Vom Peloponnesischen Krieg bis auf die Anfänge Philipps

[259] Seit Thukydides die zeitgenössische Geschichtsschreibung begründet hat, reißt ihr Faden nicht wieder ab. Wenn es schwer, ja unmöglich war, den fehlenden Schluß seines Werks zu ergänzen, so sind dagegen alle einigermaßen wichtigen Vorgänge der folgenden Epoche mehr als einmal von zeitgenössischen Schriftstellern erzählt worden, teils in Einzeldarstellungen, teils in zusammenfassenden Werken. Es ist die Zeit, wo die Prosaliteratur zu voller Entwicklung gelangt ist und jeden Gegenstand, der irgend Interesse erregen kann, immer aufs neue behandelt. Dem Namen nach bekannt ist uns freilich wie von dieser gesamten Literatur, so auch von den Geschichtswerken nur ein Bruchteil, und noch viel weniger zahlreich sind die, von denen uns Bruchstücke erhalten sind oder gar eine ungefähre Rekonstruktion möglich ist. So erfahren wir z.B. von zwei böotischen Schriftstellern, Dionysodoros und Anaxis, welche die Geschichte der thebanischen Zeit dargestellt haben (Diod. XV 95); aber zitiert werden sie nicht ein einziges Mal, wenn es auch wahrscheinlich ist, daß ein Teil der späteren Überlieferung über diese Epoche auf sie zurückgeht312. Daneben stehen die Geschichten Athens, wie Kleidemos und vor allem Androtion, einer der älteren Schüler des Isokrates313, und die zahlreichen anderen Lokalhistoriker. Über die Expedition des Kyros und den Rückzug der Zehntausend kennen wir zwei Werke von Teilnehmern des Zuges, das des Sophainetos von Stymphalos, das Ephoros zugrunde gelegt zu haben scheint, und die weit später geschriebene »Anabasis« Xenophons, in der der Schriftsteller sein Verhalten auf dem Rückzug gegen ihm gemachte Vorwürfe zu rechtfertigen sucht – in der Hellenika gibt er das Buch daher [260] für ein Werk des Themistogenes von Syrakus aus314. Daneben stand die Darstellung des Ktesias in seiner Persischen Geschichte. Das gibt wenigstens einen Anhalt für die Literatur, die über ähnliche Gegenstände existiert haben mag. Auch über bedeutende Persönlichkeiten begann man eigene Schriften zu verfassen, wie denn die Persönlichkeit, mächtig gehoben durch die sokratische Literatur, mehr und mehr in den Vordergrund rückt: in der folgenden Epoche (Theopomp, die Geschichtsschreiber Alexanders usw.) wird sie das Zentrum der Geschichtsschreibung315. Erhalten ist uns von dieser Literatur der sehr unberechtigterweise von manchen Neueren angezweifelte »Agesilaos« Xenophons, geschrieben unmittelbar nach dem Tode des Königs 359, eine Charakteristik, in der der Schriftsteller für den Abriß seiner Taten die allgemeine Geschichte, an der er eben damals arbeitete, stark benutzt hat.

Die älteste und die weitaus wichtigste Gesamtdarstellung der Zeitgeschichte und zugleich die einzige erhaltene sind Xenophons Hellenika. Sie sind von ihm in höherem Alter in Korinth verfaßt, lange nach seiner Verjagung aus Skillus. Vermutlich hat er den Plan, die Fülle sich drängender Ereignisse zu erzählen, die er in nächster Nähe erlebt, bei denen er mehrfach selbst handelnd mitgewirkt hatte, erst gefaßt, als die Schlacht bei Mantinea einen gewissen Abschluß gebracht hatte. Wie der Eingang, die Fortsetzung des Thukydides (o. S. 258), trägt überhaupt [261] das ganze Werk den Charakter von Memoiren. Was er aus eigener Erfahrung kennt, erzählt er ausführlich; mit besonderem Behagen verweilt er bei den Feldzügen der Spartaner in Asien, in denen sich seine politischen Ideale am meisten verwirklichten und der Mann, dem er sich politisch und persönlich ganz angeschlossen hatte, Agesilaos, den höchsten Ruhm gewann. Überall bildet das Bestehen einer historischen Literatur über die Zeitgeschichte den Untergrund der Hellenika; daher kann Xenophon über vieles ganz kurz hinweggehen, auch wo es für den Gang der geschichtlichen Entwicklung von viel größerer Bedeutung war, als was er selbst erzählt. So erwähnt er die Schlacht bei Knidos (ὅτι ἡττημένοι εἶεν Λακεδαιμόνιοι τῇ ναυμαχίᾳ IV 3, 10 – also setzt er voraus, daß seine Leser sie kennen) nur als Meldung an Agesilaos und gibt von den Seekämpfen während des Korinthischen Kriegs IV 8 nur ein kurzes Resumé. Die Geschichte des zweiten athenischen Bundes und der thebanischen Macht wird nur ganz nebenbei berührt316, Epaminondas VII 1, 41 bei seinem dritten Zug in den Peloponnes zum ersten Male, Pelopidas überhaupt nur VII 1, 33ff. beim Abschluß des Bündnisses mit Persien genannt. Sehr stark ist diese Auswahl des zu Erzählenden zugleich durch den politischen Standpunkt des Verfassers beeinflußt. Er ist der typische Repräsentant der Reaktionszeit; in der Herstellung von Zucht und Ordnung, in der militärischen Erziehung und Subordination, in der Beobachtung der überkommenen Frömmigkeit, in der Lösung des Problems, daß die Untergebenen sich freiwillig der Herrschaft des berufenen Führers unterordnen, sieht er sein Ideal, und eben deshalb in der Vorherrschaft Spartas, die im Gegensatz zu der bösen Demokratie diese Güter sichert und, indem sie die Kräfte Griechenlands unter fester Leitung zusammenfaßt, zugleich imstande ist, die nationale Aufgabe des Kampfes gegen Persien zu erfüllen. Wenn die anderen Staaten Sparta daran hindern, so mehren sie dadurch ihre Schuld; mit besonderer Vorliebe verweilt er daher bei den Momenten, wo seine Vaterstadt Athen mit Sparta Hand in Hand geht, während er ihre Bündnisse mit Theben durchaus verurteilt. Aus demselben Grunde geht er [262] über die dunklen Seiten der spartanischen Herrschaft möglichst hinweg. Um nicht von Lysanders Herrschaft und Sturz und den zahlreichen damit verknüpften Gewalttaten reden zu müssen, hat er nicht nur Lysanders Taten in Milet, auf Thasos u.a. verschwiegen, sondern die Geschichte der Jahre 403-401 (mit Ausnahme der Befreiung Athens) völlig übergangen, obwohl er nachher ganz unbedenklich die Lysandrischen Dekarchien und ihre Beseitigung erwähnt (III 4, 2. 7. 5, 13) – eine der empfindlichsten Lücken unserer Kenntnis, die durch die sonstigen Quellen nicht ausreichend ausgefüllt wird. In derselben Weise hat er in der Anabasis von Klearchs Gewalttaten geschwiegen, um ihn verherrlichen zu können. Analog ist, daß das Bündnis Spartas mit Dionys von Sizilien zwar, wo es unumgänglich ist, vorausgesetzt (V 1, 26. 28. VI 2, 4. 33. VII 1, 22. 4, 12), aber, wie überhaupt die Beziehungen zu Sizilien, nirgends eingehender besprochen wird. – Eine derartige Geschichtsbetrachtung vermag sich, auch wenn sie danach trachtet, zu einer universellen Auffassung, zur Erkenntnis und Herausarbeitung der den geschichtlichen Prozeß beherrschenden Faktoren nicht zu erheben; sie bleibt auf einem seichten moralisierenden und politisierenden Standpunkt stehen und wird zu einer Apologie der Männer, die dem Schriftsteller durch ihr Wesen und ihre Politik sympathisch sind, mögen sie sich auch über das Durchschnittsmaß so wenig erheben und ethisch so bedenklich sein wie Agesilaos. Größere Bedeutung haben nur die militärischen Urteile Xenophons, da er hier ein völlig kompetenter Beurteiler war. Dagegen führt sein Standpunkt mit Notwendigkeit dazu, dem Erfolg auch für das sittliche Urteil entscheidende Bedeutung beizumessen, da er es als Gottesurteil hinnehmen muß. Während er bis zum Jahr 382 die Taten der Spartaner rechtfertigt, wo er sie nicht verschweigt, muß er die Besetzung der Kadmea und ebenso den versuchten Handstreich des Sphodrias auf den Piräeus verdammen, weil sie den äußeren Anlaß zum Sturz der spartanischen Macht geboten haben: dadurch haben die Götter gezeigt, daß sie ihren Rechtsbruch verurteilen (V 4, 1). Das genügt für den Verfasser vollständig; der Gedanke, daß es die Aufgabe des Historikers ist, tiefer einzudringen [263] und die spartanische Politik sowie den schließlichen Zusammenbruch ihrer Macht aus ihrem Wesen, aus den Machtverhältnissen der damaligen Zeit zu begreifen, ist ihm überhaupt nicht gekommen. So bezeichnet Xenophon im Gegensatz zu der historischen Auffassung des Thukydides eine Rückkehr zu dem Standpunkt Herodots und in letzter Linie des Epos mit seiner übernatürlichen Pragmatik. Aber was bei Herodot naiver Glaube ist, ist bei Xenophon die Zurückschraubung des Reaktionärs auf einen geistig längst überwundenen Standpunkt formaler Gläubigkeit, so fest er individuell von seinem Glauben durchdrungen sein mochte. – So trägt Xenophons Werk in Auffassung und Darstellung durchaus den Stempel der Einseitigkeit und Parteilichkeit und ist nichts weniger als eine erschöpfende Darstellung der Geschichte seiner Zeit. Je mehr diese Erkenntnis durchgedrungen ist, desto stärker ist auch seine Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen worden; aber mit Unrecht. So wenig wir seine Auffassung überall teilen können und so starke Vorwürfe wir ihm nicht selten wegen seines Verschweigens machen müssen, in dem, was er erzählt, erweist er sich überall als ein sehr gut unterrichteter und wahrheitsgetreuer Berichterstatter317.

[264] In der folgenden Generation ist mehrfach versucht worden, Xenophons unzureichende Darstellung durch eine bessere und zeitgemäßere zu ersetzen. Theopompos von Chios hat eine griechische Geschichte als Fortsetzung des Thukydides begonnen (o. S. 258), aber nicht über das Jahr 394 hinabgeführt, da er sich dann der Geschichte Philipps zuwandte. Die Erzählung war sehr ausführlich, da sie zwölf, die Zeit von 403-394, also zehn Bücher füllte. Die Auffassung war durchweg streng antidemokratisch und athener feindlich, verherrlichte dagegen den Alkibiades und die Führer der Spartaner, Lysander und Agesilaos. Erhalten ist uns aus dem Werk kaum etwas von Bedeutung, auch nicht in den Biographien des Nepos und Plutarch, da hier der Standpunkt durchweg ein anderer ist. Wohl aber haben sich unter den Oxyrynchos-Papyri umfangreiche Bruchstücke eines bedeutenden Geschichtswerks gefunden (die erhaltenen Partien beziehen sich auf die Vorgänge der Jahre 396 und 395), das offensichtlich an Thukydides' [265] Erzählung anknüpfte; in ihm sind uns aller Wahrscheinlichkeit nach Reste von Theopomps Hellenika wiedergeschenkt worden318. – Auch in die Philippika hat Theopomp zahlreiche Exkurse über die ältere Zeit eingelegt, so vor allem Buch XII (aus dem Photios einen Auszug gibt) und XIII über die Beziehungen des Perserreichs zu den Griechen und Ägyptern im 4. Jahrhundert. – Noch weniger wissen wir von Kallisthenes' Hellenika, der Geschichte der Jahre 387-357 (vgl. o. S. 232), an die sich eine Geschichte des Heiligen Kriegs anschloß, um ganz zu schweigen von dem ersten Buch von Duris' von Samos griechischer Geschichte, das nach dem Sturze Spartas 370 begann und bis zum Ausbruch des Heiligen Kriegs reichte. – Von den Universalgeschichten sind die offenbar ziemlich knapp gehaltenen Hellenika des Anaximenes von Lampsakos (an die sich die Philippika und die Geschichte Alexanders anschlossen) für uns nicht mehr greifbar. Um so größere Bedeutung gewinnt Ephoros, der, je näher er seiner Zeit kam, um so ausführlicher wurde (die Zeit von der Schlacht bei Marathon bis 404/3 war in den Büchern X-XVI, die von 403-362 in den Büchern XVII-XXV behandelt) und immer mehr den Rang einer Primärquelle erhält. Seine Darstellung liegt uns auch hier in dem freilich vielfach sehr wenig genügenden Auszuge Diodors vor. Sie faßte wie früher die Ereignisse ohne Beobachtung der chronologischen Folge und eines festen Synchronismus in größeren, sachlich zusammenhängenden Abschnitten zusammen, die von Diodor ziemlich willkürlich und zum Teil sehr verkehrt in sein Jahrschema eingeordnet und dabei mehrfach sehr ungeschickt zerrissen sind. Die Tendenz ist durchaus antispartanisch und übt an Lysander und Agesilaos scharfe Kritik, während Athen überall günstig behandelt, vor allem aber Epaminondas verherrlicht wird. Eine tiefere historische Auffassung hat Ephoros hier so wenig wie sonst irgendwo zu gewinnen vermocht.

Je weniger die erhaltenen historischen Darstellungen ausreichen, um ein sicheres und vollständiges Bild der Epoche zu gewinnen, um so mehr sind wir auf eine Ergänzung derselben durch anderes zuverlässiges Material angewiesen. Zum Teil ist uns dieses[266] auch hier in dem Niederschlag der gelehrten biographischen und antiquarischen Forschung der hellenistischen Zeit erhalten, in den Biographien des Plutarch und Nepos, den Sammlungen von Strategemen, Anekdoten und Apophthegmen, den Lexiken und Scholien. Über dies Material genügt es, auf die Charakteristik o. S. 242f. zu verweisen. Daneben ist uns urkundliches Material in großer Fülle erhalten. Nur dominiert hier, wie im 5. Jahrhundert, durchaus Athen, obwohl es zwar nicht kulturell, aber politisch seine alte Bedeutung verloren und trotz aller Anstrengungen niemals wieder gewonnen hat. Selbst die Zahl der Inschriften aus dem übrigen Griechenland ist auch in dieser Zeit gegenüber der Masse der attischen noch sehr gering. Von literarischen Denkmälern ist uns von Tragödien seit dem Ende des Peloponnesischen Kriegs, von Komödien seit den beiden letzten Stücken des Aristophanes nichts mehr erhalten; die Fragmente ergeben für die politische Geschichte um so weniger, als die politischen Beziehungen in der Mittleren Komödie ganz zurücktraten. Um so reicher sind aus den ersten Jahrzehnten die Reste der Redenliteratur (Lysias und Andokides), meist Gerichtsreden, dazu einige wenige an das Volk. Dann folgt eine Lücke von ungefähr dreißig Jahren, bis uns aus der Zeit Philipps noch einmal Reden in großer Zahl erhalten sind. Die ganze Zeit umspannen dagegen die politischen Broschüren des Isokrates (vgl. o. S. 239), zu denen Xenophons Schrift von den Einkünften Athens (355) hinzutritt. Hier tritt uns das politische Leben nicht nur Athens, sondern ganz Griechenlands in großem Zusammenhange entgegen, während die eigentlichen Reden immer nur einzelne Episoden in parteiischer und oft stark verfälschter Beleuchtung wiedergeben. – Auf die Bedeutung der philosophischen Literatur braucht hier nur kurz hingewiesen zu werden. Die sokratischen Dialoge spielen durchweg in der Zeit vor 399, spiegeln aber nicht nur in ihrem Gedankeninhalt vielfach die folgende Zeit wider, sondern nehmen nicht selten auch unbedenklich auf spätere Ereignisse Bezug. An sie schließen sich Xenophons und Platos weitere Schriften über die politische Theorie, der »Hieron«, die »Cyropädie«, die »Gesetze«. Daran reihen sich die Darstellungen bestehender Verfassungen, namentlich die [267] zahlreichen Werke über spartanische Verfassung, von denen uns Xenophons Schrift (um 375) erhalten ist, weiter Aristoteles' systematische Darstellung der athenischen Demokratie in ihrer seit 403 ausgebildeten Gestalt, die Überreste seiner übrigen πολιτεῖαι und seine Kritiken in der »Politik«. Endlich die sich entwickelnde Fachliteratur, von der das erhaltene Bruchstück eines kriegswissenschaftlichen Werks des Äneas (um 350) über die Verteidigung gegen Belagerungen, mit zahlreichen historischen Beispielen, besondere Erwähnung verdient.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 259-267.
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