[553] Inzwischen hatte auch in Griechenland der Krieg begonnen. Der Bund der beiden Demokratien Athen und Argos und der dadurch herbeigeführte Umschwung der griechischen Politik machte sich sofort geltend. Die Spartaner waren noch immer durch die Einschließung des Ithome lahmgelegt; offenbar konnten die Messenier auf den leicht zu verteidigenden Abhängen des Berges Vieh halten und Korn pflanzen. Die Argiver, durch das Bündnis gedeckt, benutzten die Gelegenheit, die vor einem Jahrzehnt begonnene Wiederherstellung ihrer Macht zu vollenden. Ihr altes Untertanenland, die Inachosebene und die angrenzenden Bergtäler mit ihren Landstädten, hatten sie im letzten Kriege wiedergewonnen (o. S. 483) bis auf Mykene und das von Sparta besetzte Gebiet von Thyrea (Bd. III2 S. 708. Jetzt wurde Mykene angegriffen. Die abhängigen Gemeinden leisteten Zuzug, vor allem [554] Kleonä, ebenso die Tegeaten, die alten Bundesgenossen; nach längerer Belagerung wurde die Stadt, deren gewaltige Mauern man nicht erstürmen konnte, durch Hunger bezwungen und zerstört, die Gefangenen zu Sklaven gemacht, das Gebiet aufgeteilt. Ein Rest der Bevölkerung fand in Makedonien bei König Alexander Aufnahme627. Es scheint, daß die Spartaner den Versuch gemacht haben, Mykene zu retten. Wir wissen nur die nackte Tatsache, daß es bei Oinoë, im Tal des Charadros, durch das die Straße von Argos nach Mantinea führt, zu einem Treffen kam; die Lokalität zeigt, daß der Angriff von Sparta ausgegangen sein muß. Die Athener leisteten Bundeshilfe, die Spartaner wurden geschlagen. Der Sieg wurde von beiden Staaten als ein großer Erfolg gefeiert; in Athen wurde er in der Halle des Peisianax (o. S. 509) als Gegenstück zu dem Gemälde der Marathonschlacht dargestellt, die Argiver weihten die Statuen der Sieben gegen Theben als Siegesdenkmal nach Delphi628. Es war die erste Betätigung der neuen [555] Waffenbrüderschaft, die die größten Hoffnungen erregte. Eine Folge des Sieges wird gewesen sein, daß in Mantinea die demokratische Partei die Oberhand gewann. Wie vor zehn Jahren in Elis siedelte auch hier die Bevölkerung aus den fünf Dorfschaften, in denen sie bisher gelebt hatte, in eine ummauerte Großstadt zusammen, die mit argivischer Hilfe erbaut wurde; eine neue Phylenordnung wird sich damit verbunden haben629. Fortan ist Mantinea eifrig demokratisch und antispartanisch630. Die unvermeidliche Folge war, daß Tegea sich jetzt eng an Sparta anschloß; die beiden Todfeinde konnten niemals zusammengehen.
Gleichzeitig hat Athen selbst einen großen Erfolg errungen: Megara trat zu ihm über. Auch hier zeigte sich die propagandistische Wirkung der demokratischen Idee. Der Adel des kleinen Landes stand zu Sparta; aber unter der Bauernschaft und der Stadtbevölkerung gab es viele, die im Anschluß an Athen das einzige Heil sahen. Mit der alten Machtstellung des Staats war es längst vorbei; zur See war sein Gebiet von Athen umklammert, der attische Markt sein Hauptabsatzgebiet. Es kam hinzu, daß Korinth das Streben, Megara zu erobern (Bd. III2 S. 255, niemals aufgegeben hatte – noch vor kurzem hatte es einen Handstreich [556] auf die Stadt versucht. Jetzt betrieb es das Unternehmen um so eifriger, da der Bruch mit Athen die Gefahr einer attischen Annexion nahegerückt hatte. Der Angriff Korinths beschleunigte die Entscheidung: Megara rief die Athener zu Hilfe und warf sich ihnen ganz in die Arme (spätestens 460). Die Athener besetzten Stadt und Gebiet; sie verbanden Megara mit seinem Hafen Nisäa durch Mauern, um es gegen Überfall und Belagerung zu schützen. Zugleich übernahmen in der Stadt die Demokraten das Regiment. So war ein Ziel erreicht, das die attische Politik über ein Jahrhundert lang, seit Solon und Pisistratos, erstrebt hatte. Zugleich aber war dadurch der Bruch mit Korinth unheilbar geworden. Korinth sah sich überall von Athen überflügelt und beengt und jetzt auch auf der Landseite unmittelbar bedroht, wie von Süden her durch Argos. Die alte Freundschaft mit Athen schlug in bitteren Haß um. Von Sparta war zur Zeit wenig zu hoffen; aber Korinth war zu energischer Abwehr entschlossen. Eng verband es sich mit den Küstenstädten von Argolis und mit Ägina, das sich durch den Bruch gleichfalls aufs schwerste bedroht sah; die Korinther mochten bitter bereuen, daß sie selbst Athen einst die Mittel gewährt hatten, den alten Rivalen zu demütigen631.
[557] Doch auch Athen ließ es an Energie nicht fehlen. Im Frühjahr 459 erschien seine Flotte im argivischen Golf und landete Truppen in Halieis, der Tirynthischen Ansiedlung an der Südspitze von Argolis (o. S. 485) – offenbar plante man eine Kooperation mit Argos in Fortsetzung des Kriegs der Argiver gegen ihre ehemaligen Untertanen. Doch die Korinthier und Epidaurier traten den Athenern entgegen und schlugen sie zum Lande hinaus. Aber die Niederlage wurde bald durch einen Sieg über die Schiffe der Peloponnesier bei Kekryphaleia, einer dem Hafen Äginas vorgelagerten Insel, ausgeglichen. Dadurch wurde es möglich, Ägina selbst anzugreifen. Um die Stadt zu retten, brachten die Peloponnesier nochmals eine Flotte zusammen, welche sich mit den äginetischen Schiffen vereinigte. Aber auch Athen mit seinen Bundesgenossen konnte, trotz der 200 in Ägypten stehenden Schiffe, noch eine starke Flotte aufbringen. Unter Führung des Leokrates wurden auf der Höhe von Ägina die Gegner vollkommen geschlagen, 70 Schiffe genommen. Die Stadt wurde eingeschlossen, die Belagerung konnte beginnen. Ein Mittel, ihr zur [558] See Hilfe zu leisten, hatten die Peloponnesier nicht mehr; so versuchte Korinth durch einen Angriff auf Megara den Ägineten Luft zu machen. Athens Kräfte waren bereits aufs äußerste in Anspruch genommen, ein starkes Heer kämpfte in Ägypten, ein anderes lag vor Ägina. Trotzdem dachte man nicht daran, die Belagerung aufzuheben; vielmehr zog das Aufgebot der ältesten und jüngsten Jahrgänge unter Myronides' Führung den Korinthern entgegen. Die Schlacht blieb unentschieden, jedes der beiden Heere versuchte auf dem Schlachtfeld ein Siegeszeichen zu errichten. Darüber kam es nach einigen Tagen zu einem neuen Kampf, in dem die Korinther geschlagen wurden; eine starke Abteilung verirrte sich auf der Flucht in ein Gehöft und wurde von den Athenern zusammengehauen (Herbst 459).
So hatte Athen auf allen Kriegsschauplätzen siegreich das Feld behauptet. Aber die Gegner hatten ihre volle Kraft noch nicht eingesetzt, da Sparta sich ganz zurückgehalten hatte. Athen mußte Vorkehrungen treffen für den Fall eines großen Angriffs, einer Invasion Attikas durch die Gesamtmacht der Peloponnesier. Deshalb wurde die schon in Kimons Zeit (o. S. 509) geplante Verbindung Athens mit seinen Häfen, Piräeus und Phaleron, durch starke Mauern jetzt schleunigst in Angriff genommen. War das Werk vollendet, so war Athen zu Land unangreifbar und, solange es die See beherrschte, auch durch Hunger nicht zu bezwingen. Freilich mußte bis dahin noch geraume Zeit vergehen. Um so mehr Anlaß hatte Sparta, nicht länger zu säumen. Vermutlich wurde sein Vorgehen durch die Perser beschleunigt, welche eine Gesandtschaft mit großen Geldmitteln nach Sparta schickten (u. S. 568). Zu einem direkten Angriff wollte man sich allerdings nicht entschließen, dazu war Spartas Situation noch zu exponiert. Auch mußte ein Einfall in Attika selbst die Eintracht der Bürgerschaft stärken und den Zusammenschluß gegen den Feind, der Athen den Untergang drohte, herbeiführen. Trat man dagegen mit imponierender Heeresmacht in der Nachbarschaft Athens auf, so durfte man hoffen, wie im Jahr 508 der gestürzten konservativen Partei die Hand bieten und durch sie nicht nur die alten Verhältnisse wiederherstellen, sondern auch Athen tatsächlich in dauernde Abhängigkeit [559] von Sparta bringen zu können. Und in der Tat gab es nicht wenige unter den oligarchischen Heißspornen, welche eine Intervention Spartas herbeisehnten und jetzt um so mehr darauf drängten, weil mit Vollendung der langen Mauern jede Möglichkeit schwinden mußte, durch offenen Angriff oder einen Handstreich eine Restauration herbeizuführen. Gerade jetzt bot sich ein willkommener Anlaß, das Unternehmen ins Werk zu setzen. Die Phoker hatten den kleinen dorischen Stamm im Quellgebiet des Kephissos angegriffen, und dieser wandte sich hilfesuchend nach Sparta. Die Phoker, als Feinde der Böoter, standen mit Athen im Bund; aber auch abgesehen davon war es für Sparta ein Gebot der Ehre, den Stammgenossen, die für ihre Ahnen galten, beizustehen. Daß trotzdem die Hilfeleistung nur ein Vorwand war, zeigt die Stärke der aufgebotenen Truppenmacht: 1500 spartanische Hopliten – wohl nur zum Teil Vollbürger, die übrigen Periöken – 10000 bundesgenössische. An ihrer Spitze rückte, weil König Archidamos noch in Messenien stand, Nikomedes, Pausanias' Bruder, der nach Pleistarchos' frühem Tode († 458) für seinen unmündigen Neffen Pleistoanax die Regentschaft führte, in Phokis ein (Frühjahr 457)632. Da die Isthmosstraße durch Megara gesperrt war, muß er von Korinth oder Achaia aus übergesetzt sein. Die Phoker wurden rasch zur Nachgiebigkeit gezwungen; die Hoffnung auf eine Revolution in Athen dagegen erfüllte sich nicht. Wohl gingen geheime Botschaften hin und her, aber ein Ergebnis hatten sie nicht; als die Krisis heranrückte, behauptete auch bei den erbittertsten Gegnern der Demokratie das Staatsgefühl die Oberhand, anders als bei Isagoras und seinem Anhang ein halbes Jahrhundert vorher: man gehörte jetzt einer Großmacht an und empfand, daß weit mehr auf dem Spiel stand, als ein Sieg in den Verfassungsfragen je einbringen konnte.
Die athenische Regierung ließ es auch diesmal an Energie nicht fehlen: sie besetzte die Pässe des Gebirgs Geraneia, das Megaris [560] vom Isthmos trennt, und sperrte den Seeweg durch eine in den Korinthischen Golf gesandte Flotte. Auch jetzt noch trugen die Spartaner Bedenken, anzugreifen; sie nahmen Stellung in Böotien. Hier war die Macht Thebens durch das Strafgericht nach der Schlacht bei Platää gebrochen, die Adelsherrschaft gestürzt. Aus eigener Kraft vermochte die thebanische Demokratie die Suprematie in Böotien nicht wiederzugewinnen. Jetzt aber, wo die Parteigruppierung der Perserkriege vor dem alles beherrschenden Gegensatz gegen Athen zurücktrat, trugen die Spartaner so wenig Bedenken vor einem Bündnis mit Theben, wie Athen vor dem mit Argos und Thessalien633. Das alte, in der Pisistratidenzeit begründete Verhältnis stellte sich wieder her. Die Spartaner boten dem Demos von Theben die Hand, verstärkten und erweiterten die Festungswerke der Stadt und unterstützten ihre Bestrebungen nach Wiederherstellung der Herrschaft über Böotien. Dadurch wurde die Situation auch für Athen unhaltbar; es durfte die Aufrichtung [561] eines böotischen Einheitsstaats nicht dulden, seine Anhänger in den Städten, welche die Gegner verjagten, nicht fallen lassen; auch in Theben selbst neigten jetzt – so seltsam verschoben sich die Verhältnisse – die Oligarchen zu Athen. Dazu kam, daß die Verbindungen Spartas mit den Führern der Adelspartei ruchbar wurden und man bei längerem Zögern den Ausbruch einer Gegenrevolution befürchten mußte. So rückte das Gesamtaufgebot Athens, unterstützt von 1000 Argivern, einem thessalischen Reiterkorps und dem Zuzug der Bundesgenossen, in Böotien ein, alles in allem 14000 Mann. Die Spartaner hatten bei Tanagra unweit der attischen Grenze Stellung genommen; offenbar wollten sie die Asoposebene für Theben sichern634. Einen Angriff der Athener scheinen sie nicht erwartet zu haben; daher fehlte das böotische [562] Aufgebot in der Schlacht. Die Athener kämpften tapfer, allen voran die Häupter der Adelspartei, die den Verdacht ihrer Mitbürger durch die Tat widerlegten; auch Kimon erschien, um am Kampf teilzunehmen, wurde aber zurückgewiesen. Die Entscheidung gab, daß die thessalischen Reiter während der Schlacht zu den Gegnern übergingen und auf ihre Bundesgenossen einhieben – es war ihnen nicht geheuer bei der Verbindung mit dem demokratischen Athen, die nur zu leicht auf ihre Stellung daheim zurückwirken und ihre in drückender Abhängigkeit gehaltenen Untertanen aufwiegeln konnte. So ward der Tag für die Spartaner gewonnen. Aber ein entscheidender Sieg war es nicht, und an eine Fortführung des Angriffs gegen Athen konnte man bei der gefährdeten Stellung im Peloponnesum so weniger denken, da die Hoffnung auf die attischen Oligarchen sich als eitel erwiesen hatte. Überdies war es kaum möglich, das Heer der peloponnesischen Bauern noch länger unter den Fahnen zu halten; die Feldarbeiten riefen nach Hause. So begnügte sich Nikomedes, das Gebiet von Megara zu verwüsten, und führte das Heer über den Isthmos heim.
Trotz der Niederlage im Feld hat die Schlacht von Tanagra den Athenern politisch nur Gewinn gebracht. Vor den höchsten Aufgaben des Staats war der innere Hader verstummt. Das Blut der hundert Genossen Kimons, die den Tod gesucht und gefunden hatten, war nicht vergeblich geflossen; der harte Kampf hatte die Einheit der Bürgerschaft wiederhergestellt. Perikles selbst beantragte jetzt die Rückberufung Kimons. Die Spartaner hatten den taktischen Sieg nicht ausnutzen können; ihr Unternehmen war gescheitert, sie mußten Ägina wie Böotien sich selbst überlassen. Zwei Monate nach der Schlacht, etwa im September 457, führte Myronides das athenische Heer aufs neue nach Böotien. Bei Oinophyta wurden die Thebaner mit dem böotischen Heerbann vollständig geschlagen635. Die Folge war, daß die thebanische Macht [563] aufs neue zusammenbrach. Tanagra wurde genommen und geschleift, die übrigen Städte fügten sich. Überall wurden die verjagten Oligarchen zurückgeführt und die athenische Partei ans Ruder gebracht636. Ganz Böotien verpflichtete sich Athen zur Heeresfolge. Bis an die Thermopylen wurde der attische Machtbereich ausgedehnt. Die Phoker waren bereits mit Athen verbündet; die hypoknemidischen Lokrer mit dem Vorort Opus am euböischen Golf mußten Geiseln stellen. Wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren sie den Besitz von Naupaktos im Gebiet der westlichen, ozolischen Lokrer, wohin sie vor einiger Zeit, zusammen mit den Ozolern von Chaleion, Ansiedler geschickt hatten – vielleicht auf Bitten der einheimischen Bevölkerung, die gegen die Ätoler in den Bergen des Hinterlands einen schweren Stand haben mochte637.
Durch die letzten Ereignisse war den Ägineten jede Aussicht auf Entsatz genommen. So entschlossen sie sich zur Unterwerfung; sie mußten ihre Mauern schleifen, ihre Schiffe ausliefern und in den Delischen Bund eintreten (456 v. Chr.). Der Jahrestribut der reichen Handelsstadt wurde auf dreißig Talente (163200 Mark) festgesetzt. Das Ausharren der Athener hatte sich glänzend belohnt: der alte Rivale war politisch vernichtet. Daß sie in Ruhe leben und ihre Freiheit bewahren möge, ist alles, was Pindar der geliebten, ehemals so ruhmreichen Stadt noch wünschen kann (Pyth. 8). Auch Trözen, halbionisch638 und gewiß mit Epidauros [564] verfeindet, hat sich an Athen angeschlossen639. So konnte Athen weiter gehen und die volle Offensive gegen die Gegner ergreifen, vor allem gegen das korinthische Kolonialreich.