Gräber und Totenkult

[201] Die Anlage und Ausstattung der Gräber hat sich in der Blütezeit Kretas über die verhältnismäßig einfachen Formen der ältesten Epoche hinaus nicht gesteigert, sondern ist eher zurückgegangen; große aus rohen Steinen aufgeführte und überwölbte Kuppelgräber, wie sie damals im Süden in der Ebene der Messarà (bei Phaestos) angelegt wurden395, finden sich hier in der Folgezeit nicht mehr. Auf den Friedhöfen der Ortschaften und in Einzelgräbern werden die Leichen, in Hockerstellung, oft mit gewölbten Deckeln von Ton überdeckt. Daneben werden tönerne Wannen und rechteckige Tonsärge (Larnakes), die die Form hölzerner Truhen nachahmen, immer häufiger; die reiche Bemalung verwendet neben rein dekorativen Motiven mehrfach auch kultische Symbole, wie die Doppelaxt, Kulthörner, Greifen, die wohl eine Beziehung auf den Totendienst enthalten. Für die vornehmeren Gräber werden im Kalkstein Kammern ausgehauen; aber nur ganz vereinzelt finden sich Grabanlagen größeren Stils. Am bedeutendsten ist das vielleicht einem Könige angehörende Grab in dem Hügel Isopata nördlich von Knossos, eine große rechteckige Kammer mit einer Vorhalle, zu der ein langer Gang (Dromos) hinabführt. Die Mauern sind aus Quadern erbaut und durch Überkragung spitzbogig überwölbt. Dieses Grab gehört der letzten Zeit der kretischen Kultur an (Late Minoan II)396. Eine späte Fortsetzung der alten Kuppelgräber [202] der Messarà ist es nicht, sondern steht eher bereits unter der Einwirkung der großen Kuppelgräber des griechischen Festlandes. An künstlerischer Bedeutung und monumentaler Wirkung steht es weit hinter diesen zurück: die großartige Entwicklung des Steinbaus gehört dem griechischen Festlande an, ist dagegen der kretischen Baukunst völlig fremd.

In die Gestaltung des Totendienstes gewährt ein gleichfalls dieser letzten Periode angehörender Steinsarg aus Hagia Triada bei Phaestos einen Einblick. In den Gemälden, mit denen die beiden Langseiten geschmückt sind, werden die einzelnen Szenen dargestellt. Auf der einen liegt der gefesselte Stier mit zerschnittener Kehle auf dem Opfertisch, sein Blut wird in einem Eimer aufgefangen; unter dem Tisch liegen noch zwei gefesselte Wildziegen, die offenbar dann auch geopfert werden sollen. Eine Flötenspielerin begleitet die Handlung mit Musik; ihr folgen fünf weitere Frauen, deren erste die Hände weihend über das Opfer ausstreckt. Rechts steht ein mit Kulthörnern geschmückter Kultraum, der einen Ölbaum umschließt, davor auf hohem Pfahl die Doppelaxt, auf der ein Vogel sitzt, und ein Altar. Auf diesen bringt eine Priesterin, charakterisiert durch ein Wollfell, das sie um die Hüften trägt, segnend die Opfergaben, zwei Körbe mit Früchten und Kuchen und eine Kanne. Auf der anderen Seite gießt die Priesterin das Opferblut in einen Krug, der auf die Postamente von zwei hoch aufgerichteten Doppelbeilen gestellt ist; auch hier sitzt auf jedem der beiden ein Vogel. Ihr folgen zwei Frauen in der üblichen Tracht, die eine mit einem zweiten Eimer, die andere spielt die Leier. Rechts davon steht in kleinerer Gestalt, bekleidet mit einem die Arme verhüllenden Wollgewande, der Tote397 vor einem [203] Portal, vor ihm ein Baum und ein Altar. An diesen bringen drei Männer, bekleidet mit dem priesterlichen wolligen Fell, die Opfergaben, einen Kahn (?) und zwei Kälber. Die beiden Schmalseiten führen dann in die Phantasiewelt des Jenseits: zwei Göttinnen fahren auf einem Wagen, der das eine Mal mit Pferden, das andere mit Greifen bespannt ist. Man hat in der einen der beiden Gestalten den verklärten Toten sehn wollen, den eine Göttin davonführt; andere glauben seine Seele in einem phantastisch mit einer Haube gestalteten Vogel zu erkennen, der über den Greifen flattert. Als gesichert kann keine dieser Deutungen gelten.

Die Gemälde des Sarkophags geben uns zugleich ein Bild von der Weise der kretischen Opfer. Auch hier ist, wie in so vielen Religionen, das Blut des Opfertiers die Gabe, die den dämonischen Mächten zukommt; die materielle Verbindung mit ihnen schafft das aufgerichtete Kultmal der Doppelaxt und daneben der heilige Baum, und die Vögel, die sich darauf setzen, bezeugen, daß sie wirklich anwesend sind. Zur heiligen Handlung gehört Musikbegleitung. Bedeutsam ist, daß auch hier die Frauen im Kultus und als Priesterinnen stärker hervortreten als die Männer.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 2/1, S. 200-203.
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