Religion und Literatur

[581] 425. Auch auf religiösem Gebiet ist die Epoche des Reichs von Sumer und Akkad bedeutungsvoll gewesen. Die unzähligen Gottheiten der einzelnen Ortschaften und Kulte verwachsen zu einem Pantheon, das, wenn auch die lokalen Unterschiede immer bestehen bleiben, doch durch ganz Sinear anerkannt ist. Im System nehmen die drei großen kosmischen Mächte die erste Stelle ein, der Himmelsgott Anu, der Erdherr Ellil von Nippur und der Meergott Ea von Eridu; aber im [581] Kultus drängen sich jetzt die Götter der Hauptstädte des Reichs in den Vordergrund, der Mondgott Sin von Ur und der Sonnengott (Šamaš), der ebensowohl im Reich von Akkad (mit dem Hauptsitz in Sippara) wie in dem von Larsa der Königsgott war, ferner Ninib, der vor allem in Nippur verehrt wird (§ 395); in der Folgezeit sind sie dann alle von Marduk von Babel überflügelt worden. Bei diesem hat das Streben, ihm das Königtum unter den Göttern wie auf Erden zuzuweisen, zu seiner Gleichsetzung mit Ellil von Nippur, dem Herrn der Länder, und zur Übertragung der an diesen wie der an Ea und Sin anknüpfenden Mythen und Kultformen geführt (§ 426). Aber auch sonst vollzieht sich eine Angleichung unter den Hauptgottheiten: so sehr sie sich durch ihren lokalen Machtbereich, ihre Kultriten und vielfach ursprünglich auch durch ihre Funktionen und ihre Betätigung in Welt und Menschenleben unterscheiden, so ist das wesentliche doch immer die Kraft, die in einem jeden von ihnen wirkt; und daher können, unter sorgfältiger Wahrung des vom Einzelkult vorgeschriebenen Rituals, auf einen jeden die allgemeinen Formeln und Anschauungen übertragen werden, die ursprünglich einem ganz anderen Kult entstammen mögen. Darin gleicht die Entwicklung in Sinear derjenigen, die sich gleichzeitig in Aegypten vollzogen hat (§ 272): auch in Sumer und Akkad erhebt sich über den Einzelgöttern der universelle Begriff der Gottheit, männlich (ilu) und weiblich (ištar). Aber so weit wie in Aegypten sind die religiösen Anschauungen in Sinear niemals fortgeschritten: dort erwächst aus diesen Ideen ein spekulatives Element, eine Theologie, welche von dem Begriff des éinen weltbeherrschenden Sonnengottes aus das Weltbild auf religiöser Grundlage neu aufzubauen unternimmt; und dadurch gewinnt die Religion einen neuen Inhalt und wird zu einem selbständigen und führenden Elemente der fortschreitenden Kulturentwicklung. In Sinear dagegen steht zu allen Zeiten die nächste, rein praktische Aufgabe der Religion im Vordergrund, die Befriedigung der unmittelbaren materiellen Bedürfnisse des Lebens, die ja auch in Aegypten eine wesentliehe [582] Triebfeder der Entwicklung bildet. Die fortgeschrittenen religiösen Anschauungen sind hier wohl in einzelnen Wendungen und in der allmählichen inneren Umwandlung des Gottesbegriffs erkennbar; aber eine führende Stellung im geistigen Leben hat die Religion nicht gewonnen, trotz aller Huldigung, die ihr ununterbrochen gebracht wird. Die alte sumerische Kultur hat, schon befruchtet von der intensiven Einwirkung der semitischen Akkadier, in der Zeit Gudeas ihren Höhepunkt erreicht; die semitische Bevölkerung aber, die in den folgenden Jahrhunderten in immer neuen Nachschüben das alte Volkstum überwuchert und aufsaugt, hat diese Kultur und ihre Religion zwar in sich aufgenommen und mit den eigenen Anschauungen verschmolzen, hat aber eben darum zu einer vollen Entfaltung ihrer Individualität nicht gelangen können. Darauf beruht es auch, daß die Kultur Sinears innerlich keine Zukunft mehr hat: sie ist über das im Reich von Sumer und Akkad Erreichte nicht hinausgekommen. Die glänzende Epoche Chammurapis hat zwar unter der Herrschaft der Amoriter noch einmal auf kurze Zeit ein kräftiges Reich geschaffen, bildet aber doch nur den Abschluß der älteren Entwicklung, nicht den Beginn einer neuen Zeit; und dann versinkt die Kultur weit länger als ein Jahrtausend in volle Stagnation. Erst die Assyrer und die Chaldaeer, welche die alte Kultur aufnahmen und neu belebten, haben sie dann wieder befruchtet und noch einmal einen weiteren Fortschritt möglich gemacht.

426. Unmittelbare literarische Überreste des Reichs von Sumer und Akkad besitzen wir bis jetzt noch nicht viele. Wohl aber ist es nicht zweifelhaft, daß ein beträchtlicher Teil vor allem der religiösen Texte, die uns in späteren Aufzeichnungen, namentlich in den Kopien von babylonischen Originalen aus der Bibliothek Assurbanipals, erhalten sind, in ihrem Ursprung auf diese Zeit zurückgeht. In ihrer gegenwärtigen Fassung stammen sie meist aus Babel und stellen daher den Gott Marduk in den Vordergrund; aber es läßt sich zeigen, daß dieser nur durch eine Überarbeitung älterer Texte hineingedrängt [583] ist, und daß diese Mythen und Hymnen sich ursprünglich auf Ellil von Nippur, Sin von Ur, Ea von Eridu bezogen haben. Daraus ergibt sich zugleich, daß die zu Grunde liegenden ursprünglichen Texte älter sein müssen als das Reich Chammurapis, mit anderen Worten, daß sie dem Reich von Sumer und Akkad angehören. Das gleiche geht daraus hervor, daß ein großer Teil dieser Texte zweisprachig abgefaßt ist, sumerisch und semitisch, und daß es auch später die Regel geblieben ist, einem religiösen Texte, auch wenn er semitischen Ursprungs war, eine sumerische Version beizufügen. Diese dominierende Stellung, welche das Sumerische als die heilige Sprache Sinears bis ans Ende bewahrt hat, erklärt sich nur, wenn die Sumerer eine umfangreiche religiöse Literatur hinterlassen haben, welche von den Semiten übernommen und dann weitergebildet wurde. Auch die zahlreichen Darstellungen mythischer Szenen auf den Siegelcylindern und die Anspielungen auf dieselben in den Inschriften setzen das Vorhandensein einer derartigen Literatur voraus. Im einzelnen ist hier noch so gut wie alles zu tun; aber so viel auch in späterer Zeit durch oft gewiß mehrfach wiederholte Überarbeitung umgestaltet sein mag, so dürfen wir doch die Grundanschauungen der späteren Texte unbedenklich in die Zeiten des Reichs von Sumer und Akkad zurückführen, zumal da, wie schon erwähnt, auf eine Fortentwicklung des Gedankeninhalts in der folgenden Zeit nirgends eine Spur hinführt.


Aus der Zeit des Reichs von Sumer und Akkad stammen die von RADAU behandelten Hymnen aus Nippur, oben §§ 411 und 415, ferner z.B. die jetzt von ZIMMERN (Sumer. Kultlieder aus altbab. Zeit, Vorderas. Schrift denkm. II 1912) herausgegebenen Hymnen, vgl. S. VII die Erwähnung der Könige von Isin in diesen Texten. – Die Überarbeitung und Verschmelzung älterer Sagen und die sekundäre Einführung Marduks hat JASTROW, On the composite character of the Babylonian Creation Story, in den Oriental. Studien für TH. NÖLDEKE, am Schöpfungsepos nachgewiesen und auch sonst namentlich in seiner Religion Babyloniens und Assyriens, 2 Bde., 1902ff., vielfach hervorgehoben. Für die Zaubertexte, Gebete, Vorzeichen bietet dieses (gegenwärtig fast vollendete)Werk eine so umfassende Sammlung des Materials, daß eine Anführung der sonstigen Literatur nur ausnahmsweise erforderlich ist. Zum Alter des Weltschöpfungsepos [584] vgl. KING, The seven Tablets of Creation, 1902, I p. LXXII f. Der Adapamythus hat sich bekanntlich auf einer Tafel in Tell el Amarna gefunden, wo er den Aegyptern des 15. Jahrhunderts als Lektüre zur Einübung der babylonischen Schrift diente. Das zeigt zugleich, wie alt diese Texte sind. – Überblick des Bestandes der Literatur bei O. WEBER, Literatur der Babylonier und Assyrer, 1907. – Ich weise noch darauf hin, daß, während in Aegypten sich die Hauptepochen der Entwicklung bestimmt scheiden und bei religiösen Texten nicht nur aus sprachlichen Gründen, sondern auch nach dem Inhalt kaum je ein Zweifel herrschen kann, in welcher Zeit sie entstanden sind, in der babylonischen Literatur von einer derartigen Entwicklung und Scheidung der Zeiten bis jetzt noch wenig nachgewiesen ist und auch schwerlich viel vorhanden gewesen ist. Trotzdem wird die Forschung danach streben müssen, bei den Texten aus Assurbanipals Bibliothek die Abfassungszeit wenigstens annähernd zu bestimmen und so die Grundlagen einer wirklichen Religions-und Kulturgeschichte zu schaffen. [Inzwischen ist in dieser Richtung gar manches geschehen; s. vor allem BEZOLD, Verbalsuffixformen als Alterskriterien babylonisch-assyri scher Inschriften, Ber. Heidelb. Akad. 1910. Soweit sich bisher urteilen läßt, wird das Ergebnis der fortschreitenden Untersuchungen ebensowohl sein, daß die lange Zwischenzeit zwischen der 1. Dynastie von Babel und der Zeit der Sargoniden greifbarer hervortritt und die in ihr sich vollziehende Umarbeitung und Veränderung der Texte sich erkennen läßt, wie andrerseits, daß nicht wenige Texte unter der 1. Dynastie und schon vorher entstanden sind und sich in zuverlässigen Abschriften fortgepflanzt haben. Für die Gestaltung der grundlegenden Ideen (und vielfach auch für die Einzelgestaltung) hat aber offenbar das Reich von Sumer und Akkad größere Bedeutung gehabt als das von Babel (dessen Einwirkung namentlich an dem Hervordrängen Marduks leicht erkennbar ist) ich belasse daher die zusammenfassende Darstellung auch jetzt an dieser Stelle, wenngleich gar manche der dafür benutzten Texte nicht unwesentlich jünger sein mögen.]


§ 426 aDer größte Teil der religiösen Texte dient praktischen Zwecken: teils sind es Rituale und Kulthymnen von Festen (so auch ein Teil der Mythen), teils Zauberformeln gegen die bösen Geister, sowie Gebete an die Götter, welche ihren Zorn besänftigen und ihre Gnade sichern oder wiedergewinnen sollen, teils systematische Aufzeichnungen zur Deutung der Vorzeichen. Mit der Steigerung der Kultur hat sich auch hier das Zauberwesen und das mit ihm eng verbundene Streben, den Willen der Götter zu erkunden und dann, wenn [585] irgend möglich, nach dem eigenen Willen zu lenken, drohendes Unheil abzuwenden, schon eingetretenes zu lindern, aufs stärkste entwickelt. Es knüpft überall an an uralte, ganz vorwiegend sumerische Anschauungen; aber jetzt wird es in ein System gebracht und bis ins kleinste Detail scheinbar wissenschaftlich ausgeführt, teils mit Hilfe der Empirie, der tatsächlich nach irgend einem Vorgang eingetretenen Ereignisse, teils durch logisches Fortspinnen der Voraussetzungen und durch Verknüpfung der äußeren Vorgänge mit den ähnlich scheinenden Bestrebungen und Schicksalen der Menschen oder vielmehr der Reiche und ihrer Herrscher. Denn die Völker und ihre staatliche Organisation sind die großen Einheiten, welche den Mittelpunkt alles Lebens und Interesses bilden und auf die daher auch die Naturvorgänge andeutend, aber dem Gelehrten verständlich hinweisen. An erster Stelle stehen die vier Völker, welche in dem »Reiche der vier Weltteile« unter Sargon und seinen Nachfolgern zu einer Einheit zusammengefaßt wurden, Akkad, Elam, Subartu und Amuru (vgl. § 395 A.); doch finden sich daneben auch nicht selten Deutungen auf einzelne Städte und Fürstentümer Sinears und auf andere Fremdvölker. In den ausgeführten Systemen sind manche der grundlegenden Anschauungen sumerisch, z.B. daß die Götter am Neujahrstage auf dem Götterberg das Geschick der Staaten und der Könige festsetzen und dann durch Zeichen kundgeben; aber die starre Konsequenz, mit der das Schema überall durchgeführt wird, scheint semitischen Einfluß zu verraten, und nicht umsonst wird man die Leberweissagung auf den Begründer des akkadischen Reichs, den Semiten Sargon, zurückgeführt haben (§ 397). Auch Zahlenspielereien spielen eine große Rolle; in der Geisterwelt, vor allem bei den bösen, Krankheit und Verderben bringenden Dämonen, dominiert die Siebenzahl, während die großen Götter nach dem Sexagesimalsystem geordnet werden (Anu 60, Ellil 50, Ea 40, Sin 30, Šamaš 20, Ištar 15), und daneben bei Göttergruppen besonders die Dreizahl sehr beliebt ist. Unter den Zeichen, welche die Götter den Menschen geben, ist weitaus das wichtigste die [586] Offenbarung der Zukunft durch die Leber des Opfertiers. Bekanntlich sind die Linien und Auswüchse an derselben bei jedem Tier anders gestaltet (ebenso wie z.B. die Linien in der Hand), desgleichen die Lage der Gallenblase an der Leber u.a. Durch seine Weihung zum Opfer ist aber das Tier in unmittelbare, magische Verbindung mit der Gottheit getreten; so erklärt es sich, daß, sobald die Aufmerksamkeit einmal auf diese Erscheinung gerichtet war, man hier ein sicheres Mittel zur Erkenntnis des von den Göttern bestimmten Geschicks zu haben glaubte. So hat sich daran ein äußerst detailliertes System der Leberweissagung geknüpft. Später in der Assyrerzeit hat dieser Glaube weite Verbreitung gefunden: er ist von ihnen zu den Griechen-Homer kennt ihn noch nicht, dagegen steht die Folgezeit bekanntlich ganz unter seiner Herrschaft-und den Etruskern gedrungen. Daneben steht Becherweissagung (aus den Figuren, die das in Becher gegossene Öl bildet), Traumdeutung u.ä., ferner die Orakelerteilung, die neben Ea vor allem der Sonnengott und der Orakelgott Nebo von Borsippa üben. Auch die Medizin trägt den gleichen Charakter einer Verbindung empirischer Beobachtungen mit dem durchgeführten System des Zauberwesens. An letzterem fehlt es auch in der aegyptischen Medizin nicht; aber diese hat zugleich durch eine schon in der Thinitenzeit einsetzende und stetig fortschreitende sorgfältige Beobachtung einen reichen Schatz gesicherter, zu einem wissenschaftlichen System zusammengefaßter Kenntnisse gewonnen, zu dem die babylonische Medizin niemals gelangt ist. Gegenüber dem Weltruf der aegyptischen Ärzte spielen die babylonischen nur eine ganz untergeordnete Rolle, so daß Herodot auf Grund eigener Anschauung, wenn auch mit einiger Übertreibung, erzählen kann (I 197), die Babylonier verwendeten überhaupt keine Ärzte, sondern brächten ihre Kranken auf den Markt und hielten jeden Vorübergehenden an, ob er ein Heilmittel wisse.


Über die Siebenzahl handelt sehr verständig HEHN, Siebenzahl und Sabbat (Leipziger semit. Studien II, 1907); die Ableitung ihrer Heiligkeit von den angeblichen »Sieben Planeten« widerlegt er vollständig [587] (vgl. § 427), führt sie aber mit Unrecht auf die Mondphasen zurück, während doch gerade umgekehrt der Mondmonat von abwechselnd 29 und 30 Tagen durch die siebentägige Woche notdürftig und unvollkommen in die Siebenzahl eingezwängt wird, deren Heiligkeit also schon vorausgesetzt wird. Diese Heiligkeit und Unheimlichkeit beruht vielmehr auf dem geheimnisvollen Charakter dieser Zahl (ähnlich wie bei 13), die unteilbar ist und bei allen Rechnungen die größten Schwierigkeiten bereitet. Ebenso beruht die Heiligkeit von 3, 9, 12, 60 u.a. auf dem Charakter dieser Zahlen; und darum sucht man sie dann in den Naturerscheinungen und legt sie Einteilungen zugrunde. – Gegen die Ableitung des Sexagesimalsystems aus der Astronomie vgl. z.B. KEWITSCH, Z. Assyr. XVIII 73ff. – Von einem Kreis von zwölf Göttern ist weder bei den Babyloniern noch bei den Assyrern die Rede [gegen die 1. Auflage, deren Angabe leider auch BOLL) Sphaera S. 477, verführt hat]; Assurbanipal zählt einmal im Eingang seiner Annalen 12 Götter auf, sonst läßt er Belit aus und nennt nur 11; andere Könige zählen mit Vorliebe 7, 8 oder 11 Namen auf, doch ohne feste Regel, gelegentlich aber auch 25 u.a., vgl. die Zusammenstellung bei JASTROW, Religion Bab. und Assyriens S. 244ff. Natürlich werden auch die 12 Monate [die Assyrer zählen IV R 33 auch den Schaltmonat mit und bringen hier den Assur unter] mit bestimmten Göttern in Verbindung gesetzt; aber das ist nichts weniger als ein fester Zwölfgötterkreis wie bei den Griechen. – Sehr besonnen urteilt über alle diese Fragen durchweg auch ZIMMERN, KAT. – Über die Beschwörungs-und Zauberrituale s. außer JASTROW, Babylonische Religion, vor allem ZIMMERN, Beiträge zur Kenntnis der babyl. Religion (die Beschwörungstafeln Šurpu), 1901, ferner KING, Bab. magic and sorcery, 1896. Über die Leberweissagungen hat JASTROW, Babyl. Religion (vgl. Z. Assyr. XX 105 u.a.), Klarheit geschaffen. Anspielungen darauf bei Gudea: JASTROW l.c. II 273. 503 A. Vgl. weiter z.B. JASTROW, An Omen school Text (Old Test. and Sem. Studies in mem. of Harper, II 279ff.), ferner UNGNAD, ein Leberschautext aus der Zeit Ammiṣaduqas (Babyloniaca ed. VIROLLEAUD II 257ff.), genaue Beschreibung des tatsächlichen Befundes bei einem Schafopfer im 10. Jahr des Königs. Assyrische Nachbildung einer Schafleber mit genauer Angabe aller einzelnen Teile und ihrer Bedeutung als Omina (völlig gleichartig der etruskischen Leber von Piacenza): Cun. Texts VI, zuerst richtig behandelt von BOISSIER, Note sur un mon. bab. se rapportant à l'extispicine, 1899. – Weiter die große Sammlung und Bearbeitung der Texte durch BOISSIER, Choix de textes cunéiformes, und z. B, seinen Aufsatz Iatromantique, physiognomonie et palmomantique babyl., Rev. d'Ass. VIII. – In der gesamten Vorzeichenliteratur, auch der astrologischen, wird fingiert, daß das Reich Sargons (Akkad) und die drei anderen Reiche Elam, Subartu und Amuru fortbestehen (§ 395 A.); daneben werden dann [588] gelegentlich die Gutaeer, die ummân Manda, d.i. die Nomaden des Nordostens (Irans), ferner babylonische Städte u.a. genannt. Sichere chronologische Daten können daraus aber nicht entnommen werden. – Für die Medizin KÜCHLER, Beitr. zur Kenntnis der assyrisch-babylonischen Medizin, 1904.


427. Noch bedeutsamer ist in der Folgezeit der Glaube geworden, daß sich das von den Göttern festgesetzte Geschick in den Himmelserscheinungen kund gibt, in den Phasen des Mondes, Verfinsterungen, Höfen der Sonne und des Mondes u.ä., und auch in der Stellung der Gestirne an dem Tage, an dem irgend eine Unternehmung ausgeführt werden soll; daher werden wie andere Omina auch die Himmelserscheinungen aufgezeichnet und gedeutet. Bei den Sumerern finden sich zu dieser »Wissenschaft« selbst in den Inschriften Gudeas lediglich die ersten Ansätze (§ 371), und eine größere Bedeutung hat die Anschauung, daß die Götter am Himmel und in den Sternen ihre Wohnung haben, bei ihnen nicht gewonnen, geschweige denn, daß sie zu einer Vorausberechnung der richtigen Stunde verwendet würde. Von den einzelnen Sternen hat in der sumerischen Religion nur die Venus Bedeutung, in der die große Göttin Nanaia (Ištar) sich dem menschlichen Auge offenbart; daher trägt diese als Abzeichen die Sternscheibe (§ 371). So scheint auch Sterndeutung und Astrologie erst eine Erfindung der Semiten zu sein. Sie hat sich ganz allmählich entwickelt. Einigen Einblick in ihre Ausbildung gewähren uns die zahlreichen, in ihrem Einzelbestande mannigfach wechselnden Bilder und Symbole der Götter auf den seit der Kossaeerzeit vielfach erhaltenen Kudurrus, den steinernen Urkunden über Belehnungen mit Grundbesitz (§ 315); zum großen Teil gehen diese Gestalten offenbar in weit ältere, vielfach rein sumerische Zeiten zurück, wenn auch immer wieder neues hinzugekommen ist. Regelmäßig erscheinen hier die Symbole von Sonne22, Mond und Venus; daneben findet [589] sich meist eine Schlange, die wohl sicher als Darstellung der Milchstraße zu betrachten ist, und ein Skorpion. Letzterer ist zunächst das Tier der von den Chetitern entlehnten Göttin Išchara (§ 433 A.); daß er aber zugleich mit dem Sternbild identisch ist, das auch wir noch mit diesem Namen bezeichnen, geht daraus hervor, daß sich daneben gelegentlich ein Mischwesen aus einem Skorpion (mit Füßen eines Vogels oder Löwen) und einem bärtigen Manne mit gespanntem Bogen findet: in dieser Gestalt sind offenbar die beiden Sternbilder des Schützen und des Skorpions noch zu einer Einheit verbunden, wenn auch in der Praxis beide schon geschieden wurden, da der Skorpion daneben noch besonders dargestellt ist. – Welchem Gotte diese Gestalt entspricht, wissen wir noch nicht. Daneben findet sich eine Umwandlung dieses Mischwesens in einen geflügelten Kentauren (die natürlich erst nach Einführung des Pferdes aufgekommen sein kann, also nicht älter ist als die Kossaeerzeit): hier ist der Skorpion durch einen Pferdeleib ersetzt, der aber außer dem Pferdeschwanz noch einen zweiten, aufwärts gekrümmten Skorpionenschwanz erhält; der menschliche Oberkörper des Schützen trägt außer dem bärtigen Menschenkopf noch einen Drachenkopf. Auf einer Abbildung ist außerdem der Skorpion unter den Pferdeleib gesetzt; hier ist ganz klar, daß die beiden Sternbilder dargestellt werden sollen. Das wird dadurch bestätigt, daß diese beiden Gestalten von der griechischen Darstellung der Sternbilder, sowie von der späteren aegyptischen (Tierkreise von Dendera und Esne) übernommen sind. Auch das Mischwesen von Ziege und Fisch, das uralte Bild des Meergotts Ea, hat man am Himmel in dem von uns Steinbock genannten Sternbild wiedergefunden; und auch diese Gestalt haben die Griechen und die späteren Aegypter übernommen. Auch sonst mögen noch einige der Göttersymbole der Kudurrus zugleich am Himmel aufgezeigt worden sein; so entspricht der auf ihnen häufig[590] vorkommende Hund der Göttin Gula (Gemahlin des Ninib, wohl mit der alten Göttin Bau identisch) wahrscheinlich dem Sternbild des Löwen, und auch die Lampe (= Nusku) mag ein Sternbild sein. Diese Darstellungen lehren erstens, daß man anfing, sich am Himmel genauer zu orientieren und die einzelnen Sterne zu Gruppen zusammenzufassen, die von der Phantasie nach altsumerischer Vorstellung als Mischwesen ausgestaltet wurden-in der Sage bei Berossos (§ 364 A.) kehren dieselben als die ältesten Bewohner des Landes wieder, ehe es Menschen gab –, und zweitens, daß man einige dieser Sternbilder mit den Göttern in Verbindung setzte, und somit auch glaubte, daß sie von diesen Sternen aus das Geschick beeinflussen und verkünden. An ein wissenschaftliches System der Himmelskunde ist dabei jedoch noch nicht zu denken, am wenigsten etwa an eine Zusammenfassung von zwölf Sternbildern zur Einheit des Tierkreises und gar an eine Einteilung der Sonnenbahn (der Ekliptik) in zwölf gleich große, nach Sternbildern benannte Teile. Das sporadische Vorkommen vereinzelter Sternbilder auf den Kudurrus schließt eine derartige Auffassung geradezu aus; eine Darstellung des Tierkreises oder der Ekliptik findet sich bis jetzt auf keinem einzigen babylonischen oder assyrischen Denkmal. Ein neues Element taucht dann im ersten Jahrtausend auf: das »Siebengestirn« (sibitti) der Pleiaden, die jetzt-vorher kommen sie niemals vor-mehrfach als sieben kleine Kugeln an erster Stelle, vor Sonne, Mond und Venus, abgebildet werden, und nach den Angaben religiöser Texte auch an den Haustüren zum Schutz gegen böse Dämonen angebracht wurden23. – Aus diesen Elementen ist dann im ersten Jahrtausend von dem neuen semitischen Stamm der Chaldaeer, der damals in Sinear eindrang, ein ausgebildetes System der Sternkunde und [591] Sterndeutung entwickelt worden, die chaldaeische Astrologie, welche zwar, wie die ältere Deutung einzelner Himmelszeichen und die Leberwissenschaft, durchaus den praktischen Zwecken der Vorausberechnung des Schicksals dienen will, aber diese Aufgabe methodisch in Angriff nimmt und so auf empirischer Grundlage zugleich die ernste Wissenschaft der Astronomie begründet. Damals hat man begonnen, den Aequator und dann auch die Ekliptik in 360 Grade und die letztere zugleich in zwölf »Tierzeichen« zu teilen, und weiter die fünf Wandelsterne als die eigentlichen Regenten des Schicksals-neben Sonne und Mond und dem Götterkönig und Himmelsgott Anu-zu betrachten, in denen sich daher die großen Hauptgötter des späteren babylonischen Pantheons manifestieren: Marduk (d.i. der alte Ellil) im Jupiter, Ninib im Saturn, Nebo im Merkur, Nergal im Mars, daneben natürlich Ištar in der Venus. Noch jünger ist die Zusammenfassung dieser fünf Planeten mit Sonne und Mond zu der Einheit von sieben Wandelsternen, die sich in den späteren Texten gelegentlich findet; sie setzt einerseits eine sehr fortgeschrittene wissenschaftliche Erkenntnis voraus, die sich zu einer großartigen Abstraktion von den Daten der unmittelbaren Anschauung zu erheben vermag; andrerseits aber ist sie natürlich auch von dem magischen Streben geleitet, die heilige Siebenzahl auch in den Regenten des Schicksals am Himmel nachzuweisen. – Etwa seit dem 8. Jahrhundert gelangt diese Wissenschaft allmählich zu größerer Bedeutung; unter der Regierung Nabonassars (747-734) beginnen die chaldaeischen Sternbeobachtungen, welche in die griechische Astronomie übergegangen sind (§ 321). Die Assyrer haben die Elemente dieser Anschauung übernommen, das Chaldaeerreich sie weiter entwickelt; zu voller Ausbildung ist die Lehre in der persischen und griechischen Zeit gelangt (vgl. Bd. III § 82f.) und hat dann, von der späteren hellenistischen Kultur nach langem Sträuben aufgenommen, ihren Siegeszug durch die Welt gehalten; selbst die aegyptischen Priester der Kaiserzeit haben, wie die Tierkreise von Dendera und Esne lehren, sich dieser Weisheit [592] nicht verschließen können, und der späteren griechischen Astrologie galten neben den Chaldaeern gerade die Aegypter und ihre uralten Weisen als deren Hauptträger und Offenbarer.


Auf keinem Gebiet hat sich der Dilettantismus so arg versündigt wie auf diesem. Unbedenklich werden die letzten Ergebnisse der chaldaeischen Wissenschaft, das Resultat langanhaltender methodischer Forschungen des 1. Jahrtausends v. Chr., an den Uranfang gesetzt und aus ihnen Religion und Denken der Urzeit abgeleitet. Der Hauptvertreter dieser Behandlung ist H. WINCKLER, der Erfinder der »babylonischen« oder »orientalischen« Weltanschauung. Er hat die wilden Phantasien, die STUCKEN unter dem Titel »Astralmythen« veröffentlicht hat, völlig kritiklos übernommen und weiter ausgebaut, und damit zahlreiche Adepten gewonnen; ähnliche Behauptungen hat namentlich HOMMEL aufgestellt. Sogar die Praecession der Nachtgleichen soll nach WINCKLER (z.B. KAT. 13. 24. 326. 332; ebenso HOMMEL) diese Urzeit schon gekannt haben [ebenso wie er den Babyloniern alles Ernstes die Kenntnis der Venusphasen und der Jupitermonde zuschreibt!], und »ihre Berechnungen der Gestirnbewegungen von der Zeit ausgehen, wo die Sonne zur Frühlingstaggleiche in den Zwillingen stand«, d.i. im 6. und 5. Jahrtausend; und die Gründung der neuen Hauptstadt Babel, die er auf Sargon zurückführt, leitet er ganz naiv von der Verschiebung des Aequinoctial punktes aus den Zwillingen in den Stier ab, die ein neues Weltalter eröffnet habe. Analog ist die Behandlung des Kalenders (KAT. 328, wo die Tatsachen durchweg völlig ignoriert und durch ein Phantasiegemälde ersetzt werden, vgl. § 323 A.) und ebenso natürlich die der Mythen und der Religion. Ob die Angaben der Denkmäler und der Kulturzustand der Völker zu solchen Vorstellungen stimmen, ist den Vertretern dieser Lehren völlig gleichgültig, in Sinear ebenso gut wie bei den Israeliten, Griechen u.a., denen sie diese Anschauungen aufdrängen. In Wirklichkeit hat diese mystische Weisheit wissenschaftlich nicht mehr Bedeutung, als die Uroffenbarung aller Weltmaße in der großen Pyramide, die seiner Zeit PIAZZI SMITH gelehrt hat, und die ja auch noch immer Adepten findet. [S. die Darstellung und Kritik dieser Phantastereien durch KUGLER, Auf den Trümmern des Panbabylonismus (aus der Zeitschr. Anthropos, IV 1909), und: Im Bannkreise Babels 1910]-Die wissenschaftliche Behandlung der babylonischen Sternkunde hat, nach den Vorarbeiten von EPPING, FR. X. KUGLER in Angriff genommen (Sternkunde und Sterndienst in Babel I, 1907, II seit 1909), dessen Ergebnisse durch diejenigen, zu denen von der griechischen Astronomie aus FR. BOLL, Sphaera, 1903, gelangt ist, aufs beste ergänzt werden; vgl. auch BOLL, Die Erforschung der antiken Astrologie, Neue Jahrb. 1908, der S. 124 mit Recht sagt: «die 'orientalische Weltanschauung' ist in dem, was an ihr geschichtlich [593] und nicht bloß moderne Phantasie ist, das Weltkind der griechischen Astrologie». Ferner BEZOLD, Astronomie, Himmelsschau und Astrallehre bei den Bab., Ber. Heidelb. Akad. 1911. Von älteren Arbeiten sind vor allem die (in einzelnen Punkten von BOLL berichtigten) LETRONNES von grundlegender Bedeutung, die an die aegyptischen Tierkreisdarstellungen anknüpfen (namentlich Analyse critique des représentations zodiacales de Dendera et d'Esne, 1845, Mém. de l'ac. des inscr. 16, 2.). Besonnen wie immer urteilt über alle einschlägigen Fragen ZIMMERN in KAT. (speziell S. 615ff. 627ff.), in scharfem Gegensatz zu dem WINCKLERschen Teil dieses Werks. Die spätere Gestalt der astrologischen Lehren der Chaldaeer ist bei Diodor II 29ff. übersichtlich und offenbar im wesentlichen korrekt dargestellt; vgl. ferner Strabo XVI 1, 6. Plin. VI 123. Vitruv IX 2, 1. 6, 2, sowie Herod. II 109. – Die astralen Darstellungen und Symbole vor allem auf den Cylindern wird demnächst HUGO PRINZ eingehend behandeln, im Zusammenhang mit den verwandten Darstellungen der sonstigen vorderasiatischen und der aegyptischen Denkmäler. Die Darstellungen der Kudurrus (zahlreiche nach Susa verschleppte sind in der Délég. en Perse veröffentlicht, die des British Museums von KING, Babylon. Boundarystones, 1912) hat HINKE, A new boundary stone of Nebuchadnezar I., 1907 (Bab. Exped. Series D vol. IV) zusammengestellt und analysiert, mit zahlreichen Abbildungen [vgl. FRANK, Z. Ass. 22, 105ff. ZIMMERN, Z. Ass. 25, 196ff.]; wie BOLL, Sphaera, weist auch er die Hypothesen von HOMMEL (Aufsätze und Abh.) u.a., die auf ihnen den Tierkreis suchen, entscheidend zurück [ob die Figuren auf dem (chetitischen?) Cylinder aus Gazer, die HINKE p. 321 behandelt, mit Sternbildern irgend etwas zu tun haben, ist recht fraglich]. Daß die Auswahl überall eine andere ist, zeigt, daß von einer Darstellung des Tierkreises nicht die Rede sein kann, sondern nur von einzelnen Sternbildern, die zum Teil später in den Zodiacus aufgenommen sind; nach den Angaben der Texte selbst handelt es sich vielmehr um Götterbilder, und das hat die Analyse durchweg bestätigt; zwanzig der auf ihnen vorkommenden Bilder sind jetzt, zum Teil durch Beischriften, sicher oder so gut wie sicher identifiziert (p. 96, 2). Daß der Skorpion der Išchara gehört, hatten schon FRANK und ZIMMERN er kannt (K. FRANK, Bilder und Symbole babylon.-assyr. Götter, mit Beitrag von ZIMMERN über die Göttersymbole des Nazimaruttaš-Kudurru, Leipziger semit. Studien II 1906); es wird jetzt durch den Kudurru bei SCHEIL, Délég. en Perse X Taf. 13, 2 bestätigt. – Der Sagittarius als Mensch + Skorpion: HINKE p. 131 (Nebukadnezar I., KING pl. XCI) und p. 232 (Melišipak, KING pl. XIX. XXII); als Kentaur: ib. p. 76 (Susa no. 4, Kossaeerzeit) und p. 98 (Melišipak, KING pl. XXIX), ferner auf einem Siegelabdruck der Kossaeerzeit bei CLAY, Bab. Exped. XIV pl. XV 6 und p, 15. Über diese Figur sowie den Skorpion und den »Ziegenfisch« = Steinbock vgl. auch BOLL, Sphaera [594] S. 188ff. – Die Erscheinung der Ištar abwechselnd als Morgen- und Abendstern hat bei den Babyloniern zu mancherlei Phantasien Anlaß gegeben, so daß sie als Morgenstern männlich und bärtig sei (ZIMMERN, KAT. 431). – Die »Sieben Planeten« sind dem gewöhnlichen. Sprachgebrauch ganz fremd; er kennt nur die »Fünf Planeten«, so auch Diod. II 30, 3 und Berossos fr. 1, 6. – Daß die von HOMMEL und WINCKLER vertretene Annahme, die Planetennamen hätten in älterer Zeit andere Planeten bezeichnet als später, nicht haltbar ist, zeigt KUGLER S. 215ff. Unter den Fixsternen tritt Beteigeuze im Orion (kak-si-di oder der mešrê-Stern, s. KUGLER S. 326ff.) besonders hervor, der mit Ninib in Verbindung steht, ferner der Sirius (kakkab qašti, der »Bogenstern«, ib. 8. 239ff.).


428. Die Handhabung des Rituals liegt in den Händen der sehr zahlreichen Priesterschaft, die in mehrere Klassen geteilt ist: Wahrsager, bârû, welche die Orakel einholen, die Leberzeichen und sonstige Omina deuten; Beschwörungspriester, âšipu oder mašmašu, gegen Krankheiten und Dämonen, welche die Sühnungszeremonien vollziehen; Sänger kultischer Hymnen, zammeru. Sie vermitteln den Verkehr des Menschen mit der Gottheit, geben ihm die Weisungen für sein Verhalten und rezitieren für ihn, unter Anwendung der vorgeschriebenen Zeremonien, die heiligen Texte, die er für seine Zwecke braucht. Vor allem sind sie dem König unentbehrlich, und auf ihn nehmen die Texte auch vorwiegend Rücksicht, da mit seinem Geschick das des Reichs und des Volks untrennbar verknüpft ist. In diesen Texten tritt uns nicht selten eine gesteigerte ethische Anschauung entgegen, das Bewußtsein, daß die Gottheit nicht grundlos zürnt, wenn sie den Menschen mit schweren Schlägen heimsucht. Daher sind Sündenbekenntnisse in diesen Texten sehr gewöhnlich, und ebenso die Versicherung, kein Verbrechen begangen, die Pflichten gegen die Mitmenschen nicht verletzt zu haben. So spiegelt sich in ihnen die sittliche Ordnung der sozialen Gemeinschaft wieder, und mit ihr zugleich das Hervortreten des zwar noch nicht mit vollem Bewußtsein formulierten, aber als selbstverständliche Voraussetzung des Denkens und Handelns betrachteten ethischen Postulats, daß die Gottheit gleichfalls an das Sittengesetz gebunden ist und kein Unrecht [595] tun darf. Freilich darf man die Bedeutung dieser sogenannten » Bußpsalmen« nicht überschätzen: das Ziel ist immer, durch eine zerknirschte Haltung und Selbstdemütigung die Gnade der Gottheit wiederzugewinnen, wie man es vor dem zürnenden König auch tun würde, und daher vorauszusetzen, daß sie im Recht ist. Daher wird außer bestimmten Göttern mehrfach »der Gott (oder die Göttin), den ich nicht kenne«, angerufen, »an seine Stätte zurückzukehren«, d.h. seinen Grimm fahren zu lassen, und um Gnade gebeten für » die Sünde, die ich nicht kenne«; darin spricht sich nicht ein Gefühl der absoluten Sündhaftigkeit des Menschen der Gottheit gegenüber aus, sondern es wird ihr lediglich concediert, daß sie für ihr Zürnen einen zureichenden, wenn auch unbekannten Anlaß haben wird. Diese Gebete bilden nur einen, und keineswegs den sachlich wichtigsten Bestandteil des Rituals der Beschwörungen und Reinigungen, das bei zahlreichen großen und kleinen Anlässen verwendet wird, z.B. nach einer Krankheit, wo bei der Lustration des Hauses ein Opfer dargebracht und kleine Götterfiguren aufgestellt werden. Manche Texte mögen zunächst bei einem bestimmten geschichtlichen Anlaß, z.B. einem Unheil, das Nippur oder Babel betroffen hat (wie den Einfällen der Elamiten), entstanden und nach ihnen individuell gestaltet sein; zu ermitteln, wie weit sich hier eine fortschreitende Entwicklung der religiösen Gedanken erkennen läßt, ist eine der weiteren Forschung gestellte Aufgabe. In manchen Hymnen tritt das Bewußtsein von der Allmacht der Gottheit und der Ohnmacht alles menschlichen Tuns, das schon in den alten Mythen von Adapa, Etana, Gilgameš und der sie bezwingenden Macht des Todes anklingt (§ 375), sehr lebendig hervor. Tiefere religiöse Gedanken regen sich in einem Text, der seine gegenwärtige Gestalt nicht vor der ersten Dynastie erhalten haben kann-Marduk von Babel und sein Tempel Esagila stehen durchaus im Vordergrund, von ihm geht die Heilung aus –, der aber auf ältere Vorlagen zurückgehen mag. Es ist die Erzählung von einem Bürger von Nippur, Ṭâbi-utul-Ellil, der all seine Pflichten [596] gegen den König und die Götter gewissenhaft erfüllt hat, den aber trotzdem das schwerste Leid getroffen hat, entsetzliche Krankheit, die ihn dem niedrigsten Sklaven gleichstellt und ins Elend hinabstößt, so daß die Totenklage über ihn erschallt, ehe er noch gestorben ist. Kein Zeichendeuter oder Sühnpriester kann die Ursache seines Schicksals erforschen oder ihm Heilung bringen, bis Marduk sich seiner erbarmt und ihm die alte Kraft und Macht durch ein Wunder zurückgibt. Hier erscheint das Leiden, das den Schuldlosen trifft, wie eine von Gott verhängte Prüfung, in die er sich fügen muß und die den Ausblick auf ein göttliches Erbarmen offen läßt; und damit wagt sich zugleich das Bewußtsein von der Inkommensurabilität des göttlichen Tuns und des ethischen Verhaltens des Men schen hervor.


Über die Priesterklassen s. ZIMMERN, Beitr. zur babyl. Religion. Über die »Bußpsalmen« außer JASTROW, Religion II, J. MORGENSTERN, The doctrine of sin in the Bab. Religion, Mitt. Vorderas. Ges. 1905 und SCHRANK, Priester und Büßer in babyl. Sühnriten (Leipziger sem. Studien 1907). – Ṭâbi-utul-ellil: JASTROW, Babyl. Religion II 120ff. und A Babylonian parallel to the story of Job, J. of Biblical Literature 25, 1906 (vgl. dazu Z. Ass. XX 191ff.); und, seine Auffassung mehrfach berichtigend, FR. MARTIN, Le juste souffrant Babylonien, J. as. 10 sér. 16, 1910, 75ff., der auch nachweist, daß der Held der Geschichte keineswegs ein König ist [derselbe Name in der Liste alter Königsnamen V R 44, 2, 17].


429. Von anderen Erzeugnissen der Literatur gehen die Anfänge grammatischer und lexikalischer Sammlungen, welche Sumerisch und Akkadisch neben einander stellen, und aus denen die umfangreichen »Syllabare« der Bibliothek Assurbanipals hervorgegangen sind, zweifellos in diese Zeit zurück, in der die beiden Sprachen in lebendigem Gebrauch neben einander standen. An sie mögen sich andere ähnliche Zusammenstellungen angeschlossen haben, z.B. Listen von Orts- und Volksnamen, von Göttern und ihren Beinamen u.ä. Auch die Listen der Jahrnamen und die Chroniken gehören hierher. Zum Teil war diese Literatur für die praktischen Bedürfnisse unentbehrlich; vor allem aber diente sie dem Unterricht der Schreibschulen an den Tempeln, in denen der [597] Nachwuchs der Priesterschaft und des Beamtenstandes herangezogen wurde. Auch die berufsmäßigen Schreiber, welche die privaten Urkunden abfaßten, haben ihre Kunst wohl in diesen Schulen gelernt, und durften ihren Beruf zweifellos nur ausüben, wenn sie vom Staat anerkannt waren. Auch die Vorlagen für die Erlernung des Rechnens und der Feldmeßkunst gehören hierher; ebenso sind manche andere Texte, z.B. Erzählungen von Sagen, zunächst wohl für die Zwecke der Schule aufgezeichnet worden.


Das babylonische Rechnen beruht durchweg auf dem Sexagesimalsystem: die Zahl 60 und ihre höheren Potenzen werden immer wieder mit dem Zeichen 1 geschrieben. Eine von HILPRECHT, Bab. Exp. XX 1 p. 11ff. behandelte Rechentafel aus Nippur operiert mit der 4. Potenz = 12960000. Wenn, wie vielleicht richtig ist, diese Zahl von Plato bei der mystischen Spielerei Rep. VIII 546 gemeint ist, so folgt daraus natürlich nicht das geringste für eine Beeinflussung der griechischen Philosophie durch Babylonien, wenn auch die Zahl selbst als mystische Zahl von hier aus nach Griechenland gekommen sein mag.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 581-599.
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