[78] Die Westgriechen, Syrakus und seine Bundesgenossen, haben die Versprechungen, welche sie den Peloponnesiern beim Ausbruch des Krieges gegeben hatten, niemals erfüllt; sie begnügten sich mit einer wohlwollenden Neutralität. Dagegen ging Syrakus weiter in den Bahnen, auf die es nach der Besiegung des Duketios zurückgekehrt war (Bd. IV 1, 609.); sein Ziel war die Unterwerfung der ganzen Insel. Im Jahre 427 begann es den Angriff auf Leontini. Daraus entwickelte sich sofort ein allgemeiner Krieg; Leontini fand Hilfe bei den benachbarten Chalkidiern von Katana und Naxos, bei Rhegion und bei Kamarina; Syrakus dagegen wurde von den übrigen Doriern, namentlich von Messana, Lipara, Himera, Gela und von Lokri unterstützt. Zu Lande und zur See war es den Gegnern weitaus überlegen; für Leontini war nur Rettung, wenn es Athen dazu brachte, die im Vertrage von 433 (Bd. IV 1, 731) versprochene Hilfe zu leisten. Zu dem Zwecke ging eine leontinische Gesandtschaft nach Athen, geführt von dem berühmtesten Bürger der Stadt, dem Redekünstler Gorgias80. Sie fand günstige Aufnahme. Schon lange hatte die radikale Partei ihre Augen auf den Westen gerichtet (Bd. IV 1, 729); da der Krieg im Mutterlande nicht vorwärtskam, drängte [79] sie um so mehr darauf, durch ein großes Unternehmen, das den Bürgern materiellen Gewinn, dem Staat bedeutenden Machtzuwachs brachte, die Entscheidung herbeizuführen. Ihrer Auffassung nach war der Krieg nicht als Defensivkrieg, wie Perikles gefordert hatte und seine Nachfolger ihn betrieben, sondern als Eroberungskrieg zu führen, der Athen an die Spitze von ganz Hellas bringen sollte. Eine energische Intervention in Sizilien schien dazu das geeignetste Mittel: bei der Zerrissenheit der dortigen politischen Verhältnisse konnte es nicht allzu schwer fallen, die einzelnen Städte niederzuwerfen – und wo gab es dann noch eine Macht, die Athen widerstehen konnte? Es brauchte nur energisch vorwärts zu gehen und sich nicht durch die Bedenklichkeiten schwachmütiger Seelen beirren zu lassen, dann gelangte es von selbst ans Ziel: schon waren die Augen zielbewußter und unentwegter Demagogen, wie Hyperbolos, auf Karthago gerichtet (Aristoph. eq. 174. 1303). Der Krieg mit den Peloponnesiern war kein Grund, derartige Pläne zu verschieben, sondern eher, sie mit doppelter Energie aufzunehmen; wenn man zu dem Reich im Osten noch ein Westreich hinzugewann, dann war der Widerstand im Mutterlande zur Ohnmacht verurteilt und brach in sich selbst zusammen. So weit freilich wollte die Masse der Athener noch nicht gehen; aber daß Athen seine Interessen im Westen schützen müsse, hatte auch Perikles anerkannt und deshalb die Verträge mit Leontini, Rhegion, Neapel geschlossen; so durfte man sie auch jetzt nicht ihren Feinden in die Hände fallen lassen und dadurch Syrakus die Möglichkeit gewähren, später doch einmal mit voller Macht, im sicheren Besitze Siziliens, den Peloponnesiern zu Hilfe zu kommen. Zugleich bot eine Intervention auf Sizilien Gelegenheit, dem Peloponnes die Getreidezufuhr auch von dieser Seite zu unterbinden. So wurden im Herbst 427 Laches und Charoiades mit 20 Schiffen den Leontinern zu Hilfe gesandt81.
[80] Ins Gebiet der Binnenstadt Leontini, in die nächste Nähe von Syrakus, konnten die Athener sich nicht wagen; dagegen bot Rhegion ihnen einen geeigneten Stützpunkt. Hier zogen sie Truppen und Schiffe der Bundesgenossen an sich und versuchten sich zu Herren des ganzen Meerengengebietes zu machen. Im Winter 427/6 unternahmen sie einen erfolglosen Zug gegen Lipara und die äolischen Inseln; im nächsten Sommer aber gelang es Laches – Charoiades war in zwischen gegen die Syrakusaner gefallen –, zunächst bei dem zu Messana gehörigen Hafenort Mylai ein feindliches Heer zu schlagen und den Ort zu erobern und dann Messana selbst zum Anschluß zu zwingen. Auch von den Sikelern fiel ein Teil von Syrakus ab; bei dem Versuch, Inessa (Bd. IV 1, 605. 609) zu erobern, erlitten die Athener jedoch eine Niederlage. In Unteritalien dagegen kämpften sie wiederholt mit Erfolg gegen Lokri. Endlich unternahm Laches im Winter 426/5 noch einen Angriff auf Himera und auf Lipara, der freilich auch diesmal ergebnislos blieb. – Inzwischen hatten die Athener sich überzeugt, daß die nach Sizilien gesandte Macht viel zu schwach war, um größere Resultate zu erzielen; nicht einmal zur See war man den Syrakusanern, so schwach ihre Flotte war, überlegen, vielmehr konnte diese nach wie vor den Handel der Bundesgenossen Athens brachlegen. So beschloß man, im nächsten Jahr (425) eine größere Flotte von 40 Schiffen nach Sizilien zu senden. Laches war im Frühjahr 426 nicht wieder zum Strategen gewählt worden und wurde jetzt trotz seiner energischen und bei seinen [81] geringen Mitteln sehr achtungswerten Kriegsführung abberufen und unter der Beschuldigung, er habe Unterschlagungen begangen, zur Verantwortung gezogen. Und doch war der Gewinn Messanas ein Ergebnis, welches dem Demos bei besonnener Würdigung der Sachlage hätte zeigen müssen, daß die Führung des sizilischen Krieges in guten Händen lag82. An seine Stelle trat Pythodoros (Anfang 425), der nur wenige Schiffe mitbrachte, aber die größere Flotte, welche nachkommen sollte, ankündigte.
Die Erfolge, welche Athen bisher errungen hatte, verdankte es nicht seiner und seiner Verbündeten Überlegenheit, sondern der Energielosigkeit und der mangelhaften Organisation der Gegner. Jetzt aber, gerade weil eine Verstärkung der attischen Macht in Aussicht stand, begannen dieselben sich aufzuraffen. Noch im Winter wurde Pythodoros von den Lokrern zurückgeschlagen, im Frühjahr gingen die Lokrer und Syrakusaner gemeinsam zu Lande und zur See gegen Athens Stellung an der Meerenge vor. In Messana war die athenisch gesinnte Partei niemals stark gewesen; jetzt trat die Stadt wieder zu ihren alten Verbündeten zurück. Auch in Rhegion, wo die Parteien sich fortwährend bekämpften, hatten die Lokrer Verbindungen angeknüpft und führten eine Schar von Verbannten mit sich: doch mußten sie sich begnügen, das Gebiet der Stadt zu verwüsten. Inzwischen hatten die Syrakusaner eine Anzahl weiterer Schiffe gebaut; sie brachten mit den Lokrern zusammen ihre Flotte im Hafen von Messana auf einige dreißig Trieren – man sieht, wie wenig doch Sizilien bisher, trotz des großen Aufschwungs der syrakusanischen Macht, für größere Unternehmungen und auswärtige Verwicklungen vorbereitet war, ganz im Gegensatz zur Tyrannenzeit. In der Meerenge lieferten sie der etwas schwächeren attisch-rheginischen Flotte mehrere Gefechte, die für[82] Syrakus nicht ungünstig ausfielen; auf die Dauer getrauten sie sich aber doch nicht, den Athenern gegenüber die See zu behaupten, und kehrten nach Hause zurück. Zugleich unternahmen die Messanier einen Angriff auf Naxos, erlitten aber, namentlich durch das Eingreifen der aufständischen Sikeler, eine schwere Niederlage. Als dann aber die Leontiner und ihre Bundesgenossen zu Lande und die Athener zur See gegen Messana vorgingen, konnten sie ebensowenig einen entscheidenden Erfolg erringen. Die angekündigte größere Flotte war bis tief in den Sommer hinein in Griechenland festgehalten (S. 100f. 109), und so sahen sich die Athener einstweilen im wesentlichen auf die Defensive beschränkt. Daß in dem gleichzeitig zwischen den sizilischen Städten fortdauernden Landkrieg Kamarina Erfolge über Gela erfocht, konnte ihnen wenig helfen, zumal zugleich in Kamarina eine zu Syrakus neigende Partei starken Einfluß gewann und an einen Staatsstreich denken konnte.