Geographie Babyloniens

[429] 359. Nachdem der Euphrat die syrisch-mesopotamische Steppe in zahlreichen Windungen und mit starkem Gefäll durchzogen hat, tritt er, dem Tigris bis auf wenige Meilen genähert, in ein weites Tiefland ein, das den Alluvionen der beiden Ströme seinen Ursprung verdankt. Der höher gelegene Euphrat spaltet sich in zahlreiche Arme und Kanäle, die, meist zum Tigris abfließend, das Land weithin bewässern. In der trockenen, gelegentlich empfindlich kalten Winterszeit steht das Wasser tief und die meisten Kanäle liegen trocken; im März beginnt der Tigris, im April der Euphrat zu schwellen, und in der Hochwasserzeit (Juni und Juli), wo die gewaltigen Schneemassen der armenischen Berge ihren Weg zum Meere suchen, verwandeln sich weite Flächen des Landes in große Seen, aus denen nur die erhöht liegenden Orte aufragen, wie in Aegypten zwei Monate später. Die Wasser und ihre Niederschläge verleihen dem Boden eine intensive Fruchtbarkeit, die z.B. von Herodot in fast noch glänzenderen Farben geschildert wird als die Aegyptens, und jedenfalls von keinem anderen Lande der Erde übertroffen wird. Freilich bedarf es zu ihrer Ausnutzung, wie in Aegypten, überall der intensiven und umsichtigen Fürsorge der Menschen. Der ungebändigte Fluß schadet bald durch Wildheit, bald durch Stagnation und Versumpfung eben so viel als er nützt: die Flußarme müssen eingedeicht, neue Kanäle gegraben und in Stand gehalten, ihre Verstopfung durch die Schlammmassen gehindert werden, [429] und nicht minder das willkürliche Durchstechen der Deiche durch die Anwohner, die das Wasser verschwenden und den weiter abwärts Sitzenden entziehen. Überdies erhöhen die Kanäle ihr Bett sehr rasch durch den abgelagerten Schlamm, so daß sie alsbald höher fließen als das umliegende Land und daher immer wieder durch neue, den älteren Betten parallel laufende, ersetzt werden müssen. So ist Babylonien immer nur dann in gutem Stande gewesen, wenn eine starke Regierung vorhanden war. Zahlreiche Veränderungen sind im Lauf der Geschichte eingetreten. In der ältesten Zeit mündeten die Flüsse etwa unter dem einunddreißigsten Breitengrad in ein breites Aestuar; seitdem haben ihre Alluvionen ständig fortschreitend den Meerbusen weit hinaus bis zum zweiunddreißigsten Grad angefüllt; dadurch ist das Bett des Šatt el ´Arab entstanden, in dem beide Ströme sich vereinigen und zugleich den Choaspes und Eulaeos in sich aufnehmen. Der Hauptarm des Tigris, viel wasserreicher als der Euphrat, hat sich früher durch den Šatt el Ḥâi ergossen, dem Euphrat viel näher, während jetzt sein Bett weit nach Osten ausbuchtet. Umgekehrt drängen die Wasser des Euphrat ständig gegen Südwesten; in alter Zeit floß der Hauptteil seiner Wasser durch den Šatt en Nîl, bei Nippur vorbei, und teilte sich dann in mehrere Arme, die sich zum Teil mit dem Tigris vereinigten. Später wurde der Arm, an dem Babylon liegt der wichtigste; aber schon zu Alexanders Zeit floß die Hauptmasse des Wassers durch den westlichen Arm, der sich weit oberhalb Babylons abzweigt, den Kanal Pallakottas, wenn er nicht nach Ablauf der Überschwemmung verstopft wurde; er bildete die großen stagnierenden Seen, an denen gegenwärtig Kerbelâ und Nedjef liegen. Dazu kommt die Niveauveränderung durch die Aufhöhung des Landes und die Verlängerung der Flußbetten. Diese natürlichen Ursachen sind dann durch den vollen Verfall der islamischen Kultur seit der Mongolenzeit gewaltig gesteigert worden, so daß das blühende Land Nebukadnezars und der Chalifen kaum wieder zu erkennen ist. Die meisten seiner alten Städte sind jetzt Schutthügel [430] inmitten einer wüsten Einöde; auf weite Strecken ist es teils der Versumpfung, teils dem Wüstensande und vor allem armseligen Beduinenscharen anheimgefallen, die jede rationelle Bewirtschaftung unmöglich machen.


Die tatsächlichen Verhältnisse des Landes (für die Über schwemmungsdaten s. SACHAU, Am Euphrat und Tigris S. 74. 76 u.a.; bei Plinius V 90 sind die Daten der Nilüberschwemmung fälschlich auf den Euphrat übertragen) zeigen, daß die weit verbreitete Ansicht völlig unhaltbar ist, die babylonischen Schöpfungs- und Flutsagen seien Jahresmythen, in denen der Winter [tatsächlich die trockene Jahreszeit!] die Zeit des Regens und des Wassers repräsentieren soll, in der das Chaos (Tiâmat) herrscht, während die Bändigung der Wasser und die Ordnung der Welt der Sieg des neugeborenen sommerlichen Sonnengottes Bel-Marduk sei, der in Wirklichkeit durchaus kein Sonnengott ist. – Über die Schwierigkeiten einer rationellen Bewässerung und die Gefahr der Versumpfung s. die vortrefflichen Nachrichten aus den Historikern Alexanders (Aristobul) bei Strabo XVI 1, 9ff. und Arrian VII 7. 21. Über die Kanäle und Dämme, ihren rasch eintretenden Verfall, ihr Verschwinden vgl. HERZFELD über die histor. Geogr. von Mesopotamien, Petermanns Mitt. 1909, 345ff., nach dem die Spuren der altbabylonischen Kanäle und Dämme jetzt von der Oberfläche längst verschwunden sind. – Noch zur Assyrerzeit bildete das jetzige Mündungsgebiet der Ströme einen tiefen Meerbusen, zu Alexanders Zeit (Nearch) lag hier ein großer Binnensee; vgl. DELITZSCH, Paradies 173ff. Für die älteste geschichtliche Zeit s. die Rekonstruktion der ältesten Flußläufe auf der Karte bei CL. FISCHER, Excavations at Nippur p. 3. Über den Pallakottas (nicht kopas), babylonisch Pallakut s. MEISSNER, Mitt. Vorderas. Ges. 1896, Heft 4; der Name ist in dem Ort Fellûga im äußersten Norden Babyloniens erhalten, bei dem sich der Arm vom Euphrat abzweigte.


360. Die populäre Vorstellung, als sei jemals das ganze vom Euphrat und Tigris umschlossene Tiefland ein großes Kulturland gewesen, widerspricht den Tatsachen durchaus. Vielmehr hat es hier immer weite Strecken gegeben, die vom Wasser nicht erreicht wurden und daher vollen Wüstencharakter trugen, so daß in ihnen nur Beduinen hausen konnten. Auch jenseits des Tigris, in dem Flachland am Fuß der Berge bis zum Choaspes hin, liegen neben kulturfähigen Gebieten ausgedehnte öde Steppen; und im Westen und Süden des Euphrat beginnt unmittelbar die trostlose[431] syrisch-arabische Wüste. So ist, da die Marschlande des Schwemmgebiets erst in hellenistischer Zeit kulturfähig und besiedelt wurden, das alte Kulturland von Babylonien oder Sinear ein Gebiet von sehr beschränktem Umfang, wesentlich kleiner als das Kulturland Aegyptens. Alle alten Städte liegen nahe bei einander in einem Bezirk, der nicht viel über fünfzig Meilen lang und kaum je mehr als zehn Meilen breit ist, vom Beginn des Marschbodens in der Gegend, wo der Tigris bei Opis (§ 381) den 'Aḍêm (Radânu) aufnimmt und sich dem Euphrat bis auf wenige Meilen nähert, im Gebiet der beiden ursprünglich parallel fließenden Ströme bis hinab nach Eridu (Abu Šahrein bei Sûq eš-šiûch), und an den sie verbindenden Kanälen oder Flußarmen, vor allem dem Šatt en Nîl, Šatt el Kâri und Šatt el Ḥâi, dem alten Hauptbett des Tigris; an dem heutigen, weit nach Osten ausbiegenden Hauptarm des Tigris dagegen liegt keine einzige. Auch dies Gebiet darf man sich nicht als kontinuierlich besiedelt und kulturfähig vorstellen; es sind vielmehr lange Streifen fruchtbarsten Kulturlandes, die längs der Wasserläufe in das Wüstengebiet eingebettet sind, deren Umfang aber nach dem jeweiligen Stande der Kultur und der staatlichen Organisation beträchtlichen Schwankungen unterliegt.


Gegen die modernen Phantasien s.H. WAGNER, Die Überschätzung der Anbaufläche Babyloniens und ihr Ursprung, Nachr. Gött. Ges., phil.-hist. Cl. 1902, wo die arabischen und die modernen Nachrichten sorgfältig geprüft sind. Die griechischen Nachrichten und die zahlreichen Nomadenstämme, die wir in den babylonischen und assyrischen Angaben im Lande finden, lehren das gleiche.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 429-432.
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