Chronologie

[28] 159. In der Zeitrechnung (vgl. § 136ff.) haben die Aegypter schon sehr früh (§ 195ff.) den Mondmonat und das auf ihm beruhende Schaltjahr aufgegeben und ein neues, vom Mondlauf unabhängiges Sonnenjahr zu schaffen gesucht, das aus 3 Jahreszeiten (Überschwemmung, Saatzeit oder Winter, Ernte) zu je 4 Monaten von 30 Tagen nebst 5 Zusatztagen (Epagomenen) bestand. In Wirklichkeit ist das freilich ein Wandeljahr, das sich alle 4 Jahre gegen das julianische Jahr von 3651/4 Tagen um 1 Tag, gegen das wahre (gregorianische) Sonnenjahr um etwa 3/4 Stunden weniger verschiebt. Aber trotzdem haben die Aegypter an dem 365tägigen Jahr festgehalten; erst[28] Augustus hat, nach einem erfolglosen Versuch unter Ptolemaeos III. Euergetes im Jahre 238 v. Chr. (Dekret von Kanopos), das julianische Jahr auch in Aegypten eingeführt (alexandrinisches Jahr, beg. 29. August 25 v. Chr.). Natürlich haben die Aegypter die Verschiebung ihres Jahres gegen die Sonne und den Stand der Jahreszeiten sehr wohl erkannt. Als Anfangstag des wahren Sonnenjahrs (»Anfang des Jahres«, geschieden von dem »Neujahrstag« des bürgerlichen Jahres) gilt ihnen der Frühaufgang der Sothis, des Siriussterns, der unter dem Parallel von Memphis am 19. Juli julianisch (d.i. im Jahre 4241 v. Chr. am 15. Juni gregorianisch, zur Zeit der Sommersonnenwende) eintrat. Im fünften und vierten Jahrtausend fiel er zugleich mit dem ersten Beginn der Nilschwelle zusammen; daher gilt er als der Bringer der Überschwemmung. Infolge seiner Eigenbewegung und der Praecession der Nachtgleichen hat der Siriusaufgang Jahrtausende hindurch mit dem julianischen Jahr gleichen Schritt gehalten, so daß man in diesem (nicht in dem wahren Sonnenjahr) das Normaljahr sah. Die im Lauf der Jahrhunderte eintretende Verschiebung der Sonnenbahn, der Wendepunkte und Aequinoktien, und des Eintritts der Überschwemmung gegen das Siriusjahr hat man allerdings beachtet, aber daraus weiter keine Konsequenz gezogen; nur wurde das (im Normaljahr an die Sommersonnenwende anknüpfende) Fest der »Geburt des Sonnengottes« (Mesu-Rê') etwa seit der sechsundzwanzigsten Dynastie aus dem ersten in den letzten Monat des Wandeljahres verlegt. Im Lauf von 1461 bürgerlichen = 1460 Siriusjahren (Sothisperiode) durchlaufen daher der Neujahrstag und die Monate des bürgerlichen Kalenders den ganzen Kreis der Jahreszeiten, bis nach Ablauf der Periode das bürgerliche Neujahr wieder vier Jahre lang auf den Tag des Siriusaufgangs, den 19. Juli julia nisch, fällt. Als der aegyptische Kalender geschaffen wurde, muß sein Neujahrstag (nach späterer Bezeichnung der 1. Thout) natürlich auf den 19. Juli gefallen sein; von den Jahren, in denen diese Coincidenz stattfand (4241/0-4238/7, 2781/0-2778/7, 1321/0-1318/7 v. Chr., 140/1-143/4 n. Chr.), kann nur das [29] erste, das Jahr 4241/0 v. Chr., das Jahr der Einführung des Kalenders gewesen sein, da derselbe zur Zeit des Alten Reichs bereits längst im Gebrauch war.


Im allgemeinen s. meine Aeg. Chronologie, Abh. Berl. Ak. 1904, die durch das neue von GARDINER, ÄZ. 43, 1907, 136ff. mitgeteilte Material ergänzt wird; vgl. meine Nachträge zur Aeg. Chronologie, Abh. Berl. Ak. 1907. Für den Kalender waren grundlegend die Arbeiten von BIOT (vor allem Sur l'anée vague des Egyptiens, Mém. de l'Ac. des Sciences XIII, 1835) und LEPSIUS, Chronologie der Aegypter I, 1849 [die Fortsetzung bildet sein Königsbuch]. Sie hielten aber die Jahreszeit šomu mit CHAMPOLLION irrtümlich für die Überschwemmungszeit und kamen daher zu falschen Konsequenzen über die Zeit der Einführung des Kalenders. Die richtige Deutung bei BRUGSCH 1856 gegeben. Die aegyptischen Monate haben später Namen nach Festen erhalten, die wir in der griechischen (und koptischen) Form verwenden; ihre Folge, die sich erst in der Spätzeit definitiv festgesetzt hat (vorher fielen die Feste durchweg einen Monat früher und hatten zum Teil andere Namen), ist: Überschwemmungszeit (echet): Thout, Paophi, Athyr, Choiak; Winter oder Saatzeit (projet): Tybi, Mechir, Phamenoth, Pharmuthi; Sommer oder Erntezeit (šomu): Pachon, Payni, Epiphi, Mesori; dazu die 5 Epagomenen. Ergänzt werden die aegyptischen Angaben durch die des Dekrets von Kanopos und bei den griechischen Schriftstellern (Herodot II, 4, der aber von Astronomie und Chronologie so wenig verstand, daß er das Jahr von 365 Tagen für ein festes Jahr hält; Geminos isag. in phaenom. c. 8 p. 106f. ed. MANITIUS; Censorin 18, 10). Die griechischen Astronomen (Ptolemaeos) rechnen durchweg nach aegyptischen Wandeljahren, so daß deren Lage gegen das julianische Jahr absolut feststeht. Die immer erneuten Versuche, ein festes aegyptisches Jahr nachzuweisen (am scharfsinnigsten BRUGSCH im Thesaurus und sonst) sind sämtlich unhaltbar, ebenso die Annahme einer Störung des regelmäßigen Verlaufs der Wandeljahre. Alle auf den Siriusaufgang und die Sothisperiode bezüglichen Angaben sind cyklisch zu verstehen, d.h. nach der Gleichung 1461 bürgerliche Jahre = 1460 Siriusjahre zu deuten, unbekümmert um die Differenzen der Örtlichkeit (welche von einem Breitengrad zum nächsten ungefähr einen Tag betragen) und um die langsam eingetretene Verschiebung, durch die der Siriusaufgang im ersten Jahrtausend v. Chr. in Memphis tatsächlich erst am 20. Juli julianisch eintrat. Mit Unrecht haben OPPOLZER, MAHLER u.a. diese empirischen Daten ihren Rechnungen zugrunde gelegt. Die Dunkelheiten und Anstöße, welche die aegyptischen Texte noch mehrfach bieten, beruhen größtenteils darauf, daß ihre theoretischen Angaben auf das am Tage des Siriusaufgangs beginnende Normaljahr gestellt sind (z.B. [30] die Stundentafeln der Sternkulminationen in den Gräbern Ramses' VI. und IX., das Deckengemälde des Ramesseums, die Opferkalender Ramses' II. und III. von Medinet Habu, ebenso die Darstellungen der Jahreszeiten aus dem A. R.), auch wenn in Wirklichkeit zur Zeit ihrer Abfassung das bürgerliche Jahr in einer ganz anderen Jahreszeit begann [MAHLER, ÄZ. 48, 89f. hat das wieder verkannt]. Ebenso werden die Epagomenen bei derartigen theoretischen und schematischen Angaben niemals berücksichtigt, auch nicht in den thebanischen Stundentafeln und dem Kalender des Pap. EBERS (in derselben Weise wie die Babylonier und die Griechen ihre Mondmonate von abwechselnd 29 und 30 Tagen in der Rechnung immer zu 30 Tagen, das Jahr also zu 360 Tagen ansetzen, obwohl sie ein 360tägiges Jahr niemals gehabt haben). – GINZEL, Handbuch der math. und techn. Chronologie I, 1906 (vgl. § 146 A.) ist der Schwierigkeiten, welche eine Darstellung der aegyptischen Chronologie bietet, nirgends Herr geworden. Die wunderliche, von LEHMANN-HAUPT, Klio VIII 225f. aufgenommene Behauptung, der Tag des heliakischen Aufgangs lasse sich durch einfache Beobachtung nicht genau bestimmen (GINZEL S. 26. 182), wird durch die zahlreichen genauen Angaben der griechischen Astronomen über Sternaufgänge vollständig widerlegt; für das aegyptische Klima und einen Stern von der Helligkeit des Sirius trifft sie vollends nicht zu. Auch kannte man die Stelle am Horizont genau, an der er erscheinen mußte.


160. Für den Staat jedoch bildet nicht dies bürgerliche Jahr des Kalenders die Einheit, sondern das Regierungsjahr des Königs, das mit dem Tage seiner Thronbesteigung beginnt und daher unter jeder Regierung einen anderen Anfangstag hat. Bezeichnet werden diese Königsjahre ursprünglich durch einen offiziellen Eigennamen, der von Festen, Bauten, Kriegen, Zählungen zu Steuerzwecken entlehnt ist (§ 223), wie in Babylonien. Allmählich kommt daneben die einfache Zählung der Königsjahre auf, die seit dem Ende des Alten Reichs auch in offiziellen Datierungen die alte Bezeichnung völlig verdrängt. Diese Jahrrechnung hat den Übelstand, daß man wegen des schwankenden Neujahrstags des Königsjahrs, wenn man einen größeren Zeitraum übersehen will, die Zahl nicht nur der Jahre, sondern auch der Monate und Tage, die jeder König erreicht hat, genau kennen und addieren muß, wobei namentlich in wirren Zeiten und bei Doppelregierungen Versehen kaum zu vermeiden sind. [31] Schon früh ist in Aegypten der Ausgleich versucht worden, daß man das bürgerliche Jahr, in dem ein neuer König den Thron bestieg, als sein erstes rechnete (ihm also die überschüssigen Monate und Tage seines Vorgängers zuzählte) und mit dem nächsten Neujahr sein zweites Jahr begann. Eine derartige Rechnung läßt sich schon unter der zweiten Dynastie nachweisen und kehrt dann unter der zwölften und sechsundzwanzigsten Dynastie wieder; ebenso sind die römischen Kaiserjahre in Aegypten gerechnet worden. Sonst aber wird, so weit wir sehen können, in der Regel nach echten Königsjahren gerechnet. Eine Aera findet sich nur ein einziges Mal, auf einer Inschrift aus Tanis unter Ramses II., die an die Einführung des Sethkults von Tanis durch die Hyksos anknüpfen muß (§ 305); eine größere Bedeutung scheint diese Tempelaera nicht gehabt zu haben, wenn auch die Angabe Num. 12, 22 wahrscheinlich zu ihr in Beziehung steht.


Über die älteste Jahrbezeichnung: SETHE, Beitr. z. ältesten Gesch. Aeg. (Unters. zur Gesch. Aeg. III); ferner meine Chronologie S. 185ff. Daß nach aegyptischer Anschauung theoretisch das Königsjahr mit dem »Neujahrstage« = 1. Thout begann, auch wenn tatsächlich die Thronbesteigung auf einen ganz anderen Tag fiel, zeigt die bekannte Inschrift der Ḥetšepsut bei NAVILLE, Der el Bahari III 63 (BREASTED Rec. II 232ff.; Nachtr. zur aegyptischen Chronologie 9, 1). Das ist dieselbe Fiktion wie bei den mit dem Siriusneujahr beginnenden Kalendern des bürgerlichen Jahrs (§ 159 A.). – Übrigens rechnet in der sechsundzwanzigsten Dynastie Amasis in seiner Inschrift rec. 21, 3ff. Zl. 1, 14 nach echten Königsjahren, nicht nach bürgerlichen Jahren; ich halte es nicht für undenkbar, daß beide Jahresbezeichnungen oft nebeneinander im Gebrauche waren (ähnlich wie die gewöhnliche und die königliche Elle), da man aus dem Charakter der Urkunde wissen konnte, welche gemeint war. – In der Feudalzeit zu Ende des Alten und zu Anfang des Mittleren Reichs wird in den Gauen nach Jahren der Nomarchen datiert, s. § 279. – Über die Aera von Tanis (»vom Jahre 400«) Aeg. Chronol. 65f.


161. Um die aegyptische Chronologie herstellen und die Datierungen nach Königsjahren auf unsere Aera reduzieren zu können, müßten wir ein vollständiges und zuverlässiges Verzeichnis der aegyptischen Könige und ihrer Regierungsdauer [32] besitzen. Die Versuche, ein solches aus den Überresten Manethos herzustellen (§ 152), beruhten auf falschen Voraussetzungen: von seinen Daten sind nur ganz wenige (z.B. die für Ramses I. und II.) korrekt, die meisten nachweislich völlig verkehrt (so z.B. für Dynastie 4 und 5), und gerade in Glanzzeiten, wie bei Dynastie 12 und 18, ist die Überlieferung ganz elend und selbst Namen und Folge der Könige oft aufs stärkste entstellt. Vielfach sind die Zahlen auch sachlich völlig unmöglich, z.B. für die 17 Könige von Dynastie 1 und 2 zusammen 565 Jahre, für das Intervall zwischen Altem und Mittlerem Reich, Dynastie 8-11, 783 Jahre, für das zwischen Mittlerem und Neuem Reich, Dynastie 13-17, nach Africanus' Epitome gar 1590 Jahre. Somit kann Manetho einer Rekonstruktion der aegyptischen Chronologie überhaupt nicht zu Grunde gelegt werden; selbst für die letzte Zeit des aegyptischen Reichs, von Dynastie 21 ab, darf man ihn nur mit der größten Vorsicht benutzen. So ist es begreiflich, daß lange Zeit eine vollständige Resignation herrschend geworden ist; man verzichtete auf jede genauere Zeitbestimmung und wagte höchstens eine ganz vage Abschätzung nach Generationen. Einen Anhalt dafür boten die in den Denkmälern vorkommenden Königstafeln, d.h. Listen verstorbener Könige, denen der regierende Pharao (oder ein Privatmann) Totenopfer darbringt. Alle diese Listen enthalten nur eine mehr oder minder korrekt geordnete Auswahl; illegitime oder unbedeutende Herrscher werden übergangen (so durchweg die Herakleopoliten und die Hyksos), auch sonst finden sich viele Willkürlichkeiten. So wertvoll diese Listen für die Feststellung der Königsfolge sind, so wenig reichen sie daher zur Ermittlung der Chronologie aus. Historisch wichtig sind drei Königstafeln:

1. Die Tafel Sethos' I. in Abydos (entdeckt 1864), vollständig erhalten, umfaßt 76 Namen. Von ihr ist die schon viel früher bekannte, arg verstümmelte Tafel Ramses' II. (jetzt in London) nur eine Kopie.

2. Tafel aus dem Grabe des Zelej (Tunroi) in Saqqara, [33] unter Ramses II. (entdeckt 1860), umfaßte 58 Namen, von denen 47 erhalten sind. Wo sie von der Tafel von Abydos abweicht, stimmt sie meist mit dem Turiner Papyrus überein; beide geben die unteraegyptische Tradition, im Gegensatz zu der oberaegyptischen in den Tafeln von Abydos und Karnak.

3. Tafel Thutmosis' III. in Karnak (jetzt im Louvre), stark zerstört und sehr willkürlich geordnet, umfaßte 61 Namen, vor allem aus der dreizehnten Dynastie.


Am besonnensten haben BOECKH und UNGER (§ 151 A.) die Daten Manethos behandelt; die Daten, die sie für ihn gewinnen, sind aber nicht geschichtlich, wie denn auch BOECKH annahm, daß Manethos Zahlen unter dem Einfluß eines chronologischen Schemas (der Sothisperiode) ständen, was nicht erweisbar ist. LEPSIUS hat in seinem Königsbuch 1858 versucht, aus Manetho die wahre Chronologie herzustellen; seine Behandlung krankt aber an drei fundamentalen Fehlern: 1. er hält die vom Sothisbuch (Sync. p. 98) gegebene Summe von 3555 Jahren für die Zeitdauer der 30 Dynastien fälschlich für echt manethonisch; 2. er scheidet eine Anzahl Dynastien als, »Nebendynastien« aus, wozu weder bei Manetho noch in den Monumenten ein Anlaß vorliegt [daß im einzelnen mehrfach die Dynastien ineinander übergegriffen haben und, z.B. in Dynastie 8-11, 13-17, 22-26, Könige verschiedener Häuser teilweise nebeneinander regierten, die in der Überlieferung als fortlaufend erscheinen, soll damit natürlich nicht bestritten werden; LEPSIUS hat aber die Dynastien 6. 9-11. 13. 15. 16. 25. 27. als Nebendynastien ausgeschieden]; 3. er ändert die überlieferten Zahlen völlig willkürlich und gewinnt so weder die manethonischen noch die historischen Daten. – Die zahlreichen sonst aufgestellten Systeme bedürfen keiner Erwähnung mehr. Die Hauptvertreter der Skepsis sind BRUGSCH und MASPERO. Ich habe in der ersten Auflage dieses Buchs versucht, Minimaldaten für die Hauptepochen zu gewinnen; daß wir jetzt wesentlich weiter gelangen können, habe ich in meiner Aegyptischen Chronologie, Abh. Berl. Ak. 1904 nebst den Nachträgen 1907 gezeigt. – Königstafeln: no. 1: AZ. II, 1864. MARIETTE, Abydos I 43; no. 2: rev. arch., nouv. ser. X. MARIETTE, Mon. div. 58; beide jetzt in meiner Chronologie; no. 3: LEPSIUS, Auswahl und Abh. Berl. Ak. 1852 (über die zwölfte Dynastie). SETHE, Urkunden der achtzehnten Dynastie S. 608f. (vgl. § 298 A.). Auf eine derartige Tafel geht wahrscheinlich die Liste von 38 »thebanischen« Königen zurück, die unter Eratosthenes' Namen, mit Übersetzungen, überliefert ist; aus ihm hatte sie (Pseudo)-Apollodor übernommen (und 53 weitere hinzugefügt); erhalten bei Synkellos aus Apollodor. Sie gibt zu Anfang (no. 1-22) eine nicht wertlose Auslese [34] von Königen der ersten 6 Dynastien; dann folgt eine ganz seltsame und größtenteils nicht deutbare Namenliste (no. 23-38). Vgl. Aeg. Chronol. 99ff.


162. Aus den Denkmälern läßt sich nur für die Höhepunkte der aegyptischen Geschichte (Dynastie 4-6. 12. 18. 19) die Dauer der Zeiträume ziemlich genau ermitteln. Ein wichtiges Hilfsmittel bieten die in den Inschriften zahlreich vorkommenden Stammbäume, die oft die Abschätzung eines längeren Zeitraums nach Generationen ermöglichen. Daß wir ganz wesentlich weiter kommen können, verdanken wir dem Turiner Königspapyrus (§ 156). Besäßen wir ihn vollständig, so würden wir, trotz eventueller kleiner Versehen, den Zeitraum von Menes bis etwa auf Ramses II. im wesentlichen zuverlässig bestimmen können. Aber auch in ihrem ganz trümmerhaften Zustande (der dazu geführt hat, daß die meisten Forscher ihn mit ängstlicher, aber unberechtigter Scheu beiseite gelassen haben) bieten seine Überreste noch eine große Zahl wertvoller Daten. Für Dynastie 2-6 (nach manethonischer Zählung) sind die Zahlen großenteils erhalten, ebenso für die zwölfte Dynastie; für die dreizehnte bis siebzehnte Dynastie geben die hier besonders zahlreichen Überreste den wertvollsten Anhalt. Außerdem aber sind vier Summen erhalten (die überschüssigen Monate und Tage habe ich weggelassen);

1. Für die Könige von Manethos Dynastie 6-8: 181 Jahre.

2. Für die Könige des Alten Reichs von Menes bis zum Ende der Memphiten (Dynastie 8): 955 Jahre.

3. Für die 6 Könige der elften Dynastie: 160 + x Jahre.

4. Für die zwölfte Dynastie: 213 Jahre.

Es fehlt also nur eine Angabe für die Herakleopoliten von Dynastie 9. 10, wo der Papyrus 18 Könige zählte. Setzen wir diese Zeit in runder Schätzung auf 200 Jahre an, so erhalten wir für die Zeit von Menes bis zum Ende der zwölften Dynastie rund 1528 Jahre, eine Summe, die wir mit einem Spielraum von 100 Jahren mehr oder weniger als geschichtlich betrachten dürfen. – Ergänzt und bestätigt [35] werden die Daten des Papyrus für die älteste Zeit durch das Bruchstück der Chronik des Palermosteins (§ 206). Für das Neue Reich, von Dynastie 18 an, gestatten die Denkmäler und die Synchronismen mit Babylonien (§ 326) sichere Zeitbestimmungen. Dagegen fehlt uns eine positive Angabe für das Intervall zwischen Mittlerem und Neuem Reich (Dynastie 13-17, einschließlich der Hyksosherrschaft), für die auch Denkmäler nur sehr spärlich vorhanden sind. Nur so viel können wir auf Grund derselben mit Sicherheit sagen, daß dieser Zeitraum sehr viel kürzer gewesen ist, als Manetho angibt (§ 161). In der ersten Auflage dieses Werks hatte ich ihn auf 400 Jahre geschätzt; in Wirklichkeit hat er, wie wir jetzt wissen (§ 163), nicht mehr als 200 Jahre betragen.


Die Fragmente des Turiner Königspapyrus sind von CHAMPOLLION 1824 entdeckt, von SEYFFARTH 1826 vortrefflich zu größeren Bruchstücken zusammengefügt, und mustergültig von LEPSIUS (Auswahl der wichtigsten Urkunden) und mit dem Verso von WILKINSON (Hieratic Papyrus at Turin, 1851) ediert. Eine Nachprüfung am Original wäre sehr erwünscht. Die Schrift ist unteraegyptisch: PIEPER, ÄZ. 47, 161. Um die Verbesserung der Anordnung und Einzelerklärung haben sich namentlich HINCKS (Transact. Soc. of Literature 2 ser. III 1850), LAUTH (Manetho und der Tur. Papyrus, 1865, der neben Vortrefflichem viele Willkürlichkeiten und Irrtümer enthält, die leider auch UNGER in seine Chronologie des Manetho übernommen hat), DE ROUGÉ (Six prem. dyn.) verdient gemacht; eingehend habe ich ihn in meiner Aegyptischen Chronologie behandelt (dazu Nachtr. S. 21ff.). Die früher auch von mir vertretene Annahme von BRUGSCH, daß die im Papyrus für Dynastie 12 gegebene Summe auf einer Summierung der Einzelposten beruhe, bei der die Doppelregierungen fälschlich nicht berücksichtigt (also die betreffenden Jahre doppelt gerechnet) seien, hat sich nicht bestätigt, vgl. § 281 A. – Für die Stammbäume von Privatleuten s. vor allem LIEBLEIN, Dictionnaire des noms hierogl.


163. Weiter zur Gewinnung absoluter Daten helfen mehrere Sothisdaten, d.h. Angaben, welche den Aufgang des Sirius für ein bestimmtes Jahr auf einen Tag des bürgerlichen Kalenders festlegen und sich daher auf Grund der Sothisperiode (§ 159) mit einem Spielraum von 4 Jahren berechnen [36] lassen. Solche Angaben aus späterer Zeit sind der Siriusaufgang am 1. Payni des neunten Jahres des Ptolemaeos III. Euergetes (Dekret von Kanopos) = 19. Juli 238 v. Chr., und die Angabe des Censorinus 21, 10, daß im Jahre 139 n. Chr. eine neue Sothisperiode begonnen habe [richtiger die alte abgelaufen sei, s. Aeg. Chronol. 23ff.]. Eine Angabe des Mathematikers Theon (Aeg. Chronol. 29) bezeichnet die vorhergehende Sothisperiode, die am 19. Juli 1321 v. Chr. begann, als Aera ἀπὸ Μενόφρεως, wahrscheinlich nach einem aegyptischen König; der Name läßt sich aber nicht identifizieren, so daß wir diese Bezeichnung für die Herstellung der Chronologie nicht verwerten können [vielleicht ist Menpeḥtirê' Ramses I. gemeint]. Sichere Daten dagegen sind:

1. Der Kalender des medizinischen Papyrus EBERS, nach dem im neunten Jahre des Königs Amenophis I. (18. Dynastie) der Sothisaufgang auf den 9. Epiphi fiel, d.i. 1550/49 bis 1547/6 v. Chr. Dadurch ist der Anfang des Neuen Reichs, die Vertreibung der Hyksos, auf die Zeit um 1580-1575 v. Chr. festgelegt.

2. Dazu stimmt die Angabe einer Opferliste von Elephantine aus der Zeit Thutmosis' III. (LD. III 43 e. SETHE, Urkunden der achtzehnten Dynastie S. 827), welche das Fest des Siriusaufgangs am 28. Epiphi verzeichnet. Danach fielen die Jahre 1474/3-1471/0 in die Regierung dieses Königs, dessen Regierung weiter durch Angaben über den Neumond (d.i. das erste Erscheinen der Mondsichel, nicht der Neumond der Astronomen) mit Wahrscheinlichkeit auf die Jahre 1501-1447 angesetzt werden kann. Diese Ergebnisse werden durch die Synchronismen zwischen der aegyptischen und babylonisch-assyrischen Geschichte, welche sich für Amenophis III. und IV. aus den Tontafeln von Tell el-Amarna ergeben, völlig bestätigt (§ 326); Amenophis' III. Tod fällt danach um 1380 v. Chr. Weitere aegyptische Angaben zeigen, daß Ramses II. um 1310-1244, Ramses III. um 1200-1169 anzusetzen ist. Die Chronologie der Blütezeit des Neuen Reichs kann somit mit einem Spielraum von etwa einem Jahrzehnt [37] als gesichert gelten. Von hier aus ergibt sich, daß wir die Thronbesteigung Šošenqs I. (22. Dynastie) um 940 v. Chr. anzusetzen haben, in Übereinstimmung mit der hebraeischen Angabe, daß er ein Zeitgenosse Rehabeams war. Auch Manethos Daten, so verkehrt sie im einzelnen sind, ergeben für den Anfang der zweiundzwanzigsten Dynastie (nach Africanus' Zahlen) 930 oder 926 v. Chr.

3. Für die zwölfte Dynastie haben wir die Angabe, daß im siebenten Jahre Sesostris' III. das Fest des Siriusaufgangs am 16. Pharmuthi gefeiert worden ist (BORCHARDT, ÄZ. 37, 99ff.). Das Jahr war also eines der Jahre 1882/1-1879/8 v. Chr., und die Dynastie, deren Einzeldaten genau bekannt sind, hat in den Jahren 2000/1997-1788/5 v. Chr. regiert. Dieser Ansatz wird bestätigt durch ein landwirtschaftliches Datum im Grabe des Nomarchen Thoutnacht in Berše (GRIFFITH, El Bersheh II pl. 8 und p. 22, vgl. meine Nachträge zur Aegypt. Chronologie 18f.), der etwa um 1940 gelebt hat, wonach die um den Anfang des gregorianischen April stattfindende Flachsernte am 23. Choiak begann, d.i. im Jahre 1940 der 15. April julianisch, 26. März gregorianisch. – Das Intervall zwischen Mittlerem und Neuem Reich, Dynastie 13-17, schrumpft somit auf rund 200 Jahre zusammen, was sich mit den Überresten aus dieser Zeit vollständig verträgt.

Für die Zeit vor der 12. Dynastie fehlt bis jetzt ein absolutes Datum. Benutzen wir die § 12 erwähnten Daten des Turiner Papyrus und setzen die Herakleopoliten auf 200 Jahre an, so erhalten wir für Menes' Antritt das Datum 3315 v. Chr. Mit anderen Worten: wir können mit Sicherheit aussprechen, daß Menes zwischen 3400 und 3200 v. Chr. regiert hat. Auf dieser Grundlage beruhen die § 153 der Übersicht der Dynastien beigefügten Daten.


Die von manchen Forschern vertretene Ansicht, die zwölfte Dynastie sei eine Sothisperiode früher zu setzen, 3460-3248 v. Chr., ist ganz unhaltbar; sie erfordert zwischen dem Mittleren und Neuen Reich ein noch größeres Intervall (1670 Jahre) als Manetho angibt, für eine Zeit, die fast gar keine Denkmäler hinterlassen, und in Kultur, Sprache, [38] Kunst kaum irgendwelche Veränderungen herbeigeführt hat. PETRIE hat die von ihm in vielen Aufsätzen vertretenen Ansätze (Menes 5546 v. Chr., zwölfte Dynastie 3579-3366, achtzehnte Dynastie beginnt 1587) jetzt in den Historical Studies (British school of Archeology in Egypt, Studies vol. II) 1911 zu erweisen versucht. – Die Daten für die älteren Dynastien finden durch mehrere inschriftliche Angaben über die Zeit der Steinbruchsarbeiten u.ä. eine willkommene Bestätigung, s. Aeg. Chronol. 178f., und gleichzeitig, mit im wesentlichen denselben Resultaten, SETHE, Beiträge zur ältesten Gesch. 103ff. Eine sichere Datierung läßt sich allerdings aus derartigen Angaben niemals ableiten, sondern nur eine weitere Stütze für Resultate, die auf anderem, zuverlässigerem Wege gewonnen sind. – Für Dynastie 13-17 s. Nachträge zur Aegypt. Chronologie 31ff. Eine sehr gute Übersicht der Daten für die einzelnen Dynastien gibt BREASTED, Ancient Records I 58ff.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 28-40.
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