Die Vorstufen des Menschengeschlechts

[940] 598. Die einzelnen Stufen der Entwicklung werden in absteigender Folge, nach den Fundstätten, an denen ihre Überreste, bearbeitete Steine, zuerst zu Tage getreten sind, als Chelléen, Acheuléen, Moustérien bezeichnet; dann folgen die Schichten, in denen uns die Ansätze zu einer höheren Entwicklung entgegentreten, Aurignacien und Solutréen und schließlich das Magdalénien. Die nächsten Vorstufen der vollentwickelten paläolithischen Kultur sind noch als Erzeugnisse aus gebildeter Menschen zu betrachten, und dem entsprechen die Skelettfunde, die dieser Zeit angehören. Je weiter wir aber in der Schichtung hinaufsteigen, desto unsicherer wird die Entscheidung; denn Zeugnisse über das geistige Leben, wie sie in der Kunst des Magdalénien vorliegen, und deren erste Ansätze im Aurignacien beginnen, fehlen den älteren Schichten vollständig. Nach dem geologischen Befund haben diese Entwicklungsstadien Zeiträume von vielen Jahrtausenden, wenn nicht Hunderttausenden von Jahren umfaßt; umsomehr müssen wir annehmen, daß in ihnen sich eine gewaltige Umwandlung des Menschen vollzogen [940] hat, somatisch wie geistig. In noch weit höherem Maße würde das von den ihnen vorausliegenden eolithischen Steinwerkzeugen gelten, welche die letzten Jahre in so großer Fülle gebracht haben und die in monotoner Gleichförmigkeit bis hoch in die Tertiärzeit hinaufragen. Allerdings ist die Frage sehr umstritten und noch nicht geklärt, ob und wie weit diese Steine als Ansätze zu Artefakten anzusehen sind oder wenigstens durch Benutzung seitens menschlicher Wesen zum Schlagen und Stechen ihre Gestalt erhalten haben; aber wenigstens bei den jüngeren Schichten scheint es kaum zu bezweifeln. Falls das schon von den Steinen der Tertiärzeit gilt, so kann hier von Menschen nicht mehr die Rede sein, sondern nur von Vorstufen des Menschen. Es sind die an sich uninteressantesten, aber, abgesehen von ganz vereinzelten Knochenfunden, allein erhaltenen Überreste der unendlich langen Übergangszeit, die von einem hochentwickelten Tier schrittweise zum ausgebildeten Menschen geführt hat. Abgebrochene und abgeschlagene Steine zu verwerten hat dies Wesen sehr früh gelernt; aber ein weiterer Fortschritt in der Entwicklung des Werkzeugs, eine Entwicklung der Technik ist dann ungezählte Jahrtausende hindurch nicht eingetreten. Neben diesem Stillstand auf einem für seine Lebensbedürfnisse zunächst recht untergeordneten Gebiet muß ein um so stärkeres Vorwärtsschreiten, eine tiefgehende Umwandlung zugleich auf intellektuellem und auf somatischem Gebiet einhergegangen sein: das Wesen, von dem die Eolithen der Miocänzeit stammen, wird physisch und psychisch durchaus verschieden gewesen sein von dem, welches die Eolithen der ersten Eiszeit benutzt hat; und von hier war noch wieder ein gewaltiger Schritt bis zu dem Menschen des Magdalénien und weiter zu dem Menschen der neolithischen Zeit und der beginnenden Kultur im fünften Jahrtausend.


Daß die Eolithen wirklich Artefakte sind, wird zwar bestritten-so hat sich auch DÉCHELETTE (§ 597 A.) dagegen erklärt –, ist aber von kompetenten Beurteilern, auch von solchen, die der Frage zuerst sehr skeptisch gegenüberstanden, so vielfach anerkannt worden, daß es berechtigt[941] scheint, sie als Erzeugnisse bewußter Wesen zu behandeln. Ein eigenes Urteil über die Frage besitze ich nicht. [Ich lasse diese Bemerkung so stehen, wie sie in der vorigen Auflage lautete; gegenwärtig scheinen die Ansichten der Fachleute darüber noch schwankender zu sein, als früher.]


599. Diese Auffassung berührt sich aufs engste mit der, welche A. PENCK auf Grund geologischer Erwägungen vorgelegt hat. Er weist nach, daß es sich schon bei den älteren paläolithischen Schichten um Zeiträume handelt, gegen die die Zeitspanne, welche wir geschichtlich übersehen, und selbst die, welche seit der Epoche des Magdalénien verflossen ist, fast zu einem Moment zusammenschrumpft; die Zeit vollends, aus der die älteren Eolithen stammen, muß um Millionen von Jahren von der Gegenwart abstehen. In dieser Zeit existierte von den gegenwärtig lebenden Säugetieren noch keins, sondern nur ihre von unserer Fauna ganz wesentlich verschiedenen Vorstufen; mit Recht schließt er, daß es undenkbar sei, daß allein der Mensch diesen ganzen ungeheuren Zeitraum hindurch unverändert geblieben sei. Was er von naturwissenschaftlichem Standpunkt ausfordert, verlangt mit derselben Entschiedenheit die historische Betrachtung. Nur auf diesem Wege können die Tatsachen begriffen werden, die uns sonst als ein unlösbares Problem gegenüberstehen. Nur auf diesem Wege vermag aber auch die historische Forschung die Grenzen zu erkennen, an denen ihr Machtbereich beginnt und an denen die geschichtliche Entwicklung des Menschen einsetzt, deren Erforschung ihre Aufgabe bildet.


A. PENCK, Das Alter des Menschengeschlechts, Zeitschr. f. Ethnologie XL, 1908, S. 390ff. [Ich bemerke, daß die französischen Forscher und ebenso SCHUCHHARDT jetzt, im Gegensatz zu den deutschen Geologen, die Ansicht vertreten, daß die Entwicklung der paläolithischen Zeit vom Chelléen und Acheuléen bis zum Magdalénien sehr viel rascher vor sich gegangen sei, als die Geologie annahm; s. jetzt SCHUCHHARDT in Z. f. Ethnologie XLV 1913, 142ff. Ich selbst bin für diese Fragen natürlich völlig inkompetent.]


600. Durch Funde der letzten Jahre ist diese Auffassung aus dem Bereich der Hypothesen in den gesicherter Tatsachen [942] gerückt worden. Schon früher kannte man einzelne Schädelfunde und andere Knochen, die einem Wesen angehören, das in seiner physischen Gestalt tiefer steht als die niedrigsten jetzt existierenden Rassen und sich mehr als diese den höchstentwickelten Säugetieren annähert, als deren Vertreter die anthropomorphen Affen gelten. Aber teils war diese Auffassung bestritten, so bei dem berühmten Schädel aus dem Neandertal bei Düsseldorf, teils waren sie nur Bruchstücke und überdies ihre Verbindung mit der Schichtung der Artefakte unsicher. Jetzt dagegen sind in Frankreich und Deutschland an verschiedenen Stellen Skelette und Skeletteile gefunden worden, welche völlige Sicherheit schaffen. Sie gehören den als Moustérien und Acheuléen bezeichneten Schichten an; neben einer dieser Leichen, aus einer Grotte von Le Moustier in der Dordogne, lag ein behauener Faustkeil und andere kleinere Feuersteinwerkzeuge des Acheuléen. Der Schädel dieser Vorfahren des Menschen, die man als Neandertalrasse bezeichnet, hat über den Augen einen gewaltigen tierischen Wulst; die Stirn dagegen ist noch unentwickelt, vielmehr geht der Schädel sogleich schräg zurück. Nun kommen freilich nahezu gleichartige primitive Schädelformen bei Australiern auch jetzt noch vor; aber eine weitere Eigentümlichkeit ist, daß dieser Rasse, bei der, wie bei Negern und Australiern, das kräftige Gebiß gewaltig vorspringt, das Kinn noch fehlt; so tragen die Eßwerkzeuge noch einen ausgeprägt tierischen Charakter. Wir haben es also hier mit der letzten Vorstufe des vollentwickelten Menschen zu tun. Diese Wesen haben den Stein roh zu behauen und zu Werkzeugen von verschiedener Gestalt, die mannigfachen Zwecken zu dienen hatten, zu verarbeiten verstanden, sie haben auch ihre Toten bereits beigesetzt und ihnen ihre Werkzeuge mitgegeben; und niemand wird zweifeln, daß sie in fest geordneten Verbänden gelebt haben und daß die lautlichen Äußerungen zu einem Organ der Mitteilung entwickelt waren, die unendlich weit über das hinausging, was auch die in dieser Richtung am höchsten entwickelten Tiere zu leisten vermögen. Einzelne Gegenstände [943] und Handlungen mag man damals bereits durch bestimmte, artikulierte Laute fest bezeichnet haben; ob man aber schon zur Bildung eines Satzes vorgeschritten war, kann fraglich erscheinen, ebenso z.B. ob man sich das Feuer schon nutzbar machen konnte. Wie dem aber auch sei, zweifellos ist, daß uns hier nicht ein Mensch entgegentritt, sondern ein Individuum aus der letzten Vorstufe vor der vollendeten Ausbildung des Menschen.


Zusammenstellung der bis dahin bekannten ältesten Überreste des Menschen und seiner Vorstufen bei DÉCHELETTE, Man. d'arch. I 273ff. Daran schließt sich der Fund des Skeletts von Le Moustier durch O. HAUSER 1908 (über seine jetzige Rekonstruktion s. Praehist. Z. IV 443ff.), die Funde von zwei weiteren Skeletten und Teilen eines Kinderskeletts in derselben Gegend (kurze Übersicht der Daten und Literatur bei DÉCHELETTE, Praehist. Z. II 202f.), der Fund eines noch älteren Unterkiefers bei Heidelberg (SCHÖTENSACK, Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis, 1908) u.a. Daß ich in der vorigen Auflage die Tierähnlichkeit dieser Funde überschätzt hatte, hat mir v. LUSCHAN gezeigt. – Das 1909 gefundene Skelett aus dem Aurignacien (Praehist. Z. I 273ff.) zeigt dagegen unendlich viel entwickeltere Formen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Meister Floh. Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde

Als einen humoristischen Autoren beschreibt sich E.T.A. Hoffmann in Verteidigung seines von den Zensurbehörden beschlagnahmten Manuskriptes, der »die Gebilde des wirklichen Lebens nur in der Abstraction des Humors wie in einem Spiegel auffassend reflectirt«. Es nützt nichts, die Episode um den Geheimen Hofrat Knarrpanti, in dem sich der preußische Polizeidirektor von Kamptz erkannt haben will, fällt der Zensur zum Opfer und erscheint erst 90 Jahre später. Das gegen ihn eingeleitete Disziplinarverfahren, der Jurist Hoffmann ist zu dieser Zeit Mitglied des Oberappellationssenates am Berliner Kammergericht, erlebt er nicht mehr. Er stirbt kurz nach Erscheinen der zensierten Fassung seines »Märchens in sieben Abenteuern«.

128 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon