Die Nordgrenze und die zentralasiatischen Handelsstraßen. Kolchis. Feldzüge gegen Saken

und Skythen

[97] Ähnliche Aufgaben waren dem Reich im Norden gestellt. Den ewigen Gegensatz zwischen dem iranischen Bergland und der großen Wüste und Steppe im Norden, zwischen den Viehzüchtern und Ackerbauern und den räuberischen Nomaden, und seine grundlegende Bedeutung für die Entstehung der Religion Zoroasters haben wir früher schon kennengelernt. Oasenartig erstrecken sich an den Flußläufen einzelne kulturfähige Gebiete weit ins Wüstenland hinein, so das Gebiet der Marger (Merw) und nördlich vom Oxus der westliche Teil der Sogden bei Marakanda (Samarkand), am weitesten vorgeschoben nahe der Oxusmündung in der Oase von Chiwa die Chorasmier, rings umgeben von wilden Wüstenstämmen, welche die Iranier nach ihrer Lebensweise Daher, »Räuber«, nach ihrem Stamm Saken, die Griechen Skythen nennen und unter denen am Jaxartes die Massageten am meisten hervortreten. Wie diese Stämme sind die Sarmaten zwischen dem Kaspischen Meer und dem Don und westlich von ihnen bis zur Donau die Horden der skolotischen Skythen iranischen Ursprungs; der Ariername findet sich in ihren Eigennamen ebenso häufig wie in denen der seßhaften Iranier, so scharf sie Wohnsitz und Lebensweise scheidet. – Westlich vom Kaspischen Meer, in Medien, grenzt Iran an ein wildes zerklüftetes Bergland, das sich vom Kaspischen Meer durch Armenien zum Pontus hinzieht und von dem fruchtbaren Tal des Araxes durchschnitten, von den Ebenen des Kyros und des Phasis im Norden begrenzt wird; jenseits derselben erhebt [97] sich der Kaukasus als gewaltiger Grenzwall gegen die skythische Steppe. Hier hausen am Kaspischen Meer zahlreiche nichtarische Stämme (Ἀναριάκαι, vgl. Strabo XI 13, 4)150, die Tapurer, Amarder, Kaspier, und vor allem die Kadusier oder Gelen (Plin. VI 48) im heutigen Gîlân. Am Araxes und bis zum Vansee sitzen die ehemals mächtigen Alarodier (Urartu) und nördlich von ihnen im Quellgebiet des Araxes die Saspiren; dann in den politischen Gebirgen die Moscher, Chalyber (Chaldäer), Tibarener und zahlreiche kleinere Völkerschaften, deren Gebiet sich ehemals, vor dem Eindringen der indogermanischen Kappadoker und Armenier, viel weiter nach Süden ausdehnte. Weiter im Norden, am Kyros und Kaukasus, sind die Sitze der Albaner und Iberer (Georgier), deren Namen in der persischen Zeit noch nicht erwähnt werden, endlich am Schwarzen Meer im Phasistal die der Kolcher.

Auch durch diese Gebiete ziehen sich mehrere alte Handelsstraßen, welche die Produkte Indiens und das Gold der zentralasiatischen Wüste dem Westen zuführen. Als die Makedonen den Osten unterwarfen und erforschten, lernten sie einen Handelsweg kennen, der von Indien durch das Kabultal und über die Hindukuschpässe nach Baktra und von hier ihrer Meinung nach den Oxus abwärts bis zu seiner vermeintlichen Mündung ins Kaspische Meer, in Wirklichkeit wohl eher durch Margiana nach Hyrkanien führte. Von da gingen die Waren über das Meer zur Kyrosmündung und dann den Fluß hinauf und durch den Paß von Sarapana auf den Phasis151. Hier nahmen sie die Kolcher, ein betriebsames und nicht [98] unkultiviertes Volk, das seine Macht, wie es scheint, über mehrere Nachbarstämme ausgedehnt hatte152, in Empfang und übermittelten sie den Griechen, die an ihren Küsten in den Niederlassungen Phasis und Dioskurias landeten. – Eine zweite Straße mag in der Tat den Oxus hinab und dann vom Aralsee nach dem Don und den bosporanischen Städten hinüber gegangen sein. Hier in der Wüste waren die Chorasmier die Hauptvermittler des Handels; so wird es sich erklären, daß nach Herodot ihre Macht ehemals bis ins Gebiet des Flusses von Herat reichte (u. S. 103), während ihr König Pharasmanes dem Alexander erzählt, sein Gebiet reiche bis an die Grenzen der Kolcher und Amazonen, und er sei bereit, ihn bis ans Schwarze Meer zu führen153.

Wesentlich anderer Art ist der große Handelsweg, der vom Schwarzen Meer, von Olbia und den anderen milesischen Kolonien, nach Innerasien ging. Er führte aus dem Skythenlande über den Don und dann durch die sarmatische Steppe fünfzehn Tagereisen nach Norden an die Wolga zu den Budinen, wahrscheinlich einem finnischen Volk (Permier). Ihr Land war mit Wäldern und Sumpfseen bedeckt und voll von Fischottern, Bibern, Mardern u.a., deren Felle ein begehrter Handelsartikel waren und zur Verbrämung der Pelze dienten. In ihrem Gebiet hatten die griechischen Kaufleute eine Niederlassung Gelonos gegründet, die mit Pallisaden befestigt und von griechisch-skythischen Mischlingen bewohnt war, die Landbau und Handel trieben. Von hier bog der Weg nach Nordosten ab, führte sieben Tage durch eine unbewohnte Einöde etwa auf der Straße von Perm nach Jekaterinenburg über den sanft ansteigenden Rücken des Ural und gelangte in östlicher Richtung ins Gebiet der Thyssageten und weiter der Jyrken, finnischer Jägerstämme in der westsibirischen Steppe am Irtysch, zu einem versprengten skythischen Stamme. »Bis hierher ist das Land eben und tieferdig, von hier an wird es felsig und rauh.« Die [99] Straße erreicht die gewaltigen Bergmassen des Altai und des Tianschan, des Himmelsgebirges, und dringt zwischen ihnen durch die Dsungarische Pforte in das zentralasiatische Hochland ein. »Wenn man auch vom Felsengebiet ein großes Stück durchzogen hat, wohnen im Bergland am Fuß hoher Gebirge Menschen, die von Geburt an Kahlköpfe sein sollen, Männer wie Weiber, mit Stumpfnasen und vortretenden Backenknochen«, die Argippäer. Es ist ein türkischer oder mongolischer Stamm; die Kahlköpfigkeit wird eine Umdeutung der Sitte sein, sich den Kopf glattzurasieren. »Sie sprechen eine eigene Sprache; kleiden sich aber nach skythischer Weise, und leben von Baumfrüchten ... denn Schafe gibt es nicht viel bei ihnen, da die Weiden schlecht sind. Jeder wohnt unter einem Baum, den er im Winter mit einem dichten weißen Filz bedeckt. Niemand tut ihnen Unrecht, denn sie gelten für heilig; daher haben sie auch keine Kriegswaffen. Dagegen schlichten sie die Streitigkeiten ihrer Nachbarn, und wer zu ihnen flieht, wird von niemandem verfolgt.« Wir erkennen einen friedlichen Stamm, der sich, ähnlich wie in den Jahrhunderten vor Mohammed die Araber von Mekka, durch die Gunst seiner Lage und geschickte Benutzung der Handelsverbindungen eine gesicherte Stellung unter den unkultivierten Nachbarn gewonnen hat. »Bis hierher kommen Skythen und auch griechische Kaufleute aus Olbia und anderen pontischen Häfen; die Skythen brauchen, um zu ihnen zu gelangen, sieben Dolmetscher und sieben Sprachen. Was jenseits von ihnen (nach Norden) liegt, kann niemand sicher sagen; hier erheben sich steile Gebirge, die kein Mensch überschreitet. Die Argippäer erzählen von ziegenfüßigen Menschen und weiter – offenbar im hohen Norden – von solchen, die sechs Monate lang schlafen. Im Osten von den Argippäern aber, das steht fest, wohnen die Issedonen«, wahrscheinlich ein tibetischer Stamm, die die Leichen ihrer Eltern verzehren und ihre Schädel vergolden. »Sonst sollen auch sie ein gerechtes Volk sein; die Weiber haben bei ihnen gleiche Macht wie die Männer.« Daß die Issedonen in der Mitte des zentralasiatischen Hochlandes wohnen, an der Straße, die vom Tarymbecken nach China führt, steht durch die von Ptolemäos bewahrte Beschreibung der Handelsstraße der römischen [100] Zeit fest, die aus dem Jaxartesgebiet nach China führte. Bis zu ihnen will Aristeas gekommen sein, der Wundermann, der das arimaspische Gedicht verfaßt hat (Bd. III2 S. 36f. 693. Bei ihnen erfuhr er von den einäugigen Arimaspen, die ihren Nachbarn, den Greifen, das Gold abgewannen. Jenseits derselben, hinter hohen Bergen bis zum Meere, wohne ein friedliches glückliches Volk, in dem Aristeas die Hyperboreer wiederfand, zu denen Apollo im Winter fortzog: es ist vielleicht die erste sagenhafte Kunde vom chinesischen Reich, die so zu den Griechen gelangt ist154.

So führt diese Straße in großem Bogen um die kaspisch-aralische Steppe herum und erreicht weit jenseits des iranischen Gebiets den Norden des zentralasiatischen Hochlandes, dessen Südwesten zuerst durch Darius' indischen Feldzug erschlossen wurde. Den Anreiz hat hier wie dort das Gold geboten. Um das Gold Tibets und des Altai und der Wüste Gobi zu gewinnen, haben, wie die Fabel von den Greifen und den Arimaspen lehrt, die skolotischen und griechischen Händler mit ihren Waren den weiten Weg durch die rohen Volksstämme Rußlands und Sibiriens zu den Argippäern und Issedonen zurückgelegt. Sie zeigen eine Ausdehnung der Handelsbeziehungen und der geographischen Kenntnisse der Ionier, die Staunen erregt. Zur Zeit Alexanders war wenigstens die Erinnerung daran noch lebendig; so erklärt es sich, daß Alexander einen kombinierten Angriff vom Jaxartes und von der Donau aus auf die pontischen Skythen erwägen konnte und daß seine Makedonen glaubten, der Jaxartes sei der Oberlauf des Don, ja im Hindukusch die Kaukasuskette erkennen wollten. Damals[101] wußte man auch noch, daß das Kaspische Meer ein Binnenmeer ist (Arist. meteor. II 1). Die folgende Zeit hat den Zusammenhang durch den Glauben, daß das Kaspische Meer sich nach Norden zum Ozean öffne, vollständig zerrissen. Große Völkerschiebungen in Südrußland, der Verfall der skolotischen Stämme und der dadurch herbeigeführte Niedergang der Griechenstädte am Pontus werden den Verfall der Handelsbeziehungen nach Osten herbeigeführt und die alten Straßen ungangbar gemacht haben. Die wissenschaftliche Forschung aber zeigte den alten Nachrichten gegenüber eine sehr begreifliche, doch sachlich ganz unbegründete Skepsis. Erst in der römischen Kaiserzeit sind mühselig die Kenntnisse und Verbindungen wiedergewonnen worden, welche die Ionier- und die Perserzeit besessen hatten; wesentlich über sie hinausgelangt sind erst die letzten Jahrhunderte des Mittelalters.

Darius hat auch in diesen nördlichen Gebieten dieselbe zielbewußte Energie entfaltet, die er überall bewiesen hat. Die Vorländer bis zum Kaukasus hat er dem Reiche einverleibt. Aus den unterworfenen Gebieten wurden zwei neue Satrapien gebildet, die durch ihren geringen Umfang ihren jüngeren Ursprung deutlich erkennen lassen. Die pontischen Stämme, in deren Gebirgen der chalybische Stahl gewonnen wurde, bildeten die neunzehnte, die Völkerschaften am Kaspischen Meer die elfte Satrapie. Zu voller Festigkeit ist freilich die persische Oberhoheit in diesen Gegenden nie gelangt und in den pontischen Gebirgen früh wieder abgeschüttelt worden; manche Gebirgstäler mögen nie völlig unterworfen worden sein. – Keinem Satrapen Untertan waren die Kolcher und ihre östlichen Nachbarn; aber sie leisteten dem König Heeresfolge und erkannten die Oberhoheit des Reichs durch einen Tribut von 100 Knaben und 100 Mädchen an, den sie alle fünf Jahre zu liefern hatten. »Der Kaukasus«, sagt Herodot III 97, »bildet die Grenze des persischen Reichs, die Völker nördlich von ihm kümmern sich um die Perser nicht mehr.« Eine Handelsstraße, die wohl auch militärisch befestigt war, führte, wie aus Herod. I 104. IV 37 hervorgeht, von Persien durch Medien über Egbatana und am Urmiasee entlang ins obere Araxestal zum Gebiet der Saspeiren (wo es ein Goldbergwerk gab, Strabo XI [102] 14, 9) und von hier über die Berge zu den Kolchern ins Phasistal und ans Schwarze Meer.

In Ostiran erfahren wir von einer großen Bewässerungsanlage der Perserkönige im Tal des Akes »an den Grenzen der Chorasmier, Hyrkanier, Parther, Sarangen (Drangen) und Thamanäer«155. Es ist wohl der Herirûd (Areios), der Fluß von Herat. Da, wo er aus den Bergen Chorasâns in das Vorland der turanischen Wüste eintritt, »teilte er sich in fünf Arme, die durch Bergschluchten führen, und bewässerte das Gebiet dieser Völker. Der Perserkönig aber hat diese Kanäle durch Schleusen verschließen lassen und das Wasser zu einem großen See aufgestaut« und läßt im Sommer nur so viel Wasser abgeben, wie die Landschaften notwendig brauchen. Dadurch fließen große Abgaben in die Staatskasse. Aber hervorgegangen ist die Maßregel nicht aus fiskalischen Zwecken, sondern, ähnlich den babylonischen und ägyptischen Wasserbauten, aus dem Streben, durch rationelle Wasserverteilung dem Raubbau und der Vergeudung durch willkürlich angelegte Gräben und Kanäle ein Ende zu machen und möglichst weite Gebiete an den Grenzen der Wüste der Kultur zu gewinnen156. – Die Bändigung der turanischen Stämme hat bereits Kyros versucht, der im Kampf gegen sie den Tod fand. Auf ihn wird die Anlage der Feste Kyrescheta unweit des Jaxartes zurückgeführt. Weitere Erfolge hat Darius errungen. In seiner Grabinschrift nennt er als seine Untertanen »amyrgische Saken« (Sakâ haumavarkâ) und »spitzmützige Saken« (Sakâ tigrakhaudâ)157. Als »Saken an den Enden der Erde« erscheinen sie in der hieroglyphischen Völkerliste [103] vom Suezkanal. Herodot in seiner Aufzählung der Truppen des Xerxes [VII 64] identifiziert beide: »die sakischen Skythen trugen steife spitze Mützen (κυρβασίας) und Hosen, und waren mit einheimischen Bogen und Dolchen sowie mit Streitäxten (σαγάρις) bewaffnet. Diese Skythen nannten die Perser amyrgische Saken; denn sie nennen alle Skythen Saken.« Sie kämpften unter dem gleichen Obersten wie die Baktrier; dagegen sind sie derselben Satrapie zugewiesen wie die Kaspeirer von Kaschmir (o. S. 91). Man sucht ihre Sitze daher wohl mit Recht in dem Berglande im Quellgebiet des Oxus. In dem Sakenkönig Amorges, den Kyros nach Ktesias bekriegt haben soll158, ist wohl gleichfalls der Name der amyrgischen Saken enthalten. Diejenigen Saken dagegen, welche den Persern eine Kerntruppe berittener Bogenschützen stellten, sind vielleicht eher in der turanischen Steppe zu suchen.

Gegen diese sakischen Stämme hat Darius wiederholt Krieg geführt. Bei Polyän159 wird von einem Feldzug des Darius gegen die unter drei Königen – von denen einer Amorges heißt – stehenden Saken erzählt, bei dem die Perser durch die List des Sirakes, auf den die Anekdote von Zopyros' Selbstverstümmelung übertragen ist, in die baktrische Wüste gelockt werden und kaum dem Tod durch Verschmachten entgehen, später aber die drei Heere der Feinde der Reihe nach besiegen. So phantastisch der Bericht ist, so wenig wird man bezweifeln, daß Darius schwere Kämpfe zu bestehen hatte und das Ziel einer dauernden Pazifizierung der Grenzlande doch nicht erreicht wurde160. So hat Darius den Plan entworfen, den Feind im Rücken zu fassen. Wie die Russen im 19. Jahrhundert, um geschützte Grenzen zu gewinnen [104] und ihre Verbindungen zu sichern, gezwungen waren, Schritt für Schritt das ganze Steppenland zu unterwerfen bis an den Rand Irans, so versuchte Darius, das ganze kaspisch-pontische Steppengebiet seinem Reiche einzuverleiben. Er entschloß sich zu einem Heerzuge gegen die »Saken jenseits des Meeres«, die skolotischen Skythen. Wenn Herodot angibt, Darius sei gegen die europäischen Skythen gezogen, um für den Skytheneinfall in Medien (Bd. III2 S. 143 Rache zu nehmen, so ist unter dem falschen Pragmatismus der wahre Sachverhalt leicht zu erkennen: der ständigen Gefahr nomadischer Invasionen vom Norden her, welche Iran fortdauernd bedrohten und denen es im Verlauf seiner Geschichte immer aufs neue zum Opfer gefallen ist, sollte ein Ende gemacht werden161. Der Plan konnte nur entstehen, wenn man den Zusammenhang der nördlichen Länder und die hier bestehenden Völkerverbindungen kannte, aber doch von der Ausdehnung und Unwegsamkeit des Gebiets, von den großen Strömen Rußlands und dem Umfang der aralo-kaspischen Steppe keine klare Anschauung hatte. So hat sich Darius zu einer Unternehmung verleiten lassen, die, wie die Feldzüge Alexanders gegen Indien und durch Gadrosien, auch bei den größten Opfern zu einem Erfolg nicht führen konnte, weil die Voraussetzungen nicht richtig waren, unter denen sie geplant war.

Nach Ktesias' Erzählung hat Darius zunächst den Statthalter Ariaramnes von Kappadokien über See gegen die Skythen entsandt. Mit dreißig Fünfzigruderern sei er über den Pontus gefahren und habe den in Gewahrsam gehaltenen Bruder des Skythenkönigs gefangen fortgeführt. Auf die Rekriminationen des letzteren sei dann Darius selbst mit dem Reichsheer aufgebrochen. Eher wird man wohl in der Flottenbewegung eine Operation zur Unterstützung des Landheers zu erkennen haben. Der Heerzug, der etwa um das Jahr 512 stattgefunden haben mag162, war sorgfältig vorbereitet. [105] Über den Bosporus ließ Darius durch den samischen Baumeister Mandrokles eine starke Schiffsbrücke schlagen163. Auf dem Marsch durch Thrakien nahm er die Huldigung der einheimischen Stämme entgegen; nur die Geten zwischen Balkan und Donau mußten mit Waffengewalt zur Unterwerfung gezwungen werden. Mit der Überbrückung der Donau waren die Flotten der griechischen Tyrannen beauftragt; dicht oberhalb des Donaudeltas, unterhalb der Mündung des Pruth, haben sie die Brücke geschlagen, deren Bewachung sie übernahmen, während Darius mit dem Hauptteil des Heeres in die bessarabische Steppe einrückte. Die Feinde befolgten dem Angriff gegenüber die Taktik, welche die Natur des Landes nahelegt: sie ließen sich auf keinen Kampf ein, sondern zogen sich mit ihrem ganzen Troß immer tiefer in die Steppe zurück, während ihre Reiterschwärme die Perser beim Fouragieren unaufhörlich belästigten. Sonst haben wir über den Verlauf des Feldzugs keine brauchbaren Nachrichten. Nach den Erkundigungen, die Herodot etwa zwei Menschenalter später in Olbia an der Dnjeprmündung einzog, hätte Darius in wenig mehr als sechzig Tagen das ganze Gebiet der Skythen, Sarmaten, Budiner bis an die Wolga (Oaros) durchzogen – acht alte Ringmauern am Ufer des Flusses führt die Tradition auf ihn zurück – und dann den Rückmarsch durch das mittlere Rußland angetreten, dessen Volksstämme ebenso vor ihm ausgewichen seien wie die Skythen. Schließlich sei er durch den Mangel an Lebensmitteln, durch die Ermattung [106] infolge der fortwährenden Scharmützel und durch die Wirkung einer Rätselbotschaft, die ihm der Skythenkönig mit höhnenden Geschenken übersandte, zur Heimkehr genötigt worden. Glücklich sei er dem nachsetzenden Skythenheer entgangen und über die Donau entkommen, da die Tyrannen trotz zweimaliger Aufforderung durch die Skythen die Brücke nicht abgefahren hatten. Daß diese Erzählung vollständig unhistorisch ist, haben die Späteren nicht verkannt: Ktesias läßt den Darius nur fünfzehn Tagemärsche weit vordringen und dann schleunigst fliehen, weil ein Bogen, den ihm der Skythenkönig schickt, stärker ist als der persische; sein Heer habe auf dem Rückzug durch die nach Thrakien vordringenden Skythen schwere Verluste erlitten164. Strabo bezeichnet die bessarabische Steppe zwischen Donau und Dnjestr (Tyras) als Schauplatz des Feldzugs, bei dem das Heer fast durch Wassermangel zugrunde gegangen wäre165. Diese Auffassung wird wohl richtig sein; es ist wenig wahrscheinlich, daß Darius auch nur einen der großen südrussischen Ströme überschritten hat. Wo man mit feindlichen Scharen zusammenstieß, mögen die Perser manche Erfolge errungen haben; so ist es begreiflich, daß das Ergebnis des Feldzugs offiziell als ein Sieg hingestellt wurde. Am Felsen von Bisutun ist der Abbildung der neun gefangenen Rebellen das Bild eines gefesselten Sakenhäuptlings mit hoher spitzer Mütze hinzugefügt, mit der Beischrift: »Das ist der Sake Skuka (susisch Iskunka).« Der persische Text der großen Inschrift enthält eine ganz verstümmelte Zusatztafel, in der nach dem Bericht über [107] die Niederwerfung eines dritten Aufstandes der Elamiten durch Gobryas (Bd. III2 S. 198 von einem Zug des Darius gegen die Saken erzählt war, auf dem, wie es scheint, der Tigris und weiter ein Meer überschritten und die Feinde besiegt wurden. »Darauf war das Land mein«, schließt auch dieser Bericht. Es ist klar, daß hier von dem Feldzug gegen die europäischen Skythen die Rede war. In Wirklichkeit war die Expedition vollkommen gescheitert; nur das Ergebnis der vorbereitenden Maßregeln, die Unterwerfung des östlichen Thrakiens und der Griechenstädte an seiner Küste, wurde festgehalten. Das mußte alsbald zu weiteren Verwicklungen führen166.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 97-108.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

Als »Komischer Anhang« 1801 seinem Roman »Titan« beigegeben, beschreibt Jean Paul die vierzehn Fahrten seines Luftschiffers Giannozzos, die er mit folgenden Worten einleitet: »Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, daß er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; und gebt dieses Luft-Schiffs-Journal von ihm unter dem Titel ›Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten‹ heraus.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon