Älteste Geschichte und Kultur der Kana'anaeer und Phoeniker

[418] 354. Wir haben schon gesehen, daß eine semitische Bevölkerung seit dem Beginn der aegyptischen Geschichte im südlichen Syrien, in der später Palaestina genannten Landschaft und auf der Sinaihalbinsel ansässig ist, möglicherweise untermischt mit den Nachkommen einer älteren, den nördlichen Ländern angehörigen Völkerschicht (§ 330). Der gleiche Volkstypus tritt uns in den aegyptischen Abbildungen der Asiaten ständig entgegen, so bei den 37 Semiten, welche unter Sesostris II. 1901 v. Chr. unter Führung des »Häuptlings des Wüstenlandes« Ebša in Aegypten einwandern (§ 289). Die Semiten werden als 'Amu bezeichnet, worin vielleicht das Wort 'am »Volk« zu erkennen ist. Der Stamm, der auf der Sinaihalbinsel sitzt, heißt im Alten Reich Menziu (§ 227). Die Kleidung ist ein Lendenschurz oder ein sackartiges Hemd aus bunter Wolle, die für die Semiten charakteristisch geblieben [418] ist, im Gegensatz zu dem weißen Linnen der Aegypter. Bei den Nomaden werden die Lippen rasiert, der Bart kurz und spitz getragen; das Haupthaar wird schopfartig aufgebunden und durch einen Strick zusammengehalten (§ 167). Die seßhafte Bevölkerung dagegen läßt den Bart lang herabwallen. Die Waffen sind ein doppeltgekrümmter, künstlich zusammengesetzter Bogen, Speere, ein Wurfholz und eine eigenartige Streitaxt, die aus einem krummen Holz mit aufgesetzter kupferner Schneide besteht. Welchem Volkszweige diese ältesten Semiten Südsyriens angehörten, läßt sich aus den aegyptischen Angaben nicht erkennen; doch kann es kaum zweifelhaft sein, daß sie bereits Kana'anaeer gewesen sind, wenn auch dieser Name (Kna', Kna'an-die Bedeutung des Namens ist völlig dunkel) für das Land und seine Bewohner erst seit der Mitte des zweiten Jahrtausends nachweisbar ist.


Nach israelitischer Sage ist Palaestina in der Urzeit von den »Totengeistern« Repha'îm (§ 351; die richtige Deutung hat STADE gegeben) bewohnt gewesen, die damals als gewaltige Riesen auf Erden lebten, entsprechend den griechischen Heroen; von ihnen ursprünglich gesondert sind die dem Mythus entstammenden vereinzelten Riesen (»Kinder des 'Anaq«) im Süden, aus denen später ein Volk der 'Anaqiter gemacht ist. Im antiquarischen Kommentar zum Deuteronomium 2, 8 b. 10-12. 20-23; 3, 9. 11. 13 b-14 werden für diese Urvölker noch besondere Lokalnamen (Emiter, Zamzumiter) gegeben, und der Verfasser von Gen. 14 läßt sie leibhaftig auftreten (ebenso Josua 12, 4. 17, 15. Gen. 15, 20). Über diese Erzählungen vgl. meine Israeliten 264. 312. 477ff.; geschichtlichen Wert haben sie natürlich nicht, wenngleich SCHWALLY, ZATW. XVIII es fertig gebracht hat, auch diese 'Anaqiter in ein geschichtliches Volk umzusetzen. – Der Name 'Amu könnte vielleicht in den 'Auwitern םיוע vorliegen, die nach Deut. 2, 23, Jos. 13, 3 die Urbevölkerung Philistaeas waren. – Im Gegensatz zu Nordsyrien sind die Namen der Orte, Flüsse und Berge Palaestinas größtenteils durchsichtig semitisch, so daß hier eine ältere Kultur der semitischen Besiedlung nicht vorangegangen sein wird. – Die gangbare Deutung von Kna'an als »Niederland« ist sprachlich und sachlich eben so absurd wie die von Aram als »Hochland«. Der Name erscheint zuerst in den Amarnatafeln als Kinaḥḥi d.i. Kna' [davon das Ethnikon Kinaḥḥaiu] und Kinaḥna d.i. Kna'n als Gesamtname des semitischen Syriens (mit Einschluß Palaestinas); bei den Aegyptern im Neuen Reich dagegen bezeichnet [419] Kna'an nur den äußersten Süden. Bei den Phoenikern findet sich Χνᾶ als Landesname in der griechischen Überlieferung (Steph. Byz. s.v. Philo Bybl. 2, 27. BEKKER, Anecd. III 1181. Herodian περὶ μονήρους λέξεως p. 19 LEHRS), Kna'an auf Münzen von Laodikea (= Umm el 'awâmîd). Daher nennen sich nach der bekannten Angabe Augustins (Epist. ad Rom. incohat. expos. 19) auch die afrikanischen Bauern noch zu seiner Zeit Chanani. – Sehr mit Unrecht beschränken die Archaeologen und Ausgräber den Terminus »Kana'anaeisch« auf die Kultur des 2. Jahrtausends, oder gar (so VINCENT) von 1600 an, und bezeichnen die vorausliegenden Schichten als »vorsemitisch«.


355. Wahrscheinlich hat Südsyrien schon zur Zeit des Alten Reichs in Abhängigkeit von Aegypten gestanden, und nicht selten mag es hier zu Kämpfen gekommen sein (§§ 232. 253). Zur Zeit der sechsten Dynastie, um 2500 v. Chr., haben wir dann hier eine große Bewegung kennen gelernt, die von den »'Amu auf dem Sande«, den Ḥeriuša´, ausging und unter Pepi I., um 2500 v. Chr., zu einem längeren Kriege führte, bei dem die aegyptischen Heere unter Una Palaestina verwüsteten und schließlich durch eine bei der »Gazellennase« (dem Karmel?) landende Flotte im Rücken packten (§ 266). Schon vorher bestanden mannigfache Beziehungen zwischen Nordsyrien und Sinear, und ein sumerischer Eroberer hat seine Macht bis ans Mittelmeer ausgedehnt (§ 391); dann unternahm, etwa um 2750, der semitische König Sargon von Akkad einen großen Kriegszug gegen die Amoriter, der ihm die Herrschaft über die »Länder am Meere des Sonnenuntergangs«, d.i. Nordsyrien, verschaffte (§ 398), die auch von seinen Nachfolgern behauptet wurde. Die so geschaffene Zweiteilung der syrischen Lande ist dauernd geblieben: der Norden gehört der babylonischen, der Süden der aegyptischen Machtsphäre an, und beide Kulturen begegnen und mischen sich auf syrischem Gebiet. Zweifellos hat zwischen den Pharaonen und dem Reich Sargons und seiner Nachfolger ein diplomatischer und auch ein kommerzieller Verkehr bestanden, wie er uns ein Jahrtausend später zwischen Aegypten und Babylonien in den Amarnatafeln entgegentritt, und seine Anfänge werden bereits in die Zeit der großen Pyramidenerbauer hinaufreichen; [420] irgend welche Nachricht darüber ist uns freilich nicht erhalten.

356. Die spärlichen Nachrichten über die syrischen Kriege des Alten Reichs und der sechsten Dynastie zeigen, daß Palaestina damals, wie selbstverständlich, ein Gebiet seßhafter Kultur war, mit kleinen befestigten Ortschaften (so Neṭi'a § 253), Ackerland und Weinpflanzungen; wahrscheinlich zerfiel es in zahlreiche kleine Fürstentümer, in denen eine kriegerische Aristokratie die Herrschaft führte. Der Hausrat behielt noch lange einen primitiven Charakter, in dem Steingefäße und einförmige Tonwaren teils ohne Schmuck, teils mit primitiver eingeritzter Dekoration dominierten; daneben kommen Kupfer und Bronze auf, und Schmucksachen, kostbare Steine und Edelmetalle können natürlich nicht gefehlt haben. Auch die in Palaestina und seiner Nachbarschaft recht häufigen megalithischen Monumente, Gräber aus großen Steinplatten (Dolmen), aufgerichtete große Steinblöcke und Steinkreise gehören wahrscheinlich wenigstens zum Teil dieser Bevölkerung und dieser Zeit an; die großen Steinblöcke und Steintafeln sind wohl zu Ehren der Gottheit errichtet, oft in langen Reihen, und scheinen dieselbe Bedeutung zu haben, wie in fortgeschrittenen Kulturgebieten die Votivstelen und die in die Heiligtümer geweihten Statuen sei es der Gottheit, sei es ihrer Verehrer. Derartige Steinpfeiler und Steintafeln stehen in Gazer in einer langen Reihe inmitten der Stadt des zweiten Jahrtausends, und ganz gleichartig in Assur. Das wird eine Weiterbildung des in primitiven Verhältnissen weitverbreiteten Brauchs sein, an Wegen und Gemarkungen der Gottheit zu Ehren Steinhaufen aufzutürmen, zu denen jeder Vorübergehende einen neuen Stein hinzufügt. Auch in Griechenland hat sich aus derartigen Steinhaufen (ἕρματα, ἕρμακες) der Steinpfeiler (die Herme) und dann später das Götterbild entwickelt. – Eine selbständige künstlerische Kultur, einen eigenen Stil, haben die Semiten Syriens überhaupt niemals geschaffen. Wohl aber muß sich schon früh auch bei ihnen Gewerbtätigkeit und Industrie entwickelt haben, und manche Ansiedlungen [421] werden alsbald größere Bedeutung erlangt haben, mit Märkten, auf denen neben diesen Erzeugnissen die Naturalprodukte des Kulturlandes und der Wüste umgesetzt wurden und die aus Aegypten, Nordsyrien und Babylonien kommenden Händler sich mit den Beduinen der Wüste begegneten. So vor allem in dem fruchtbaren, dem inneren Gebirgsland vorgelagerten Küstensaum, wo die Städte, die wir später antreffen, Gaza, Askalon, Joppe, D'or, 'Akko schon in sehr alte Zeit hinaufragen werden. An der Küste haben sich die Kana'anaeer weiter nach Norden vorgeschoben, am Fuß des aus dem Meer in Terrassen aufsteigenden Libanon, bis an und über die Eleutherosebene, die den Libanon von dem Nuṣairiergebirge im Norden trennt. Das Hinterland mag damals noch von nichtsemitischen Stämmen bewohnt gewesen sein, an deren Stelle dann die aus der Wüste eindringenden Amoriter (§ 396) getreten sind. Die Semiten des Küstensaums dagegen rechnen sich und ihr Land zu Kana'an (§ 354 A.); ihr Stammname ist Ṣidonier, was schwerlich »Fischer« bedeutet, eher vielleicht mit einem bei ihnen verehrten Gott Ṣid zusammenhängt. Die Griechen haben die Phoeniker »die Roten« genannt, wahrscheinlich wegen der roten Zeugstoffe, die sie mit dem Saft der Purpurmuschel färbten und in alle Welt exportierten. Ackerland ist auf den Vorhöhen und den schmalen Uferstreifen am Libanon wenig vorhanden; reicheren Ertrag bot der Fischfang und die Schiffahrt. So sind sie zu einem seefahrenden Händlervolk geworden, bei dem sich früh auch Gewerbe und Industrie entwickelt haben müssen. Ihre wichtigsten Städte liegen auf der Küste vorgelagerten Felsriffen, so Tyros (Ṣôr »der Fels«), das nicht einmal einen Quell besitzt, sondern sein Wasser aus dem durch einen etwa einen Kilometer breiten Meerarm von ihm getrennten Küstenort Usu (Palaetyros) herüberschaffen muß. Ebenso liegt weiter nördlich Sidon auf einem Felsriff, das aber schon in sehr früher Zeit durch eine Sanddüne mit dem Festland verwachsen ist. Es trägt den Namen des Stammes und ist daher wohl sein ältester Vorort gewesen. Weit im Norden, vor dem Nuṣairiergebirge, [422] liegt das früh zu großer Bedeutung gelangte Arwad (Arâdos), wie Tyros auf einem Felseiland. Diese Art der Besiedlung läßt die allmähliche Okkupation des Küstenlandes deutlich erkennen. Auf dem Festlande selbst liegt, abgesehen von kleineren Ortschaften, wie Akzîb, Ṣarepta u.a., nur die »Bergstadt« Byblos (Gubl) am Fuß des nördlichen Libanon, mit ausgedehntem Landgebiet. Die Stadt hatte besondere Bedeutung, weil ihr die reichen Waldungen des Libanon mit ihren prächtigen, als Bauholz viel begehrten Cedernstämmen gehörten.


Die archäologische Erforschung Syriens und Palaestinas steht noch in den ersten Anfängen. Dem 3. Jahrtausend gehören die ältesten Schichten in Lakiš (Tell Hesy), Gazer, Megiddo an (vgl. § 471 A.), ferner die ältesten Schichten von Jericho (Mitt. D. Orient. Ges. 41, 10, sowie die Lehmziegelmauer S. 12). Zur Orientierung s.H. VINCENT, Canaan d'après l'exploration récente, 1907, sowie die trefflichen Berichte von A. THIERSCH im Archäol. Anzeiger 1907, 1908 und 1909 (Jahrbuch des Deutschen arch. Inst. XXII ff.). Das übermäßig primitive Bild, welches die kleinen Ausschnitte aus den ältesten Ansiedlungen (z.B. in Megiddo) ergeben, die bisher aufgedeckt sind, wird wohl bei weiteren systematischen Ausgrabungen einem etwas lebensvolleren Bilde Platz machen. Die semitische Stadt Neṭia, deren Eroberung das Wandgemälde von Dešaše (5. Dynastie) darstellt (§ 253), hat einen Lehmwall mit Türmen. Im Grabe des Saḥurê´ (§ 253) sind neben Bären und anderen Tieren aus dem Libanon mehrfach auch phoenikische Gefäße abgebildet, große rotgebrannte Kannen ohne jede Dekoration, mit abgeplattetem Fuß, langem Hals und schlankem Griff, deren Form wesentlich gefälliger ist als die Krüge aus Palaestina. – Megalithische Monumente (abgebildet z.B. bei PERROT et CHIPIEZ, Hist. de l'art IV 341. 378ff. VINCENT, Canaan p. 408ff. 418ff.) werden im A. T. oft erwähnt, so besonders der große Steinkreis vom Gilgal bei Jericho Jos. 4, 3. 20; vgl. Israeliten 473f. Die Stelen von Gazer sind ebenso zu erklären wie die langen Reihen der Stelen von Königen und Beamten in Assur (Mitt. D. Orientges. 40, 28. 42, 34ff. 50ff. 43, 36. 44, 36ff. 45, 44ff.), die als »Bilder« (ṣalam) der Weihenden bezeichnet werden, obwohl sie nur Steinblöcke mit einer Inschrift auf der roh geglätteten Vorderseite sind. Die Stelenreihe von Gazer sieht ganz gleichartig aus, nur fehlt hier die Inschrift. Da die Stelen von Assurim 15. Jahrhundert beginnen (Mitt. D. Orientges. 44, 39), werden die von Gazer wohl kaum älter sein. Im übrigen vgl. THIERSCH, Arch. Anz. 1909, 368ff., der aber seltsamerweise die Stadt von den Israeliten unter Josua erobert werden läßt, während sie doch bis auf Salomo kana'anaeisch [423] war. – Sidonier םינדיצ Σιδόνιοι bezeichnet im A. T., auf den Inschriften und Münzen von Tyros und im Titel der tyrischen Könige, sowie bei Homer niemals die Bewohner von Sidon, sondern die Phoeniker im allgemeinen, so auch in der jahwistischen Völkertafel Gen. 10, 15; die Südphoeniker werden Jos. 13, 4 (vgl. meine Israeliten 333f.) im ursprünglichen Text als »Sidonier bis nach Apheq« (am Nahr Ibrahîm, § 357) von den Gibliten, den Bewohnern von Byblos, geschieden Der Name wird von Justin 18, 3, 4 vom Fischreichtum von Sidon abgeleitet: nam piscem Phoenices sidon vocant. Wenn das richtig ist, muß die Wurzel דוצ »jagen« im Phoenikischen auch »fischen« bedeutet haben; dann würde Ṣîdôn zwar nicht, »Fisch«, aber vielleicht »Fischer« bedeuten. Aber wahrscheinlich ist eine derartige Bildung nicht; es liegt viel näher, den Namen des Volks und der Stadt mit dem Gott דצ in Verbindung zu setzen, der in den sehr häufigen karthagischen Eigennamen 'Abd-ṣid und Jaton-ṣid (auch Chan-ṣid CISem. I 292) und in den Götternamen Ṣid-melqart und Ṣid-Tanit vorliegt und vielleicht mit Ἀγρεύς der »Jäger« oder seinem Bruder Ἁλιεύς der »Fischer« bei Philo 2, 9 identisch ist, die bei diesem als Menschen der ältesten Zeit erscheinen. – Bei den Aegyptern des Neuen Reichs heißt Phoenikien Zahi; im Dekret von Kanopos dagegen wird Phoenikien fälschlich durch Kaft wiedergegeben. Die aegyptische Bezeichnung der besiegten Barbaren durch Fnch (vgl. W. M. MÜLLER, Asien und Europa 208ff.) hat mit den Phoenikern nichts zu tun (gegen SETHE, s. § 253 A.). – Daß die Bewohner der Küstenstädte im 3. Jahrtausend Semiten waren, steht jetzt durch die Darstellungen des Feldzugs des Ṣahurê´ (§ 253) fest, kann aber auch an sich angesichts der Verwendung des Namens Kana'an für Phoenikien (§ 354 A.) und des semitischen Charakters ihrer Ortsnamen nicht zweifelhaft sein; ihre Sprache ist ein Zweig des Kana'anaeischen. Die Ableitung vom »Roten Meer«, d.i. Südbabylonien, bei Herod. I 1. VII 89 [die Späteren haben damit die Namen der Bahreininseln Tylos und Arados kombiniert, Strabo XVI 3, 4. 27] hat nicht mehr Wert als die gleichartige der Hebraeer aus Ur im Alten Testament. Bei Trogus (Justin 18, 3), der die Phoeniker vom Syrium stagnum, d.i. dem Toten Meer, kommen läßt, hat offenbar die Sage von Sodom und Gomorra eingewirkt (A. v. GUTSCHMID, Kl. Schr. II 87). – Nach Africanus bei Sync. p. 31 haben die Phoeniker Geschichtsüberlieferung von 30 000 Jahren [wenn das nicht rein erfunden ist, handelt es sich natürlich um Göttergeschichte]; nach Herodot II 44 dagegen ist Tyrus und sein Herakles- [Melqart-] Tempel vor 2300 Jahren, d.i. um 2730 v. Chr. gegründet. Geschichtliche Überlieferung ist das gewiß nicht, wenn es auch annähernd zutreffen mag. Wenn dagegen nach Justin 18, 3, 4 Tyros ein Jahr vor Trojas Fall gegründet ist und bei Menander von Ephesos (Joseph. Ant. VIII 62, zu berechnen nach c. Ap. I 126; daraus Euseb. a. Abr. 745) [424] eine tyrische Aera von 1198/7 v. Chr. vorkommt, so mag dem irgend ein für uns nicht greifbares historisches Ereignis zu Grunde liegen; aber Tyros selbst ist viel älter, wie die aegyptischen Angaben und die Amarnatafeln beweisen. Auch sei darauf hingewiesen, daß wenn es in den Phoenikerstädten alte Annalen gegeben haben sollte, diese nur in Keilschrift abgefaßt sein können, die später niemand mehr lesen konnte; die phoenikische Schrift ist erst gegen 1000 v. Chr. erfunden.


357. Mit diesen Gebieten sind die Aegypter auf dem Seewege vielleicht schon zur Zeit der Thiniten, jedenfalls aber seit Snofru in Beziehung getreten (§ 232), da man die Cedern als Bauholz dringend brauchte. Daraus scheint sich eine aegyptische Oberhoheit über Phoenikien entwickelt zu haben, die durch kriegerisches Eingreifen aufrecht erhalten wurde. Eine solche Expedition, bei der gefangene Semiten in vornehmer Tracht auf großen Schiffen nach Aegypten gebracht werden-da der Seeweg eingeschlagen wird, handelt es sich offenbar um die phoenikische Küste, nicht um Palaestina –, hat uns der Grabtempel des Saḥurê´ kennen gelehrt (§ 253). So erklären sich die alten und tiefgreifenden Beziehungen Aegyptens zu Byblos (aeg. Kepni, § 229 A.). In Byblos verehrt man eine große Göttin, die »Ba'alat von Byblos«, und neben ihr einen Gott, der einfach als »mein Herr« Adônî bezeichnet wird. Er ist ein Gott der blühenden Vegetation, die im Hochsommer dahinstirbt; daraus erwächst, wie in vielen anderen Kulten, vor allem in Kleinasien (vgl. § 490), ein Trauerfest um den Tod eines jugendlichen, in der Blüte seiner Kraft dahingerafften Gottes. Dieser Gott sitzt bei Byblos in einem benachbarten, aus der mächtigen Quelle Apheq am Libanon entströmenden Bach (Adonis, jetzt Nahr Ibrahîm); denn im Hochsommer färbt dieser sich rot von dem Blut des getöteten Gottes. Man erzählt, er sei ein herrlicher Jüngling gewesen, den die Ba'alat liebte; aber die Götter waren neidisch auf ihr Glück und sandten einen mächtigen Eber, der ihn auf der Jagd am Quell tötete. So wird hier in Apheq alljährlich das mit Blüten geschmückte Beilager der Göttin mit dem aus der Unterwelt zurückgekehrten Geliebten und am nächsten Tage das Trauerfest um den erschlagenen »Herrn« (Adonis) gefeiert. – Dieser [425] Kult ist sehr früh mit dem verwandten Mythus von Osiris und Isis identifiziert worden. Später haben die Aegypter selbst die Gleichsetzung adoptiert; sie erzählen, der Sarg mit der Leiche des Osiris, den Sêth in den Nil warf, sei vom Meer nach Byblos getragen und hier von einem Erikabaum umfangen und geborgen worden, bis Isis ihn auffand und nach Aegypten heimbrachte. Auch die Ba'alat von Byblos ist den Aegyptern früh bekannt geworden und wird von ihnen der Ḥatḥôr gleichgesetzt; schon im Mittleren Reich nennen sich Aegypterinnen nach ihrem ins Aegyptische übersetzten Namen (nebt-Kepni). In Byblos selbst wird sie ganz wie die aegyptische Ḥatḥôr gebildet, mit der Sonnenscheibe zwischen Hörnern auf dem Haupte. – Im Papyrus EBERS wird ein Rezept für Augenkrankheiten »von einem 'Amu aus Byblos« erwähnt (63, 8), das also spätestens im Mittleren Reich nach Aegypten gekommen ist.


Das aegyptische Material für Byblos s. § 229 A.; die Beziehungen kehren noch unter Šošenq I. wieder. – So bestimmt Adonis bei den Griechen als phoenikischer Gottesname erscheint, so völlig unbekannt ist er den Phoenikern selbst; 'adôn ist immer nur ein Epitheton, das jedem männlichen Gott zusteht (fem. rabbat). Auch Philo kennt den Namen Adonis nicht, sondern nennt 2, 12f. den Gott Ἐλιοῦν (ןוילע) ψιστος, was auch nur ein Beiname ist [vgl. Διὶ οὐρανίῳ ὑψίστῳ Σααρναίῳ ἐπηκόῳ auf einem Altar bei Byblos RENAN, Mission en Phénicie 234, wohl nach einem hier gelegenen Dorf Saarna benannt; Διὶ ὑψίστῳ in Byblos selbst ib. 223, vgl. CIG. 4525]. Falls der Gott überhaupt einen Eigennamen gehabt hat (was durchaus nicht notwendig ist), hat man vermieden, ihn auszusprechen. – Über den Adonisdienst und die Kultstätte Lucian de dea Syra 6ff. Euseb. vit. Const. III 55. Sozomenos hist. eccles. II 5, vgl. auch Zosim, I 58. Auch abwärts von Afqa liegen mehrere Tempel, und an einer Felswand bei Ghine über einer Höhle sind später die Schicksale des Gottes dargestellt (RENAN, Mission p. 283ff. Taf. 38). Verbindung der Osirissage mit Byblos: Plut. de Is. 15; vgl. Lucian dea Syra 7. Apollodor II 1, 3, 7 u.a. Der Erikabaum mit dem Sarg wird auf aegyptischen Denkmälern dargestellt. – Von Byblos aus hat sich der Adoniskult weit bei den Phoenikern und dann in der griechischen Welt verbreitet; später wird er auch mit dem gleichartigen babylonischen Tammûz, dem Geliebten der Astarte (§ 373), identifiziert. Im allgemeinen vgl. das äußerst sorgfältige und besonnene Werk von BAUDISSIN, Adonis und Esmun 1911; dagegen sind die Grundanschauungen [426] FRAZERS (Adonis Attis Osiris 1907 = The Golden Bough IV) unhaltbar, vor allem die Rückführung des Adonismythus auf eine angebliche Opferung des Priesterkönigs, ebenso die Behauptung einer bei den Semiten gebräuchlichen Verehrung der Könige, u.a. Ganz verfehlt ist auch DÜMMLER, Adonis, bei PAULY-WISSOWA. – Bei Philo von Byblos spielt auch der aegyptische Gott Thout (Τάαυτος) eine große Rolle. Die Ba'alat ist abgebildet auf der Stele des Königs Jechawmelek CISem. I 1, vgl. Philo 2, 24 über Astarte.


358. In Phoenikien mögen die Interessen Aegyptens und Babyloniens gelegentlich schon in alter Zeit zu Zusammenstößen geführt haben. Mit dem Niedergang des Alten Reichs hört dann die unmittelbare Einwirkung Aegyptens auf die syrischen Lande auf, während vielleicht umgekehrt Vorstöße von hier ins Niltal stattgefunden haben mögen; jedenfalls sind Semiten sowohl als einwandernde Nomaden und als Händler wie als Söldner immer nach Aegypten gekommen. In zwischen sind die Einwirkungen Sinears durch die von den Amoritern geschaffene Verbindung noch erstarkt; doch können wir darauf erst im Zusammenhang der babylonischen Geschichte näher eingehen. Vermutlich in dieser Zeit hat die babylonische Sprache und Schrift als allgemeines Verkehrsmittel in ganz Syrien einschließlich Palaestinas Eingang gefunden, und mit ihr die babylonischen Maße und Gewichte und die Rechnung nach Edelmetallen; zugleich ist die materielle Kultur weiter fortgeschritten (vgl. § 471). – Als dann im Mittleren Reich die Macht Aegyptens wieder erstarkt, beginnt vielleicht schon unter der elften Dynastie (§ 277), jedenfalls mit Amenemḥet I, seit 2000 v. Chr., das Übergreifen nach Palaestina aufs neue. Zu seiner Zeit stehen, wie die Geschichte des Sinuhet lehrt (§ 289), die semitischen Häuptlinge in regem Verkehr mit dem Pharaonenreich und schauen voll Respekt nach dem Hof am Nil. Diese Schrift gibt uns überhaupt ein anschauliches Bild von den Zuständen Südsyriens: wir lernen die Grenzbefestigungen Aegyptens kennen, die Beduinen der Wüste, und die kleinen »Länder«, d.i. die lokalen Fürstentümer, von denen »eins den flüchtigen Sinuhet an das andere weiter gibt«, bis er nach Byblos und von hier nach Qedem gelangt, dem [427] »Lande im Osten«, d.i. dem Gebirgslande im Zentrum der syrischen Wüste, das wir aus den hebraeischen Nachrichten als Heimat der aramaeischen Nomaden kennen lernen. Dann holt ihn 'Ammi-enši, Fürst des oberen Rezenu, zu sich, und an seinem Hof gelangt er zu großem Ansehen, heiratet seine Tochter, und erhält »das schöne Land Ja'a« mit Feigen, Wein, Honig, Öl und zahlreichen Obstbäumen, Getreide und Viehherden zum Besitz. Daß er im Kampf gegen die Nachbarn sich auszeichnet und einen gewaltigen Recken von Rezenu im Zweikampf erlegt, steigert noch seinen Einfluß. Hier tritt uns zum ersten Male der Name »Ober-rezenu« (verschrieben Zenu) entgegen, mit den die Aegypter fortan, auch im Neuen Reich, Palaestina bezeichnen. Sesostris III. hat um 1900 einen Kriegszug gegen dasselbe unternommen, bei dem er bis nach Sichem vorgedrungen zu sein scheint (§ 290). Ob der Name Rezenu, dessen einheimisches Äquivalent nicht nachweisbar ist (es müßte etwa ןסל geschrieben werden), lokalen Ursprungs ist oder ob er etwa ein neu eingedrungenes Bevölkerungselement bezeichnet, vermögen wir nicht zu erkennen. – Dann folgt im achtzehnten Jahrhundert ein erneutes Vordringen nördlicher, vermutlich kleinasiatischer Volksstämme, aus dem die Hyksosherrschaft hervorgegangen ist (§ 304). Auf diese Völkerbewegungen und ebenso auf die Gestalt, welche Syrien nach der Hyksoszeit angenommen hat, werden wir später noch zurückkommen müssen (vgl. § 467ff.).

Durch den neuen von GARDINER entdeckten Text der Sinuhetgeschichte (Ber. Berl. Ak. 1907, 142ff.) ist ihr Zusammenhang viel klarer geworden. Da Sinuhet von Byblos ins Land Qedem gelangt, liegt dies weiter nördlich, als wir bisher annehmen mußten. Über dasselbe s. meine Israeliten 242ff. Beim Elohisten ist es der Wohnsitz Labans und der Aramaeer Gen 29, 1, und das ist die ursprüngliche Fassung der Sage; seine Versetzung nach Charrân beim Jahwisten ist, obwohl literarisch älter, doch sekundär. Sonst erscheint es Num. 23, 7 als Heimat Bile'ams, Jud. 6, 3. 33. 7, 12. 8, 10 in den Zusätzen zur Gideongeschichte, Gen. 25, 6, vgl. 10, 30 [ferner המדק Sohn Isma'els bei P, ינמדקה Gen. 15, 19] als Sitz völlig nomadischer Stämme, ebenso Jerem. 49, 28. Ezech. 25, 4. 10. Hiob 1, 3. Jes. 11. 14.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 418-429.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Dulk, Albert

Die Wände. Eine politische Komödie in einem Akte

Die Wände. Eine politische Komödie in einem Akte

Diese »politische Komödie in einem Akt« spiegelt die Idee des souveränen Volkswillen aus der Märzrevolution wider.

30 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon