Das Reich Nebukadnezars II.

[170] Die Aufgaben, welche die neuen Herrscher von Babylon zu lösen hatten, waren vielfach und mühevoll. Als Nabopolassar das assyrische Joch abschüttelte, war ein großer Teil des Landes völlig verödet. Die Hauptstadt lag seit der Zerstörung durch Sanherib, deren Wirkungen durch Assarhaddons Wiederherstellung nur teilweise ausgeglichen waren, und seit der neuen Eroberung unter Assurbanipal im Kriege gegen seinen rebellischen Bruder großenteils in Trümmern. Die übrigen Städte des Landes hatten oft kaum weniger gelitten. Dem von den Naturkräften bewirkten Verfall vollends hatte niemand gewehrt. Die Kanäle und Deiche waren überall verfallen, die Pflanzungen und Parks von den Assyrern vielfach systematisch verwüstet, die Tempel und Paläste eingestürzt, die Städte nirgends in verteidigungsfähigem Zustande, am wenigsten die Hauptstadt selbst. Die Wirkungen nun gar, welche die ein volles Jahrhundert hindurch (745-648) mit solcher Erbitterung und so unheilvollem Ausgang gegen Assyrien geführten Kriege auf die Nationalität und den Bevölkerungsstand Babyloniens geübt haben müssen, lassen sich wohl ahnen, aber nicht irgendwie präzisieren. Die Blüte des altbabylonischen Volkes muß in diesen Kriegen nahezu vernichtet sein. Schon Nabopolassar hat mit der Restaurationsarbeit begonnen; wie wir aus den Inschriften seines Sohnes erfahren, geht die Anlage der gewaltigen Befestigungswerke Babylons auf ihn zurück, ebenso [170] die eines neuen Königspalastes. Der eigentliche Reorganisator aber ist Nebukadnezar II. (Nabukudurriuṣur, Ναβουκοδρόσορος u. var., רצארדכובנ und verschrieben רצאנדכובנ). Ihm standen die Hilfsmittel eines gewaltigen Reiches zur Wiederherstellung seiner Heimat zur Verfügung, und er war ein Fürst, dem an Tatkraft und Umsicht, abgesehen vielleicht von Sargon, dem großen Organisator des Assyrerreichs, keiner unter den Herrschern des Orients vor Kyros gleichgestellt werden kann. Daß er mit vollem Bewußtsein seine Aufgabe ergriff, lehrt der charakteristische Umstand, daß er in allen bis jetzt gefundenen Inschriften nur seine Bauten und sonstigen Werke, seine Frömmigkeit und Gerechtigkeit preist, von seinen Kämpfen aber durchaus schweigt. Die Länder und Völker »vom oberen bis zum unteren Meere« waren ihm seit dem Siege über Necho untertan; die Niederwerfung vereinzelter Aufstände schien ihm mit vollem Recht unwesentlich neben den großen Werken, zu denen ihn – wie einst sein Vorbild Chammurabi – die Götter berufen hatten309.

Die wichtigste Aufgabe war, das Land, namentlich für den mit Sicherheit zu erwartenden Krieg mit Medien, wieder in verteidigungsfähigen Zustand zu setzen. Zu dem Zwecke wurde Babylon mit einer doppelten gewaltigen Mauer umgeben. Die äußere Mauer, welche den Namen Imgur-Ellil führt, hat einen Umfang von 18 km gehabt. Nach Herodot (I 178) war sie 200 Ellen hoch und 50 Ellen breit und enthielt 100 Tore; vor ihr zog sich ein tiefer, wasserreicher Graben hin. Wie alle babylonischen Bauten war auch diese Mauer aus gebrannten Ziegeln errichtet und durch Asphalt gefestigt. Wie es scheint, war bei weitem nicht die ganze von der Mauer umschlossene Fläche bebaut, obwohl Berossos sagt, [171] Nebukadnezar habe der alten, von ihm wiederhergestellten inneren Stadt eine zweite, äußere hinzugefügt. Im wesentlichen aber entsprach die erste Mauer dem äußeren, von Forts gebildeten Festungsgürtel moderner Festungen. Die innere Stadt wurde von einer nicht viel schwächeren Mauer, die Nimitti-Ellil heißt, umschlossen. Auch längs des Flusses, der die Stadt in der Mitte durchschneidet, war eine starke Mauer errichtet, das Ufer durch Kaianlagen eingedämmt. Die beiden Teile der Stadt wurden durch eine auf steinernen Pfeilern ruhende Brücke verbunden, deren Gebälk bei Nacht weggenommen wurde. Nach Herodot hatte, um die Brücke zu bauen, der Fluß abgeleitet werden müssen. War so die Hauptstadt in eine, wie es schien, uneinnehmbare Festung verwandelt, so wurde als erste Verteidigungslinie gegen einen Angriff von Norden eine Mauer von 100 Fuß Höhe und 20 Fuß Breite, die sogenannte medische Mauer, oberhalb des nördlichsten vom Euphrat zum Tigris führenden Kanals von dem einen Strome zum anderen gezogen (Xen. Anab. I 7, 15. II 4, 12). Im übrigen dienten die beiden Ströme selbst und die zahlreichen Kanäle zugleich der Landesverteidigung; auch an kleineren Festungen wird es nicht gefehlt haben.

Unter den Werken des Friedens war die Wiederherstellung des verfallenen Bewässerungssystems und die Regulierung der Überschwemmung das wichtigste; von ihr hing der Wohlstand des gesamten Landes ab. Auch hier hat Nebukadnezar durchgreifend gewirkt. Das ganze Bett des Euphrat wurde reguliert und mit Deichen eingefaßt. Bei Sippara wurde ein großes Bassin nach Art des Mörissees zur Aufnahme und Verteilung des Überschwemmungswassers angelegt, dessen Umfang über zehn Meilen betrug. Den alten, völlig verfallenen Kanal Libil-Chegalla östlich von Babylon wiederhergestellt zu haben, rühmt sich der König selbst (I R. 52, 4); den großen, für Getreideschiffe fahrbaren Königskanal Naharmalka (bei Abyd. verschrieben Ἀρμακάλης) führt Berossos auf ihn zurück. Ebenso werden die drei anderen gleichfalls oberhalb von Babylon vom Euphrat zum Tigris führenden Kanäle auf ihn zurückgehen. Auch das Ufer des Persischen Meerbusens wurde durch Dämme gegen Sturmfluten geschützt. Daneben gehen [172] die Restaurationsarbeiten in den Städten her. Überall in Babylonien hat Nebukadnezar gebaut, vorwiegend natürlich in den Tempeln; von seinen Werken in Ur, Uruk, Larsa, Borsippa, Sippara, Nippur reden teils die großen Inschriften, teils die an den Orten selbstgefundenen Backsteine und Bauten. Vor allem aber ist das spätere Babylon fast ganz eine Schöpfung des großen Königs. Der Mauern und der großen Brücke wurde schon gedacht. In 15 Tagen, wie er selbst sagt und Berossos bestätigt, errichtete er sich einen prächtigen Palast neben dem seines Vaters. In dem zugehörigen weiträumigen Park ließ er, wie Berossos angibt, seiner medischen Gemahlin zuliebe die berühmten, von späteren Griechen der Semiramis zugeschriebenen »hängenden Gärten« anlegen. Am meisten rühmt sich der König seiner Tempelbauten. Denn er war ein frommer Verehrer der Götter, besonders des Marduk, des gewaltigen Herrn von Babel, und seines Sohnes Nebo, des Stadtgottes des benachbarten Borsippa, der auf seiner ewigen Tafel die Geschicke der Menschen verzeichnet. Ihre Tempel, Esagila in Babel und Ezida in Borsippa, wiederhergestellt zu haben, rühmt er sich durchweg an erster Stelle. Daneben hat er namentlich den großen terrassenförmigen Nebotempel, den »Tempel der sieben Sphären des Himmels und der Erde«, der bisher nur bis zum dritten Stockwerk aufgeführt war, vollendet.

So wirkte Nebukadnezar für seine Heimat. Von seiner Verwaltung der Provinzen wissen wir wenig; im allgemeinen wird sie der assyrischen nachgebildet gewesen sein. Die Masse der Untertanen war die Fremdherrschaft schon ein Jahrhundert lang gewohnt und hatte nur den Herrn gewechselt; nationale Empörungen waren hier nicht zu erwarten. Dagegen mußten Handel und Verkehr in der langen, durch die ägyptischen Kriege kaum gestörten Friedensperiode neu aufleben, die Folgen der Skytheninvasion wieder ausgeglichen werden. Die Wüstenaraber, besonders die Qedreer, verstand Nebukadnezar im Zaum zu halten wie Assarhaddon und Assurbanipal (Jerem. 49, 28ff.). Abydenus berichtet, daß er zum Schutze gegen die Araber die Stadt Teredon an der Euphratmündung angelegt habe. Diese diente jedenfalls auch Handelszwecken, namentlich für den Karawanen- und Seeverkehr [173] mit der ostarabischen Küste. Sein Ausgangspunkt war vor allem Gerrha, eine am Bahreinbusen wenige Meilen von der Küste gelegene Stadt, die von flüchtigen Chaldäern gegründet sein soll und namentlich Weihrauch nach Babylonien exportierte. Schon die Lage der Stadt zeigt, daß sie zunächst Landhandel trieb; doch berichtete Alexanders Zeitgenosse Aristobul, daß die Gerrhäer ihre Waren auch auf Flößen nach Babylonien brächten310. Ferner gehört dieser Epoche wahrscheinlich die Entwicklung eines Euphrathandels an. In früheren Zeiten war dieser in größeren Dimensionen schon um der politischen Verhältnisse willen unmöglich. In der Perserzeit aber bringen die Armenier ihre Waren auf Lederkähnen nach Babylon, nehmen dann, wie es auch jetzt noch gewöhnlich ist, ihre Boote auseinander und kehren zu Lande zurück; Thapsakos, der südlichste Ort auf dem rechten Ufer an der Grenze der Wüste, wird eine blühende Stadt, wo die Kaufleute den Euphrat passieren oder sich nach Babylon einschiffen311. Offenbar haben sich diese Verhältnisse unter dem neubabylonischen Reich angebahnt. Es wird damit zusammenhängen, daß Herodot berichtet, Nitokris (d.i. Nebukadnezar) habe dem früher geraden Lauf des Euphrat zahlreiche Krümmungen gegeben; offenbar versuchte man dadurch die Gewalt des Stromes, die das Aufwärtsfahren ganz oder fast ganz unmöglich machte, zu mäßigen. Daß die Beziehungen Babylons sich bis nach Griechenland erstreckten, lehrt der Umstand, daß ein adliger Mytilenäer, Antimenidas, des Alkäos Bruder, in Nebukadnezars Heere diente und einen gewaltigen Recken erschlug (Strabo XIII 2, 3). Daß die Handelsbeziehungen nach Osten in ähnlicher Weise entwickelt waren, müssen wir annehmen, wenn auch die Zeugnisse fehlen. Nur ein größerer Seehandel auf dem Persischen Meerbusen hat sich auch [174] in dieser Zeit noch nicht entwickelt. Sonst aber hat die Vereinigung Syriens und Babyloniens zu einem Reiche dem Welthandel auf Jahrtausende die Bahnen gewiesen; von Nebukadnezar bis auf die Mongoleninvasion ist die Hauptstadt Babyloniens die größte oder nahezu größte Handelsstadt der Welt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 170-175.
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