Das kleinasiatisch-armenische Hochland

und seine Volksstämme

[687] 472. Im Norden der semitischen Welt liegen die Gebirge des kleinasiatisch-armenischen Hochlands. Das Plateau des inneren Kleinasiens, nach der späteren geographischen Nomenklatur den Landschaften Kappadokien, Lykaonien und Phrygien (mit Galatien) entsprechend, ist eine rings von Bergketten umschlossene Hochebene von 600-1000 Metern Meereshöhe, in der sich in kleinerem Maßstabe die Eigenart der großen Plateaus von Ostturkestan und von Iran nochmals wiederholt. Auf weite Strecken bildet sie eine kahle, baumlose Fläche, deren Graswuchs nur großen Schafherden ausreichende Nahrung gewährt; im Zentrum senkt sie sich zu einem flachen Salzsee, dem Tattasee, und trägt in dessen Umgebung, dem Vorland des pisidischen Tauros im Südwesten, völligen Wüstencharakter. In scharfem Gegensatz dazu steht die wilde, seenreiche Alpenwelt des pisidischen und kilikischen Tauros im Süden, die fruchtbaren Täler und waldreichen Berge der Küstengebirge im Norden. Diese Landschaften entsprechen der geographischen Bildung nach den Zagrosketten und den Berglandschaften von Persis und Medien in Iran. Aber weit näher als in diesen treten in Kleinasien die Randgebirge des Nordens und Südens und die von ihnen ausgehenden Bergketten an einander heran, zwischen ihnen erhebt sich inmitten der kappadokischen Steppe der gewaltige Vulkan Argaeos; die Dimensionen sind wesentlich kleiner als in den [687] großen Hochländern des zentralen Kontinents. Daher gelangt der Wüstencharakter des Plateaus hier nicht zu voller Durchbildung, die zentrale Steppe und Wüste bildet nicht, wie in Turkestan und Iran, den dominierenden Mittelpunkt des Landes. Wenn viele Flüsse nach kurzem Lauf versiegen oder in einem Binnensee ihr Ende finden, so haben andere sich den Weg zum Meer gebahnt und sich zu bedeutenden Strömen entwickelt, so im Norden der Sangarios, der Halys und weiter, schon ganz dem Bereich der Küstengebirge angehörig, der Iris mit seinen Zuflüssen, im Süden der Saros und Adanos, im Osten der Euphrat mit seinen Nebenflüssen. Allerdings vermögen diese Ströme den Charakter der inneren Hochebene nicht wesentlich zu ändern; sie sind des starken Gefälls wegen nicht schiffbar, meist auch ziemlich wasserarm und in der Regel nur von einem schmalen Ufersaum Kulturland begleitet. Aber sie schaffen einen Zugang in das Innere des Plateaus und lockern es auf; die fruchtbaren Täler und kleinen Ebenen, die an ihnen und ihren Zuflüssen verstreut liegen, werden durch sie verbunden und aus oasenartiger Isolierung herausgerissen. Dazu kommt als wichtigstes Moment, daß Kleinasien auf drei Seiten vom Meere umschlossen ist und daß, ganz anders als z.B. bei der Arabischen Halbinsel, in den Küstenlandschaften überall die ans Meer herantretenden Gebirge dank den günstigen klimatischen Bedingungen mit reicher Vegetation bedeckt sind und zur Besiedlung anlocken. So ist Kleinasien dem Eindringen geschichtlichen Lebens in ganz anderer Weise geöffnet als die großen Plateauländer im Osten; es ist, wie Syrien, vor allem ein großes Durchgangsland geworden. Diese Entwicklung ist dadurch weiter gesteigert, daß das Hochland sich nach Westen in zahlreiche parallele Gebirgsketten auflöst, mit großen äußerst fruchtbaren, von Flüssen durchströmten Ebenen. In einer reich gegliederten Küste schließt es sich nach Westen auf; hier bildet das Aegaeische Meer nicht die Grenze, sondern vielmehr die engste Verbindung mit der Inselwelt und der gleichartig dem kleinasiatischen Kontinent entgegen sich öffnenden griechischen Halbinsel. – Nach Osten setzt sich das [688] kleinasiatische Hochland, ohne bestimmte natürliche Grenze, in der wilden Bergwelt des armenischen Hochplateaus fort; aber auch dies ist durch große Ströme, den Euphrat und Tigris, den Araxes und Kyros, im Innern aufgelockert und trotz der hohen und schwer passierbaren Gebirgsketten, die es durchziehen, mit der übrigen Welt verbunden.

473. Die Ethnographie Kleinasiens und Armeniens bietet in späterer Zeit ein buntes Bild. Die älteste Verteilung der Stämme ist wiederholt durch große Wanderungen umgestaltet worden. Bedeutsam ist vor allem, daß von Westen her indogermanische Völker in die Halbinsel eingedrungen sind. Schon früh mögen sie von Thrakien aus über die Meerengen gegangen sein; ein wesentliches Element der Bevölkerung sind sie jedoch erst im Zusammenhang mit der großen Völkerwanderung geworden, der zu Anfang des zwölften Jahrhunderts das Chetiterreich erlegen ist (vgl. § 525). Damals haben sich offenbar die Phryger (Askanier) und ihre Verwandten (darunter auch die Myser) an der Propontis und im westlichen Teil des inneren Hochlandes festgesetzt. Eine Fortsetzung dieser Bewegung mag darin zu erkennen sein, daß im Westen mehrfach neue Volksnamen an Stelle der älteren treten (Troer-Teukrer, Maeoner-Lyder). Um dieselbe Zeit ist die Westküste und im Süden Pamphylien und Cypern, später auch die Nordküste der Halbinsel von Griechen besetzt worden. Eine neue große Erschütterung fällt ins siebente Jahrhundert, als von Osten die Kimmerier, von Westen thrakische Stämme (Treren, Bithyner) in die Halbinsel einbrachen. Wahrscheinlich erst in dieser Zeit haben die Armenier von Phrygien aus sich in das Bergland am oberen Euphrat und bis an und über den Wansee in dasjenige Land vorgeschoben, das seitdem nach ihnen benannt wird; hier begegnet uns ihr Name zuerst in den Inschriften des Darius. In derselben Zeit taucht auch der Name der Kappadoker (Katpatuka) zum ersten Male auf, in der Landschaft, welche die älteren Griechen Assyrien nennen und von den Leukosyrern bewohnt sein lassen (§ 435); sie sitzen in der Landschaft am Iris und Halys und haben sich von [689] hier aus einerseits gegen die Paphlagonen und die Bergstämme im Osten ausgebreitet, andrerseits die ältere Bevölkerung von Kataonien und Melitene im Südosten und die Kiliker am Argaeos und dem Vorlande des Tauros unterworfen und sich assimiliert. Welcher Nationalität diese Kappadoker angehören, ist noch völlig dunkel. Dagegen wird die Überlieferung, daß Thraker, Phryger und Armenier eng verwandt sind, durch ihre Sprachen durchaus bestätigt: wir kennen das Armenische durch die mit der Einführung des Christentums entstandene Literatur, das Phrygische durch eine Anzahl mit griechischen Buchstaben geschriebener Inschriften, die im wesentlichen dem Verständnis erschlossen sind, das Thrakische wenigstens durch einzelne überlieferte Wörter und zahlreiche charakteristische Eigennamen, die ebenso bei den Bithynern wiederkehren. Die fortschreitende Erforschung dieser Sprachen hat zugleich gelehrt, daß sie nicht, wie man früher glaubte, mit den Ariern (Iraniern) enger verwandt sind, sondern vielmehr zu der europäischen Gruppe der indogermanischen Sprachen gehören, und hat so die griechischen Nachrichten über die Einwanderung dieser Völker von Westen her durchaus bestätigt. – Wieder einige Jahrhunderte später hat sich noch einmal eine große Völkerwanderung von Westen her über die Halbinsel ergossen, die der Kelten; und auch diesmal haben die Eindringlinge sich schließlich auf dem zentralen Plateau festgesetzt, in dem in großen Windungen vom Sangarios durchzogenen Nordteil des früher von den Phrygern okkupierten Gebiets; von hier aus sind sie über den Halys ins Kappadokerland vorgedrungen. Bei dieser galatischen Invasion, die sich im vollen Licht der Geschichte vollzieht, liegt nicht nur der Verlauf, sondern auch die dadurch erzeugte Völkermischung klar vor Augen: das herrschende Volk hat seine Nationalität und auch die Verbindung mit den Stammgenossen in Thrakien und im westlichen Europa noch lange erhalten, aber es hat zugleich die Zivilisation und vor allem die Religion der älteren Bevölkerung angenommen; ja die verschnittenen Diener der großen Göttin von Pessinus werden in der späteren Zeit auf Grund [690] der politischen Verhältnisse in der Regel mit dem Volksnamen Galli bezeichnet, obwohl dieser Kult mit der Kastration nichts weniger als keltisch, sondern vielmehr phrygisch gewesen ist und wahrscheinlich in derselben Weise schon die Phryger ihn von der ihnen vorausgehenden Bevölkerungsschicht übernommen haben.


Der von mir in der ersten Auflage dieses Werks unternommene Versuch, in der wirren Ethnographie Kleinasiens durch energisches Durchgreifen Ordnung zu schaffen, hat sich nicht bestätigt, am wenigsten die Zusammenfassung der Phryger, Myser, Lyder und Karer zu einem indogermanischen Volk der »Westkleinasiaten«. Grundlegend ist jetzt KRETSCHMER, Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache 1896. Wertlos sind die älteren Versuche von MOVERS, LASSEN (ZDMG. X.) u.a., überall Semiten nachzuweisen; von Semiten ist in Kleinasien keine Rede. Manches Wertvolle brachte die Behandlung der Sprachreste durch DE LAGARDE, Gesammelte Abhandlungen 254ff., und vor allem die knappe und umsichtige Behandlung der Ethnographie durch KIEPERT, Lehrbuch der alten Geographie, 1878. Die wichtigste Förderung brachte HÜBSCHMANN durch den Nachweis, daß das Armenische keineswegs, wie man früher glaubte (so namentlich LAGARDE), eine iranische Sprache ist-die iranischen Elemente sind erst sekundär, vor allem unter der langen Herrschaft der Arsakiden und Sassaniden, eingedrungen –, sondern eine selbständige indogermanische Sprache, die zu den europäischen Sprachen gehört: Z. f. vgl. Sprachw. XXIII. Vgl. auch HÜBSCHMANN, Die altarmen. Ortsnamen, Indogerm. Forsch. XVI 1904. – Durch diese Entdeckungen sind auch die geistreichen Hypothesen KIEPERTS über älteste Landes- und Volksgeschichte von Armenien, Ber. Berl. Ak. 1869, definitiv widerlegt. KIEPERT ließ die Armenier, auf Grund eines Deutungsversuchs der für die ältere Zeit völlig wertlosen, aus biblischen, griechischen und einheimischen Elementen komponierten »Überlieferung« der armenischen Historiker von Nordosten, aus der Araxesebene, vordringen, während die griechischen Angaben aus der Achaemeniden- und Seleukidenzeit deutlich zeigen, daß sie zunächst im Westen, zu beiden Seiten des oberen Euphrat bis zu den Halysquellen, gesessen haben, s. Herod. I 72. 194. III 93. V 52. Strabo XI 14. – Ableitung der Armenier aus Phrygien, der Phryger aus Thrakien: Herod. VII 73. Eudoxos bei Steph. Byz. Ἀρμενία = Eustath. ad Dion. perieg. 634. Inschriften und Sprache der Phryger: A. D. MORDTMANN, Ber. Münch. Ak. 1862. GOSCHE, Verh. Meißner Philologenvers. 1863. RAMSAY, J. R. As. Soc. XV 1883 und in BEZZENBERGERS Beiträgen XIV 309ff. Z. f. vgl. Sprachw. 28, 381ff. SOLMSEN ib. 34, 30ff. 68ff. u.a. Zusammenfassung [691] bei KRETSCHMER l.c. 217ff. CALDER, Corpus Inscr. Neophrygiarum, J. Hell. Stud. XXXI 161ff. – In Thrakien hat sich der Name der Phryger in den Brygen in der Nachbarschaft Makedoniens erhalten: Herod. VI 45. VII 73, vgl. VIII 138 u.a.; in der Telegonie sind sie nach der Epitome des Proklos [die Apollodorepitome 7, 35 sagt dafür περίοικοι] Feinde und also wohl nördliche Nachbarn der Thesproter. Die Umwandlung des Φ in B ist echt makedonisch (vgl. § 486 A.). Dadurch wird zugleich die Angabe des lydischen Historikers Xanthos bei Strabo XII 8, 3. XIV 5, 29 bestätigt, daß die Phryger erst μετὰ τὰ Τρωικά nach Kleinasien gekommen seien; sie wird, wenn wir die Datierung in unsere Ausdrucksweise umsetzen, als völlig zuverlässig betrachtet werden können [daß Homer die Phryger und Askanier schon in Asien kennt, beweist nichts dagegen]. Ebenso sit zen die Myser bei Homer II. N 5 bekanntlich noch im Norden Thrakiens, d.i. in Moesien [dieser Name, der erst in römischer Zeit aufkommt, muß sich hier aus der Urzeit erhalten haben], im Gegensatz zu Il. Ω 278. B 858. K 430. Ξ 512 (vgl. THRAEMER, Pergamos 286ff., dem ich nicht überall zustimmen kann); damit hängt irgendwie die isolierte Tradition Herodots VII 20, vgl. V 13. VII 75 zusammen, daß die Teukrer von Troja und die Myser vor dem troischen Kriege einen großen Zug nach Europa unternommen hätten und daß sie die Bithyner vom Strymon verdrängt hätten, während die später hier ansässigen Paeoner ihre Nachkommen seien. Über die Teukrer s. § 491 A. Vgl. weiter Strabo X 3, 22. XII 4, 6 über das Vordringen der Phryger und Myser nach Trojas Fall, ferner die Edoner in Antandros, die Thrakerin Abydos. Die Myser sind nach Xanthos (dem Menekrates v. Elaea folgt) bei Strabo XII 8, 3 vom Olymp, wo sie ursprünglich saßen, durch die aus Thrakien kommenden Phryger nach Süden gedrängt worden; ihre Sprache bezeichnet er als μιξολύδιόν πως καὶ μιξοφρύγιον διάλεκτον. Auch das wird richtig sein; sie waren ein schon vor den Phrygern nach Asien gekommener Stamm, der sich vom Olymp aus gegen das altlydische Gebiet ausbreitete und dabei zahlreiche lydische Elemente in seine Sprache aufnahm; daher nennt Herod. VII 74 die Myser Λυδῶν ἄποικοι und bezeichnet I 171 nach karischer Überlieferung die Myser und Lyder als κασίγνητοι der Karer und, wie es scheint, als ὁμόγλωσσοι mit den Karern (wie auch noch andere Völker, die er leider nicht nennt), ihre Eponymen Mysos und Lydos als Brüder des Kar; alle drei Völker haben am Kult des Zeus Karios in Mylasa Teil [so auch Strabo XIV 2, 23]. Hier tritt uns also eine ursprüngliche Einheit entgegen, die im Norden durch das Eindringen der thrakischen Myser eine indogermanische Beimischung erhalten hat [vielleicht hat sich die ältere Bevölkerung, die natürlich nicht Myser geheißen haben kann, in Teuthranien reiner erhalten, während die eigentlichen Myser immer nur im Olymp und auf der Arganthoniosakte bei Kios sitzen]. – Aus diesen Tatsachen, die wir als genügend [692] beglaubigt betrachten können [geschichtlich zuverlässige Erinnerungen, die über die letzten Jahrhunderte des zweiten Jahrtausends hinausgehen, dürfen wir hier überhaupt nicht erwarten] und die durch unsere Kunde von der großen Völkerwanderung des 12. Jahrhunderts durchaus bestätigt werden, ergibt sich unmittelbar, daß von Phrygern usw. und überhaupt von Indogermanen in der älteren Ethnographie Kleinasiens nicht die Rede sein kann, und daß die Kultur, die uns in Troja, den alten Tumuli Phrygiens, Cypern entgegentritt, vorindogermanisch ist. Diese unabweisbare Konsequenz haben die neueren Forscher übersehen und sich dadurch in unlösbare Verwirrung verstrickt, von der auch KRETSCHMER nicht frei ist; am stärksten herrscht sie bei FICK, Vorgriechische Ortsnamen 1905; einerseits wird hier die spätere Einwanderung der Phryger etc. anerkannt, andrerseits doch immer wieder mit phrygischen Namen und phrygischer Kultur auch in der ältesten Zeit operiert, z.B. auf Kreta. – Für die Nationalität der Kappadoker fehlt uns jeder Anhalt; ihr Name kommt zuerst bei Darius vor und war zu Herodots Zeit den Griechen noch fremd (I 72. V 49. VII 72). Vordringen gegen die Paphlagonen: Strabo XII 3, 25. Die Kataonen (mit Melitene, dem Milidia der Assyrer) sind ein gesondertes Volk, das erst durch Ariarathes I. zu Kappadokien kommt: Strabo XII 1, 2. Zu Strabos Zeit waren sie freilich ὁμόγλωττοι mit den Kappadokern; ursprünglich aber gehören sie offenbar der älteren, chetitischen Bevölkerung des Landes an. Daß sich Kilikien in der Perserzeit bis an den Halys erstreckte, ist bekannt (Herod. I 72. V 52); die Landschaft von Mazaka am Argaeos heißt noch unter den kappadokischen Königen Κιλικία (Strabo XII 2, 7). Die Kulte der beiden Komana sind wohl sicher vorkappadokisch, zumal Komana am Saros im Zentrum Kataoniens liegt. KAROLIDIS hat im heutigen Griechisch dieser Gebiete fremdartige Wörter nachgewiesen, die wohl Reste der kappadokischen Sprache sind; alsdann waren die Kappadoker keine Indogermanen (vgl. KRETSCHMER, Einleitung 399).


474. Aber auch wenn wir diese indogermanischen Elemente sämtlich ausscheiden, bleiben noch Probleme genug. Seit dem Anfang des zweiten Jahrtausends treten die Volksstämme des östlichen Kleinasiens, unter denen die Chetiter (hebr. תח, assyr. Chatti, aeg. Chta) am bedeutsamsten hervortreten, in die Geschichte ein. Wir haben schon gesehen, wie diese Stämme nach Syrien und Mesopotamien vordringen, wie um 1925 das Reich von Babel ihnen erliegt (§ 454) und vielleicht auch die Hyksosinvasion in Aegypten damit in Zusammenhang [693] steht. Auch das Reich Mitani am Euphrat und Belichos gehört dieser Bevölkerungsschicht an, stand aber unter der Herrschaft einer arischen Dynastie (§§ 455f. 465) – mit diesen Ariern dringt ein von den späteren westlichen Invasionen durchaus verschiedenes indogermanisches Element bis an die Grenzen Kleinasiens vor. Umgekehrt haben im dritten Jahrtausend die Assyrer im Halysgebiet im Innern des kleinasiatischen Hochplateaus geboten und kolonisiert, vermutlich indem sie vom oberen Tigristal aus über Melitene am Euphrat nach dem Osten der Hochebene und bis ans Schwarze Meer vordrangen (§ 435); unter Samsiadad scheint im achtzehnten Jahrhundert diese Herrschaft noch einmal wieder hergestellt zu sein (§ 464). Hier, am Küstenlande zu beiden Seiten des Halys, ist der Name der Assyrer oder weißen Syrer bis in späte Zeiten haften geblieben. – Im fünfzehnten Jahrhundert entsteht dann in eben diesen Gebieten ein großes Chetiterreich, mit der Hauptstadt in Boghazkiöi auf einer Hügelgruppe in dem Hochlande östlich vom Halys (in der Nähe liegt eine Königsburg in dem Hügel Üjük). Dies Reich hat sich weithin in Kleinasien und Nordsyrien ausgedehnt und gegen die Aegypter erfolgreich behauptet, bis es zu Anfang des zwölften Jahrhunderts der großen, von Westen ausgehenden Völkerwanderung erlag. Die Folge ist gewesen, daß der Schwerpunkt des Volks sich nach Süden, in das Gebiet des Tauros und Amanos und des nördlichen Syriens, verschoben hat; hier haben sich die Reste der Chetiter in selbständigen Kleinstaaten (speziell in Karkamiš in der Nähe des Euphrat) noch lange behauptet, untermischt mit der aus der Steppe eingedrungenen aramaeischen Bevölkerung, von der sie dann allmählich absorbiert worden sind. – Die Chetiter haben zahlreiche Denkmäler hinterlassen, sowohl in Kleinasien wie in Nordsyrien, die der Zeit etwa vom fünfzehnten bis zum achten Jahrhundert angehören, ja zum Teil noch weiter hinabreichen (vgl. weiter §§ 478ff.). Auf ihnen findet sich eine eigenartige Hieroglyphenschrift (daneben auch eine Kursive), deren Entzifferung noch nicht gelungen [694] ist. Bis vor kurzem war auf diesem Gebiet noch alles unsicher und umstritten; da haben die reichen Ergebnisse der in den Jahren 1906 und 1907 von HUGO WINCKLER ausgeführten Ausgrabungen in Boghazkiöi eine feste Grundlage geschaffen. Sie haben gezeigt, daß die Chetiter neben der auf Skulpturen und Siegeln verwendeten einheimischen Hieroglyphenschrift zur Zeit ihrer Großmacht für Urkunden auf Ton und den Verkehr mit anderen Staaten die babylonische Keilschrift verwendet haben, ebenso wie sich im Neuen Reich auch die Aegypter im diplomatischen Verkehr ihrer bedienten; und zwar haben sie, ebenso wie das Reich Mitani, teils in babylonischer Sprache geschrieben, teils ihre eigene Sprache durch die Keilzeichen wiedergegeben. Daher steht eine Erschließung dieser Sprache umsomehr in sicherer Aussicht, weil die in dieser abgefaßten Texte vielfach babylonische Ideogramme ganz in derselben Weise übernommen haben, wie die Akkadier und Assyrer sumerische Ideogramme verwerteten; dadurch wird für die Erkenntnis des Inhalts dieser Texte ein sicherer Leitfaden geboten. Die Lesung der einheimischen Worte bietet keine Schwierigkeiten, da die Aussprache der Lautzeichen nicht geändert ist. Schon jetzt scheint mit Sicherheit ausgesprochen werden zu können, daß das Chetitische weder indogermanisch noch semitisch, dagegen, wie zu erwarten war, mit der in gleicher Weise durch keilschriftliche Texte bekannten Mitanisprache (§ 465 A.) verwandt ist. – Es ist zu erwarten, daß durch diese Dokumente ein sicherer Anhalt auch für die Versuche der Entzifferung der chetitischen Hieroglyphenschrift geboten werden wird. So kann es keinem Zweifel unterliegen, daß in wenigen Jahren eine feste Grundlage zunächst für die Ethnographie und ältere Geschichte des östlichen Kleinasiens, voraussichtlich aber auch für viel weitere Gebiete der Halbinsel gewonnen sein wird und damit viele jetzt ganz dunkle Probleme ihre Lösung finden (freilich daneben auch andere neu auftauchen) werden. Umsomehr ist gegenwärtig auf diesem Gebiet Zurückhaltung geboten; was im folgenden darüber gesagt wird-da die uns[695] gestellte Aufgabe eine Besprechung dieser Fragen unumgänglich macht –, kann nur provisorische Geltung beanspruchen und wird alsbald durch neue gesicherte Entdeckungen sei es widerlegt oder modifiziert, sei es bestätigt sein.


Die Denkmäler von Boghazkiöi und Üjük sind zuerst von TEXIER, HAMILTON, BARTH bekannt gemacht worden, dann nebst anderen ähnlichen von PERROT, Exploration de la Galatie et de la Bithynie 1872 eingehend untersucht [darauf beruht die Darstellung bei PERROT et CHIPIEZ, Hist. de l'Art IV]; dann hat HUMANN die Ruinen von Boghazkiöi sorgfältig aufgenommen und die Skulpturen der benachbarten Felswände von Jazyly-kaja abgegossen (HUMANN und PUCHSTEIN, Reisen in Kleinasien und Nordsyrien 1890; die wichtigste Ergänzung bringt A. SCHÄFFER, MAI. XX 1895, 451ff.). In Syrien waren Inschriften mit einer eigenartigen Hieroglyphenschrift zuerst in Ḥamât gefunden worden (BURTON and DRAKE, Unexplored Syria 1872), dann in Karkamiš (Transact. SBA. VII). Daß die Schrift und der Stil dieser Denkmäler mit dem der kleinasiatischen identisch ist und beide den Chetitern zuzuweisen sind, hat zuerst A. H. SAYCE erkannt; danach die Sammlung der Denkmäler bei W. WRIGHT, The empire of the Hittites 1886. Seitdem hat MESSERSCHMIDT alle bekannten Inschriften sorgfältig gesammelt und publiziert: Corpus inscr. Hettiticarum, Mitt. Vorderas. Ges. V 1900, mit zwei Nachträgen ib. VII und XI. Dazu jetzt die Ergebnisse der von STERRETT veranlaßten Cornell-Expedition: Travels and Studies in the nearer East by OLMSTEAD, CHARLES and WRENCH, Vol. 1 pt. 2, Hittite inscr. 1911. Populäre Darstellung von GARSTANG, The Land of the Hittites 1910, mit zahlreichen Photographien. – Der chetitische Ursprung der Denkmäler ist freilich energisch bestritten worden. Einerseits erkannte PUCHSTEIN, Pseudochetitische Kunst 1890, daß ein großer Teil derselben jüngeren Ursprungs sei und unter assyrischem Einfluß stehe, verallgemeinerte aber diesen Satz mit Unrecht auf alle Denkmäler. Andrerseits glaubt JENSEN, die Inschriften für die Kiliker in Anspruch nehmen zu können, und identifizierte eine Gruppe von vier Zeichen mit dem kilikischen Königsnamen oder –titel Syennesis; von hier aus suchte er die Schrift zu entziffern, deren Sprache er dem Armenischen gleichsetzte (ZDMG. 48, 1894; Hittiter und Armenier 1898). Aber abgesehen von allen anderen Bedenken sowohl gegen seine Kombinationen (vgl. vor allem die Kritik von MESSERSCHMIDT, Mitteil. Vorderas. Ges. III) wie gegen seine ethnographischen Voraussetzungen und gegen die Art, wie er das moderne armenische Lexikon verwertet: das, was er aus den Inschriften herausliest (ZDMG. 53, 440ff. 57, 215ff.), ist so inhaltlos und unmöglich, daß dadurch sein Entzifferungsversuch als verfehlt erwiesen [696] ist. [Weiter in der Entzifferung vorgedrungen scheint SAYCE zu sein, s. seine zahlreichen Aufsätze namentlich in PSBA.]-Daß die chetitische Schrift in Kleinasien entstanden sei, hatte G. HIRSCHFELD, Die Felsenreliefs in Kleinasien und das Volk der Hittiter, Ber. Berl. Ak. 1886, aus den Schriftzeichen scharfsinnig erwiesen [von mir in Bd. II mit Unrecht bestritten]. Daß die Chetiter in Syrien heimisch seien, mußten wir nach den Angaben des A. T. und der Assyrer annehmen, bis die Amarnatafeln zeigten, daß sie erst um 1400 von Norden her hier eingedrungen sind; die entsprechenden, den aegyptischen Denkmälern zu entnehmenden Angaben hat W. M. MÜLLER, Asien und Europa nach altaeg. Denkm. 1893 richtig beleuchtet. Jetzt haben die Ausgrabungen in Boghazkiöi alle Zweifel gehoben; s. die vorläufigen Berichte von H. WINCKLER, Orientalist. Lit.-Z. Dec. 1906 und Mitt. D. Orientges. 35, 1908. [Die Bearbeitung und Publikation der Texte hat leider vor allem infolge einer schweren Erkrankung H. WINCKLERS noch immer nicht erfolgen können.] Neben den keilschriftlichen Denkmälern haben sich hier auch einige Inschriften und Skulpturen mit chetitischen Hieroglyphen gefunden, die die Gleichzeitigkeit beider und den chetitischen Ursprung der Reliefs von Jazyly-kaja erweisen. Damit ist natürlich noch nicht gesagt, daß diese Schrift in späterer Zeit nicht auch von anderen Völkern, wie z.B. den Kilikern, verwendet sein kann. – Die chetitische Sprache ist uns zuerst in zwei Briefen aus dem Amar nafunde bekannt geworden, von denen der eine von Amenophis III. an den König Tarchundarauš von Arzawa gerichtet ist. KNUDTZON, Die zwei Arzawabriefe, die ältesten Urkunden in indogerm. Sprache, 1902, hat sie sorgfältig publiziert und in Verbindung mit BUGGE und TORP fälschlich für indogermanisch erklärt [die Basis bildete lediglich die wahrscheinlich richtige Erklärung des Wortes eštu als »es sei«, das an indg. es-to(d) anklingt, und ein paar Übereinstimmungen in Suffixen]. Daß dieselbe Sprache in einigen von CHANTRE (Mission en Cappadoce 1898) gefundenen Keilschrifttafeln aus Boghazkiöi vorliege, hat MESSERSCHMIDT erkannt; desgleichen war ein großer von SAYCE und PINCHES, The Tablet from Yuzgat, Liverpool 1907, veröffentlichter Text in ihr abgefaßt. Die Ausgrabungen WINCKLERS haben das völlig bestätigt; Arzawa ist ein den Chetitern benachbartes Reich.


475. Im Bereich des Kaukasus sitzen zahlreiche Stämme, deren ethnographische Stellung noch sehr wenig bekannt ist; unter einander stehen sie, soweit wir wissen, sprachlich meist in keinem näheren Zusammenhang. Am bedeutendsten treten unter ihnen die Iberer (die jetzigen Georgier) in der Ebene südlich vom Kaukasus am Kyrosfluß hervor. Es ist nicht zu bezweifeln, daß diese Stämme sich zeitweilig weit nach Armenien [697] und dem östlichen Kleinasien ausgedehnt haben. So sind ihnen wahrscheinlich die Moscher (ךשמ, ass. Muskâja) und die Tibarener (לבות, ass. Tabalai) zuzurechnen, welche nach dem Fall des Chetiterreichs über das spätere Kappadokien herrschten und von hier aus gegen die Taurusländer vordrangen; in den pontischen Küstengebirgen haben sie sich dauernd behauptet. An sie schließen sich im Osten andere Stämme, so die Dajaeni, Dajani der Assyrer, arm. Tai-q-daraus ist die von Xenophon gebrauchte Form Taocher hervorgegangen, an deren Stelle Sophainetos (bei Steph. Byz.) korrekter Τάοι ohne armenische Pluralendung sagte –, ferner die Drilen und dann die Tzanen (Lazen) und die Kolcher. Auch die zahlreichen kleinen Stämme und Fürstentümer der armenischen Gebirge, welche die assyrischen Eroberer aufzählen-sie fassen die Gebiete vom Euphrat bis zum Urmiasee hin unter dem Namen der Nairiländer zusammen –, mögen diesen Kaukasiern zuzurechnen sein; die von ihnen überlieferten Namen sind von uns durchweg undeutbar, schließen aber jede Möglichkeit aus, daß damals, zu Anfang des ersten Jahrtausends, schon indogermanische Stämme im Lande gesessen hätten. Gleichen Ursprung darf man für das Volk der Alarodier vermuten, das sich zu Anfang des neunten Jahrhunderts zum Herrn der armenischen Berge machte (mit der Hauptstadt Turuspâ oder Tuspa, dem heutigen Van; daher heißt der Vansee bei den Griechen Θωσπῖτις) und den Assyrern lange die Herrschaft streitig gemacht hat. Auch sie haben zahlreiche Inschriften in Keilschrift hinterlassen, in denen uns ihre isolierte (möglicherweise dem Georgischen verwandte) Sprache erhalten ist. Der Name Alarodier findet sich nur bei Herodot III 94. VII 79; bei den Assyrern heißt Land und Volk Urartu, im Alten Testament Ararat (טררא); und dieser Name (arm. Airarat) bezeichnet bis auf den heutigen Tag die fruchtbare Ebene des mittleren Araxes (außerdem ist er aus der biblischen Flutsage auf die hohen Berge der Nachbarschaft übertragen). Hier wird also wohl der Ausgangspunkt und die eigentliche Heimat der Alarodier zu [698] suchen sein; dem entspricht es, daß ihr Name in der persischen Satrapieneinteilung an diesem Gebiete (der Satrapie Ostarmenien) haftet (Bd. III § 89). Die einheimischen Inschriften kennen indessen diesen Namen nicht, sondern nennen das Volk und seinen Hauptgott Chaldi, ein Name, der in der Form Χαλδαῖοι (arm. Chalti-q) oder Χάλυβες bei den Griechen als der eines Volksstamms in den pontischen Gebirgen wiederkehrt, der durch seine Stahlbereitung zu Ruhm gelangt ist; hier hat sich also ein versprengter Rest des alten Volks bis in späte Zeiten erhalten.


Über die Volksstämme der Nairiländer s. die sorfältige Sammlung und Bearbeitung des assyrischen Materials durch STRECK, Z. Ass. XIII, 57ff. [die Identität der Daiaeni mit den Taochern, Taiq hat BELCK erkannt, vgl. ib. XIV 171]; über Urarṭu ib. XIV 103ff. Die Inschriften der letzteren sind von GUYARD und vollständig von SAYCE (J. R. As. Soc. XIV 1882) entziffert; seitdem ist das Material revidiert und wesentlich vermehrt durch LEHMANN und BELCK; die abschließende Publikation steht noch aus. LEHMANN-HAUPT (Materialien zur alten Gesch. Armeni ens und Mesopotamiens, Abh. Gött. Ges. 1907) sucht eine Einwanderung der Urartaeer aus dem Westen nachzuweisen; doch haben seine Argumente wenig Überzeugungskraft, alles weist vielmehr auf ein Vordringen von Nordosten gegen den Vansee und das südwestliche Armenien hin. Dagegen hat er ihre Identität mit den Chalybern oder Chaldaeern des Pontus zweifellos richtig erkannt. – Daß auch bei ihnen der Gewittergott Tešub (in der Namensform Teisbas) verehrt wird, kann ihre Verwandtschaft mit den Chetitern etc. noch nicht beweisen, da sie den Gott von diesen übernommen haben können; ob eine solche Verwandtschaft doch vorhanden ist, wird die Zukunft lehren.


476. So weit wir gegenwärtig sehen können, ist die Bevölkerung Kleinasiens zu Anfang des zweiten Jahrtausends noch im wesentlichen einheitlich gewesen. Dem entspricht wahrscheinlich der eigenartige anthropologische Typus, mit hyperbrachykephalem Schädel (§ 330), der in Kleinasien weit verbreitet ist und auch nach Syrien hinübergreift; in den Darstellungen der Chetiter bei den Aegyptern und später in den chetitischen Denkmälern aus Nordsyrien tritt er uns charakteristisch entgegen. Diese kleinasiatische Bevölkerung ist in zahlreiche Stämme gespalten, deren Unterschiede sich zum [699] Teil bis in die römische Kaiserzeit hinein erhalten haben und in den Personennamen charakteristisch hervortreten, durch die sich die einzelnen Stammgebiete bestimmt von einander sondern. Das gilt vor allem von den Gebirgsstämmen des Tauros, den Kilikern (ass. Chilakku, aeg. Chlk und Klk, auf Münzen ךלח) in dem rauhen Tauros, den der Kalykadnos durchströmt-die durch die Anschwemmungen des Kydnos, Saros und Pyramos gebildete Ebene im Osten dagegen, die später zu Kilikien gerechnet wird, ist ursprünglich ein gesondertes Gebiet, das in der Assyrerzeit Qûe, vorher bei den Aegyptern wahrscheinlich Qedi heißt und erst durch die Gründung des kilikischen Reichs zu Ende des siebenten Jahrhunderts zu diesem gekommen ist –; ferner in dem westlich angrenzenden Alpenlande die Pisider und ihre Verwandten (Lykaonen, Isaurer), und in dem rings von Bergen umrahmten Hochlande Milyas, an dessen Rande sich später die Lykier angesiedelt haben, die Solymer. Noch greifbarer treten uns gerade in ihren Eigennamen die Karer entgegen, in der weiten, von zahlreichen Höhenketten durchzogenen Landschaft bis zum Messogis, die der Maeander mit seinen Nebenflüssen durchströmt; auch von ihrer Sprache sind uns wenigstens einige Überreste in Inschriften (namentlich von den karischen Söldnern im Dienste der sechsundzwanzigsten aegyptischen Dynastie) erhalten, die in einem dem Griechischen entlehnten Alphabet geschrieben, im einzelnen freilich für uns nicht verständlich sind. Auch ihre nördlichen Nachbarn, die Maeoner, später nach dem zur Vorherrschaft gelangten Stamm des Gebiets von Sardes Lyder genannt, stehen ihnen, soweit wir bis jetzt sehen können, in Eigennamen und Sprachformen so nahe, daß Herodots Angabe, die Karer und Lyder seien Brüder und verehrten daher gemeinsam den Zeus Karios in Mylasa, sich zu bestätigen scheint; volle Sicherheit werden wir voraussichtlich binnen kurzem durch weitere Funde erhalten. Herodot fügt als dritten Stamm die Myser hinzu, die indessen, wie wir gesehen haben (§ 473), wahrscheinlich später eingedrungene Indogermanen sind, die dann die Art [700] und Sprache der älteren Bevölkerung des Lands (Teuthranten) angenommen haben. Derselben Volksgruppe gehören sprachlich auch die Lykier (Tramilen) an, die in ihren späteren Wohnsitzen am Küstensaum des Hochlandes von Milyas und im Xanthostal deutlich ebensogut überseeische Einwanderer sind wie die Ionier und Aeoler. Nach durchaus glaubwürdiger griechischer Überlieferung sind sie aus Kreta gekommen wahrscheinlich fällt ihre Festsetzung in die Zeit der großen Völkerwanderungen zu Ende der mykenischen Epoche und zu Anfang des zwölften Jahrhunderts (vgl. §§ 505. 523). Alle diese Volksstämme zeigen, neben sprachlichen Besonderheiten in den Eigennamen und den zu deren Bildung verwendeten Wurzeln und Suffixen, soviel Gemeinsames, daß an ihrer Verwandtschaft kein Zweifel sein kann. Daß diese kleinasiatische Bevölkerung (speziell die Karer und Leleger, § 506) sich ehemals weit über die Inseln des Aegaeischen Meeres und auf dem griechischen Festland ausgedehnt hat, steht durch die Überlieferung sowie durch zahlreiche sprachliche Indizien fest und wird später noch weiter auszuführen sein. Andrerseits ist nicht zu vergessen, daß neben den Übereinstimmungen sehr viele und tiefgreifende Unterschiede vorhanden sind, wie sie uns bei den Volksstämmen der aegaeischen Welt sowohl in den aegyptischen Nachrichten und Darstellungen wie in den einheimischen Denkmälern entgegentreten. Was Herodot I 172 von den Bewohnern von Kaunos erzählt, daß sie zwar die Sprache der Karer angenommen haben, aber in ihren Sitten von diesen völlig verschieden sind und andere Götter verehren, wird auch sonst in Kleinasien vorgekommen sein-für die Myser haben wir etwas Ähnliches angenommen –, so daß der Schein der Homogenität täuscht. – Wahrscheinlich gehören jedoch auch die Chetiter und ihre Verwandten dem Grundstock der kleinasiatischen Bevölkerung an; die Beziehungen treten nicht nur in der Religion, sondern auch in einzelnen Eigennamen hervor: so kehrt der Name Panamû, den ein chetitischer Dynast von Sam'al (Sendjirli) am Fuß des Amanos im achten Jahrhundert [701] führt, als Παναμύης bei den Karern wieder, der des Chetiterkönigs Muršil aus dem vierzehnten Jahrhundert in hellenisierter Form als Μύρσιλος (= Kandaules, Sohn des Myrsos, Herodot I 7, vgl. Nik. Dam. fr. 49) bei den Lydern. Ebenso ist der bei den Kilikern im rauhen Kilikien und im Amanos weit verbreitete und in zahlreichen Eigennamen enthaltene Gottesname Tarku (Ταρκο-, Ταρκυ-, Τροκο-) auch bei den Chetitern und ihren Verwandten nachweisbar, ebensogut aber bei den Pisidern, Isaurern, Lykiern, sowie in Karien und Phrygien; der Name des Königs Tarchundarauš von Arzawa (§ 474 A.) kehrt in Mylasa als Name eines Demos Ταρκόνδαρα wieder (LEBAS-WADDINGTON III p. 111. 120; BCH. XII 18. 21. 30). Sonst sind im Binnenland, in Kappadokien und Phrygien, sowie in Lydien, Teuthranien, Mysien die alten Namen in unserem Material durch phrygische und griechische (auch persische) größtenteils verdrängt worden. Um so charakteristischer tritt die ursprüngliche Einheit des ganzen Gebiets in den mit den Suffixen –nda, –ndos (in Griechenland meist –nthos) und –assos, –issos (-asa, –isa) gebildeten Ortsnamen hervor, die durch ganz Kleinasien und ebenso durch die griechische Welt verbreitet sind und in dieser für die ursprüngliche Besiedlung des Landes durch Kleinasiaten Zeugnis ablegen (§ 506); dieselben Suffixe kommen vielfach auch in Personennamen vor. – Eine Sonderstellung nehmen dann wieder im Norden die Paphlagonen ein, mit charakteristischen Eigennamen, die indessen zur sicheren Bestimmung ihrer ethnographischen Stellung nicht ausreichen. Vermutlich werden auch sie der kleinasiatischen Rasse zuzurechnen sein, ebenso ihre westlichen Nachbarn, die Mariandyner. – Zu den Kleinasiaten wird endlich auch die Urbevölkerung von Cypern gehören, über die uns indessen jede genauere Kunde fehlt.


Der Nachweis der sprachlichen Einheit der hier besprochenen kleinasiatischen Stämme ist von KRETSCHMER (§ 473 A.) geführt, bei dem das Material gesammelt und eingehend analysiert ist; nur hat er die daneben deutlich erkennbare Sonderart der einzelnen Stämme wohl zu [702] wenig berücksichtigt [über die Chetiter konnte er 1896 noch nicht zu einem richtigen Urteil gelangen]. Sehr erwünscht und ergebnisreich würde eine Sammlung und methodische Bearbeitung aller kleinasiatischen Eigennamen sein, für die allerdings das geplante, aber noch in weitem Felde stehende Corpus der kleinasiatischen Inschriften die kaum entbehrliche Voraussetzung bildet. Einzelfragen bleiben natürlich vielfach noch recht problematisch. – Der Volksstamm ךלח (so auf den Münzen der Perserzeit) liegt, wie HALÉVY erkannt hat, auch Ezech. 27, 11 vor, der Name Qûe הוק Reg. I 10, 28 = Chron. II 1, 16 (WINCKLER), ferner jetzt in der Inschrift des Zakir von Ḥamât bei POGNON, Inscr. sémit. p. 161. Rätselhaft bleibt die Versetzung der Kiliker nach Thebe, südlich vom Ida, II. Z 397. 415, vgl. Plin. V 123 Cilices Mandacadeni, vielleicht nach dem hier gelegenen Ort Killa. – Dem aegypt. Qdi entspricht vielleicht der Name Κητίς Ptolem. V 8, 3. 6, der allerdings das Zentrum des rauhen Kilikiens bezeichnet. – Über die Eigennamen der kilikischen Inschriften (speziell aus der Namenliste der korykischen Grotte) und ihre Bildungselemente: SACHAU, Z. Ass. VII 85ff. Zu beachten ist vielleicht, daß unter diesen Eigennamen auch Νινεπος (gen.) vorkommt: CIGr. 4413 b. 4414, ferner Νινειν (accus.), der Frauenname Νανα, Ναννουν (acc.) = lyk. Ναννη u.ä.; vielleicht treten doch noch einmal Verwandtschaftsbeziehungen zum Sumerischen hervor. – Für die Gottesnamen Tarku, Tarchu s. die Zusammenstellung bei KRETSCHMER S. 362ff. HERZFELD, Arch. Jahrb. 24, 1909 Anzeiger S. 435 hat in den Namen Aias und Teukros der Priesterfürsten von Olbe (Strabo XIV 5, 10) Hellenisierungen der Namenselemente Ιαν-, Ειαν-und Ταρκυ-, Τροκο erkannt. Vielleicht mit Recht sucht JENSEN (Z. Ass. VI, 70. Hittiter und Armenier S. 153) den Namen Tarku auch in חרת dem Vater Abrahams Gen. 11, 28 [DUSSAUD, Les Arabes en Syrie avant l'Islam p. 15 identifiziert diesen dagegen mit einem gleichlautenden safaitischen Namen]. In chetitischen Namen findet er sich bei Ramses II. mehrfach in der Schreibung Trg (W. M. MÜLLER, Asien und Europa 322f.), bei den Assyrern als Tarchu, ferner in der bekannten chetitischen Bilinguis des »Tarqûdimme (d.i. Ταρκόνδημος) König des Landes der Stadt Metan (= Mitani?)«-daß so gelesen und übersetzt werden muß, hat HILPRECHT, Assyriaca p. 107ff. erwiesen. Man hat Tarku auch einerseits mit dem kossaeischen Gottesnamen Turgu § 456 A., andrerseits mit dem etruskischen Tarchon identifiziert; aber das schwebt noch ganz in der Luft. [Der Versuch JENSENS, ZDMG. 48, 472ff., sowie in s. Hittiter und Armenier, Tarku- und Tešubvölker zu scheiden, ist unhaltbar.]-Die Annahme, daß die Lykier Indogermanen seien, habe früher auch ich für richtig gehalten, mit Rücksicht auf mehrere Kasus- und Verbalendungen, die indogermanisch aussehen. Aber wenn diese Ansicht auch jetzt noch von manchen Forschern, wie BUGGE, TORP, H. PEDERSEN vertreten wird, so gebe [703] ich doch jetzt zu, daß der ganze Charakter der Sprache entschieden dagegen spricht: sie würde alsdann weit durchsichtiger sein und dem Verständnis nicht noch immer, trotz der ernsten und erfolgreichen Arbeit, die darauf verwendet ist, unüberwindliche Hindernisse entgegensetzen, zumal wir den allgemeinen Inhalt der Inschriften kennen und auch bei der großen Stele von Xanthos durch die Eigennamen u.ä. wissen, wovon auf ihr die Rede sein muß. Daß die Lykier über See eingewandert sind, entsprechend der Angabe bei Herodot I 173. VII 92, lehrt ein Blick auf die Karte unwiderleglich. Das erkennt zu meiner Freude auch KALINKA im C. I. Lyc. (Wien 1901) an, während KRETSCHMER es seltsamerweise verkannt hat. Nach Herodot mußte man glauben, daß der Name Lykier den Tramilen (Τερμίλαι) von den Griechen gegeben sei; aber die Lukki der Amarnatafeln und Rku (sprich Luki-u) der Aegypter sind ohne Zweifel mit ihnen identisch. Sie sind hier ein Seevolk, dessen Sitze sich nicht näher bestimmen lassen. – Von den Solymern der Milyas sind die Lykier durchaus verschieden, vgl. schon II. Z 184 (vgl. Strabo XIV 3, 10; vgl. auch Arrian I 24, 5). Die Identität der Solymer mit den Isaurern bezeugt Theodoret bei HOLL, Hermes 43, 242, 1 [Der See in den Solymischen Bergen (d.i. den Bergen von Jerusalem), dessen Anwohner Choerilos bei Joseph. c. Ap. I 173 schildert, hat mit den Solymern nichts zu tun; die Schilderung bezieht sich auf arabische Beduinen, s. Bd. III, 86 A.]. – Über die Karers. die sorgfältige Arbeit von G. MEYER in BEZZENBERGERS Beitr. zur Kunde der indog. Sprachen X (der sie aber fälschlich für Indogermanen hält) und weiter KRETSCHMER. – Für das Lydische hat die große von BUCKLER und ROBINSON, Amer. J. of Archaeol. XVI 1912 publizierte Inschrift von Sardes viele charakteristische Personen- und Ortsnamen gebracht (darunter die echt kleinasiat. Doppelform Τοβαλμουρα und Τβαλμουρα, wie Τυμωλος neben Τμωλος, BURESCH, Klaros S. 11ff.). Einheimische Inschriften, leider ganz verstümmelt, bringen zum erstenmal Jos. KEIL und A. v. PREMER STEIN, Reise in Lydien (Denkschr. Wien. Ak. ph. Cl. 53, 1908) S. 99 und Zweite Reise (ib. 54, 1911) S. 90. Jetzt steht die Publikation einer großen, von BUTLER bei den Ausgrabungen in Sardes gefundenen lydischen Bilinguis bevor. – Über die Kaunier: Herodot I 172; nach ihrer Überlieferung aus Kreta eingewandert, wozu Herodots Angabe, daß an ihren Gelagen Weiber und Kinder teilnahmen, sehr gut paßt. Herodot hält sie dagegen fälschlich für Autochthonen, weil er die Karer des Festlandes in übertriebener Verallgemeinerung ihrer Zurückdrängung von den Inseln gegen ihre eigene Überlieferung für Einwanderer hält. Vgl. auch § 506 A. – Über den sprachlichen Unterschied zwischen Kappadokern und Paphlagonen und die für letztere charakteristischen Namen (auch im Gebiet östlich vom Halys) s. Strabo XII 3, 25. VII 5, 12. – Die Autochthonen von Cypern haben sich später [704] noch in Amathus erhalten (Skylax). Zwei Inschriften in kyprischer Schrift und unbekannter Sprache: MEISTER, Ber. Berl. Ak. 1911, 166ff. – Aus der kleinasiatischen Sprache scheinen manche Wörter zu stammen, die dem Griechischen und Semitischen gemeinsam sind, aber weder dem einen noch dem anderen angehören, so οἶνος = ןיי wain, παλλακή = שגליפ pilegeš, vielleicht auch χρυσός = phoen. ץורח charûṣ, λέσχη = הכשל liška, ἀρραβών = ערבון 'arabôn u.a., und möglicherweise χιτών = תנתכ ktonet, während ὀϑόνη = ןוטא Leinwand wohl aus Aegypten nach Phoenikien und von dort zu den Griechen gekommen ist (SPIEGELBERG, Z. vgl. Sprachf. 41, 129). [Weitere gleichartige Wörter hat CUNY, Rev. d. études anciennes, Bordeaux, XII 1910, 154ff. zusammengestellt, zum Teil mit überkühnen Kombinationen, so der ganz unmöglichen Gleichsetzung von βασιλεύς und ba'al.] Auffallend ist auch die enge Berührung zwischen ταῦρος und semit. thaur »Stier«. Ferner gehört vielleicht der Flußname Ἰάρδανος auf Kreta und in Elis (§ 522 A.) = ןרדי Jor dan in Palaestina = Ἰάρδανος Vater der Omphale in Lydien hierher.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 687-705.
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