Usurpation der Monarchie

[562] Die älteren Phasen der griechischen Ständekämpfe sind für uns fast überall verschollen. Beredter als vereinzelte Erwähnungen von Parteikämpfen in Ionien, Euböa, Thasos, Sparta in der zeitgenössischen Literaturberichten die neuen Ordnungen, zu denen sie geführt haben, von ihrer Intensität und ihrem Verlauf. Nur in schweren politischen Kämpfen ließ sich ein Ausgleich gewinnen, völlig wird der Gegensatz, wenn überhaupt je, so erst nach Jahrhunderten überwunden. Eben dadurch aber gelangt die Individualität auch im politischen Leben zu maßgebender Bedeutung. Der Staat wird herausgerissen aus den traditionellen Banden. Nur im Kampf kann die Einzelpersönlichkeit sich voll und frei entfalten; gleichförmige befriedete Zustände ohne große Aufgaben, wie sie das Mittelalter besaß und das Ende der Entwicklung, das römische Reich, wieder bringt, gewähren ihr keinen Spielraum, da verzehrt sich grade die bedeutendste geistige Kraft in sich selbst in vergeblichem Ringen mit den übermächtigen gefesteten Verhältnissen. Mit dem 7. Jahrhundert ist in Griechenland das selbständige politische Leben erwacht. Die ersten Stadien seiner Entwicklung, die ersten Ausgleichsversuche haben wir kennengelernt. Nur in wenigen Fällen haben sie bereits zum Ziele geführt. Von den größeren Staaten, die für den Fortgang der Geschichte in Betracht kommen, hat nur Sparta damals die Form gefunden, die seinem Staatswesen dauernd das Gepräge verleiht, weil es ein erobernder Staat war, der die innere Bewegung nach außen ablenkte. In den meisten anderen Staaten ist die Festlegung des Erreichten nur die erste Etappe auf der fortschreitenden Bahn gewesen. Was erreicht ist, befriedigt niemanden; sofort erheben sich neue Ansprüche und ein neuer Kampf um die Behauptung und Fortbildung des Errungenen.

In den meisten griechischen Staaten hat der innere Hader zur Usurpation des Regiments durch das mächtigste und rücksichtsloseste der Parteihäupter geführt. Bald mit dauerndem, bald höchstens mit ephemerem Erfolg wird wieder und wieder der [562] Versuch unternommen, das Königtum erneut aufzurichten. Die Zustände, aus denen die Usurpation erwächst, lehrt uns die zeitgenössische Literatur vielfach kennen. »Wir treiben mit eingezogenen Segeln aus dem melischen Meer durch die dunkle Nacht«, sagt ein unbekannter Dichter – gewiß nicht Theognis –; »das Wasser wollen sie nicht ausschöpfen, obwohl das Meer über beide Planken schlägt; schwer wird sich jemand retten, wie sie verfahren. Den einsichtigen Steuermann haben sie abgesetzt, das Geld rauben sie mit Gewalt, die Ordnung hat aufgehört, eine gerechte Verteilung808 findet nicht mehr statt, die Packknechte gebieten, das Gesindel (κακοί) ist den Guten überlegen. So wird, fürchte ich, die Welle das Schiff verschlingen« (Theogn. 667ff.). Der arme Dichter klagt, daß er seinen mächtigen Standesgenossen gegenüber den Mund nicht auftun darf. So »spricht er zu den Guten in Rätseln; aber auch ein Schlechter kann es verstehen, wenn er Einsicht hat«. Ebenso schildert Theognis die Lage in Megara, Solon die in Athen. Der Kern der Bürger ist vielleicht noch unverdorben (Theogn. 41), aber die herrschenden Klassen sind korrupt, sie beugen das Recht und sehen nur auf ihren Vorteil, die Parteiführer verderben das Volk und verfolgen nur ihre ehrgeizigen Absichten, die reich gewordenen Emporkömmlinge, die »Schlechten«, streben nach Macht, das Gesindel nach Reichtum, die unwissenden Bauern auf dem Lande wollen, des unerträglichen Druckes müde, sich zu Herren der Stadt machen. »Die Stadt ist schwanger, ich fürchte, sie wird einen Mann gebären, der unseren Frevel richtet«, sagt Theognis. Nicht anders wird es in den ionischen Städten, in Korinth, in Sikyon ausgesehen haben. Es sind die politischen Wirkungen der großen sozialen Umwälzung.

Die Usurpatoren sind bisweilen Männer aus dem Volk, meist aber ehrgeizige Adlige, die sich zu Höherem berufen glauben als [563] ihre Standesgenossen, die vielleicht auch durch persönliche Konflikte mit den herrschenden Familien zerfallen waren und nun an der Spitze des Demos die Stellung zu gewinnen suchen, die ihnen zukommt. Sie fühlen sich befähigt, die inneren Kämpfe zu endigen und die Wunden des Gemeinwesens zu heilen. Mehrfach haben sie in amtlicher Stellung, in der Regel aber als Führer der populären Parteien im Kampf mit dem Adel nach der Krone gegriffen. Der Usurpation kommt eine mächtige Strömung in den Massen entgegen. Wo das aristokratische Regiment versagt und im Parteihader zugrunde geht, war die Hoffnung berechtigt, die erneuerte Königsgewalt werde, weil sie über den Parteien steht und mächtig auf sich selbst ruht, imstande sein, die Interessen der Gesamtheit zu vertreten und die Gegensätze auszugleichen. Vielfach hat sie diese Aufgabe erfüllt. Überall treten die Tendenzen, welche die neuen Rechtsordnungen beherrschen, nochmals und in verstärktem Maße in dem neuen Königtum in Wirksamkeit. Es hat keineswegs eine radikaldemokratische Tendenz. Die Bauernschaft wird emanzipiert, aber in Schranken gehalten, staatliche Ordnung und bürgerliche Zucht streng durchgeführt. Wo es Wurzel geschlagen hat, blüht das Gemeinwesen glänzend auf. Die Kräfte, die sich bisher in inneren Fehden verzehrten, können sich nach außen entfalten, Aufschwung des Handels und Kolonialgründungen, Entwicklung der Kriegsmacht, daneben ein glänzender Hofhalt, große Bauten, Pflege der Religion und der Kunst bezeichnen die neue Monarchie. In ihnen sucht sie zugleich feste Stützen für ihre Macht zu gewinnen. Aber auf die Dauer hat sie sich nirgends zu behaupten vermocht. Ihr fehlt die Weihe der Legitimität, welche zu allen Zeiten allein der Monarchie Bestand verleihen und ihr über die Gebrechen, die ihr anhaften, hinweghelfen kann. Eine Monarchie läßt sich sowenig künstlich schaffen wie ein Adel. Wie das römische Kaiserreich hat auch die griechische Tyrannis den Charakter der Usurpation nie abstreifen können, ein Treueverhältnis der Untertanen vermag sie nicht zu erzeugen. Wohl hat sie nicht nur Diener, die der Vorteil an sie fesselt, sondern auch überzeugte Anhänger; und nicht wenige werden gedacht haben, was ein Dichter ausspricht: »Unterstütze [564] nie einen Tyrannen, um persönlichen Vorteil zu gewinnen, aber töte ihn nicht, wenn du ihm Treue geschworen« (Theogn. 823). Dem gegenüber stehen jedoch nicht nur die Anhänger der gestürzten Regierung und die Ehrgeizigen, die dasselbe Ziel erreichen möchten, sondern auch die Idealisten, welche in dem Herrscher nur den Usurpator sehen, der frevelnd das Recht gebrochen und dem Staat die Freiheit geraubt hat. Auf die Dauer hat diese Anschauung den Sieg davongetragen, und die Folgezeit beherrscht sie vollkommen. Der Tyrannenmord gilt den Griechen nicht als Verbrechen, sondern als die höchste und edelste Tat des Bürgers. Dazu kommt, daß mit der Zeit die Verhältnisse sich verschieben; den Segen des neuen Regiments empfindet man nicht mehr, wohl aber seine Nachteile, die Beschränkung der Freiheit, die Schattenseiten und Ausschreitungen des persönlichen Regiments. Die Mittel, durch die der Usurpator sich behaupten muß, üben auf weite Kreise einen schweren und fortwährend sich steigernden Druck, Aufstände und Mordversuche werden mit harten Strafen geahndet. So sind auch die am festesten gegründeten der neuen Monarchien nach zwei oder drei Generationen erlegen. Nicht selten wiederholt sich dasselbe Schauspiel mehrmals hintereinander. Denn mit dem Sturz des Gewalthabers beginnen die Parteikämpfe aufs neue: der Adel macht den Versuch, seine alte Stellung wiederzugewinnen, der Demos sucht in den Vollbesitz der Gewalt zu gelangen. – Im Mutterlande hat sich auch diese Entwicklung noch ungetrübt durch äußere Einflüsse vollzogen; in Kleinasien dagegen verschlingt sie sich bereits mit der großen, die gesamte Kulturwelt umfassenden Politik, in die Ionien durch das Entstehen der lydischen Macht hineingezogen ist.

Von den Usurpatoren, die im 7. und 6. Jahrhundert in Griechenland überall hervorgetreten sind, sind nicht wenige völlig oder bis auf den leeren Namen verschollen. Aber die durch ihre Persönlichkeit und ihre Machtstellung bedeutendsten lebten in der Erinnerung fort: es sind die ersten politischen Individualitäten in der griechischen Geschichte. Freilich nur den Totaleindruck, den sie auf die Zeitgenossen gemacht haben, nur die allgemeinen Umrisse ihrer Persönlichkeit hat die Tradition bewahrt, nicht [565] selten in verzerrter Gestalt, und dazu einzelne Erzählungen, in denen ihr Wesen, die Art ihrer Herrschaft, die Gegensätze der usurpierten Gewalt und der legitimen Zustände grell hervortreten. Nicht in echter geschichtlicher Überlieferung leben sie fort – die äußeren Umstände sind gleichgültig und verschieben sich, manche Erzählungen werden von dem einen auf den anderen übertragen –, sondern in charaketeristischen und interessanten Anekdoten, als Illustrationen für den Wandel des Schicksals, für die Sätze der politischen Moral und der Lebenserfahrung. Das stets sich steigernde Interesse der Zeit am Individuellen und Außergewöhnlichen hat sie gestaltet und erhalten; mit Recht hat man sie als Novellen bezeichnet (o. S. 205f.). Der Versuch, die politischen Zusammenhänge und den Hergang auch nur der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit im einzelnen zu ermitteln, ist daher notwendig aussichtslos809.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 562-566.
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