Neuere Bearbeitungen

[223] Mit SCALIGERS Versuch, die Chronik des Eusebius aus den Trümmern, in denen sie damals allein vorlag, wiederherzustellen (1606), beginnt die wissenschaftliche Behandlung der alten Geschichte in der Neuzeit. In den beiden folgenden Jahrhunderten haben zahlreiche fleißige Forscher das erhaltene Material zusammengetragen und geordnet. Ihre Arbeiten sind durch aus philologisch, nicht historisch. Die Schriftsteller des Altertums sind die Muster und Vorbilder, an denen die Neuzeit sich bildet; ihre Berichte sollen auch sachlich erläutert werden. Durch die Entwicklung der politischen Geschichtsschreibung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts wird auch in der alten Geschichte die antiquarische Behandlung überwunden, es bildet sich eine lebendige politische Auffassung, welche alle Seiten des nationalen Lebens in ihrer Wechselwirkung zu begreifen und daneben den universalen Zusammenhang der Geschichtsentwicklung zu erfassen strebt. Auch die Erkenntnis, daß man die Angaben der Alten nicht auf Treu und Glauben übernehmen, sondern vor allem sich über ihre Quellen und ihre Arbeitsmethode Klarheit verschaffen müsse,[223] beginnt sich geltend zu machen (HEYNE), so dürftig auch die ersten quellenkritischen Untersuchungen ausgefallen sind. Wieviel die vorkritische Epoche der Geschichtsschreibung auf dem Gebiete der alten Geschichte zu leisten vermochte, zeigen die trefflichen Arbeiten HEERENS366. Aber die Probleme, welche die ältere griechische (und römische) Geschichte bot, vermochte diese Behandlungsweise nicht zu lösen, ja oft kaum zu ahnen. Sie suchte wohl nach dem Schlüssel, namentlich auf mythologischem Gebiete, doch gefunden hat sie ihn nicht; über einen Rationalismus derselben Art, wie er im Altertum geherrscht hatte und gleichzeitig den biblischen Erzählungen gegenüber geübt wurde, ist sie nicht hinausgekommen.

Inzwischen hatte sich das Verhältnis nicht allein der Wissenschaft, sondern der modernen Bildung zum Altertum von Grund aus geändert. WINCKELMANN erschloß nicht nur die Herrlichkeit der antiken Kunst, er führte aus dem Staube der Buchgelehrsamkeit unmittelbar heran an die noch jetzt greifbar zu den Sinnen sprechenden Überreste des Altertums und erfüllte dadurch auch das Studium der klassischen Literatur mit neuem Leben. Die Philologie sah sich neue und höhere Ziele gestellt als das Wortverständnis der alten Autoren und die Feststellung des Sprachgebrauchs. Die große, von HERDER ausgehende, in der Romantik voll entwickelte literarische Bewegung drängte auf tieferes Verständnis des Volkstums durch Erforschung all seiner Manifestationen, vor allem seiner unbewußten Offenbarung in Dichtung [224] und Religion, Recht und Sitte. Überall strebte man hinaus über das bisherige nur an der Oberfläche haftende Verständnis; den innersten Pulsschlag historischen Lebens und historischer Entwicklung galt es zu belauschen. So ist die Philologie zur Altertumswissenschaft geworden. F. A. WOLFS kritische Geschichte der homerischen Dichtung, zugleich die erste Geschichte der antiken Philologie, bezeichnet ihren Anfang, A. BÖCKH, F. G. WELCKER, K. O. MÜLLER sind neben NIE BUHR ihre eigentlichen Begründer. Bei den umfassenden Zielen, die sie sich setzten, waren Mißgriffe im einzelnen kaum vermeidlich, und wo der letzte große Vertreter der alten exakten Philologie, G. HERMANN, ihre Ergebnisse bekämpfte, hatte er gewöhnlich recht. Aber der Fortschritt und die Zukunft der Wissenschaft lag nicht auf Seite des Alten, sondern in der neuen, mit Begeisterung ergriffenen Richtung. Ihre eigentliche Signatur jedoch erhielt diese durch ein noch weit allgemeineres Moment. Renaissance und Humanismus sind erwachsen aus der Wiederbelebung der hellenistisch-römischen Weltkultur und ihrer Übertragung auf die modernen Völker. Ermöglicht war das dadurch, daß diese Kultur universell war und das nationale Element nicht nur überwunden, sondern vollständig aufgehoben hatte. Die neue Kulturströmung, welche von England ausging und in der klassischen deutschen Literatur gipfelte, brach mit dieser Kultur und ihrer modernen Nachbildung; sie suchte das Ideal der Menschheit in dem alten echten Griechentum, das sie erst eigentlich entdeckt hat. Hier sah man das Vorbild, dem die moderne Kultur nachzueifern habe; diese alte, durch und durch nationale und festbegrenzte Kultur sollte wieder ins Leben gerufen und zum Bildungsferment der modernen Menschen gemacht werden. Ihre Erforschung, die Darlegung ihrer Ursprünge und ihrer Entwicklung erschien daher als die erste Aufgabe der neuen Altertumswissenschaft. Der Kultur Griechenlands trat die staatliche Entwicklung des alten Rom als politisches Vorbild zur Seite. Von der Kultur des Hellenismus und der Kaiserzeit wandte man sich mit Geringschätzung ab, hier vermochte man nur Verfall und Entartung zu erblicken, ihre weltgeschichtlich der klassischen Zeit mindestens gleichstellende Bedeutung, die ungeheure Wirkung, [225] welche diese Epochen auf alle Folgezeit ausgeübt haben und noch üben, blieben so gut wie unbeachtet. Nicht die Meister, wie NIEBUHR und BÖCKH, aber die Nachfolger haben sie vollständig vernachlässigt und lange Zeit auf jedes Verständnis derselben verzichtet. In seiner Zeit stand J. G. DROYSEN darin fast ganz allein. Zunächst freilich trat dieser Mangel gegenüber den glänzenden und befreienden Resultaten, welche die Altertumswissenschaft wie im Sturmlauf auf allen Gebieten gewann, noch ganz in den Hintergrund.

Die neue Bewegung hat auch die historische Kritik neu geboren. Sie ist ja überall Reaktion gegen den Rationalismus; es ist natürlich, daß sie die Wege wieder betritt, welche zu Ende des 5. Jahrhunderts der Kampf gegen den Rationalismus in Athen geöffnet hatte. B. G. NIEBUHR (1776-1831) ist es gewesen, der nach mehr als zwei Jahrtausenden die Erforschung der Vergangenheit auf die von Thukydides gezeigte Bahn zurückführte. Auch für die griechische Geschichte enthalten seine kleinen Schriften bahnbrechende Arbeiten; aber weit bedeutender noch war die befruchtende Wirkung, welche seine Römische Geschichte (1811) hier wie auf dem Gebiet der mittelalterlichen Forschung ausübte. Er ist nicht der Schöpfer der modernen Geschichtsschreibung – die ist nicht von einem Einzelnen geschaffen, sondern ein Erzeugnis der Epoche, das Resultat von Gedanken, die bei allen Führern des geistigen Lebens lebendig wurden –, wohl aber ihr erster großer bahnbrechender Vertreter. Mit Recht bezeichnet man sie als die kritische, doch mit Unrecht denkt man dabei zunächst an die literarische Kritik der Quellen, an das Streben, überall auf die ältesten und zuverlässigsten Nachrichten zurückzugehen und jede nicht genügend beglaubigte Nachricht zu verwerfen. Das ist nur eine, allerdings unentbehrliche Seite ihres Wesens, die Vorbereitung, nicht der Inhalt ihrer Aufgabe367. Das, wodurch NIEBUHR [226] in erster Linie gewirkt hat, ist der tiefe Einblick in die Gesamtentwicklung Roms, der Versuch, sie allseitig zur Darstellung zu bringen, aus den gesichteten Trümmern der Überlieferung die Vergangenheit wiederherzustellen – und darin wird er, trotz all seiner Mißgriffe, immer mustergültig bleiben. »Zu sagen, wie es eigentlich gewissen ist«, hat RANKE die Aufgabe der Geschichtsschreibung formuliert.

Das 19. Jahrhundert hat eine äußerst umfangreiche Literatur, wie auf dem gesamten Gebiet der Altertumswissenschaft, so speziell auf dem der älteren griechischen Geschichte hervorgerufen. Von größter Bedeutung ist die Erweiterung des Materials, vor allem durch die von BOECKH begründete Epigraphik368, sodann durch die Erschließung der Denkmäler (o. S. 202f.). Hier ist das Material in stetigem Wachsen begriffen; gerade die letzten Jahrzehnte haben ihm eine ungeahnte Erweiterung gebracht. Auch an Darstellungen der gesamten griechischen Geschichte fehlt es nicht; aber eine genügende Lösung der Aufgabe bieten trotz vieler Vorzüge selbst die bedeutendsten unter ihnen nicht. Zum Teil liegt das an dem komplizierten Charakter der Probleme und an der außerordentlichen Zersplitterung des Stoffs, an der Schwierigkeit, der lokalen Mannigfaltigkeit der griechischen Geschichte gerecht zu werden, zum Teil an der Eigenart der Schriftsteller. CURTIUS und DUNCKER haben die griechische Geschichte ungefähr [227] in derselben Weise geschrieben wie Ephoros, nur daß bei DUNCKER eine nüchterne, bei CURTIUS eine phantastische, oft zu unklarer Auffassung führende Behandlung der Dinge vorherrscht, daß jener ein tieferes politisches Verständnis erstrebt als dieser, sich aber dadurch zu Kombinationen verleiten läßt, welche weit über die durch die Beschaffenheit der Quellen gesteckten Grenzen hinausgehen. Politisches Verständnis und klare Einsicht in die Bedingungen historischer Erkenntnis besaß GEORGE GROTE, aber er schrieb die griechische Geschichte als Parteimann, und gerade diese Einsicht machte es ihm unmöglich, die Probleme der älteren griechischen Geschichte zu lösen. Er sah keinen anderen Ausweg, als auf den Standpunkt Phlegons zurückzukehren; mit Ol. 1 beginnt die Geschichte, vorher liegt die mythische Zeit des Legendary Greece. Gewaltige historische Erscheinungen wie die homerischen Epen und die mykenische Kultur werden dadurch aus der griechischen Geschichte hinausgewiesen, und der Versuch, sie historisch zu begreifen, für hoffnungslos erklärt. Dazu kommt der allen Darstellungen anhaftende Fehler, daß sie sich von den Zufälligkeiten der Überlieferung nicht emanzipieren können: wo uns reiches Material erhalten ist, erzählen sie mit einer Ausführlichkeit, die zu der Kürze, mit der andere gleich wichtige Epochen abgehandelt werden, in keinem Verhältnis steht. Dadurch wird die Darstellung ungleichmäßig, die wahren Proportionen des Objekts werden verschoben369.

Wie wir jetzt erkennen, ist der Klassizismus nur die Vorstufe gewesen für die Emanzipation der modernen Kultur vom Altertum überhaupt. Die Muster der hellenistisch-römischen Kultur hat man verworfen, der Versuch, die klassisch-griechische Kultur zum Vorbild zu erheben, hat sich auf die Dauer als undurchführbar erwiesen. Die moderne Kultur hat sich auf eigene Füße gestellt und gerade in der Zeit, wo die Altertumswissenschaft [228] zur höchsten Blüte gelangte, sich mehr und mehr zunächst innerlich, dann auch äußerlich ihr entfremdet. Die Beschränkung und Spezialisierung, welche, wie auf allen Gebieten des Wissens, so auch hier eintrat, hat dazu wesentlich beigetragen. Sehr zum Nachteil beider Seiten ist dadurch die Einheit der Geschichtswissenschaft nahezu völlig gesprengt worden; es gibt kaum noch Gelehrte, die, wie J. G. DROYSEN, in gleicher Weise in der alten und in der neuen Geschichte zu schaffen vermöchten, oder wie W. ROSCHER eine tiefe und wirklich lebendige Kenntnis der gesamten Geschichte besäßen und verwerteten. Dem Forscher auf dem Gebiete des Mittelalters und der Neuzeit fehlt in der Regel universalhistorisches Interesse und wirkliche Kenntnis des Altertums; im besten Falle beginnt für ihn die Weltgeschichte mit dem römischen Kaiserreich. Sehr bezeichnend dafür ist, daß der Versuch selbst eines RANKE, eine Weltgeschichte zu schreiben, vollständig gescheitert ist; das Altertum erscheint hier lediglich als eine mit wenigen Strichen skizzierte Vorhalle zur Geschichte der christlichen Zeit (vgl. o. Bd. I, 250.). Die Erforschung der alten Geschichte hat unter dieser Isolierung, die durch die lange vorherrschende Abneigung gegen die späteren Epochen noch vermehrt wurde, schwer gelitten; statt die Probleme in größerem Zusammenhange zu fassen und aus parallelen Erscheinungen Belehrung zu holen, hat sie prinzipiell verschmäht, über ihre Grenzen hinauszublicken. Es erscheint dringend geboten, daß die Geschichtsforschung sich hier wie überall wieder zu einem universaleren Standpunkt erhebt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 223-230.
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