Die einzelnen Götter und Kulte

[713] 481. Die Urkunde des Vertrags zwischen Chattušil und Ramses II. gibt ein Verzeichnis der chetitischen Götter. Zu Anfang steht »der Sonnengott, Herr des Himmels« und »der Sonnengott der Stadt Arinna«; dann folgt »Sutech, der Herr des Himmels« und »Sutech von Chatti« (dem Lande oder der Hauptstadt der Chetiter), und darauf eine lange Liste von Sutechs einzelner Städte, also der lokalen Gestalten des Gewittergottes Tešub. Dann kommt »die Göttin (von den Aegyptern Astarte genannt) von Cheta«, und weiter zahlreiche männliche und weibliche Lokalgötter ohne Eigennamen, sodann die »Himmelskönigin«, die »Schwurgötter«, »die Herrin des Erdbodens die Schwurgöttin Išchara« (vgl. § 433 A.) und die »Herrin der Berge und Flüsse des Chetiterlandes«, sowie die Götter des von den Chetitern abhängigen Landes Kiṣuwadna. Die wichtigsten dieser Götter, etwa dreißig, sind in den Skulpturen von Jazyly kaja dargestellt; aber wir sehen, daß das Land voll ist von lokalen [713] Mächten-auf 1000 schätzt sie die Urkunde, ebenso wie die Götter Aegyptens –, die meist wesensgleich, aber durch ihren Sonderkult von einander geschieden sind, wie die Els und Ba'als der Semiten. Unter ihnen ragt als der eigentliche Nationalgott bei den Chetitern wie in Mitani der Gott Tešub hervor; zahlreiche Eigennamen sind von ihm abgeleitet. Er offenbart sich im Gewitter und schwingt den Blitz; so ist er dem Wesen nach identisch mit dem Gott Hadad der Amoriter und Assyrer, und wird daher in den einheimischen Keilschrifttexten oft mit demselben Ideogramm (IM) geschrieben wie dieser. Wir sahen schon, daß er in Jazyly kaja auf einem Panther steht und die Doppelaxt (bipennis) trägt, ein Beil mit zwei Schneiden. Auf späteren chetitischen Denkmälern aus Nordsyrien ist an deren Stelle das einfache Beil getreten; außerdem schwingt er dort in der Linken einen dreizackigen Blitz; da hat die gleichartige assyrische Darstellung des Hadad eingewirkt, von dem er auch den Bart und das lange Haar übernommen hat. Dagegen hat er sich in dem Ort Doliche in der chetitischen Landschaft Kommagene (Kummuch) in Nordsyrien in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten: hier trägt er Doppelaxt und Blitz und steht auf dem Rücken eines Stiers. Bekanntlich hat dieser Gott, als Zeus (Juppiter) von Doliche, in der Kaiserzeit weite Verbreitung gefunden. – Die Doppelaxt ist über ganz Kleinasien verbreitet. Sie ist das Attribut eines Hauptgottes der Karer, den die Griechen Ζεὺς Στράτιος (den kriegerischen Himmelsgott) nennen. Er hat ein großes Heiligtum zu Labraynda bei Mylasa, nach dem er gewöhnlich genannt wird; der Name dieser Kultstätte wird von einem lydischen Wort λάβρυς abgeleitet, welches die Doppelaxt der Amazonen bezeichnen soll. Dieselbe Doppelaxt findet sich als eins der gewöhnlichsten religiösen Symbole auf den altkretischen Denkmälern. Durch sie wird der Gott zugleich als der nationale Kriegsgott charakterisiert, der mit der mächtigen Waffe im Gewitterkampf seine Feinde zerschmettert. Dem Wesen nach mit ihm identisch ist weiter der namentlich im nordwestlichen Phrygien [714] eifrig verehrte Gewittergott Ζεὺς βροντῶν, in einer lydischen Inschrift einmal als »der blitzende und donnernde Gott«, in anderen als Κεραύνιος angerufen.


Eine der Urkunde des Vertrags mit Aegypten gleichartige Götterliste steht nach WINCKLER in einer noch nicht publizierten Vertragsurkunde zwischen dem Chetiterkönig und dem König des benachbarten Landes Kiṣuwadna; auch die »1000 Götter« kommen hier vor. – Tešub ist in den Amarnabriefen der Hauptgott von Mitani, und erscheint hier wie bei den Chetitern und ihren Verwandten in zahlreichen Eigennamen (von den Aegyptern korrekt tsb geschrieben); vgl. JENSEN, Hittiter und Armenier S. 203. Mit Recht hat man ihn in dem Blitzgott der chetitischen Stele aus Babylon (KOLDEWEY, Die hettit. Inschrift, Veröffentl. der D. Orientges. I 1900) und am äußeren Burgtor von Sendjirli (v. LUSCHAN, Ausgrabungen in Sendjirli III S. 218, Taf. 41; MESSERSCHMIDT, CIHett. [§ 474 A.] Taf. 1. 2) wieder erkannt. Ferner in Malatia (auf einem Stier stehend, den er am Zügel hält, mit Bogen und Donnerkeil; ein König libiert ihm, ein Diener bringt einen Ziegenbock): Cornell Exped. Hitt. inscr. (§ 474 A.) p. 41 = GARSTANG, Land of the Hittites pl. 44. – Denkmäler des Juppiter Dolichenus: SEIDL, Dolichenuskult, Ber. Wien. Ak. 1854 (ferner HUMANN und PUCHSTEIN, Reisen S. 399; HETTNER, De Jove Dolich. 1877. KAN, De Jovis Dol. cultu, Utrecht 1901). Auch der Juppiter Heliopolitanus wird ähnlich gebildet, vgl. STUDNICZKA, Archaeol. epigr. Mitt. VIII 59ff. über eine Statue aus Carnuntum. – Ζεὺς Στράτιος von Labraynda (in den Inschriften Λαβραιυνδος, Λαβραυνδος u.ä., s. KRETSCHMER, Einleitung 303): Herodot V 119. Strabo XIV 2, 28. Plut. qu. gr. 45. Abgebildet auf den Münzen der karischen Satrapen, mit Doppelaxt und Scepter; die Axt auch auf Münzen von Mylasa (neben dem Dreizack des Osogo), ferner z.B. auf der Inschrift bei GERTZ, Forhandl. Danske Vidensk. Selskab 1906, 321. Die sehr populär gewordene Hypothese, das Wort labrys liege dem griechischen Namen der Palastruinen von Knossos λαβύρινϑος zu Grunde und dies bedeute »Palast der Doppelaxt«, ist nicht erweisbar und sehr problematisch; sie sollte jedenfalls nicht zu weitgehenden Folgerungen benutzt werden, wie das gegenwärtig sehr oft geschieht. – Ζεὺς βροντῶν: RAMSAY, J. Hell. Stud. III 123f. V 255ff. u.a.A. KÖRTE, MAI. 25, 409f. Altar aus Maeonia Θε]ω στραπτοντι και βρο[ντ]ωντι: BURESCH, Aus Lydien 76.


482. Wie in der chetitischen Urkunde, so treten uns in den Inschriften und den Nachrichten der griechischen Schriftsteller unzählige Gottheiten entgegen, die meist als Zeus bezeichnet werden, wie dort als Sutech. Manche sind Gewalten von ganz beschränktem Wirkungskreis, die aber ihren Verehrern [715] zugleich als Himmels- und Blitzgötter gelten mochten, wie der Gott von Doliche. In der Regel haben sie einen Beinamen nach ihrer Kultstätte; daneben findet sich überall die Bezeichnung Ζεὺς ὕψιστος, τύραννος, βασιλεύς (so in Gordion), durch die das lokale Numen mit universellen Ansprüchen ausgestattet wird. Meist sitzen sie auf Bergen und spenden Regen und Fruchtbarkeit, so der Zeus des Ida oder des Tmolos; in dem wilden Gebirge Paphlagoniens, dem Olgassys, liegen überall Heiligtümer des Berggottes. Diese Berggötter sind dann zugleich Götter der Vegetation und des Naturlebens, die jedes Jahr neu geboren werden, erwachen oder im Festzuge aufs neue bei ihren Verehrern einziehen (vgl. § 485). Manche dieser Götter haben es zu großem Wohlstand gebracht, mit ausgedehntem Tempelgut und zahlreichen Leibeigenen, die von einem mächtigen Priesterfürsten regiert werden; so im Westen des späteren Kappadokiens, in der Landschaft Morimene, der Zeus von Venasa, in der ursprünglich wahrscheinlich kilikischen Stadt Tyana der Schwurgott Zeus Asbamaios, dessen heiliger Quell aufsprudelt, wenn an ihm ein Meineid geleistet wird. Auch in den Bergen des rauhen Kilikiens, in Olbe, liegt ein Priesterfürstentum des Zeus. Ob sich unter diesen Namen zum Teil der Gott Tarchu oder Tarku verbirgt, den wir bei den Kilikern und ihren Verwandten (§ 476) und auch in Boghazkiöi (§ 479) angetroffen haben, läßt sich nicht erkennen. Manche dieser Götter haben einen spezifischer ausgeprägten Charakter, der in ihren Attributen zu Tage tritt: so in Mylasa in Karien ein Zeus Osogô, inschriftlich Zenoposeidon genannt, also ursprünglich wohl ein Gott des Himmelsozeans, der darum auch das Meer beherrscht; daher erscheint eine Welle des Meeres in seinem Tempel. Als Attribut trägt er den Dreizack, vielleicht erst unter griechischem Einfluß-oder ist etwa der Dreizack des Poseidon als sein Attribut nur aus dem Blitz umgedeutet? Neben ihm steht ein Nationalgott, der karische Zeus (Ζεὺς Κάριος), an dessen Kult auch die Lyder und Myser teil haben (§ 476). Verwandt ist der Zeus »Goldschwert« (Χρυσάωρ, [716] Χρυσαορεύς), der Schutzgott eines großen karischen Gauverbandes, in dessen Mittelpunkt später Stratonikea gegründet wurde, sowie ein Ζεὺς Πανάμερος, gleichfalls der Herr eines solchen Verbandes, dessen Einzug auf einem Roß alljährlich festlich begangen wird; sein Name ist später als Gott der Tageshelle gedeutet worden.


Das Hauptmaterial bietet außer Strabo die freilich kaum mehr zu übersehende Fülle der kleinasiatischen Inschriften, für die neben dem CIG. der treffliche Kommentar WADDINGTONS in LEBAS, Voyage archéol., expl. des inscr. III in erster Linie zu nennen ist; ferner die Arbeiten von RAMSAY, STERRETT u.a. Das Material über den karischen Zeus hat JOH. SCHÄFER, De Jove apud Cares culto, Diss. Halens. XX 1912 sehr gut zusammengestellt; erwähnt sei noch der Zeus Larasios bei Tralles (in einem von den Griechen Larisa genannten Ort), in dessen Dienst wir παλλακίδες καὶ ἀνιπτοπόδες finden: SCHÄFER, p. 457. RAMSEV, BCH. VII 276. – Paphlagonien: Strabo XII 2, 40. Auf Berggipfeln in Paphlagonien, Phrygien, Armenien finden sich mehrfach treppenartig bearbeitete Terrassen und tief in den Felsen hineingearbeitete Höhlen und Gänge mit riesigen Stufen, die blind enden (z.B. LEONHARD, Paphl. Denkm., Jahresbericht der schles. Ges. 1902, 37. BRANDENBURG im Memnon I S. 25f. 31); vielleicht trifft die Vermutung LEONHARDS (Sitzungsber. der Archäol. Ges. Januar 1905, vgl. LEHMANN ib. April) das richtige, daß diese mit dem Bergkult zusammenhängen und vielleicht den Göttern das Hervortreten aus dem Innern ermöglichen sollten. – Ein christianisierter Bergkult am Latmos bei Milet, wo man in der Dürre in Prozession zu einem heiligen Stein zieht, um Regen zu erflehen: USENER, Rh. Mus. 50, 147f. – Venasa: Strabo XII 2, 6. Zeus Asbamaios (bei Strabo XII 2, 5 verschrieben Διὸς Δακιηου): [Arist.] mirab. ausc. 152. Philostr. vit. Apoll. I 6. Ammian 23, 6, 19. Olbe: Strabo XIV 5, 10, vgl. § 476 A. – Die karischen Götter: Strabo XIV 2, 23. 25, sowie die Inschriften, für Osogô auch Pausan. VIII 10, 4. – In Lydien ist, wie BURESCH, Klaros (1889), S. 16f. ausführt, Zeus auf dem Tmolos geboren: Joh. Lyd. demens. IV 48, der das Epos des Korinthers Eumelos dafür zitiert, ferner Anthol. pal. IX 645; in der Regel identifizieren die Griechen diesen Gott vielmehr mit Dionysos (= Sabazios § 486 A.), so Eurip. Bacch. 462ff., vgl. 13. 55. 65ff. Arrian V 1, 2. – Ich bemerke noch, daß, wenn Hesych. als Namen des phrygischen Zeus Βαγαῖος und Μαζεύς anführt, es sich um Entlehnungen aus dem Persischen (baga und Mazda) handelt, die, falls die Glossen überhaupt Wert haben, lediglich das Eindringen der persischen Religion unter den Achaemeniden bezeugen. [Μάσδης als Variante des phrygischen Königsnamens Μάνις, Μάνης bei [717] Plut. de Is. 24 ist Schreibfehler für Μάσνης, s. WILAMOWITZ, Hermes 34, 222, der nachweist, daß die Form Masnes auch bei Xanthos und Dion. Hal. I 27 überliefert ist.] – Daß Θεὸς ὕψιστος nicht der jüdische Gott ist, wie SCHÜRER, Ber. Berl. Ak. 1897, 212 annahm, sondern der einheimische Himmelsgott, wird jetzt durch die Θεὰ ὑψίστη bei J. KEIL und v. PREMERSTEIN, Reise in Lydien (§ 476 A.) II no. 189 erwiesen; vgl. I no. 39. II no. 28. 29.


483. Einen Kult des Sonnengottes haben wir bei den Chetitern kennen gelernt. Sonst findet sich Sonnenkult in Kleinasien kaum; nur den Helios von Rhodos darf man vielleicht hierher stellen. Um so bedeutender tritt dagegen der Mondgott hervor, wie bei den Chetitern (§ 478), so in zahlreichen lokalen Formen (Μὴν Τύραννος, Μὴν Τιάμου, Μὴν Κάρου, Μὴν Ἀξιοττηνός, Ἀσκαηνός u.a.) überall in Lydien, Karien, Phrygien, aber auch in Kabira in Pontos (Μὴν Φαρνάκου), mehrfach mit einem lokalen Zeus verbunden, oder auch mit dem Geliebten der Göttermutter verschmelzend. – An der West- und Südküste Kleinasiens ist überall ein Gott heimisch, der durch Orakel die Zukunft enthüllt. Die Griechen nennen ihn Apollo und haben in Didyma, Klaros, Gryneion u.a. seinen Kult übernommen; vielerorts verkündet er hier seine Sprüche durch den Mund inspirierter Jungfrauen, die seinem Dienst sich widmen, der Sibyllen. Auch der Apollo von Delos mag ursprünglich kleinasiatisch sein. Voll von Apolloorakeln sind die angrenzenden, erst spät oder gar nicht von Griechen besetzten Küsten, im Norden Troas, im Süden Lykien, wo Telmessos an der karischen Grenze durch seine Seher besonders hoch in Ansehen stand, sodann Pamphylien, Pisidien, Kilikien, wo die Orakel von den Griechen auf Propheten ihrer Sage wie Amphilochos und Mopsos zurückgeführt werden, die hierher gewandert seien; auch den kataonischen Apoll, der weithin durch ganz Kappadokien verehrt wurde, aber dem Beinamen nach der älteren Bevölkerung angehörte, werden wir wohl hierher rechnen dürfen. Ebenso erteilt der Gott von Bambyke Orakel. Wie der einheimische Name des Gottes lautete, wissen wir nicht; vielleicht sind sehr verschiedenartige [718] lokale Gottheiten von den Griechen mit demselben Namen bezeichnet worden. Ganz besonders setzen sie den Apollo durch Sage und Beiworte mit Lykien in Verbindung; aber in den einheimischen Denkmälern ist sein Name hier nicht nachweisbar, und seinem Ursprung nach muß er, wenn das auch neuerdings bezweifelt worden ist, ein griechischer Gott sein, da er allen griechischen Stämmen gemeinsam ist. Aber den Griechen war er ein Gott der Herden und Triften, in dessen Mythen sich das Leben der Hirten widerspiegelt. Zum Orakelgott dagegen ist er ihnen erst später geworden, eben infolge der Identifikation mit dem kleinasiatischen Gott und der Übernahme der Orakelstätten; und damit mögen auch sonst fremde Mythen (speziell der Geburtsmythus) und Anschauungen in seinen Kult gedrungen sein. Auch ein Gott des Feuers, in der griechischen Überlieferung Hephaistos genannt, ist in Kleinasien namentlich in den Küstengebieten weit verbreitet; er manifestiert sich speziell in einem Erdfeuer in Lykien (ebenso auf Lemnos).


Über die Mondgötter s. Strabo XII 2, 31. 8, 14. 20. WADDINGTON zu LEBAS III 668. Εἷς ϑεὸς ἐν οὐρανοῖς μέγας Μὴν Οὐράνιος, Inschr. von Saittai in Lydien bei KEIL und PREMERSTEIN, Reise in Lydien II 211. – WILAMO WITZ (Hermes 38; Greek historical writing and Apollo, Oxford 1908) hat Kult und Namen des Apollo für kleinasiatisch (lykisch) erklärt. Viele seiner Bemerkungen sind durchaus treffend, so daß Apollo bei Homer durchweg ein den Griechen feindlicher Gott ist, so eifrig sie ihn verehren; auch daß der Name seiner Mutter Lato mit lykisch ladi »Frau« zusammenhängt, mag zutreffen; aber daß der Name Apollon fremden Ursprungs sei, kann ich nicht für richtig halten. Er ist überall ein Hauptgott der Griechen, auch in den Kultformeln bei Homer; gerade bei den Doriern, bei denen wir am wenigsten Kleinasiatisches erwarten dürfen, ist er geradezu der Stammgott; und ein großer Teil der apollinischen Kulte und Mythen hat mit dem Orakelgott gar nichts zu tun. Andrerseits ist der Name Apollon in Lykien nicht nur nicht nachweisbar-das würde wenig beweisen, da wir lykische Götternamen aus den Inschriften überhaupt nicht kennen –, sondern der Name Ἀπολλωνίδης wird lykisch durch pulenida wiedergegeben (CILyc. 6), ist also aus dem Griechischen entlehnt, was gewiß nicht der Fall sein würde, wenn Apollo ein altlykisches Äquivalent gehabt hätte. – Apollon Κατάων: Strabo XII 2, 5. – Über Hephaestos s. die schöne Arbeit von MALTEN, Arch. [719] Jahrb. XXIII 232ff. Aber ob der Name aus Kleinasien stammt, ist mir sehr fraglich; und ebenso hält MALTEN den verkrüppelten Hephaestos sehr mit Unrecht, eine nordische Vorstellung hineintragend, für einen Zwerg: die Schmiede der kleinasiatischen und griechischen Sagen, z.B. die Daktylen, sind vielmehr Riesen. Der Feuergott ist natürlich früh zum göttlichen Schmied geworden; daher hinkt er wie die irdischen Schmiede so oft.


484. Gegenwärtig ist in Kleinasien wie in Syrien jeder größere Baum, namentlich wenn er isoliert auf einer Höhe steht, der Sitz einer göttlichen Macht (eines Heiligen), die vor allem Heilung von Krankheit gewährt; wer vorübergeht, hängt einen Zeugfetzen an seine Äste. Offenbar geht dieser Baumkultus auch hier auf alte Zeit zurück und hängt mit dem durch das ganze Land verbreiteten Kult der Vegetationsgötter zusammen. Einen solchen Gott lernen wir in Kilikien kennen. Am Nordabhang des kilikischen Tauros, bei Ivrîz in der Nähe des alten Kybistra (Eregli), auf altkilikischem Boden, befindet sich ein großes Felsrelief mit Beischriften in chetitischen Hieroglyphen. Vor einem Gott steht verehrend ein einheimischer König; beide sind in assyrischem Stil und assyrischer Tracht gebildet, und das Monument wird daher der Zeit des kilikischen Reichs im siebenten und sechsten Jahrhundert angehören. In der Gesichtsbildung sind die gewaltige gekrümmte Nase und die aufgeworfenen Lippen charakteristisch, die den auch bei den Semiten Syriens und Assyriens eingedrungenen Typus der Kleinasiaten zeigen (§ 330). Der Gott, mit einer spitzen Mütze, die mit hornartigen Ansätzen geschmückt ist, trägt in der Linken ein Ährenbündel, in der Rechten eine Rebe mit üppigen Trauben; er ist also der Gott, der den Ertrag der Felder und Weinpflanzungen spendet. Äußerlich hellenisiert und wie Zeus gebildet, aber durch Ähre und Traube als derselbe Gott charakterisiert kehrt er auf den Münzen wieder, welche persische Satrapen und Heerführer in Tarsos geschlagen haben, und wird hier in der aramaeischen Beischrift als »Ba'al [d.i. Stadtgott] von Tarsos« bezeichnet. Somit ist er wahrscheinlich der Gott Sandon, [720] den die griechischen Berichte als den Hauptgott von Tarsos nennen, und der uns auch sonst in Kilikien in zahlreichen Eigennamen begegnet. Die Griechen identifizieren ihn mit Herakles, weil sein Hauptfest die Errichtung und Entzündung eines gewaltigen Scheiterhaufens war. Auf den Münzen von Tarsos aus hellenistischer und römischer Zeit ist dieser Scheiterhaufen vielfach abgebildet: auf einem mit Girlanden bekränzten Unterbau erhebt sich ein aus großen Balken aufgerichtetes Gestell in Pyramidenform, von einem Adler gekrönt; in demselben steht der Gott, getragen von einem Löwen, aus dessen Kopf zwei hörnerartige Ansätze herauswachsen, offenbar eine Umbildung der chetitischen Mütze. Auch der Gott selbst trägt eine hohe Mütze; bewaffnet ist er mit Schwert, Bogen und Köcher, in der Hand trägt er die Doppelaxt und außerdem meist einen Kranz oder eine Blume, die ihn als Vegetationsgott bezeichnet; zwei Dämonen (oder auch zwei Altäre) stehen ihm zur Seite. Auch allein, ohne den Scheiterhaufen, ist er auf den Münzen vielfach abgebildet. – Das Fest des »Scheiterhaufens« kehrt als Fest des Frühlingsanfangs in Bambyke (Hierapolis) in dem chetitischen Nordsyrien wieder. Zu demselben werden große umgehauene Bäume in dem heiligen Bezirk aufgerichtet und mit lebenden Opfertieren (Ziegen, Schafen, Vögeln), sowie mit Gewändern und Weihgeschenken behängt. Dann werden sie in Brand gesteckt, während eine Prozession mit allen Heiligtümern von Bambyke und den Nachbarstädten sie umzieht. Dies große Opferfest ist ein Gegenstück zu dem deutschen Frühlingsfest des Maibaums und des Johannisfeuers, das den Feldern den Segen des wiedererscheinenden Gottes der Vegetation und Fruchtbarkeit sichert. Auch dem großen Osirisfest von Busiris, bei dem der mastartige Baumstamm aufgerichtet wird, der sein Rückgrat darstellt (§ 178), unserem Weihnachtsbaum und vielen ähnlichen Kulten anderer Völker liegen gleichartige Anschauungen zu Grunde. Der Gott selbst sitzt in den Bäumen oder dem Scheiterhaufen, in dessen Innerm ihn die tarsischen Münzen zeigen: er hält bei dem Fest seinen Einzug [721] in die Stadt. Die Sage läßt ihn daher in der Urzeit von Osten kommen und bezeichnet ihn als den Gründer von Tarsos und anderen kilikischen Städten. Nachdem er dann aus dem Kultobjekt heraus den Feldern und Wäldern seinen Segen gespendet hat, wird, wie so oft im Kultus, dies Symbol, in dem er den Menschen erschienen ist, dem im Himmel weilenden Gottesgeiste mit allen zugehörigen Weihgaben als Opfer dargebracht. Wir dürfen wohl annehmen, daß der Gott von Tarsos oder Hierapolis mit dem Ernte gott von Ivrîz identisch ist, und daher auch diesem den Namen Sandon geben. Ob dieser Name in Kleinasien noch weiter verbreitet war, wissen wir nicht; denn die Angabe, daß er auch in Lydien verehrt worden sei, ist sehr unzuverlässig. Mit dem Kultbrauch von Bambyke, der Aufhängung der lebenden Opfertiere an Bäumen, werden wir aber einen Opferritus in Verbindung setzen dürfen, der im Bereich der chetitisch-mykenischen Kultur nachweisbar ist und sich in Troja im Kult der Stadtgöttin (Athena) bis in die späteste Zeit erhalten hat: das Opfertier, in Troja ein Rind, auf kretischen Siegeln oft auch ein Hirsch oder Steinbock, wird lebend an den Hörnern an einem Baum aufgehängt und ihm dann die Kehle zerschnitten. Auch hier ist die unmittelbare Verbindung des Opfers mit dem Baum, in dem die Gottheit sich verkörpert, erhalten, während die Verbrennung des Baums geschwunden ist; daher ist der Baum auf den kretischen und mykenischen Siegeln oft durch eine heilige Säule ersetzt, die hier überhaupt zu einem der verbreitetsten Kultobjekte geworden ist. Vielleicht haben sich aus diesem Ritus auch die zahlreichen kretischen und mykenischen Siegel entwickelt, auf denen Tiere symmetrisch zu beiden Seiten eines Baums oder einer Säule aufgerichtet und öfter an sie angebunden sind. In den chetitischen Denkmälern Kleinasiens kommt allerdings die Säule nicht vor; wohl aber muß sie sich in Nordsyrien früh entwickelt haben (vgl. § 501 A.).


Relief von Ivrîz: RAMSAY, Archaeol. Z. 1885 Taf. 13. WRIGHT, Empire of the Hittites Taf. 14. HOGARTH und HEADLAM, Rec. XIV. MESSERSCHMIDT, CIHett. Taf. 34 (S. 80 die weitere Literatur), ergänzt [722] durch den zweiten Nachtrag (Mitt. Vorderas. Ges. 1906) S. 4ff.; ein Duplikat in der Nähe S. 19f. Die Gegend ist kilikisch und erst unter Archelaos zu Kappadokien gekommen: Strabo XII 1, 4. Die Satrapenmünzen von Tarsos z.B. bei HEAD, Hist. num. p. 614ff. HILL, Greek coins of Lycaonia, Isauria and Cilicia (Brit. Mus. Catal.) p. 165ff.; die Münzen mit Sandon und des πυρά ib. p. 178ff. – Über Sandon s.m. Aufsatz ZDMG. 31, 736ff., wo ich ihn als kilikischen Gott erwiesen habe, im Gegensatz zu den wirren Kombinationen der Älteren; aber mit Unrecht habe ich ihn und Herakles dort noch für einen Sonnengott gehalten: natürlich hängt das Erscheinen des Vegetationsgottes von der Sonnenbahn ab, aber die mechanische Kausalität der Natur ist eben nicht die des mythischen Denkens. Sandon oder Sandan (auch Σάνδης, Σάνδοκος) kommt von Osten [aus Aegae, Phoenikien, Syrien] und gründet Tarsos: Ammian XIV 8, 3, oder Kelenderis: Apollodor III 14, 3, 1 [wo der Name seiner Gemahlin Θαινάκη nach Hesych. s.v. Κινύρας in Φαρνάκη geändert wird; er wird hier zum Vater des Kypriers Kinyras gemacht]. Euseb. a. Abr. 508 = Sync. p. 290, wonach Ἡρακλῆς Δισανδάν in Phoenikien auftritt und von den Kappadokern und Iliern [entweder in Kiliker zu ändern, oder es ist der idaeische Daktyle Herakles gemeint] verehrt wird. Σάνδης Ἡρακλέης Gott der Kiliker: Nonnus Dionys. 34, 188. Herakles als ἀρχηγός von Tarsos und seine πυρά: Dio Chrys. 38 p. 408 M.; die tarsischen Münzen s. bei HILL l.c. [Sein Priester Athen, V 215 b. Eben um Herakles willen werden die Tarsier sich argivischen Ursprung beigelegt haben.] Sandes in einer Götterliste von Adana: Steph. Byz. s.v. Ἄδανα. Als Eigenname findet sich Sandon in Kilikien häufig. – Bei Agathias II 24 wird Sandes fälschlich für einen assyrischen Gott erklärt, nach Sueton und Apuleius bei Joh. Lydus de mag. III 64 soll der lydische Herakles nach dem durchsichtigen Sandyxgewande Sandon geheißen haben. Das ist ein wenig zuverlässiges Zeugnis, das nur dadurch einige Stütze erhält, daß bei Herod. I 71 ein Lyder Σάνδανις heißt [die weiteren modernen Kombinationen mit dem Namen Sardes u.ä. sind verfehlt]. – Den Gott von Ivrîz hat zuerst SAYCE mit Sandon identifiziert und danach die neben ihm stehenden Hieroglyphen zu lesen versucht. Bedenken erregt freilich, daß hier das Tier fehlt, auf dem Sandon steht, und ebenso seine Waffen, und daß dem mit dem Gott von Ivrîz identischen Ba'al von Tarsos auf den späteren Münzen ein Zeus entspricht, dem freilich die charakteristischen Attribute, Ähre und Traube, fehlen. Andrerseits ist der Hauptgott von Jazyly kaja offenbar dem Sandon verwandt, ist aber durch andere Hieroglyphen bezeichnet als der Gott von Ivrîz. – Fest der πυρά oder λαμπάς in Hierapolis: Lucian, dea Syra 49, vgl. MANNHARDT, Wald- und Feldkulte II2 259ff. – Opfer von Ilion: v. FRITZE und BRÜCKNER in DÖRPFELD, Troja und Ilion S. 514ff. und 564ff.; die kretischen und mykenischen Gemmen bei EVANS, Myc. [723] tree and pillar cult, J. Hell. Stud. 21, 154ff., wo allerdings die Beziehung zu einem Opferritus keineswegs sicher ist.


485. Gleichartige Kulte und Feste treten uns überall im Bereich der kleinasiatischen Religion entgegen. Dem Attis, dem Geliebten der Göttermutter, wird bei Frühlingsanfang, am Aequinoktialtage, in feierlicher Prozession eine umgehauene Fichte errichtet, bekränzt mit Veilchen, behängt mit dem Bilde des Gottes und den Musikinstrumenten seines Kults, und umwickelt mit Binden wie eine Leiche; im nächsten Jahre wird der Baum verbrannt. Der Gott der erwachenden Natur sitzt auch hier im Baum und ist vergänglich wie dieser. Nach dem Glauben Paphlagoniens und Phrygiens ist der Himmelsgott, der das Leben schafft, im Winter gefesselt oder in Schlaf versunken, im Frühjahr erwacht er oder entledigt sich seiner Bande (§ 480 A.). Den vollendetsten Ausdruck haben diese Anschauungen im Kultus und Mythus von Kreta gefunden, der dann in die griechische Religion als Mythus von der Geburt des Zeus übergegangen ist. Hier gebiert die große Erdgöttin (Rhea, die Göttermutter) in der Höhle des Ziegenbergs (§ 521) einen Knaben, den Himmelsgott, den die Griechen Zeus nennen; die Bienen bringen ihm Honig, die Ziege Amalthea-oder nach vielleicht älterer Version eine Sau-bietet ihm ihr Euter, die Nymphen des Gebirgs warten und pflegen ihn. Aber er ist noch klein und kraftlos und den Nachstellungen der feindlichen Mächte ausgesetzt: der eigene Vater (Kronos) droht ihn zu verschlingen. So sammelt sich zu seinem Schutz die waffenfähige Jugend, die Kureten, zu lärmendem Waffentanz, um durch das Getöse des Festes das Geschrei des Kindes zu übertönen, das ihn seinen Feinden verraten könnte. Das ist die mythische Motivierung des rauschenden Frühjahrsfestes, mit dem die Wiederkehr des Gottes zu seinen Verehrern alljährlich gefeiert wird; wenn sich dann, nach dem ständigen Prozeß der religiösen Entwicklung (§ 57), das Naturfest in eine Erinnerungsfeier an ein Ereignis der Urzeit und die alljährlich wiederkehrende Geburt des Gottes in einen einmaligen Akt umsetzt, treten im «heiligen [724] Mythus» dämonische Wesen, die Kureten der Urzeit, als Gefolge der Göttermutter an Stelle ihrer irdischen Diener. Herangewachsen gewinnt der Himmelsgott die Weltherrschaft, er stürzt und fesselt seinen Vater (Kronos). Aber von Dauer ist seine Herrschaft nicht, da er eben in jedem Frühjahr wieder neu geboren wird: die Ergänzung dieser Geburt bildet sein Tod, und auch von diesem hat man auf Kreta erzählt. Der griechische Zeusmythus hat freilich diesen Zug nicht übernommen, da eben der griechische, in die indogermanische Urzeit zurückreichende Himmelsgott seinem Wesen nach von dem mit ihm identifizierten Gotte durchaus verschieden war; aber die griechischen Altertumsforscher berichten, daß bei Knossos sein Grab gezeigt wurde: gewiß hat daran ursprünglich, wie bei Attis, Adonis usw., ein Trauerfest angeknüpft, als Gegensatz zu dem orgiastischen Freudenfest der Geburt. – Daneben hat man offenbar auf Kreta auch einen heiligen Stein als den Sitz des Gottes betrachtet; daraus ist der Mythus entstanden, daß die Erdgöttin dem Kronos, als er seine Kinder verschlingen will, statt des Zeus einen Stein dargereicht habe, den er später wieder von sich gab; die Griechen haben denselben nach Delphi versetzt, wo er schon zu Hesiods Zeit gezeigt wurde.


Über die Fichte des Attis [getragen von den Dendrophoren, im römischen Kult des Attis Prozession am 22. März; vorhergeht am ersten Tage des Festes der Göttermutter, dem 15. März, die Schilfrohrprozession der Cannephoren] und den Attiskult überhaupt s.H. HEPDING, Attis, s. Mythen und s. Kult (Religionsgesch. Versuche, herausg. von DIETERICH und WÜNSCH I 1903). – Die ursprüngliche Gestalt des kretischen Zeusmythus läßt sich aus den griechischen Berichten von Hesiod ab mit ziemlicher Sicherheit rekonstruieren, wenn auch einzelnes immer fraglich bleiben wird. Grab des Zeus: Kallimachos hymn. 1, 8. Cic. nat. d. 3, 53. Diod. III 61, 2. VI 5, 3 und die Kirchenväter. Der Stein: Hesiod. theog. 497ff. Pausan. X 24, 6. Noch im Kulthymnus der Kureten auf Zeus, der in Palaekastro (östl. Kreta) aufgezeichnet ist, hält er, der μέγιστος κοῦρος, alljährlich seinen Einzug zur Dikte (Δίκταν ἐς ἐνιαυτὸν ἕρπε), wo der Chor der Kureten, die ihn aufgezogen haben, ihn mit dem Festgesang empfängt: BOSANQUET und MURRAY, Annual Brit. School of Athens XV. Hier an der Dikte und in Praesos darf auch kein Schweinefleisch gegessen werden; [725] aber anders als gewöhnlich ist das Schwein hier heilig, eine Sau hat das Zeuskind gesäugt und durch ihr Grunzen sein Geschrei übertönt (Agathokles Babyl. und Neanthes bei Athen. IX 375f.).


486. In der überlieferten Gestalt der kretischen Sage tritt die Erdgöttin, so vielfach sie uns sonst auch in den kretischen Kulten unter verschiedenen Namen begegnet, ganz gegen ihren Sohn zurück; in den gleichartigen Kulten Kleinasiens dagegen steht sie durchweg in erster Linie. Sie ist die große zeugende »Mutter«, als deren Namen Mâ und Ammas und in Lydien Ipta überliefert sind. Als Kultobjekt erscheint auch hier, z.B. in Pessinus, ein heiliger Stein, der vom Himmel gefallen sein soll (in Wirklichkeit ist es gewiß kein Meteor gewesen, sondern das ist lediglich Mythus); aber sie lebt in der Natur und haust daher vor allem im Gebirge, als die »Bergmutter«. Nach den einzelnen Gebirgen wird sie gewöhnlich benannt, als die Mutter vom Dindymos, Ida, Olymp, Sipylos; auch die Namen Kybele und Agdistis (in Pessinus, von einem Berge Agdos) werden von Bergen abgeleitet; doch bezeichnet Kybele sie vielleicht ganz allgemein als Göttin der Berge und Höhlen. Sie ist die ernährende Gottheit der Vegetation und alles Naturlebens; mit zahlreichen Brüsten wird sie im Kult von Ephesos gebildet, wo die Griechen sie mit ihrer Artemis identifiziert haben; und hier wird ihr Geburtsfest ganz in der gleichen Weise von Kureten mit Waffentänzen gefeiert und derselbe Mythus von ihr erzählt, wie in Kreta von der Geburt des Zeus. Auch die Dämonen des Gebirges dienen ihr; gewaltige Riesen, als »Finger« (Daktylen) bezeichnet, bearbeiten in ihrem Dienste im troischen Ida die Metalle der Berge. Im Frühling, wenn das Leben der Bäume und Pflanzen erwacht, regt sie sich mächtig, dann zieht sie durch die Wälder einher, getragen von Löwen oder Panthern, gefolgt von allen Tieren des Gebirgs. Da dürfen auch die Menschen nicht fehlen; in rauschendem Zuge, mit Cymbeln, Pauken und Flöten, scharen sich ihre Diener um sie, in Kleinasien meist als Korybanten bezeichnet, und feiern in wilden Orgien das Erscheinen der Göttin. Es ist zugleich ein Fest des Liebeslebens: die große [726] Erdgöttin vermählt sich dem Himmelsgott, oder sie gibt sich in schwärmerischer Zuneigung einem schönen Jüngling hin, dem Attis-und auch dieser ist ein Himmelsgott, als solcher Papâs »der Vater« und von den Griechen nicht selten auch Zeus genannt. In den Skulpturen von Jazyly kaja lernen wir die älteste Gestalt des Festes kennen; wir sehen, wie die Erdgöttin dem Himmelsgott entgegenzieht, jeder geleitet von allen Gottheiten seines Machtbereichs, und den göttlichen Gewalten die irdischen Diener sich im Festzuge anschließen. Offenbar ist die bildgeschmückte Nische in den Felsen des Gebirges der Platz, wo das Götterfest gefeiert wurde. Wenn wir als Hauptgöttin der Chetiter die Išchara, »Herrin des Erdbodens«, kennen gelernt haben (§ 481), so mag das der Name gewesen sein, unter dem sie die große Erdmutter verehrt haben. In der Prozession der Schilfträ ger, in der Aufrichtung der Fichte des Attis, in dem verwandten Kult des Sandon u.ä. kommt der Himmelsgott auf die Erde herab und erscheint den Menschen in seiner Herrlichkeit. – Aber die Verbindung ist nicht von Dauer; ein neidisches Geschick zerreißt sie, Attis erliegt den feindlichen Mächten, er wird von einem Eber auf der Jagd getötet, er entschwindet in den Flammen seines Baums zum Himmel, die Zeugungskraft der Natur hört auf. Auch hier sind die Menschen verpflichtet, an dem Schicksal der Götter Anteil zu nehmen: an das Freudenfest schließt sich das große Trauerfest, das mit nicht minder wilden Orgien gefeiert wird.


Das Material s. bei HEPDING und sonst, ferner FRAZER, The Golden Bough IV (Adonis, Attis, Osiris) 1907. – Geburt der Artemis von Ephesos und Kureten: Strabo XIV 1, 20; das Kollegium der Kureten auch DITTENBERGER, Sylloge 186. – Steph. Byz. Μάσταυρα πόλις Λυδίας, ἀπὸ Μᾶς ... ἐκαλεῖτο δὲ καὶ ἡ Ῥέα, Μᾶ. Danach ist bei Strabo XII 2, 3 Μᾶ als Name der Göttin von Komana mit Wahrscheinlichkeit für Μάων oder Κόμανα der Handschriften eingesetzt. Ἀμμάς ist nach Hesychios ἡ τροφὸς Ἀρτέμιδος, καὶ ἡ μήτηρ, καὶ ἡ Ῥέα, καὶ ἡ Δημήτηρ. Inschriftlich findet sich der Name der Μα ἀνείκητος auf einem Altar aus Hyrkanis in Lydien: KEIL und v. PREMERSTEIN, Reise in Lydien (§ 476 A.), I no. 122 und auf einem Altar in Pergamon MAI. 29, 160, ferner in Byzanz CIG. 2039 [727] und in Edessa in Makedonien (PAPAGEORGIOS in der Ἀϑηνᾶ 1900, 65ff.). Μητρὶ Ἴπτα καὶ Διεὶ Σα[βαζίῳ KEIL und PREMERSTEIN II no. 188 u. 169; von der Orphik als Amme des Sabazios-Dionysos übernommen (Hymn. Orph. 48. 49; Orph. fr. 207 ed. ABEL). – Für Kybele gibt Hesych. Κόβελα˙ ὄρη Φρυγίας, καὶ ἄντρα καὶ ϑάλαμοι; das ist wohl richtiger als die sonst übliche Ableitung von einem unbekannten Berge [z.B. Steph. Byz. Κυβέλεια]. Κυβήβη scheint dialektische Variante von Κυβέλη zu sein. Der Name Berekynthia, den die Göttermutter oft erhält, wird von den Alten von einem Berg, einer Stadt, einem Volk der Berekynthen abgeleitet, die alle rein mythisch sind; wahrscheinlich ist Βερέκυντες nichts anderes als eine Variante von Φρύγες, mit Suffix –nt(nth); vgl. Hesych. Βρέκυν˙ τὸν Βρέκυντα, τὸν Φρύγα˙ Βρίγες γὰρ οἱ Φρύγες. Auch Βέβρυκες (§ 491 A.) wird nur eine am Hellespont und Bosporos gebräuchliche Variante des Phrygernamens sein, der auch in den thrakischen Brygern die Aspirata verloren hat, vgl. § 472 A. – Der alte kleinasiatische Kult hat eine starke phrygische Beimischung erhalten, vor allem durch das Eindringen des thrakisch-phrygischen Gottes Sabazios, der dann oft mit Attis gleichgesetzt wird, und zwar ein wesensverwandter, aber doch seinem Ursprung nach von ihm durchaus zu scheidender Gott ist. Später kommen dann noch die dionysischen Orgien und der allgemeine Synkretismus hinzu. Hier die Scheidung durchzuführen, soweit das überhaupt möglich ist, ist Aufgabe der weiteren Forschung. – Auch die später häufige Gleichsetzung des Attis mit dem Mondgott ist offenbar sekundär. – Der Hauptgott von Jazyly kaja ist gewiß nicht völlig mit Attis (Papâs) identisch, und sein Name mag anders gelautet haben; aber im letzten Grunde ist der altchetitische Kultus derselbe wie der spätere Attiskult, wenn auch dieser die uns bekannte Gestalt erst allmählich im Lauf einer tausendjährigen Entwicklung erhalten haben wird. – Neben Išchara findet sich in Mitani und bei den Chetitern eine Göttin Chipa (§ 465 A.). – Die Tötung des Attis durch den Eber: Pausan. VII 17, 9. Darstellung des Mythus in den Skulpturen einer Felswand zu Hammâmly bei Maeonia, aus römischer Zeit: LEBAS, Itinéraire pl. 55 (inkorrekt HAMILTON, Travels II 140). In historischer Umbildung liegt der Mythus in der Sage von Adrastos und Atys dem Sohne des Kroesos bei Herod. I 34 vor.


487. Dieses Trauerfest ist für die kleinasiatische Religion besonders charakteristisch geworden; in ihm findet die unmittelbare religiöse Durchdringung der Menschen mit dem Leben der Natur und den in ihr waltenden göttlichen Mächten den drastischsten Ausdruck. Im späteren Kappadokien liegen zwei Heiligtümer der großen Naturgöttin, die hier wahrscheinlich unter dem Namen Mâ verehrt wurde (§ 486 A.), beide [728] Komana genannt-darin hat sich wahrscheinlich der Name eines Volksstamms Qumanî erhalten, der nach assyrischen Nachrichten im zwölften Jahrhundert in diesen Gebieten saß –, das eine in dem tiefeingeschnittenen Tal des Saros in Kataonien, das andere am Iris. Die Göttin feiert jährlich zwei große »Auszüge«; daß sie mit der Göttermutter der westlichen Landschaften identisch ist, wird äußerlich auch dadurch erwiesen, daß ihren Dienern wie denen der Göttin von Pessinus der Genuß des Schweinefleisches untersagt ist (vgl. § 485 A.) – eben darum ist der Eber das Tier, das den Attis getötet hat. Im Kult der Göttin von Komana schlagen sich ihre Diener blutig mit Geißeln, ja sie zerfleischen die nackten Glieder selbst mit der Doppelaxt, die sie schwingen, und besprengen das Götterbild und den Altar mit ihrem Blut-eine Kultform, die weit im Orient verbreitet ist und sich bei den Persern, umgewandelt in eine Trauerfeier um Hasan und Husein, bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Auch bei den Karern muß es einen derartigen Kultus gegeben haben, da die in Aegypten angesiedelten Karer sich bei der Trauerfeier um Osiris mit Schwertern das Gesicht zerfleischen, während die Aegypter selbst sich mit den auch sonst bei der Trauer gebräuchlichen Schlägen begnügen (Herod. II 61). Sonst herrscht in den westlichen Landschaften Kleinasiens eine noch furchtbarere Art der Selbstverstümmelung, die Selbstentmannung, wie sie im Mythus, der eben aus diesem Kultbrauch erwachsen ist und seine Ätiologie geben will, Attis selbst in wilder Raserei im Dienst der großen Mutter geübt hat. Die Kastration ist das große Opfer, durch das die Verbindung mit der Gottheit vollzogen wird; durch sie gleicht der Mann sich dem Wesen der Göttin an, soweit es irgend möglich ist, er kleidet sich daher fortan in Weibertracht und gibt sich der Prostitution preis. Dafür erfaßt der Geist der Göttin den Verschnittenen in noch höherem Grade als den Korybanten beim Freudenfest; im wilden Taumel der Orgien durchzieht er, sich selbst zerfleischend, Berge und Wälder, Orakel verkündend und von den Gläubigen als geheiligter Gottesdiener, als «Bettler der [729] Mutter» (Metragyrtes) Almosen heischend. Wenn die lydische Sage von Herakles-wie die einheimische Gestalt hieß, die ihr zu Grunde liegt, wissen wir nicht-erzählt, der gewaltige Held sei im Dienst der Könige Omphale zum Weibe geworden, habe Frauentracht angenommen und Frauenarbeit verrichtet, so liegt dem offenbar der kleinasiatische Kultbrauch zu Grunde, dem auch der Heros zum Opfer gefallen ist. Derselbe Gottesdienst kehrt in Nordsyrien, auf echt chetitischem Boden, in Bambyke (Hierapolis) wieder, und hat sich von hier aus weiter in Syrien verbreitet. Die Göttin, die hier sitzt, nennen dann die später eingedrungenen Aramaeer «die 'Attar-d.i. die 'Athtar = Astarte-des 'Ate» Atar-gatis (ותערתע), d.h. sie benennen sie als die Göttin, die durch den Attisdienst charakterisiert ist. Dadurch wird zugleich bewiesen, daß Name und Kult des Attis schon bei den Chetitern vorhanden waren. – Die Kehrseite dieser Vernichtung des Geschlechtslebens bei den Männern ist die sakrale Prostitution der Frauen; und auch diese ist in ganz Kleinasien (und ebenso in Syrien) verbreitet, teils beschränkt auf Tempelsklavinnen (Hierodulen), so in Komana, teils als ein Opfer der Jungfrauenschaft, das von jedem Mädchen im Dienst der Gottheit verlangt wird, so in Armenien, in Lydien und auf Cypern.


Kult von Komana (um der blutigen Waffentänze willen nennen die Griechen die Göttin Enyo, die Römer Bellona): Strabo XII 2, 3. 3, 32. 36. Plut. Sulla 9. Tibull I 6, 45ff. vita Commodi 9, 4. Tertullian apol. 9. de pallio 4. Lactant. instit. I 21, 16 u.a. Seit Sulla ist er in Rom eingedrungen. Verbot des Schweinefleisches in Komana: Strabo XII, 8, 9; in Pessinus: Pausan. VII 17, 10. – Die Identität des Kults von Bambyke mit dem kleinasiatischen und des syrischen Gottes 'Ate mit Attis ist mir auch früher nicht zweifelhaft gewesen; aber damals glaubte ich, zumal da man die Chetiter für syrische Semiten halten mußte, darin ein Eindringen semitischer Kulte nach Kleinasien zu erkennen, und das ist wohl auch jetzt noch die herrschende Ansicht. In Wirklichkeit liegt die Sache umgekehrt; die Kulte von Nordsyrien, speziell die von Bambyke (die Lucian in der geistvollen Schrift De Dea Syra schildert) sind chetitisch-kleinasiatisch. Atargatis (vgl. ZDMG. 27, 732f.) wird auf Münzen der Perserzeit, mit der Beischrift ותערתע (in Palmyra התערתע), ganz als chetitische Göttin dargestellt, mit langen[730] Zöpfen und hoher Haube (Mauerkrone) [vgl. Luc. Dea Syra 31f.; die Göttin, mit Mauerkrone, sitzt auf einem Löwen, neben ihr der Himmelsgott = Hadad auf einem Stier]. Der erste Bestandteil, 'Atar = aram. 'Attar = ursemitisch 'Athtar wird von Xanthos bei Hesych. s.v. Ἀτταγάϑη und Strabo XVI 4, 24 in der Transkription Ἀϑάρα als Variante von Atargatis gegeben, und findet sich auf einer aramaeischen Gemme in dem Eigennamen 'Atar-'azzu »'Atar ist mächtig«. Der Gottesname Attes ist in Syrien weit verbreitet, geschrieben אתע התע (griech. Αϑη-), יתע und auch lediglich תע s. die Belege bei LIDZBARSKI, Handbuch der nordsem. Epigraphik S. 347f. Die Varianten der Schreibung bestätigen den fremden Ursprung. [Vielleicht gehört auch ἄϑας = ὁ ϑεός, Philo bei Steph. Byz. Λαοδίκεια, hierher.] Melito bei CURETON, Spicil. Syr. 44 hat aus ihm eine »Adiabenerin 'Atê« gemacht; die daneben erwähnte Simi Tochter des Hadad findet sich, wie NÖLDEKE, ZDMG. 42, 473 erkannt hat, bei Lucian 33 als Σημήιον, bei Berytos als ϑεὰ Σιμα (Ephem. für semit. Epigr. II 325; in CIL. III 159, mit NÖLDEKES Bemerkung suppl. 6669, als Sim[e] neben Ba'al marqôd), in Emesa als Κυρία Σημεα BCH. 21, 70, in Nordsyrien als ein männlicher Gott Ephem. l.c. 323 Σειμίῳ καὶ Συμβετύλῳ καὶ Λέοντι ϑεοῖς πατρῴοις, also der Gott, sein mit ihm zusammen verehrter, wahrscheinlich weiblich gedachter Steinfetisch [Maşşeba] und ein Löwe; auch in Eigennamen kommt diese Gottheit nicht selten vor, vgl. mein Buch: Der Papyrusfund von Elephantine S. 58, wo Βαρσαμεος in Hierapolis Ann. Brit. School at Athens XIV 195 nachzutragen ist. – Atargatis hat sich weit durch Syrien verbreitet, so nach Palmyra und vor allem nach Gaza, der großen Kaufmannsstadt der Perserzeit (Bd. III, 85), wo die Griechen sie Derketo nennen [das ist die auch bei den Syrern oft vorkommende verkürzte Form התערת]. Auf Delos wird sie in Inschriften der hellenistischen Zeit mit Hadad zusammen verehrt, der die Stelle des chetitischen Tešub oder Sandon vertritt und offenbar mit dem von Lucian Zeus genannten Gott identisch ist (Bull. corr. hell. VI 495ff., zahlreiche Weihinschriften Ἀδάδωι [var. Αδατωι] καὶ Ἀταργάτει; andere Varianten des Namens ib. III 407); in die römische Welt ist sie als Dea Syra gekommen. In Ἀταρκνατε[ις entstellt erscheint sie in einer lydischen Inschrift: BURESCH, Aus Lydien S. 118, wie in einer parallelen Grabinschrift die persische Ἀναεῖτις ἡ ἀπὸ τοῦ ἱεροῦ ὕδατος. – Eine auffallende Verbindung zwischen Atargatis und lydischen Sagen liegt in dem (von Mnaseas rationalistisch überarbeiteten) fr. 11 des Xanthos (Athen. VIII 346 d) vor: Atargatis wird hier von dem Lyder Mopsos gefangen und in Askalon mit ihrem Sohn Ichthys ertränkt und von den Fischen verzehrt. Das ist natürlich eine Deutung des Fischkults, der ja in Syrien überall mit der großen Göttin verbunden ist [auch in Hierapolis, Luc. 45, während sie selbst hier nicht, wohl aber Derketo in Askalon fischleibig ist: Diod. II 4. [731] Luc. dea Syra 14. Plin. V 69 u.a.]. – Die Kastraten der Göttin von Hierapolis: Lucian 26f. 50f. (mit dem ἱερὸς λόγος von Kombabos, der-für solche Erzählungen charakteristisch-mit der Geschichte der Königin Stratonike, Gemahlin des Seleukos I. und Antiochos I., kombiniert wird); anschauliche Schilderung ihres Treibens bei Lucian, Λούκιος ἢ ὄνος 35ff. = Apuleius met. VIII 24ff. – Religiöse Prostitution wird in diesem Kult nicht erwähnt, dagegen bei den Lydern und auf Cypern (ebenso wie in Babylon) bei Herod. I 93. 199, in Armenien bei Strabo XI 14, 16; ebenso in Phoenikien und Palaestina (§ 345); Hierodulen von Komana: Strabo XII 3, 36. Vielleicht hängt diese sakrale Prostitution mit dem »Mutterrecht« zusammen, das sich in Lykien nach Herodot I 173 erhalten hat [eine Andeutung desselben glaubt H. THIERSCH, Arch. Jahrb. XXII 1907, 235ff. im Heroon von Gjölbaschi zu erkennen] und von dem sich Rudimente auch in Karien und auf Kos finden, vgl. § 10 A.


488. Verwandte Feste, bei denen das Verschwinden eines blühenden Naturgottes im Sommer mit Trauerriten gefeiert wird, finden sich auch sonst in Kleinasien. Hierher gehört das Fest der Myser von Kios an der Propontis, bei dem der verschwundene Hylas gesucht wird, und das gleichartige Trauerfest der Mariandyner um Bôrmos. Auch die Linosklage in Phoenikien und Cypern hat denselben Inhalt, und die troische Sage vom Raub des schönen Ganymedes wird den gleichen Ursprung haben. Gerade auf diesem Gebiet erkennt man besonders deutlich, daß der Mythus, der den Brauch erklären soll, ganz sekundär und irrelevant ist; nur auf die aus dem Zusammenleben mit der Natur erwachsene Festsitte kommt es an, selbst die Gottheiten, denen das Fest gefeiert wird, haben sich erst in und aus den Festbräuchen entwickelt und sind daher auch in den Sagen von der Göttermutter mannigfach und schwankend genug. – Das Gegenstück zu der Entmannung der Männer, die dann Weibertracht annehmen, ist der Versuch, die Frauen in Männer zu wandeln; und auch dieser tritt uns in Kleinasien vielfach entgegen. Überall sind hier die Amazonensagen heimisch, Erzählungen von kriegerischen Frauen, die dem Geschlechtsleben entsagen und, mit dem Doppelbeil des Gottes bewaffnet, das Land weithin durchziehen und die Männer bekämpfen (ἀντιάνειραι). An der Westküste gelten sie [732] als Gründerinnen der Städte; die homerische Dichtung weiß, wie sie am Sangarios die Phryger bekriegten (Il. Γ 189), wie sie gegen die griechischen Heroen zogen und dem Achill erlagen, wie sie Bellerophon in Lykien erschlug (Z 190). Vor allem sind sie an der Küste des Schwarzen Meeres, am Fluß Thermodon im Lande Themiskyra, lokalisiert; hier haben Theseus und Herakles sie bekämpft, von hier aus sind sie in der Urzeit gegen Athen gezogen. Es ist möglich, daß bei den kleinasiatischen Stämmen die Bildung kriegerischer Frauentruppen vorgekommen ist, wie bei libyschen Stämmen, den Sauromaten u.a. (§ 20); aber die eigentliche Wurzel der Sage liegt offenbar im Kultus-daher sind die Amazonen mit der ephesischen Artemis, d.i. der Göttermutter, eng verknüpft-und muß in alter Zeit in der Weihung von Jungfrauen für den Waffendienst des Himmelsgottes Ausdruck gefunden haben. In geschichtlicher Zeit ist diese Sitte allerdings nirgends mehr nachweisbar; aber als die Griechen zuerst nach Kleinasien kamen, ist die Kunde davon zu ihnen gedrungen.


Hylas: Strabo XII 4, 3. Apoll. Rhod. I 1354ff. Bôrmos (von Kallistratos bei schol. Aeschyl. Pers. 937 und bei Apoll. Rhod. II 780ff. durch Priolas ersetzt): Nymphis v. Heraklea fr. 9 bei Athen. XIV 619f. schol. Ap. Rhod. l.c., vgl. Aesch. Pers. 937. Linos: Herod. II 79 u.a. – Die Amazonen erscheinen bei den Griechen durchweg beritten (daher auch Namen wie Hippolyte u.ä.); das kann erst mit der Verbreitung des Pferdes, und zwar als Reittier, nicht mehr am Kriegswagen, aufgekommen sein, ist also relativ jung. [W. LEONHARD, Hettiter und Amazonen 1911, hat die Amazonensagen als Erinnerung an das Chetiterreich deuten wollen. Daß manche Amazonentraditionen mit diesem zusammenhängen, ist richtig; verfehlt ist aber die Historisierung der gesamten Überlieferung, wobei z.B. ganz sekundäre Amazonenmünzen verwertet sind. Was der attischen Amazonensage zu Grunde liegen mag, ist völlig dunkel.]


489. Von anderen kleinasiatischen Sagen verdient noch das mehrfache Vorkommen einer Flutsage Erwähnung. Lokalisiert finden wir sie vor allem am Nordabhang des Tauros in Ikonion, wo sie an einen Phrygerkönig Nannakos angeknüpft wird, der sie voraussah und beweinte, und bei Kelaenae, wo die von Antiochos I. gegründete Stadt Apamea nach dem [733] großen Kasten, in dem die Überlebenden sich retteten, den Beinamen Kibotos erhielt. In später Kaiserzeit wird daher die jüdische Flutsage mit dem Namen Noahs (Νωε steht auf den Münzen des dritten Jahrhunderts, auf denen der Kasten mit den geretteten Menschen abgebildet ist) hierher versetzt; aber die Lokalsage ist zweifellos viel älter. Ob sie babylonischen Ursprungs oder wirklich einheimisch ist, läßt sich nicht entscheiden; in letzterem Falle wird sie wohl an den Kult eines mit dem Meer in Verbindung stehenden Himmelsgottes nach Art des karischen Osogô (§ 482) angeknüpft sein. Im Tempel von Bambyke befindet sich eine Schlucht, welche das Wasser der Flut, von der auch hier erzählt wird, verschlungen haben soll; daher wird sie zweimal im Jahr mit Seewasser gefüllt, das die Verehrer aus Syrien und Arabien in Scharen herbeitragen. – Schließlich sei noch erwähnt, daß bei den Kolchern die Beschneidung herrscht, die nach Herodot (II 104) »neuerdings nach ihrer eigenen Aussage die Syrer am Thermodon und Parthenios und die Makronen von ihnen übernommen haben«. Schwerlich haben wir es hier mit einer Sitte zu tun, die für das alte Kleinasien von Bedeutung ist.


Nannakos: Steph. Byz. Ἰκόνιον; daher das Sprichwort τὰ Ναννάκου κλάειν Herodas 3, 10. Zenob. VI 10. Bambyke: Lucian dea Syra 12f. Vgl. USENER, Sintflutsagen S. 47ff.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 713-734.
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