Thukydides. Die sonstigen Schöpfungen Athens

[175] Nach mehr als einer Richtung bildet ein anderer Athener, dessen Tätigkeit gleichfalls während des Archidamischen Krieges begonnen hat, die Ergänzung und das Gegenbild des Sokrates: Thukydides, der Sohn des Oloros. Er entstammte einem reich begüterten Hause, das mit Kimon verwandt war; im Anschluß an Perikles und die konservative Partei ist er in die Höhe gekommen, [176] bis der Verlust von Amphipolis, das er als Stratege in Thrakien nicht retten konnte (s.S. 120), seiner politischen Laufbahn ein jähes Ende bereitete. Seitdem lebte er im Exil auf seinen Gütern in Thrakien, hat aber auch die Athen feindlichen Staaten aufgesucht. Schon beim Ausbruch des Krieges hatte er den Gedanken gefaßt, die Ereignisse des gewaltigen Kampfes darzustellen; der Ausführung dieses Werkes war fortan sein ganzes Leben gewidmet. Die Aufgabe, zu ermitteln, wie die Dinge wirklich gewesen waren, welche Faktoren einen entscheidenden Einfluß geübt hatten, die weitere Frage, welche von den unzähligen Einzelheiten der Entwicklung eine ausführliche Darlegung erforderten, welche nur kurz erwähnt oder auch ganz beiseite gelassen werden mußten, hat ihn zur Entdeckung der Grundsätze der historischen Forschung und Darstellung und der im historischen Leben eines Volkes wirksamen Kräfte geführt. Die Ergebnisse sind früher bereits eingehend dargelegt (Bd. IV 1, 245.). Auch sein Werk ist ein Erzeugnis echt attischen Geistes. Auch hier ist die Kritik die Führerin, die Kritik sowohl der Überlieferungen aus Gegenwart und Vergangenheit, wie die Kritik der Momente, aus denen sich ein historischer Vorgang zusammensetzt, im Gegensatz zu dem naiven Rationalismus sowohl wie zu der naiven Gläubigkeit der Laien und der älteren Zeit. Auch hier ist das Ergebnis die Begründung einer Wissenschaft, deren Ziel Erkenntnis des Wirklichen ist, im Gegensatz zu dem unhistorischen Pragmatismus und der behaglichen, der Unterhaltung dienenden Darstellung Herodots und der übrigen »Geschichtenerzähler«, die den wahren Zusammenhang der Dinge nicht aufsuchen, weil sie völlig außerstande sind, die Probleme zu verstehen, die hier vorliegen. Bei Thukydides dagegen herrscht auch in der Darstellung der strenge Ernst der Forschung, der nicht duldet, daß ein Wort zu viel noch zu wenig gesagt wird, sondern sein Gesetz in sich selber trägt. Auch hier offenbart sich der gesunde Wirklichkeitssinn des attischen Denkens; zugleich aber das tiefste Verständnis für das Wesen und das Leben des Staates. Hier treten uns die wirklichen Kräfte des politischen Lebens entgegen, die gewaltigen Machtfaktoren, die dem Staatsmann die realen Aufgaben seines Wirkens stellen, sei es, daß er sie erfaßt, sei es, daß er an ihnen gemessen zu gering befunden [177] wird, mit denen er ringt, die er unter seinen Willen zwingt und denen er erliegt. So steht seine Auffassung in vollem Gegensatz gegen den Idealismus des Sokrates. Und dennoch, so fern in ihrem Denken und Handeln die beiden Männer sich stehen, sie wurzeln in demselben Boden und ringen mit denselben Problemen, hier der denkende Staatsmann, der den Staat erkennen will, wie er ist, und die in ihm wirksamen Kräfte zu entwirren sucht, dort der in das Getriebe des Lebens hinaustretende Philosoph, der ihn erkennen will, wie er sein soll, und nach den Grundsätzen der Sittlichkeit umzugestalten unternimmt. – Zum Abschluß gekommen ist Thukydides' Werk erst nach jahrzehntelanger Arbeit und auch da nicht zu Ende geführt; der Tod hat ihm die Feder aus der Hand genommen. Was vollendet war, ist in derselben Zeit in die Welt hinausgetreten, als der Same aufzugehen begann, den Sokrates gesät hatte. Aber die Konzeption und die Entdeckung der ersten grundlegenden Gedanken gehört auch hier der Zeit des Archidamischen Krieges an.

Nur diejenigen Schöpfungen des geistigen Lebens Athens haben hier geschildert werden können, in denen neue Richtungen hervortreten und der Kampf um die moderne Bildung durchgekämpft wird. Daneben setzen sich, mit Ausnahme der großen Kunstschöpfungen, die durch den Krieg ins Stocken kamen, alle älteren Richtungen fort, welchen die perikleische Zeit den Boden bereitet hat, ja sie gelangen zum Teil jetzt erst auf die Höhe ihrer Entwicklung. So die Tragödie des Sophokles wie die des Euripides – in die Zeit des Krieges gehören von seinen Dramen Medea, Hippolytos, Herakliden, Andromache, Hekabe, Hiketiden, vielleicht auch der Herakles, von denen des Sophokles jedenfalls der Ödipus, vielleicht auch Elektra –, der Dithyrambos und die moderne Musik, die unpolitische Sitten- und Märchenkomödie des Krates und Pherekrates, zu der auch die übrigen Komiker oft genug beisteuern. Auch Herodots Geschichtswerk gehört den ersten Jahren des Krieges an (s.S. 89), ebenso, um auch Untergeordnetes zu nennen, die Memoiren Ions und die politische Broschüre des Stesimbrotos. So drängt sich neben den großen politischen Kämpfen ein unendlich reiches und vielbewegtes geistiges Leben in diese Jahre zusammen. Was das eine Athen in dem Jahrzehnt des Archidamischen Krieges erzeugt [178] hat, stellt sich in seiner Totalität ebenbürtig dem gewaltigen Jahrzehnt der deutschen Literatur an die Seite, das Emilia Galotti, Götz und Werther und die Anfänge des Faust, den Fragmentenstreit und den Nathan, die Räuber und schließlich die Kritik der reinen Vernunft geschaffen hat.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 51965, Bd. 4/2, S. 175-179.
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