Die attische Gesellschaft

[746] Von dem Leben und Treiben in Athen geben uns die Dichtungen und die Schöpfungen der bildenden Kunst und dann die sokratischen Dialoge ein lebensvolles Bild. Die Häuser des Mittelstandes waren klein und eng; aber nach südlicher Art bewegte sich das Leben des Mannes den Tag über meist an der Öffentlichkeit, auf den Straßen und Märkten und in den Gymnasien. Ein reger Verkehr, ein fortdauernder Austausch durchströmte wie das materielle, so das geistige Leben der Stadt und verband alle Schichten der Bürgerschaft; denn trotz des Ansehens, das die altadligen Häuser und bald auch die zu Reichtum und Bildung gelangten Industriellen und Kapitalisten genossen, trat in der attischen Gesellschaft der Unterschied zwischen vornehm und gering und arm und reich stark zurück gegen die demokratische Gleichheit. Jeder Begabung war der Weg geöffnet, und bei den Gastmählern und Trinkgelagen der Reichen war auch der Arme, wenn er nur etwas Eigenes in seiner Persönlichkeit mitbrachte, wie Sokrates, ein willkommener Gast, der mit ihnen auf gleichem Fuße verkehrte; ja selbst dem Parasiten, dem Tagedieb, gönnte man seinen Platz. An menschlichen Gebrechen fehlte es auch in Athen nicht; Eigennutz und Neid, Verleumdung und Hinterhältigkeit, rücksichtsloser Egoismus und brutale Gewaltsamkeit, Verlogenheit und Betrug, hohles Prahlen und niedere Schmeichelei, Aberglaube und Frivolität trieben auch in der attischen Gesellschaft ihr Spiel; aber ein angeregteres Leben und eine feinere Empfindung und Empfänglichkeit für alles, was den Menschen bewegt, hat es in keiner Gesellschaft gegeben, und nirgends hat sie so breite Schichten der Bevölkerung gleichmäßig umfaßt wie in Athen930. Von der Diskussion, [747] die Staat und Gesellschaft bewegte, bietet die Tragödie ein lebendiges Abbild in der scharf pointierten Wechselrede, wo Schlag auf Schlag die Argumente folgen, und in den großen kunstgemäß komponierten Reden, in denen die sich bekämpfenden Gegner alle Seiten des vorliegenden Problems beleuchten und alles heranziehen, was irgend zugunsten ihrer Sache sprechen könnte, mag es auch noch so fadenscheinig und sophistisch sein. Diese für Sophokles' und Euripides' Dramen charakteristischen Züge sind aus dem Leben in die Tragödie hineingedrungen: Äschylos kennt ausgeführte Reden noch nicht, nicht einmal in den »Eumeniden«, so nahe sie hier die Prozeßverhandlung zu legen schien. Auch zu der Stichomythie der Späteren finden sich selbst in der »Orestie« nur die ersten Ansätze. Der rasche Wechsel der Rede, Vers um Vers, erwächst bei ihm naturgemäß aus der Führung des Dialogs; bei seinen Nachfolgern ist daraus eine ausgebildete Kunstform geworden, zu der der Anlaß gesucht wird. Daher fallen denn auch die Stichomythien und die Reden bei Sophokles und Euripides oft genug vollständig aus der Situation und den Charakteren heraus und sind für die modernen Leser nicht selten ebenso störend, wie das athenische Publikum in ihnen einen Hauptreiz der Dramen fand.

Nur ein Element fehlte in der attischen Gesellschaft vollständig, das in anderen ähnlichen Gestaltungen oft die dominierende Stellung eingenommen hat und selbst in Griechenland in manchen Städten keine geringe Rolle spielte: die Frau. In Athen ist die Frau nur dazu da, den bürgerlichen Nachwuchs zu gebären und dem engen Kreise der häuslichen Arbeiten vorzustehen und außerdem etwa noch bei einer Anzahl von Festen die den Jungfrauen und Weibern obliegenden religiösen Pflichten im Auftrag des Staats zu erfüllen. Aber an der Erziehung und dem geistigen Leben hat sie keinen Anteil; bei der außerordentlichen Entwicklung des [748] Chorgesangs in Athen ist es nur um so bezeichnender, daß es hier Jungfrauenchöre, wie sie z.B. in Sparta in Blüte standen, nicht gegeben hat. Unter der Oberfläche haben allerdings auch in Athen die Frauen und die weiblichen Intrigen und Leidenschaften manche Einwirkung geübt; aber eine Stellung, wie sie in Kimons Zeit Elpinike eingenommen hatte, empfand man durchaus als etwas Unnatürliches und Anomales, als einen Überrest der überwundenen Adelszeit. Für die Gesellschaft der Demokratie existiert die Frau so wenig wie noch jüngst im Bereich des Islams. »Euer Ruhm ist, wenn ihr euch haltet, wie es eurer Natur zusteht, und von euch unter den Männern möglichst wenig, weder lobend noch tadelnd, die Rede ist« – das ist die Ermahnung, welche Perikles bei Thukydides den Witwen der im Krieg Gefallenen gibt. Auch in Athen fehlte es nicht an Weiberjägern, und es hat, wie die Grabreliefs bezeugen, auch Ehemänner gegeben, die zu ihrer Frau ein innerliches Verhältnis hatten; aber in der Gesellschaft kannte man Liebe nur zwischen dem Manne und dem heranwachsenden Jüngling, teils als kraß sinnliches Verhältnis, teils in idealerem Gewande, in dem sich die sinnlichen Beziehungen mit wahrer Zuneigung mischten und zu tieferer und dauernder Freundschaft fürs Leben erwachsen konnten. Die Gesellschaft erkannte diese Beziehungen offen an und sah in ihnen zwar eine Pikanterie, aber kaum einen sittlichen Makel, trotz der gesetzlichen Bestimmungen, welche wenigstens die erwerbsmäßige Prostitution verpönten und mit Ehrlosigkeit bedrohten. – Und doch hat die Frau schließlich auch in der attischen Kultur eine große Bedeutung gewonnen. Wenn die Ehefrau streng in die Schranken des Hauses gewiesen ist, können geistreiche und gebildete Hetären wie Aspasia allerdings mit der Männerwelt verkehren und trotz des Makels, der an ihnen haftet, auf sie Einfluß gewinnen. Sodann aber spielen im Epos die Frauen eine so bedeutende, ja nicht selten eine so dominierende Rolle, daß das Drama an ihnen nicht vorbeigehen konnte. Das gehört zu den Momenten, durch die sich die Sagenwelt von der Gegenwart unterscheidet, so gut wie das Königtum. Aber es zwang die Dramatiker, sich mit den Charakteren und der Gedankenwelt der Frauen zu beschäftigen, so gut wie die Kunst [749] die Idealtypen der Göttinnen schaffen mußte. Mit tieferem Verständnis für das Wesen der Frau hat das zuerst Euripides getan, von dem WILAMOWITZ mit Recht sagt, daß er das Weib für die Poesie entdeckt oder richtiger wiederentdeckt hat. Die Art, wie er ihre Empfindungen und Leidenschaften analysierte und auch hier die Probleme des Lebens auf die Bühne brachte, war den Athenern so neu und fremdartig, daß ihn die Komödie deshalb aufs schärfste angriff und sogar in den Ruf des Weiberfeindes gebracht hat. Es kam hinzu, daß die immer mächtiger erwachsende Kritik, die alle bestehenden Verhältnisse auf ihre Berechtigung prüfte, auch die Stellung der Frau im Leben in ihren Bereich zog und für sie eine andere Erziehung und regere Teilnahme am Leben forderte – Gedanken, die Aristophanes zweimal (411 und 392) als Stoff zu einer Komödie verwertet hat, denen aber eben deshalb reale Strömungen von ziemlicher Intensität entsprochen haben müssen. Auch in der sokratischen Literatur klingen sie wenigstens bei Xenophon gelegentlich an931.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 746-749.
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