Ägypten unter Psammetich

und seinen Nachfolgern[145] 278

Als Assurbanipal die ägyptischen Kleinfürsten wieder unterwarf, hat er keinen in höherem Maße begünstigt als Necho I. von Sais. Dieser war dann im Kampfe gegen Tanuat-amon umgekommen (o. S. 82); sein Sohn Psammetich (äg. Psamtik, derselbe, den die Assyrer Nabušezib'anni nennen, o. S. 78) hatte bei den Assyrern Schutz gefunden und war durch sie in seine Herrschaft zurückgeführt worden (663; Herod. II 152). Sobald die Verhältnisse es gestatteten, schüttelte er, wie früher sein Vater, das assyrische Joch ab. Zugleich nahm er das schon von Tefnacht, seinem Vorgänger und mutmaßlichen Ahnherrn, begonnene Werk wieder auf, die Teilfürsten zu unterdrücken und Ägypten zu einigen279. König Gyges von Lydien sandte ihm Hilfstruppen (o. S. 133): es sind die karischen und ionischen Scharen, welche nach Herodots Bericht eines Tages in Ägypten landeten und von Psammetich zum Kampfe gegen seine Rivalen angeworben wurden. Bald werden den ersten Söldnern weitere gefolgt sein; sie bildeten [145] den Kern der Streitmacht des Königs. Wie die Kämpfe im einzelnen verlaufen sind, wissen wir nicht, namentlich von den Kämpfen mit den Assyrern haben wir gar keine Kunde; um das J. 645 etwa war das Ziel erreicht, Ägypten befreit und geeinigt. Zur Sicherstellung seiner Herrschaft vermählte der König sich mit Šepenopet, der Adoptivtochter der Königin Amenerdas (vgl. Bd. II 2, 53). Die Hauptgegner des neuen Herrschers waren zweifellos die als Kriegerkaste organisierten Söldner, die Ma (μάχιμοι), die auch unter äthiopischer und assyrischer Oberhoheit das Land ausgebeutet hatten. Herodot berichtet, 240000 Krieger, »die zur Linken (äg. semḥi Ἀσμάχ) des Königs standen«, seien unter Psammetich nach Äthiopien ausgewandert, weil sie drei Jahre lang in ihren Garnisonen nicht abgelöst wurden; der ihnen nacheilende König habe sie zur Umkehr nicht bewegen können (II 30). So gewiß die Erzählung im einzelnen, namentlich die ungeheure Zahl, sagenhaft ist, so klar fügt sich die Tatsache selbst in die Geschichte der Zeit ein, daß ein bedeutender Teil der Kriegerkaste, der sich den neuen Verhältnissen nicht fügen wollte280, das Land räumte und von dem König von Napata aufgenommen und im oberen Niltal angesiedelt wurde.

Es ist schon erwähnt worden, daß Psammetich, um sich gegen erneute Invasionen der Assyrer zu schützen, auch nach Asien hinübergriff281. Wie Amosis nach der Vertreibung der Hyksos Šaruḥan in Palästina besetzte (vgl. Bd. II 1, 52), so soll Psammetich 29 Jahre lang gegen Ašdod zu Felde gezogen sein, bis er die Stadt eroberte (o. S. 138)282. Nach Süden scheint sich seine [146] Macht nicht über den ersten Katarakt hinaus erstreckt zu haben. Erst sein Enkel Psammetich II. (Herod. Ψάμμις, 593-588) ist gegen Äthiopien zu Felde gezogen (Herod. II 161)283. Seiner Zeit gehören die Inschriften an, welche griechische, karische und phönikische Söldner in ihren Muttersprachen an den Kolossen des Tempels von Abusimbel eingekratzt haben284. Auf die Dauer scheint indessen das südliche Nubien nicht behauptet worden zu sein. Die drei starken Grenzfestungen von Elephantine im Süden, Daphne im Osten und Marea im Westen (Herod. II 30) bezeichneten im wesentlichen auch die Grenzen der ägyptischen Macht.

Der neue Staat, durch den so nach etwa zweihundertjähriger Anarchie noch einmal das Reich der Pharaonen wiederhergestellt wurde, war nur sehr teilweise ein nationaler. Die Dynastie selbst war, wie die Namen lehren, nicht ägyptischen Ursprungs, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach libysch. Die Mannschaften, welche die Fürsten von Sais hatten aufbieten können, sind zweifelsohne größtenteils Libyer gewesen; und die eigentliche Entscheidung verdankten sie Söldnern, die über das Meer herbeigekommen waren. Auch in der Folgezeit blieben die Ionier und Karer285, welche in den »Lagern« zwischen Bubastis und Pelusion an der am meisten gefährdeten Ostgrenze des Landes angesiedelt wurden [147] (Herod. II 154), die Hauptstütze des Thrones286, unter Apries war ihre Zahl auf 30000 Mann gewachsen (Herod. II 163). So haben die Könige von Anfang an eine viel freiere, schon sehr der der Ptolemäer gleichende Stellung, die sie weit über ihre Vorgänger erhebt. Offenbar mit voller Absicht behalten sie Sais als Residenz, wenngleich Memphis als älteste Landeshauptstadt hoch geehrt und gelegentlich auch in dem verfallenen Theben gebaut wird. Mit vollem Bewußtsein verfolgen sie eine umfassende Handelspolitik. Psammetichs Sohn Necho II. (609-594) sucht den Kanal vom Nil zum Roten Meer wiederherzustellen (Herod. II 158), er schickt eine phönikische Flotte aus, um Afrika zu umschiffen, die im dritten Jahre nach ihrer Abfahrt von Suez ins Mittelmeer zurückkehrte (Herod. IV 42). Auf dem arabischen wie auf dem Mittelmeere wird eine Kriegsflotte von Trieren gehalten (Herod. II 159). Mit den Griechen, die in früheren Zeiten nur als Seeräuber oder durch den Sturm verschlagen nach Ägypten kamen, jetzt aber bereits alle Küsten des Mittelmeeres in den Bereich ihres Handels zu ziehen suchen, werden rege Beziehungen angeknüpft; aus dem Verkehr mit ihnen entsteht die zahlreiche Kaste der Dolmetscher. Necho II. schickt Weihgeschenke nach Branchidä, zu seinem Sohne Psammetich II. kommt eine Gesandtschaft aus Elis (Herod. II 159f.), die ägyptischen Gottheiten (Epaphos, Isis) beginnen den Griechen bekannt zu werden. Allerdings während mit den in Kultur und Sitten den Ägyptern weit näher stehenden Asiaten seit Jahrtausenden ein reger Verkehr und gegenseitige Beeinflussung herrschte, bleiben die ganz anders gearteten und dabei unendlich regen und unternehmungslustigen Hellenen den Ägyptern fremdartig und verdächtig. Man begegnet ihnen mit Mißtrauen und legt ihnen Beschränkungen auf. Erst Amasis hat ihnen in Naukratis unterhalb von Sais einen Ort angewiesen, wo sie Grund und Boden erwerben und sich selbständig als Gemeinde organisieren konnten, während es dem griechischen Kauffahrer [148] verboten blieb, in einen der anderen Nilarme einzulaufen (Herod. II 178f.)287.

Nach innen trägt die Zeit der 26. Dynastie in jeder Richtung das Gepräge der Restauration. Man ist am Ende einer gewaltigen Krise angelangt und sucht nun die Zustände so wiederherzustellen, wie sie den herrschenden Anschauungen der Zeit gemäß vor alters gewesen waren, d.h. das abstrakte Ideal durchzuführen. Daher schließen sich die Ägypter mehr noch als früher gegen alles Fremde ab, beachten mit peinlicher Genauigkeit die Reinheitsgesetze; der Gott des Auslandes und der feindlichen Mächte, der bisher eifrig verehrte Seth, wird aus dem Pantheon ausgestoßen, sein Name und Bildnis überall ausgemerzt; auch die früher von den syrischen Nachbarn angenommenen Gottheiten, wie Astarte und 'Anat, verschwinden fast völlig. In der Religion greift man zu den ältesten Mustern zurück: die Totenformeln der Pyramidengräber leben wieder auf, der Kult der uralten Könige von Memphis, des Snofru, Cheops, Saḥurê' wird wieder eifrig betrieben. Die Kunst dieser Zeit ist durchaus archaisierend und erlebt noch einmal eine Periode der Nachblüte, die sich durch Zierlichkeit und Sauberkeit der Formen auszeichnet, aber begreiflicherweise aller Originalität entbehrt. Sogar in der Schrift bemüht man sich, soweit es möglich ist, die ältesten Muster nachzuahmen. Natürlich gelangt man auf diese Weise nicht zu der wenigstens relativen Schlichtheit und Natürlichkeit der ältesten Zeit zurück; das Erbe der jahrtausendelangen Entwicklung, das unendliche Zauber-und Formelwesen mit seiner langweiligen Systematik und seinen abgestorbenen Phrasen wird sorgfältig gehegt und immer weitergebildet. Das Ägypten, welches die Griechen kennenlernten, war eine wohl konservierte und gepflegte Mumie aus uralter Zeit und vermochte ihnen wohl durch seine Seltsamkeit und sein Alter zu imponieren und gelegentlich in Einzelheiten Anregung zu geben, war aber nicht mehr imstande, selbst zu neuem Leben zu erwachen.

[149] Unter der 22. Dynastie ist der Vorzug Amons noch anerkannt worden, so bei der in Bubastis begangenen Jubiläumsfeier Osorkons II. Dann aber, mit dem völligen Hinabsinken Thebens zu politischer Ohnmacht, tritt auch sein Gott wieder in die Stellung eines Lokalgottes zurück und verliert für das übrige Ägypten alle Bedeutung. Erhalten hat sich seine ehemalige Stellung außer in Theben nur noch in dessen Filialen, wie in Napata, so in den Oasen. Wie sehr aber hier die tiefen Gedanken des thebanischen Credo wieder verflacht sind, zeigt der große Amonshymnus am Tempel des Darius in Hibis in der großen Oase (vgl. Bd. II 2, 28)288. Hier hat Amon denn auch noch einmal eine große weltgeschichtliche Rolle gespielt, indessen nicht durch und für Ägypten, sondern durch die Griechen, bei denen seine geheimnisvolle Kultstätte in der Wüste mit ihrem untrüglichen Orakel über Kyrene seit Pindar zu steigendem Ansehen gelangt war. Lysander hat versucht, sein Orakel für seine politischen Ziele dienstbar zu machen; Athen hat, als Delphi diskreditiert war, von hier die Gottessprüche geholt, und so hat Alexander das Ammonium benutzt, um seiner Stellung als Weltherrscher die religiöse Weihe zu geben.

Für Ägypten ist das alles ohne Bedeutung. Soweit man hier in der Spätzeit überhaupt noch von universalen Gottheiten reden kann, sind es einerseits der Ptaḥ von Memphis, der Hephästos der Griechen, der in der alten Reichshauptstadt seine Stellung immer behauptet hat, andererseits Osiris und sein Kreis, und dann, aus dem Stier von Memphis hervorgegangen und mit Osiris verschmolzen, Sarapis, der Reichsgott der Ptolemäer. Über sie alle hinaus aber wächst jetzt Isis, die große Naturgöttin; sie wird in griechischer und römischer Zeit in stets steigendem Maße die Hauptträgerin der Propaganda der ägyptischen Kulte. Aber das Endergebnis der religiösen Spekulation und des Ringens um eine vertiefte Erfassung der Gottesidee ist schließlich doch nur dasselbe wie in so vielen gleichartigen religiösen Entwicklungen, daß dadurch auch die primitivsten Traditionen mystisch gedeutet und sanktioniert werden. In dieser Gestalt tritt uns die ägyptische [150] Religion seit der Restauration unter der 26. Dynastie und dann bei den Griechen entgegen; da steht für die Massen der ins Absurde gesteigerte Tierkult im Vordergrund, und alles ist von krassem Aberglauben und Zauberwesen überwuchert.

Daneben tritt jedoch noch eine ganz andersartige Richtung hervor. Sie nimmt diese Kulte und Formeln einfach als gegeben hin, legt aber das Schwergewicht auf die Ethik und damit auf den von dieser geschaffenen allgemeinen Gottesbegriff. Diese Ethisierung der Religion, die sich gleichzeitig in der semitischen Welt vollzieht, hat bei den Ägyptern so gut wie bei den Juden und Edomitern und bei den Aramäern eine Weisheitsliteratur geschaffen, in der die Unterschiede der einzelnen Religionen und Kulte ganz zurücktreten und in der daher auch ein Austausch ihrer Erzeugnisse möglich gewesen ist.

Auf sozialem Gebiete ist, wie die Angaben der Griechen es schildern, die Sonderung der Stände vollkommen durchgeführt. Die Priesterschaft hat sich kastenartig abgeschlossen und vererbt ihre Würde; neben ihr steht der vollkommen geschlossene Kriegerstand, der aus den Nachkommen der Ma besteht und in die Kalasirier und Hermotybier zerfällt (Herod. II 165ff.)289. Priester wie Krieger sind steuerfrei und im Besitz eines großen Teiles des Ackerlandes, das sie gegen eine feste Summe an die Bauern verpachten (Diod. I 74); der übrige Teil des Bodens ist königliche Domäne. Tief unter den beiden privilegierten Ständen steht die Masse des Volkes, die Ackerbauer und Gewerbetreibenden, die Kaufleute, endlich die Hirtenstämme des Delta (Gen. 46, 34, vgl. 43, 32), die vermutlich semitischer Abstammung sind, und die vom Fischfang lebenden Bewohner der Sümpfe des Delta (Herod. II 92, vgl. 37, Inschr. des Pi'anchi 151), die beide im übrigen Ägypten als unrein angesehen werden. In der Theorie mag auch hier der Grundsatz aufgestellt worden sein, daß jeder Stand eine geschlossene Kaste bilden solle; daß dieser Grundsatz praktisch nicht durchgeführt war, lehrt schon die Angabe Herodots II 47, daß die Schweinehirten als ganz unrein nur unter sich heirateten. Mithin waren den anderen Ständen Zwischenheiraten gestattet.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 145-151.
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