Befreiung Athens und Sturz Lysanders

[32] Zu Anfang des Winters des J. 404 hatte sich eine Schar flüchtiger Athener, geführt von Thrasybulos und Anytos52, insgeheim unterstützt von den Häuptern der demokratischen Partei in Theben, in dem attischen Bergdorf Phyle inmitten des Parnes, nordwestlich von Athen, festgesetzt. Es waren zuerst nicht mehr als 70 Mann; aber der steile Gipfel, auf dem sie sich verschanzten, ermöglichte ihnen, die Angriffe der Dreißig abzuwehren; und eine regelrechte Belagerung wurde durch starken Schneefall verhindert. Die Machthaber legten der Bewegung anfangs wenig Bedeutung bei; sie fuhren fort, in ihrer bisherigen Weise zu regieren, ließen hinrichten, wer ihnen im Wege stand oder ihre Habgier reizte, und zogen den Grundbesitz der Verurteilten für sich und ihre Freunde ein. Wie auf Samos der Demos verjagt war, sollten auch in der Stadt Athen nur Anhänger der neuen Ordnung leben; wer nicht [32] im Katalog der Dreitausend stand, wurde in die Vororte und den Piräeus ausgewiesen53. Aber auch hier waren sie ihres Lebens nicht sicher, so daß sich alle Nachbarstaaten mit Flüchtlingen füllten54. Mit Thrasybulos55 sollen die Dreißig Verhandlungen angeknüpft und ihm den Eintritt in ihr Kollegium geboten haben. Das wies er ab. Seine Macht war jetzt auf 700 Mann angewachsen56; damit gelang es ihm, die spartanische Garnison und zwei Reiterschwadronen, die nördlich von Acharnä57 lagerten, um das Land gegen seine Raubzüge zu schützen, in der Morgenfrühe zu überfallen und zu schlagen. Da begannen die Dreißig um ihre Zukunft besorgt zu werden; um sich für alle Fälle einen festen Zufluchtsort zu sichern, überfielen sie mit der Ritterschaft Eleusis und führten die Bewohner gefangen fort. Auch eine Anzahl Salaminier teilten ihr Schicksal; der Rat wurde gezwungen, ihnen sämtlich, etwa 300 Bürgern, unterschiedlos das Todesurteil zu sprechen58.

Diese ununterbrochene Kette von Verbrechen schadete der Sache der Dreißig mehr, als sie nützte; auch unter denen, die zu Anfang den Sturz der Demokratie und die ersten Maßregeln der Oligarchie mit Freude begrüßt hatten, wandten sich die meisten mit Abscheu von ihnen ab, selbst viele der jungen Aristokraten, die im Reiterkorps dienten, wie Xenophon und Platon, der Neffe [33] des Charmides, des Vetters des Kritias; verlassen konnten sie sich höchstens noch auf die, welche ihnen freiwillig Schergendienste geleistet hatten und den Raub nicht fahren lassen wollten. Thrasybuls Streitmacht wuchs von Tag zu Tag; er konnte jetzt einen entscheidenden Schlag versuchen. Vier Tage nach dem Gefecht bei Acharnä zog er mit 1000 Mann in den jetzt offen daliegenden Piräeus ein und setzte sich auf dem steilen Hügel Munychia fest, der die Hafenstadt beherrschte. Die Dreißig führten die spartanische Garnison und das Gesamtaufgebot der Stadt heran und suchten vom Markt aus durch die zur Höhe führende Hauptstraße die feindliche Stellung zu stürmen. Aber alle Vorteile des Terrains waren auf seiten der Freiheitskämpfer; in Massen strömte die waffenlose Bevölkerung des Piräeus ihnen zu und schleuderte, gedeckt durch die in der Front stehenden Hopliten, Steine und Speere auf die Scharen der Angreifenden. In dem Straßenkampf fielen Kritias59 und Charmides und etwa 70 andere. Mit dem Scheitern des Angriffs brach in Athen die Macht der Dreißig zusammen; am nächsten Tage traten die Dreitausend zusammen, kündigten ihnen den Gehorsam und setzten sie ab (etwa Anfang März 403)60. Acht Monate lang hatten sie das Regiment geführt; die Zahl ihrer Opfer wird auf 1500 Bürger geschätzt, »beinahe eine größere Zahl von Athenern als die Peloponnesier während der zehn Jahre des Krieges getötet hatten61«. Die Überlebenden von den Dreißig entwichen nach Eleusis, bis auf Pheidon und Eratosthenes, zwei Parteigänger [34] des Theramenes, die sich am gemäßigtsten gehalten hatten; die Dreitausend aber bestellten sich eine neue Regierung, zehn Männer62, einen aus jeder Phyle, darunter der eben genannte Pheidon, ferner Rhinon63, Hippokles, Epichares, Phayllos, alles angesehene Männer, die zwar zum Teil im Rat der Dreißig gesessen, aber aus ihrer Abneigung gegen das Treiben des Charikles und Kritias kein Hehl gemacht hatten. Sie sollten den Staat neu ordnen und dem Bürgerkrieg ein Ende machen64. Auch Thrasybul und die Seinen [35] ließen es an Aufforderungen nicht fehlen, den Kampf aufzugeben und sich mit Männern zu versöhnen, denen nur die schmählichsten Gewalttaten die Waffen gegen die Heimat in die Hand gezwungen hatten. Dazu war man in der Stadt bereit; aber die Demokraten im Piräeus forderten zugleich Zulassung zu gleichen Rechten und Wiederherstellung der alten Verfassung, während die Städter und die Zehnmänner auch nach dem Sturz der Tyrannen die aristokratische Verfassung ebenso gut aufrechterhalten wollten wie im J. 411 Theramenes und die Fünftausend nach dem Sturz der Vierhundert. Außerdem hatten sie auf Sparta und auf die Garnison unter Kallibios Rücksicht zu nehmen. So war die den Zehnmännern gestellte Aufgabe unlösbar; eine Versöhnung ließ sich zur Zeit nicht erreichen. Statt dessen wurden die Zustände in der Stadt noch wirrer als vorher. Niemand traute dem anderen, nicht wenige gingen zu den Leuten im Piräeus über; Tag und Nacht erwartete man einen Überfall. Um ihre Autorität zu behaupten, [36] mußten auch die Zehn Todesurteile sprechen; ihre einzigen zuverlässigen Stützen waren Kallibios und das Ritterkorps, und auch bei diesem gewann bald der Wunsch nach Versöhnung die Oberhand. Währenddessen wuchs die Macht Thrasybuls ununterbrochen. Von allen Seiten strömten die Verbannten ihm zu, dazu zahlreiche Metöken und Fremde, denen man für ihre Unterstützung Gleichstellung mit den Bürgern in den Abgaben (Isotelie) verhieß; auch entlaufene Sklaven und mancherlei Gesindel schloß sich an. Von auswärts erhielt man Geld, namentlich aus Theben und von Thrasydäos, dem Führer der Demokraten in Elis; der Waffenfabrikant Lysias, ein reicher Metöke, dessen Bruder von den Dreißig umgebracht und der selbst mit genauer Not nach Megara entkommen war, sandte Schilde und warb Söldner an65. Auch die Ärmeren konnten mit Waffen ausgerüstet werden; man unternahm Streifzüge, um Lebensmittel zu bekommen, schlug sich mit den Reitern aus der Stadt herum und konnte schließlich direkte Angriffe auf die Stadtmauer versuchen66.

Indessen die Entscheidung lag nicht in Athen, sondern in Sparta. Bereits hatten sich beide Parteien der Städter, die Dreißig aus Eleusis und die Zehnmänner, um Hilfe nach Sparta gewandt: der Demos habe sich gegen Spartas Herrschaft empört; lasse man ihn gewähren, so werde Athen den Böotern in die Hände fallen. Lysander forderte energisches Einschreiten; hier handle es sich um die Aufrechterhaltung der spartanischen Machtstellung. Er erwirkte die Erlaubnis, daß sein Bruder Libys sich mit vierzig Schiffen vor den Piräeus legte, während er selbst ein Landheer anwarb und zugleich den Zehnmännern einen Vorschuß von 100 Talenten vermittelte. Im Hochsommer 403 war der Piräeus aufs neue durch ein spartanisches Heer zu Lande und zu Wasser eingeschlossen. Alsbald waren die Demokraten in großer Not67; ihre Sache schien rettungslos verloren, und manche suchten bereits ihr Heil in der Flucht. Aber König Pausanias war nicht gewillt, Lysander gewähren [37] zu lassen; die Rivalität gegen den übermächtigen Feldherrn und das Gefühl für die Ehre Spartas, die unheilbar kompromittiert war, wenn es durch sein Einschreiten die Schandtaten der Dreißig nachträglich sanktionierte, wirkten bei seinem Entschluß zusammen. Er gewann drei Ephoren für sich und erhielt die Erlaubnis, den Heerbann des Peloponnesischen Bundes aufzubieten. Die Böoter (d.h. Theben) und Korinth weigerten die Heeresfolge, da Athen nichts Unrechtes getan habe68; mit den übrigen Truppen lagerte sich Pausanias in der Ebene zwischen der Stadt und dem Hafen. Auch Lysander mit seinen Soldtruppen mußte sich jetzt dem Oberbefehl des Königs unterstellen. Pausanias forderte zunächst die Räumung des Piräeus; aber als das geweigert wurde, betrieb er den Krieg nur lässig und zum Schein, so daß er bei einem Gefecht schließlich nur unter schweren eigenen Verlusten die Feinde zurückwerfen konnte. Aber in seinen Absichten ließ er sich dadurch nicht irre machen; und zugleich bestürmten ihn die Neutralen aus der Stadt und manche Exulanten, die in sein Lager kamen; Nikias' Bruder Diognetos, der früher von den Radikalen verbannt worden war, führte dem König die Enkel und die Neffen des Feldherrn zu und beschwor ihn bei seinem Andenken, Athen zu retten69. Pausanias wies die Dreißig schroff zurück; er veranlaßte die Bürger aus der Stadt, ihm versöhnliche Erklärungen zu geben, und die Demokraten, eine Friedensgesandtschaft in sein Lager zu schicken. Die beiden Ephoren, die ihn nach spartanischer Ordnung begleiteten, waren mit ihm einverstanden; die Gesandten aus dem Piräeus und zwei Mittelsmänner aus der Stadt70 wurden nach Sparta gesandt71. Diese gaben die Stadt völlig in die Hände Spartas und forderten die Demokraten auf, das gleiche zu tun, so daß Sparta über [38] Athens Schicksal frei entscheiden könne. Die Ephoren und die Volksversammlung stimmten Pausanias' Vorschlägen zu; eine Kommission von 15 Männern wurde entsandt, um mit dem König zusammen die Versöhnung ins Werk zu setzen. Beide Parteien stimmten zu, alles Geschehene für ewige Zeiten zu vergeben und zu vergessen und sich wieder zu einem Staate zu vereinigen. Ausgenommen wurden nur die Dreißig und ihre Gehilfen, die Elf-und Zehnmänner in der Stadt und im Piräeus, sowie die bisher in der Stadt herrschende Zehnerkommission; diesen und allen, die sonst dem Frieden nicht trauten, wurde freier Abzug nach Eleusis bewilligt, wo sie ein selbständiges Gemeinwesen bilden sollten. Aber auch den von der Amnestie Ausgeschlossenen war freigestellt, vor einem aus den Besitzenden beider Parteien gebildeten Gerichtshof Rechenschaft zu legen und dann unbehelligt in der Stadt zu bleiben; und das haben die regierenden Zehnmänner sofort getan. Auf diese Bedingungen wurde die Versöhnung abgeschlossen; am 12. Boëdromion (4. Okt. 403) hielten die Demokraten aus dem Piräeus ihren Einzug in die Stadt, brachten der Göttin auf der Burg das Dankopfer dar und leisteten mit den Städtern zusammen den Eid, der die Amnestie besiegelte72. Die Neuordnung ihres Staates wurde diesmal wirklich, genau nach den Bestimmungen des Friedens von 404, allein der Bürgerschaft überlassen. Pausanias führte sein Heer zurück; fortan hat sich Sparta jeder Intervention in Athen enthalten73. Rein politisch betrachtet, ist Pausanias' Vorgehen [39] ein Fehler gewesen; schwer hat Sparta dafür büßen müssen, daß es selbst den Gegner, da er wehrlos am Boden lag, wieder aufgerichtet und dadurch die nochmalige Erneuerung des verderblichen Dualismus in Hellas möglich gemacht hat. Aber eben darum ist Spartas Verfahren gegen Athen der stolzeste Ruhmestitel in seiner Geschichte; ihm und in erster Linie dem hochsinnigen König aus dem Agiadenhaus verdankt Athen und verdankt die Welt alles, was diese Stadt in der folgenden Zeit an unvergänglichen Werken geschaffen hat.

Die von Sparta durchgeführte Versöhnung der Parteien in Athen war zugleich eine offene Absage an Lysander und seine Politik. Regierung und Volk hatten erklärt und durch die Tat erwiesen, daß sie mit ihm nichts gemein hätten und keine Gewaltherrschaft aufrichten, sondern ihr Wort wahr machen wollten. Lysander hatte Pausanias nicht hindern können; jetzt versuchten seine Anhänger, geführt von König Agis, wenigstens nachträglich das Geschehene rückgängig zu machen. Pausanias wurde wegen Preisgebung der Interessen Spartas vor den aus den 28 Geronten, den 5 Ephoren und dem anderen König gebildeten Staatsgerichtshof gestellt74. Agis und 14 Geronten sprachen ihn schuldig, die übrigen Stimmen fielen zu seinen Gunsten. Damit war seine Politik nachträglich noch einmal gebilligt. Das gab den Gegnern Lysanders Mut. Überall hatten er und seine Anhänger ähnliche Verbrechen begangen wie in Athen; jetzt strömten von allen Seiten die Klagen und die Bitten um Sühne und Besserung nach Sparta. Entscheidend wurde, daß auch Pharnabazos sich insgeheim mit Beschwerden an die Ephoren wandte; seit Lysanders Stellung erschüttert war, konnte er hoffen, für seine Übergriffe Genugtuung zu erhalten. Die Ephoren, Gegner Lysanders, willfahrten dem Satrapen und riefen Lysander ab75. Er war, vermutlich von Athen aus, mit der Flotte wieder an den Hellespont gegangen; jetzt bat [40] er Pharnabazos, mit dem er nach wie vor auf vertrautem Fuße zu stehen wähnte, um ein Rechtfertigungsschreiben. Aber der Satrap betrog ihn und gab ihm statt dessen eine Anklageschrift; so mußte er selbst seinen Sturz besiegeln (Ende 403 oder Anfang 402)76. Dem Sieger von Ägospotamoi durfte man nicht den Prozeß machen; aber gegen seine Gehilfen ging man energisch vor. Thorax, eines seiner vertrautesten Werkzeuge, den er zum Harmosten von Samos gemacht hatte, wurde abberufen und hingerichtet, weil er im Besitz von Geld befunden wurde77. Derkylidas, Harmost von Abydos, über den Pharnabazos sich beschwert hatte, wurde mit einer entehrenden Disziplinarstrafe belegt78. Nach Byzanz hatte die Regierung, als die Stadt um Schutz gegen die Thraker bat, an[41] Stelle des 405 von Lysander eingesetzten Harmosten Sthenelaos79 den Klearchos gesandt, der hier schon früher gegen Alkibiades das Kommando geführt hatte (Bd. IV 2, 327). Er sammelte ein Söldnerkorps; aber anstatt gegen die Thraker zu kämpfen, machte er die Beamten und die angesehensten Bürger nieder, zog ihr Vermögen ein und schaltete als Tyrann. Jetzt wurde er abgerufen; aber er weigerte sich zu gehorchen, so daß den Spartanern nichts übrig blieb, als ihn zum Tode zu verurteilen und eine Truppenmacht unter Panthoidas gegen ihn zu entsenden. Klearchos konnte sich in Byzanz inmitten einer feindseligen Bevölkerung nicht behaupten; er zog sich nach Selymbria zurück, das er gleichfalls besetzt hatte, und führte von hier aus den Bürgerkrieg gegen Panthoidas. Schließlich wurde er belagert; dann entfloh er und ging zu Kyros. Der konnte für seine Pläne solche Menschen brauchen; er gab ihm 10000 Dareiken (234000 M.) zum Anwerben von Söldnern, und mit diesen führte er zunächst Krieg gegen die Thraker im Hinterlande der Chersones auf eigene Hand weiter, unterstützt durch Kontributionen der schutzbedürftigen Griechenstädte und jetzt unbehelligt, ja insgeheim begünstigt von Sparta, das sich an dem Schützling des Kyros nicht vergreifen mochte80.

In ähnlicher Weise ist die spartanische Regierung offenbar noch an manchen Orten eingeschritten. Die Harmosten und die Besatzungen konnte man nicht entbehren81, und mancherlei Reibungen [42] waren nicht zu vermeiden; aber es sollte doch anständig zugehen. Daher wurden die Zehnerkollegien82 überall aufgelöst und statt ihrer die wahre Verfassung der Väterzeit hergestellt, eine gemäßigte Aristokratie der Grundbesitzer (vgl. o. S. 31). Wir können nicht zweifeln, daß sich wie bei der Einsetzung so auch beim Sturz der Gewaltherrschaften vielerorts ähnliche Vorgänge abgespielt haben, wie in Athen; doch ist von den Einzelheiten keine Kunde auf uns gekommen, da Xenophon diese Dinge absichtlich verschweigt (Bd. IV 1, 262) und unsere sonstigen sehr dürftigen Quellen versagen83. Nur das erfahren wir, daß Lysanders Militärkolonie in Sestos aufgelöst und die Stadt den alten Bewohnern zurückgegeben wurde84. – Lysander hat die Zerstörung seiner Macht zähneknirschend mit an sehen müssen; so mächtig er dagestanden hatte, ihm fehlte die Legitimität. Nur durch den Namen und die Macht des Heimatstaates hatte er wirken können; da dieser ihn verleugnete, brach seine Stellung zusammen. Gegen ihn sich aufzulehnen, konnte er noch weniger wagen als vor vier Jahren Alkibiades gegen den Demos von Athen. Der Bau des spartanischen Staats war so fest, daß er nicht nötig hatte, den gestürzten Machthaber auszustoßen. Zu diplomatischen Aufgaben ist Lysander noch mehrfach benutzt worden, so bei Verhandlungen mit Dionys (u. S. 87) und mit den Peloponnesiern85; auch militärische Kommandos hat man ihm später wieder anvertraut; aber zur Macht ist er nicht wieder gelangt. Seine Pläne freilich hat er niemals aufgegeben, und unter der Bürgerschaft hatte er immer [43] noch einen großen Anhang86. Er trug sich mit dem Gedanken, die legitime Macht des Erbkönigtums, der er erlegen war, zu beseitigen und durch ein Wahlkönigtum zu ersetzen; da sein Vater Heraklide war, hoffte er alsdann die Stimmen auf sich vereinigen zu können. Er engagierte einen Literaten Kleon von Halikarnass, der ihm eine Rede für die Verfassungsänderung entwarf, die sich später in seinem Nachlaß fand – das Gegenstück zu den literarischen Produkten, mit denen König Pausanias arbeitete; er versuchte die Orakel von Delphi und Dodona für seine Pläne zu gewinnen, ja er reiste selbst nach dem Ammonion in der Libyschen Wüste, das jetzt, wo das Ansehen der heimischen Orakelstätten zu erblassen begann, zu um so größerer Autorität anwuchs; er soll einen Schwindelpropheten aufgetrieben haben, der sich für Silenos, den Sohn des Apollo, ausgab und unter seine Sprüche auch die Weisung an Sparta aufnahm, den König fortan aus den besten Bürgern zu wählen. Aber all diese Machinationen halfen ihm nichts; seine eigenen Werkzeuge versagten, die Orakel zogen die reale Macht der imaginären vor und erwiesen sich seinen Bestechungen unzugänglich. Noch sieben Jahre lang hat Lysander sich mit diesen Entwürfen abgegeben, ein trauriges Bild eines gestürzten Intriganten, der den richtigen Maßstab für die realen Verhältnisse verloren hat. Einmal noch schien ihm die Hoffnung zu winken, als König Agis im Sommer 399 gestorben war. Seinen Sohn Leotychidas hatte der Vater selbst als Bastard von Alkibiades bezeichnet; gegen ihn erhob daher Agis' Bruder Agesilaos den Anspruch auf die Nachfolge. Lysander trat mit aller Energie für diesen ein; er deutete einen zweideutigen Spruch aus Delphi zu seinen Gunsten und setzte durch, daß Agesilaos das Königtum erhielt87. Er hatte gehofft, in ihm ein Werkzeug seiner Pläne zu gewinnen; bald sollte er erfahren, daß er seinen Meister gefunden und sich selbst zum Herrn gesetzt hatte.



Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 32-45.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Dulk, Albert

Die Wände. Eine politische Komödie in einem Akte

Die Wände. Eine politische Komödie in einem Akte

Diese »politische Komödie in einem Akt« spiegelt die Idee des souveränen Volkswillen aus der Märzrevolution wider.

30 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon