Die neue religiöse Strömung und die Mysterien

[672] Mit den Anfängen des Rationalismus ist die Grenze erreicht, innerhalb deren sich die alte Religion überhaupt noch behaupten läßt. Die geistigen Führer der Nation haben sich ein religiöses Ideal geschaffen, welches die Volksreligion von Grund aus umgestaltet. Die alten, sittlich nicht, wohl aber lokal und physisch mannigfach gebundenen Götter haben sich in universelle ethische Mächte umgewandelt, die hoch oben im Olympos thronen, untertan einer festen, unverbrüchlichen Ordnung, die sich in dem Götterkönig verkörpert. Damit verflüchtigt sich, so wenig man sich dessen auch bewußt ist, zugleich ihre Individualität: sie alle sind nichts anderes als Träger der einen, zugleich kosmischen und ethischen göttlichen Macht (o. S. 552). Die Athene, zu der Solon betet, der Zeus die Herrschaft über Athen übertragen hat, ist von der homerischen fundamental verschieden; sie ist lediglich die Vollstreckerin des Willens ihres göttlichen Vaters. Indem jetzt auch die heilige Geschichte vor den religiösen Forderungen nicht mehr standhält, ist der überlieferten Religion überhaupt die Axt an die Wurzel gelegt. Ausgleichsversuche mögen noch viele gemacht werden; doch die Konsequenz läßt sich nicht mehr aufhalten, die Zeit ist nicht fern, wo der Bruch mit der gesamten Überlieferung offen erklärt wird. – Aber die geistig fortgeschrittenen Kreise sind nicht mehr die einzigen Träger der Entwicklung des griechischen Volkes. Durch die Emanzipation der unteren Stände sind die Massen auch auf religiösem Gebiete aus der Passivität herausgetreten. Die dadurch geschaffene Umgestaltung und Erweiterung der Kulte, die Steigerung der Frömmigkeit haben wir schon kennengelernt. Doch auch dem Volke genügt die überkommene Religion nicht mehr; es braucht eine kräftigere religiöse Nahrung. Dieselbe Zeit, welche den Rationalismus geschaffen hat, erzeugt eine tiefe religiöse Bewegung in den Massen. Scheinbar bewegen sich beide Strömungen in entgegengesetzter Richtung; und doch erstreben sie nicht nur dasselbe Ziel, die Ersetzung des unbrauchbar gewordenen Alten durch eine neue Religion, sondern sie entspringen auch derselben Wurzel. Der Individualismus, [673] der Staat, Literatur, Kunst umgestaltet hat, ergreift auch die Religion. Man bedarf einer persönlichen Verbindung mit der Gottheit, jeder einzelne will zu ihr in Beziehung treten, sich ihre Gnade sichern; der erwachende Unsterblichkeitsglaube (o. S. 553) fordert religiöse Garantien auch für das Jenseits; er ruft alle Schrecknisse ins Leben, mit denen die menschliche Phantasie die unerforschbaren Zustände nach dem Tode umgibt, die Schauer der trostlosen Verlassenheit der in ewiger Nacht dahinwandelnden Seele und die Angst vor einer Vergeltung, vor einem drohenden Gericht. Der Geschlechtskult, auf dem ehemals die Existenz des einzelnen Familiengliedes beruhte, versagt hier um so mehr, je mehr der Geschlechtsverband seine praktische Bedeutung verliert; er wird eifrig weiter betrieben, weil er überliefert ist, aber er kann nicht mehr erwärmen, es sei denn, daß er seinen Verehrern einen geheimnisvollen Segen verkündet, wie dem attischen Geschlecht der Lykomiden der Kalt in Phlya. Die Staatsgötter sichern wohl die Dauer und das Gedeihen der Gemeinde, aber eben darum leisten sie dem Einzelnen nicht genug. Noch weniger genügt das Lebensideal, welches einen Solon befriedigt. Schon bei Hesiod ist das Leben ein Elend; seit das Denken und der Individualismus erwacht ist, ist es erst recht zu einer schweren Bürde geworden, deren Druck man bei der Unbeständigkeit des Geschicks doppelt empfindet975; und hinter ihm lauert der Tod und die trostlose Schattenexistenz im Hades. Erlösung ist es, was man von der Religion fordert, Befreiung des gedrückten Ichs, Durchdringung mit der Gottheit, einen festen Halt für dieses und jenes Leben, den nur der Glaube gewähren kann. Diese Bedürfnisse können die Olympier nicht befriedigen: der Sieg der epischen Anschauung, der sie in die seligen Regionen des Himmels erhebt, entrückt sie den Menschen. So wendet sich das religiöse Bedürfnis des Volkes zurück zu den Formen der alten, längst überwundenen Naturreligion, zu den Göttern, die mit und in den Menschen leben und leiden, zu Dionysos, Demeter, Persephone und ihren zahlreichen Verwandten. In den Bauernkulten haben sich die alten Formen[674] erhalten; in ihnen steigt die Gottheit zu den Menschen herab. Wohl kann auch der Staat und der Blutsverband der Träger ihres Dienstes sein, aber zunächst wenden sie sich an die durch freiwilligen Zusammenschluß ihrer Verehrer gebildete Gemeinde; sie fordern die persönliche Hingabe und Mitwirkung des Einzelnen. Daher bedarf es einer besonderen Weihe für jeden, der an der Gemeinschaft teilnehmen will. Zu den nächtlichen Festen der »Rechtträgerin« (ϑεσμοφόρος, d.i. der Erde als Trägerin der Rechtsordnung) vereinigen sich die Frauen, zu den rauschenden Kelterfesten des Dionysos mit ihren Umzügen und Possen die Bauern; an der Trauer der Demeter um den Verlust der Tochter, an der Freude über das Wiederfinden nimmt das ganze Volk tätigen Anteil. Demeter selbst hat das Fest gestiftet und seine Bräuche be stimmt, als sie umherirrte, die Tochter zu suchen; Dionysos ist von Ort zu Ort gezogen, um die Menschen zu seinem Dienst aufzurufen und die Frevler zu bestrafen, die sich ihm widersetzten.

An sich betrachtet, bezeichnet die Verbreitung des Kults der Demeter und des Dionysos einen Rückschritt zu einer längst überwundenen Stufe der Religion; ihre Gestalten stehen tief unter Apollo oder dem olympischen Zeus, sie sind von den religiösen und geistigen Fortschritten eines halben Jahrtausends kaum berührt. Das Demeterfest von Eleusis besteht aus absurden Zeremonien und derben Spässen – der Legende nach ist durch sie Demeter zuerst aus ihrer verderblichen Trauer gerissen –, die phallischen Prozessionen, die Tänze und Possen der dionysischen Festzüge, die Zerreißung des Opfertiers und die Verschlingung des rohen Fleisches durch die Scharen trunkener Bacchanten und Mänaden tragen einen burlesken und derb sinnlichen Charakter. Aber sie befriedigen das neuerwachte individualistische Bedürfnis: sie geben dem Einzelnen, was ihm die festen Formen der alten Staatskulte und die unnahbare Majestät der Olympier niemals gewähren konnten. Die persönliche Beteiligung, die Durchdringung mit der Gottheit in den Orgien der Demeter und des Dionysos, die unmittelbare Verbindung mit den ewigen Mächten durch die Weihung in den Mysterien, der Segen, der da durch auf Erden [675] wie im Reiche des Hades gesichert wird, das sind die neuen Momente, die sie in die religiöse Entwicklung Griechenlands bringen, und um ihretwillen bezeichnen sie trotz aller bizarren Formen doch einen religiösen Fortschritt, eine Verinnerlichung der Religion; sie sind der Bewegung gleichartig, welche im 13. Jahrhundert die Bettelorden erzeugt hat. Anschaulicher noch als die Literatur – obwohl ja auch sie erfüllt ist von den Wirkungen des Dionysosdienstes – zeigt uns die Kunst die weite und in die Tiefen des Volkes dringende Verbreitung dieser Dienste; auf Schritt und Tritt begegnen uns die Darstellungen orgiastischer Szenen, die Symbole der Demeter und des Dionysos, die Ähre und der Wein, die mystische Kiste und der Thyrsosstab usw.

Die Erdmutter hat man unter zahlreichen Namen und Gestalten, die später alle für Formen der Demeter erklärt werden, überall in der griechischen Welt verehrt, auch in den Kolonien des Westens. Aber keiner dieser Kulte hat so früh feste Formen und allgemeine Bedeutung erlangt wie der von Eleusis. Schon der homerische Hymnus auf die Demeter aus dem Anfang des 7. Jahrhunderts verkündet die Einsetzung der Orgien durch die Göttin und die Verheißung: »Selig der Mensch, der sie geschaut hat; wer aber nicht geweiht ist und nicht teilhat an den heiligen Handlungen, der hat nicht gleiches Los nach dem Tode in der Weite des dunklen Reichs.« Der Segen der Königin der Unterwelt, welche zeitweilig ans Licht des Tages zu ihrer Mutter zurückkehrt, ist dem sicher, der ihr die Ehren erwiesen hat (480ff. vgl. 365ff.). Ursprünglich wurde der Gottesdienst von dem Adel des eleusinischen Staates verwaltet, und bei der Annexion durch Athen hat er seine Vorrechte behalten; aber attische Beamte treten ihm zur Seite, der Kult wird von dem Gesamtstaat geleitet976. Seitdem wächst sein Ansehen ständig und überflügelt weitaus alle gleichartigen Kulte; freigebig spendet Eleusis seinen Gnadenschatz jedem, der darum nachsucht; der attische Bürger kann jedem Griechen, ja dem Sklaven die Weihen übermitteln, wenn [676] derselbe von Blutschuld rein ist977. An vielen Orten werden Filialen des eleusischen Dienstes gegründet. Nicht auf dem Geheimnis, in dem die überlieferten heiligen Handlungen (τὰ δρώμενα) vollzogen werden, beruht seine Wirkung – das kehrt bei vielen griechischen und ausländischen Gottesdiensten wieder, die nicht die geringste religionsgeschichtliche Bedeutung gewonnen haben –, sondern auf dem persönlichen Element der Weihe, der vorbereitenden Fasten, der orgiastischen Stimmung des Festzugs und des nächtlichen Dienstes, auf der an jeden einzelnen gerichteten Verheißung, die das Bedürfnis nach einer Fortexistenz der Persönlichkeit stillt. Der Glaube wird allgemein, daß, wer die Weihen von Eleusis empfangen hat, einem seligen Geschick im Hades entgegengeht (Pindar fr. 137. Sophokles fr. 753. Aristoph. ran.), während die Ungeweihten ein freudloses Dasein nach der Art der Homerischen Schatten führen – in ein (durchlöchertes) Faß läßt sie Polygnot auf seinem Unterweltsgemälde aus zerbrochenen Krügen Wasser schöpfen978.

Der Dionysoskult hat seinen Hauptsitz im mittleren Griechenland, in Theben, in den Tälern des Parnaß und Kithäron, in den attischen Dörfern (Ikaria, Eleutherä). Aber auch in den Isthmusgebieten (Korinth o. S. 575, Sikyon o. S. 582), auf dem Taygetos, auf den Inseln (Naxos) und in Kleinasien, wo er mit dem Sabazios (Bd. I, 728) verschmilzt, ist er heimisch oder doch jetzt eingeführt; in Delphi tritt der Dionysoskult mit dem Apollos in Verbindung, in die eleusinischen Mysterien wird er, wohl im 6. Jahrhundert, in der Gestalt des Iakchosknaben eingeführt; nur in Sizilien und Italien scheint er noch wenig Verbreitung gefunden zu haben. Auch sein Kult findet seinen Ausdruck vor allem in den großen Festen, welche teils jährlich, teils in jedem zweiten Jahr sein Erscheinen und seinen Triumph, aber auch seinen Tod feiern. Aber anders als der Demeterdienst kann er sich völlig von [677] dieser Grundlage loslösen; mit der dionysischen Begeisterung kann man sich jederzeit erfüllen, einen Dithyrambos singen, einen orgiastischen Umzug halten. Daher tritt hier neben den öffentlichen Kult in weitestem Umfang der private, der in religiösen Vereinen (ϑίασοι) seinen Träger hat: die Vasengemälde des 6. Jahrhunderts, namentlich aus Attika, sind voll von Darstellungen ihres ausgelassenen Treibens. – Auch in anderen Teilen der griechischen Welt haben sich aus alten Kultbräuchen orgiastische Dienste der gleichen Färbung entwickelt, die, wenn sie auch den genannten an Bedeutung nicht gleichkommen, doch zum Teil weite Verbreitung gefunden haben und zeigen, wie allgemein das Bedürfnis nach einer Umwandlung der alten Religion gewesen ist. Derart sind auf Kreta die Waffentänze der jungen Mannschaft, der Kureten, am Geburtsfest des Zeus – der kretische Zeus entspricht ja dem kleinasiatischen Sabazios und dem griechischen Dionysos –, in Ephesos die Feste der Artemis, die durch ganz Ionien und weit darüber hinaus eine ähnliche Bedeutung gewinnt wie für das Mutterland die eleusinische Demeter – die Phokäer haben ihren Kult bereits in alle ihre Kolonien übertragen (Strabo IV 1, 4), und das alte Kultbild der latinischen Diana auf dem Aventin entlehnt ihr seine Gestalt. Ihr Kult wurzelt in der kleinasiatischen Religion, die seit Alters den Charakter eines orgiastischen Naturdienstes trägt. Auch ihr Vorbild selbst, die Göttermutter mit ihren Korybantenscharen, findet Eingang in die griechische Religion. In Kyzikos wird sie, die Berg göttin vom Dindymos, mit nächtlichen Orgien gefeiert. Eine Legende, die darum so bezeichnend ist, weil sie den orgiastischen Dienst als Charakteristikum der griechischen Religion betrachtet, erzählt, der weise Skythe Anacharsis sei von seinen Landsleuten erschlagen worden979, weil er den Dienst der kyzikenischen Göttin in seiner Heimat feierte (Herod. IV 76)980.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 672-678.
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