Einrichtung des Gemeinwesens. Juden und Samaritaner. Die messianische Bewegung und der Tempelbau

[178] Das Wunder des Wüstenzuges trat nicht ein; die Karawane wird auf der großen Heerstraße den Tigris aufwärts und dann durch Mesopotamien und Nordsyrien gezogen sein. Statt eines Landes voll Milch und Honig, in dem Jahwe alle Schwierigkeiten ebnete und den Boden üppige Frucht tragen ließ, reichlicher womöglich als in dem verlassenen Chaldäerlande, fand man ein wüstes dürres Bergland, das durch die fünfzigjährige Verödung vollends unwirtlich geworden war und schwere, jahrelange Arbeit erforderte, wenn es wieder eine größere Bevölkerung ernähren sollte. Statt daß aus aller Welt Israel neu gesammelt wurde und sich alle Völker zu Jahwes heiligem Berge drängten, saßen mißgünstige Nachbarn ringsum. Zwar die Trümmer der Südstämme Kaleb, Jerachme'el, Rekab, welche, von Edom gedrängt, sich in dem verlassenen Lande angesiedelt hatten (o. S. 165), schlossen sich den Rückkehrenden an; sie waren immer Untertanen Judas gewesen und begrüßten die Kolonisten als Stärkung gegen die feindlichen Nachbarn. Diese dagegen, Edom, Moab, Ammon, die Philister, sahen in ihnen unwillkommene Eindringlinge, die ein Gebiet okkupierten, das sie schon als ihre Beute betrachteten. Und die Israeliten, die vermischt mit den assyrischen Ansiedlern in Samaria saßen, dachten nicht anders. Sie verehrten Jahwe nach alter Weise auf den Berghöhen und unter Bäumen, vor allem aber auf dem Gipfel des Garizim bei Sichem, sie hielten an den alten Kultusbräuchen und Symbolen fest, sie duldeten daneben den Dienst anderer Götter. In der Stadt Samaria selbst, wo die Nachkommen der von Sargon und Assurbanipal angesiedelten Babylonier und Elymäer den Hauptteil, wenn nicht die alleinige Bevölkerung bildeten, überwog der Kult der Fremdgötter wahrscheinlich den des Landesgottes. Ihnen gegenüber wollten die Nachkommen der israelitischen Stämme allerdings der echte Same Abrahams und das wahre Volk Jahwes sein; aber wie hätten sie sich mit den Juden einigen können, mit denen sie jahrhundertelang in Feindschaft gelebt hatten, wie die Alleinberechtigung des Emporkömmlings Jerusalem [179] anerkennen, wie das Gesetz [von 621] auf sich nehmen, das den Juden nur Unheil gebracht hatte? Es kam hinzu, daß ihnen die rigorose Exklusivität der Juden im Verkehr mit anderen Völkern und die Verwerfung der Ehe mit Andersgläubigen ganz fernlag. Eine Einigung war vollkommen ausgeschlossen267.

Das den Juden überwiesene Gebiet umfaßte den Kern des altjüdischen Landes rings um Jerusalem, bis Mispa und Jericho im Norden, Qe'îla, Betsûr und Teqoa' im Süden; die Täler nach der Küste und nach dem Hafen Joppe blieben in fremdem Besitz, ebenso im Süden Hebron. Auch so hatten die Ansiedler Raum genug; nur im Norden sind manche in das Gebiet der Nachbarprovinz nach Gibe'on und Meronot hinübergegangen, falls nicht vielmehr die Bevölkerung dieser Ortschaften sich im Gegensatz zu den Samaritanern der jüdischen Gemeinde angeschlossen hat. Das Land wurde möglichst im Anschluß an die ehemaligen Besitzverhältnisse verteilt; nur erhielten jetzt auch die Nachkommen der ärmeren, ehemals besitzlosen Bevölkerung Landlose und wurden daher als Geschlechter organisiert. Die im Lande Ansässigen, teils Juden, teils und vor allem Angehörige der Südstämme, behielten natürlich, der Weisung Ezechiels entsprechend, ihren oft sehr ausgedehnten Grundbesitz. Aus ihnen sind meist die Obersten hervorgegangen, die an der Spitze der Bezirke des Landes standen (o. S. 60). Dem jüdischen Gemeinwesen dagegen gehörte nur an, wer von Israel abstammte, d.h. wer einem der alten oder der neugebildeten Geschlechter zugehörte, sei es aus den Exulanten, [180] sei es aus den wenig zahlreichen Resten der im Lande zurückgebliebenen Judäer. Denn noch dachte man nicht daran, eine Kirche zu gründen; das Volk wollte man wieder herstellen oder wenigstens ein Bruchstück desselben, einen »Rest«, der den Kern des demnächst zu erwartenden messianischen Reichs bilden sollte. Die nichtjüdischen Bewohner des Gebiets schlossen sich als Proselyten (gêrîm) der Gemeinde an; manche von ihnen, wie die Kalibbiten, sind sehr fromme Jahweverehrer geworden. In der Hauptstadt nahmen die Geschlechtshäupter oder »Ältesten« ihren Wohnsitz, die den Rat der Gemeinde bildeten und im Notfall auch eine Volksversammlung beriefen. Außerdem wurde jeder zehnte Mann durchs Los bestimmt, sich in Jerusalem niederzulassen, im ganzen also etwa 3000 Mann. »Und das Volk segnete alle, die sich freiwillig entschlossen, in Jerusalem zu wohnen.« Noch war es kein Gewinn, sondern ein schweres, der Gemeinde gebrachtes Opfer, in der heiligen Stadt zu leben. Auch sonst stimmten die Verhältnisse gar wenig zu den Voraussetzungen Ezechiels, an dessen Weisungen man sich nach Möglichkeit zu halten suchte. Zwar Priester hatte man mehr als genug, über 4000 in vier großen Geschlechtern – man sieht, das Amt hatte seinen Mann genährt; überdies mag auch die Absonderung gegen die Nachkommen der Hohenpriester bei der Neueinrichtung nicht so streng durchgeführt sein, wie Ezechiel vorgeschrieben hatte. Nur ein Teil von ihnen konnte gottesdienstliche Funktionen übernehmen; die meisten wohnten als Bauern in den Landorten. An ihre Spitze trat als »Hoherpriester« mit gesteigerter Machtbefugnis Josua ben Joṣadaq, der Enkel Serajas, des letzten Oberpriesters des alten Tempels. Dagegen hatten die Lewiten wenig Neigung gehabt, sich den neuen Verhältnissen einzuordnen; nur 74 hatten am Zuge teilgenommen. Sie fanden allerdings Verstärkung durch die Nachkommen der im Lande gelassenen Landpriester, z.B. die Bnê Chenadad von Qe'ila. Zahlreicher waren die unteren Tempelbeamten, Sänger, Torhüter und Tempelsklaven – letztere Nachkommen unterworfener Kana'anäer, die jetzt trotz Ezechiel (44, 9) legitimiert wurden. Alle diese Gruppen sind später, nach Ezra, unter dem Namen Lewiten zusammengefaßt worden; erst dadurch [181] hat der von der Theorie entwickelte Unterschied zwischen diesen und den Priestern aus Aharons Geschlecht einen realen Inhalt erhalten. Für die Einrichtung und Ausstattung des Gottesdienstes brachte man durch eine Kollekte eine ansehnliche Summe zusammen; man errichtete einen Altar, ja vielleicht hat Šinbaluṣur sogar mit dem Tempelbau begonnen – dann aber versagten die Kräfte vollständig. Man hatte mit dem Bau und der Ausstattung des eigenen Hauses übergenug zu tun (Haggai 1, 4. 9), und bald kamen all die Nöte über die neue Gemeinde, welche mit der ersten Einrichtung einer Kolonie notwendig verbunden sind, Mißwachs und Dürre und in ihrem Gefolge die Hungersnot (Haggai 1, 6. 10f. 2, 16f.). Dazu kam der Druck der Steuern an den König und der Abgaben für den Hofhalt des Statthalters, ferner die Nöte der Kriegszeit unter Kambyses (Zach. 8, 10). So kam kein Mensch vorwärts. Aufs bitterste empfand man, daß die Zeit der Heimsuchung, die nun schon bald 70 Jahre währte (Zach. 1, 12), noch nicht zu Ende war; man beging nach wie vor die Trauerfeiern und Fasten der Zeit des Exils (Zach. 7). Es war eine trostlose Zeit, die vollste Enttäuschung nach all den stolzen Hoffnungen, mit denen man ausgezogen war.

Da änderte sich mit einem Schlage die ganze Weltlage. Rasch aufeinander folgten die Erhebung des Smerdis (März 522), der Tod des Kambyses (März 521), die Ermordung des Magiers durch Darius (16. Okt. 521), und unmittelbar darauf der Aufstand aller östlichen Provinzen, vor allem zweimal hintereinander (Okt. 521 bis Februar 520 und Sommer 520 bis Januar 519) die Erhebung Babylons unter einem neuen Nebukadnezar. War das nicht die große Weltkatastrophe, welche, wie die heiligen Schriften lehrten, der Ankunft des Messias vorangehen sollte, die Selbstzerfleischung des heidnischen Weltreichs vor der Aufrichtung des Gottesreichs? Als immer neue Nachrichten kamen von der Verwirrung im Reich, von den Kämpfen innerhalb der herrschenden Nation selber für und wider Darius und den zweiten falschen Smerdis, da konnte kein Zweifel mehr sein. Zwar selbst Hand anlegen durfte man nicht; das war frevelhafte Überhebung, ein Versuch, Gott vorzugreifen, den Jahwe aufs schwerste strafte. [182] Aber er selbst ging ans Werk; er hatte sein Herz dem Volk wieder zugewendet, die 70 Jahre der Knechtschaft waren um. Es galt, sich vorzubereiten für die neue Herrlichkeit, für das Kommen Jahwes; und dazu war vor allem nötig, daß der Tempel aufrecht stand. »Die Leute sagen: Die Zeit zur Erbauung des Tempels ist noch nicht gekommen«, aber am 1. Elul (28. August) 520 ruft der Prophet Haggai zum Tempelbau auf und spricht dem Zerubabel, dem Neffen und Nachfolger Šinbaluṣurs, einem Enkel Jojakins, Mut zu: »Nur noch ein Kleines, und ich erschüttere Himmel und Erde, Meer und Festland, und ich erschüttere alle Völker, daß die Kostbarkeiten aller Völker herbeikommen, und ich erfülle dies Haus mit Herrlichkeit.« »Ich erschüttere Himmel und Erde, stoße den Königsthron um und zerschmettere die Macht des heidnischen Reichs und stürze um die Wagen und ihre Wagenkämpfer, daß Rosse und Reisige herabsinken, jeder durch das Schwert des andern. An diesem Tage, spricht Jahwe, nehme ich Dich, Zerubabel, Sohn des Šealti'el, meinen Knecht, und halte Dich wie einen Siegelring; denn Dich habe ich auserwählt, ist der Orakelspruch Jahwes der Heerscharen.« Zerubabel, der Sproß Davids, der Neffe und Nachfolger Šinbaluṣurs, ist der verheißene Messias, der König des neuen Gottesreichs. Dem armen Prinzen mag bei der Bewegung schlimm genug zumute gewesen sein; aber völlig abweisen konnte er sie nicht. Am 24. Kislew (17. Dez.) 520 legte er den Grundstein zum Tempel – in denselben Tagen, wo die Perser die Erhebung Babylons zum zweitenmal niederwarfen268. Haggai ist von da an verstummt; sein Genosse Zacharja, der sich den Kleingläubigen gegenüber auf die Erfüllung der Worte der früheren Propheten berufen hatte, ließ den Mut noch nicht sinken269. Noch am 13. Februar 519 sucht er die Mutlosen durch den Hinweis auf Jahwes Allmacht und durch die Deutung visionärer Bilder, die babylonischen Darstellungen und Ideen entlehnt sind, zu trösten; aus dem Gold, das babylonische Juden [183] der Gemeinde geschenkt haben, läßt er die Krone für Zerubabel anfertigen. Aber das Wunder, auf das er hoffte, trat nicht ein. Bald stand die Perserherrschaft fester als je, der Traum eines messianischen Reichs unter Zerubabel war verflogen. Etwa im Frühjahr 519 kam Sisines, Satrap von Syrien und Babylonien, zur Inspektion nach Palästina. Der Tempelbau schien ihm bedenklich; offenbar wußte oder vermutete er, was für Aspirationen dahinterstanden. Indessen da die Juden sich auf Kyros' Edikt beriefen, wagte er nicht einzuschreiten, sondern wandte sich an den König um Instruktion. Aber Darius ließ die Juden gewähren. Er wußte, daß eine Rebellion der Juden nicht zu befürchten war, und befolgte die traditionelle Politik des Reichs, indem er die religiösen Forderungen unterstützte. Er übernahm die Vollendung des Tempels auf den königlichen Fiskus und gab überdies Befehl, die Tiere zum Opfer für den König und sein Haus täglich nach Angabe der Priester zu liefern. So ist der Tempelbau das einzige Resultat der Bewegung gewesen; am 3. Adar (10. März) 515 wurde er vollendet. Die messianischen Hoffnungen mußten aufs neue auf eine unbestimmte Zukunft vertagt werden; daß die äußeren Verhältnisse sich doch gebessert haben, die Landstraßen sicher und die Ernten gut sind, ist der einzige Trost, den Zacharja für die Gegenwart noch zu geben vermag (c. 7. 8).


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 178-184.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Neukirch, Benjamin

Gedichte und Satiren

Gedichte und Satiren

»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon