Sophistik und Rhetorik. Isokrates

[322] Aber die Poesie steht im vierten Jahrhundert überhaupt nicht mehr im Zentrum des geistigen Lebens. An ihre Stelle ist die Prosaliteratur und zunächst vor allem die Redekunst getreten. Durch die Praxis der politischen und Gerichtsrede und durch die theoretisch begründete Tätigkeit der Sophisten hat die sprachliche Form der Prosa ihre volle Ausbildung erhalten, so daß jetzt ihre Erzeugnisse, z.B. die Schriften des Isokrates, beanspruchen dürfen, als gleichberechtigte Kunstschöpfungen der poetischen Literatur zur Seite zu treten. Auf der anderen Seite ist die Unentbehrlichkeit [322] einer geistigen Schulung für das praktische Leben an der Hand des Sprachunterrichts, wie sie die Sophisten begründet haben, jetzt in der ganzen gebildeten Welt anerkannt. In Thessalien wirkt zu Anfang des Jahrhunderts noch der alte Gorgias und neben ihm seine Schüler wie Polos von Agrigent, Likymnios von Chios (zugleich Dithyrambendichter), Lykophron; auf Cypern wird unter Euagoras Salamis auch auf diesem Gebiet geradezu eine Filiale Athens. Aber der Hochsitz der modernen Erziehungskunst bleibt Athen. Wenn dieselbe nicht in Athen entstanden ist, so sind es jetzt Athener, welche auch auf diesem Gebiet alle auswärtigen Konkurrenten in den Schatten stellen: die schöpferische Kraft, welche im fünften Jahrhundert dem Drama zufloß, wendet sich jetzt der Redekunst zu. Bald strömt aus ganz Hellas die wohlhabende Jugend nach Athen, um bei den attischen Meistern zu lernen. Die Erben der großen Sophisten halten fest an dem Anspruch ihrer Vorgänger, durch den Besitz der richtigen Erkenntnis und der richtigen Methode jede Frage in angemessener Weise ebenso geistreich wie überzeugend behandeln zu können und daher auch die berufenen Erzieher für das sittliche und praktische Leben zu sein. Allerdings ist der Sophistenname durch die Angriffe gegen seine Träger in Mißkredit gekommen; so nehmen ihre Nachfolger ganz wie Sokrates und seine Schüler den bescheidener klingenden Philosophennamen für sich in Anspruch, so wenig er für ihr Wesen paßt, und verwertenden alten Ehrentitel geringschätzig zur Bezeichnung ihrer Konkurrenten590. Tatsächlich freilich ist diese Philosophie nichts anderes als Rhetorik, eventuell verbrämt mit dialektischen Vorübungen und einigen moralischen und politischen Unterweisungen. Hier behauptet jeder Lehrer, die empfehlenswerteste und am besten bewährte Methode zu besitzen, durch die er jeden Schüler mit Sicherheit ans Ziel führt, der anerkannte Meister in einem langen Lehrkursus gegen hohes Honorar, der weniger Erfolgreiche und der Anfänger in ein paar Stunden für drei oder vier Minen. Ein Teil, die »Streithähne« (Eristiker), bevorzugt die Übungen im Disputieren und im Fangspiel sophistischer Trugschlüsse, in der Art, wie sie Plato im Euthydemos so köstlich geschildert hat. Wer höhere Ansprüche erhebt, folgt meist der von Tisias, Gorgias, Thrasymachos begründeten Methode und läßt den Schüler auf Grund eines systematisch durchgebildeten Lehrsystems – das sie dann eventuell auch als Buch (τέχνη) publizieren – schriftliche Ausarbeitungen über ein gegebenes Thema und Übungen im Vortrag ausführen. Da hat dann jeder seine besonderen Erfindungen, auf die er sich nicht wenig zugute tut, neue Definitionen und Einteilungen, praktische Ratschläge und vor allem sprachliche Kunststücke, wie bei Isokrates die Meidung des Hiatus und die Rhythmisierung der Prosa. Dieser Richtung gehören neben vielen anderen, die für uns verschollen sind, Theodoros von Byzanz und vor allem Isokrates von Athen an, ein Schüler des Gorgias; ferner sein Landsmann Polykrates, der in höherem Alter, nachdem er in der Heimat Schiffbruch gelitten hatte, auf Cypern eine Schule eröffnete591. Neben den Theoretikern stehen die Praktiker, unter denen seiner Zeit Lysias, der begehrteste Anwalt Athens und eben darum nur nebenbei als Lehrer tätig, die erste Stelle einnahm; sodann Isäos und andere. Im Gegensatz zu der herrschenden Manier stellt Alkidamas von Eläa, gleichfalls ein Schüler des Gorgias, der vor 380 in [325] Athen als Lehrer auftrat, in einer lebendig geschriebenen Streitschrift die Kunst der Improvisation in den Vordergrund: sie allein sei der wahren Rhetorik und Philosophie würdig, die übliche Manier dagegen, »aus den Schriften der früheren Sophisten Sentenzen zusammenzulesen und nachzuahmen«, sei für die Praxis wertlos; vor Gericht komme es auf Schlagfertigkeit an, und mit einem auswendig gelernten Vortrag mache man sich nur lächerlich592. – Neben all diesen seltsamen Lehrern der Weisheit und Tugend stehen die wahren Philosophen, die Erben des Sokrates, auch sie mit dem Anspruch, die richtige Erziehung für das Leben zu geben, auch sie zum Teil wenigstens bereit, die rednerische Ausbildung in ihr Programm aufzunehmen, aber alle mit der Forderung einer tieferen Begründung der Erziehung auf der Basis der Sittlichkeit und der Erkenntnis593.

Nach alter Weise geben die Erziehungskünstler Musterstücke als Proben ihres Könnens heraus, durch die sie die Rivalen überbieten und die Kunden anlocken wollen. Die universellen naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Probleme freilich, welche die älteren Sophisten behandelt haben, sind jetzt abgetan; das sind Themata, über die so viel Paradoxen aufgestellt sind, daß sich nichts Neues mehr vorbringen läßt. Die neuen Formen der rhetorischen Literatur hat bereits Gorgias in seinen späteren Jahren aufgestellt; neben den großen Prunkreden, die noch an eine praktische Aufgabe anknüpften, einer Leichenrede auf die gefallenen Athener und der Olympischen Rede, in der er wahrscheinlich im J. 408 die Griechen zur Einigung und zum Nationalkrieg gegen Persien aufforderte, verfaßte er eine Anzahl kleiner Kabinettstücke, das Lob der Helena, die Verteidigung des Palamedes. Die Aufgabe war, die Behandlung des unscheinbaren Themas unmerklich [326] auf große allgemeine Gesichtspunkte hinüberzuführen, die dem Schriftsteller vor allem am Herzen liegen. So wird Gorgias' Helena eine Verkündigung der Allgewalt der Rede, Isokrates' Konkurrenzschrift über dasselbe Thema nicht nur ein Preis der Allmacht der Schönheit, sondern zugleich eine Verherrlichung Athens und seiner Kultur594, sein Busiris eine Darlegung des festgefügten ägyptischen Staatswesens und seiner sozialen Gliederung, die hier als ein politisches Ideal erscheint, das auch Sparta nur unvollkommen nachgeahmt hat. Ebenso hat Antisthenes die Reden des Aias und Odysseus im Streit um die Waffen Achills benutzt, um seine Ansicht über die Minderwertigkeit der physischen Kraft gegenüber dem wahren Staatsmann und Feldherrn darzulegen, der im Besitz der Weisheit ist und daher die Situation beherrscht. Ähnlich hatte bereits Hippias sein Lehrprogramm dem Nestor in den Mund gelegt (Bd. IV I, 896). Bei anderen dagegen artete diese Manier in kindische Spielerei aus, so bei Alkidamas in der Lobschrift auf den Tod, bei Polykrates in dem Preis der Fliegen oder des Busiris und der Klytämnestra. Auch Lysias' bei Plato erhaltene Liebesrede, die beweisen will, daß es ratsamer sei, dem nicht Verliebten als dem Liebhaber zu willfahren, ist um nichts besser. Vereinzelt stellten die Redner ihre Kunst auch den politischen Bestrebungen zur Verfügung, so Thrasymachos in der Rede für die Larisäer (o. S. 54), Lysias in der Olympischen Rede gegen Dionys (o. S. 264f.), Polykrates in seiner Anklageschrift gegen Sokrates, die offenbar zur Abwehr des Plato und anderer Sokratiker auf Betreiben des Anytos und seiner Gesinnungsgenossen verfaßt ist und auf die dann wieder Lysias mit einer Verteidigungsrede antwortete. Nicht minder lebhaft als um den toten Sokrates wurde um Alkibiades gekämpft (u. S. 353). Hinzu kommt die Veröffentlichung der Plädoyers aus den Prozessen. Lysias hat nach dem Muster Antiphons Hunderte von Prozeßreden veröffentlicht, ebenso Isäos, Isokrates dagegen nur einige wenige. Die feiner Empfindenden freilich sahen auf das Treiben der »Redenschreiber« mit unverhohlener [327] Verachtung herab (o. S. 219) – etwas wesentlich anderes war es, wenn ein Politiker wie Andokides die in eigener Sache gehaltenen Reden veröffentlichte –; aber trotzdem fand diese ganze Literatur ein großes Publikum und wurde namentlich von der Jugend mit Begier verschlungen (vgl. Phädros bei Plato). Sie war nun einmal recht eigentlich der Ausdruck der modernen Zeit; das praktische Bedürfnis nach rhetorischer Ausbildung und das theoretische nach Gewinnung einer ethischen und politischen Lebensnorm wurde allgemein empfunden, und daneben stand die Freude an der Diskussion und dem wenn auch noch so verschrobenen Scharfsinn und nicht am wenigsten an der schönen Form.

Innerlich freilich war dies ganze Treiben hohl und unwahr im höchsten Grade und nur zu geeignet, alles gesunde Empfinden zu zerstören und das durch die furchtbaren politischen Zustände schon verwüstete moralische Gefühl vollends zu ersticken. Das Ärgste war, daß Publikum und Schriftsteller sich gegenseitig ernst nahmen oder wenigstens ernst zu nehmen vorgaben; wie Gorgias, der trotz all seiner Schwächen doch immer ehrlich war, ihre kleinen Aufsätze als eine Spielerei (παίγνιον, Helena 21) zu bezeichnen, wäre seinen Nachfolgern nie in den Sinn gekommen. Es ist nicht anders, als wie Plato wieder und wieder das Wesen der Sophistik charakterisiert: sie jagen dem Schein nach und geben ihn für Wahrheit aus; sie sind in Wirklichkeit, mögen sie formell noch so begabt sein, doch nur armselige Schlucker, welche die Verirrungen einer todwunden Zeit benutzen, um ihren Schülern für eine Summe Geldes ein paar praktische Kunstgriffe für das Leben beizubringen. – Die innere Wertlosigkeit der herrschenden Manier hat auch der Mann erkannt, der unter ihnen allen den größten Namen gewonnen hat, Isokrates von Athen (geb. 436 v. Chr.). Er war der Sohn eines wohlhabenden Flötenfabrikanten und hat in seiner Jugend den Erziehungskursus des Gorgias durchgemacht; als er durch den Krieg sein Vermögen verloren hatte wie so viele andere, hat er gleich nach der Restauration der Demokratie begonnen, was er bei Gorgias gelernt hatte, als Redenschreiber praktisch zu verwerten. Seine Begabung reichte über das Durchschnittsmaß kaum [328] hinaus; und in der Kunst, schlicht und klar das Treffende zu sagen, stand er hinter Lysias weit zurück. Aber er hatte eine feine Empfindung für den Wohlklang der Sprache; und durch unermüdlichen Fleiß, durch ununterbrochenes Feilen wußte er seinen Perioden eine vollendete Abrundung zu geben, die über die ermüdende Breite hinwegtäuschte – den modernen Leser allerdings, der für diese Art der Schriftstellerei kaum noch ein Organ hat, verführt sie umgekehrt oft genug dazu, den Inhalt seiner Schriften zu unterschätzen. Überhaupt war Isokrates eine feinfühlige Persönlichkeit, sehr ähnlich seinem römischen Gegenbilde Cicero; die Schroffheit und die rabulistische Art des geborenen Advokaten, welche Lysias zeigt, war ihm fremd. Zwar war er unermeßlich eitel wie alle flachen Geister und daher empfindlich und gegen Gegner und Konkurrenten oft gehässig und boshaft (vgl. den Eingang des Busiris), aber keineswegs ohne wahre Empfindung; er hatte wirklich Ideale, und wenn er von seiner Heimat und von der Not von Hellas spricht, kann man durch alle Phrasen hindurch ein warmes Gefühl nicht verkennen. Vor allem aber besaß er Verständnis für das, was seine Zeit brauchte. So war er zwar zum Redner gänzlich ungeeignet – er konnte überhaupt nicht frei sprechen, und es ist ein sinnverwirrender Mißbrauch, wenn wir seine Broschüren Reden nennen –, wohl aber geschaffen zum tonangebenden Literaten, der immer dem formvollendeten Ausdruck gibt, was die große Masse der Gebildeten empfindet und sagen möchte. Durch seine Advokatentätigkeit konnte er sich nicht befriedigt fühlen, und den Widerspruch zwischen Theorie und Praxis in dem üblichen rhetorischen Unterricht empfand er sehr wohl. So trat er, als er um das J. 393 in Athen seine Schule eröffnete – vorher soll er eine Zeitlang auf Chios gelehrt haben –, mit einem anderen Programm auf als seine Kollegen. Der Anspruch, die Tugend lehren zu können, ist lächerlich, und eine sichere Erkenntnis gibt es überhaupt nicht; die Eristik beschäftigt sich mit nutzlosen Dingen, die praktischen Redelehrer aber besitzen weder die richtige Unterrichtsmethode, noch ist die Abrichtung für Rechtshändel ein würdiges und sittlich gerechtfertigtes Ziel der Erziehung. Die wahre Aufgabe ist, die angeborenen Anlagen richtig zu entwickeln, die Schüler vom [329] Schlechten abzulenken und zu tüchtigen Staatsbürgern zu machen, die zugleich imstande sind, vernünftig zu urteilen und das Wahrscheinlichste zu erkennen. Das ist die einzig wahre Philosophie. Das Mittel dazu bietet die ernsthafte Beschäftigung mit der Redekunst, die nicht an trivialen Objekten und Prozessen, sondern an großen und edlen Gegenständen geübt wird und nur mit der Tugend und einem guten Ruf bestehen kann. Etwas Neues enthalten diese Sätze kaum; im Grunde sind sie nur das alte sophistische Lehrprogramm. Aber die Anstöße, die dieses eine Generation früher bot, sind jetzt weggefallen, und die energische Absage nach beiden Seiten, gegen die gewöhnlichen Rhetoren so gut wie gegen die anspruchsvollen Eristiker und Philosophen, gab ihm eine bedeutende Zugkraft. Auch war die rednerische Ausbildung, die Isokrates gab, in der Tat etwas anderes als die übliche Advokatenerziehung: die »Reden«, die er seine Schüler verfassen läßt, entsprechen den Aufsätzen und Vorträgen der modernen Erziehung, eine harmonische Verbindung formaler, intellektueller und sittlicher Ausbildung des Schülers. – Auch für sich selbst setzte Isokrates jetzt höhere Ziele: es galt zu zeigen, daß seine Kunst mehr zu leisten vermöge als die Abfassung brauchbarer Gerichtsreden. Indem er unternahm, die großen politischen Fragen, welche die Nation bewegten, in formvollendeten Essays zu behandeln und ihr die idealen Aufgaben vorzuhalten, welche in dem Hader des Tagestreibens dem Bewußtsein völlig entschwunden waren, hat er in der Tat eine historische Wirksamkeit gewonnen, welche alles überragte, was die Politiker gewöhnlichen Schlages zu leisten vermochten. Durch diese Tätigkeit ist er ständig gewachsen weit über das hinaus, was seine Anlagen erwarten ließen, vom Rhetor zwar nicht zum Staatsmann, wohl aber zum politischen Wortführer der Nation: ihm ist es zu verdanken, daß neben und in der Stimme Athens auch die Stimme der Nation zu Worte gekommen ist.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 5, S. 322-330.
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