Der Westen nach der Himeraschlacht. Hieron und die Schlacht bei Kyme

[589] Im Ägäischen Meer hat sich nach Abwehr des persischen Angriffs der Krieg noch jahrzehntelang fortgesetzt: er war nicht zu Ende, ehe nicht alle Griechen vom Joch der Barbaren befreit waren. Auf Sizilien dagegen brachte der Sieg über die Karthager sofort auch den Frieden. Die Gefahr war vorbei, griechische Gebiete, die man hätte befreien können, gab es nicht; der Gedanke, die Karthager vollständig aus Sizilien zu verdrängen, ist nicht verwirklicht, vielleicht nicht einmal ernstlich erwogen worden. Seine Ausführung hätte lange schwere Kämpfe und Belagerungen erfordert und leicht einen verhängnisvollen Rückschlag herbeiführen können. Auch ist es sehr fraglich, ob die Kraft der Griechen ausgereicht hätte, um die ganze Insel zu erobern und zu behaupten; war doch ein großer Teil der Sikeler im Innern noch selbständig, ebenso im Westen die Elymer und zum Teil auch die Sikaner. Die innere Kräftigung und der materielle und moralische Gewinn, den der Sieg gebracht hatte, war bedeutend genug; da war es ratsam, den Frieden und den Verkehr mit dem mächtigen Nachbar wiederherzustellen. Der Erfolg zeigt, daß Gelon und Theron richtig gerechnet haben; siebzig Jahre lang hat Karthago die sizilischen Griechen unbehelligt gelassen, bis es unter ganz anderen Verhältnissen den Angriff erneuerte.

Zwei Jahre nach dem Siege ist Gelon an der Wassersucht gestorben (478 v. Chr.)679, für seinen Ruhm zu rechter Zeit. Er war eine energische Persönlichkeit, ein tüchtiger Feldherr und Organisator, aber skrupellos und gewaltsam wie nur einer der Tyrannen Siziliens. Wie er durch Treubruch gegen die Söhne des Hippokrates die Herrschaft gewonnen hatte, so hat er unbedenklich beseitigt, [590] was seinen Plänen im Weg stand, Städte zerstört, ihre Einwohner verpflanzt, das niedere Volk von Megara und Euböa außer Landes verkauft. Das alles war vergessen über der großen Tat seines Lebens; nur durch die Machtmittel, die er in seiner Hand vereinigt und mit sicherem Blick verwendet hatte, war der Sieg an der Himera möglich geworden. So hatte er sich einen Platz errungen neben den Gründern der sizilischen Städte und wurde wie diese heroischer Ehren teilhaftig; sein Andenken blieb gefeiert, solange griechisches Leben auf der Insel bestand680. – Gelon selbst hat die Nachfolge nicht seinem unmündigen Sohn681, sondern dem Hieron, dem ältesten seiner drei Brüder, übertragen. Dieser hat das Regiment in der Weise seines Bruders fortgeführt und die äußere Stellung seines Reichs glanzvoll behauptet. Die untertänigen Gemeinden, Griechen wie Sikeler, wurden in Abhängigkeit gehalten682. Als Anaxilaos von Rhegion und Messana seine nördlichen Nachbarn, die Lokrer, angreifen wollte, zwang Hieron ihn, Frieden zu halten683; den Resten der Sybariten leistete er Hilfe gegen Kroton684. Überall suchte er in den italischen Griechenstädten Verbindungen zu gewinnen685.

So begann das Reich von Syrakus nach Italien hinüberzugreifen. Bald sah es sich hier zum zweiten Male vor eine Aufgabe [591] von entscheidender Bedeutung gestellt. Die Macht der Etrusker war durch die Befreiung Roms und Latiums und die Siege des Aristodemos von Kyme (Bd. III2 S. 750ff. zwar erschüttert, aber nicht gebrochen. Jetzt versuchten sie aufs neue, ihre Herrschaft über Kampanien und damit über Mittelitalien zu vollenden, indem sie den Angriff auf Kyme erneuerten. Eine starke etruskische Flotte erschien an der kampanischen Küste – ein Beweis, daß der Angriff von der Gesamtheit des etruskischen Volkes ausging, wenn auch die Kolonisten in Capua und Nola die Flotte des Mutterlandes eifrig unterstützt haben werden. Kyme wandte sich an Hieron, und dieser sandte seine Flotte. In einer großen Seeschlacht vor der Stadt wurden die Etrusker vollständig geschlagen (474). Der Sieg hat, wie Pindar sagt, »Hellas von schwerer Knechtschaft erlöst«; er bildete die Ergänzung zu dem Tage an der Himera686. Hätten die Etrusker gesiegt, so würde Karthago unzweifelhaft seinen Bundesgenossen die Hand geboten und den Versuch zur Unterwerfung Siziliens mit guten Aussichten erneuert haben. Auch jetzt noch war man jahrelang in Syrakus eines karthagischen Angriffs gewärtig687. Aber er unterblieb; die Schlacht von Kyme hatte die Überlegenheit des sizilischen Reichs erwiesen. Die Etrusker haben den Schlag nie verwunden; mit ihrem Streben nach der Herrschaft über Italien war es vorbei. Dagegen besetzte Hieron die Insel Pithekusai (Ischia), zugleich zum Schutz der Küste und als Vorposten seiner Herrschaft im Westmeer688. Erst durch den Sieg von Kyme ist die Unabhängigkeit der Latiner und die Machtstellung Roms definitiv begründet worden. So apokryph die Erzählung von einer Getreidesendung der sizilischen Tyrannen bei einer Hungersnot nach Rom im Jahr 486 ist689, so wenig können wir zweifeln, daß [592] zwischen beiden Staaten nahe Beziehungen bestanden. Es konnte scheinen, als werde doch auch das italische Meer noch einmal vollständig griechisch werden, als erwachse hier im Westen aus den Kämpfen gegen die Barbaren eine Macht von gleicher Stärke und gleichen Erfolgen wie Athen im Osten.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 589-592.
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