Ausgang der sizilischen Tyrannis

[599] Trotz aller Macht und alles Glanzes stand die sizilische Tyrannis doch nur auf unsicherem Boden; sie konnte sich nur behaupten, wenn eine bedeutende Persönlichkeit die Krone trug und die Gegensätze innerhalb der herrschenden Kreise niederzuhalten oder zu unterdrücken vermochte. Daher ist sie auf die zweite Generation nirgends übergegangen. Zuerst fand sie in Agrigent ihr Ende. Theron starb im Jahr 472/1. Sein Sohn Thrasydäos, gewalttätig und ehrgeizig, nahm den Krieg gegen Syrakus wieder auf. Es kam zu einer heftigen Schlacht, in der Hieron siegte. Thrasydäos konnte sich in seinem Reich nicht mehr behaupten und fand in Megara den Tod; Agrigent und Himera machten sich frei, und Hieron hat ihre Unabhängigkeit anerkannt702. Er hat den Fall des Königtums von Agrigent noch etwa fünf Jahre überlebt. Nach seinem Tode im Jahre 467/6 übernahm sein Bruder Thrasybulos – Polyzelos wird inzwischen gestorben sein – die Regierung. [600] Er wird als gewalttätig und grausam geschildert, ähnlich wie Thrasydäos; sein Regiment schien den Fortbestand der Dynastie zu gefährden. So erhoben sich seine nächsten Verwandten gegen ihn im Namen des rechtmäßigen Thronerben, des Sohnes Gelons, den Thrasybul in Ausschweifungen zugrunde gehen lasse, um selbst die Herrschaft zu behalten. Dadurch bekamen die populären Bestrebungen Luft; der Aufstand brach in Syrakus aus. Thrasybul zog seine Truppen und die Ansiedler von Ätna zusammen und behauptete sich in der Altstadt und Achradina. Die Rebellen besetzten die Vorstadt Tycha und riefen von überallher die Gegner der Tyrannis herbei, aus Gela, Agrigent, Himera, den Sikelerstädten; selbst aus Selinus erhielten sie Zuzug. Auch eine Flotte rüsteten sie aus und schlugen die Schiffe des Tyrannen. Nach heftigen Kämpfen mußte Thrasybul Achradina räumen und sich auf die Insel zurückziehen. Schließlich gab er selbst seine Sache verloren und kapitulierte gegen freien Abzug (466/5); er ist nach Lokri gegangen, wo man ihn im Andenken an die Wohltaten Hierons (o. S. 590) freundlich aufnahm. Nur elf Monate hatte er die Herrschaft behauptet703.

Anaxilaos, der Herrscher von Rhegion und Messana, war im Jahr 476/5 gestorben. Die Regentschaft für seine unmündigen Söhne hatte er seinem treuen Diener Mikythos704 übertragen. Dieser hat wie Anaxilaos (o. S. 590) versucht, seine Macht in Unteritalien auszudehnen. Er trat in ein enges Bündnis mit Tarent. Aber in der furchtbaren Niederlage, welche die Tarentiner im Jahr 473/2 durch die Iapyger erlitten, »dem größten Gemetzel unter Griechen von allen, von denen wir Kunde haben«, wie Herodot705 sagt, fanden auch 3000 Rheginer den Tod. Dagegen gelang die Besetzung der [601] verfallenen Griechenstadt Pyxus an der Westküste südlich von Elea706 – es sollte wohl ein weiterer Stützpunkt gegen die Etrusker sein, wie das von Anaxilaos gegründete Skyllaion an der Meerenge (Bd. III2 S. 765. Freilich haben die meisten Kolonisten die neue Heimat bald wieder verlassen, vermutlich nach Mikythos' Sturz. Hieron, immer bestrebt, den Rivalen an der Meerenge zu schwächen, veranlaßte kurz vor seinem Tod die herangewachsenen Söhne des Anaxilaos, von dem Regenten Rechenschaft zu fordern. Mikythos rechtfertigte sich glänzend, übergab ihnen die Regierung und zog sich nach Tegea in Arkadien zurück. Ein paar Jahre (467-461) haben Anaxilaos' Söhne noch die Herrschaft behauptet707; dann ergriff die freiheitliche Bewegung auch Rhegion und Messana. Die Tyrannen wurden verjagt, in ganz Sizilien war wie in Unteritalien die republikanische Staatsordnung hergestellt708.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 599-601.
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