priesterkaste umgewandelt, ähnlich wie die Leviten in Israel – vielleicht waren sie die ersten, die hier die neue Religion annahmen und verbreiteten. Im westlichen Iran ist daher der Magiername die herrschende Bezeichnung des Priesterstandes geworden, während die religiöse Literatur den alten Namen âthravan beibehielt227.

Einem weiteren Vordringen stand die Sprache hindernd entgegen; denn an eine Übersetzung der heiligen Texte in fremde Sprachen hat man, soweit wir sehen können, niemals gedacht228. [112] So hat die mazdajasnische Religion doch zugleich einen nationalen Charakter erhalten; Ahuramazda ist in der Tat, wie die susische Übersetzung der Dariusinschrift ihn nennt, »der Gott der Arier« [d.i. der Iranier]. Aber das ist, wie im Christentum und im Islam, eine sekundäre Entwicklung. Der Gang ist genau der umgekehrte wie im Judentum: dort erhält eine universale Religion ein nationales Gepräge, hier erhebt eine engbegrenzte Volksreligion schließlich wenigstens in der Theorie den Anspruch auf Universalität, wobei aber in der Praxis die nationale Grundlage immer ganz schroff gewahrt wird: der Proselyt wird damit zum Juden.

Die Gâthas Zoroasters sind, wie alle echten Prophetenreden229, unmittelbar aus dem Moment geborene Äußerungen der seine Seele bewegenden Empfindungen. Indessen es ist selbstverständlich, zumal bei einer so abstrakten, konsequent durchdachten Lehre, daß er den Gläubigen zugleich ein System verkündet und auferlegt hat, sowohl für die Theorie des religiösen Weltbildes wie vor allem für die Praxis der Lebensführung. In der Folgezeit ist dann, wie wir schon gesehen haben, das System weiter ausgebaut worden. Der starre Ritualismus und Formalismus, die Gleichstellung der Kultriten und Reinheitsgebote mit den ethischen Forderungen geht gewiß schon auf ihn zurück. Darin steht er weit unter den großen israelitischen Propheten. Aber diese Auffassung entspricht dem Kulturstadium, aus dem er hervorgegangen ist, und findet sich ebenso in den ihm etwa gleichzeitigen Brahmanas der Inder und in den meisten andern Religionen; auch im Judentum ist sie, als es die Forderungen der Propheten in die Praxis umzusetzen suchte, durch das Gesetzbuch Ezras zu voller Herrschaft gelangt. Den Abschluß bildet, wie hier Pharisäismus und Talmud, so dort das unter den späteren Arsakiden230 verfaßte, unter Ardašir I. (226 [113] bis 241 n. Chr.) durch den Hohenpriester Tansar redigierte und als unverbrüchliches Gesetzbuch des Sassanidenreichs eingeführte Awesta. Beide Religionen erstarren in mechanischer Kasuistik und in der entsetzlichen Gedankenöde eines monoton die Grundsätze bis in die absurdesten Konsequenzen verfolgenden Formalismus. Dadurch wird zugleich alle schöpferische Phantasie völlig erstickt; das in das Bett der Logik gezwängte mythische Denken vermag nur noch Spukgestalten und alberne Formeln und Riten zu erzeugen. Man würde wie das Judentum oder etwa den nördlichen Buddhismus oder auch die ägyptische Religion, so die Religion Zoroasters falsch werten, wollte man sie einseitig danach beurteilen; aber daß ihr diese Züge schon in alter Zeit anhafteten, zeigen die Berichte der Griechen und die Bedeutung, welche das Wort Magier sogleich erhalten und dauernd bewahrt hat231.

Diese »magischen« Lehren und Bräuche mögen, wie beim Judentum, die Ausbreitung der Religion nicht unwesentlich gefördert haben; der Aberglaube, zumal wenn er sich auf offenbarte Bücher göttlichen Ursprungs berufen kann, besitzt eben eine unheimliche Anziehungskraft auf die Gemüter. Indessen das entscheidende sind doch die großen Ideen gewesen, das geschlossene Weltbild, das alle Probleme des Daseins zu lösen schien, die sittlichen, zu aktiver Betätigung im Leben mahnenden Gebote und [114] nicht am wenigsten die Aussicht auf ein glückliches Los im Jenseits. Die Inschriften des Darius zeigen in ihrer großartigen Einfachheit, wie das stolze Bewußtsein, die Wahrheit zu besitzen und die Lüge zu bekämpfen, einen religiösen Enthusiasmus zu erzeugen vermochte, der dem der älteren Bekenner des Christentums ebenbürtig zur Seite steht, nur daß die energische Weltbejahung im Gegensatz zu der Erlösungssehnsucht und der Weltflucht des Christentums einen fundamentalen Unterschied bildet. Auch die Griechen haben sich, trotz aller in den regierenden Kreisen eingerissenen Entartung, diesem Eindruck niemals entziehen können, und Alexander hat das persische oder arianische Herrenvolk als den Griechen und Makedonen ebenbürtig betrachtet.

In den höheren Kreisen hat sich die Religion noch im wesentlichen in reiner Gestalt erhalten; so tritt sie uns in den Inschriften des Darius entgegen, und dem entspricht die auf guter Beobachtung beruhende Schilderung ihrer Äußerlichkeiten bei Herodot. Aber daneben leben im Volk die altüberkommenen Kultbräuche und Gottheiten fort, soweit sie nicht wie Indra und seine Genossen von Zoroaster direkt in Teufel umgewandelt sind. Neben der von Zoroaster gebotenen Reinhaltung und Verehrung des Feuers und der übrigen Elemente232, Erde, Wasser, Flüsse, Winde, Sonne und Mond, des Siriussterns (Tištrja), des Führers des Sternenheers233, hat sich der vom Propheten wenn nicht direkt bekämpfte, so doch mindestens scheel angesehene Glaube an die Zauberkraft des Rauschtranks erhalten, des Haoma (arisch Soma), der Göttern und Menschen übernatürliche Kraft verleiht und sie über die Schranken [115] der Sinnenwelt hinaushebt; so wird der Haomatrank von den Magiern beim Opfer gepreßt und libiert234. Jeder Mensch und auch jedes Volk und Land usw. ist mit einem Schutzgeist (Genius) verbunden, dem Ferwer (Frawaši), den Ahuramazda in der Urzeit geschaffen hat und der bei der Geburt in den Menschen eingeht. Vor allem aber bedarf das Volk konkreter, individuell gestalteter Gottheiten; mit den abstrakten, der Persönlichkeit entbehrenden Gestalten des theologischen Systems vermag es nicht viel anzufangen. So sind nicht wenige Göttergestalten der arischen Zeit hier ganz lebendig geblieben, wie z.B. der Drachentöter Veretraghna (griechisch Artagnes), und vor allem die Göttin der Quellen und Ströme und daher aller Fruchtbarkeit und auch des Geschlechtslebens Anâhita (Anaïtis) und Varunas alter Genosse Mithra, der jetzt ganz zum Lichtgott wird. Wie angesehen schon in der Achämenidenzeit seine Gestalt bei allen Iraniern gewesen ist, zeigen die zahlreichen von ihm abgeleiteten Personennamen.

Aber die offizielle Religion hat diese Gestalten noch lange ignoriert235, ebenso wie sie Tempel, Altäre und Kultbilder als dem Wesen der übersinnlichen Mächte nicht entsprechend verwarf236. Die sogenannten Feueraltäre, auf denen das reine Element lodert, sind keine Opferaltäre, wie denn der Kult eigentliche Opfer überhaupt nicht kennt, sondern nur eine Ausbreitung der menschlichen Nahrung vor der Gottheit unter Assistenz des Magiers mit seinen Gesängen und Zeremonien und Gebeten für Volk und[116] König237; und wenn die Kunst schon unter Darius, in Umgestaltung der assyrischen Darstellung des Reichsgottes Assur, den Ahuramazda am Himmel schwebend bildet, in Königstracht, mit langem Bart und Haupthaar, so ist das kein Kultbild, sondern ein Versuch, das Übersinnliche dennoch im Bilde anschaulich zu machen. Erst Artaxerxes II. hat die populären Anschauungen in die offizielle Religion aufgenommen238: er hat dem Mithra und der Anaïtis in allen Hauptstädten seines Reichs, Babylon, Susa, Ekbatana, Persepolis, Baktra sowie Damaskus und Sardes, Tempel mit Kultbildern erbaut239 und sie in seinen Inschriften neben Ahuramazda angerufen. Das ist genau derselbe Vorgang wie das Eindringen der heidnischen Götter in das offiziell siegreiche Christentum in Gestalt der Gottesmutter und der Heiligen. Wie in diesem hilft sich auch im Parsismus die Kirche damit, daß diese Götter und ebenso die zahlreichen Heroen der Sage zu Vorkämpfern und Gehilfen Ahuramazdas und Bekennern des Zoroastrismus vor Zoroaster gemacht werden, ebenso wie Adam und seine Nachkommen nach späterer Anschauung bereits orthodoxe Juden waren. Vor allem Mithra, der allsehende Lichtgott, der keine Lüge duldet und der, auf dem Kriegswagen einherfahrend, alle Feinde und Dämonen niederschlägt, den Frommen und Wahren dagegen Sieg und allen irdischen Segen gewährt, wird recht eigentlich zur Offenbarung Ahuramazdas in der Sinnenwelt und daher zum Mittler zwischen ihm und den Menschen240; deshalb tritt er bei der Propaganda der Religion in der hellenistischen und römischen Zeit immer mehr in den Vordergrund und ist hier schließlich der [117] Hauptgott einer Umgestaltung der Religion geworden, welche ihren ursprünglichen Charakter in derselben Weise umwandelt, wie die katholische Volksreligion und der Marienkult das ursprüngliche Christentum.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 111-118.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Zwei Schwestern

Zwei Schwestern

Camilla und Maria, zwei Schwestern, die unteschiedlicher kaum sein könnten; eine begnadete Violinistin und eine hemdsärmelige Gärtnerin. Als Alfred sich in Maria verliebt, weist diese ihn ab weil sie weiß, dass Camilla ihn liebt. Die Kunst und das bürgerliche Leben. Ein Gegensatz, der Stifter zeit seines Schaffens begleitet, künstlerisch wie lebensweltlich, und in dieser Allegorie erneuten Ausdruck findet.

114 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon