Die griechischen Staaten im achten Jahrhundert

[403] Durch die wachsende Bedeutung des Handels haben sich die Machtverhältnisse der griechischen Welt verschoben: die Ackerbaugemeinden treten zurück, die Handelsstädte gewinnen die Führung. Im wesentlichen hat sich diese Verschiebung bereits vor der Mitte des 8. Jahrhunderts vollzogen. Bei den kleinasiatischen Griechen geht die Führerschaft von den Äolern auf die Ionier über; daß die Pflege der Heldendichtung aus Äolis an die ionischen Fürsten- und Adelshöfe wandert und ihre Sprache ionisch wird, ist ein Symptom dafür. Nur Mytilene auf Lesbos, auf einer durch einen schmalen Sund (Euripos) vom Hauptlande getrennten Felseninsel gelegen, mit zwei trefflichen Häfen, nimmt an dem maritimen Aufschwung teil und überflügelt daher alle anderen äolischen Städte. Von Kyme dagegen behaupteten die Griechen, erst nach dreihundert Jahren hätten die Einwohner gemerkt, daß die Stadt am Meere liege, und hätten Hafenzölle erhoben (Strabo XIII 3, 6). Es ist immer eine Landstadt geblieben, in deren Recht sich lange sehr primitive Institutionen hielten (Aristot. pol. II 5, 12), und daher auch von Verfassungskämpfen wenig heimgesucht worden; und in noch höherem Grade gilt dasselbe von den übrigen Äolerstädten. Dagegen sind die Ionierstädte die Hauptsitze des Handels mit dem Orient, zu Lande wie zur See. Sie ziehen den Handel mit der reichen lydischen Königsstadt Sardes an sich, dem Endpunkt der Hauptstraße nach dem inneren Asien, sie stehen mit den Phönikern und den übrigen Küsten des Orients im regsten Verkehr. Daher wird der Ioniername bei den Orientalen der Volksname für alle Griechen (Iawan – die Erhaltung des wau beweist, wie alt diese Stellung der Ionier ist). Die ionischen Städte waren die reichsten und mächtigsten der griechischen Welt, nirgends entwickelt sich das adlige Leben zu solcher Üppigkeit und solchem Glanz. An Zahl der Schiffe und der Rosse kann es ihnen niemand zuvortun. Auf der Messe zu Delos (o. S. 339) stellen sie ihre Waren zur Schau und entfalten ihre ganze Pracht. Auch im geistigen Leben übernehmen sie die Führung, weithin erstreckt sich ihr Einfluß. Der ionische Dialekt reicht über die [404] Kykladen nach Euböa und Attika hinüber, er dringt in Halikarnaß ein, er wird durch das Epos die älteste Literatursprache Griechenlands.

Die erste Stelle unter den Ionierstädten nimmt Milet ein, das durch seine treffliche (jetzt versandete) Hafenbucht und seine Lage gegenüber der Mäandermündung vor allen andern begünstigt war. Es ist der Haupthafen für das karische Binnenland. An der Propontis und dem Pontos gewinnt es sich ein weites ertragreiches Handelsgebiet. In der Besiedlungssage erscheint es daher als der Vorort Ioniens (o. S. 400). Doch konnten Städte wie Ephesos an der Kaystermündung, blühend durch die Fruchtbarkeit seines Gebiets und das wachsende Ansehen seines Artemisheiligtums, Kolophon mit seinem Ritteradel (o. S. 323), Magnesia am Mäander, Teos, die fruchtbaren Inseln Samos und Chios wohl mit ihm rivalisieren. An Kämpfen zwischen den einzelnen Städten fehlte es nicht, der Ionische Bund verlor dem Streit der Interessen und dem Streben nach Gebietserweiterung gegen über alle Bedeutung. Die Insel Samos, der Öffnung des Milesischen Golfes vorgelagert, war mit Milet tief verfeindet und lag überdies mit dem kleinen Priene, das sich an Milet anlehnte, über seine festländischen Besitzungen in fortwährendem Hader. Dagegen war Milet mit Chios befreundet und unterstützte es im Kampf gegen Erythrä, den festländischen Gegner von Chios (Herod. I 18, vgl. dazu Plut. virt. mul. 3. Hippias bei Athen. VI 259), Magnesia kämpfte erfolgreich gegen Ephesos (Kallinos bei Strabo XIV 1, 40). Nicht anders wird es im übrigen Ionien ausgesehen haben. Auch gegen die Nachbarn haben die Ionier ihr Gebiet erweitert. Phokäa, inmitten der äolischen Küste gelegen, kann nicht ohne Kampf gewonnen und behauptet sein. Die Kolophonier drangen durch das Binnenland ins Gebiet des Meles vor, einer bei Parteikämpfen aus Kolophon vertriebenen Schar gelang es, sich in Smyrna festzusetzen und die alte Äolerstadt, den Hafen für die Straße nach Sardes, dauernd zu behaupten605. Sie ist in den [405] Ionischen Bund aufgenommen worden. Im Süden rivalisieren die Dorier der Hexapolis, namentlich die rhodischen Städte, und die Karer mit den Ioniern. Von ihren Küstenburgen, wie Iassos, Bargylia, Karyanda, Keramos, ziehen die Karer auf Seeraub aus, als Reisläufer treten sie in den Sold eines jeden, der sie anwirbt (Archilochos fr. 40 Diehl); zugleich aber macht sich bei ihnen der stärkste Einfluß des Griechentums geltend: sie werden früh halb hellenisiert.

In Europa nimmt Euböa dieselbe Stellung ein. Die beiden Nachbarstädte Chalkis und Eretria sind im 8. und in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts die bedeutendsten Handelsstädte des europäischen Griechenlands. Weithin über die Insel und ihre Nachbargebiete erstreckt sich ihre Macht. Andros, Tenos, Keos waren von Eretria abhängig (Strabo X 1, 10, vgl. u. S. 433), Naxos und die Graer der Asoposlandschaft von Chalkis (u. S. 438ff.). Mit 3000 Hopliten, 600 Reitern, 60 Wagen konnten die Eretrier beim Fest der amarynthischen Artemis aufziehen (Strabo X 1, 10); die Macht von Chalkis war schwerlich geringer. Lange scheinen beide Städte befreundet gewesen zu sein; an der thrakischen Küste wie im Westen besiedelten sie dieselben Gebiete, wie es scheint nicht als Rivalen, sondern als Brüder. Dann bricht um so heftiger der Kampf aus; viele Jahre hat er getobt und die ganze griechische Welt in seine Kreise gezogen (u. S. 497f.). – Neben Euböa tritt das Isthmosgebiet hervor. Die Gemeinde Megara, ursprünglich ein vorgeschobener Posten der Dorier, die hier an der Grenze ihre Eigenart nur um so schärfer behaupteten, hat sich früh von Korinth losgerissen (o. S. 255). Die kleine Landschaft bot nur geringen Ertrag und konnte keine große Bevölkerung ernähren. Aber zwischen den Burgen Nisäa und Minoa besaß sie einen [406] geschützten Hafenstrand; die vorliegende Insel Salamis war in ihrem Besitz. So war sie für das südliche Böotien, für Eleusis und den Westen Attikas der natürliche Hafen. Bereits im 8. Jahrhundert beginnt der Adel der Hauptstadt Seefahrten zu unternehmen und Kolonien zu gründen. Aber bald erstand ihm im Süden ein Rivale, der es überflügeln sollte. Die Stadt Ephyra (Il. Z 152. 210) oder Korinth, welche die Einsenkung des Isthmos beherrscht, hat in alter Zeit keine größere Rolle gespielt. Erst als der Handel mit dem Westen begann und die Küsten Italiens und Siziliens erschlossen wurden, trat die Gunst ihrer Lage hervor. Wie es scheint, haben die Chalkidier der gefährlichen und langwierigen Fahrt um den Peloponnes den Übergang über den Isthmos vorgezogen; denn zwischen Chalkis und Korinth bestehen fortdauernd nahe und freundschaftliche Beziehungen. So ist Korinth unter der Herrschaft des bakchiadischen Adels (o. S. 317) zu einer blühenden Handels- und Industriestadt erwachsen: »das reiche Korinth«, ἀφνειὸς Κόρινϑος, nennt es der Schiffskatalog; von hier ist der Trierenbau ausgegangen (u. S. 495). Überall folgten die Korinther den Spuren der Euböer, vielfach haben sie die von diesen zuerst entdeckten Gebiete besiedelt. Im Euböischen Krieg trat Korinth auf die Seite von Chalkis. Außerdem stand es in engem Bunde mit Samos, während Megara bei Milet Anlehnung gesucht zu haben scheint.

Den Seestaaten gegenüber treten die festländischen Gebiete zurück. Argos, die Mutterstadt der dorischen Ansiedlungen auf Kreta und in Kleinasien, bleibt zwar eine volkreiche Stadt, die noch lange den Vorrang unter den peloponnesischen Staaten behauptet und offenbar auch kommerziell die kleineren Gemeinwesen beherrscht, aber an der maritimen Entwicklung Griechenlands nimmt es kaum noch Anteil. Auf Kreta bleibt der Ackerbau die Grundlage des Lebens; die Gestaltung der kretischen Gemeinden gestattete wohl Piraterie und kühne Seezüge, aber keinen organisierten Handel. So versinkt die ehemals so seemächtige Insel allmählich in volle Isolierung; bezeichnend dafür ist, daß allein Kreta von der weiteren Entwicklung der griechischen Schrift ganz unberührt geblieben ist. Auch die anderen griechischen [407] Staaten, können sich zwar der Einwirkung der kommerziellen Entwicklung nicht entziehen; sie streben ihre Produkte abzusetzen, gar mancher, der als Bauer nicht vorwärtskommt, sucht, wie Hesiods Angaben lehren, sein Heil in Schiffahrt und Handel; auch von den Achäern, Lokrern, Spartanern sind Kolonien ausgegangen. Aber in all diesen Staaten, im Peloponnes wie in Attika, Böotien, Thessalien, bleibt das Antlitz dem Festlande, nicht der See zugewandt. Ihr politisches Leben erschöpft sich in Fehden mit den Nachbarn, neben denen vielleicht jetzt schon gelegentlich innere Kämpfe zwischen den Adelsfaktionen einhergehen. Nur in Sparta haben diese Kriege zu einem bedeutenden Resultat geführt. Die Bürger von Sparta hatten sich zu Herren des ganzen Eurotastales und der Abhänge des Taygetos und Parnon gemacht, zum Teil gewiß nicht ohne harten Kampf. Die Angabe, daß die widerspenstige Stadt Helos nahe der Eurotasmündung von den Spartanern zerstört sei und von ihr die Leibeigenen den Namen Heloten erhalten hätten, wird wahrscheinlich richtig sein606. Die Küstenorte der gebirgigen Landzungen, welche bei Tänaron und Malea auslaufen, verloren ihre politischen Rechte und wurden zu Periökengemeinden. Nach allen Seiten beginnen die Spartaner jetzt erobernd um sich zu greifen, vor allem in dem Streben, neues Land zur Ausstattung der Bürgerschaft zu gewinnen607. Im oberen Eurotastale unterwerfen sie die arkadischen Gaue Aigytis und Skiritis und dringen auf den Rand der ostarkadischen Hochebene vor; das führt zu langwierigen Kämpfen mit Tegea608. Den Argivern suchen sie die kynurische Küste, den [408] steilen Abhang des Parnon und die Insel Kythera zu entreißen609. Nach Westen überschreiten sie den Taygetos und dringen in die fruchtbare messenische Ebene ein. Gegen Ende des 8. Jahrhunderts hat sich ein langer erbitterter Kampf zwischen den beiden dorischen Brudervölkern entsponnen610; endlich im zwanzigsten Jahre gelingt unter Führung des Königs Theopomp die Eroberung der Bergfeste des Ithome (Tyrt. fr. 4 DIEHL). Damit war der Krieg zu Ende611. Die Küstenorte scheinen meist die Stellung von Periöken [409] erhalten zu haben, einige wie Korone mögen sich auch noch eine Zeitlang selbständig behauptet haben612. In dem Gau Hyameia wurden die Messenier angesiedelt, welche auf spartanischer Seite gestanden hatten (Pausan. IV 14, 3). Das übrige Land, vor allem die große Pamisosebene wurde unter die Spartiaten verteilt. Die messenischen Bauern wurden zu Heloten; sie mußten »wie Esel das schwere Joch der Knechtschaft tragen« und ihren neuen Herren die Hälfte des Bodenertrags zinsen (Tyrt. fr. 5). So kam Sparta in den Besitz der fruchtbarsten Landschaft des Peloponnes und wurde Herr eines Landgebiets, das an Umfang und Wert den jedes anderen griechischen Staats (abgesehen von Thessalien) weitaus überragte. Zugleich wurden die Spartaner dadurch Nachbarn der Elier, die in gleicher Weise gegen die Pisaten und Triphylier vorgingen (o. S. 213). Zwischen beiden Staaten bildete sich fortan eine enge Interessengemeinschaft; wie früher die Messenier nahmen seit 720 die Spartaner eifrig teil an den Spielen von Olympia, deren Ansehen sich in dieser Zeit auch schon über den Norden des Peloponnes verbreitete; in den Jahren 728 und 724 finden wir Korinther, 720 und 704 Megarer, 712 und 708 Epidaurier und Sikyonier als Sieger verzeichnet.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 403-410.
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