Die ersten Stadien der religiösen Entwicklung

[125] 65. Alle Errungenschaften des Menschen, die wir unter dem Namen der Kultur zusammenfassen, dienen dazu, ihn von den Naturgewalten, unter deren Herrschaft er lebt, unabhängiger zu machen, und sie wenigstens teilweise seiner eigenen Herrschaft zu unterwerfen. Aber indem die Kultur Werte schafft, die dem Leben einen reicheren Inhalt gewähren, steigert eben diese Emanzipation von der Natur wieder das Gefühl der Abhängigkeit von den äußeren Bedingungen des Daseins. Denn die Bedürfnisse sind weit mannigfacher und damit die Faktoren, die zusammenwirken müssen, um das Leben zu erhalten und angenehm zu gestalten, weit zahlreicher geworden, und zugleich hat sich sein Wert gewaltig gesteigert: der Kulturmensch schätzt, wo nicht besondere Momente (namentlich die Übersättigung einer raffinierten Kultur und die Ausmalung eines zukünftigen Daseins, gegen das das irdische Leben mit seinen Nöten völlig zurücktritt) [125] eine Gegenwirkung erzeugen, das Leben viel höher ein als der Wilde. Daher bewirkt die Steigerung der Kultur regelmäßig zugleich eine gewaltige Steigerung der Religiosität. Bei primitiven Völkern greift die Religion meist nur bei einzelnen Anlässen – bei den regelmäßig wiederkehrenden Festen, bei Kriegen, in schweren Notlagen, bei Krankheit und Tod – tiefer ins Leben ein und kann dann gelegentlich einmal zu großen Manifestationen führen, bei denen wüste und grausige Riten des Zauberwesens und des Strebens, eine blutgierige Gottheit durch Menschenopfer oder durch Abschlachtung von Scharen von Feinden zu befriedigen, sich abspielen mögen. Das tritt bei primitiven Stämmen namentlich da ein, wo ein Häuptling mit despotischer Macht an der Spitze steht: für ihn ist dann der Wert des Daseins und das Bedürfnis nach Sicherung göttlichen Schutzes weit größer als bei allen anderen Menschen, und seine Stellung bietet ihm die Mittel, für die Befriedigung seiner Ansprüche zu sorgen (ebenso wie für seine Existenz in der Totenwelt durch reiche Gaben, Tötung von Tieren, Frauen und Dienern gesorgt wird, § 60). Wo dagegen eine homogene soziale Ordnung besteht, wo auch die äußeren Lebensverhältnisse gleichmäßig und ohne große Wandlungen verlaufen, so daß man von einem Eingreifen der Götter eine wesentliche Änderung nicht er warten kann, da spielt die Religion im Leben des Stammes keine große Rolle; so namentlich bei Wüstenstämmen, wie den alten Semiten und noch heutigen Tages den Beduinen. Der Einzelne vertraut viel mehr auf die einzelne Kraft, als auf die Hilfe der Götter oder auf Zauberriten, wenn er auch die überlieferten Zeremonien pflichtschuldig vollzieht und ein Gespenst ihm gelegentlich schaden mag; und wenn das Schicksal ihn ereilt, fügt er sich mit stolzer Ergebung in das Unvermeidliche. Die Gottheiten haben die Welt und das Leben der Menschen geordnet, sie erhalten auch den Stamm, den sie geschaffen oder erzeugt haben und von dessen Gaben sie selbst leben, aber im übrigen kümmern sie sich wenig um die einzelnen Vorgänge, sondern lassen die [126] Dinge gehen wie sie wollen. Die Bedeutung der Religion für primitive Volksstämme wird von der modernen Forschung oft stark überschätzt; sie steht einseitig unter dem Eindruck extremer Bildungen des folgenden Entwicklungsstadiums und sporadischer Traditionen und Riten, die sich bei den Kulturvölkern rudimentär bis in spätere Zeiten erhalten haben, die aber vielfach niemals lebendige Religion, sondern immer nur Aberglaube gewesen sind.

66. Die Stellung der Religion ändert sich, wenn ein Volk zu reicherer Lebensgestaltung und höherer Kultur aufsteigt, zumal wenn sich damit, wie bei den seßhaften Semiten, ein Wechsel der Wohnsitze und der Lebensbedingungen verbindet. Da werden nicht nur die Anlässe, bei denen man den Beistand der Götter braucht, viel zahlreicher, sondern auch das, was auf dem Spiel steht, viel kostbarer; und zugleich ist man, eben durch die Gnade der Götter, in die Lage gesetzt, weit größere Mittel anwenden zu können, um ihre Forderungen zu befriedigen und ihre Gunst dauernd zu sichern. Gleichzeitig nimmt die religiöse Spekulation einen neuen Anlauf: die äußeren Bedürfnisse geben den Anstoß, daneben erwacht der Trieb zum Nachdenken. Es ist die Epoche, wo Götterbilder und Tempel entstehen, wo reiche Schätze im Besitz der Götter angehäuft werden, wo der Festcyklus sich ausgestaltet und die Feste mit großer Pracht gefeiert werden, wo ein geschlossener Priesterstand entstehen und versuchen kann, die geistige und dann auch die materielle Leitung des Gemeinwesens zu gewinnen, wo zugleich neben der Gesamtheit und den Organen des Staats der Einzelne sich in weit höherem Maße als früher mit Opfern, Geschenken, Gebeten an die Götter wendet, weil auch seine Interessen viel mannigfacher und individueller geworden sind, wo die religiösen Ordnungen das gesamte Leben der Gemeinde wie des Einzelnen durchdringen und beherrschen können. Solche Epochen können im Leben des Volks, wenn seine Entwicklung fortschreitet, wiederholt eintreten, jedes mal da, wo eine neue Stufe erreicht wird; gerade Übergangsepochen, in denen die [127] alten Zustände sich zersetzen und neue Ordnungen sich herausbilden, wo alles ins Schwanken gerät, sind auch die Zeiten, in denen das religiöse Leben sich am intensivsten betätigt, bis schließlich eine Kulturstufe erreicht wird, auf der die Grundlagen der Religion selbst ins Wanken geraten, ihre Berechtigung und Existenz bestritten und sie vielleicht gestürzt wird. Zunächst aber ist das Ergebnis jedes solchen Gärungsprozesses, jedes bedeutsamen und nachhaltig wirkenden Kulturfortschritts die intensivere Ausgestaltung der überkommenen Religion und die Steigerung ihrer Ansprüche an die Leistungen und die unbedingte Unterordnung des Gemeinwesens und jedes Einzelnen.

67. Bei dieser Steigerung der Religion brechen die ursprünglichen Triebe und Anschauungen, aus denen sie erwachsen ist, mit neuer Intensität hervor: Zauberei, blutige Opfer, wüster Aberglaube gewinnen einen weiten Spielraum; ihre Aufgaben sind viel größer geworden, ihre Forderungen zu erfüllen scheut man kein Mittel. Die finsteren Mächte des Verderbens gelangen jetzt erst zu voller, verhängnisschwerer Bedeutung: kein Mittel wird unversucht gelassen, sie zu versöhnen und ihren Blutdurst zu stillen, Menschenblut fließt ihnen in Strömen. Aber auch bei den anderen Göttern, soviel Segen sie den Menschen spenden, tritt doch die schreckhafte Seite ihrer gewaltigen Macht stark in den Vordergrund: sie können, wenn sie wollen, alles vernichten, man muß alles daran setzen, ihre Gnade zu erhalten. Da kommen die absurdesten und widerwärtigsten Bräuche auf, Selbstverstümmlungen, Kindesopfer, Verzehren zuckenden Fleisches und des Unrats, die wildesten geschlechtlichen Orgien u.s.w. Die beginnende Spekulation kommt dem nur entgegen: es gibt keinen Irrweg des mythischen Denkens und des Zauberwesens, den sie nicht betreten und mit beharrlicher Konsequenz bis zum letzten Ende verfolgen könnte. So kann gerade der Beginn kulturellen Fortschrittes in die wildeste Barbarei hineinführen; die Steigerung der Religion, die daraus erwächst, wird der schwerste Hemmschuh aller weiteren Entwicklung, [128] und kann sie für alle Zukunft unmöglich machen. In ihrer materiellen Kultur stehen solche Völker über den »Wilden«, geistig können sie vielfach angeregt sein und in ihrem sittlichen Verhalten, auch in dem Ernst, mit dem sie die Religion erfassen, in dem standhaften Ertragen der Qualen, die sie auferlegt, eine mit Entsetzen gemischte Bewunderung erregen; aber rettungslos sind sie verstrickt in die Irrgänge menschlichen Denkens und einer zum Fluch gewordenen Religion.

68. Diejenigen Negervölker, die es zu Ansätzen einer höheren Kultur gebracht haben, sind kaum irgendwo über dies Stadium hinausgekommen; die furchtbarste Gestalt, welche die Geschichte kennt, hat diese Religion bei den Azteken Mexikos angenommen. Aber auch die Religion der Aegypter hat in den ältesten Stadien ihrer Kultur offenbar stark unter dem Einfluß dieser Tendenzen gestanden, die sie dann allerdings wunderbar rasch überwunden hat. Die Religion der keltischen Druiden, die der Phoeniker und Karthager steht aufs stärkste unter ihrer Herrschaft, auch bei den Israeliten und anderen kanaanaeischen Stämmen haben sie starken Einfluß gewonnen, und ganz frei davon ist keine einzige geblieben – auch in der indischen und der griechischen Religionsentwicklung z.B. finden wir Ansätze dazu. In den verschiedenen Epochen gesteigerten religiösen Lebens können sie immer von neuem hervortreten, wenn auch der inzwischen erreichten Kulturhöhe entsprechend in gemilderter Form; es sei hier nur an das neue Hervortreten des Zauberwesens und wüsten Aberglaubens in den späteren Stadien der aegyptischen Religion und ebenso in der babylonischen, im Parsismus, in der Religion der griechisch-römischen Welt in der Kaiserzeit erinnert, oder an die Umwandlung des Christentums im 13. Jahrhundert und das Aufkommen der Ketzerverfolgungen, an den neuen verheerenden Einbruch alttestamentlicher Anschauungen im Calvinismus und in der englischen Religion des 17. Jahrhunderts, an den Hexenglauben u.a. – Aber nicht alle Völker, die von dieser Entwicklung erfaßt werden, sind auf dieser [129] Stufe stehen geblieben, und bei vielen hat sich ihr Einfluß nicht über einzelne Erscheinungen hinaus erstreckt, während ihm andere Momente, vor allem die bereits zur Herrschaft gelangten sittlichen Anschauungen, die Wage hielten. So kann schon von Anfang an der Segen, den die Götter in der Kultur gespendet haben, so sehr in den Vordergrund treten, daß dadurch die finsteren Seiten der Religion ganz zurückgedrängt werden, so z.B. in der arischen Bauernreligion mit ihrer Betonung des berauschenden Somatrunks und der Rinderzucht, die ebenso bei anderen Völkern, z.B. den Aegyptern, eine ähnliche kulturfördernde Rolle auch in der Religion gespielt hat. Hier tritt neben den allgemeinen Bedingungen, welche das Kulturleben des Volks gestaltet haben, seine Individualität, seine Naturanlage als das entscheidende Moment hervor; gerade in seiner Religion findet dieselbe ihren charakteristischsten Ausdruck. Gelingt es, die vorhandenen Einwirkungen dieses Stadiums der Religion fernzuhalten oder zu überwinden, so ist die Bahn frei für eine höhere Gestaltung des Denkens und der Religion, die mit dem allgemeinen Gang der Kulturentwicklung des Volks in engstem Zusammenhang steht. Versuchen wir, uns die wichtigsten Momente klarzumachen, die dabei in Wirksamkeit treten und in den einzelnen Stadien des weiteren Verlaufs zum Ausdruck gelangen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 71965, Bd. 1/1, S. 125-130.
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