Der Königsfriede

[263] In elenden Scharmützeln und schmachvollen Erpressungen schleppte der Krieg sich von Jahr zu Jahr hin; je länger er dauerte, desto mehr gewann er zu Lande wie zur See den Charakter einer Räuberfehde. Keiner der sich bekämpfenden Staaten hatte genügende Mittel, um der Gegner Herr zu werden. Athen, ehemals das Bild gesunder, emporstrebender Volkskraft, bot jetzt das traurige Schauspiel ohnmächtiger Prätention; an diesen elenden Zuständen ging jede achtungswerte Persönlichkeit zugrunde. Argos, dessen Politik einzig von der Kriegsscheu geleitet war, machte sich [263] mit seinen Ansprüchen nur lächerlich; es hat gar nichts mehr geleistet, und ebensowenig der Böotische Bund. Diesen Gegnern gegenüber mußte Sparta immer noch imponieren; es war doch noch ein achtunggebietender Staat mit einer festgefügten Macht und konsequenter politischer Leitung. Aber ihm fehlte sowohl eine seinen jetzigen Aufgaben gewachsene Kriegsmacht wie das, was diese hätte ergänzen, ja ersetzen können, das Geld; und so konnte es aus eigener Kraft nicht ans Ziel gelangen. Doch war es, eben weil es noch eine wirkliche politische Macht war, allein von allen griechischen Staaten, abgesehen von dem mächtigen sizilischen Reich, imstande, diese Mängel durch diplomatische Mittel zu ersetzen. Dadurch ist es ihm möglich geworden, dem Krieg ein Ende zu setzen, der sich sonst unabsehbar und völlig resultatlos hätte hinschleppen können. Im J. 388, unter der Einwirkung der Erfolge Thrasybuls, tat es den entscheidenden Schritt. Antalkidas wurde zum Nauarchen ernannt mit dem Auftrag, nicht sowohl das Kommando der Flotte zu übernehmen als vielmehr die Verhandlungen mit Persien wieder anzuknüpfen, die schon einmal beinahe zum Ziele geführt hatten. Zugleich wandte Sparta sich aufs neue an Dionysios mit der Aufforderung, jetzt endlich seinem getreuen Alliierten den schuldigen Gegendienst zu leisten; und Dionys, jetzt in sicherem Besitz seiner Macht und mitten auf dem Wege zu großen neuen Erfolgen – er hatte gerade die Belagerung von Rhegion begonnen –, war dazu bereit. Daß er zu der Olympienfeier im Hochsommer 388 eine glänzende Festgesandtschaft schickte mit zahlreichen Viergespannen und Rhapsoden für den Vortrag seiner Gedichte, war die Ankündigung, daß er fortan die Verhältnisse des Mutterlandes nicht unbeachtet lassen werde.

In Athen war man sich der drohenden Gefahr bewußt und suchte ihr zuvorzukommen. Man sah ein, daß man Dionysios nicht gewinnen könne; die schönen Hoffnungen, mit denen man sich in Konons Zeiten getragen hatte, waren längst begraben. So versuchte man sich seiner zu erwehren, indem man die populären Leidenschaften gegen den Tyrannen aufhetzte. Lysias, der gewandte Advokat, war der gegebene Mann, das stolze Programm der radikalen Demokratie vor aller Welt zu verkünden. Er ging [264] nach Olympia487 und stellte in kunstvoller Rede der zu den Festspielen versammelten Hellenenwelt vor, wie unrecht sie tue, sich in blutigem Hader zu zerreißen und dadurch auf der einen Seite die Macht des Tyrannen, auf der andern die des Perserkönigs großzuziehen, die mit ihren Geldmitteln und ihrer Seemacht Hellas erdrücken könnten; Sparta, das sich durch seine Taten die Führerschaft in Hellas gewonnen habe, tue sehr unrecht, das zu dulden, statt sich durch einen Kampf für die Freiheit nach dem Muster des Herakles unsterblichen Ruhm zu erwerben. Vielleicht glaubte der Redner in der Tat, durch diese Worte auf die Spartaner Eindruck machen zu können; daß es Athen gewesen war, das mit seinen Bundesgenossen den Krieg in Hellas entzündet und den Perserkönig, den Sparta bekriegte, zur entscheidenden Macht im Agäischen Meer erhoben hatte, verschwieg er wohlweislich. Er forderte die Versammelten auf, zur Tat zu schreiten und an dem Tyrannen von Sizilien ein Exempel zu statuieren. Lysias' Worte haben Erfolg gehabt: der Pöbel insultierte Dionysios' Festgesandtschaft und plünderte ihre Zelte. Daß sie durch ein derartiges Auftreten das Gegenteil von dem erreichten, was sie erstrebten, und den mächtigen Herrscher vollends den Spartanern in die Arme trieben – diese Einsicht zu fordern, hieße in der Tat von überzeugten Demokraten zu viel verlangen.

Antalkidas hat gegen Ende des Sommers 388 das Kommando der Flotte übernommen488 und seinen Adjutanten Nikolochos nach dem Hellespont, Gorgopas aufs neue nach Ägina gesandt (o. S. 262f.). Er selbst ging nach Susa. Hier fand er die günstigste Aufnahme. Tiribazos, der beim König immer in Gnade geblieben war, unterstützte seine Pläne eifrig, Artaxerxes selbst fand großes Wohlgefallen [265] an dem gewandten Unterhändler. Das Ausschlaggebende war die politische Situation. Der Haß gegen Sparta war allmählich verraucht, die Absurdität einer weiteren Unterstützung Athens einleuchtend, wo dieses sein Reich wieder aufrichtete, seine Herrschaft auf Städte des Festlands ausdehnte, und den Rebellen Euagoras unterstützte. Entscheidend wurde, daß der König freie Hand haben wollte, diesen niederzuwerfen und zugleich Ägypten wieder zu erobern. So einigte sich der König mit Sparta auf Grund der von diesem fünf Jahre zuvor gemachten Vorschläge: das asiatische Festland sowie von den Inseln Cypern und Klazomenä sollten ihm überlassen bleiben, alle übrigen Griechenstädte, groß und klein, frei sein; jede Widersetzlichkeit werde der König in Gemeinschaft mit den gleichgesinnten Staaten mit allen Mitteln bekämpfen. Den Athenern wurde die von Sparta 391 gebotene Konzession gewährt, daß sie die drei Klerucheninseln behalten sollten489. – Um die neue Politik durchzuführen, wurde Tiribazos aufs neue als Statthalter nach Sardes und Ionien geschickt und Pharnabazos im hohen Ehren abberufen, eine Tochter des Königs490 zu heiraten; an seine Stelle trat als Satrap des hellespontischen Gebiets Ariobarzanes. Mit Tiribazos zusammen trat Antalkidas im Sommer 387 den Rückweg nach Kleinasien an.

Während in Susa die Entscheidung fiel, hatte sich Sparta endlich wieder zu einem neuen Angriff auf Argos aufgerafft. Diesmal trat der junge König Agesipolis an die Spitze des Heeres. Nachdem er sich von den Orakeln gewissenhaft die Erlaubnis hatte geben lassen, sich über die heiligen Monate hinwegzusetzen, fiel er im J. 387 in das Gebiet von Argos ein und rückte gegen die Stadt selbst vor; indessen wagte er doch keinen ernstlichen Angriff, sondern zog schließlich unverrichteterdinge wieder ab491. Sonst [266] scheinen während des Sommers die Waffen geruht zu haben. Als aber im Herbst 387 Antalkidas nach Kleinasien zurückkehrte, traf er sofort die Maßregeln für den entscheidenden Schlag. Er selbst ging zu Lande nach Abydos und knüpfte zugleich mit Chalkedon Verhandlungen an. Dionysios entsandte 20 Schiffe unter dem Kommando seines Schwagers Polyxenos in die griechischen Gewässer492, und die neuen Satrapen Tiribazos und Ariobarzanes begannen gleichfalls aufs neue eine Flotte auszurüsten. So zog sich wieder wie im J. 405 das Ungewitter drohend um den Hellespont, den Lebensnerv Athens, zusammen. Athen tat, was es konnte, der Gefahr zu begegnen; Iphikrates ging nach Byzanz, die Strategen Demainetos, der zu Anfang des Jahres den Angriff des Chabrias auf Ägina unterstützt hatte (o. S. 263), Dionysios, Leontichos, Phanias wurden nach Abydos geschickt, Thrasybul von Kollytos folgte mit 8 weiteren Schiffen und nahm zunächst bei Tenedos Stellung. Antalkidas brach, in der vorgegebenen und laut verkündeten Absicht, Chalkedon Hilfe zu bringen, bei Nacht von Abydos auf; die athenischen Feldherrn folgten ihm schleunigst mit allen Schiffen. Aber er lief in eine gedeckte Bucht bei Perkote nördlich von Abydos ein und ließ sie vorbeifahren; und als dann Thrasybul versuchte, den Hellespont zu durchfahren, um sich mit dem Gros zu vereinigen, wurde er mit seinen 8 Schiffen von Antalkidas abgefangen. Darauf zog dieser die Syrakusaner und die persischen Schiffe an sich heran und brachte seine Flotte auf über 80 Schiffe493. Der Hellespont war in seiner Gewalt, die attische [267] Flotte im Bosporos von der Heimat abgeschnitten, Athen die Zufuhr unterbunden; auch König Seuthes zog es vor, mit der Macht zu gehen und wie im J. 400 auf die Seite Spartas zurückzutreten. Gleichzeitig ging Teleutias, jetzt zum dritten Male mit der Nauarchie bekleidet, im Herbst 387 nach Ägina494. Er hatte schon früher verstanden, seine Leute an sich zu fesseln; unter seiner Führung hoffte die Schiffsmannschaft, aufs neue Beute und damit reichlichen Lohn zu gewinnen, und war bereit, die Schiffe wieder zu besteigen. Die Athener waren keines Angriffs gewärtig; so konnte er bei Tagesanbruch ungehindert mit 12 Schiffen in den Piräeus eindringen und, ehe die Athener zur Besinnung gekommen waren, eine große Zahl Kauffahrteischiffe und selbst ein paar Trieren davonführen und dann die ganze Küste bis nach Sunion hin absuchen und abfangen, was ihm in den Weg kam. Die Situation war reif zur Entscheidung; zu Anfang des Winters 387495 erließ Tiribazos die Aufforderung an alle griechischen Staaten, Gesandte zu ihm zu schicken, um den Befehl des Königs entgegenzunehmen.

In Athen war man in fieberhafter Aufregung. Ein Gerücht jagte das andere: »die Schiffe im Pontos seien verloren, sie seien von den Spartanern genommen, die Häfen gesperrt, der Friede werde nicht zustande kommen« (Lys. 22, 14). Aufs neue stand die Hungersnot vor der Tür. Die Extremen wollten auch diesmal den Verzweiflungskampf wagen496; hatte man doch eben erst dem Demos [268] der Inselstadt Klazomenä, die der König für sich beanspruchte, feierlich die Freiheit und den Schutz gegen alle Feinde zugesagt (s.o. S. 268, 2). Aber sie drangen nicht mehr durch. Wie alle anderen beteiligten Staaten schickten auch die Athener Gesandte an den Satrapenhof und nahmen die Bedingungen entgegen, die der König den Hellenen gnädig gewährte. Die Ausführung wurde einem Kongreß in Sparta überlassen. Athen fügte sich; es mußte froh sein, daß es von allen Gegnern noch am besten davonkam und nicht nur seine Autonomie, seine Mauern und Schiffe und damit seine Bewegungsfreiheit, sondern auch die drei Inseln behalten durfte. Ernsthafteren Widerspruch erhoben die Landmächte. Korinth wollte von der Verbindung mit Argos nicht ablassen, Theben die Suprematie über Böotien behaupten und im Namen des Böotischen Bundes den Eid leisten. Da erwirkte Agesilaos von den Ephoren den Befehl, mobil zu machen, und damit verstummte der Widerspruch. Theben, das jetzt bitter bereuen mochte, in den Jahren 391 und 390 die Verhandlungen abgebrochen zu haben, gab die böotischen Städte frei; die Argiver zogen aus Korinth ab. Zu Anfang des J. 386 wurde der Königsfriede von allen griechischen Staaten, groß und klein, beschworen und überall die Bürgerheere entlassen und die Soldtruppen aufgelöst497. Die Welt des Ägäischen Meeres hatte wieder Ruhe.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 263-270.
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