Übersicht der ältesten Dynastien.

Übersicht der ältesten Dynastien

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392. Daß die Elamiten von Susa wiederholt Kriegs-und Raubzüge gegen Sinear unternommen haben, haben wir gesehen (§§ 386. 388). Umgekehrt wird es auch in dieser Zeit an Versuchen der Herrscher des Tieflandes nicht gefehlt haben, die fruchtbare Ebene von Susa zu unterwerfen; und daneben sind ohne Zweifel andauernd friedliche Berührungen einhergegangen. So hat sich in Elam früh eine höhere Kultur entwickelt, die uns durch die französischen Ausgrabungen in Susa bekannt geworden ist. Wie in Sinear gehört auch hier die älteste Ansiedlung einer Zeit an, in der die Steinwerkzeuge noch dominierten, aber doch auch bereits Kupfer verarbeitet wurde. Die Abhängigkeit von Sinear

tritt überall deutlich hervor, in der Kunst, in den Gestalten und Symbolen der Götter, in dem Wappenvogel von Susa, der in Enten packt (§ 370), in den Darstellungen mythologischer Szenen, die einfach von dort übernommen sind, in den Siegelcylindern, in der Tracht, und offenbar auch in den Bauten. Aber daneben zeigt sich die heimische Eigenart z.B. darin, daß in das sehr umfangreiche Pantheon babylonische Götternamen garnicht eingedrungen sind, obwohl man die Götterbilder aus Sinear entlehnte. Einheimisch ist auch die Keramik; die gut gearbeiteten Becher, Schalen und Krüge werden mit linearen Mustern und geometrisch stilisierten Pflanzen und Tieren (Ziegenböcken, Antilopen und Hirschen, Rindern, Hunden, Vögeln, darunter dem schwebenden Wappenadler, vereinzelt auch Menschen) bemalt, Motive, die auf den gleichzeitigen Siegelcylindern wiederkehren; ähnliche Gefäßmuster sind durch die Gebirgswelt Asiens weithin verbreitet, während die Bemalung der Tongefäße dem babylonischen Kulturlande eben so fremd ist, wie der entwickelten aegyptischen Kultur seit der Thinitenzeit. – Auch die Schreibkunst und das Schreibmaterial, die Tontafel, haben die Elamiten den Sumerern entlehnt, aber sich eine eigene Schrift gebildet. Die Schriftzeichen gehen auch hier offenbar auf hieroglyphische Bilder zurück, sind aber in Kombinationen von Strichen umgesetzt, die von den babylonischen völlig verschieden sind. Daneben tritt die Abhängigkeit besonders deutlich hervor, daß diese Schrift eine reine Silbenschrift mit einigen wenigen Determinativen ist, und daß auch hier (wie semitisch-babylonischen Schrift) die meisten Silbenzeichen nur aus einem Konsonanten und einem Vokal bestehen, und daher Silben wie tik und raš auch hier durch ti-ik und ra-aš ausgedrückt werden. Erhalten ist diese Schrift auf Steindenkmälern des der Zeit nach Naramsin angehörigen Herrschers Bašašušinak (§ 416), der daneben die akkadische (semitische) Sprache und Schrift verwendet, und auf zahlreichen Tontafeln mit Rechnungen, die etwa bis in die Zeit des Reichs von Sumer und Akkad hinabreichen; aus ihnen ergibt sich zugleich, daß das Zahlensystem und die [501] Ziffern der susischen Schrift dezimal, nicht wie in Sinear sexagesimal gewesen sind. In der folgenden Zeit, nach der Mitte des dritten Jahrtausends, ist die einheimische Schrift aufgegeben worden; von da an wird in Elam lediglich die babylonische Keilschrift verwendet.


Die »protoelamischen« Inschriften Bašašušinaks nebst den zugehörigen Sculpturen sind von SCHEIL, Délég. en Perse VI (textes él.-sém. III) pl. 2. vol. X (él.-sém. IV) pl. 4. 5. Rev. d'Ass. VII pl. 2 veröffentlicht, die Tontafeln (über 800) ib. VI p. 59ff.; nach den Siegelabdrücken auf no. 5242 pl. 24 reichen sie bis in die Zeit des Reichs von Sumer und Akkad hinab. SCHEIL hat das Zahlensystem richtig erkannt, während sonst seine Ansätze zur Entzifferung mißglückt sind; dagegen ist es C. FRANK (Zur Entzifferung der altelamischen Inschriften, Abh. Berl. Ak. 1912) gelungen, auf den Bilinguen des Bašašušinak den Lautwert der elamischen Zeichen zu bestimmen und damit den Grund zur Entzifferung zu legen. Zugleich bestätigt sich dadurch, daß die Sprache identisch ist mit der einheimischen Sprache, die später (seit dem 2. Jahrtausend), mit Keilschrift geschrieben, in den Inschriften und Tontafeln von Susa erscheint (von SCHEIL anzanisch genannt). – Die älteste Ansiedlung auf dem Burghügel von Susa, bereits dem Beginn der Kupferzeit angehörig, mit Gefäßen von feinem Ton und sorgfältiger schwarzer Bemalung, ist durch eine Erdschicht (wohl Applanierung für einen Neubau?) von der zweiten Schicht getrennt, deren Gefäße weniger sorgfältig gearbeitet sind, aber mehr Tierfiguren bringen; Bemalung schwarz und rot. Die zweite Schicht enthält zahlreiche Votivtafeln, mit Figuren geschmückte Steingefäße u.ä., die etwa der Zeit Eannatums und Entemenas angehören; so wird die älteste Ansiedlung wohl, auch hier über 3000 v. Chr. hinaufragen. – Überblick der Schichten: DE MORGAN, Délég. en Perse XIII (archéol. V). Die Keramik ebenda behandelt von POTTIER, die Siegelsteine in vol. XII von PÉZARD. Gleichzeitige Keramik von Tépé Moussian, 100 km östlich von Susa: GAUTIER und LAMPRE in vol. VIII. Die Tragweite und Selbständigkeit der Funde von Susa wird oft überschätzt. Die geometrisierende Vasendekoration scheint weithin in Asien verbreitet, aber spezielle Beziehungen z.B. zu der Keramik von Anad in Turkestan bestehen nicht. – Die bartlosen Gestalten mit langem Haupthaar auf den Reliefs Délég. XIII 33, 5. 37, 8. 40, 9 (auch 34, 4 u. 5?) geben wohl den einheimischen Typus wieder [dagegen sind die bärtigen Gestalten pl. 40, 3 vielleicht importiert, vgl. § 362 A]. Die Tracht ist der sumerischen gleichartig; in der symbolischen Kultszene pl. 37, 8 sind die beiden Männer nackt, wie in Sinear.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 499-503.
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