Die Semiten von Akkad

[503] 393. Während im Süden Sinears die sumerische Nationalität ihre eigenartige Kultur fortschreitend ausgestaltete, haben im Norden die Semiten sich immer mehr befestigt. Daß sie im Reiche von Kiš (und ebenso offenbar in Opis) jedenfalls bald nach dem Siege Eannatums zur Herrschaft gelangt sind, haben wir schon gesehen (§ 382). Den Hauptsitz der Semiten bildete das Gebiet, wo der Euphrat in das Marschland eintritt und die ersten großen Kanäle zum Tigris entsendet. Hier liegt die Stadt Sippara (j. Abu Habba), neben der Sargon, der Begründer des akkadischen Reichs, sich als Herrschersitz die Stadt Akkad (geschrieben Agade) erbaut hat (§§ 398. 403), die denselben Namen trägt, wie Land und Volk. Sippara ist der Sitz des Sonnengottes Šamaš, den die Akkadier als Hauptgott verehren, während in Akkad eine meist einfach als Ištar (d.i. 'Athtar, Astarte, § 346) bezeichnete Göttin mit dem Eigennamen Anunît ihren Sitz hat; daher wird Akkad oft auch »Sippara der Anunît« genannt. Daneben wird der Mondgott Sin von den Akkadiern eifrig verehrt; vielleicht ist dieser Gottesname überhaupt rein semitisch, und von dem sumerischen Mondgott von Ur (§ 368) zu scheiden-der Gott Sin findet sich auch bei den südarabischen Stämmen, kann aber zu ihnen vielleicht aus Babylonien eingedrungen sein. Wahrscheinlich ist auch weiter südlich Borsippa mit seinem Orakelgott Nebo (Nabiu, Nabû) dem »Propheten« von Anfang an semitisch, da dieser einen rein semitischen Namen trägt, und ebenso die benachbarte »Gottespforte« [503] Bâb-il, Babel, der Sitz eines Lokalgottes Marduk. Es wird doch wohl nur Zufall sein, daß beide Götter in den Texten und Eigennamen vor der ersten Dynastie von Babel nicht vorkommen, da eben bis dahin diese Orte geschichtlich keine größere Rolle gespielt haben und wir alte Urkunden aus ihnen nicht besitzen. Sehr gewöhnlich ist in akkadischen Eigennamen, die uns auf dem Obelisken Maništusus (§ 399) in großer Zahl erhalten sind, die Verwendung des Wortes Bêl »Herr« (§ 347) für die Gottheit. Daneben findet sich mehrfach Dagan (§ 396), ferner der Stadtgott von Kiš, und natürlich auch manche andere sumerische Götter; unter ihnen tritt, den religiösen Anschauungen der Semiten entsprechend (§ 348), der Himmelsgott Anu weit stärker hervor, als bei den Sumerern selbst. – Auch die nordbabylonische Stadt Kaṣalla hat zu Sargons Zeit einen semitischen Herrscher (§ 401). Ebenso wird Ma'er, ganz im Norden, nahe der mesopotamischen Steppe, das von Eannatum erobert wurde (§ 386), semitisch gewesen sein. Aus ihm hat sich die kopflose Statuette »eines Königs von Ma'er, Großpatesis des Enlil« als Weihgeschenk an den Sonnengott erhalten, in sumerischer Tracht, ganz ähnlich den spätarchaischen Denkmälern von Tello; aber die Inschrift (der Name ist zerstört) ist wahrscheinlich semitisch zu lesen.


Die Lage von Sippara (Plin. VI 123 Hippareni) ist 1880 durch RASSAM entdeckt; über SCHEILS Ausgrabungen § 385 A. Sonst vgl. zu Sippara und Akkad (geschrieben Agade, vgl. BEZOLD, Catal. of the Kouyunjik Collection III 1049; Gen. 10, 10 דכא und ihren Göttern DELITZSCH, Paradies 210ff. ZIMMERN, KAT. 399ff. 422ff. – Wie Nebo und Marduk scheint auch der jedenfalls sumerische Nergal von Kutha in älterer Zeit nie vorzukommen. – Statue von Ma'er im Brit. Mus.: KING, Hist. of Sumer and Akkad, Tafel zu p. 102, vgl. p. 98, 1. TH.-D. S. 170. Die Stadt muß nach der Inschrift des Šamašrešuṣur bei WEISSBACH, Babylon. Miscellen 9ff., in der Nähe von Suchi, d.i. der Euphratsteppe, gelegen haben; daher nennt Eannatum galet A 6, 22 sie neben Kiš und Opis. Vgl. auch die Zerstörung ihrer Mauer durch Chammurapi (KING III p. 230). – Der in den Inschriften der älteren semitischen Könige oft vorkommende Gottesname an-A-mal ist nach POEBEL, Orient, Lit.-Z. XV 484 Zam-a-ma zu lesen, und mithin nur eine ältere Schreibung [504] des Namens des Stadtgottes von Kiš. Er findet sich auch in der susischen Inschrift Naramsins (§ 402a) unter lauter elamitischen Göttern.


394. Von der Kulturentwicklung der Semiten von Akkad läßt sich jetzt ein etwas lebensvolleres Bild gewinnen, als noch vor wenigen Jahren, da jetzt die Vorstufen der unter Naramsin erreichten Höhe wenigstens durch einige Monumente veranschaulicht werden. Sie sind aufs stärkste von den Sumerern beeinflußt, aber überall haben sie die ältere Kultur nicht mechanisch kopiert, sondern sich angeeignet und selbständig weiter entwickelt. Wie in der Religion, im Staat, im Kriegswesen ihre Eigenart sich durchgesetzt hat, so haben sie auch die Schrift, die sie von den Sumerern übernahmen, zugleich weitergebildet. Allerdings haben sie oft einfach die sumerischen Worte und Wortgruppen zur Bezeichnung der Wörter ihrer eigenen Sprache verwendet, nicht nur bei Wortzeichen, wie z.B. für šarru »König« das sumerische Zeichen lugal, für ilu »Gott« das sumerische dingir (an) beibehalten wird, und ebenso bei den Namen der Götter und Städte, sondern vielfach haben sie ganze Zeichengruppen gerade für die gangbarsten Substantive und Verben übernommen; so schreiben sie z.B. für išruq »er weihte« das sumerische Wort a-mu-ru, für napištu »Leben« nam-ti-la u.ä. Dadurch haben sie der Schrift noch ein neues ideographisches Element sehr komplizierter Art eingefügt, durch das bei kurzen alten Inschriften die Entscheidung oft schwer wird, ob sie sumerisch oder semitisch zu lesen sind. Aber daneben gewinnt das rein phonetische Element und die Schreibung mit einfachen Silbenzeichen (§ 376 a.E.), deren Zahl beträchtlich vermehrt wird, immer mehr das Übergewicht, und tritt uns bei Bildungselementen (Präpositionen, Suffixen u.ä.), aber auch bei vielen Wörtern und Namen schon unter den ältesten semitischen Königen ausgebildet entgegen. Im einzelnen weichen die Schriftzeichen vielfach von den sumerischen ab (z.B. das Zeichen für »König«), und sie zeigen einen großen, energischen Ductus, der den älteren sumerischen Inschriften fehlt. Schon die ältesten semitischen Inschriften sind viel sauberer und geregelter [505] als die gleichzeitigen sumerischen. Ebenso verwenden Šarganišarri und Naramsin sowohl zum Schreiben wie für ihre Bauten große geglättete rechteckige Ziegel im Gegensatz zu den kleinen ovalen Täfelchen und den planokonvexen Bauziegeln der Sumerer. Wie die Semiten hier über ihre Lehrmeister hinausgeschritten sind, so noch weit mehr in der bildenden Kunst. So deutlich die Anlehnung an die sumerischen Vorbilder hervortritt, so unverkennbar ist von Anfang an das Streben, deren Einseitigkeit und Plumpheit zu mindern und zu größerer Wahrheit und damit zu reicherem inneren Leben zu gelangen; und so lassen dann die Erzeugnisse der Zeit Naramsins alles weit hinter sich, was die Sumerer bis dahin geschaffen haben, und zeigen einen freieren Zug und ein viel lebendigeres künstlerisches Empfinden, als die Sumerer jemals erreicht haben. – In ihrer äußeren Erscheinung unterscheiden sich die Semiten nicht nur in der Gesichtsbildung bestimmt von den Sumerern, sondern auch durch ihr langes sorgfältig gekräuseltes Haupthaar und ihren wohlgepflegten Bart (§ 362); daher heißen sie im Gegensatz zu jenen in den Texten oft die »Schwarzköpfigen«. Auch ihre Tracht ist eine andere. Die Sumerer sind nur mit einem Wollrock bekleidet und lassen den Oberkörper nackt (§ 368), die Semiten tragen entweder einen kurzen, in breiten Streifen über beide Schultern laufenden Leibrock, der durch einen Gürtel zusammengehalten wird, so meist im Kampf, oder sie umwickelnden Körper in über einander greifenden Streifen mit einem langen geriefelten Plaid, dessen Zipfel über die linke Schulter geschlagen wird, während die rechte frei bleibt. Auch Sandalen sind bei ihnen gebräuchlich. Abzeichen der Königsmacht sind auch hier eine krumme Sichel und eine Keule; außerdem trägt der Herrscher Armringe. Im Gegensatz zu der geschlossenen Phalanx der Sumerer herrscht bei ihnen die aufgelöste Kampfweise, die auf einem Schlachtrelief des Reichs von Akkad aus Tello (§ 404) dargestellt ist; die Hauptwaffe ist der Bogen; von dem großen Köcher hängt eine lange schwanzartige Troddel herab. Daneben kommt die Lanze vor. Außerdem [506] haben alle Krieger kurze Wurfspeere, manche auch eine Streitaxt; der Kopf ist wie bei den Sumerern durch einen Helm mit Nackenschirmer geschützt. Ihre Schlachten lösen sich daher in eine Reihe von Einzelkämpfen auf.


Das Material ist gesammelt und analysiert in meinen Sumeriern und Semiten. Seitdem haben die Denkmäler des Sargon und Maništusu die Erkenntnis wesentlich gefördert und uns die älteste Gestalt der semitischen Kunst kennen gelehrt, die in der vorigen Auflage dieses Buches nur postuliert werden konnte. – Über die Bewaffnung vgl. jetzt SCHEIL, L'armure aux temps de Naramsin, auf Grund einer Tafel über Lieferung eines Fabrikanten aus Susa, in Nouv. Notes XVI im Rec. 35.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 503-507.
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