Älteste Bevölkerung der Inseln und Griechenlands. Ausbreitung der Kleinasiaten. Die Pelasger

[762] 505. Wir haben schon gesehen, daß die kleinasiatische Bevölkerung sich in alter Zeit weit auf die Inseln hinaus erstreckt hat. Namentlich auf Kreta liegt die enge Berührung mit Kleinasien, vor allem auf religiösem Gebiet, offenkundig zu Tage und ist nie verkannt worden: der kretische Zeus (§ 485) entspricht dem Himmelsgott Kleinasiens, seine Mutter der großen Naturgöttin, sein Geburtsfest und sein Tod den dortigen Kulten und Sagen. In den Denkmälern der Blütezeit Altkretas tritt uns das Symbol der Doppelaxt (§ 481) überall entgegen und wird kultisch verehrt; unter den Gottheiten tritt eine Göttin besonders hervor, die zwischen zwei [762] Löwen thront oder auch auf einem Berge steht, an dem zwei Löwen sich aufrichten, also das Gegenbild der Göttermutter Kleinasiens. Ferner findet sich eine Schlangengöttin, eine Göttin des Liebeslebens, deren heiliges Tier die Taube ist, eine Göttin der Vegetation u.a.; der Kult heiliger Bäume ist weit verbreitet, ebenso der heiliger Steine, Pfeiler und Säulen. In späterer Zeit bestand die Bevölkerung der Insel aus sehr verschiedenartigen Elementen; nach einer alten Stelle der Odyssee (τ 175) saßen hier fünf verschiedensprachige Völker: Achaeer, Eteokreter, Kydonen, Dorier und Pelasger. In den Kydonen, deren Name sich in dem der Stadt Kydonia (j. Chania) im westlichsten Teil der Nordküste erhalten hat, und in den Eteokretern werden wir die älteste Bevölkerung suchen (vgl. § 522). Nach späteren Angaben haben sich diese »echten Kreter« im Osten der Insel, in der Stadt Praisos, erhalten; und hier sind mehrere Inschriften in griechischem Alphabet gefunden worden, welche in ihrer uns noch gänzlich unverständlichen Sprache abgefaßt sind. Herodot sagt, daß die ganze Insel ursprünglich, zur Zeit des Minos (der für ihn kein Grieche ist), von Nichtgriechen bewohnt gewesen sei, und bewahrt eine Tradition der Praisier, daß die Griechen erst nach Minos' Tod auf Sicilien, als die alte Bevölkerung nach Iapygien in Italien ausgewandert war, auf die Insel gekommen seien; auf diese älteren Griechen, die am troischen Kriege teilnahmen, seien dann noch später als dritte Bevölkerungsschicht die gegenwärtigen (dorischen) Bewohner gefolgt. Von der Urbevölkerung leitet Herodot auch die Lykier (Tramilen) ab; ebenso behaupten die Bewohner von Kaunos in Karien, aus Kreta eingewandert zu sein (§ 476). Den Eteokretern entsprechen auf der weiter östlich gelegenen kleinen Insel Karpathos die in den attischen Tributlisten des fünften Jahrhunderts erwähnten Eteokarpathier. Freilich läßt sich durchaus nicht erweisen, daß diese Stämme schon zu der Zeit, der die ältesten Fundschichten angehören, auf der Insel gesessen haben; vielmehr ist es sehr wohl möglich-mehr läßt sich zur Zeit noch nicht sagen –, daß die Träger der entwickelten kretischen [763] Kultur oder wenigstens der damals herrschende Volksstamm erst in verhältnismäßig später Zeit auf Kreta eingewandert ist und die den Kleinasiaten verwandte älteste Bevölkerung der Insel verdrängt oder unterjocht, dabei aber ihre Kulte und ihre Zivilisation übernommen und weitergebildet hat (vgl. § 522f.).


Eingehender kann, was sich über die altkretische Religion erkennen läßt, erst im nächsten Bande besprochen werden; hier mußte ein kurzer Hinweis genügen. Die Typen der weiblichen Gottheiten hat jetzt H. PRINZ MAI 35, 1910, 155ff. zusammengestellt und ihre Zusammenhänge mit den kleinasiatisch-chetitischen Darstellungen und indirekt mit Babylonien analysiert. Aber seiner Identifikation aller dieser Gestalten kann ich nicht zustimmen, wenn sie natürlich auch miteinander verwandt sind; wir kennen später in Kreta zahlreiche große Sondergöttinnen, und an denen wird es auch in der alten Zeit nicht gefehlt haben. Vgl. auch § 517. – Eteokreter: Staphylos bei Strabo X 4, 6. 12 (über den Namen Πραῖσος s. WILAMOWITZ, Hermes 40, 151f.). Inschriften: CONWAY, Annual of the British School at Athens VIII 125ff. X 115ff. (dazu XVI 228), dessen Versuch, die Sprache als indogermanisch zu erweisen, mir wenig überzeugend ist. – Autochthonen auf Kreta auch Skylax 47. – Herod. I 173 (Ableitung der Lykier des Sarpedon aus Kreta, ebenso VII 92): τὴν γὰρ Κρήτην εἶχον τὸ παλαιὸν πᾶσαν βάρβαροι; ebenso in der Erzählung über Minos und die späteren Schicksale der Insel VII 170f. Die Bewohner von Praisos und Polichne nehmen allein an der Auswanderung nach Westen nicht teil; mit anderen Worten, sie sind die einzigen Reste der vorhellenischen Bevölkerung, die sich später noch erhalten hatten. Über die Minossagen und die Frage, welcher Bevölkerungsschicht er ursprünglich angehörte, s. den nächsten Band; an dieser Stelle kommt nur Herodots Auffassung in Betracht. [Vgl. jetzt auch BETHE, Minos Rhein. Mus. 65, 1910.]-Die Ansicht von EVANS [J. Hell. Stud. XVII 362ff., wo er noch ganz unter dem Einfluß der älteren Ansichten PETRIES über die ältesten aegyptischen Denkmäler (§ 169 A.) steht], die namentlich MACKENZIE, Cretan Palaces and the Aegaean Civilization, im Annual XII 216ff., weiter ausgeführt hat, die Bevölkerung Kretas und der Kykladen und ihre Kultur sei afrikanischen (libyschen) Ursprungs, halte ich für einen Mißgriff; die Übereinstimmungen mit der ältesten Zivilisation Aegyptens beruhen, soweit sie vorhanden sind, auf paralleler Entwicklung und beweisen gar nichts (z.B. die Bekleidung mit einem Lendenschurz), und die Ableitung des kretischen Haustypus aus Afrika ist sicher ganz verfehlt, s. dagegen F. NOACK, Ovalhaus und Palast in Kreta, 1908, [764] S. 38ff. Libyen ist gewiß nicht die Heimat einer höheren Kultur. Richtig ist nur die Ablehnung der Hypothese, daß die kretische Kultur aus Karien stamme, wohin vielmehr eine höhere Zivilisation erst am Ende der mykenischen Epoche eindringt. Vielmehr hat sich die kretische Kultur aus den der ganzen Welt des Aegaeischen Meeres gemeinsamen Grundlagen auf der Insel selbst zu immer höherer Gestaltung entwickelt. Ethnographische Schlüsse lassen sich aber aus dieser Tatsache überhaupt nicht ziehen.


506. Die Bevölkerung der übrigen Inseln des Aegaeischen Meeres bestand nach Herodot zu Minos' Zeit aus Karern, die später vor den eindringenden Griechen auf das asiatische Festland wichen; nach Thukydides hätte sie dagegen schon Minos vertrieben, da er diesen im Gegensatz zu Herodot für einen Griechen hält. Daß Delos ehemals von Karern besiedelt war, folgert Thukydides aus den nach karischer Weise bestatteten Leichen, welche die Athener hier im Jahre 426 aushoben. Diese Karer, sagt Herodot, hießen ehemals Leleger; und dieser halbverschollene Volksname begegnet uns mehrfach in griechischen Traditionen an der später von den Ioniern besiedelten karischen Küste sowie im Süden von Troas, in jüngeren Abschnitten der Ilias in Pedasos am Satnioeis, in anderen Überlieferungen in Antandros und Gargara am Südabhang des Ida; hier werden sie von der See her zugewandert sein. – Aber auch auf dem griechischen Festlande werden Karer und Leleger als älteste Bewohner genannt, Karer in Hermione und Epidauros-auch der Name Karia, den die eine der beiden Burgen von Megara trägt, bewahrt ihren Namen –, Leleger in der genealogischen Dichtung als Urbevölkerung von Mittelgriechenland, speziell von Lokris und Akarnanien, ferner von Megaris, Lakonien und Messenien. In diesen Angaben hat sich noch eine Kunde von den geschichtlichen Vorgängen der ältesten Zeit erhalten. Denn es ist nicht zweifelhaft, daß die Griechen nicht die Urbevölkerung ihrer späteren Wohnsitze gebildet haben können, sondern aus der ursprünglichen Heimat der Indogermanen in die Balkanhalbinsel eingerückt sind-von der Zeit, in die diese Einwanderung zu setzen ist, wird später die Rede sein-und dann immer weiter nach Süden [765] und schließlich auf die Inseln vorgedrungen sind, vermutlich gedrängt von anderen nachrückenden indogermanischen Stämmen, den Thrakern und den Illyriern. Eine erste Welle dieser griechischen Bevölkerung bilden die Stämme, welche die mykenische Kultur angenommen haben und von denen das Epos erzählt (die Achaeer), eine zweite die Dorier und die ihnen verwandten Stämme des Nordwestens. Daß das Land nicht unbewohnt war, als die Griechen kamen, ist ohnehin klar und wird dadurch bestätigt, daß Griechenland voll ist von Namen von Ortschaften, Bergen und Flüssen, welche jeder griechischen Etymologie spotten. Unter diesen Namen finden sich vor allem Bildungen auf –assos und –essos (-ettos), speziell in Attika und Boeotien, so Sphettos, Gargettos, Sypalettos, Hymettos, Lykabettos, Brilessos, Mykalessos, Teumessos, Keressos, Hyettos, Koressos auf Keos, der Berg Parnassos-vielleicht gehören auch Namen wie Larisa (in Thessalien und Argolis und an der ganzen Westküste Kleinasiens), Amphissa, Argissa, die Flußnamen Kephissos, Ilissos u. a, hierher –, ferner solche auf –nth, –nthos, wie Korinthos, Tiryns, Saminthos, Probalinthos, Trikorynthos, Kerinthos und Amarynthos auf Euboea, Zakynthos, Bergnamen wie Erymanthos, Arakynthos, Bildungen, die ebenso auf Kreta und den anderen Inseln vorkommen und die wir als charakteristisch für die kleinasiatische Bevölkerung kennen gelernt haben (§ 476). Sie bestätigen, daß in Griechenland ursprünglich kleinasiatische Stämme gesessen haben. Ob es freilich nicht daneben andere Stämme ganz anderer Herkunft gegeben hat, läßt sich nicht entscheiden; die homogene Kultur, welche wir in diesem ganzen Gebiet in der ältesten Zeit antreffen (§ 510), beweist durchaus noch nicht, daß die Bevölkerung einheitlich gewesen sein muß.


Urbevölkerung der Inseln: Herod. I 171. Thuk. I 4. 8. Leleger ist nach Herodot I 171 ein alter Name der Karer; nach Pherekydes bei Strabo XIV 1, 3 wohnten die Karer südlich, die Leleger nördlich von Ephesos (vgl. XIV 1, 21), Kallisthenes bei Strabo XIII 1, 59 dagegen setzt die Leleger ins Gebiet von Halikarnass; alte Gräber und Mauern bei Milet und sonst in Karien hießen lelegisch: Strabo VII 7, 2. Der karische Historiker Philippos von Suangela bei Athen. VI 271 b dagegen [766] Κᾶράς φησι τοῖς Λέλεξιν ὡς οἰκέταις χρή σασϑαι πάλαι τε καὶ νῦν; nach Plut. qu. gr. 46 wären sie nach Tralles als Eindringlinge gekommen (mit den Minyern), dann aber zu Sklaven gemacht worden. So sind die Leleger wohl ein den Karern nahe verwandter Stamm, der auf den Inseln und an der Küste saß, und dann von den Bewohnern des Binnenlandes (und den Griechen) geknechtet wurde. [ALY, Karer und Leleger, Philol. 68, 428ff. betrachtet die Karer als spätere Eindringlinge von Osten her, wie Lyder und Myser, während die Leleger die Urbevölkerung Kariens und der Inseln seien. Absolute Sicherheit ist natürlich mit unserem Material nicht zu gewinnen, aber wahrscheinlich erscheint mir diese Auffassung nicht.]-Leleger in Pedasos am Satnioeis: Il. Υ 96. Φ 86. K 429; in Antandros: Alkaeos bei Strabo XIII 1, 51 [Herodot VII 42 nennt Antandros Πελασγίς, wohl weil er in historischer Zeit keine Leleger anerkennt]; in Gargara: Epaphroditos bei Steph. Byz. und Etym. magn. – Karer in Epidauros und Hermione: Aristot. bei Strabo VIII 6, 15. Leleger in Europa bei Hesiod fr. 115 RZACH ed. mai. bei Strabo VII 7, 2, wonach sie Zeus λεκτοὺς ἐκ γαίης ἁλέας πόρε Δευκαλίωνι [s. REITZENSTEIN, Philol. 55, 194, und gegen dessen Lesung Δευκαρίωνι USENER, Rh. Mus 56, 482]; nach ihrem Führer Lokros erhalten sie dann den Namen Lokrer. Darauf gehen alle weiteren Kombinationen über Leleger in Mittelgriechenland zurück, namentlich Aristoteles bei Strabo VII 7, 2 (in Akarnanien, Boeotien, Leukas u.a.; auf Euboea Scymn. 571). Ein Urkönig Lelex αὐτόχϑων in Lakonien und Messenien: Pausan. III 1. IV 1. Apollod. III 10, 3; in Megara (er kommt zwölf Generationen nach Kar S. d. Phoroneus, dem Eponymus der Karia, aus Aegypten): Pausan. I 39, 6. IV 36, 1. – Homer kennt Leleger nur in Kleinasien; Thukydides vermeidet, wie Herodot, den Namen offenbar mit Absicht. – Zu den Namen auf –ssos und –nthos vgl. KRETSCHMER, Einleitung 302ff. 402f. 405. Ganz miß glückt ist der Versuch FICKS, Vorgriechische Ortsnamen, 1905, die nichtgriechischen Namen des Mutterlandes, Kretas und der Inseln nach Volksstämmen zu scheiden und zu deuten (vgl. §§ 473 A. 507 A.).


507. Noch ein Name muß hier besprochen werden, der in den gelehrten Untersuchungen des Altertums und der Neuzeit über die Urbevölkerung der griechischen Welt eine große Rolle spielt, der der Pelasger. Seit den Versuchen der ältesten griechischen Geschichtsschreiber, der sogenannten Logographen, ein geschichtliches Bild von den Anfängen Griechenlands zu gewinnen, treten sie uns überall als ein großes Urvolk entgegen, das im Peloponnes, in Thessalien und Epirus und anderen Landschaften gewohnt, auch nach der Westküste Kleinasiens [767] hinübergedrängt und nach einigen schließlich nach Italien ausgewandert sein soll, wo Pherekydes die Oenotrer und Peuketier, Herodot die Etrusker (Tyrsener) von Cortona, Hellanikos die Etrusker insgesamt für Pelasger erklärt. In Wirklichkeit hat es Pelasger nur in Thessalien gegeben, in der fruchtbaren Peneiosebene, die danach »das pelasgische Argos« und später Pelasgiotis heißt. Von hier, »fern vom großscholligen Larisa her«, läßt die Patroklie die Pelasger dem Priamos zu Hilfe ziehen; außerdem verbindet sie ihren Namen mit dem Zeus von Dodona. Die Odyssee nennt außerdem Pelasger unter den Völkern auf Kreta (§ 505); dorthin werden sie ebensogut wie die Dorier von Thessalien aus gekommen sein. Hier standen sie im Gegensatz zu ihren südlichen Nachbarn, den Hellenen von Phthia, denen gegenüber sie als die Urmenschen erscheinen. Sie sind dann spätestens zu Anfang des ersten Jahrtausends den von Westen hereindringenden Thessalern erlegen und von ihnen zu Leibeigenen (Penesten) gemacht worden. Ein anderes reales Volk, das den Namen Pelasger führte, gibt es aber überhaupt nicht; überall sonst ist nicht von einem Pelasgervolk, sondern nur von ihrem der ältesten Urzeit angehörigen Eponymos Pelasgos die Rede. Dem älteren (homerischen) Epos ist diese Gestalt noch völlig fremd; dagegen hat die genealogische Poesie sie aufgegriffen und den »erdgeborenen Pelasgos« zum Stammvater der Menschen gemacht. Da die Arkader für die ältesten, niemals gewanderten Menschen galten, mußte Pelasgos ihr Ahnherr sein und wurde dem arkadischen Stammbaum vorgeschoben, mit dem er der Sache nach nicht das mindeste zu tun hat. Dadurch, daß der Name »das pelasgische Argos« von der thessalischen Ebene auf die peloponnesische Stadt übertragen und auch hier vom Verfasser des Danaidenepos ein Urkönig Pelasgos geschaffen wurde, daß dann Hekataeos den Namen der Burgmauer Athens, Pelargikon, in Pelasgikon umwandelte und diese Mauer für einen Pelasgerbau erklärte, daß er weiter die so gewonnenen attischen Pelasger mit den Tyrsenern (Etruskern) von Lemnos zusammenwarf, ist der Glaube entstanden, in vorgriechischer Zeit seien [768] die Pelasger ein weithin verbreitetes Volk gewesen. Hellen, der Sohn des Deukalion, durch den erst ein hellenisches Volk in die Welt gekommen war, hatte nach Ausweis der Stammbäume keineswegs in sehr alter Zeit gelebt; viele der berühmtesten Stammbäume, z.B. die von Argos und Athen, gingen nicht auf ihn, sondern auf weit ältere Ahnen zurück. Daraus schloß man, daß diese Herrschergeschlechter und auch ihre Untertanen keine Hellenen gewesen seien. Hier bot sich der Pelasgername von selbst, und ganz konsequent folgerten Hekataeos, Herodot, Hellanikos, dieselben müßten Barbaren gewesen sein. Herodot sucht das weiter dadurch zu stützen, daß die Etrusker von Cortona und die Etrusker (Tyrsener) von Lemnos, die zu seiner Zeit, von den Athenern vertrieben, in Plakia und Skylake an der Propontis wohnten, und die er, dem Hekataeos folgend, für Pelasger hielt, natürlich eine nichtgriechische Sprache sprachen. Seine Darlegung zeigt zugleich, daß seine Hypothese der gewöhnlichen Auffassung durchaus widersprach; besonnener hielten daher Aeschylos und Thukydides den Namen Pelasger lediglich für eine ältere, später durch Danaos und durch Hellen und seine Söhne verdrängte Bezeichnung der Griechen. Zwischen diesen beiden Auffassungen haben seitdem die antiken wie die modernen Forscher hin und her geschwankt. Sie haben das von ihren Vorgängern gesammelte Material durch neue Kombinationen mannigfach zu erweitern gesucht; aber sie alle waren gleichmäßig von dem Glauben beherrscht, das, was uns Aeschylos und die Logographen erzählen, was für Herodot bereits ein Problem war, das er nicht durch Berufung auf Überlieferungen, sondern durch eingehende Diskussion und kühne Hypothesen zu lösen sucht, seien wirkliche Traditionen über die urälteste Zeit Griechenlands; sie alle haben unterlassen, diese auf ihren Ursprung hin zu prüfen und die Frage aufzuwerfen, ob ihnen wirklich geschichtlicher Wert zukomme. Diese Frage kann bestimmt verneint werden; und damit verliert das Pelasgerproblem für die Geschichte und Ethnographie des Altertums alle Bedeutung und schrumpft auf die unwesentliche Frage [769] zusammen, ob die Pelasger Thessaliens ein griechischer Stamm waren oder der vorgriechischen Bevölkerung angehörten. Wenn ich früher geneigt war, mich für die erstere Alternative zu entscheiden, so möchte ich jetzt die zweite für wahrscheinlicher halten; ihr Autochthonentum und der Gegensatz gegen die Hellenen, der in den Angaben über die Pelasger überall hervortritt und Anlaß gegeben hat, daß die Ilias sie auf die Seite der Trojaner stellt, scheint darauf hinzuweisen. Einen sicheren Anhalt zur Ermittlung ihrer Nationalität besitzen wir indessen nicht.

Entstehung, Geschichte und Wert der Überlieferung über die Pelasger habe ich 1892 im ersten Bande meiner Forschungen zur Alten Geschichte dargelegt. Ich wüßte an den Ergebnissen nichts zu ändern noch hinzuzufügen, außer daß ich es jetzt für wahrscheinlicher halte, daß die Pelasger des thessalischen Argos (und von Kreta) nicht ein griechischer, sondern ein vorgriechischer Stamm gewesen sind. – Die Pelasger der Patroklie Il. P 288ff. [daraus B 840. K 429] kommen τῆλ᾽ ἀπὸ Ααρίσης ἐπιβώλακος; das kann nur Larisa in Thessalien sein. Die Späteren, so vielleicht schon der Schiffskatalog, haben sie dann nach Kleinasien versetzt, aber trotz alles Suchens hier nirgends Pelasger nachzuweisen vermocht (s. Strabo XIII 3, 2f., sowie Steph. Byz. Αάρισα und die Homerscholien; um der Iliasstelle willen machte Menekrates von Elea bei Strabo l.c. die Urbevölkerung Ioniens zu Pelasgern anstatt Lelegern, vgl. Steph. Byz. Νινόη, während andere die Pelasger nach Lesbos oder Chios brachten); s. Forsch. I 34ff. Ζεῦ ἄνα Δωδωναῖε Πελασγικέ Il. II 233. Pelasger auf Kreta; Od. τ 177. – Herodot über die Pelasger I 56f. [wo mit Dion. Hal. I 29 Κροτῶνα und Κροτωνιῆται zu lesen ist, nicht Κρηστῶνα und Κρηστωνιῆται, wie die in den Handschriften vorliegende Überlieferung korrigiert hat; es gibt weder eine Stadt Kreston noch ein Volk Krestoniaten]; Hekataeos über die Pelasger auf Lemnos Her. VI 137ff. Aeschylos' Auffassung liegt in den Hiketiden vor, die des Thukydides I 3. – Es ist sehr wohl möglich, daß der Pelasgername mit dem der Pelagonen im inneren Makedonien zusammenhängt, also aus Πελαγ-σκός entstanden ist [auch Πέλ-οψ kann man heranziehen]; ebenso mag Gortyn auf Kreta dem Gyrton in Pelasgiotis sowie Gortynia am Axios u.ä. entsprechen [so z.B. FICK, Vorgriech. Ortsnamen 19ff, der im übrigen völlig kritiklos alle Angaben der Alten mit naiver Gläubigkeit aufgreift und für die Rekonstruktion der Urzeit verwendet]; aber hier verliert sich alles ins Ungewisse, und einigermassen zuverlässige historische Ergebnisse lassen sich zur Zeit wenigstens noch nicht gewinnen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 762-770.
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