Die Etruskerherrschaft in Italien

[647] Um dieselbe Zeit vollzieht sich in Italien die Begründung einer einheimischen Macht. Der Wohlstand der etruskischen Städte war seit dem Eindringen des griechischen Handels ständig gewachsen, die heimische Industrie, durch die griechischen Muster bereichert und gefördert, machte ununterbrochen Fortschritte und exportierte ihre Erzeugnisse, namentlich die Kupferarbeiten für alle Bedürfnisse des Haushalts, aber ebenso z.B. goldbeschlagene Schalen, ferner etruskisches Schuhwerk und das Eisen von Elba (Aithalia), nicht nur zu den übrigen italischen Stämmen und nach Norden weit über die Alpen, sondern auch nach Griechenland (Kritias eleg. 1, 7). Mit den Kymäern und vermutlich auch mit den sizilischen Griechen bestanden rege Handelsverbindungen, Milet vertrieb seine Waren über Sybaris nach Etrurien, Korinth seine Vasen, die phokäischen Kaufleute suchten die etruskischen Küsten auf. Daneben gingen seit alters feindliche Berührungen einher. Je weniger die Griechen daran denken konnten, sich an den Küsten Etruriens festzusetzen, desto ungehinderter konnten die Etrusker sich ihrer alten Neigung zum Seeraub – der natürlich [647] auch von griechischen Piraten vielfach betrieben ward – hingeben. So bildete sich hier ein scharfer nationaler Gegensatz. Es ist begreiflich, daß als Gegengewicht gegen die Griechen die Karthager in den etruskischen Häfen freundliche Aufnahme fanden. Seit dem 6. Jahrhundert mehrt sich aufs neue der phönikische Import in Mittelitalien: in Präneste, Caere, Volci finden sich in den Gräbern aus dieser Zeit zahlreiche karthagische Waren (vereinzelt auch in Kampanien), darunter eine große Silberschale mit Imitation ägyptischer Darstellungen und dem Namen des karthagischen Künstlers (oder Besitzers?) Ešmunja'ir, Sohnes des 'Ašto945. Unter den Etruskerstädten tritt in unseren Berichten die südlichste Küstenstadt Caere am meisten hervor, von den Griechen mit dem phönikischen Namen Agylla, »die Runde«, bezeichnet, den die Karthager ihr gaben; einer ihrer Hafenorte führt den Namen Punicum nach den Kaufleuten, die hier landeten. Bei den Griechen wird Caere gerühmt, weil es keinen Seeraub getrieben habe (Strabo V 2, 3); es war die bedeutendste Handelsstadt Etruriens. Kaum weniger mächtig und glänzend waren nach Ausweis ihrer Mauern und Gräber seine Nachbarn Tarquinii und Volci, vielleicht auch weiter nördlich Vetulonia, Rusellae, Volaterrae, und die über ein ausgedehntes fruchtbares Gebiet herrschenden Binnenstädte Volsinii, Clusium, Cortona, Arretium, Perusia und dicht an der Latinergrenze nahe der Tiber Veji946.

Der Aufschwung Etruriens führte zu einer Expansion des Volkes. Die etruskischen Adligen liebten den Lebensgenuß mindestens ebensosehr wie ihre ionischen Standesgenossen, aber die spätere Verweichlichung war noch nicht eingetreten. Sie geboten über reiche Mittel und eine große Gefolgschaft, kriegerische Ausbildung und vortreffliche Waffen machten sie den benachbarten Bauernschaften überlegen; so zogen sie auf Beute und Eroberungen aus. Nur ausnahmsweise, wenn überhaupt, werden derartige Unternehmungen von der Gesamtheit des etruskischen Bundes ausgegangen sein, häufiger von den einzelnen Städten und ebensooft [648] vielleicht von einzelnen Adligen. Auch an Fehden unter den Etruskern selbst hat es niemals gefehlt. Ob die Ausbreitung in die Poebene, die Besetzung von Adria und Spina (o. S. 634) schon in diese Zeit fällt, ist mit Sicherheit nicht zu entscheiden; nach Süden dagegen sind die Etrusker seit dem Ende des 7. Jahrhunderts stetig weiter vorgedrungen. Schon das südliche Etrurien mit Ausnahme von Falerii haben sie ja durch Eroberung gewonnen (o. S. 463. 465); jetzt wurde mit den Latinern um die Tibergrenze gekämpft. Zwischen den Grenzstädten Veji und Rom ging die Fehde ununterbrochen, namentlich um den Besitz Fidenaes, der festen Position am linken Tiberufer gegenüber der Mündung des Bachs von Veji, der Cremera, das Veji ebenso eifrig zu gewinnen wie Rom zu behaupten suchte. Aber auch andere Städte haben an dem Kampfe teilgenommen. Etwa um 600 v. Chr. wurde Rom von den Etruskern erobert. Seitdem gebietet in Rom ein etruskisches Königsgeschlecht, die Tarquinier – der Name zeigt, daß die Römer mit Recht seine Heimat in Tarquinii suchten947. Ihren etruskischen Ursprung hat die römische Überlieferung, so sehr sie sonst die Spuren der Fremdherrschaft zu verwischen sucht, nicht bestreiten können. Sie denkt sich die Tarquinier als mächtige Herrscher, deren Macht sich weithin über Latium ausdehnt, und schreibt ihnen die Einführung etruskischen Prunks zu, des elfenbeinernen Königsstuhls, des Triumphzugs. Die ganze weitere Entwicklung der römischen Kultur steht unter etruskischem Einfluß. Die vornehmen Knaben sollen in etruskischer Sprache und in etruskischer Weisheit unterrichtet worden sein (Liv. IX 36), nicht wenige etruskische Götter haben in Rom Eingang gefunden, die etruskische Eingeweideschau und Blitzlehre, die Lehre von der Weihung des »Templum« sind hier heimisch geworden. Ein sehr großer Teil der römischen Namen ist etruskisch, in der Schrift hat man nach etruskischem Vorbild das Zeichen »k« aufgegeben und verwendet dafür das c, obwohl die Römer anders [649] als die Etrusker in der Aussprache den G- und den K-Laut scheiden. Man sieht, wie lange und wie viel Etruskisch in Rom geschrieben worden ist. Auch große Bauten werden, gewiß mit Recht, auf die Tarquinier zurückgeführt, so der Abzugskanal, welcher den Sumpf zwischen Kapitol und Palatin trockenlegte, das Staatsgefängnis, der in etruskischem Stil erbaute Tempel auf dem Kapitol, die Stadtmauer. Die Servianische Mauer freilich, welche die Tradition in diese Zeit setzt, umschließt die Großstadt der Samnitenkriege, welche sich anschickt, Italien zu erobern, und ist gewiß erst in dieser Zeit entstanden; aber die Vierregionenstadt, die auch einmal ihre Mauern gehabt haben muß, wird der Tarquinierzeit angehören, ebenso vielleicht der vorgeschobene Wall über den Höhenrücken des Quirinal (agger Servianus)948. Rom war eben eine etruskische Königsstadt geworden; seine Herrscher suchten es denen der anderen Etruskerstädte gleichzutun, hinter denen sie an Macht nicht zurückstanden. Der Erfolg der Tarquinier verführte andere etruskische Kriegshelden, ein gleiches zu versuchen. Die etruskische Sage erzählt von einem Abenteurer Caeles Vibenna, der mit seinen Scharen in Etrurien umherzieht und nach mannigfachen Schicksalen schließlich, wie es scheint, den Untergang findet. Die Wandgemälde eines Grabes aus Volci aus der Blütezeit der etruskischen Kunst (etwa 3./2. Jahrhundert v. Chr.) zeigen uns die Befreiung des Caeles Vibenna (Caile Vipinas) aus der Gefangenschaft durch seinen treuen Genossen Mastarna (Macstrna) und seinen Bruder Aulus Vibenna (Avle Vipinas) als Gegenstück zu der Opferung trojanischer Gefangener für Patroklos, und daneben die Ermordung des »Römers Gnaeus Tarquinius« (Cneve Tarchunies Rumach) durch Marcus Camiternas (Marce Camitrnas) als Gegenstück zu dem Brudermord des Eteokles und Polynikes, ein Beweis, wie lebendig diese Sagen bei den Etruskern waren. Die Gestalt des Caeles Vibenna ist von Varro aufgegriffen worden, um von ihm die Namen des »mons Caelius«, eines Hügels [650] im Süden des Stadtgebiets, und der »Tuskergasse« (vicus Tuscus) zwischen Palatin und Kapitol – in Wirklichkeit offenbar der Straße, wo die etruskischen Kaufleute ihr Quartier hatten – abzuleiten; Varro und seine Nachfolger lassen ihn daher dem Romulus zu Hilfe ziehen. Kaiser Claudius aber, der selbst eine etruskische Geschichte geschrieben hat, erzählt in einer Rede, der römische König Servius Tullius sei nach etruskischer Überlieferung identisch mit Caelius' treuem Genossen Mastarna, habe nach dessen Untergang die Reste seines Heeres aus Etrurien geführt, den »mons Caelius« besetzt und das Königtum in Rom gewonnen. Die Gleichsetzung des Servius Tullius mit Mastarna ist wohl nur Kombination; aber wahrscheinlich ist es immerhin, daß der Usurpator, den die römische Sage zwischen Tarquinius dem Vater und dem Sohn regieren läßt – sie macht ihn um des Namens willen zu einem ehemaligen Sklaven oder Kriegsgefangenen –, etruskischen Ursprungs war949. Wohl mit Recht wird auf ihn die Organisation des römischen Bürgerheers – denn das ist die sogenannte Servianische Verfassung – zurückgeführt. Auch von anderen etruskischen Eroberern berichtet die römische Sage, so von dem blutdürstigen Tyrannen Mezentius von Caere, der in die Äneassage verflochten [651] wird950. Dagegen scheinen die Eroberungen des Porsena von Clusium erst in die Zeit nach dem Sturz der Tarquinier zu gehören (u. S. 753)951.

Auch südlich von Rom begegnen uns die Spuren der Etrusker. Bei Tusculum auf den Höhen des Latinergebirges bezeugt der Name den Ursprung. Ausführlich hatte die Ausdehnung der Etruskermacht »fast über ganz Italien« Cato dargelegt, speziell ihre Herrschaft über die Volsker eingehend erwiesen (fr. 62 Serv. ad Aen. XI 567). Wie die Volsker im Gebirge, wird ihnen auch die Küste untertan gewesen sein. So stand ihnen der Weg nach Kampanien offen. Die reichste und lockendste Landschaft Italiens wurde von ihnen erobert, Capua und Nola wurden Etruskerstädte952. [652] Undenkbar wäre es nicht, daß die Etrusker zur See an die Volturnusmündung gekommen sind, aber weit wahrscheinlicher ist ein Vordringen zu Lande. Cato hat die Besetzung Capuas durch die Etrusker 260 Jahre vor die Einnahme durch die Römer gesetzt, d.i. wahrscheinlich um 600 v. Chr.; das wäre ungefähr dieselbe Zeit, in der Tarquinius die Herrschaft über Rom gewann. Von Capua aus haben die Etrusker den Süden der kampanischen Ebene mit der Hauptstadt Nola besetzt; von hier aus sind sie an die Küste vorgedrungen. Herculaneum und Pompei am Fuß des Vesuv werden als etruskisch bezeichnet, ebenso ein verschollener Ort Marcina am Golf von Salerno953. So war das Opikerland, das Gebiet des südlichen Zweiges der Ausoner, bis an die Grenze der sybaritischen Stadt Posidonia ihnen untertan. Dagegen sind alle Versuche gescheitert, auch Kyme zu bezwingen und das phlegräische Hügelland zu erobern (u. S. 750). – Eine Wirkung der Etruskerherrschaft in Kampanien ist es wahrscheinlich, daß die sabelli schen Stämme im Binnenlande die Schrift von den Etruskern entlehnt haben.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 647-653.
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