Armenien und Kleinasien

[138] Von dem Hauptteil der großen medischen Landschaft, dem Gebiet von Egbatana und Rhagä, hat vermutlich schon Kyros das nördliche Bergland um den Urmiasee, die Landschaft Matiene221, abgetrennt. Mit ihr war im Westen das Stammland der Assyrer bis nach Opis hinab, das bei der Zerstörung Ninives zum medischen Reich gekommen war, im Norden das Araxestal und das Gebiet am Vansee, die Sitze der Alarodier und Saspeiren222, zu einer Satrapie verbunden und so das Gebiet von Urarṭu mit dem seiner [138] Todfeinde, der Assyrer, mit denen es einst um die Herrschaft Vorderasiens gerungen hatte, in derselben Provinz vereinigt. Beide Völker waren durch die Stürme des letzten Jahrhunderts aufgerieben. In dem alten Assyrerlande sitzt seit dem Fall Ninives eine aramäische Bevölkerung. Auch die Alarodier fristeten kaum noch ihre Existenz; sie erlagen dem Vordringen der indogermanischen Armenier (Haik). Woher und wie diese in das Land gekommen sind, das seitdem ihren Namen trägt, ist auch jetzt noch völlig rätselhaft. Sie sitzen vor allem in dem Hochland zu beiden Seiten des oberen Euphrat bis zu den Quellflüssen des Tigris. Aber sie greifen weit darüber hinaus; das ganze Land bis zum Araxes erhält den Namen Armenien. Sie saugen die Alarodier auf; nach Herodot werden dieselben nicht mehr erwähnt, schon im Jahre 400 heißt ihr Stammland am Vansee Ostarmenien. Die Provinzialeinteilung dagegen ist bestehen geblieben weit über die Perserzeit hinaus, nur daß, als in den Bergen am Tigrisdurchbruch südlich vom Vansee die Karduchen223 sich selbständig machten und nicht wieder bezwungen werden konnten, das assyrische Land abgetrennt und vielleicht mit Medien verbunden wurde. Aber erst nach 190 v. Chr. haben die Herrscher des eigentlichen oder Westarmenien das Araxesgebiet bis zum Kyros hin erobert und das spätere Armenien geschaffen. Damals wird uns aber auch schon gesagt, daß in diesem ganzen Gebiet dieselbe Sprache herrsche224. – Von dem starken Einfluß der persischen Nationalität und Religion auf Armenien ist früher schon gesprochen (o. S. 120).

[139] Im Osten und Norden grenzen an Armenien die schon besprochenen Provinzen, die Darius aus den von ihm unterworfenen kaspischen (11. Satrapie) und pontischen (19. Satrapie) Stämmen gebildet hat, dahinter das Gebiet der Kolcher (o. S. 102). Wo der Euphrat den Tauros durchbricht, von Melitene abwärts, grenzt Armenien an Kilikien. Kilikien ist das einzige von den selbständigen Reichen des Orients, welches sich in die Perzerzeit hinein erhalten hat. Der Syennesis hatte Kyros freiwillig gehuldigt, und so konnte er sein Reich auf seine Söhne vererben; die Griechen geben dem Regenten Kilikiens daher durchweg den Königstitel. Erst im 4. Jahrhundert ist die Dynastie beseitigt; die zweideutige Haltung, welche der Syennesis zur Zeit des Bruderkriegs zwischen Kyros und Artaxerxes II. einnahm, wird ihn und sein Haus die Krone gekostet haben225. – Zum kilikischen Reich gehört nicht nur das Stammland in den Taurosketten am Kalykadnos und die Ebene bis zum Amanos, sondern auch nördlich vom Tauros Kataonien mit Melitene und das Gebiet von Mazaka am Argäos, an dem der Name Kilikien haften blieb (Bd. I3 2 S. 693)226. Die Küste ist im Osten am Amanos von Phönikern besetzt (Rhossos, Myriandos), im Westen liegen zahlreiche griechische Faktoreien (Bd. III2 S. 423, und immer stärker macht sich in der Perserzeit auch in den einheimischen Handelsplätzen, wie Tarsos, Mallos, Issos, griechischer Einfluß geltend; auf ihren Münzen treten im 4. Jahrhundert griechische Aufschriften neben die aramäischen. Auch die Kiliker selbst waren unternehmende Seefahrer; sie stellten zur persischen Flotte ein starkes Kontingent, das bei Salamis vom Syennesis geführt wurde.

Im eigentlichen Kleinasien, dem Lande »unterhalb des Tauros«, [140] hat Darius von der Satrapie von Sardes Karien und das altgriechische Küstenland (das eigentliche Äolis mit Lesbos, Ionien und die dorischen Städte) nebst Lykien mit Milyas und Pamphylien abgetrennt. Mit Lydien blieben dagegen Mysien mit Teuthranien und dem lydischen Kolonialgebiet von Adramytion in der thebischen Ebene, und im Süden, durch die Phryger des Mäandertals vom Mutterlande getrennt, die lydischen Lasonier in Kabalien (Kibyra), sowie wahrscheinlich auch die Pisider verbunden. Allerdings scheinen beide Satrapien zunächst immer denselben Statthalter gehabt zu haben; erst seit dem Ende des 5. Jahrhunderts sind sie dauernd getrennt. Damals ist auch die Satrapie von Daskylion, welche das ganze übrige Kiemasien umfaßte, durch Loslösung des Binnenlandes Großphrygien mit Kappadokien von dem Küstengebiet am Hellespont und Pontos (Kleinphrygien) in zwei Teile zerlegt worden. Seit Xerxes im Jahre 478 den Artabazos, Sohn des Pharnakes, zum Statthalter von Daskylion eingesetzt hatte, ist die Satrapie immer in diesem von den »sieben Persern« abstammenden Hause geblieben, das auch in der Provinz große Besitzungen erhielt227.

[141] In dem ausgedehnten Kulturland des inneren Kleinasiens war das persische Beamtenregiment voll durchgeführt. Zahlreiche Perser waren im Lande angesiedelt und mit großen Ländereien ausgestattet, so die Otaniden, von deren Fürstentum in Kappadokien schon die Rede gewesen ist (o. S. 30). Durch ihren Einfluß hat die persische Religion im Lande Eingang gefunden, namentlich in Kappadokien, wo das große Heiligtum der persischen Götter in Zela am Iris jedenfalls in dieser Zeit entstanden ist, aber auch vielerorts in Lydien (o. S. 119f.). Auch persische Namen begegnen uns in Kleinasien nicht selten. Die Hohenpriester der geistlichen Fürstentümer der großen Göttinnen von Komana am Iris in Kappadokien, Komana am Saros in Kataonien, Pessinus in Phrygien, die uns in hellenistischer Zeit in fürstlicher Stellung begegnen, haben jedenfalls auch unter den Persern schon über ein ausgedehntes Tempelland mit zahlreichen Hörigen regiert. Die gleiche Stellung, mit Steuerfreiheit und Selbstverwaltung ihres Gebiets, haben offenbar auch die großen griechischen Heiligtümer erhalten, so die Apollonorakel von Klaros, von Didymoi, dessen Priester, die Branchiden, den Persern treu ergeben waren, von Magnesia am Mäander, ferner das Orakel von Telemissos an der karisch-lykischen Grenze und anderes. In den größeren Ortschaften Phrygiens und Lydiens und vor allem in der Königsstadt Sardes (vgl. o. S. 60) werden die Häupter der einheimischen Bevölkerung, die Nachkommen des alten Adels und die reichen Kaufherren und Fabrikanten an der Leitung der lokalen Angelegenheiten teilgenommen haben; doch versagen hier unsere Nachrichten vollständig. Das innere Kleinasien führt unter persischer Herrschaft bis auf die Wirren des 4. Jahrhunderts ein behagliches Stilleben Die Phryger und Kappadoker haben ein reges nationales und kriegerisches Leben nie entwickelt; aber auch den Lydern, deren Reiterscharen gegen die Griechen und noch gegen Kyros mannhaft gekämpft hatten, ist die Kraft gebrochen. Willig haben sie sich, seit Patyes' Aufstand [142] 545 niedergeworfen war, in die Fremdherrschaft geschickt. So geht ihre Nationalität um so rascher dem Untergang entgegen, da von der Küste auflockernd nach wie vor immer mächtiger der Strom griechischer Kultur eindringt. Ihre heimischen Sagen und die Erinnerung an die Zeit der Größe haben sie gepflegt. Aber als um 430 der Lyder Xanthos daranging, sie zu sammeln und zu einem Geschichtswerk zu verarbeiten, hat er sie in griechischer Sprache und für das griechische Lesepublikum geschrieben. Griechische Sagen hat er eingehend berücksichtigt, auch dem Einfluß des Rationalismus sich nicht entzogen. Damit ist ausgesprochen, daß die Lyder sich kulturell nur noch als einen Annex des Griechentums betrachteten und bereit waren, in dasselbe aufzugehen.

In den Gebirgen dagegen, welche die Halbinsel im Norden und Süden einschließen, hausten wilde kriegerische Völkerschaften, die der Fremdherrschaft einen zähen und unüberwindlichen Widerstand entgegensetzten und wie vor alters nun auch unter den Persern die Geißel der friedlichen Bauern in den Tälern und Ebenen waren. So im Süden, in dem zerklüfteten Bergland zwischen Lykien und Kilikien, die Pisider und ihre Verwandten (Lykaoner, Isaurer), die in ihren steilen Felsenburgen jedem Angriff trotzen konnten228. Zunächst, etwa bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts, werden sie sich der Fremdherrschaft gefügt haben; dann aber, als die Kraft des Reichs erlahmte, weigerten sie den Tribut und begannen ihre Raubzüge gegen das Kulturland aufs neue, so oft auch die Statthalter versuchten, sie zu Paaren zu treiben. Dabei fehlte es diesen Gebieten keineswegs an eigener Kultur. Im 3. Jahrhundert finden wir hier zahlreiche wohlhabende und stark bevölkerte Städte, die sich selbst regieren, so Isaura, Etenna, Pednelissos, Sagalassos, Termessos, vor allem aber Selge im Mittelpunkt der Landschaft, das sich der Abstammung von Sparta rühmte. Von den Griechenstädten Pamphyliens, Perge, Aspendos, Side drang hellenische Kultur[143] in die Gebirge ein, für die die prächtigen Münzen, welche Selge und Etenna in der Perserzeit geprägt haben (mit pamphylischer Aufschrift)229, ein lebendiges Zeugnis ablegen. So sind die Pisider eher mit den Schweizern des 14. und 15. Jahrhunderts oder mit den Normannen zu vergleichen als mit rohen Barbaren. Auf tieferer Stufe standen im Norden, im Olympos und dem abgelegenen Hügelland bis zum Temnos und auf der Arganthoniosakte die räuberischen Myser. Nördlich von ihnen, auf der Landzunge zwischen dem Bosporus und dem Sangarios, wohnten die Bithyner unter eigenen Häuptlingen, mehr Vasallen als Untertanen der Perser. Ebenso haben die Paphlagonen ihr Stammfürstentum bewahrt (o. S. 51), das in dem abgelegenen Bergland zeitweilig zu großer Macht gelangte: 120000 Mann zu Pferd und zu Fuß soll ihr Häuptling Korylas im Jahr 400 haben aufbringen können230. Von ihren nur vorübergehend unterworfenen Nachbarn im Osten, in der 19. Satrapie, den Moschern, Chalybern und ihren Verwandten, ist schon die Rede gewesen (o. S. 102). – So waren die griechischen Städte am Schwarzen Meer für die Reichsgewalt kaum mehr erreichbar und haben jedenfalls seit der Mitte des 5. Jahrhunderts die volle Unabhängigkeit wiedergewonnen.

Am schwierigsten lagen die Verhältnisse in der ersten Satrapie. Nirgends war die partikulare Selbstherrlichkeit so stark entwickelt wie hier; alle zu ihr gehörigen Volksstämme waren in zahlreiche kleine Gemeinwesen zersplittert und an ein freies Selbstregiment gewöhnt, wie es im Reich, abgesehen etwa von den phönikischen Städten, sonst nirgends bekannt war. Den ununterbrochenen Hader und die Not der Vergangenheit vergaß man nur zu leicht über der Gebundenheit der Gegenwart und den willkürlichen Eingriffen der Regierung in die öffentlichen wie die privaten Rechte. Nicht nur die Griechenstädte sehnten sich nach der »Freiheit« zurück und seufzten unter dem Druck ihrer Zwingherren, seien es Tyrannen, seien es Günstlinge des Königs, denen [144] die Stadt zum Eigentum überwiesen war. Auch in Karien hatte sich eine selbständige politische Organisation erhalten. Das Land zerfiel in eine Anzahl von Gauverbänden, die sich aus Dorfgemeinden zusammensetzten, nur daß mehrfach ein städtischer Vorort wie Mylasa, Keramos, Pedasos, Kaunos das Übergewicht gewonnen hatte. Jeder dieser Verbände stand unter dem Schutze eines lokalen Gottes kriegerischer Natur – mehrfach führt er die Streitaxt –, der zugleich als Herrscher des Himmels und des Meeres gedacht wird. Über ihnen steht die Stammversammlung, die bei den »weißen Steinen« am Marsyas im Gebiet von Idrias zusammentritt und vom Zeus von Chrysaoris beschirmt wird. Eine Urkunde lehrt, daß unter Artaxerxes II. die karische Bundesversammlung einen Gesandten an den Großkönig schickt231, der die Gelegenheit benutzt, um gegen den Satrapen Maussollos zu intrigieren. An der Spitze der Verbände und Ortschaften finden wir Dynasten von ererbtem Ansehen und oft bedeutender Macht232. Seit langem waren die Karer gewohnt, auf Abenteuer und Seeraub auszuziehen oder in fremden Diensten Sold zu nehmen. Der Unabhängigkeitssinn, den die Lyder unter der Monarchie verloren hatten, hatte sich hier unter der Herrschaft des Adels erhalten. Einzelne Ortschaften, wie Pedasos und Kaunos, hatten der Unterwerfung durch Kyros' General Harpagos energischen Widerstand entgegengesetzt, und in der Folgezeit sind sie zu einer Erhebung gegen die Perser jederzeit ebenso bereit gewesen wie die Griechen. Trotz der Konkurrenz in Handel und Krieg war das Griechentum hier womöglich noch stärker eingedrungen als in Lydien. Namentlich die karischen Küstenorte waren von ihren griechischen Nachbarstädten äußerlich und innerlich kaum mehr zu unterscheiden, wie umgekehrt Halikarnaß nach Ausweis der Personennamen eine halbkarische [145] Stadt, überdies mit der karischen Burg Salmakis zu einem Gemeinwesen verbunden war. Darius' Schiffskapitän Skylax von Karyanda (o. S. 93) hat seine Erforschung des Indus und des Ozeans wie ein griechischer Forscher beschrieben, in einem Werk, das zu den ältesten Erzeugnissen der griechischen Prosaliteratur gehört. Im 4. Jahrhundert, und vermutlich schon weit früher, wurde, wie die erhaltenen Beschlüsse bezeugen, in den karischen Städten griechisch debattiert und die Dekrete in griechischer Sprache ausgefertigt.

Gleichartig waren die Verhältnisse der Tramilen Lykiens233; nur lebte hier die Bevölkerung in geschlossenen und befestigten Ortschaften, die meist auf hohen Bergrücken lagen, ähnlich den Städten Pisidi ens. Das Regiment lag, so scheint es, durchweg in den Händen eines stolzen und in sich abgeschlossenen Adels, der sich auf die Heroen der Urzeit zurückführte; an ihrer Spitze standen [146] Stadtherren, deren Namen uns auf den lykischen Münzen in großer Zahl entgegentreten. Wenn auch Fehden zwischen den einzelnen Gemeinden und Dynasten oft genug vorkamen, so bildeten die Tramilen doch einen festorgansierten Stammbund mit einem Oberhaupt an der Spitze. Der Schwerpunkt des Volks lag im Gebiet des Xanthos, des einzigen größeren Flußtals der Landschaft, mit den Städten Patara, Xanthos (Arna), Pinara, Tlos, Kadyanda auf den Bergen zu beiden Seiten; weiter westlich lag Telemessos mit seinem Orakel, das zeitweilig eine selbständige Stellung einnahm, östlich an der Südküste und auf dem steilen, aus dem Meer aufsteigenden Plateau Phellos und Antiphellos, Kyaneai, Myra, Limyra, Korydallos u.a. bis zum Vorgebirge der Kyaneischen Inseln, das die Grenze gegen die rhodische Kolonie Phaselis an der Ostküste bildete. – Bis auf die Eroberung Kleinasiens durch Kyros hatten die Tramilen sich unabhängig erhalten, und wie mannhaft sie sich gegen Kyros' Feldherrn Harpagos verteidigten, ist bekannt; die Xanthier zogen den Untergang in den Flammen ihrer Heimat der Unterwerfung vor. Die Stadt ist wieder aufgebaut und mit den versprengten Resten der alten Bewohner, mit Zuzüglern aus ganz Lykien und zum Teil vielleicht mit Persern und Medern besiedelt worden; der Name Harpagos begegnet uns später in dem einheimischen Fürstengeschlecht. Wie die Monumente lehren, ist sie rasch zu neuer Blüte gelangt und war wohl in der Regel der Sitz des Oberkönigs. Denn die Verfassung des lykischen Bundes haben die Perser bestehen lassen; Kybernis, Sohn des Kossikas, der im Heere des Xerxes die lykische Flotte führt, wie Syennesis die der Kiliker, war der angestammte König234. Auf den Münzen der lykischen Städte und Dynasten finden wir in der Regel das Wappen des Bundes, das Dreibein, als Symbol der Einheit235.

[147] Der persische Einfluß kann nicht unbedeutend gewesen sein. Eine Reihe von Dynasten (Artampara »der Meder«, wie er in einer Inschrift heißt, Harpagos, Mithrapata) führen persische Namen. Die Dynasten und Könige tragen zum Teil persisches Kostüm, auch in der Kunst glaubt man persische Einwirkung zu verspüren. Aber viel stärker war der griechische Einfluß. Mit Kreta, Rhodos, den ionischen Städten stand Lykien seit alters in engster Verbindung; in breitem Strom waren lykische Sagen schon in die älteren Schichten des Epos eingedrungen, die lykischen Heroen, auf die die einheimischen Dynasten ihren Stammbaum zurückführten, Bellerophontes, Glaukos, Sarpedon, Pandaros, vom griechischen Epos verherrlicht wie die keines anderen Volks. So sind denn auch griechische Namen und Kulte in Lykien heimisch geworden. Vor allem aber ist die griechische Kunst seit dem 7. und 6. Jahrhundert hier so mächtig eingedrungen wie nur in Etrurien; und ihre Einwirkung dauert in der Perserzeit ununterbrochen fort. Die lykischen Gräber, teils in Felsen gehauen, teils freistehende Monumente in Form von Sarkophagen oder Pfeilern, schmücken sich mit griechischen Skulpturen, Szenen aus dem Leben des Verstorbenen und aus der Sage sowie Darstellungen des Totenopfers, ebenso die Bauten, in denen sich die Nachkommen eines Magnaten zur Feier des Totenkults versammeln – am berühmtesten darunter ist das von einem Dynasten der Bergfeste Trysa (Gjölbaschi) auf dem Plateau an der Südküste angelegte Heroon aus der Mitte des 5. Jahrhunderts, dessen Skulpturen die von Polygnot geschaffene Malerei ins Relief übersetzen. Wie die Sarkophage von Sidon (o. S. 130f.) liefern auch die Grabdenkmäler Lykiens einen Abriß der griechischen Kunstgeschichte. Aber im übrigen ist der Unterschied gewaltig. Dort haben Herrscher, die an der griechischen Kultur Geschmack gefunden hatten, ihre Särge wie andere Luxuswaren aus der Fremde bezogen und von griechischen Künstlern üppig ausschmücken lassen; in Lykien dagegen ist, daran kann kein Zweifel sein, mögen die Künstler Griechen gewesen sein oder Lykier, die in der Fremde gelernt hatten, die Kunst wirklich ins [148] Volk oder wenigstens in die Kreise des Adels eingedrungen in ähnlicher Weise, aber mit weit tieferem Kunstgefühl als in Etrurien. Daher schmiegt die Kunst sich hier den einheimischen Anschauungen an, nicht nur in der Form des Grabbaus, sondern ebensosehr in zahlreichen einzelnen Motiven. Sie verwendet wie die persische Kunst die in Kleinasien verbreiteten Typen, die Wappentiere, den Löwenkampf, die säugende Kuh u.a., ferner die Gestalt des Bes; und wenn auf dem noch aus dem 6. Jahrhundert stammenden Harpyienmonument von Xanthos neben Abbildungen des Totenopfers, die sich ganz gleichartig auf spartanischen Stelen und sonst finden, dargestellt ist, wie die Seele des Toten in Kindesgestalt von geflügelten Genien fortgeführt wird, so gibt das gewiß auch lykische Anschauungen wieder.

In keinem Gebiet des weiten Reichs waren der persischen Verwaltung so schwierige Aufgaben gestellt wie in der ersten Satrapie. Dabei war sie von der größten Wichtigkeit für die Behauptung der Machtstellung des Reichs zur See. Beide Momente zusammen, die Eigenart der Bevölkerung und die Bedeutung für die Flotte, werden Darius veranlaßt haben, die Verwaltung des Küstengebiets vom Binnenlande zu trennen. Um die Bewohner in Unterwürfigkeit zu halten, wußten die Perser, wie wir gesehen haben, keinen andern Weg, als die einheimischen Formen bestehen zu lassen, aber die Leitung Männern anzuvertrauen, auf die sie glaubten sich verlassen zu können. Man mag versucht haben, ihnen persische Beamte für die einzelnen Distrikte zur Seite zu stellen; so finden wir in Kyme in Äolis im Jahr 480 einen Statthalter Sandokes236, unter dem jüngeren Kyros einen Ägypter Tamos als Hyparchen Ioniens237 – ebenso wie z.B. Sestos am Hellespont einen Perser zum Vogt erhielt238. Zunächst war der Schrecken, den das plötzliche Erscheinen und der rasche Sieg der Perser gebracht hatte, überall noch lebendig; so hat auch die Erschütterung der [149] Perserherrschaft nach Kambyses' Tod hier zu keiner Erhebung geführt, zumal in Sardes der energische Statthalter Orötes gebot, der, so selbstsüchtige Absichten er verfolgte, doch die Untertanen in Botmäßigkeit zu halten verstand, ja gerade damals den Polykrates von Samos in seine Gewalt brachte. Aber die Gegensätze waren überall vorhanden; über kurz oder lang mußten sie mit Notwendigkeit zu den schwersten Konflikten führen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 138-150.
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