Ausgang des Hermokrates. Zweite karthagische Invasion. Einnahme von Agrigent

[65] Die Ereignisse des karthagischen Krieges haben über die Zustände, die in den griechischen Städten Siziliens herrschten, ein vernichtendes Urteil gesprochen. Trotz ihres Reichtums und ihrer Volkszahl hatten sie sich unfähig erwiesen, irgend etwas für die Wahrung ihrer Unabhängigkeit, ja ihrer Existenz zu leisten; kein Zweifel, daß, wenn die Karthager den Krieg weiter geführt hätten, eine Stadt nach der anderen das Schicksal von Selinus und Himera [65] geteilt haben würde. Die Hauptschuld trug Syrakus, das die Insel beherrschen wollte und nicht schirmen konnte; die herrliche demokratische Freiheit und ihr Führer hatten ihre Unfähigkeit offenkundig erwiesen. So ist es begreiflich, daß die Opposition sich von neuem erhob und auf eine Verfassungsänderung hinarbeitete. Hermokrates, der bisher als Verbannter für Sparta gewirkt und sich deshalb zu Ende des Jahres 409 der an den persischen Hof geschickten Gesandtschaft angeschlossen hatte (Bd. IV 2, 327), glaubte die Zeit gekommen, wo er die Rückkehr in die Heimat erreichen könne; wie für den Krieg gegen Athen, so fühlte er sich für den Karthagerkrieg als den berufenen Führer. Pharnabazos unterstützte ihn mit Geld; er landete in Messana und brachte alsbald ein ansehnliches Heer zusammen. Ein Handstreich auf Syrakus mißlang; dafür durchzog er weit und breit die Insel, besetzte Selinus und stellte die zerstörten Mauern wieder her, verwüstete das Gebiet von Motye und Panormos und zog schließlich nach den Trümmern von Himera. Die Karthager hatten kein Heer mehr auf der Insel und mußten Hermokrates gewähren lassen. Um so größer war der Eindruck, den seine kühnen Streifzüge in Syrakus hervorriefen, zumal als er die unbestatteten Leichen der syrakusanischen Gefallenen auf dem Schlachtfeld von Himera auflas und in feierlichem Zuge nach Syrakus entsandte. Die Stimmung schlug um: Diokles mußte um seine Existenz kämpfen. Er verlangte, man solle die Leichen aus der Hand des hochverräterischen Exulanten nicht annehmen; aber er drang damit nicht durch, sondern wurde verurteilt und selbst ins Exil geschickt. Trotzdem gelang es nicht, Hermokrates' Rückberufung durchzusetzen; mit Recht sah die Menge in ihm den kommenden Tyrannen. Da versuchte er, im Einverständnis mit seinen Parteigängern in der Stadt, noch einmal, durch Gewalt ans Ziel zu gelangen. Mit 3000 Mann zog er von Selinus aus und erschien bei Nacht vor den Mauern von Syrakus. Er fand seine Freunde bereit und das Tor geöffnet. Aber von seinen Truppen hatte ihm auf dem eiligen Marsch nur ein geringer Teil folgen können; die Bürgerschaft sammelte sich auf dem Markte und überwältigte die Eindringenden. Hermokrates selbst fiel, mit ihm viele seiner [66] Anhänger; die übrigen wurden vor Gericht gestellt und verbannt (407 v. Chr.)128.

Der Angriff des Hermokrates zeigte den Karthagern, daß der Krieg nicht zu Ende war. Wollten sie ihre Stellung behaupten, so mußten sie weiter gehen. Der vorige Feldzug hatte erwiesen, daß die Griechen ihnen in keiner Weise gewachsen waren; warum sollten sie nicht versuchen, die ganze Insel zu erobern? So wurden die Rüstungen wieder aufgenommen, diesmal in noch umfassenderer Weise als vorher; zu den Bürgertruppen und den Untertanen aus der afrikanischen Provinz und den Phönikerstädten kamen Söldner aus Spanien und von den Balearen sowie Hilfstruppen der numidischen und maurischen Häuptlinge129. Auch kampanische Reisläufer wurden angeworben; die alte Truppe von 800 Mann, die sich für ihre Dienste nicht genügend belohnt sah, trat dagegen zu den Griechen über. Obwohl Hannibal sich mit Hinweis auf sein Alter sträubte, wurde ihm der Oberbefehl von neuem übertragen und ihm sein Vetter Himilko, der Sohn des großen Hanno, beigegeben. Die Syrakusaner suchten durch Verhandlungen der Gefahr zuvorzukommen; aber sie erhielten eine ausweichende Antwort. So blieb auch den Griechen nichts übrig, als zu rüsten. Die Agrigentiner, die der erste Angriff treffen mußte, brachten ihre Habe in die Stadt [67] und verproviantierten sich nach Kräften; die übrigen Städte sagten Unterstützung zu. Zugleich wandte man sich nach Italien und Sparta um Hilfe, und letzteres sandte den Dexippos130 als Feldherrn, der Söldner anwarb und zunächst in Gela Stellung nahm. Auch Syrakus begann Truppen auszuheben und setzte seine Flotte instand; neue Schiffe zu bauen, so daß man den Karthagern gleich beim Landungsversuch hätte entgegentreten können, hielt man auch jetzt nicht für nötig. Immerhin war man besser gerüstet als drei Jahre zuvor. Aber fraglich genug war es doch, ob man imstande sein werde, der feindlichen Macht zu widerstehen. Überdies wirkte der Schrecken, der vor den Eroberern von Selinus und Himera einherging, lähmend auf alle Operationen; und dazu kamen in allen Städten die Gegensätze des Parteitreibens. So ist es begreiflich, daß überall Stimmen laut wurden, welche der Unterwerfung das Wort redeten, weil der Widerstand aussichtslos sei, und daß gegen die Feldherrn, wenn sie zögernd und unsicher operierten, der Vorwurf erhoben wurde, sie seien bestochen und ständen mit den Feinden in heimlichem Einvernehmen – ob daran irgend etwas Wahres ist, läßt sich für uns nicht mehr entscheiden131.

Im Frühjahr 406 ging die karthagische Expedition in See. Die Vorhut von 40 Trieren wurde an der Westküste der Insel von der gleich starken syrakusanischen Flotte geschlagen. Als aber Hannibal mit 50 weiteren Schiffen herankam, erwies sich dieselbe als zu schwach und kehrte nach Syrakus zurück. So konnte das karthagische Heer ungehindert landen. Hannibal bot den Agrigentinern Frieden und Bündnis, wenn sie sich ruhig halten wollten; als sie das ablehnten, begann er die Belagerung (Mai 406)132. Freilich war Agrigent eine ganz andere Stadt als Selinus und Himera, an [68] Umfang nahezu so groß wie Athen und der Piräeus zusammen, wenn auch schwerlich so dicht bewohnt, mit einem Gebiet weit größer als Attika, mit einer Bevölkerung von etwa 200000 Menschen, darunter 20000 waffenfähige Männer aus den oberen Ständen133. Außerdem hatte die Bürgerschaft Dexippos mit 1500 Mann und die 800 Kampaner in Sold genommen und auf die hochragende Burg, den Athenahügel, gelegt. Der Mauerring Therons lief fast durchweg auf steil abfallenden Höhen; nur im Südwesten, wo er sich zum Tal des Hypsas hinabsenkt, war die Stadt angreifbar. Hier errichteten denn Hannibal und Himilko ein verschanztes Lager134, erbauten zwei Belagerungstürme und begannen den Sturm; die Reserve, namentlich die spanischen und kampanischen Söldner, dazu einen Teil der Libyer, legten sie auf die Höhen im Osten der Stadt, um einem von Syrakus kommenden Entsatzheer entgegenzutreten. Die Belagerten steckten bei einem nächtlichen Ausfall die Türme in Brand; Hannibal ließ Dämme gegen die Mauern aufführen, wozu die Grabbauten der großen Nekropole im Westen bequemes Material boten. Aber jetzt war die heiße Jahreszeit herangekommen; die Erdarbeiten und die Miasmen der Flußniederung erzeugten in den zusammengedrängten Menschenmassen eine verheerende Epidemie135, der auch Hannibal zum Opfer fiel. Jedoch Himilko hielt aus; er ließ fortan die Gräber unangetastet, [69] brachte den zürnenden Göttern einen Knaben als Opfer, warf einen Damm durch den Fluß und brachte seine Maschinen bis auf die Höhe der Stadtmauer.

Inzwischen waren die Syrakusaner endlich mit ihren Rüstungen fertig geworden. Einschließlich der Zuzüge aus Unteritalien und aus den sizilischen Städten, vor allem aus Messana, Gela und Kamarina, hatten sie eine Armee von 30000 Mann und 5000 Reitern zusammengebracht. Damit rückte der Feldherr Daphnäos längs der Südküste vor, gedeckt durch eine Flotte von 30 Schiffen. Westlich von der Mündung des Himeraflusses trat ihm die karthagische Reservearmee entgegen; sie wurde vollständig geschlagen und auf das Hauptlager zurückgeworfen. Vielleicht wäre es jetzt möglich gewesen, einen entscheidenden Schlag zu führen und die Karthager zum Abzug zu zwingen. Aber die Erfahrungen, die man in den Kämpfen vor Himera gemacht hatte, hemmten jeden kühnen Entschluß. Daphnäos hielt seine Truppen zurück, um sie nicht dem Angriff des intakten feindlichen Hauptheers auszusetzen, und die Feldherrn in Agrigent wagten keinen Ausfall, um nicht Himilko die Möglichkeit zu geben, währenddessen in die Stadt einzudringen. Daphnäos besetzte das Lager der Reservearmee136; die Agrigentiner strömten zu ihm, und jetzt brach der Sturm gegen ihre Feldherrn aus. Die Verbündeten, voran Menas, der Führer des Kontinents von Kamarina, erhoben Klage, daß man sie nicht unterstützt und so den sicheren Sieg sich habe entgehen lassen. Vier von den fünf Strategen wurden von der erbitterten Menge gesteinigt. Auch gegen Dexippos, auf dessen Kriegserfahrung man gebaut hatte, erhoben sich die schwersten Vorwürfe; in echt spartanischer Art hatte er die Bedächtigkeit bis zu schwachherziger Ängstlichkeit gesteigert. – Immerhin war der Erfolg bedeutend genug; die Verbindungen waren frei, die Karthager, auf das Lager im Westen beschränkt, gerieten in arge Not. Die festen Lagerwälle vermochten die Griechen freilich nicht zu stürmen; aber sie schnitten den Feinden die Zufuhr ab, so daß die Söldner, die Kampaner voran, zu meutern [70] begannen. Indessen Himilko blieb fest; er hielt die aufsässigen Truppen mit Versprechungen hin und verpfändete ihnen die kostbaren Trinkgeschirre der karthagischen Offiziere. Die Sorglosigkeit der Griechen, die den vollen Sieg schon in den Händen zu haben glaubten, bot ihm die Gelegenheit zu einem entscheidenden Schlag. Schon kam der Winter heran; um so weniger glaubten die Syrakusaner, daß die karthagische Flotte, die sich bisher nie hatte sehen lassen, sich jetzt noch auf die See wagen werde. Ein großer Provianttransport kam zur See heran, von wenigen Kriegsschiffen gedeckt; plötzlich wurde er von 40 Trieren, die Himilko von Motye herbeigerufen hatte, überfallen, die Begleitschiffe vernichtet, der Transport abgefangen. Damit schlug die Situation in ihr Gegenteil um. Die Karthager beherrschten jetzt die See; zu Lande war auf den schlechten Wegen Verpflegung nicht zu beschaffen, in Agrigent war man mit den Vorräten sorglos umgegangen. Alsbald brach Hungersnot aus. Dexippos, angeblich bestochen, erklärte die Stadt für nicht mehr haltbar; die Kampaner traten gegen 15 Talente wieder zu Karthago über, die italischen Kontingente kehrten in die Heimat zurück. Wie drei Jahre zuvor in Himera, so entschloß man sich jetzt in Agrigent, die Stadt zu räumen, solange es noch Zeit war. Unter dem Schutz der Armee zog bei Nacht die gesamte Bevölkerung ab; am nächsten Morgen konnte Himilko ohne Kampf in die Stadt einrücken (Dez. 406). Wer wegen Krankheit oder Altersschwäche, oder weil er den Untergang der Heimat nicht überleben wollte, zurückgeblieben war, wurde niedergemacht oder gab sich selbst den Tod, so Gellias, der reichste Bürger, berühmt durch seine Freigebigkeit und Gastlichkeit. Die Tempel wurden niedergebrannt und ihre Reliefs verstümmelt, unermeßliche Beute, darunter zahlreiche berühmte Kunstschätze137, nach Karthago gesandt; in den leeren Häusern bezog Himilko mit seiner Armee Winterquartiere. Der geretteten Bevölkerung wies Syrakus das in Trümmern liegende Leontini zum Wohnsitz an138.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 65-71.
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