[837] Das Prosabuch, das seit der Mitte des 6. Jahrhunderts der Dichtung zur Seite getreten ist, kommt für das größere Publikum fast nur durch die Geschichtserzählung (mit Einschluß der geographischen Schilderungen) in Betracht. Denn die zahlreichen Fachschriften der Techniker und die wissenschaftlichen Werke der Weisen haben für dasselbe noch wenig Interesse, und die neu sich bildende Literatur der Prunkvorträge und Musterreden der modernen Weisheitslehrer und Lehrer der Beredsamkeit wird ihm [838] zunächst durch den Vortrag selbst bekannt; erst allmählich wird es auch hier gebräuchlich, diese Schriftstücke in den Buchhandel zu geben und durch Lektüre weiterzuverbreiten. Noch später, seit dem Archidamischen Krieg, kommt in Athen die Sitte auf, politische Reden und Plädoyers in Prozessen zu publizieren. Überhaupt ist die Buchliteratur erst in der Bildung begriffen, wenn es auch, namentlich in Athen, schon Buchhändler gab (Plato Apol. 26e) und manche Leute mit Eifer Bücher kauften (Xen. Mem. IV, 2). Aber zunächst ist überall, wie in der Dichtung so in den Lehren der Philosophen und Techniker, das gesprochene Wort die Hauptsache; das Buch sucht es nur festzuhalten und weiteren Kreisen in Mit- und Nachwelt zu übermitteln. Auch die Geschichtsschreiber, z.B. Herodot, haben, was sie erkundet hatten, zunächst vorgetragen, ehe sie es in einem Buch zusammenfaßten. Was von diesen Werken größere Bedeutung hat, ist schon erwähnt worden; den Höhepunkt bildet Herodots Geschichtswerk. Die Sprache der Prosa ist ionisch, auch bei Schriftstellern, deren Muttersprache ein ganz anderer Dialekt war, wie bei Hellanikos von Mytilene, der zur Zeit des Peloponnesischen Kriegs die Sagen und die ältere Geschichte zahlreicher Stämme und Staaten in einzelnen Schriften rationalistisch zu bearbeiten begann, und bei Antiochos von Syrakus, der die italische und sizilische Geschichte bis zum Jahr 424 erzählt hat. Nur in Athen begann man den heimischen Dialekt wie im Drama so für die Prosa zu verwerten, im Anschluß an das gesprochene Wort vor Volk und Gericht. – Stilistisch hat sich die Prosa nur langsam von der epischen Erzählung losgelöst; sie versuchte einen festen Stil zu gewinnen, der sich dem gesprochenen Wort der Rede und der mündlichen Erzählung möglichst annähert, und entnimmt dieser, wie wir bei Herodot sehen, manche prägnante Wendungen und Ausdrücke. Aber zu voller Ausbildung ist der Prosasatz, die Periode, noch nicht gelangt; es herrscht noch wesentlich die parataktische Satzverbindung; auch die schwierige Kunst, ein gesprochenes Wort in indirekter Rede wiederzugeben, ist noch nicht gefunden. So zeigt sie manche Unbeholfenheit und manche naive Wendung, die verrät, daß sie noch mit dem Ausdruck ringt und nicht immer völlig imstande ist, wirklich zu sagen, was [839] sie sagen möchte; aber dabei ist sie voll selbständigen und naturwüchsigen Lebens, und gerade diese Naivität gibt ihr einen eigenartigen Reiz. Die Prosa Herodots, und in anderer Weise die der Schrift vom Athenerstaat, ist das Gegenbild des vollendeten archaischen Stils in der Plastik.